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Altersdiabetes

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Grafik: Bei einem Diabetes produzieren die Langerhans-Inseln kleines Bild in der Bauchspeicheldrüse
nicht genügend Insulin. Das hat zur Folge, dass der Blutzuckerwert im Blut ansteigt.

medProfManfredDreyer       Wirklich kein Zuckerschlecken

Der Diabetes Typ 2 breitet sich immer mehr aus. Wichtig in der Therapie ist eine Änderung des Lebensstils

   Heute waren es wieder zwölf. Professor Manfred Dreyer Foto sitzt am hellen Schreibtisch in seinem Sprech- zimmer im zweiten Stock des Asklepios-Westklinikums in Hamburg Rissen und schließt die Akte seines letzten Neuankömmlings für diesen Tag. Wie bei den elf anderen liegt auch bei diesem Patienten eine Diagnose vor, die aus drei Wörtern und einer Zahl besteht: Diabetes mellitus, Typ 2.
   Wörtlich übersetzt bedeutet dieser griechische Ausdruck „honigsüßer Durchfluss". Das ist ein schöner Name für eine ernsthafte und gefährliche Zivilisationskrankheit, die hauptsächlich Menschen befällt, die zu viel essen und sich gleichzeitig zu wenig bewegen. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Zeit zwischen 1945 und 1947, war sie in Deutschland nicht vorhanden. „Weil es damals für die meisten Menschen nicht genügend zu essen gab und viele sogar hungerten", erklärt Dreyer. Heute hingegen tischen wir alles im Überfluss auf; gerade Fleisch und Süßwaren, die klassischen Dickmacher, werden in viel zu großen und ungesunden Mengen konsumiert.
Zu fett, zu viel - falsches Essen kann langfristig Diabetes Typ 2 auslösen
  
Das Ergebnis: Jeder vierte Übergewichtige zwischen 60 und 80 Jahren erkrankt an dem auch als „Alterszucker" bezeichneten Diabetes Typ 2. Dagegen entwickelt nicht einmal jeder Hundertste normalgewichtige, Mensch einen Typ-2-Diabetes. Auch immer mehr jüngere Menschen werden zuckerkrank - oft weil sie sich zu wenig bewegen, und weil Übergewicht ein wachsendes Problem unserer Gesellschaft ist. „Mehr als 70 Prozent aller Patienten mit Diabetes sind zu dick.  Da kommt die Diagnose oft nicht überraschend", sagt Professor Dreyer. Der 60-Jährige ist seit mehr als 20 Jahren Diabetologe, er leitet das Zentrum für Innere Medizin im Asklepios-Westklinikum. „Jedes Jahr kommen mehr zuckerkranke Patienten auf meine Station", sagt er. Daher ist ein Diabetologe auch nicht genug: In ganz Hamburg arbeiten mittlerweile 80 Diabetologen, vor 20 Jahren waren nicht einmal zehn Ärzte auf dieses Fachgebiet spezialisiert.
   6,6 Millionen Typ-2-Diabetiker gibt es in Deutschland, in Hamburg wird ihre Zahl auf rund 132.000 geschätzt. Doch schätzungsweise ein Drittel der Betroffenen wissen nicht einmal etwas von ihrer Krankheit. Die klassischen Symptome wie übermäßig großer Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit und Antriebslosigkeit, sagt Professor Dreyer, träten nämlich erst bei deutlich erhöhten Blutzuckerwerten ein. „Deshalb empfehle ich jedem, der sein 50. Lebensjahr erreicht hat, mindestens einmal jährlich beim Hausarzt im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung seinen Blutzuckerwert messen zu lassen." Dazu reicht ein Tropfen Blut aus der Fingerkuppe und eine Zeitinvestition von 20 Sekunden, die aber möglicherweise vor ernsten Beschwerden schützen kann.
   Wenn morgens beim Blutzuckertest Werte jenseits der 126 mg Glukose pro Deziliter Blut gemessen werden, liegt wahrscheinlich ein Diabetes vor. Wird ein solcher Wert ein zweites Mal gemessen, gilt die Diagnose als ge- sichert. Der Volksmund verbindet mit der Zuckerkrankheit lebenslanges Essen nach strikten Diätplänen. Das war vor 30 Jahren noch richtig, trifft aber heute für die allermeisten Fälle von Diabetes längst nicht mehr zu.
   Das gilt auch für die andere Diabetesform, den Diabetes mellitus, Typ 1. Dieser kommt deutschlandweit nur bei rund 550.000 Menschen vor und ist damit wesentlich seltener als der Typ 2. Im Gegensatz zum Alterszucker zerstören beim ersten Diabetestypus körpereigene Zellen die eigene Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse komplett und unwiderruflich. Betroffen sind vor allem schlanke, junge Menschen, die nach der Diagnose lebenslang Insulin spritzen müssen. Die Ursache für diese Erkrankung ist nicht endgültig geklärt. Mit dem Lebensstil habe sie jedenfalls nichts zu tun, meint Professor Dreyer.
   Ganz im Gegenteil zu den Zweiertypen, für die es neben den schädlichen Gewohnheiten, die zu Übergewicht führen, zusätzlich noch eine erbliche Veranlagung gibt. Erkrankte haben aber auch die Möglichkeit, diese Erkrankung vorübergehend wieder loszuwerden.  „Zumindest wenn sie ihren Lebensstil ändern", meint Dreyer. Insulin wirkt nämlich umso besser, je weniger Gewicht ein Mensch auf die Waage bringt und je mehr er sich bewegt oder sportlich betätigt.
   Das lebenswichtige Hormon Insulin wird in den Langerhans-Inseln in der Bauchspeicheldrüse hergestellt und von dort in den Blutkreislauf ausgeschüttet. Hier dockt das Insulin an die Zellen an, um diese wie ein Schlüssel zu öffnen, damit sie Zucker aufnehmen können. Ohne Insulin gelangt der Zucker nicht in die Zellen, wo er in Energie umgewandelt werden sollte - die Zuckermoleküle bleiben im Blut, wo sie mittelfristig Nervengewebe und auch die kleinsten Blutgefäße schädigen oder gar zerstören können. „Darum ist es auch so gefährlich, wenn der Diabetes unentdeckt bleibt", sägt Professor Dreyer. Ein über längere Zeit erhöhter Blutzuckerspiegel kann Impotenz, Blindheit oder eine Mangeldurchblutung von Gliedmaßen zur Folge haben, die im schlimmsten Fall zur Amputation führen kann. Wer es dagegen schafft, seinen Blutzuckerspiegel signifikant zu senken, muss nicht einmal das tun, was gemeinhin mit Diabetes verbunden wird, nämlich sich selbst Insulin zu spritzen. „Gut eingestellte Diabetiker können über lange Zeit mit zwei oder drei Tabletten am Tag auskommen", sagt Dreyer.  Manche Medikamente sorgen dafür, dass die Zellen leichter Insulin aufnehmen. Andere erreichen ihre blutzuckersenkende Wirkung durch eine Reduzierung der Zuckerausschüttung. Der Effekt ist bei allen gleich: Der Blutzuckerspiegel sinkt, das Wohlbefinden des Patienten steigt.
In Hamburg sind die Behandlungsmöglichkeiten ausgezeichnet
   Gerade in Hamburg sind die Behandlungsmöglichkeiten für Diabetiker so gut wie in kaum einer anderen deutschen Metropole: 18 Diabetologische Schwerpunktpraxen findet man über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Sechs Krankenhäuser verfügen über diabetologische Fachabteilungen - neben dem Westklinikum sind das die Asklepios- Häuser in Barmbek und St. Georg und das im Januar 2011 neu eröffnete Diakonie-Klinikum Hamburg in Eimsbüttel sowie das Katholische Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Rahlstedt und das Altonaer Kinderkrankenhaus.
Der langsame Verlauf verleitet viele dazu, die Krankheit zu unterschätzen
   In der Theorie haben Hamburgs Typ-2-Diabetiker also beste Chancen, ihre Krankheit in den Griff zu bekommen. In der Theorie. „Aber der langsame und schleichende Krankheitsverlauf verleitet viele Patienten dazu, den Diabetes und seine Folgen massiv zu unterschätzen", sagt Professor Dreyer. Einigen Patienten fehle es allerdings leider auch schlicht am notwendigen Durchhaltewillen, den es braucht, um schlechte Lebensgewohnheiten zu verändern und diese Veränderungen langfristig und konsequent durchzuhalten. Der Arzt vereinbart daher stets mit seinen Neuankömmlingen Ziele, die individuell erreichbar sind - kleine Schritte auf dem Weg zu einer großen Umstellung. „Ich bin da oft mehr Motivationstrainer als Mediziner", sagt der Diabetologe. HA110129StephanSeiler

Glossar
Blutzucker: Als wichtigster Energielieferant für den Zellstoffwechsel muss Zucker in einer bestimmten Konzentration im Blut vorhanden sein. Der normale Blutzuckerspiegel beträgt nüchtern 60 bis 100 mg/dl. Höhere Werte können auf Diabetes hindeuten.
Broteinheiten: Eine Broteinheit (BE) entspricht zwölf Gramm Kohlenhydraten. Zum Beispiel enthalten ein Apfel oder 100 Milliliter Orangensaft je eine BE. Ein Brötchen enthält zwei BE, ein Döner zirka sechs BE.
Diabetes mellitus, Typ 1: Die seltenere Diabetes-Form. Typ-l-Diabetes gehört zu den sogenannten Autoimmunerkrankungen. Körpereigene Abwehrstoffe zerstören die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse, was einen absoluten Insulinmangel zur Folge hat.  Oft beginnt die Erkrankung schon im Kindes- und Jugendalter. Der Typ 1 ist nicht heilbar, lässt sich aber gut mit Insulin behandeln, das lebenslang gespritzt werden muss.
Diabetes mellitus, Typ 2: Die häufigere Diabetes-Form wurde früher auch Altersdiabetes genannt. Mittlerweile erkranken auch immer mehr übergewichtige Jugendliche. Betroffene können Kohlenhydrate nur ungenügend verwerten, was zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel führt. Die Ursache der Erkrankung ist einerseits die Insulinresistenz, andererseits die Insulinsekretionsstörung (gestörte Abgabe von Insulin aus den Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse). Eine Behandlung mit Insulin ist hier nicht zwingend notwendig.
Insulin: Hormon, das in den Betazellen der Langerhansschen Inseln der Bauchspeicheldrüse gebildet wird. Es reguliert die Aufnahme von Zucker in Körperzellen, Dort wird Zucker zur Gewinnung von Energie verbrannt. Bei Insulinmangel kann der Zucker nicht mehr in die Zellen gelangen und der Blutzuckerwert steigt.
Netzhaut:  Das Gewebe an der Innenseite des Auges, in dem das eintreffende Licht, nachdem es die Hornhaut, die Linse und den Glaskörper passiert hat, in Nervenimpulse umgewandelt wird. An der Stelle, an der die Nervenfasern den Augapfel verlassen, befinden sich keine Lichtrezeptoren (so genannter „blinder Fleck"). HA110129

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Die Zahl der Diabetes-Fälle steigt - Weltgesundheitstag: Experten suchen nach Gründen,
warum mehr junge Patienten erkranken. Eine Schluckimpfung zeigt Erfolge.

   Etwa 350 Millionen Menschen sind laut Weltgesundheitsorganisation WHO von Diabetes betroffen. In den kommenden 20 Jahren soll sich die Zahl der Betroffenen verdoppeln. In Deutschland ist die Zahl der Erwachsenen mit diagnostiziertem Diabetes den Angaben zufolge seit 1998 um 38 Prozent angestiegen. Derzeit gibt es hierzulande etwa 6,3 Millionen betroffene Patienten. Bis zu zwei Millionen Menschen wissen nach aktuellen Schätzungen der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) noch nichts von ihrer Erkrankung.
   Diabetes kostet die deutschen Sozialkassen nach DDG-Angaben jährlich 35 Milliarden Euro. Jetzt wächst auch die Anzahl der Kinder mit Typ-l-Diabetes. Experten versuchen, die Ursachen zu finden und haben mit der Entwicklung von Impfungen begonnen.
   Am 7. April, dem Weltgesundheitstag, erinnert die WHO mit einem global relevanten Gesundheitsthema an ihre Gründung im Jahr 1948. In diesem Jahr soll Diabetes ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden.

Prof. Dr. Karsten Müssig   ProfKMüssig

Wie unterscheiden sich Diabetes Typ 1 und Typ 2?
   „Bei einem Typ-l-Diabetes werden die Zellen, die das Hormon Insulin produzieren, durch das Immunsystem des eigenen Körpers angegriffen. Das heißt, es entsteht eine sogenannte Autoimmunerkrankung", sagt Prof. Karsten Müssig, stellvertretender Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf. Die Ursachen sind nicht klar, vermutet werde eine Kombination aus ererbter Veranlagung und Umweltfaktoren wie einer zunehmenden Hygiene oder einer Feinstaubbelastung.

              Diese Anzeichen verschwinden mit Beginn einer Insulinbehandlung, und man ist wieder normal belastbar.  Prof. Karsten Müssig vom Deutschen Diabetes-Zentrum

   Im Gegensatz dazu spielt beim Typ-2-Diabetes der Lebensstil eine zentrale Rolle - sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. „Neben der erblichen Belastung sind starkes Übergewicht und zu wenig Bewegung von Bedeutung", sagt Karsten Müssig. Laut der gemeinnützigen Deutschen Diabetes-Hilfe leiden mehr als 90 Prozent der rund sechs Millionen Betroffenen hierzulande an Typ-2-Diabetes, es sind meist Erwachsene. 300.000 Deutsche haben Diabetes Typ 1.
   Bei beiden Varianten ist die Blutzuckerregulation gestört, da in der Bauchspeicheldrüse zu wenig oder gar kein Insulin produziert wird oder das körpereigene Insulin nicht richtig wirkt.
   Auf dieses Hormon kann beim Stoffwechsel nicht verzichtet werden: Es dient vor allem dazu, Traubenzucker (Glukose) aus dem Blut in die Zellen weiterzuschleusen, wo die Zuckermoleküle zur Energiegewinnung gebraucht wenden.
Woran lässt sich Diabetes Typ 1 erkennen?
   Auf folgende Symptome sollte man laut Prof. Karsten Müssig achten: häufiges Wasserlassen, Kinder machen oft auch wieder ins Bett oder in die Hose. Außerdem verspüren Patienten starken Durst, fühlen sich müde und schlapp. Sie nehmen ohne ersichtlichen Grund ab. Müssig: „Diese Anzeichen verschwinden mit Beginn einer Insulinbehandlung, und man ist wieder normal belastbar."
Wer ist besonders betroffen?
   Von den 300.000 Typ-l-Diabetikern in Deutschland sind laut der Deutschen Diabetes-Hilfe mehr als 30.000 Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren. „Jedes Jahr kommen bis zu 2.300 Neuerkrankungen hinzu, mit steigender Tendenz", sagt Spezialist Müssig.
Weshalb steigen die Zahlen von Diabetes Typ 1 an?
   „Ein Grund könnte die erhöhte Feinstaubbelastung der Luft sein. Möglicherweise steht aber auch die zunehmende Hygiene in deutschen Haushalten dahinter", sagt Müssig und erläutert: „Es könnte sein, dass das Immunsystem auf diese Weise dazu veranlasst wird, gegen den eigenen Körper vorzugehen und Allergien oder Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Typ 1 hervorzurufen."
   Eine andere Hypothese lautet: Kinder wachsen heute mehr in die Höhe als ihre Vorfahren, weil sie gut ernährt werden. „Möglicherweise eine Stresssituation für die Insulin produzierenden Zellen", mutmaßt der Diabetesexperte, der weiß, dass auch ein Mangel an Vitamin D Diabetes begünstigen kann. Er und seine Kollegen stellen bei jungen Patienten zudem immer häufiger eine „Zwischendiabetes" fest, eine Art Diabetes Typ 1,5. „Wir vermuten, dass er bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen entsteht, deren Insulin produzierende Zellen gestresst und dadurch weniger geschützt sind."
Kann eine Impfung helfen?
   Das Helmholtz-Zentrum München, also das deutsche Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, meldet Erfolge einer Insulinschluckimpfung von Kindern: Die Studie „Pre-Point" habe gezeigt, dass mithilfe von Insulinpulver eine schützende Immunreaktion bei Kindern zwischen zwei und sieben Jahren ausgelöst werden konnte, die einen Verwandten ersten Grades (also Vater oder Mutter) mit Typ-l-Diabetes haben. Seit einigen Monaten wird getestet, ob sich dieser Effekt auch bei Kleinkindern im Alter ab einem halben Jahr einstellt. „Grundsätzlich empfiehlt sich ein gesunder Lebensstil. Vollwertige Mischkost und Bewegung wirken sich günstig auf den Zuckerstoffwechsel aus", sagt Karsten Müssig.
Wie werden Typ 1-Diabetiker behandelt?
   Sie erhalten Insulin mithilfe eines Pen, einer Spritze oder Pumpe. Regelmäßig müssen sie ihren Blutzucker kontrollieren und ihre Nahrung mit der körperlichen Aktivität abstimmen. Das bedeutet laut Prof. Karsten Müssig „vollwertige Ernährung, keine speziellen Diabetikerprodukte - ab und zu darf es auch mal ein Schokoriegel sein".
   Weil solche und andere Nahrungsmittel, die Kohlenhydrate enthalten (wie Nudeln, Reis oder Brot), den Blutzucker erhöhen, muss die Insulindosis auf die Menge der Kohlenhydrate abgestimmt werden. Ähnliches gilt auch für den Fall, dass Sport auf dem Stundenplan in der Schule steht: Bewegung kann den Blutzucker senken und dafür sorgen, dass Körper und Gehirn nicht mehr ausreichend mit dem Energielieferanten Glukose versorgt sind. Müssig rät: „Für den Fall einer solchen Unterzuckerung sollten Eltern oder Sportlehrer immer ein Päckchen Traubenzucker parat haben."

