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Lesen Sie unten auf dieser Seite > Auf dem Wege zum deutschen Anti-Credo

Der fundamentale Zugang zum ewigen Leben: Die Taufe.
Was geschieht in diesem Initiations-Sakrament? Eine Ansprache von Papst Benedikt XVI.

B-Taufe                     

Foto oben: Tauffeier in der Sixtinischen Kapelle am Fest der Taufe des Herrn
Die Taufe - ein Ja zum großen Geschenk des wahren Lebens

Predigt von Papst Benedikt zur Taufe

Liebe Eltern, Taufpaten und Taufpatinnen, liebe Brüder und Schwestern!
   Was geschieht bei der Taufe? Was erwartet man von der Taufe? Auf der Schwelle, die zu dieser Kapelle führt, habt ihr eine Antwort gegeben: Wir erwarten für unsere Kinder das ewige Leben. Das ist der Zweck der Taufe. Aber wie kann er umgesetzt werden? Wie kann die Taufe das ewige Leben geben? Was ist das ewige Leben?
   Mit einfacheren Worten könnte man sagen: Wir erwarten für unsere Kinder ein gutes Leben, das wahre Leben, Glück auch in einer noch unbekannten Zukunft. Wir sind nicht in der Lage, dieses Geschenk für die gesamte Dauer der unbekannten Zukunft zu gewährleisten und wenden uns daher an den Herrn, um es von ihm zu erhalten.
   Auf die Frage: »Wie soll das geschehen?« können wir zwei Antworten geben. Die erste Antwort ist folgende: Durch die Taufe wird jedes Kind in einen Freundeskreis aufgenommen, der es nie, weder im Leben noch im Tod, verlassen wird, denn diese Gemeinschaft ist die Familie Gottes, die die Verheißung der Ewigkeit in sich trägt. Dieser Freundeskreis, diese Familie Gottes, in die das Kind nun eingegliedert wird, begleitet es immerfort, auch in Tagen des Leids, in den dunklen Nächten des Lebens; er wird ihm Trost, Zuspruch und Licht geben. Dieser Freundeskreis, diese Familie wird ihm Worte des ewigen Lebens geben, Worte des Lichts, die auf die großen Herausforderungen des Lebens eine Antwort geben und den rechten Weg weisen. Dieser Freundeskreis bietet dem Kind Trost, Zuspruch und die Liebe Gottes auch auf der Schwelle des Todes, im finsteren Tal des Todes. Er wird ihm Freundschaft und Leben schenken. Und dieser absolut zuverlässige Freundeskreis wird immer da sein.  Niemand von uns weiß, was auf unserem Planeten, in unserem Europa, während der kommenden 50, 60, 70 Jahre geschehen wird. Aber eines ist sicher: Stets wird es die Familie Gottes geben,  und wer dieser Familie angehört, wird nie allein sein, sondern immer wird Verlass sein auf die Freundschaft dessen, der das Leben ist.
   Somit sind wir bei der zweiten Antwort angekommen. Diese Familie Gottes, dieser Freundeskreis hat ewigen Bestand, da er Gemeinschaft mit demjenigen ist, der den Tod besiegt hat, der die Schlüssel zum Leben in Händen hält. Dieser Gemeinschaft, der Familie Gottes anzugehören bedeutet, mit Christus vereint zu sein, der Leben ist und über den Tod hinaus immerwährende Liebe schenkt. Und wenn wir sagen können, dass Liebe und Wahrheit die Quelle des Lebens, das Leben selbst sind - und ein Leben ohne Liebe ist kein Leben -, dann können wir sagen, dass diese Gemeinschaft mit Ihm, der wirklich das Leben ist, mit Ihm, der das Sakrament des Lebens ist, eure Erwartung, eure Hoffnungen erfüllen wird.
   Ja, die Taufe nimmt den Menschen in die Gemeinschaft mit Christus auf und schenkt auf diese Weise Leben, das Leben. So haben wir den ersten Dialog ausgelegt, der hier auf der Schwelle zur Sixtinischen Kapelle geführt wurde. Jetzt, nach der Weihe des Taufwassers, folgt ein zweiter Dialog von großer Bedeutung. Sein Inhalt ist folgender: Die Taufe ist, wie wir gesehen haben, ein Ge- schenk, das Geschenk des Lebens. Ein Geschenk muss jedoch angenommen, muss gelebt werden. Ein Geschenk der Freundschaft bringt es mit sich, ja zu sagen zum Freund und nein zu sagen zu allem, was mit dieser Freundschaft unvereinbar ist, was mit dem Leben der Familie Gottes, mit dem wahren Leben in Christus unvereinbar ist. So werden in diesem zweiten Dialog drei Nein und drei Ja ausgesprochen.  Man sagt nein und widersagt dadurch den Versuchungen, der Sünde, dem Teufel. Wir kennen diese Dinge gut, aber vielleicht gerade weil wir sie zu oft gehört haben, sagen uns diese Worte nicht viel. Daher sollten wir die Bedeutung dieses dreimaligen Nein ein wenig vertiefen. Wozu sagen wir nein? Nur so können wir verstehen, wozu wir ja sagen wollen.
   In der alten Kirche wurde das dreimalige Nein in einem Wort zusammengefasst, das die Menschen der damaligen Zeit gut verstanden: Man verzichtet - so sagte man - auf die »pompa diaboli«, auf die Verheißung eines Lebens im Überfluss, auf jenes trügerische Leben, das aus der heidnischen Welt zu kommen schien, aus ihren Freiheiten, aus ihrer Art, nur so zu leben, wie es einem gefiel. Es war also ein Nein zu einer Kultur, die scheinbar ein Leben in Überfluss mit sich brachte, in Wirklichkeit jedoch eine »Antikultur« des Todes war. Es war das Nein zu jenen Schauspielen, in denen Tod, Grausamkeit und Gewalt zur Unterhaltung geworden waren. Denken wir an das, was sich im Kolosseum ereignete oder hier in den Gärten des Kaisers Nero, wo die Menschen wie lebendige Fackeln entzündet wurden. Grausamkeit und Gewalt waren zu Elementen der Unterhaltung geworden, eine wahre Perversion der Freude, der wahren Bedeutung des Lebens. Diese »pompa diaboli«, diese »Antikultur« des Todes war eine Perversion der Freude, war Liebe zu Lüge und Betrug, war ein Missbrauch des menschlichen Körpers als Handelsware.