50.000 Amputationen pro Jahr
Die Folgen
Diabetes vom Typ 2
wird nach Angaben der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) im Schnitt zehn Jahre nach Ausbruch bemerkt, meist wegen typischer Begleit- und Folgeprobleme. Dazu zählen koronare Herzerkrankungen, chronische Wunden, Nierenversagen, Sehbeschwerden. 50.000-mal pro Jahr wird Betroffenen laut DDG-Zahlen ein Fuß amputiert, 2.000 Diabetiker erblinden, 2.300 müssen zur Dialyse. 23.000 Todesfälle in Deutschland gingen im Jahr 2014 auf Diabetes zurück, vor allem bei Patienten über 70. Weltweit sollen etwa 1,5 Millionen Menschen an den Folgen der Krankheit versterben.
Internetseiten
   Die Deutsche Diabetes-Hilfe informiert Betroffene und Angehörige: www.diabetesde.org. Das Helmholtz-Zentrum München berichtet über die Forschung: www.helmholtz-muenchen.de. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft informiert auf: www.deutsche-diabetesgesellschaft.de
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pManfredDreyer-Zz   Was bei Diabetes mellitus, der Volkskrankeit Numme eins, hilft

 Mehr Bewegung und bewusste Ernährung, lautet der Rat der Mediziner an Kranke und gefährdete Patienten
Foto: Prof. Manfred Dreyer, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Diabetologie im Asklepios Westklinikum Hamburg misst den Blutdruck bei Hans-Joachim Ziem 

   Mit ein paar Pfunden mehr auf den Hüften beginnt es. Der Vorsatz heißt dann: bewusster ernähren und mehr Bewegung. Dinge, die Diabetiker ohnehin beherzigen (sollten) - gelten die Änderungen des Lebensstils doch als wichtige Bausteine ihrer Therapie.
   Mediziner unterscheiden mehrere Ursachen der Zuckerkrankheit. „Risikofaktoren für einen Typ-2-Diabetes sind Übergewicht und Bewegungsmangel", sagt Dr. Jürgen Wernecke vom Agaplesion Diakonieklinikum in Hamburg. „Aus Studien wissen wir, dass Bewegung die Muskelzellen empfindlicher macht für Insulin. Wenn Diabetiker vor und nach einem ausgiebigen Spaziergang den Blutzucker messen, sehen sie, dass dieser sinkt, sie sehen also einen unmittelbaren Effekt." Dass die Zuckerkrankheit mit Ernährung zu tun habe, sei bekannt. „Aber die Vorteile von Bewegung sind in ihrer Tragweite noch nicht bei den Patienten angekommen", sagt Wernecke.
   Also: abspecken und mehr Sport! Doch das ist leichter gesagt als getan. „Es zeigt sich leider immer wieder, und wir kennen das alle: Verhalten kann man nur schwer ändern, wenn nicht ganz große Dinge passieren", sagt Prof. Manfred Dreyer vom Asklepios Westklinikum Hamburg. „Patienten nach einem lebensbedrohlichen Herzinfarkt sind viel einfacher davon zu überzeugen, sich einer speziellen Sportgruppe anzuschließen, als Diabetes-Patienten." Typ- 2-Diabetiker litten an einer chronischen Erkrankung, die bei vielen von ihnen nicht durch einen dramatischen Vorfall festgestellt werde.
   „Oft schleichen sich die erhöhten Blutzuckerwerte über Jahre ein, die Patienten haben keinerlei Beschwerden, und beim Routinecheck beim Hausarzt fallen plötzlich erhöhte Werte auf", sagt Ulrich Wendisch, niedergelassener Diabetologe aus dem Diabeteszentrum Hamburg West. „Wenn der Blutzuckerwert sehr hoch ist, kommt man meistens nicht um eine Insulintherapie herum, zumal die Erkrankung dann meist schon Jahre bestanden hat", sagt Wernecke, Vorsitzender der Hamburger Gesellschaft für Diabetes.  Der Nachteil des Insulins sei aber unter anderem, dass abnehmen fast nicht möglich sei. „Wir beobachten bei vielen Patienten sogar eine Gewichtszunahme unter Insulin.“ Das liegt daran, dass das Hormon aufbauend und Wachstumsfördernd auf Körpergewebe wirkt Schätzungsweise acht Prozent der deutschen Bevölkerung haben einen Typ-2-Diabetes. „Bei einem Teil davon ist die Erkrankung aber noch nicht festgestellt worden", sagt Dreyer. Laut seinen Aussagen kommen etwa 60 Prozent der diagnostizierten Typ-2-Diabetiker ohne Insulin aus. Nur vergleichsweise wenige Zuckerkranke schaffen es, wieder vom Insulin loszukommen. Mehrere Medikamente stehen zu Behandlung des Diabetes zur Verfügung, allen voran Metformin. „Das Mittel ist altbekannt und wird seit Jahren zur Blutzuckersenkung verschrieben“, sagt Wendisch. Der Stoff verringere die vom Körper hergestellte Glukosemenge und verbessere die Insulinwirkung in der Leber. Daher nehme ein Teil der Patienten mit Metformin auch einige Kilos ab. „Weil die Tabletten aber auch Nebenwirkungen mit sich bringen können, wie Durchfälle und Übelkeit, muss die Dosis langsam gesteigert werden, bei manchen Patienten können wir es gar nicht einsetzen wegen der Nebenwirkungen", sagt Wendisch.
   Seit einigen Jahren sind nun Medikamente auf dem Markt, die wie das körpereigene Hormon GLP 1 wirken und gespritzt werden müssen. „Wenn Nahrung im Darm ankommt, meldet das Hormon an das Gehirn ,du bist satt', es steigert außerdem die Insulinausschüttung und verlangsamt die Entleerung des Magens", sagt Dreyer. Auch Hans- Joachim Ziems nimmt eines dieser Mittel plus Metformin. „Vor acht Jahren hatte ich plötzlich quälenden Durst und bin zu meinem Hausarzt gegangen", erzählt der 65-Jährige. Der Arzt maß den Blutzucker und stellte einen extrem hohen Wert von mehr als 600 mg/dl fest (nach dem Essen sollte der Wert nicht über 140 mg/dl liegen). „Ich wurde sofort ins Krankenhaus eingewiesen, blieb eine Woche stationär, bekam eine Schulung und konnte meinen
Diabetes mit vier Spritzen Insulin am Tag recht schnell selbst steuern."
Mehr Salat, Obst und Gemüse statt Nudeln, Kartoffeln, Reis und Brot
  
Doch es stellte sich heraus: Ziems gehörte zu den Patienten, die unter Insulin zunehmen. Außerdem brauchte er vergleichsweise große Mengen, um den Blutzucker in Schach zu halten. „Ich wog statt 85 Kilo plötzlich 91 Kilo und brauchte 100 bis 120 Einheiten Insulin am Tag." Für Dreyer ein Signal, etwas in der Therapie zu ändern. Seit März 2012 nimmt Ziems ein „GLP 1-Analogon". Vorgabe für den Patienten war, zunächst abzunehmen. Mit einer Umstellung in der Ernährung schaffte er das.
   Zum Mittagessen isst Ziems nun einen „bunten Teller mit Gemüse und Salat", abends gibt es statt Kartoffeln und Schnitzel einen Apfel und einen Eiweißdrink. Auf die schnell verwertbaren Kohlehydrate in Nudeln, Reis, Brot oder Kartoffeln verzichtet er weitgehend.  Nur Sport macht er keinen und sagt augenzwinkernd. „Alle meine Ärzte sagen, ich soll mich mehr bewegen, aber ich bin da eher faul." Früher sei er leidenschaftlicher Hochseesegler gewesen, doch seit einer Bypass-Operation im Jahr 1993 wage er dies nicht mehr. Sein Gewicht ging mit der neuen Therapie jedoch runter, und auch die Blutzuckerwerte sind in Ordnung.
   Der innere Schweinehund, aber auch die Therapie und Begleiterkrankungen machen es für die Diabetiker anscheinend schwer, den Ratschlägen der Ärzte zu folgen. In Schulungen, die zur Behandlung von Diabetes offiziell dazugehören, wurde ein Element zur Bewegung eingeführt. Ein halbstündiger Spaziergang, der den Blutzucker beeinflusst, gehört dazu. „Sport und Bewegung müssen jedoch vor allem Spaß machen", sagt Dreyer.
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Medikamente
   Exenatid und Liraglutid
zählen zu den GLP-1-Analoga. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärztekammer (AkdÄ) empfiehlt ihre Verordnung nur in speziellen Situationen, darunter ein deutlicher Gewichtsanstieg unter Insulin und eine Neigung zu Unterzuckerungen.
  Unter Exenatid war es zu vermehrten Meldungen von Bauchspeicheldrüsentumoren gekommen. Ob ein Zusammenhang mit dem Mittel besteht, muss jedoch noch in Studien geklärt werden. Bei Liraglutid steht nach Tierversuchen ein Zusammenhang mit Neubildungen in der Schilddrüse im Raum, der aber ebenfalls noch überprüft werden muss. Je nach Dosierung können die Behandlungskosten mit den Präparaten deutlich über einer vergleichbaren Insulintherapie liegen. HA130113ChristianeLöll

Blutzuckerteststreifen

  Bei der Verordnung von Blutzuckerteststreifen für nicht insulinspritzende Menschen mit Typ-2-Diabetes zeigen sich schon jetzt große Unterschiede. Das berichtet das Diabetes Journal. Während einige Leser von keinerlei Problemen bei der Verschreibung von Teststreifen durch Ärzte berichteten, schrieben relativ viele Betroffene von teilweise massiven Schwierigkeiten, an die Teststreifen zu gelangen. Nach Angaben des Fachmagazins bezahlen schon eute über 60 Prozent die Teststreifen ganz oder teilweise aus der eigenen Tasche. Bisher konnten Ärzte die Blutzuckerteststreifen aber auch an Typ-2-Diabetiker verschreiben. Aufgrund der aktuellen Beschlussvorlage durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) könnte sich das bald aber grundlegend ändern. Danach sollen Verordnungen nur noch in absoluten Ausnahmefällen möglich sein.
   Blutzuckerselbsttests seien ein wichtiger Baustein in der Therapie fast aller von Diabetes betroffenen Menschen. „Durch die Beschlussvorlage des G-BA werde jetzt die rechtliche Grundlage für eine weitergehende Verordnungs- einschränkung, die eines Ausschlusses, geschaffen", warnte Möhler, der selbst als Patientenvertreter in dem Bundesausschuss sitzt. Das vielfach von den Diabetikern eingeforderte Selbstmanagement und die Beherrschung der Krankheit würden durch solche Eingriffe unmöglich gemacht. Den betroffenen Patienten drohten Stoffwechselentgleisungen, so der Experte.
   Unter den etwa 4,7 Millionen Betroffenen seien vorrangig ältere Patienten. Für die Senioren seien die Selbsttests sehr wichtig, weil sie sich durch die Messungen sicherer fühlen könnten. Schon Tätigkeiten mit körperlicher Bewegung, wie etwa kleine Einkäufe, könnten die Gefahr von Unterzuckerung heraufbeschwören. „Wer aber einmal eine Unterzuckerung erlebt hat, hat große Angst davor. Nur ein Test kann diese Angst mildern", so Möhler. Es sei zu befürchten, dass sich ältere Diabetiker, die sich die Tests nicht mehr leisten könnten, „dann lieber zurückziehen, als sich außerhalb in Gefährdungssituationen zu begeben". Das aber könne sie in die soziale Isolation führen. Auch diabetesDE und die Deutsche Diabetes-Gesellschaft kritisieren den Plan des G-BA. Im Vordergrund stehen hier das völlige Fehlen von zugelassenen, nicht auf Blutglukose- Bestimmung aufgebauten Schulungsprogrammen für nicht insulinspritzende Menschen mit Typ-2-Diabetes und ein Katalog von Ausnahme- Indikationen zum Erhalt der Patientensicherheit.
   Bei den Teststreifen geht um viel Geld: Jährlich werden bundesweit 1,2 Milliarden Euro mit Blutzucker-Teststreifen umgesetzt. 900 Millionen Euro davon werden als Kassenleistung abgerechnet. Eine Packung mit 50 Teststreifen kostet gut 30 Euro. NOZ110309WaltraudMessmann

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Pandemie Diabetes aufhalten - Ärzte fordern nationalen Plan - Softdrinks an Schulen verbieten, jeden Tag
Sport im Unterricht. Foto: Diabetes ist längst eine Volkskrankheit: Inzwischen sind auch rund 30.000 Kinder
von der Stoffwechselerkrankung betroffen. In der Bundesrepublik steigt die Zahl pro Jahr um drei Prozent.

   Eine Welle rolle über die Welt hinweg, sagen viele Forscher. Ihr Name: Diabetes. 246 Millionen Menschen seien derzeit erkrankt. 440 Millionen könnten es 2030 sein. In Deutschland fordern Ärzte deshalb einen nationalen Diabetesplan. Einer, der genau dafür eintritt, ist Stephan Matthaei, Chefarzt des Diabetes-Zentrums am Christlichen Krankenhaus in Quakenbrück und zugleich Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

diab-StephanMatthaei-x        Chefarzt Prof. Stephan Matthaei und Präsident der DDG

   Die Zahlen, die Stephan Matthaei nennt, sind dramatisch. Allein in Deutschland gibt es derzeit mindestens sechs Millionen Menschen, die an Diabetes erkrankt sind. Das ist im Vergleich zu 1998 ein Anstieg von 38 Prozent. Etwa fünf bis zehn Prozent der Betroffenen sind an Typ-l-Diabetes erkrankt, der eine Autoimmunerkrankung darstellt. Mehr als 90 Prozent sind an Typ-2-Diabetes erkrankt, der das Ergebnis von einer Kombination von genetischer Veranlagung sowie Fehlernährung und mangelnder Bewegung ist. So sind in Deutschland gegenwärtig 67 Prozent der Männer übergewichtig und 53 Prozent der Frauen. 23 Prozent der Männer und Frauen sind Studien zufolge sogar adipös, also fettleibig.
    Seit den 1960er-Jahren verzeichnen die Ärzte in Deutschland einen steten Anstieg vor allem beim Typ-2- Diabetes. Jedes Jahr kommen 300.000 Erkrankungen hinzu - längst nicht nur bei alten Menschen. Zunehmend seien auch Kinder und Jugendliche betroffen, betont Matthaei. Inzwischen stelle Diabetes auch für die Volks- wirtschaft eine echte Herausforderung dar. Diabetes-Erkrankungen belasteten die Krankenversicherungen mit jährlich 42 Milliarden Euro - Tendenz steigend.
   Das hat Folgen, wie auch aus dem Basispapier zum nationalen Diabetesplan hervorgeht, das die Deutsche Diabetes Gesellschaft dem Bundesgesundheitsministerium vorgestellt hat. Angesichts der Welle der Neuerkrankungen sei die Behandlung des Diabetes und der Folgekomplikationen schon bald ohne Leistungsbegrenzungen und Qualitätseinbußen vom Gesundheitssystem nicht mehr finanzierbar. Bis jetzt gebe es jedoch nur unzureichende Strategien, wie die „Pandemie Diabetes" aufgehalten werden könne. So weit der Befund. Die Ärzte fordern nun die schnelle Umsetzung des nationalen Diabetesplanes analog zum nationalen Krebsplan. In ihn sollen alle Organisationen eingebunden werden, die für die Prävention, Versorgung und Forschung in Deutschland verantwortlich sind. Nur so sei das Problem langfristig in den Griff zu bekommen, heißt es in dem Papier.  
   Insgesamt gebe es fünf wichtige Handlungsfelder. Erstens: Prävention. Dazu gehört nach Stephan Matthaei unter anderem auch das Einwirken auf Ernährungsgewohnheiten. Jeder Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren nehme heute in Deutschland pro Jahr allein 30 Kilogramm Zucker in Form von Softdrinks zu sich. „Diese zuckerhaltigen Softdrinks sollte man in Schulen und Kindergärten nicht anbieten", so Matthaei. Auch spricht er sich dafür aus, gesunde Lebensmittel und Getränke über Steuer preiswerter zu machen, andere - ungesunde - Lebensmittel hingegen deutlich höher zu besteuern. Weiterhin hält Matthaei eine Stunde Schulsport pro Tag für elementar.
   Ein weiteres Handlungsfeld ist für die Fachleute die Früherkennung der Typ-2-Diabetes. Die Zahl unentdeckter Diabetiker sei sehr hoch. Statistiken wiesen darauf hin, dass in der Altersgruppe von 35 bis 74 Jahren auf einen diagnostizierten Diabetesfall nahezu ein unentdeckter Fall komme, heißt es in dem Basispapier. In der Regel dauere es bis zu sechs Jahren, bis der Diabetes diagnostiziert werde, ergänzt Matthaei. Das liege insbesondere daran, dass sich der Typ-2-Diabetes schleichend und zu Beginn häufig ohne Beschwerden entwickele.
   Als Risikofaktoren zur Entwicklung eines Typ-2-Diabetes zählten neben der Vererbung auch Übergewicht, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen. Insbesondere Menschen mit hohem Bauchfettanteil seien gefährdet. Eine Früherkennung von Typ-2-Diabetes ermögliche aber eine gute Diabeteseinstellung schon zu Beginn der Erkrankung, erklärt Stephan Matthaei.
   Als drittes Handlungsfeld für den Diabetesplan sehen die Fachleute den Aufbau eines Registers, in dem alle Erkrankungen erfasst werden. Bisher gebe es nur wenige zuverlässige Daten. Die seien aber wichtig, zur Steuerung von gezielten Projekten zur Prävention und zur besseren Versorgung von Menschen mit Diabetes. Auch fehle es an systematischen Daten zu den Behandlungsmethoden in Deutschland.
  Das vierte Handlungsfeld sehen die Ärzte in einem deutlichen Ausbau der diabetologischen Versorgungsforschung, um die Patienten effizienter betreuen zu können. Dies diene auch der vergleichenden Qualitätssicherung, von der Ärzte und Patienten gleichermaßen profitierten.
   Schließlich müsse die Rolle des Patienten gestärkt werden. Dazu gehöre auch eine umfassende Schulung, denn davon hänge auch die Lebensqualität der Betroffenen ab.  „Die Patienten sollen Experten werden", betont Matthaei, zu dessen wissenschaftlichen Schwerpunkten auch die Erarbeitung von strukturierten Schulungen für Patienten gehört. Gerade auf diese Weise sollen Folgeerkrankungen vermieden oder reduziert werden. NOZ130320JürgenAckmann

Erblicher Defekt schützt vor Diabetes

     Auf den ersten Blick erscheint es paradox: Erbliche Fettstoffwechselstörungen, die zu einer starken Anreicherung von LDL-Cholesterin im Blut führen, fördern einerseits die Arteriosklerose und deren Folgen, darunter Herzinfarkte und Hirnschläge. Andererseits schützen solche familiären Hypercholesterinämien aber offenbar vor einem „Alterszucker", einem Typ-2-Diabetes. Hinweise darauf liefern jedenfalls die Ergebnisse einer aktuellen Studie, der die Gesundheitsdaten von rund 25.000 Personen mit familiärer Hypercholesterinämie und 38.000 nahen Verwandten ohne solche Störung zugrunde liegen. Wie John Kastelein vom Academic Medical Center in Amsterdam und die anderen Autoren im Journal der amerikanischen Medizingesellschaft „Jama" doi:10.1001/jama. 2015.1206 schreiben, wiesen die Personen mit Hypercholesterinämie ein um durchschnittlich fünfzig Prozent geringeres Risiko für einen Alterszucker auf als die anderen Probanden. Die Diabetesgefahr war zudem umso geringer, je nachhaltiger der Gendefekt, der im Einzelfall für die Fettstoffwechselstörung verantwortlich war, die Aufnahme von LDL-Cholesterin aus dem Blut in die Zellen beeinträchtigte. Laut den niederländischen Wissenschaftlern könnte eine Überladung der Gewebe mit Cholesterin daher maßgeblich zur Entstehung des Alterszuckers beitragen. Für einen solchen kausalen Zusammenhang spricht unter anderem auch die Beobachtung, dass eine Behandlung mit Statinen - viel verschriebenen Medikamenten, die zur vermehrten Aufnahme von Cholesterin aus dem Blut führen - zwar vor Herzinfarkten schützt, zugleich aber das Diabetesrisiko erhöht. FAZ150311N.v.L.

Ohne den Diabetes hätte ich nie etwas geändert  Diab-HelgeScheck-x

Wie Helge Scheck nach der Diagnose ein ganz neues Leben begann und 21 Kilo abnahm
Das Ziel klar vor Augen: Helge Scheck will sein neues Gewicht halten

   Am Anfang war der Durst. Flaschenweise schüttete Helge Scheck, 56, Wasser in sich hinein. Nicht die beste Idee für einen Regionaldirektor einer großen Versicherung, der den halben Arbeitstag im Auto verbringt. „An jeder Raststätte musste ich aufs Klo", sagt Scheck. Hinzu kam die Müdigkeit. Wochenlang ging das so. Bis ein Kollege ihm erzählte, dass Durst, Schlappheit und viele Toilettengänge Symptome seien für einen erhöhten Blutzuckerspiegel. Scheck kaufte in der Apotheke ein Messgerät. Abends, in einem Berliner Hotel, piekste er sich in den Finger, presste einen Tropfen Blut heraus, träufelte ihn ins Messgerät, das prompt runterzählte - drei, zwei, eins - und dann zeigte: 493 mg/dl - der fünffache Wert eines gesunden Menschen. Damit hatte sich Scheck die Diagnose gestellt: Diabetes mellitus, Typ 2.
   Fast anderthalb Jahre ist das her. Fragt man Helge Scheck heute, wie er über diesen Sommertag im August 2009 denkt, sagt er: „Ich bin froh über den Diabetes. Sonst hätte ich weitergemacht wie zuvor." Zuvor, das bedeutete: ohne Frühstück aus dem Haus, unterwegs Pasta mit Sahnesoße, Grünkohl, Königsberger Klopse, Hamburger oder Bratwürste, gerne eine doppelte Portion, je nach Terminlage. Und abends um zehn Schnittchen als Betthupferl. „Damals steckten wir mitten in der Finanzkrise. Deshalb achtete ich noch weniger auf meine Ernährung als ohnehin."
Die Couch als Feind: Zu wenig Bewegung war eines der Hauptprobleme
  
Scheck im Sommer 2009: kein Sport, viel Couch und 108 Kilo. Mit der Diagnose änderte sich das, weil Scheck sich änderte. Sein Arzt erzählte ihm, was ihm ansonsten drohe: Nervenschäden, Blindheit, Impotenz und Amputationen, im Schnitt sieben Jahre weniger Lebenszeit. Aber vor allem: Spritzen! „Mir selbst Insulin spritzen zu müssen, war meine Horrorvorstellung", sagt Scheck. Um das zu vermeiden, strengte er sich an - und kommt bis heute mit zwei Tabletten täglich aus.
   Seit der Diagnose frühstückt Scheck Müsli mit Joghurt, mittags isst er öfter Salate, Obst oder ein Brötchen (früher waren es zwei). Die warme Hauptmahlzeit nimmt Scheck noch immer abends ein, dann gibt es auch ab und zu Bratwürste mit Sauerkraut, aber eben nur einen Teller. „Ich lebe nicht nach einem Diätplan, esse aber deutlich weniger", sagt er. Wenn er Heißhunger auf Schokolade hat, isst er nur noch einen Riegel und „nicht mehr eine Tafel wie früher". Scheck nahm 21 Kilo ab und hält sein neues Gewicht.
   Entscheidender aber war, so sagen die Ärzte, dass Scheck sich von der Couch erhob. Abends spazieren, zweimal die Woche golfen. Ungefähr 1.000 Kalorien verbraucht er bei einem 18-Loch-Kurs. Das alles klingt nicht nach großer Anstrengung. Dafür nach guten Werten: Sein Blutzucker liegt tagsüber stets unter der 100- mg/dl- Grenze. Der Zuckerlangzeitwert HbA1c sank von 11,5 Prozent auf 6,5 Prozent. Mit diesen Werten könne er 100 Jahre alt werden, meint sein Arzt. Heute sehe ich die Diagnose Diabetes wie eine Warnung", sagt Helge Scheck, der sich seit 15 Jahren nicht mehr so fit fühlte wie heute. Er hat die Warnung verstanden. HA110129

Diabetes Typ II diab-Magen-Bypass-xOperation statt Spritze

Diabetes Typ 2: Möglicherweise kann ein Eingriff am Magen-Darm-Trakt die Krankheit heilen

   Acht bis zehn Millionen Deutsche leiden nach Experten-Schätzungen an Diabetes. Das bedeutet, sie müssen ihr Leben auf die Krankheit einrichten, täglich Medikamente nehmen und eventuell regelmäßig Insulin spritzen. Mediziner prüfen jetzt eine weitere Option für die Behandlung von Diabetes Typ 2: eine Operation am Magen- Darm-Trakt. Über die Wirkung solcher Eingriffe, die bislang zur Behandlung stark Übergewichtiger eingesetzt werden, wird auch auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in der kommenden Woche in Berlin diskutiert.
   Bei der sogenannten Adipositas-Chirurgie wird durch eine Verkleinerung des Magens oder eine Veränderung des Verdauungsweges Magen-Bypass siehe Grafik erreicht, dass die Patienten weniger Nahrung zu sich nehmen bzw. die Nahrung nicht mehr so gut verdauen können. „40 bis 60 Prozent der stark Übergewichtigen leiden an Diabetes Typ 2", sagt Prof. Markus W. Büchler, Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeine, Viszerale und Transplantationschirurgie der Universität Heidelberg. „Eher zufällig hat man in den vergangenen Jahren festgestellt, dass nach Adipositas-Operationen bei vielen Patienten der Diabetes verschwand", so Prof. Büchler. Dieser Effekt sei nicht erst, wie zu erwarten, nach einer erheblichen Gewichtsabnahme eingetreten, sondern bereits kurz nach dem Eingriff. In verschiedenen Studien, z. B. in den USA, Brasilien und Australien, wurde diese Wirkung inzwischen bestätigt.
Noch ist unklar, wie der Eingriff auf die Hormonproduktion wirkt
 Eine Adipositas-Operation kann nur Typ-2-Diabetikern helfen. Dies sind allerdings etwa 90 Prozent aller Diabetes- Kranken. Nach bisherigen Erkenntnissen ist die Magen-Bypass-Operation am wirkungsvollsten. „Bei 80 bis 90 Prozent der Operierten gibt es eine Reduktion des Diabetes", so Prof. Büchler. Andere Verfahren wie der Schlauchmagen, bei dem ein großer Teil des Magens entfernt wird, oder das Magenband, das die Aufnahmefähigkeit des Magens begrenzt, sind offenbar nicht ganz so effektiv. „Der Mechanismus, der sich hinter der antidiabetischen Wirkung der Operationen verbirgt, ist noch nicht gänzlich aufgeklärt", sagt Prof. Büchler. Wissenschaftler vermuten, dass durch den Magen-Bypass einerseits im Magen gebildete Hormone ausgeschaltet werden, die sich negativ auf die Insulin-Produktion auswirken, andererseits im Dünndarm vermehrt Hormone ausgeschüttet werden, die einen positiven Effekt auf die Produktion und die Wirkung des Insulins haben.
   Diese Vorgänge sollen nun besser erforscht werden. So werden im Universitätsklinikum Heidelberg in den nächsten Monaten 20 Diabetes-Typ-2-Patienten mit leichtem Übergewicht (BMI 26 bis 35) eine Magen-Bypass- Operation erhalten. „Blutuntersuchungen und Gewebeentnahmen sollen anschließend Aufschluss darüber geben, wie sich bei den Operierten die Hormonproduktion verändert", sagt Dr. Beat Müller von der Uniklinik. In Folgestudien sollen verschiedene Operationsverfahren verglichen werden sowie die Wirkung bei Normalgewichtigen untersucht werden, so Dr. Müller. Außerdem müsse man genauer beobachten, ob der Effekt dauerhaft anhält.
    Dr. Müller rechnet damit, dass, wenn sich die Wirkung bestätigt, solche Operationen in etwa zwei Jahren auch breiter gegen Diabetes eingesetzt werden können. Prof. Büchler warnt aber davor, die Adipositas-Chirurgie als Lifestyle-Operation zu betrachten. Solche Eingriffe hätten immer auch ein Risiko. HAZ100416HAsabineAbeln

Informationen
Diabetes Typ 1
ist eine Autoimmun-Krankheit, die meist schon im Kindesalter ausbricht. Die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse werden zerstört. Deshalb müssen die Betroffenen lebenslang Insulin spritzen. Bei der Entstehung von Diabetes Typ 2 spielen verschiedene Einflüsse eine Rolle. Neben einer erblichen Veranlagung werden Faktoren wie falsche Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel als Ursachen angesehen. Das Insulin kann in den Zellen nicht mehr richtig wirken. Schreitet die Erkrankung fort, nimmt auch die Insulin-Produktion ab.
   BMI Der Body-Mass-Indexwird berechnet aus dem Körpergewicht dividiert durch die Körpergröße zum Quadrat (kg/m2). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt folgende Richtwerte an: BMI unter 18,5 - Untergewicht; BMI 18,5 bis 24,9 - Normalgewicht; BMI 25 bis 29,9 - Übergewicht; BMI 30 bis 34,9 - Adipositas Grad I; BMI 35 bis 39,9 - Adipositas Grad II; BMI über 40 - Adip. Grad III.  Internet: www.bmi-rechner.net

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Eine Wohlstandskrankheit mit bitteren Folgen. Es gibt neue Therapie-Richtlinien beim Typ-2-Diabetes

   In Berlin fand jetzt die Herbsttagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft mit 120 Referenten und 2.000 Teilnehmern statt. Tagungspräsident war Prof. Stephan Matthaei Foto oben, zugleich Chefarzt des Christlichen Krankenhauses in Quakenbrück und Leiter des dortigen Diabetes-Centrums.
   Die Fachabteilung für Diabetologie, Stoffwechsel- und Hormonerkrankungen versteht sich als Teil eines Versor- gungsnetzwerks zusammen mit dem Hausarzt und spezialisierten Diabetespraxen. 

  Es ist eine Wohlstandskrankheit: Acht Millionen Menschen leiden mittlerweile in Deutschland an einem Typ-2- Diabetes (im Volksmund auch „Zuckerkrankheit” oder „Alterszucker” genannt), die Zahlen steigen jährlich um zehn Prozent an. Das müsste nicht sein: Über neue Wege der Behandlung und die Ergebnisse der jüngsten Herbst- tagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft in Berlin sprachen wir mit Prof. Dr. Stephan Matthaei, der diesen Kon-gress vorbereitet und geleitet hat.
Sie kommen zurück von der Herbsttagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft. Welche Erkenntnis haben Sie bei diesem Kongress gewonnen?
   Neben vielen medizinischen Einzelinformationen hat sich ein Gesamteindruck weiter verfestigt: Mit einer konsequenten Therapie können wir den Typ-2-Diabetikern helfen, gesünder alt zu werden. Und das vermindert nicht nur das individuelle Leid dieser chronisch Kranken, es senkt auch ganz erheblich die volkswirtschaftlichen Kosten.
Wie groß ist denn das Problem der Zivilisationskrankheit Typ-2-Diabetes?
  Wir sprechen über acht Millionen Patienten allein in Deutschland, weltweit sind es etwa 250 Millionen. Hinzu kommen natürlich noch die vielen unentdeckten Betroffenen: Die Hälfte aller Patienten ahnt ja gar nichts von ihrer Krankheit, bevor nicht der Arzt die Diagnose „Diabetes” stellt. Volkswirtschaftlich betrachtet, erfordert die Diabetes- Krankheit heute etwa 30 Milliarden Euro. Von denen wird wiederum die Hälfte für die Behandlung von Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen oder Augenschäden benötigt. In anderen Zahlen ausgedrückt: Ein gut eingestellter Typ-2-Diabetiker kostet die Krankenkasse im Jahr 2.000 Euro, ein schlecht eingestellter 8.000Euro.
Was ist also zu tun?
   Kurz gesagt, gibt es zwei Aktionsfelder: Die Entstehung eines Diabetes verhindern, zweitens einen bestehenden Diabetes optimal behandeln. Mit einer gesunden Lebensführung und einer konsequenten Therapie könnten die gefürchteten Diabetes-Folgeerkrankungen vermindert werden und damit langfristig auch viel Geld eingespart werden.
Welche Risikofaktoren gibt es beim Diabetes?
  Einerseits erkennen wir heute eine genetische Belastung dort, wo Familienangehörige schon einen Typ-2- Diabetes entwickelt haben. Der zweite Risikofaktor sind ganz klar Übergewicht und Bewegungsmangel, oftmals verbunden mit Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen. Wer in diese Risikogruppe gehört, sollte regelmäßig einen Zuckerbelastungstest machen. Das ist ganz unkompliziert, es wird nüchtern und zwei Stunden nach einem Traubenzuckertrunk der Blutzuckergemessen. Sie sollten auch an ihrem Lebensstil arbeiten, Bewegungsmangel und Übergewicht bekämpfen.
Warum ist gerade das so wichtig?
   Beim Zuckerstoffwechsel wirkt das Insulin-Hormon als ein „Botenstoff” oder wie ein Schlüssel, die die Aufnahme des Blutzuckers in Körperzellen ermöglicht, zum Beispiel in den Muskelzellen, in denen der Zucker als Energielieferant dient. Wenn dieser Zusammenhang entgleist, produziert der Körper zunächst einmal noch mehr Insulin, später erschöpft sich häufig die Insulinproduktion. Die Folge ist, dass der Blutzuckerspiegel gefährlich ansteigt. Mehr Bewegung und gesunde Ernährung können dazu beitragen diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Kurz gesagt: Körperliche Bewegung wirkt wie Insulin.
Worauf richtet sich dann die ärztlicheTherapie bei einemTyp-2-Diabetiker?
   Die beiden wichtigsten Behandlungsziele sind eine möglichst hohe Lebensqualität und die Vermeidung der gefurchteten diabetischen Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen oder Amputation. Deshalb muss der Blutzucker, der Blutdruck und das für die Blutgefäße schädliche DL-Cholesterin optimal eingestellt werden. Diese Faktoren entscheiden über Lebensqualität und Lebenserwartung, denn so lassen sich die erwähnten Komplikationen verhindern.
Was bedeutet das für den Patienten?
   Wir sprechen da gern vom „mündigen Patienten", der im Rahmen einer Diabetes-Schulung in die Lage versetzt wird, seine chronische Erkrankung besser zu verstehen und motiviert wird, die Therapieziele zu erreichen. Tatsächlich wissen wir heute, dass der Langzeit-Blutzuckerwert mit dem Laborkürzel HbA1c sehr genau widerspiegelt, wie gut das gelungen ist. Liegt dieser Wert über 6,5 Prozent, sollte die Therapie gemeinsam mit dem behandelnden Arzt angepasst werden, wie wir es gerade in der neuen Typ-2-Diabetes-Therapierichtlinie der Deutschen Diabetes-Gesellschaft empfohlen haben.  NOZ081112FrankHenrichvark

Warnung vor Diabetes als künftige „Zeitbombe" - Experten fordern effektivere Gesundheitsaufklärung

   Niedersächsische Experten schlagen Alarm: „Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass in wenigen Jahren bereits jeder vierte Deutsche Diabetes Typ 2 haben könnte", erklärte ein Vertreter der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) kürzlich anlässlich der Tagung „Zeitbombe Diabetes" der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Ärzte, Ernährungsberater und Psychologen forderten daher langfristig wirksame Schulungen für die Betroffenen und eine flächendeckende Aufklärung in Schulen und Kindergärten.
   Deutlich angestiegen ist etwa die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen. „Es ist extrem schwierig, diese Patienten zu einer Änderung ihres Lebensstils zu motivieren", erklärte ÄKN-Vizepräsident Gisbert Vogt. „Denn die Kinder sind meist nicht die einzigen Übergewichtigen, und es bedarf sehr intensiver Schulungen, um ein Umdenken zu erreichen." Doch gerade das ist laut Helga Strube vom der DGE Niedersachsen wichtig: „Schon eine Gewichtsreduktion von fünf Kilogramm sorgt dafür, dass das Insulin besser wirkt."
  Besonders effektiv gegen Diabetes und Folgeerkrankungen wie Erblindung und Nervenschäden ist bei Typ-2- Diabetikern eine Lebensstiländerung mit regelmäßiger Bewegung und einer ausgewogenen, vitaminreichen Ernährung. Doch die Umstellung ist für die Betroffenen meist sehr schwer. „Das Problem ist, dass Diabetes nicht wehtut - deshalb fehlt die Motivation", betont die Bremer Diabetesberaterin Sabine Carstensen. Zudem hätten Diabetiker durch ihre Insulinpräparate einen hohen Insulinspiegel im Blut. „Der spiegelt vor, dass genug Energie in Form von Zucker vorhanden ist, und der Körper geht daher nicht an die Fettreserven", erklärt Carstensen. Das mache es Diabetikern besonders schwer, abzu- nehmen. „Dazu braucht es viel Bewegung", betont die Diabetesberaterin.
   Eine andere Möglichkeit sind laut Stefan Koppen vom Krankenhaus Nordstadt des Klinikums Region Hannover neue Diabetesmedikamente, die in die Funktion des Darmstoffwechsels eingreifen. Diese sogenannten Inkretinverstärker und GLPl-Antagonisten sorgen dafür, dass vermehrt Insulin in den Betazellen gebildet wird und bremsen das Appetitzentrum. „Es wäre sinnvoll, diese modernen Medikamente breiter einzusetzen", sagt Koppen. HAZ10112ze

Diabetes  -  Kampfansage an den „stillen Killer”

   Für den Hamburger Medizin-Professor Dr. Dirk Müller-Wieland ist die Zuckerkrankheit ein „stiller Killer”. Ihr will der Chefarzt der Inneren Medizin an der Asklepios-Klinik-St.Georg „den Kampf ansagen”. Müller-Wieland leitet das neue Forschungsinstitut, mit dessen Hilfe vor allem auch die vielen unentdeckten Erkrankungsfälle aufgespürt werden sollen. Obwohl fast jeder dritte Mensch jenseits des sechsten Lebensjahrzehnts unter Diabetes leidet, „weiß dies jeder zweite Betroffene nicht”, sagt Müller-Wieland. Deshalb werden jetzt in den Hamburger Asklepios- Kliniken alle stationär behandelten Patienten gezielt auf diese Stoffwechselerkrankung hin getestet.
   Kosten entstünden den Patienten nicht, versichert Peter Oberreuter von der Geschäftsführung der Hamburger Asklepios-Kliniken. Die trage das Unternehmen, das wegen der erwarteten Steigerung der Erkrankungsfälle „offensiv Forschung auf diesem Gebiet fördern will”. Der Klinikaufenthalt der Patienten würde sich dadurch nicht verlängern.
  Die „Diabetes-Epidemie” mit einer Steigerung von 40 Prozent in den nächsten 20 Jahren betrifft in erster Linie die sogenannten „Typ 2”-Variänte. Dabei produziert die Bauchspeicheldrüse zwar noch Insulin, doch reicht diese Menge nicht mehr, den Blutzuckerspiegel im Gleichgewicht zu halten. Diese früher auch Alters-Diabetes genannte Erkrankung wird jedoch immer häufiger auch bei jüngeren Menschen diagnostiziert.
   Der Typ2-Diabetes ist oft eine Folge von falschen Lebens- und Verhaltensweisen in der Wohlstandsgesellschaft: Übergewicht, mangelnde Bewegung und ungesunde Ernährung.Auch die genetische Veranlagung spielt eine Rolle.
   Manchmal reichen bereits eine Umstellung der Lebensgewohnheiten und eine Gewichtsabnahme, um den außer Kontrolle geratenen Stoffwechsel wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Sonst ist eine Behandlung mit Medikamenten nötig. Zahlreiche Typ-2-Diabetiker haben einen zu hohen Blutdruck und unterliegen damit der Gefahr von Spätfolgen, von Augenerkrankungen über Nierenversagen bis zum Risiko von Schlaganfall und Herzinfarkt. „Wenn Patienten dies wollen, werden wir sie im Rahmen unseres Forschungsarbeiten auch weiter begleiten”, kündigt Cornelia Wolf an, die Leiterin der Abteilung Klinische Forschung bei den Asklepios-Kliniken. HAChristoph Rind071219

Hoher Blutzucker   diab-gBlutzucker-x   kann Organe schädigen

Ursachen des Diabetes auf die Spur kommen. Forscher begleiten zehn Jahre lang
2000 Mitarbeiter der Lufthansa, prüfen ihre Blutwerte und ihren Lebensstil  