   Und wenn wir einmal darüber nachdenken, dann können wir sagen, dass wir auch in der heutigen Zeit nein sagen müssen zu der in weiten Bereichen vorherrschenden Kultur des Todes, einer »Anti- kultur«, die sich, beispielsweise im Drogenproblem zeigt, in der Flucht vor der Realität in eine Schein- wirklichkeit, in ein falsches Glück,  das seinen Ausdruck findet in der Lüge, im Betrug, in der Unge- rechtigkeit, in der Verachtung der anderen, in der Verachtung der Solidarität und der Verantwortung für die Armen und Leidtragenden, sowie in einer Sexualität, die zum reinen Ver- gnügen ohne jedes Verantwortungsbewusstsein wird, wobei sozusagen eine »Versachlichung« des Menschen stattfindet, der nicht mehr als Person betrachtet wird, die der persönlichen Liebe und Treue würdig ist, sondern der zur Ware, zum bloßen Objekt wird. Zu dieser Verheißung trügerischer Glückseligkeit, zu dieser »pompa« eines trügerischen Lebens, das in Wirklichkeit lediglich ein Werk- zeug des Todes ist, zu dieser »Antikultur« sagen wir nein, um die Kultur des Lebens zu pflegen. Daher war dieses christliche Ja von der Antike bis heute immer ein deutliches Ja zum Leben. Das ist unser Ja zu Christus, das Ja zum Sieger über den Tod und das Ja zum Leben in der Zeit und in der Ewigkeit.
   Wie in diesem Taufdialog das Nein im dreifachen Verzicht zum Ausdruck kommt, so kommt auch das Ja in dreifacher Zustimmung zum Ausdruck: Ja zum lebendigen Gott, einem Schöpfergott, einer schöpferischen Vernunft, die dem Kosmos und unserem Leben Sinn verleiht, Ja zu Christus, zu einem Gott, der nicht im Verborgenen geblieben ist, sondern der einen Namen hat, der Worte hat, der Leib und Blut hat, zu einem konkreten Gott,  der uns das Leben schenkt und uns den Weg des Leben weist, Ja zur Gemeinschaft der Kirche, in der Christus der lebendige Gott ist, der in unsere Zeit, in unseren Beruf, in unser tägliches Leben eintritt.
   Wir könnten auch sagen, dass das Antlitz Gottes, das der Inhalt dieser Kultur des Lebens, der Inhalt unseres großen Ja ist, in den zehn Geboten zum Ausdruck kommt  die keine Bündelung von Verboten sind, in denen nur das Nein zum Ausdruck käme, son- dern die in Wirklichkeit eine große Lebensvision aufzeigen. Sie sind ein Ja zu einem Gott, der dem Leben Sinn gibt (die drei ersten Gebote), ein Ja zur Familie (viertes Gebot), ein Ja zum Leben (fünftes Gebot), ein Ja zu verantwor- tungsbewusster Liebe (sechstes Gebot), ein Ja zu Solidarität, sozialer Verantwortung und Gerechtigkeit (siebtes Gebot), ein Ja zur Wahrheit (achtes Gebot), ein Ja zur Achtung anderer Menschen und dessen, was ihnen gehört (neuntes und zehntes Gebot). Das ist die Philosophie des Lebens, es ist die Kultur des Lebens, die konkret, umsetzbar und schön wird in Gemeinschaft mit Christus, dem lebendigen Gott, der mit uns geht in der Gemeinschaft seiner Freunde, in der großen Familie der Kirche. Die Taufe ist das Geschenk des Lebens. Sie ist ein Ja zur Herausforderung, das Leben wirklich zu leben, und nein zu sagen zum Angriff des Todes, der sich als Leben verkleidet, und sie ist ein Ja zum großen Geschenk des wahren Lebens, das im Antlitz Christi gegenwärtig ist, der sich uns in der Taufe und dann in der Eucharistie schenkt.
   Dies soll als kurze Erläuterung der Worte dienen, die im Dialog des Taufritus das zum Ausdruck bringen, was in diesem Sakrament vollzogen wird. Außer den Worten haben wir noch die Riten und Symbole, aber ich werde nur kurz auf sie hinweisen. Die erste Geste haben wir bereits vollzogen: Es ist das Kreuzzeichen, das uns als Schild gegeben ist, der dieses Kind in seinem Leben schützen soll. Es ist wie ein »Wegweiser« für das Leben, denn das Kreuz ist die Zusammenfassung des Lebens Jesu. Dann gibt es die einzelnen Elemente: das Wasser, die Salbung mit dem Öl, das weiße Kleid und die Flamme der Kerze. Das Wasser symbolisiert das Leben: Die Taufe ist neues Leben in Christus. Das Öl symbolisiert Kraft, Gesundheit, Schönheit, denn es ist wirklich schön, in Gemeinschaft mit Christus zu leben. Dann gibt es das weiße Kleid als Ausdruck der Kultur der Schönheit, der Kultur des Lebens, und schließlich die Flamme der Kerze als Ausdruck der Wahrheit, die in der Finsternis der Geschichte leuchtet und uns zeigt, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen sollen.
   Liebe Patinnen und Paten, liebe Eltern, liebe Geschwister, an diesem Tag wollen wir dem Herrn da- für danken, dass Gott sich nicht hinter den Wolken des undurchdringlichen Geheimnisses verbirgt, sondern, wie das heutige Evangelium gesagt hat, die Himmel geöffnet und sich uns gezeigt hat, mit uns spricht und bei uns ist, mit uns lebt und uns führt in unserem Leben. Danken wir dem Herrn für dieses Geschenk und beten wir für unsere Kinder, damit sie wirklich das Leben, das wahre und ewige Leben, haben mögen. Amen. OR.10.1.2006