   Hamburger Mediziner sind einer Volkskrankheit auf der Spur der Zuckerkrankheit. In einem einzigartigen Vorhaben ergründen Wissenschaftler des Uniklinikums Eppendorf (UKE), der Asklepios-Klinik St. Georg und der Lufthansa in den kommenden zehn Jahren den Diabetes.
  Was sind die Ursachen? Wie kann man sie früh erkennen? Welche genetischen Risikofaktoren gibt es? Was kann man tun, damit die Krankheit nicht ausbricht? „Die Antworten darauf sind der Schlüssel zur Lösung eines der größten Gesundheitsprobleme des 21. Jahrhunderts", sagt Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland, Leiter des Instituts für diabetologische Versorgungsforschung an der AK St. Georg. „Um die Schlüssel zu entdecken, müssen wir eine große Zahl gesunder Menschen ansprechen. Denn die ersten Veränderungen auf dem Weg von der gesunden Situation hin zur Krankheit sind noch nicht erklärt", sagt Prof. Ulrike Beisiegel, Leiterin des Instituts für Biochemie und Molekularbiologie am UKE. Daher wandten sich die Wissenschaftler an den medizinischen Dienst der Luft- hansa. 2000 Lufthanseaten werden zehn Jahre von Wissenschaftlern begleitet. Die Daten über Blutwerte, Körpermaße oder Lebensgewohnheiten wertet UKE-Professor Karl Wegschneider aus. „Ich bin für die vor gut einem Jahr aufgenommene Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des UKE und der AK St. Georg dankbar, weil die Langzeitstudie eine hervorragende Unterstützung unserer Aufklärungsbemühungen ist", sagt Dr. Jan Gebhard, Leiter des Medizinischen Dienstes der Lufthansa in Hamburg. 246 Millionen Menschen leiden weltweit an Diabetes, als dessen Hauptursache Übergewicht infolge von Bewegungsmangel und falscher Ernährung gilt. Allein in Deutschland sind sechs Millionen Menschen erkrankt. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass es bis 2020 zehn Millionen Menschen sein werden. Jeder Achte wird dann an Diabetes leiden, die meisten am Typ 2, dem sogenannten Altersdiabetes. Damit erhöht sich das Risiko, an Arteriosklerose zu erkranken oder einen Herzinfarkt zu erleiden.
   Die Ursache: Übergewicht vermindert die Wirkung von Insulin. Dieses Hormon reguliert den Fett- und Zuckerstoffwechsel im Körper. „Dem Diabetes Typ 2 geht eine Insulinresistenz, also die Abnahme der Wirkung von Insulin, voraus. Es ist ein schleichender Prozess, dessen Anfang wir jetzt zu fassen bekommen wollen", sagt Beisiegel.
   Prof. Bernd Löwe bearbeitet die psychosomatischen Aspekte. Diese Faktoren geben Hinweise, wie hoch das Risiko ist, zu erkranken. „Wir wollen wissen, ob es noch einen anderen Marker gibt, der anraten lässt, den Lebensstil zu verändern."
   Diesen Fragen gehen Müller-Wieland und Beisiegel auch in dem Projekt LI-Dia nach, unter dessen Dach die Lups- Studie gestartet wurde. Li-Dia steht für Lipide und Diabetes. Beisiegel: „Wir gehen davon aus, dass Störungen im Fett-, also Lipid-Stoffwechsel, unmittelbare Auswirkungen auf die Entwicklung eines Altersdiabetes haben. Wir wollen Biomarker identifizieren, die im Idealfall mittels eines einfachen Bluttests über das Erkrankungsrisiko Auskunft geben. Mittelfristig hoffen wir, neue Ansatzpunkte für Medikamente zu entdecken", sagt Beisiegel, die mit Müller-Wieland das Ziel verfolgt, ein Norddeutsches Stoffwechselzentrum aufzubauen. Dafür gaben das UKE 510000 Euro, die Stadt Hamburg 630.000 Euro und Asklepios 1,275 Millionen Euro als Anschubfinanzierung. Das Stoffwechselzentrum soll die biochemischen Grundlagen von Diabetes knacken und Weiterbildung für Ärzte und Aufklärungskampagnen an Schulen organisieren. Denn die Kinder von heute sollen nicht die Diabetes-Patienten von morgen sein. Ha090428AngelaGrosse 

Schrittmacher gegen Diabetes für übergewichtige Patienten

   Ärzte der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) erforschen eine neue Methode zur Behandlung des Diabetes. Das ist ein Schrittmacher, der unter die Haut implantiert und über Elektroden mit dem Zwölffingerdarm verbunden wird. „Damit kann man die Entleerung der Nahrung aus dem Magen und die Darmperistaltik steuern", sagt Dr. Oliver Mann, Oberarzt in der UKE-Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie. Wie schnell die Nahrung den Zwölffingerdarm passiert, wirkt sich auf das Hormon Inkretin im Darm aus, das die Insulinproduktion in der Bauspeicheldrüse beeinflusst. Das Gerät wird stark übergewichtigen Patienten mit Typ-2-Diabetes einge- setzt und bewirkt, dass sie ohne Medikamente wieder normale Blutzuckerwerte haben. Das sind erste Ergebnisse der internationalen Betastim-Studie, die im UKE von Dr. Mann und dem Chef der Klinik, Prof. Jakob Izbicki, geleitet wird. HA090528cw 

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Neue Alternative zu Insulin. Der Wirkstoff Exenatide hilft Diabetikern, das Gewicht zu halten.
Die Spritze bleibt, aber der neue Wirkstoff Exenatide  setzt an anderer Stelle an als das bekannte Insulin.

   Zuckerkranken mit Diabetes vom Typ 2 steht eine neue Alternative zur Insulinspritze zur Verfügung. Der Wirkstoff Exenatide, der ebenfalls gespritzt werden muss, ist nach Herstellerangaben der erste Vertreter einer neuen Wirkstoffklasse auf dem deutschen Markt. Diese sogenannten Inkretin-Mimetika regeln die Insulinproduk- tion nach dem Vorbild eines körpereigenen Hormons je nach Bedarf. Das Präparat Byetta ist nach Auskunft des Herstellers Lilly für Typ-2-Diabetiker als Alternative zu Insulinspritzen zugelassen, wenn Diabetesmittel zum Schlucken allein nicht mehr helfen. Es hilft solchen Patienten auch abzunehmen.
   In Deutschland gibt es nach Zahlen der Deutschen Diabetes Union geschätzte sechs Millionen Diabetiker vom Typ 2, dem sogenannten Altersdiabetes. Mehr als eine Million davon muss sich regelmäßig Insulin spritzen. Dabei muss der Blutzucker mehrmals täglich gemessen und die Insulinmenge entsprechend angepasst werden. Das künstlich hergestellte Exenatide, das in den USA nach Angaben der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) seit knapp zwei Jahren auf dem Markt ist, wurde im Speichel der Gila-Krustenechse (Heloderma suspectum) mehr dazu unter: Forschung entdeckt. Es imitiert das Darmhormon GLP-1. Dieses sogenannte Inkretin steuert beim Menschen die Insulinproduktion nach Bedarf. Insulin spielt eine lebenswichtige Rolle im Zuckerstoffwechsel.
   „Der Mechanismus ist ein neuer Therapieansatz”, erläuterte Prof. Hans-Georg Joost vom DDG-Arbeitskreis Pharmakotherapie. „Das Präparat muss zwar ebenso wie Insulin injiziert werden, aber es hat einen unbestrittenen Vorteil: Es bewirkt eine Gewichtsabnahme.” Übergewicht ist einer der Hauptrisikofaktoren für Diabetes vom Typ 2, und eine - oft durch die Insulinspritzen bedingte - Gewichtszunahme kann die Behandlung von Diabetikern erschweren. „Der neue Wirkstoff muss sich aber erst langfristig beweisen.” dpaHAZ070420

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6,4 Millionen Zuckerkranke in Deutschland. Kampf gegen das Wohlstandsübel

   Ein neues System zur Diabetes-Therapie mit einem Handy und einem Kugelschreiber mit eingebauter Kamera wurde kürzlich an der Universitätsklinik in Münster vorgestellt. Mittels einer Software werden die handgeschriebenen Blutzuckerwerte im Insulin-Tagebuch des Patienten von dem Stift gelesen, mittels Bluetooth-Technik an das Handy und von dort über das Mobilfunknetz zur Beurteilung in die Klinik übertragen.
    Die Dunkelziffer der Betroffenen ist hoch. Die Krankheit ist auf dem Vormarsch. Übergewicht ist der wichtigste Risiko-Faktor. Ein gesunder Lebensstil beugt vor.
   Zusammen mit seinem Assistenten Charles Herbert Best entdeckte er in den 20er-Jahren das antidiabetische Hormon Insulin. Damit legte Sir Frederick Banting den Grundstein für die moderne Therapie der Zuckerkrankheit. 
   Jetzt wäre der kanadische Chirurg und Physiologe 115 Jahre alt geworden. An seinem Geburtstag findet jedes Jahr der Weltdiabetestag statt, an dem Diabetikerorganisationen und Fachgesellschaften weltweit die Bevölker- ung über die Zuckerkrankheit und ihre verheerenden Folgen informieren.
    Die Deutsche Diabetes Union, die Dachorganisation der Diabetologie in Deutschland, legt zu diesem Tag alljährlich den deutschen Gesundheitsbericht Diabetes vor, mit aktuellen Daten und Fakten rund um die Zuckerkrankheit. Die Zahlen sind erschreckend und zeigen, wie sich der Diabetes immer mehr ausbreitet: Nach einer Untersuchung der AOK Hessen gab es 2004 rund 6,4 Millionen behandelte Diabetiker in Deutschland, 7,6 Prozent der Bevölkerung. 2001 waren es 6,9 Prozent.
   Die überwiegende Mehrheit der Diabetiker, 90 Prozent, leidet an einem Typ-2-Diabetes, bei dem die Bauchspeicheldrüse nicht mehr genug Insulin produziert, um den Blutzuckerspiegel im Normalbereich zu halten. Fünf Prozent haben einen Typ-1-Diabetes, der meist schon im jugendlichen Alter beginnt und dadurch entsteht, dass das Immunsystem Antikörper gegen Insulin produzierende Zellen in der Bauchspeicheldrüse bildet und sie so langsam zerstört.
   Die Erkrankungszahlen nehmen hauptsächlich beim Typ-2-Diabetes zu. Verantwortlich dafür, so der Bericht, sei der „weitere Anstieg des Übergewichts als der wichtigste Risikofaktor, die verbesserte Behandlung der Zuckerkrankheit und ihrer Komplikationen mit dem Ergebnis einer höheren Lebenserwartung und eine frühere Diagnosestellung”.
   Trotzdem gehen Experten immer noch von einer hohen Dunkelziffer aus: „Im Alter zwischen 55 und 74 Jahren kommt auf jeden entdeckten ein unentdeckter Diabetiker.” Doch der Typ-2-Diabetes, auch bekannt als Alterszucker, ist schon längst nicht mehr nur eine Krankheit älterer Menschen. Er wird auch bei immer mehr Kindern und Jugendlichen festgestellt, die stark übergewichtig sind und bei denen bereits Eltern oder Großeltern daran erkrankt sind. Angesichts der aktuellen Zahlen geht der Bericht davon aus, dass bereits jetzt acht Millionen Menschen in der Bundesrepublik an Diabetes leiden und diese Zahl auch in den kommenden Jahren weiter steigen wird.
  Die treibende Kraft dieser Entwicklung ist der Lebensstil der Wohlstandsgesellschaft. Er führt dazu, dass immer mehr Menschen übergewichtig sind, weil sie sich falsch ernähren und zu wenig bewegen. „Nur nach 13 Prozent der Deutschen sind wenigstens viermal pro Woche eine halbe Stunde lang aktiv.”
    Die wichtigste Präventionsmaßnahme ist die Änderung des Lebensstils. So plädieren die Autoren des Berichtes unter anderem dafür, im öffentlichen Leben, an Schulen und in Vereinen für mehr Bewegung zu sorgen und die Verpflegung in Kantinen ernährungsbewusster zu gestalten.
    Ein großes Kapitel des Berichtes ist auch dem Thema gewidmet, wie sich durch gezielte medizinische Maß- nahmen Folge- und Begleiterkrankungen des Diabetes, wie zum Beispiel das diabetische Fußsyndrom oder Gefäßschäden an Augen und Nieren, früh erkennen und behandeln lassen.
Weitere Informationen:
   Der Deutsche Gesundheitsbericht „Diabetes 2007“ ist kostenlos erhältlich beim Kirchheim-Verlag Mainz, Stich- wort „DDU“, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz, Tel.  06131 - 960 70 62 (Nadine Kurz), eMail: nkurz@kirchheim-verlag.de
Die Krankheit bedroht die Urvölker
   Diabetes und Fettleibigkeit bedrohen ganze Gruppen von Ureinwohnern so, dass sie aussterben könnten. „Wir haben es mit der größten Epidemie in der Geschichte der Welt zu tun”, sagte der Direktor des Internationalen Diabetes-Instituts,  Paul Zimmet,  beim Treffen der Internationalen Diabetes-Vereinigung im australischen Mel- bourne.
   Ureinwohner in Nord- und Südamerika, Asien, Australien und im Pazifik, seien durch die rasche Anpassung an die westliche Ernährung besonders anfällig für den Typ-2-Diabetes, der vor allem durch Fettleibigkeit entstehe. Laut dem kanadischen Diabetes-Experten Stewart Harris sind in einigen indigenen Völkern bereits bis zur Hälfte der Erwachsenen an Diabetes erkrankt. „Der rasche Wandel innerhalb von ein oder zwei Generationen in vielen Volksgruppen hin zu westlichen Ernährungsgewohnheiten und Sesshaftigkeit haben dazu geführt, dass Diabetes die Infektionskrankheiten als Hauptbedrohung für das Überleben abgelöst hat”, so Harris. HAafpCWerner061122

Jeder zehnte ist an Diabetes mellitus erkrankt

   1960 litten erst 0.6 Prozent der Deutschen an Diabetes. Heute ist jeder zehnte Einwohner erkrankt. Und bis 2020 wird die Zahl der Diabetiker auf zehn Millionen steigen - das sind mehr als zwölf Prozent. Die Zahlen auf der ganzen Welt sehen nicht viel besser aus. An der Spitze des Deutschen Diabetiker-Bundes, einer Selbsthilfe- organisation, steht Manfred Wölfert. Er spricht von einer Epidemie. 6,5 Millionen Menschen in Deutschland sind “manifestierte Diabetiker”, und weitere 1,5 Millionen Menschen wissen vermutlich nicht, dass sie an Diabetes leiden. Die Erkrankung des Typs 2 kommt meist schleichend im Alter zwischen 40 und 50 Jahren: “Man spürt nichts”, sagt Wölfert, “höchstens eine gewisse Abgeschlagenheit.” Darum sei es so wichtig, regelmäßig zur Kontrolle durch einen Arzt zu gehen, zumal wenn die Familie genetisch vorbelastet sei. Auf der ganzen Welt ist die Krankheit nur etwa bei jedem zweiten Erkrankten erkannt. Dieser Anteil ist vor allem deshalb so groß, weil in der Dritten Welt bei bis zu 70 Prozent der Fälle die Krankheit nicht diagnostiziert wird. Die teure Behandlung von Folgekomplikationen kann aber nur vermieden werden, wenn die Krankheit früh erkannt und angemessen behandelt wird.
   Neue Statistiken zeigen, dass Diabetes zu einem der größten medizinischen Probleme des 21. Jahrhunderts werden wird. Über neue Ergebnisse der Forschung debattieren zur 42. Jahrestagung der Europäischen Vereinigung zum Studium von Diabetes (EASD) in Kopenhagen 14.000 Ärzte und Forscher.
   Im Jahr 1985 wurde die Zahl der Diabetiker auf der Welt auf 30 Millionen geschätzt. Jetzt sind es schon 230 Millionen. Die Zahl der Patienten werde bis zum Jahr 2026 auf 350 Millionen steigen, wenn nicht gegengesteuert werde, heißt es in Kopenhagen. Allein im kommenden Jahr werden demnach dreieinhalb Millionen Menschen an der Krankheit sterben. In den Vereinigten Staaten werde jedes dritte im Jahr 2000 geborene Kind im Laufe seines Lebens an Diabetes erkranken.
   Die Gesundheitssysteme ächzen unter der Last dieser Epidemie. Die Kosten der Behandlung der Erkrankung und ihrer Folgeschäden beziffert der Diabetiker-Bund auf bis zu 27 Milliarden Euro im Jahr in Deutschland. Eberhard Siegel,  Chefarzt der Inneren Medizin an den St.-Vincentius-Kliniken in Karlsruhe, sagt, 50.000 bis 60.000 Haus- ärzte trügen die Versorgung der Diabetiker, mehr als 3.000 als Diabetologen weitergebildete Fachärzte, mehr als 1.400 Diabetes-Beraterinnen (meist weitergebildete Krankenschwestern) und etwa 4.000 Diabetes-Assistentinnen (weitergebildete Arzthelferinnen). Die Hausärzte versorgten 80 bis 90 Prozent der Diabetiker permanent.
   Die weiteren 10 bis 20 Prozent der Diabetiker wenden sich an Diabetes-Schwerpunktpraxen (SSP) oder Krankenhausambulanzen. Je 500.000 bis eine Million Einwohner gibt es eine solche Praxis oder Ambulanz. Mit solchen Einrichtungen sei Deutschland hinreichend versorgt. Auf der ganzen Welt werden zwischen 215 und 375 Milliarden Dollar pro Jahr für die Behandlung von Diabetes-Patienten ausgegeben. Vor allem die rapide Zunahme der Erkrankungen in der Dritten Welt mache deutlich, dass man bald vor einer nicht mehr zu finanzierenden Überlastung der Gesundheitssysteme stehe, teilen die Kopenhagener Veranstalter mit. Jetzt schon würden, je nach Land, 2,5 bis 15 Prozent des jeweiligen nationalen Gesundheitsbudgets für Diabetes aufgewendet.
  Sogar der führende Insulinhersteller der Welt, der dänische Arzneimittel-Konzern Novo Nordisk, unterstützt daher eine Kampagne gegen die weitere Ausbreitung. Der Kongress in Kopenhagen, in dessen Begleitprogramm Appelle zu regelmäßigen Tests auf Diabetes und zur präventiven Änderung des Lebensstils im Zentrum stehen, ruft in Unterstützung der „International Diabetes Federation” die Kampagne ins Leben. Die Vereinten Nationen sollen zu einer Resolution veranlasst werden. Der Chef der Öffentlichkeitsarbeit von Novo Nordisk, Mike Rulis, sagte in Kopenhagen, mit der Unterstützung des Projekts säge das Unternehmen keineswegs den Ast ab, auf dem es sitze. Wenn nichts gegen die Ausbreitung der Krankheit   getan   werde, ächzten bald fast alle Länder der Welt unter einer Überlast an Gesundheitskosten.
    Die Zunahme der Fälle von Diabetes hat verschiedene Gründe. Vor allem  Übergewicht  ist zu nennen. “Die Menschen essen zuviel und zu süß. während sie sich zuwenig bewegen”, sagt Wölfert. Die Ernährungsgewohnheiten ändern sich, und zwar meist in eine Richtung: Es wird mehr Fleisch, Fett und Zucker gegessen. Wegen mangelnden körperlichen Ausgleichs haben die Menschen Übergewicht, und die Gesellschaft altert zunehmend. Obschon es auf den ersten Blick paradox erscheinen mag, führt die bessere Behandlung von Diabetikern zu einer größeren Zahl an Krankheitsfällen: Denn mehr Menschen leben heute dank besserer Diagnostik und Therapie länger mit Diabetes.
   Die Krankheit trifft beileibe nicht nur Wohlhabende. Sieben der zehn Länder mit den größten Diabeteszahlen liegen in der Dritten Welt. Sowohl in Indien als auch China sei zur Zeit bei etwa 35 Millionen Menschen Diabetes diagnostiziert, teilen die Forscher in Kopenhagen mit. Diabetes sei die führende Ursache für Erblindung, für Nierenversagen und Amputation und Gliedmaßen. Sogar innerhalb Deutschlands ist das Risiko, an Diabetes zu erkranken, unterschiedlich verteilt: Übergewichtige Kinder aus Zuwandererfamilien, insbesondere aus türkischen, seien wesentlich stärker betroffen als deutsche Kinder, schreibt Hans Hauner vom Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin der TU München. Aus den Gründen für die Krankheit ergeben sich die besten Methoden der Vorbeugung und Behandlung: Fachleute geben an, dass schon 30 Minuten körperliche Bewegung am Tag und das Abspecken um nur wenige Kilogramm das Risiko einer Erkrankung um die Hälfte senken. Ärzte und Apotheker nennen allerdings die mangelnde Selbstdisziplin vor allem älterer Patienten die eigentliche Ursache der Erkrankung. Wer nichts unternehme, sagt Wölfert, fordere die Folgeschäden an Nerven und Blutgefäßen heraus: 8.000 Menschen erblindeten jedes Jahr in Deutschland an den Folgen ihrer erhöhten Blutzuckerwerte, 8.000 würden dialysepflichtig, und mehr als 30.000, wenn nicht 40.000, müssten sich einer Amputation unterziehen.
   Martin Lange, Schatzmeister des Deutschen Diabetiker-Bundes und dessen Landesvorsitzender in Schleswig- Holstein, lebt selbst mit einer Insulinpumpe. Er ist empört über die Ignoranz vieler seiner Leidensgenossen. Sie handelten nach der Devise:Der Herrgott oder zur Not der Arzt wird's schon richten. Im Gegensatz zu Menschen mit anderen Erkrankungen sei der Leidensdruck für den Diabetiker gering. Die Organtransplantierten, sagt Lange, mit denen er seit Jahren zusammenarbeite, freuten sich über jeden Tag, den sie lebten. Wer an multipler Sklerose leide, wisse, dass er bald im Rollstuhl sitze, wenn er nicht handele. Der Diabetiker aber spüre nichts. “Und wenn Sie es spüren, dann ist der Zug schon abgefahren.”
   Wenn Prävention betrieben würde wie in anderen Ländern, so Lange, wären 98 Prozent der Folgeschäden vermeidbar. Ein Diabetiker ohne Komplikationen, sagt Wölfert, verursache Kosten von 540 Euro im Jahr. Ange- sichts von acht Millionen Diabetikern wären - den richtigen Umgang mit der Erkrankung vorausgesetzt - vier bis fünf Milliarden Euro an Behandlungskosten zu veranschlagen. “Was mir fehlt in Deutschland”, sagt Lange, “ist die Eigenverantwortung. Ich verstehe die alten Leute nicht, vor denen ich in den Selbsthilfetreffen spreche und die mir entgegnen: Ich habe 40 Jahre gearbeitet, und jetzt will ich leben.”  Lange verweist auf Dänemark. Wer erkrankt sei, erhalte dort das Servicebuch des staatlichen Gesundheitsversorgers. Es erlege ihm ein strammes Programm auf. Wer es nicht absolviere, der müsse im kommenden Jahr selbst zahlen. Deutschland aber setze auf Frei- willigkeit. Doch erst wenn es das eigene Geld koste, dächten die Leute um.
   Seit 2003 können sich Diabetiker in allen Bundesländern in Disease-Management-Programme einschreiben. “Aber nur wenige Diabetiker haben sich eingetragen”, sagt Lange. “Denn sie mussten sich zu regelmäßiger Bewegung unter Kontrolle verpflichten, zur Teilnahme an Schulungen und zu Besuchen bei speziellen Ärzten. Das ist vielen Diabetikern einfach zuviel.” 1,5 Millionen Diabetiker, ein Viertel derer, deren Erkrankung bekannt ist, haben sich eingeschrieben in die Programme, auf die sich Krankenkassen und Vertragsärzte verständigen. Das Angebot ist groß, die Resonanz noch gering. Vielleicht wird sich auch das noch ändern mit der zunehmenden Verbreitung von Diabetes.

Diabetes mellitus

   Unter dem Begriffspaar Diabetes mellitus fassen die Fachleute verschiedene Störungen des Stoffwechsels zusammen, die zum partiellen oder vollständigen Ausfall der Produktion körpereigenen Insulins führen. In der Folge kommt es zu erhöhten Blutzuckerwerten - im Volksmund ist daher von der “Zuckerkrankheit” die Rede. Seit 1998 unterscheidet die Weltgesundheitsorganisation zwei Haupttypen der Krankheit. Fällt die körpereigene Insulinproduktion ganz aus, weil die entsprechenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört sind, spricht man von Diabetes Typ 1. Dieser wird zu 50 Prozent bei jungen Leuten im Alter unter 18 Jahren diagnostiziert. Am höchsten ist die Neuerkrankungsrate bei Kindern zwischen elf und 13 Jahren. Deshalb wurde diese Form des Diabetes früher auch als juveniler Diabetes bezeichnet. Um zu überleben, müssen die Betroffenen sich ihr Leben lang Insulin spritzen. Beim Diabetes Typ 2 herrscht zumindest anfangs kein Insulinmangel, sondern sogar ein Insulinüberschuss. Diese Form der Zuckerkrankheit beruht auf einer so genannten Insulinresistenz. Die Zellen, die den Blutzucker aufnehmen sollen, sprechen kaum auf Insulin an, so dass zum Ausgleich mehr produziert wird, was die Bauchspeicheldrüse aber auf Dauer nicht durchhalten kann. Dieser Diabetes-Typ tritt vor allem in fortgeschrittenem Alter auf (daher “Altersdiabetes”). Auslösende Faktoren sind fettreiche Kost, Übergewicht und Bewe- gungsmangel. Neuerdings leiden jedoch auch immer mehr jüngere Menschen unter dieser Form der Zuckerkrankheit. Sie ist die am weitesten verbreitete: 85 bis 95 Prozent aller Diabetesfälle gehören zum Typ 2. Wer davon betroffen ist, kann die Blutzuckerwerte zumindest im Anfangsstadium oft durch eine gesunde Lebensweise oder durch die Einnahme von Tabletten regulieren. Reicht das nicht mehr aus, müssen auch diese Patienten Insulin spritzen. Etwa ein Drittel der Typ-2-Diabetiker ist insulinpflichtig. Neben den beiden Haupttypen gibt es noch einige eher seltene Diabetesformen, die entweder vererbt oder durch Medikamente oder andere Erkrankungen hervorgerufen werden. cpmThFAZ060915

   Sie tut anfangs nicht weh und entwickelt sich schleichend: Diabetes mellitus. Vor allem der Typ-2 ist zu einer Volkskrankheit geworden, von der immer mehr junge Menschen betroffen sind. Die Autoren Joachim Kunder und Peter Konopka wollen mit ihrem Buch „Diabetes” (BLV Buchverlag, 14,95 Euro) umfassend über das Krankheitsbild und Therapiemöglichkeiten informieren. Ein Serviceteil enthält wichtige Kontaktadressen für Diabetiker.  HAZ070227

Arzneimittel beugt Diabetes vor

   Das Diabetes-Medikament Rosiglitazon kann das Entstehen von Typ2-Diabetes bei gefährdeten Personen verhindern. Zu diesem Ergebnis sind kanadische Wissenschaftler in einer Studie gekommen, die sie jetzt in der der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Lancet” veröffentlichten. Die Forscher behandelten mehr als 5.000 Erwachsene, die schon erhöhte Blutzuckerwerte aufzeigten, mit Rosiglitazon. Die Patienten bekamen drei Jahre lang täglich acht Milligramm des Wirkstoffes oder ein Placebo. In der mit dem Arzneimittel versorgten Gruppe erkrankten nur 280 Patienten an Diabetes,  in der anderen Gruppe 658. Allerdings stellten die Wissenschaftler eine erhöhte Gefahr für Herzbeschwerden bei Einnahme des Medikaments fest. Rosiglitazon erhöht die Empfindlichkeit der Zellen von Leber, Muskulatur und Fettgewebe für Insulin. Die Studienteilnehmer erhielten auch regelmäßig eine Ernährungs- und Bewegungsberatung, denn eine Umstellung der Lebensgewohnheiten für Hochrisikopatienten ist trotzdem unerlässlich. Bis jetzt ist das Arzneimittel nur für die Behandlung von Typ-2-Diabetes zugelassen, nicht aber zu seiner Vorbeugung. luciFAZ060927

Neu für Diabetiker: Insulin zum Einatmen

   Es gibt jetzt in Deutschlands Apotheken für Diabetiker erstmals Insulin zum Einatmen statt zum Spritzen. Das Arzneimittel ist jetzt in der EU und in den USA zugelassen worden.
   Unter dem Namen Exubera kommt das vom US-Pharmakonzern Pfizer, dem französischen Unternehmen Sanofi- Aventis und der US-Firma Nektar Therapeutics entwickelte Medikament in den Handel. Das Mittel ist besonders für Patienten mit Typ-II-Diabetes (Altersdiabetes) geeignet, die ergänzend zu blutzuckersenkenden Tabletten Insulin zu den Mahlzeiten brauchen - das sind immerhin rund sechs Millionen Deutsche. Das rasch wirksame Insulinpulver(für Raucher nicht zugelassen) wird mit Hilfe eines Geräts in Größe eines Brillenetuis inhaliert. Bisher müssen Diabetiker Insulin spritzen.
   Experten reagieren abwartend auf die Innovation. „Die neue Technik kann für einzelne Patienten sinnvoll sein, die Angst vor Spritzen haben”, sagte Professor Harald Klein von der Universitätsklinik Bergmannsheil Bochum. Ob die Kassen das Insulin zum Inhalieren bezahlen, ist noch nicht entschieden. dpaHA060515

Handhabung der Insulin-Pens

    Gerade fortgeschrittene Diabetiker mit Einschränkungen der Sehfähigkeit oder Motorik sollten Insulin-Pens nach deren Handhabung auswählen. Denn oft lässt sich für sie die Dosis des Insulins schwer einstellen, berichtet die Stiftung Warentest in „test” Ausg. 9/2006. Grund seien schwergängige Dosierrädchen oder eine schlechte Dosis- anzeige. Die Stiftung untersuchte 21 Insulin-Pens.  dpaHA060825

Pillenrätsel. Studie: Was Diabetikern nach einer Herzattacke wirklich hilft

    Die Chancen, einen Herzinfarkt zu überleben, stehen für Kranke, die an Altersdiabetes leiden, deutlich schlech- ter als für Menschen ohne die Zuckerkrankheit. In den neunziger Jahren wurde deshalb geprüft, ob die sofortige Gabe von Insulin und Glukose noch während der Akutphase des Infarktes sowie eine mindestens dreimonatige Weiterbehandlung mit Insulin die Überlebenschancen der Diabetiker verbesserte.
   Die als „Digami-1” bekannt gewordene Studie zeigte, dass mehr Patienten mit dem Insulin überlebten und dass vor allem die Patienten profitierten, die noch nie zuvor mit Insulin behandelt worden waren. Dies führte wiederum zu der Frage, ob der Überlebensvorteil an die Insulininfusion während des Infarktes oder an die Nachbehandlung gebunden war. Außerdem war zu prüfen, ob sich dieser Überlebensvorteil auch dann zeigte, wenn die Patienten nicht mit Insulin, sondern mit blutzuckersenkenden Tabletten weiterbehandelt wurden. Da die Digami-1-Studie einige methodische Schwächen aufwies und diese Fragen äußerst interessant erschienen,  wurde die sehr viel umfangreichere Digami- 2-Studie aufgelegt. Die ersten Ergebnisse wurden nun während der 40. Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes in München von Klas Malmberg und Lars Ryden vom Karolinska Hospital in Schweden vorgestellt.
   Die Resultate sind anders als erwartet. Der ursprünglich dokumentierte Überlebensvorteil durch die noch während der Akutphase begonnene und dann weitergeführte Insulinbehandlung konnte in der Digami-2-Studie nicht bestätigt werden. Es konnte auch nicht gezeigt werden, dass eine Infusion mit Insulin und Glukose während der Akutphase irgendwelche Vorteile gegenüber einer normalen Akutbehandlung hatte oder dass sich damit die Zahl an weiteren Infarkten oder Schlaganfällen senken ließ - gleichgültig, ob mit Tabletten oder Insulin weiterbehandelt worden war. Allerdings wurde in der intensiv mit Insulin behandelten Gruppe in der Zeit nach dem Infarkt nicht der angestrebte Zielwert für den Blutzuckerspiegel erreicht. Malmberg und Rydén vermuten, dass die Ärzte aus Angst vor einer gefährlichen Unterzuckerung weniger Insulin verabreicht haben, als laut Studienprotokoll vorgeschrieben war, was die Aussagekraft der Studie einschränkt.
   Auch wenn die unmittelbare Insulininfusion damit zur Zeit wenig interessant erscheint, heißt das nicht, dass kein Wert auf eine gute Einstellung des Blutzuckers gelegt werden muss. Es gilt nach wie vor, dass jeder im nüchternen Zustand gemessene Anstieg des Blutzuckers um drei Millimol pro Liter die Sterblichkeit nach einem Herzinfarkt um zwanzig Prozent erhöht.
   In der Digami-2-Studie wurde auch noch einmal die Wirkung des Metformins überprüft. Seit der vor fünf Jahren veröffentlichten UKPDS-Studie galt der Wirkstoff als lebenswichtig. Die Studie hatte gezeigt, dass Metformin das Risiko für alle diabetesbedingten Komplikationen um ein Drittel senkt - auch das Risiko, an einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall zu sterben. In der Digami-2-Studie konnte dies für den Herzinfarkt nicht bestätigt werden. Auch der immer wieder geäußerte Verdacht, dass die blutzuckersenkenden Sulfonylharnstoffe einen Herzinfarkt verschlimmern könnten, konnte in der neuen Untersuchung nicht bestätigt werden. In den Vereinigten Staaten wird auf diesen Verdacht sogar im Beipackzettel hingewiesen.
 Trotz des enttäuschenden Effekts für die frühe und intensive Insulintherapie war die Sterblichkeit in der Digami-2- Studie geringer als erwartet.
   Malmberg und Rydén führen dies auf die Verwendung der blutdrucksenkenden Betablocker während der Nachbehandlung zurück. Einen günstigen Einfluss haben offenbar auch gerinnungshemmende Substanzen und blutfettsenkende Statine. Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus wurden mehr als achtzig Prozent der Patienten mit einem Betablocker behandelt, mehr als 65 Prozent der Patienten erhielten einen ACE-Hemmer zur Blutdrucksenkung und mehr als 90 Prozent der Patienten nahmen Acetylsalicylsäure (Aspirin) zur Blutverdünnung ein. 65 Prozent der Patienten wurden mit Statinen behandelt, wobei die Zahl der mit Statinen behandelten Patienten während der Studiendauer kontinuierlich gestiegen war.
   Die günstige Wirkung der Betablocker hängt vermutlich unter anderem mit der veränderten Fettverbrennung im Herzmuskel zusammen. Während eines Infarktes oder einer Herzattacke steigt die Zahl der Fettsäuren im Herz- muskel an. Gleichzeitig wird weniger Blutzucker umgesetzt. Fettsäuren kann der Herzmuskel aber nur mit Hilfe von Sauerstoff verbrennen. Glukose wird ohne Sauerstoff umgesetzt. Die steigende Fettverbrennung erhöht also den Sauerstoffmangel im Herzmuskel. Mit der Infusion von Insulin und Glukose wollte man gerade dieser Situation beim akuten Infarkt begegnen. Dies scheint mit Betablockern besser möglich zu sein. Sie drängen die Fettverwertung zurück und fördern den Glukoseumsatz. Früher hat man Betablocker nur zögerlich verschrieben, weil man fürchtete, dass sie eine Unterzuckerung verschleiern und verlängern. Dies ist bei den neuen Generationen von Betablockern aber offensichtlich nicht mehr der Fall. Ihre Bedeutung ist also sogar noch gestiegen. FAZ040908HildegardKaulen

Diab.Pass-xx Wie fettreiche Ernährung zu Diabetes führt

   Warum Fettleibigkeit mit einem erhöhten Diabetesrisiko verbunden ist, blieb bisher ungeklärt. Jetzt haben amerikanische  Wissenschaftler bei Mäusen einen Zusammenhang zwischen fettreicher Ernährung und einem gestörten Zuckerstoffwechsel nachgewiesen. Danach unterdrückt die übermäßige Fettzufuhr  ein Enzym in den Betazellen der Bauchspeicheldrüse. Das hemmt den Zuckertransport in diese Zellen, der nötig ist, um eine dem Blutzuckerspiegel angemessene Menge an Insulin zu produzieren. Genetisch veränderte Mäuse, denen das Enzym ganz fehlte,  erkrankten an Diabetes vom Typ 2. Die erst jetzt entdeckte Bedeutung des Enzyms könnte dabei helfen, neuartige Methoden zur Vorbeugung und Therapie der Zuckerkrankheit zu entwickeln, schreiben die Forscher im Fachblatt „Cell”.
   “Wir haben einen molekularen Auslöser entdeckt, der am Anfang einer Folge von Reaktionen steht, die von erhöhtem Blutzuckerspiegel über Insulinresistenz bis zum Diabetes vom Typ 2 führen”, sagt Jamey Marth, Leiter des Forschungsteams an der University of California in San Diego.
   Die Forscher machten ihre überraschende Entdeckung, als sie so genannte Glykosylierungsreaktionen unter- suchten. Dabei überträgt ein Enzym Zuckermoleküle auf ein Protein. Eines dieser Enzyme, die Glycosyltransferase GnT-4a, ist für die Insulin produzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse von besonderer Bedeutung. Seine Aktivität sorgt dafür, dass ein Protein in der Zellhülle Glukosemoleküle in die Zelle transportieren kann. Dieser Transport wiederum ist notwendig, damit die Betazellen auf einen erhöhten Blutzuckerspiegel reagieren können, indem sie verstärkt das Hormon Insulin freisetzen. Das beschleunigt die Zuckeraufnahme und -verwertung durch andere Körperzellen und senkt damit den Blutzuckerspiegel. Bei Mäusen, denen das GnT-4a-Gen fehlte, erhöhte sich der Blutzuckerwert. In ähnlicher Abfolge wie beim Menschen entwickelten die Tiere dann alle Merkmale eines Diabetes. In weiteren Experimenten stellten die Forscher schließlich fest, dass eine fettreiche Ernährung normaler Mäuse die Aktivität des GnT-4a-Enzyms in den Betazellen  unterdrückte und ihre Glukoseaufnahme hemmte.
  Die epidemieartig zunehmende Zahl von Diabeteserkrankungen in den Industrieländern könnte demnach auf einem ernährungsbedingten Defekt des GnT-4a-Enzyms beruhen, sagt Marth. Außerdem wäre es möglich, dass ein vererbter Gendefekt die Anfälligkeit für Diabetes erhöht. „Wenn sich unsere Befunde auf den Menschen übertragen lassen, würden wir wichtige  Aufschlüsse darüber erhalten, wie Diabetes vom Typ 2 verhindert und behandelt werden könnte“, sagt Marth. Die Forscher wollen nun zunächst bei Mäusen überprüfen, ob die Aktivierung des GnT-4a-Enzyms die Entwicklung von Diabetes verhindern kann.
Links: University of California, San Diego: www.ucsd.edu/
Howard Hughes Medical Institute: http://www.hhmi.org/ Cell: www.cell.com/            
Wissenschaft aktuell.Leonardo.Quelle: Howard Hughes Medical Institute

Achten Sie auf Ihre Füße: Hamburger Diabetes-Experten warnen vor Folgeschäden. Im Mittelpunkt des Weltdiabetestages steht der “diabetische Fuß”. Wird er zu spät erkannt, droht eine Amputation.

   Er entdeckte das Insulin und legte damit den Grundstein für die moderne Therapie des Diabetes. Am 14. November 1891 wurde Sir Frederick Banting geboren. Ihm zu Ehren wird an diesem Tag jedes Jahr der Weltdiabetestag veranstaltet, an dem besondere Aspekte dieser Krankheit thematisiert werden. In diesem Jahr steht eine Folgeerkrankung der Zuckerkrankheit im Mittelpunkt: der diabetische Fuß.
  Gemeint ist damit folgendes: Durch den Diabetes werden die Nerven so geschädigt,  dass die Patienten keine Schmerzen mehr  in den Beinen spüren. So bleiben offene Wunden, die durch zu enges Schuhwerk oder Druck- stellen entstehen, häufig unbemerkt. Hinzu können Durchblutungsstörungen kommen, die auf Grund der Nervenschäden ebenfalls unbemerkt bleiben und dazu führen, dass diese Wunden nicht abheilen. In der Folge kommt es zu Entzündungen und zum Absterben des Gewebes.
  „Viele Patienten gehen erst dann zum Arzt, wenn der Fuß schon vereitert ist, und selbst dann werden viele Wunden nicht rechtzeitig behandelt”, so Dr. Hans-Ulrich Clever, niedergelassener Diabetologe, Sprecher des Netzwerkes „diabetischer Fuß” in Hamburg, einem Verbund unterschiedlicher Fachrichtungen zur Verbesserung der Versorgung dieser Erkrankung. Denn der „diabetische Fuß“ kann fatale Folgen haben. Wird er zu spät erkannt, droht eine Amputation an Füßen oder Beinen. Und dazu gibt es erschreckende Zahlen: „Jedes Jahr werden weltweit eine Million diabetesbedingter Amputationen durchgeführt. Allein in Deutschland sind es jährlich 24.000 bis 31.000 Amputationen”, erklärt Prof. Manfred Dreyer, Diabetologe und Ärztlicher Direktor des Krankenhauses Bethanien, Hamburg. Außerdem gibt er zu bedenken: „Schon 1989 hat die Weltgesundheitsorganisation gefordert, die Zahl der Amputationen bei Diabetikern um die Hälfte zu reduzieren. Doch das ist uns bisher nicht gelungen, weil es immer mehr Diabetiker gibt und Probleme in der Versorgung.”
   „So ließen sich viele Amputationen verhindern, wenn man in der Behandlung solcher Wunden  frühzeitig einen Gefäßchirurgen  mit einbezieht. Durch eine gemeinsame Sprechstunde von Diabetologen und Gefäßchirurgen könnten 40 bis 60 Prozent der Amputationen vermieden werden”, sagt Dr. Wolfgang Tigges, Chefarzt der Chirurgie am Asklepios Westklinikum in Rissen.
    Hinzu kommt das mangelnde Wissen der Patienten um ihre Erkrankung. „In unserer täglichen Arbeit in den Praxen stellen wir immer wieder fest, dass die Patienten über den diabetischen Fuß nicht genügend informiert sind”, so Clever.
   Verbessert hat sich die Versorgung  dieser Erkrankungen bei den Diabetikern, die in so genannte Disease- Management-Progamme (DMP) eingebunden sind.
   „Bei diesen standardisierten Behandlungsprogrammen ist eine jährliche Untersuchung der Füße ausdrücklich vorgeschrieben”, berichtet Clever. Auch im Hinblick auf die Information der Patienten bietet das DMP Vorteile. „Vorgeschrieben ist dort die regelmäßige Schulung der Patienten”, sagt Dreyer.
   Der Haken: Nur 20 bis 30 Prozent aller Diabetiker in Deutschland sind in diese Behandlungsprogramme eingebunden. Dabei sind die Schulungen wichtig, damit die Patienten kleine Bagatellverletzungen wahrnehmen: „Bei diesen Schulungen muss den Patienten unter anderem vermittelt werden: Jeder Diabetiker soll einmal pro Jahr vom Arzt seine Füße untersuchen lassen. Darüber hinaus sollte er regelmäßig selbst seine Füße auf kleine Wunden untersuchen, notfalls mit Hilfe eines Spiegels die Fußsohlen betrachten, um so Verletzungen und Druckstellen rechtzeitig zu erkennen”, fordert Dreyer.
   Außerdem müsse jeder Diabetiker über sein persönliches Risiko informiert sein und wissen, wann er welchen Arzt aufsuchen muss, ergänzt Clever. In der Regel ist die erste Anlaufstelle der Hausarzt, der dann den Patienten an eine diabetologische Schwerpunktpraxis oder an ambulante oder stationäre interdisziplinäre Fußambulanzen weiterleitet.
   Auch die Schulungen können über die Ärzte in Anspruch genommen werden. „Die Basisschulungen für Patienten, die kein Insulin spritzen müssen, werden in der Regel von Hausärzten durchgeführt. Für insulinpflichtige Diabetiker bieten diabetologische Schwerpunktpraxen spezielle Schulungen an. Stationäre Schulungen gibt es in Hamburg im Krankenhaus Bethanien”, erklärt Clever. Adressen für alle Versorgungsangebote für Diabetiker sind beim Hamburger Landesverband des deutschen Diabetikerbundes erhältlich: Tel.: 2000 - 43 80 oder im Internet unter www.diabetikerbund-hamburg.de
   Dort erhältlich ist (für 4,49 Euro, inkl. Versand, für Mitglieder kostenlos) auch ein Diabetikerpass, in dem alle Untersuchungen und Ergebnisse dokumentiert werden. So kann jeder Arzt schnell feststellen, ob der Diabetes seines Patienten gut eingestellt ist.
   Denn das Risiko schwerer Folgeschäden wie diabetischer Fuß, Nieren- und Augenschäden lässt sich durch eine gute Stoffwechseleinstellung erheblich reduzieren. „Auskunft über eine dauerhafte gute Einstellung des Blutzuckers gibt der sogenannte HbAlc-Wert im Blut. Der Blutzuckerspiegel sollte vor den Mahlzeiten zwischen 100 und 140 Milligramm Prozent liegen”, erläutert Clever. Die Forderungen für ihre Patienten, die die Experten mit dem Weltdiabetestag verbinden: Das Recht auf Untersuchung, das Recht auf Schulung, das Recht auf Wissen und das Recht auf die Zweitmeinung eines weiteren Arztes, wenn eine Amputation droht. CorneliaWernerHA051112

Bei Diabetes auch die Fußsohlen kontrollieren

   Kribbelt oder brennt es in den Fußsohlen eines Diabetikers, kann das auf einen Nervenschaden deuten. Spätestens dann ist es besonders wichtig, dass der Betroffene seine Füße täglich - auch von unten - kontrolliert, sagt Prof. Dan Ziegler vom Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf. Denn je länger die Krankheit andauert, desto größer sei die Gefahr, an einem diabetischen Fußsyndrom zu erkranken, berichtet die „Neue Apotheken Illustrierte”. HA081015dpa

Immer mehr Amputationen

   Die Zahl der Bein- und Fußamputationen nimmt in vielen Industriestaaten ebenso wie in Entwicklungsländern immer mehr zu, weil sich die Zuckerkrankheit weiter ausbreitet. Inzwischen wird alle halbe Minute irgendwo auf der Welt ein diabetischer Fuß abgetrennt.
      Das berichtet eine internationale Forschergruppe in der Zeitschrift „Lancet” Bd.366, S.1719. Schätzungsweise zweihundert Millionen Menschen leiden an der Zuckerkrankheit, und jeder sechste, in manchen Ländern jeder vierte, leidet nach einigen Jahren an Durchblutungsstörungen und Schädigungen der Nervenbahnen in Bein und Fuß. Allein in Deutschland kommt es nach Erhebungen von Gefäßchirurgen deshalb zu bis zu 20.000 Amputationen jährlich. Ein großer Teil davon ist nach Überzeugung der Mediziner leicht zu verhindern. Oft würden die ersten Anzeichen von Taubheit und Bewegungsstörungen in den Gliedern nicht rechtzeitig erkannt, weil viele Patienten, aber auch die Ärzte nicht rechtzeitig und regelmäßig nach einer Diabetes-Diagnose auf diese Alarmzeichen achten würden. Während in Osteuropa immer öfter Menschen mit fortgeschrittenem diabetischem Fuß in Kliniken lande- ten,  sei die Situation in Deutschland seit Jahren unverändert. In wenigen europäischen Ländern wie Italien und den Niederlanden sei die Zahl der Amputationen rückläufig. FAZ051117 

Erfolge im Kampf gegen den diabetischen Fuß

   In der Stadt Leverkusen sind die auf Diabetes zurückzuführenden Amputationen zwischen 1990 und 2005 um rund 37 Prozent zurückgegangen. Ermittelt wurden die Zahlen von Christoph Trautner von Mediane Consulting (Berlin) und der Fachhochschule Braunschweig/Volfenbüttel. Trautner, der die Ergebnisse bei der Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft vorstellte, führt die Verbesserung auf die professionellere Versorgung der Kranken zurück. In Leverkusen wurden zwei Schwerpunktpraxen für Diabetiker, eine Station im Krankenhaus und eine Fußambulanz eingerichtet. Jährlich werden in Deutschland wegen einer Diabetes-Erkrankung etwa 50.000 Fuß- oder Zehenamputationen vorgenommen.  Es  wird  erwartet, dass  die  Zahl  der Operationen stark wächst. Insgesamt leiden 400.000 Deutsche an einem diabetischen Fußsyndrom, das etwa bei jedem Zehnten von ihnen zur Amputation führt. Die Fußnerven von Diabetikern sind oft ebenso geschädigt wie die Blutgefäße. Verletzungen spürt man nicht mehr, die unbehandelte Wunde ist schlecht durchblutet und heilt daher nur langsam. Kommen Infektionen hinzu, so können sich Geschwüre bilden, und das Gewebe kann zerstört werden. Die Aufklärung der Patienten und die Inspektion der Füße durch den Arzt können vor diesem Schicksal bewahren. Wie in Leverkusen, so konnte auch in Köln das „Netzwerk Diabetischer Fuß”, dem auch Fußpfleger und Orthopädie-Schuhmacher angehören, Erfolge erzielen. Die Rate der schwerwiegenden Amputationen oberhalb des Knöchels wurde halbiert. mlsFAZ070519

Fußambulanz für Diabetiker in Alsterdorf

   Eine Fußambulanz für Diabetiker wurde jetzt im Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf (EKA) eröffnet. „Nach dem Beispiel einiger weniger Fußambulanzen in Hamburg Süd und West sowie in anderen Städten  bieten wir jetzt  eine solche für den Norden Hamburgs an”, sagt Dr. Georg Poppele, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin am EKA. Neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehöre das diabetische Fußsyndrom zu den Hauptgefährdungen bei Diabetes. Deswegen geht es in der neu eingerichteten Sprechstunde nicht nur um die Behandlung des diabe- tischen Fußes, sondern auch um Maßnahmen der Vorbeugung. Um die Patienten optimal zu versorgen, arbeiten dabei Experten unterschiedlicher Fachrichtungen eng zusammen.
  Zum Team gehören ein Diabetologe, ein Internist, ein Chirurg, eine Krankenschwester, eine medizinische Fuß- pflegerin und ein orthopädischer Schuhmacher. Die interdisziplinäre Sprechstunde ist jeden Donnerstag von 17 bis 19 Uhr geöffnet. Patienten, die sich dort behandeln lassen möchten, werden gebeten, sich unter Telefon 040 - 50 77 32 02 anzumelden. cwHA060902

ProfStahl-    Prof. Dr. Rolf A. K. Stahl, Direktor III. Med. Klinik UKE

Wie hoch ist das Risiko für Diabetiker, eine Nierenerkrankung zu bekommen?

   Etwa 20 Prozent aller Typ-2-Diabetiker bekommen eine Nierenerkrankung. Wenn man sie nicht frühzeitig behandelt, verlieren viele endgültig ihre Nierenfunktion. Für uns sind die Typ-2-Diabetiker heute die Patientengruppe, die fast 50 Prozent aller Dialysepatienten ausmachen.
Prof. Dr. Rolf A. K. Stahl, Dekan und Direktor der III.  Medizinischen Klinik, Nephrologie UKE.

Diabetes schon früh programmiert

   Diabetes wird bereits im Mutterleib programmiert: Wissenschaftler der Berliner Charite konnten erstmals in einer Studie nachweisen, dass die Resistenz gegen Insulin schon beim Neugeborenen vorhanden ist und nicht unbedingt erst im Verlauf des Lebens etwa als Folge falscher Ernährung erworben wird.
    Insulinresistenz ist eine Vorstufe von Typ-2-Diabetes und begünstigt zudem Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Basis der Studie war die vor rund 15 Jahren formulierte These, dass es einen Zusammenhang zwischen geringem Geburtsgewicht und der Neigung zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen gibt: Je leichter das Baby ist, um so höher ist dessen späteres Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt, Herzrhythmusstörungen oder Diabetes mellitus vom Typ 2. Verantwortlich sind vermutlich kurze Programmierungsphasen in der Entwicklung des Fötus, in denen Stoffwechselfunktionen für den Rest des Lebens eingestellt werden. HAap061216

Hoffnung bei Diabetes

  Im Kampf gegen die Zuckerkrankheit hoffen Mediziner auf ein kürzlich entdecktes Hormon. Adiponektin sei für die Entstehung von Diabetes 2 („Altersdiabetes”) mitverantwortlich, sagte der Vize-Präsident der Europäischen Dia- betes Gesellschaft, Prof. Eberhard Standl.  Es sei „kaum zu glauben, dass die Wirkung so lange nicht entdeckt wurde.” In München nahmen etwa 12.000 Experten beim weltgrößten Diabetes-Kongress Teil. NOZ040906HA040906

Ratgeber zum Thema Diabetes

   Wer an Diabetes erkrankt ist, tut gut daran, auf seinen Körper zu achten. So fördern sportliche Aktivitäten und eine vollwertige, vitaminreiche Ernährung die Gesundheit und erhöhen die Lebensqualität. Informationen zu diesen und weiteren Themenbereichen enthält der neue, kostenlose „Ratgeber zum Thema Diabetes” der Pharmafirma Ratiopharm. Das Heft kann im Internet unter: www.ratio-pharm.de, per eMail unter: ratiopharm@gkk.de oder per Telefax unter: (0 18 05) 21 20 70 angefordert werden. HAZ050531

Diabetes - Gefäßerkrankung. Hohes Risiko für Herzinfarkt: Der Blutzuckerwert ist nicht alles

   Diabetes mellitus hat heute einen anderen Stellenwert als noch vor einigen Jahren. Das liegt daran, dass inzwischen fast jeder zehnte Deutsche an Diabetes vom Typ 2 leidet und dass außerdem die komplexe Pathologie  dieser Erkrankung stärker ins Blickfeld gerückt ist. Diabetes muss von Anfang an als eine Gefäßerkrankung mit allen dazugehörigen Komplikationen betrachtet werden. Das legen auch die statistischen Zahlen auf ein- drucksvolle Weise nahe. Weit mehr als zwei Drittel aller Diabetiker sterben an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Alle neunzehn Minuten erleidet ein Diabetiker in der Bundesrepublik einen Herzinfarkt.
   Der Infarkt ist oftmals das erste Anzeichen für die Störung im Zuckerstoffwechsel. Das macht deutlich, dass bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen viel gezielter als bisher nach einer zu Grunde liegenden Zuckerkrankheit oder ihren Vorstufen gefahndet werden muss. Wer also die Krankheit allein auf den Blutzuckerwert reduziert, unterschätzt ihre Bedeutung für das Gesamtbefinden des Patienten in grober Weise. Das ist auch das Fazit einer von Christoph Rosak vom Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt am Main organisierten Konferenz zum Thema Diabetes und Herz, die in Neu Isenburg stattgefunden hat.
    Ursache für die klinisch bedeutsamen Gefäßveränderungen beim Typ-2-Diabetes sind die frühen Schwankungen im Blutzuckerspiegel. Diese Schwankungen führen lange vor der eigentlichen Diagnose dazu, dass die Innenwand der Gefäße geschädigt und in ihrer Funktion eingeschränkt wird. Das hat wiederum zur Folge, dass sich komplexe Ein- und Ablagerungen bilden, die beim Diabetiker schneller als beim Gesunden zu einem Verschluss der Gefäße führen. Der schnelle Gefäßverschluß beruht zudem auf einer erhöhten Blutungsneigung und darauf, dass beim Typ- 2-Diabetiker neben den Werten für den Blutzucker und den Blutdruck meist auch die Werte für die Blutfette so wie das Körpergewicht erhöht sind. Das ergibt ein gefährliches Quintett an Risikofaktoren,  das auch als metabolisches Syndrom bezeichnet wird.
   Wie Diethelm Tschöpe vom Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen sagte, bedingen sich diese Risikofaktoren gegenseitig. Sie sind nicht die gerade Endstrecke einer einzigen Erkrankung. Deshalb genügt es beim Typ-2-Diabetes auch nicht, nur die Konzentration des Blutzuckers zu senken. Wenn den Folgeerkrankungen vorgebeugt werden soll, müssen auch die anderen Werte normalisiert werden. Tschöpe plädierte deshalb für eine integrierte Versorgung dieser Patienten durch Gefäß-, Herz- und Diabetes-Spezialisten von Anfang an.
  Dass eine umfassende Therapie und die strikte Festlegung von Zielwerten für Blutzucker, Blutdruck und Blutfette das Risiko eines Diabetikers für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auf die Hälfte senken kann, wurde mit der Steno-Studie belegt. Schon die großen prospektiven Studien der neunziger Jahre hatten gezeigt, dass eine Senkung des Blutzuckerniveaus um sieben Prozent die Zahl der diabetischen Folgeschäden deutlich verringert. Wie Christoph Rosak bei der Veranstaltung erläuterte, wurden in der Steno-Studie Diabetiker mit einem hohen Risiko für Gefäß- und Organschäden behandelt. Bei einem Teil der Patienten ging man konventionell, beim anderen Teil intensiver vor.
  Zu der intensivierten Therapie gehörten eine konsequente Diät- und Bewegungsberatung, die Einnahme von blutdrucksenkenden und gerinnungshemmenden Medikamenten sowie ein Stufenschema zur Senkung des Blutzuckerwertes. Während beide Gruppen anfangs noch ähnlich gut abschnitten, traten mit der Zeit die Vorteile der intensivierten Therapie immer deutlicher zutage. Das äußerte sich vor allem in einem verminderten Risiko, einen Infarkt zu erleiden. Außerdem traten weniger Augenerkrankungen und Nierenschäden auf.
   Diabetes ist eine Erkrankung mit hoher Dunkelziffer. Viele Menschen wissen nichts von ihrem Leiden und kennen auch nicht das Ausmaß der Gefäßschäden. Rolf Dörr von der Praxisklinik in Dresden stellte Verfahren vor, mit denen diese Schäden frühzeitig erfasst werden können. Als ungeeignet hat sich das Elektrokardiogramm im Ruhezustand oder unter Belastung erwiesen. Geeignet sind dagegen die Stress-Echokardiographie sowie die Myokard- Szintigraphie. Einer Studie zufolge, bei der die Myokard-Szintigraphie angewendet wurde, hat jeder vierte bis fünfte Diabetiker ohne jegliche Herzbeschwerden bereits eine schwerwiegende koronare Herzerkrankung und ist infarktgefährdet. Daher mahnte Dörr, nicht auf das Auftreten von Herzbeschwerden zu warten, sondern sofort mit einer angemessenen Behandlung zu beginnen. Dass Diabetes mellitus eine Erkrankung ist, die von Anfang an das Herz bedroht, wird von der Bevölkerung erst allmählich wahrgenommen. Eine öffentliche Kampagne zur Prävention von Übergewicht und Typ-2-Diabetes,  ähnlich der Kampagne gegen Aids, könnte helfen, das Bewusstsein für das Gefahr zu schärfen.  HKaulenFAZ040324

Altersdiabetes nimmt stark zu

    In Deutschland droht eine Diabetes-Epidemie: Schon heute sind mehr als sechs Millionen Menschen in der Bundesrepublik am so genannten Altersdiabetes vom Typ II erkrankt, wie die Europäische Diabetesgesellschaft (EASD) vor ihrer Jahrestagung in München berichtete. Bis 2020 seien zehn Millionen Patienten zu erwarten. Der jüngste Typ-II-Diabetiker sei ein fünfjähriger, übergewichtiger Junge in Leipzig, sagte EASD-Vizepräsident Eberhard Standl.  apHA040903

Altersdiabetes

    Forscher haben eine mögliche Ursache von Altersdiabetes entdeckt. Wissenschaftler des Deutschen Institutes für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam fanden heraus, dass der Mangel an einem bestimmten Protein eine Reaktion auslöst, die letztendlich dazu führt, dass die Bauchspeicheldrüse weniger Insulin produziert. Kennzeichen von Diabetes mellitus ist der Verlust insulinproduzierender Betazellen in der Bauchspeicheldrüse. Diese Betazellen sind darauf angewiesen, dass ein Gleichgewicht herrscht zwischen reduzierenden und oxydierenden biochemischen Reaktionen. Für dieses Gleichgewicht spielt das Protein Frataxin eine wichtige Rolle. Schalteten die Forscher bei Mäusen die Erbanlage für das Eiweiß in Zellen der Bauchspeicheldrüse aus, erkrankten die Tiere bei fortschreitendem Diabetes mellitus.   Das Fehlen von Frataxin ist auch charakteristisch für die so genannte Friedreich-Ataxie. Bei dieser neurovegetativen Erkrankung führt der Mangel an dem Eiweiß zum Abbau von Nervengewebe und unter Umständen ebenfalls zu Diabetes. Gegenwärtig leiden etwa 150 Millionen Menschen an Diabetes mellitus.  AP/NOZ031108  

Statine bei Diabetes

   Statine senken bei Patienten mit Altersdiabetes das Risiko für Erkrankungen der Herzkranzgefäße deutlich. Die Einnahme der Cholesterinsenker ist einer britisch-irischen Studie zufolge für Diabetiker auch sinnvoll, wenn sie keine erhöhten Cholesterinwerte aufweisen. Studienleiterin Helen Colhoun plädierte in der Zeitschrift „The Lancet” grundsätzlich für die Gabe von Statinen an Patienten mit Altersdiabetes, unabhängig vom Cholesterinwert. apHA040905

Diabetesrisiko. Die Ernährung beeinflusst unser Diabetesrisiko mehr als bisher angenommen.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass intramuskuläres Fett die Wirkung des Hormons Insulin verringert.
Das kann der Beginn von Diabetes 2 sein.

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Angst vor Süßem? Zucker hat viele bittere Seiten

  Immer mehr Menschen leiden unter der Stoffwechselkrankheit Diabetes, die zu schweren Folgeschäden führen kann. Bei der 39. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft in Hannover diskutierten Mediziner, Gesundheitsfachleute und Patienten über Möglichkeiten der Vorsorge und Therapie.
   Die Angst vieler Diabetiker vor süßen Früchten ist unbegründet. Der Zucker, der in vielen Obstsorten ungefähr zur Hälfte als Fruchtzucker vorliegt, erhöht den Blutzucker in der Regel kaum. Das schreibt die Apotheken- Zeitschrift “Diabetiker-Ratgeber”. Die Blutzucker steigernde Wirkung der restlichen Kohlenhydrate - meist Trauben- und Rohrzucker - wird oft von Ballaststoffen gebremst. Obst besitzt insgesamt einen viel zu hohen Wert für eine gesunde und ausgewogene Ernährung, als dass Diabetiker darauf verzichten sollten. Sie müssen allerdings die Obstsorten kennen, die sehr viele schnell verfügbare Kohlenhydrate liefern. Dazu gehören Weintrauben, Kirschen, Ananas und sehr reife Bananen. HAZ030930
Viel Obst bei Diabetes
   Die richtige Ernährung kann dazu beitragen, Diabetes zu vermeiden. Wer viel frisches Obst isst, aber Limonade, Bier und Fleisch nur in geringen Mengen zu sich nimmt, verringere sein Diabetesrisiko um bis zu 80 Prozent, teilt die Deutsche Diabetes-Gesellschaft mit. Auch Hülsenfrüchte und Weißbrot sollten nur in Maßen verzehrt werden. Am wichtigsten sei es, wenig Fett zu sich zu nehmen. dpaHA070322
Vollkorn senkt Diabetes-Risiko
   Der Verzehr von Ballaststoffen aus Vollkornprodukten schützt vor Typ-2-Diabetes. Dagegen beeinflussen Ballaststoffe aus Obst und Gemüse das Risiko nicht, zeigt eine Studie des Instituts für Ernährungsforschung Potsdam.
   Die Wissenschaftler werteten die Daten von mehr als 26.000 Teilnehmern aus und analysierten zusätzlich die Resultate neun weiterer Untersuchungen. Studienteilnehmer, die viel Vollkornprodukte oder Müsli aßen, hatten im Vergleich zu Testpersonen mit dem geringsten Verzehr ein um 28 Prozent verringertes Diabetes-Risiko. Der Konsum von Ballaststoffen aus Früchten oder Gemüse sowie eine hohe Magnesiumaufnahme senkten das Erkrankungsrisiko nicht nennenswert.
   Die Auswertung der neun anderen Studien bestätigte die Ergebnisse. Nach diesen Untersuchungen senkte aber auch eine hohe Magnesiumaufnahme das Risiko um bis zu 23 Prozent.   apHA070530

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  Immer mehr Menschen leiden an Diabetes Typ 2. Beim Kongress der internationalen Diabetesföderation in Paris gingen die Experten kürzlich von weltweit 194 Millionen Patienten aus. Für das Jahr 2025 rechnen sie sogar mit 324 Millionen Typ-2-Diabetes. Der Pariser Diabetologe Arnaud Basdevant macht für diesen erwarteten Anstieg die dramatische Änderung der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten verantwortlich. Insbesondere in Schwellenländern in Asien, Südamerika und Afrika könnten zunehmende Bewegungsarmut und Fehlernährung zu einem drastischen Anstieg der Bevölkerungsanteile mit Übergewicht (Adipositas) führen. Übergewicht sei einer der wesentlichen Auslöser eines Typ-2-Diabetes. Der Adipositas-Prävention müsse daher Priorität eingeräumt werden, so Basdevant.
    Wie Übergewicht die Entstehung eines Typ-2-Diabetes begünstigen kann, ist weitgehend bekannt: Körperfett, insbesondere der Fettansatz in der Taille, verschlechtert den Glukosestoffwechsel. Das Insulin, das normalerweise Glukose als Energielieferant in die Zellen schleust, wirkt nur vermindert. Dieser Zustand wird “Insulinresistenz” genannt. Anfangs bleibt bei den Betroffenen nur der sprunghafte Anstieg des Insulinspiegels direkt nach den Mahlzeiten aus. Später versagt auch die Fähigkeit der so genannten Betazellen in der Bauchspeicheldrüse zur Insulinproduktion. Bewegung könne diesem Prozess der Krankheitsentstehung entgegenwirken, erklärt Prof. Stephan Matthaei, Chefarzt am Diabeteszentrum Quakenbrück.  “Durch Muskelarbeit gelangt vermehrt Zucker in die Zelle, ebenso wie durch Insulin. Die Muskel-Kontraktion setzt dabei den gleichen molekularen Mechanismus in Gang wie Insulin. Der Patient wird insgesamt empfindlicher für Insulin.”
   Fettreiche Ernährung dagegen fördert das schlechte Ansprechen der Zellen auf das Insulin. Das liege im Wesentlichen daran, dass Körperfett ebenso wie der Blutzucker als Energielieferant für die Zellen diene, sagt Stephan Jakob, ärztlicher Direktor der Albert-Schweitzer-Klinik in Königsfeld: “Vor allem in Stress-Situationen wird das Fett schnell abgebaut, indem es herausgelöst wird und in Form von freien Fettsäuren in die Blutbahn gelangt. Am Zielorgan, insbesondere am Muskel, konkurrieren schließlich die freien Fettsäuren und der Blutzucker um die Energieversorgung.” Das habe zur Folge, dass bei Übergewichtigen schon Jahre vor der Entdeckung eines Typ-2- Diabetes die Zuckeraufnahme in die Gewebe reduziert sei und leicht erhöhte Blutzuckerspiegel aufträten.
   Laut Jacob sind mehr als 90 Prozent aller Patienten mit Typ-2-Diabetes stark übergewichtig. Dennoch scheint Übergewicht allein keine unabdingbare Voraussetzung für die Diabetesentstehung zu sein. So wurde in einer Studie an der Universität Tübingen festgestellt, dass “gesunde” Nachkommen von Typ-2-Diabetikern häufig bereits Störungen im Glukosestoffwechsel haben - auch wenn sich diese noch nicht als erhöhte Blutzuckerwerte messen lassen.  So sei bemerkenswert, das immerhin 40 Prozent der untersuchten Normalgewichtigen eine Störung der Insulinwirkung aufwiesen.
   Neueste Untersuchungen liefern dafür einen Erklärungsansatz: Anscheinend spielt nämlich nicht nur das Körperfett eine Rolle bei der Entwicklung einer Insulinresistenz, sondern auch Fett-Tröpfchen, die direkt in der Muskelzelle liegen und somit am Muskel unmittelbar mit dem Blutzucker um die Energieversorgung konkurrieren. Jakob: “Unsere Untersuchungen an der Universität in Tübingen haben gezeigt, dass die Insulinwirkung um so geringer ist, je mehr Fett im Muskel festzustellen ist.” Diese Insulinresistenz sei selbst bei Gesunden durch fettreiche Ernährung relativ schnell herzustellen. So berichtete Jacob von einem Versuch, bei dem gesunde Studenten über drei Tage entweder fett- oder kalorienhydratreich ernährt wurden. Bei gleicher Kalorienmenge und un- verändertem Körpergewicht fand sich bei den Probanden, die Hamburger, Pizza und Frittiertes gegessen hätten, deutlich mehr intramuskuläres Fett.
   Eine weitere Tübinger Untersuchung zusammen mit Sportmedizinern brachte allerdings auch Erfreuliches zu Tage: Das intramuskuläre Fett lässt sich laut Andreas Niess, Oberarzt an der Sportmedizinischen Abteilung der Universitätsklinik Freiburg,  durch moderate Ausdauerbelastung wieder reduzieren. Eine länger andauernde Belastung wie ein Marathonlauf führt zu einem noch stärkeren Rückgang des intramuskulären Fettes. Zugleich konnten die Mediziner nachweisen, dass Belastungen im höheren Bereich keinen Effekt auf den Abbau dieser Fette hatten. Niess folgerte daraus, dass man mit einem moderaten Freizeitsport schon gute Effekte erzielen kann und niemand befürchten muss, sich zu überanstrengen. Es genüge also, moderate Bewegung in den Alltag einzubauen: Treppen steigen statt Aufzug fahren und mit dem Rad zur Arbeit statt mit dem Auto.
   Neben der sportlichen Betätigung kann offenbar auch eine Reihe von Medikamenten die Neuentstehung eines Typ-2-Diabets verhindern. So berichtete Jean-Louis Chiasson aus Kanada von verschiedenen Ansatzpunkten. Mit Metformin etwa, einem Wirkstoff,der die Zuckerproduktion der Leber abbremst, lasse sich die Neuentstehungsrate um 31 Prozent senken. Acarbose, ein Wirkstoff, der die Glukoseaufnahme aus dem oberen Dünndarm vermindert, schafft 35 Prozent Risikominderung. Und die neuere Wirkstoffklasse der Glitazone, Medikamente, die die Empfindlichkeit der Körperzellen für Insulin steigern und der Insulinresistenz direkt entgegenwirken, komme gar auf eine Erfolgsrate von 50 Prozent. MartinWiehlHAZ031202Nordphoto

   Mit rund sechs Millionen Betroffenen ist die Stoffwechselerkrankung Diabetes auch in Deutschland längst zur Volkskrankheit geworden. Bei der 39. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DGG) in Hannover standen Themen wie Vorsorge, Desease Management Programme (DMPs), biomedizinische Entwicklungen, neue Medikamente und Therapie-Möglichkeiten der Zukunft im Mittelpunkt. Rund 6.000 Teilnehmer besuchten an drei Tagen die Vorträge, Workshops und Diskussionsforen im Convention Center der Hannover Messe. Gleichzeitig feierte die DGG ihr 40. Gründungsjubiläum.
   Diabetes mellitus, die „Zuckerkrankheit”, ist bei den Ärzten schon lange bekannt. Seit einigen Jahren beobachteten Experten jedoch vor, allem in Industrieländern einen Besorgnis erregenden Anstieg - insbesondere bei Kindern. Die Deutsche Diabetes Union schätzt, dass die Dunkelziffer die bekannten Fälle weit überschreitet. Eine Hochrechnung geht sogar davon aus, dass sich die Anzahl der Diabetiker bis 2025 noch verdoppeln könnte.
Kampagne für Insulinbehandlung
   Mit der Kampagne „Besser leben dank Insulin” wollen die Deutsche Diabetes Gesellschaft, der Deutsche Diabetiker Bund, der Kirchheim Verlag,  das Internet-Portal www.diabetes-world.net sowie die Pharmafirmen Aventis und Pfizer jetzt für eine optimale Einstellung von Diabetikern werben. „Wir hoffen, dass die Kampagne dazu beiträgt, Barrieren in den Köpfen von Betroffenen und behandelnden Ärzten abzubauen”, erklärt Volker Krempel vom Deutschen Diabetiker Bund.  Studien zufolge hätten 74 Prozent  der Typ-II-Diabetiker zu hohe Blutzuckerwerte. Nach den Empfehlungen der DGG sollte der so genannte HbA1c-Wert nicht über 6,5 Prozent liegen. Allein mit blutzuckersenkenden Tabletten könnten die Patienten aber nicht dauerhaft gut eingestellt werden.
   Nach den DGG-Leitlinien sollte auf Insulininjektionen umgestellt werden, wenn der HbA1cic-Wert mehr als drei Monate über sieben Prozent steigt. Vorbehalte gegen die Insulintherapie sind einer Studie der Ludwig-Maximilian- Universität München zufolge häufig irrational. So fürchteten laut Prof. Burkhard Göke 25 Prozent der befragten Patienten Schmerzen bei der Injektion oder der nötigen Blutzuckermessung. Vier- bis fünfmal am Tag den Blutzuckerspiegel zu kontrollieren, sei schon lästig, bestätigt der hannoversche  Diabetiker  Horst K. (63). „Aber durch das Insulin hat man auch etwas mehr Freiheit beim Essen, Folgeerkrankungen werden unwahrscheinlicher - und ich habe sechs Kilo abgenommen.”
Probleme mit Spätfolgen
   Insbesondere die Folgeerkrankungen sind es, die den Medizinern zu schaffen machen. Bleibt ein Diabetes nämlich unerkannt oder ist der Blutzuckerspiegel über längere Zeit hinweg nicht optimal eingestellt, leidet das Gefäßsystem, und Herzinfarkte, Nierenversagen, Erblindungen, Schlaganfälle und Fußamputationen können die Folge sein. So erleidet in Deutschland alle zwölf Minuten ein Diabetiker einen Schlaganfall, alle 19 Minuten wird ein diabetischer Fuß amputiert. Beim Kongress in Hannover fand auch eine „Nationale Diabeteskonferenz” statt, bei der Ärzte, Pharmaindustrie, Krankenkassen und Patientenvertreter über die künftigen Ziele in der Versorgung von Diabetikern diskutierten. Je früher die Krankheit erkannt werde, desto besser seien die Chancen. Deswegen müsse Prävention künftig größere Priorität haben, hieß es.
Therapie mit der ganzen Familie
   Vor allem bei Kindern mit Diabetes sollte die Familie an einem Strang ziehen, fordert Karin Lange, Psychologin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Weil die kleinen Typ-I-Diabetiker oft noch nicht in der Lage seien, mehrfach täglich ihren Blutzucker zu kontrollieren und den Insulinbedarf darauf abzustimmen, müssten in der Regel die Mütter einspringen, sagt Lange. „Gerade bei den jüngeren Kindern bedeutet die Diagnose Diabetes  für fast die Hälfte der Mütter ein Ende der Berufstätigkeit.” Lehrer und Kindergärtner würden oft gerne helfen, recht- lich sei jedoch unklar, wer die Verantwortung übernimmt. Die Arbeitsgemeinschaft für pädiatrische Diabetologie hat daher zwei neue Broschüren erstellt, die Lehrer und Erzieher in Kindergärten über die Anforderungen der Diabetestherapie informieren.
Immer mehr junge Diabetiker
   Als „erschreckend” bewerten die Experten Zahlen, wonach Diabetiker beiden Typs unter den Kindern und Jugendlichen zunehmen. In den vergangenen zehn Jahren habe sich das Auftreten des Typ-I-Diabetes in Deutschland bei Kindern bis 14 Jahren von sieben auf 14 Fälle pro 100.000 verdoppelt, berichtete Prof. Thomas Danne vom Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Damit sei eines von 600 Kindern betroffen. „Durch neue Behandlungsmöglichkeiten hat sich die Langzeitprognose in den letzten Jahren aber deutlich gebessert”, betonte Danne. Auch bei früh erkrankten Kindern könnten daher Spätfolgen heute in der Regel vermieden oder stark hinausgezögert werden. Das setze jedoch eine gute, langfristige Blutzuckereinstellung von Anfang an voraus.
   Ein relativ neues Problem ist für Prof. Hellmut Mehnert vom Diabetes Forschungsinstitut in München die Zunahme der jugendlichen Typ-II-Diabetiker. „Bis vor wenigen Jahren schien es dieses Problem noch nicht zu geben”, sagt er. „Jetzt hat es rapide zugenommen.” So hätten in den USA inzwischen 0,4 Prozent aller zwölf- bis 19-Jährigen Diabetes Typ II, und auch in Europa nähmen die Fälle zu. Jüngstes Beispiel ist ein fünfjähriger Junge aus Leipzig, bei dem kürzlich Typ-II-Diabetes diagnostiziert wurde. Für Mehnert ist vor allem mangelnde Bewegung Ursache der dramatischen Entwicklung. Er plädiert daher gerade bei den Jüngsten für Änderungen des Lebensstils als ersten Therapieschritt. „Studien haben gezeigt, dass das allein bei 58 Prozent eine Verbesserung bringt”, erklärt er. Wenn das nicht ausreicht, setzen die Ärzte bei Kindern statt Insulin, das den Hunger verstärkt, den oralen Wirkstoff Metformin ein, der jetzt auch in Deutschland offiziell für Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren zugelassen wurde.
Neue Medikamente und Therapien
   Als weiterer Themenkomplex wurden beim Kongress alle wichtigen Neuerungen bei der Diabetestherapie vorgestellt. So wird in absehbarer Zeit ein inhalierbares Insulinspray auf den Markt kommen, das einer bestimmten Gruppe von Diabetikern die Spritze ersparen könnte. Rund zehn Prozent der Typ-I-Diabetiker nutzen zudem bereits Insulinpumpen, die per Knopfdruck Insulin in die Haut abgeben. Sie sind vor allem dann sinnvoll, wenn die Blutzuckerwerte stark schwanken oder die Patienten wechselnden körperlichen Belastungen ausgesetzt sind. Interessante neue Medikamente seien insbesondere die glukagonähnlichen Peptide, erläutert Prof. Michael Nauck, leitender Arzt des Diabeteszentrums Bad Lauterberg. Diese Abkömmlinge eines natürlichen Darmhormons können den Blutzuckerspiegel regulieren und gleichzeitig den Appetit hemmen. Ähnlich wirken die „Exenatide”, die aus dem Speichel einer amerikanischen Echsenart lesen Sie dazu unseren Bildbericht > Forschung isoliert wurden, und die Liraglutide.
Knackpunkt Lebensstil
   Letztendlich würden alle diese Medikamente aber nur gebraucht, weil der Mensch seinen Lebensstil nicht ändern könne oder wolle, betont Prof. Peter Bottermann, ärztlicher Generalsekretär der DGG. „Das ist die Kapitulation vor unserer Trägheit.” Als Präventionsmaßnahmen empfiehlt seine Gesellschaft rechtzeitige Gewichtsreduktion, regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung, um die Wirksamkeit des Insulins wieder zu verbessern. Wer beispielsweise jeden Tag zwei Prozent zusätzliche Energie zuführt,  baut in einem Jahr etwa 2,5 Kilogramm Fettgewebe auf. Bei einem achtjährigen Kind reichen für diese Gewichtszunahme bereits ein bis zwei Stückchen Schokolade, die täglich über den Bedarf hinaus gegessen werden. NicolaZelnnerHAZ040525

Mit Bewegung Diabetes bekämpfen

   Die meisten Diabetiker können nach einer Studie des Heidelberger Sportwissenschaftlers Gerhard Huber ihre Krankheit selbst wirkungsvoll bekämpfen. „Diabetes mellitus Typ 2 ist tatsächlich eine Krankheit, der man regel- recht davonlaufen kann", sagte Huber. Die positive Wirkung von Bewegung auf die meisten Krankheiten sei bekannt. „Bei Diabetes kann durch ausreichende Bewegung aber tatsächlich die Uhr zurückbewegt werden", berichtete Huber von einem Pilotprojekt der Krankenkasse DAK. HA090520dpa

Diabetes-Mittel soll Krebsrisiko senken

   Das gegen Diabetes Typ 2 eingesetzte Medikament Metformin senkt das Krebsrisiko. US-Forscher in Philadelphia haben nun den möglichen Mechanismus hinter dieser Schutzwirkung entdeckt. Danach stärkt das Arzneimittel das Immunsystem. Damit könnten Mediziner künftig möglicherweise die Wirkung von Impfstoffen gegen Krebs verbessern. HA090622AP

Zimt hilft gegen Diabetes

   Experten des US-Ernährungsministeriums haben einen bisher unbekannten Effekt von Zimt entdeckt. Er senkt den Blutzucker-Spiegel. Grund: Das Gewürz enthält die insulinverwandte Verbindung MHCP. SADHA031127
  
Hannoversche Wissenschaftler testen in einer Studie den Einfluss von Zimt auf den Blutzuckerspiegel von Typ-2- Diabetikern („Alterszucker”). Es soll untersucht werden, ob Zimt helfen kann, den Stoffwechsel zu verbessern und das Diabetesrisiko zu verringern. Das Institut für Lebensmittelwissenschaft der Universität Hannover sucht dafür Teilnehmer, die ihren erhöhten Blutzucker nicht mit Insulin, sondern mit einer Diät oder Tabletten behandeln. Auch international wird die Zimt-Therapie erforscht (Internet: www.uni.hannover.de). HA050123dpa

Diabetes und Kohlenhydrate

   Der weltweit starke Anstieg von Altersdiabetes steht im Zusammenhang mit dem zunehmenden Verbrauch von raffinierten Kohlenhydraten wie Weißmehl, weißem Reis und weißem Zucker. Das ergibt eine Studie von der Universität Havard, veröffentlicht in “Nature”. Die Forscher hatten die Ernährungsgewohnheiten in den USA zwischen 1909 und 1997 und die Entwicklung von Altersdiabetes untersucht. Dabei stellten sie fest, dass die Zunahme der Krankheit mit einem Anstieg der Kalorienzufuhr einherging. apHA040524

Rauchen und Diabetes

Diabetiker gefährden durch Rauchen ihre Augen und Nieren. In einer Studie habe sich gezeigt, dass rauchende Diabetiker etwa zweieinhalbmal häufiger an Durchblutungsstörungen im Auge erkranken als nicht rauchende Patienten, warnt die Deutsche Diabetes Gesellschaft. Eine vermehrte Eiweißausscheidung im Urin, ein Hinweis auf schwere Nierenschäden, wurde bei den Rauchern sogar fast sechsmal so häufig beobachtet wie bei nicht rauchenden Diabetikern. Außerdem hatten Raucher öfter erhöhte Cholesterinwerte. dpaHA061014I

Alkoholkonsum bei Diabetikern

   Diabetiker sollten sich abends mit Alkohol zurückhalten, rät das Apothekenmagazin “Diabetiker Ratgeber”. Der Grund: ist die Leber mit dem Abbau von Alkohol beschäftigt, kann sie nicht genügend Zucker ins Blut ausschütten. Dadurch erhöht sich das Risiko für Unterzuckerung am nächsten Morgen. Kohlehydrathaltige Getränke wie Bier und Likör erhöhen zunächst den Blutzucker. Wird dann gegen- gespritzt, kann es zu besonders starker Unterzuckerung kommen. wbvHA040508

Diabetes und Darmkrebs

    Diabetiker haben ein um dreifach erhöhtes Darmkrebsrisiko. Das ergab eine britische Studie an mehr als 9.600 Menschen im Alter von 45 bis 79 Jahren „Cancer Epidemiology Biomarkers and Prevention”, Bd.13. Besonders gefährdet sind Zuckerkranke mit einem hohen Spiegel des so genannten glykosilierten Hämoglobins (HbA1c) im Blut. Dieser Stoff, bestehend aus einem Zuckerbaustein und dem roten Blutfarbstoff Hämoglobin, bildet sich bei einem dauerhaft erhöhten Blutzucker.  apHA040621

Diabetiker essen zu viel Fleisch und Wurst

   Die meisten Diabetiker in Deutschland essen zu viel Fleisch und Wurst. Dadurch steigt das Risiko, zusätzlich zur Zuckerkrankheit Nierenschäden zu entwickeln, wie das Apothekenmagazin „Diabetiker Ratgeber” berichtet. Experten raten, maximal zwei Mal 120 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche zu essen. apHA040821

Depressionen und Diabetes

   Depressive Frauen haben offenbar ein erhöhtes Altersdiabetes-Risiko. Einen Zusammenhang zwischen den beiden Leiden fanden Mediziner an der Harvard School of Public Health in Boston heraus, berichet die Zeitung “Ärztliche Praxis”. Der Studie zufolge tragen Frauen mit Depressionen ein um 22 Prozent erhöhtes Risiko, an Typ-2- Diabetes zu erkranken. dpaHA040202

Lachen hilft gegen Diabetes Typ 2

   Lachen ist gesund - das gilt für alle Menschen und besonders für jene mit Diabetes Typ 2. Auf den Verlauf der Krankheit wirkt sich eine positive Lebenseinstellung vorteilhaft aus, belegten kalifornische Forscher laut der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Demnach führt eine zusätzliche halbe Stunde Heiterkeit zum üblichen Lachpensum am Tag zu messbaren Veränderungen im Hormonhaushalt, was dem Diabetes entgegen- wirke. HA090512

Erhellende Einblicke in die Insulin-Resistenz

Diabetes durch blockierte Schalter
   Leben ist ein aufwendiger Prozess. Ohne ständige Energiezufuhr bleibt die Stoffwechselmaschine bald stehen. Für Organismen wäre es daher riskant, auf eine einzige Energieart zu setzen. Wie bei einem Auto mit Hybrid- antrieb werden auch im Körper verschiedene Kraftquellen genutzt. In welchem Ausmaß und Verhältnis sie ange- zapft werden, hängt von einem lebenswichtigen Hormon ab - dem Insulin. Störungen dieses Systems führen zu Diabetes,  sei es vom Typ 1, wenn zu wenig Insulin gebildet wird, sei es vom Typ 2, wenn die vom Insulin vermittelte Botschaft infolge defekter „Schalter” nicht ankommt. Forscher um Markus Stoffel und Christian Wolfrum von der Rockefeller University in New York haben jetzt die Funktion von zwei solchen Schaltern in allen Details aufgeklärt. Dadurch könnten sich neue Möglichkeiten zur Behandlung des Diabetes vom Typ 2 ergeben, wie die Wissenschaftler in der heutigen Ausgabe der Zeitschrift „Nature” Bd. 432, S.958 u. 1027 darlegen.
    Die Energieversorgung des Körpers ruht auf zwei Säulen - Glukose und Fett. Während des Tages und ins- besondere nach dem Essen ist es vor allem die Glukose, die den Stoffwechsel antreibt. Wird keine Nahrung zugeführt, wie das im Schlaf der Fall ist, kommt die Energie vorwiegend aus der „Verbrennung” von Fett. In Form von Triglyceriden gespeichertes Fett wird dann in lösliche Fettsäuren verwandelt, die von der Leber durch Oxydation weiter abgebaut werden. Während des Fastens sorgt die Leber zudem für eine ausreichende Grundversorgung des Körpers, besonders des Gehirns, mit Glukose, indem es diesen Zucker neu herstellt. Für ein ausgewogenes, dem aktuellen Energiestatus angemessenes Verhältnis zwischen Fettverbrennung und Glukosebildung sorgen die Hormone Insulin und Glukagon.
   Bei Diabetes vom Typ 2 verhallen vom Insulin vermittelte Befehle ungehört. Man spricht dann von einer Insulinresistenz. Proteine der Leberzellen, die normalerweise nach einer Mahlzeit aktiviert werden, bleiben untätig - der Blutzuckergehalt steigt, auch weil die Leber gewissermaßen aus einem Missverständnis heraus weiter Glukose bildet. Zusätzlich erschwert wird die Situation, wenn die Leberzellen nicht völlig taub gegenüber dem Insulin sind und ausgerechnet jenem Befehl folgen, der besagt, dass die Verbrennung von Fett ruhen soll. Zum erhöhten Blutzucker gesellt sich dann eine Anreicherung von Triglyceriden in der Leber. Die Gruppe um Stoffel und Wolfrum hat nun zwei durch Insulin betätigte zelluläre Schalter, die Proteine Foxo 1 und Foxa 2, genauer unter die Lupe genommen. Bei diesen Proteinen handelt es sich um so genannte Transkriptionsfaktoren, um Moleküle, die das Ablesen von Genen im Zellkern steuern. Beide werden während des Fastens aktiviert. Foxo 1 regt dann die Glukosebildung an, während Foxa 2 für die Fettverbrennung sorgt. Bei Untersuchungen an Mäusen haben die Forscher  jetzt überrascht fest- gestellt, dass diese beiden Schalter nicht in gleicher Weise auf Insulin ansprechen. Foxa 2 reagiert auf viel geringere Konzentrationen und unterliegt daher im Gegensatz zu Foxo 1 auch bei Insulinresistenz noch der hormonellen Steuerung. Es wird dann - wie normalerweise nach der Nahrungsaufnahme - ausgeschaltet mit der Folge, daß der Abbau von Fettstoffen endet.
    Die Forscher von der Rockefeiler University haben diese Zusammenhänge durch Versuche bewiesen, bei denen Mäuse mit einem gentechnisch veränderten Foxa-2-Protein ausgestattet wurden. Dieses Protein reagiert nicht auf Insulin. Bei zuckerkranken Mäusen ging daraufhin die Fettansammlung in der Leber zurück, und auch andere Folgen der Insulinresistenz nahmen ab. Diese Beobachtungen wecken die Hoffnung, dass sich der fatale, schließlich zu Diabetes führende Teufelskreis der Insulinresistenz eines Tages medikamentös unterbrechen lässt, indem man die durch Insulin bewirkte Blockade von Foxa 2 aufhebt.   Reinhard WandtnerFAZ041223

Netzwerke für Diabetiker mit chronischen Wunden

  „Standards und Perspektiven bei der Behandlung diabetischer Fußpatienten“ unter diesem Titel trafen rund 300 Experten zur 5. Interdisziplinären Jahrestagung des Netzwerkes „Diabetischer Fuß” in Hamburg. „Wir haben in Hamburg jetzt ein tragfähiges Netz von Behandlern, bei denen Patienten mit chronischen diabetesbedingten Wunden nach anerkannten gemeinsamen Standards erfolgreich behandelt werden können”, sagt Dr. Hans-Ulrich Clever, niedergelassener Diabetologe und Sprecher des Netzwerkes in Hamburg. Ärzte unterschiedlicher Fach- disziplinen aus Krankenhäusern und Praxen diskutieren aktuelle und gesicherte Standards bei der Therapie diabetischer Fußkomplikationen.
   Ein Hauptthema der Tagung sind neue Versorgungsmodelle für Patienten. „In integrierten Versorgungsmodellen wollen wir die Disziplinen Gefäßchirurgie, Diabetologie und Angiologie zusammenführen”, sagt Dr.Wolfgang Tigges. Er ist Chefarzt der chirurgischen Abteilung  am Asklepios Westklinikum in Hamburg-Rissen und hat dort vor drei Jahren mit Dr. Clever die erste interdisziplinäre Fußambulanz in Hamburg aufgebaut. Zusammen mit niedergelassenen und Krankenhausärzten hat Tigges ein Modell entwickelt, das jetzt mit den Krankenkassen diskutiert wird. Geplant ist, an mehreren Krankenhäusern in Hamburg Zentren einzurichten, die alle nach den gleichen Standards arbeiten.
   Der Chirurg beschreibt, wie ein solches Modell praktisch aussehen könnte: „Denkbar ist ein Zentrum, in dem an einem Standort, zum Beispiel einem Krankenhaus, die drei Fachdisziplinen Gefäßchirurgie, Diabetologie und Angiologie vorhanden sind und außerdem noch Röntgenuntersuchungen wie zum Beispiel Angiographien, durchgeführt werden können.” Jeder Patient mit einer chronischen Wunde oder einem diabetischen Fußsyndrom stellt sich dann in einer Sprechstunde vor und hat die Möglichkeit, von allen Spezialisten ambulant untersucht zu werden.  In dieser Sprechstunde werden auch die Wege aufgezeigt, die für den Patienten in seiner weiteren Behandlung sinnvoll sind. Das heißt zum Beispiel, er bleibt in der bisherigen ambulanten Versorgung, in der integrierten Sprechstunde oder er muss eventuell stationär behandelt werden, zum Beispiel durch eine Bypassoperation.  „Dieses Modell der integrierten Versorgung hat den Vorteil, dass frühzeitig die Weichen für die weitere Behandlung gestellt werden”, erklärt Tigges. Unterstützt werden die vier ärztlichen Fachdisziplinen durch Orthopädietechniker, Podologen, ambulante Pflegedienste und Diabetesberater, die die Patienten nach festgelegten Therapierichtlinien betreuen und schulen. cwHA0500205

medizinische Fußpflege für Diabetiker

  Wieso sollten gerade Diabetiker die medizinische Fußpflege in Anspruch nehmen? Diabetiker sind besonders häufig auf medizinische Fußpflege angewiesen. Aber auch andere Krankheiten wie Rheuma oder Gicht können die Füße schädigen. Beim fortgeschrittenen Diabetes entwickeln die Patienten oft eine Neuropathie, eine Nervenleitstörung, durch die das Schmerzempfinden herabgesetzt ist. Dadurch spüren die Patienten nicht, wenn sie sich einen Splitter eingetreten haben oder sich ein Geschwür am Fuß gebildet hat. Eine weitere Folgeerscheinung des Diabetes sind Durchblutungsstörungen, die eine verschlechterte Wundheilung, vermehrte Entzündungen und Geschwürbildung und unter Umständen sogar eine Amputation des Fußes zur Folge haben können. Hier ist die Aufgabe des medizinischen Fußpflegers nicht nur die Behandlung der Symptome, sondern auch die Früherkennung und frühzeitige Behandlung sowie die Aufklärung und Beratung des Patienten. Dabei ist die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt sehr wichtig. BrittaGanzHAZ040824

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Sauerstofftherapie lässt Wunden schneller heilen -Nutzen für Patienten mit einem diabetischen Fußsyndrom -
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- Foto: Patienten bei der Sauerstofftherapie in einer Druckkammer

   Eine sogenannte Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) könnte bei Menschen mit einem diabetischen Fußsyndrom (DFS) dafür sorgen, dass sich Wunden schneller schließen. Darauf deuten erste Forschungsergebnisse des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hin
   Ist bei Menschen mit Diabetes mellitus der Blutzuckerspiegel über Jahre zu hoch, kann dies die Blutgefäße schädigen. Dadurch werden Arme und Beine nicht mehr ausreichend durchblutet, das Schmerzempfinden ist vermindert. Kleinere Wunden werden deshalb häufig erst spät bemerkt. Kommt eine Infektion hinzu oder das Gewebe stirbt ab, kann es beim DFS dazu kommen, dass der Fuß oder Teile davon amputiert werden müssen. Eine HBO wird zusätzlich zur herkömmlichen Wundversorgung empfohlen, wenn alle Möglichkeiten, das Gewebe wieder ausreichend mit Blut zu versorgen, gescheitert sind. Dabei sitzen die Patienten in einer speziellen Kammer und atmen dort unter hohem Luftdruck meist reinen Sauerstoff ein. Dies soll die Durchblutung fördern.
   Insgesamt konnten die Wissenschaftler des IQWiG acht randomisierte kontrollierte Studien in ihre Bewertung einbeziehen. Problem: Bei fast allen herangezogenen Untersuchungen blieb unklar, wie die Teilnehmer zu den jeweiligen Gruppen zugeteilt wurden. Hinzu kommt, dass die Studien sehr unterschiedliche Patienten eingeschlossen hatten, etwa in Bezug auf die Schwere der Erkrankung. Ihre Ergebnisse waren bei einzelnen Therapieaspekten sehr uneinheitlich.
   Ausnahme war der Punkt Wundverschluss. Hier wiesen die Studien mit einer Ausnahme in die gleiche Richtung. Die Zusammenfassung der Daten zeigte einen deutlichen Vorteil der HBO gegenüber der Kontrollgruppe. Die Chance auf einen Wundverschluss war mit Sauerstofftherapie fast dreimal so hoch. Das IQWiG sieht hier einen Beleg für einen Zusatznutzen der Therapie. Dass HBO darüber hinaus weitere Vorteile bietet, ließ sich bislang nicht nachweisen. Zugleich gebe es aber auch keinen Anhaltspunkt für einen größeren Schaden in Form unerwünschter Nebenwirkungen. Die Rate liege bei unter zwei Prozent, weshalb die Therapie laut IQWiG als sicher gelte.
 Bei einem schweren diabetischen Fußsyndrom muss die Krankenkasse laut Bundessozialgericht Az: B 1 KR 44/12 R die Kosten für eine HBO-Therapie übernehmen. HA160111

Typ-2-Diabetes kann erblich sein
Erworbene Eigenschaften wie Fettleibigkeit oder Traumata können Eltern an ihre Kinder weitergeben

   Wissenschaftliche Studien zeigen immer deutlicher; Nicht nur der Lebenswandel der Mütter, sondern der Lebenswandel beider Elternteile schlägt auf den Nachwuchs durch. Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes können vererbt werden. Kinder von Rauchervätern haben eher Asthma. Zwar ändern sich durch Rauchen und ungesunde Ernährung wohl nicht die Gene selbst, aber die Wirkweise bestimmter Gensequenzen wird beeinflusst.
   „Was die Eltern zum Zeitpunkt vor der Schwangerschaft für eine Konstitution haben, spielt auf die nächste Generation über", sagt Martin Hrabe de Angelis, Direktor des Instituts für Experimentelle Genetik (IEG) am Helmholtz Zentrum München und Initiator einer aktuellen Studie, die jetzt im Fachjournal „Nature Genetics" veröffentlicht wurde. „Der Effekt ist zumindest im Tierversuch massiv. Das könnte eine weitere Ursache für die epidemieartige Zunahme von Diabetes Typ-2 sein." Für ihre Studie verwendeten die Forscher Tiere, die aufgrund fettreicher Nahrung übergewichtig geworden waren und einen Typ-2-Diabetes entwickelt hatten. Ihre Nachkommen wurden mithilfe der künstlichen Befruchtung gezeugt und von Leihmüttern ausgetragen, wodurch Faktoren wie die Ernährung des Embryos in der Gebärmutter einer stoffwechselgestörten dicken Mutter, aber auch deren Verhalten in der Schwangerschaft und beim Säugen ausgeschlossen waren.
   „Wir sehen, dass es einen massiven Einfluss in die nächste Generation gibt, der nur über die Keimzellen vermittelt werden kann. Und wir sehen unterschiedliche Effekte, was die mütterliche und die väterliche Seite betrifft", sagt Hrabe de Angelis. Schon Charles Darwin habe in seinen Theorien zu Vererbung und Evolution die Möglichkeit eingeschlossen, dass Eltern im Laufe ihres Lebens erworbene Eigenschaften an ihre Nachkommen weitergeben könnten, sagt Studienleiter Johannes Beckers. Angenommen wird, dass auch psychische Belastungen wie Kriegstraumata über das Erbgut in der nächsten Generation weiterleben.
   US-Wissenschaftler zeigten vor einigen Jahren an Mäusen, dass großelterliche Negativerlebnisse auf Verhalten und zentrale Nervenstrukturen der Enkel wirken. Die Tiere lernten per Elektroschock, dass der Geruch von Acetophenon Ungutes verheißt. Obwohl die Enkel keine Elektroschocks bekamen, zuckten auch sie bei dem süßlichen Geruch. Der Umkehrschluss: Guter Lebenswandel zahlt sich noch Generationen später aus. Denn epigenetische Vererbung ist anders als genetische Vererbung prinzipiell reversibel. Fettleibigkeit und Typ-2- Diabetes könnten also bei entsprechendem Lebenswandel über die Generationen wieder abnehmen. Hrabe de Angelis: „Das gibt Hoffnung." FAZ-HA160313~

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