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Zu glauben ist nicht unmodern, sondern vernünftig
Benedikt predigt auf dem Islinger Feld in Regensburg zum Credo

Liebe Brüder und Schwestern!
   Zu einem Fest des Glaubens sind wir zusammengekommen. Aber da steigt nun doch die Frage auf: Was glauben wir denn da eigentlich? Was ist das, Glaube? Kann es das eigentlich noch geben in der modernen Welt? Wenn man die großen Summen der Theologie ansieht, die im Mittelalter geschrieben wurden, oder an die Menge der Bücher denkt, die jeden Tag für und gegen den Glauben verfasst werden, möchte man wohl verzagen und denken, das sei alles zu kompliziert. Vor lauter Bäumen sieht man am Ende den Wald nicht mehr. Es ist wahr: Die Vision des Glaubens umfasst Himmel und Erde; Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Ewigkeit und ist insofern gar nie auszuschöpfen. Und doch ist sie in ihrem Kern ganz einfach. Der Herr sagt ja zum Vater darüber: „Den Einfachen hast du es offenbaren wollen - denen, die mit dem Herzen sehen können” vgl. Mt 11,25. Die Kirche bietet uns ihrerseits eine kleine Summe an, in der alles Wesentliche gesagt ist: das so genannte Apostolische Glaubensbekenntnis. Es wird gewöhnlich in zwölf Artikel eingeteilt - nach der Zahl der Apostel - und handelt von Gott, dem Schöpfer und Anfang aller Dinge, von Christus und dem Heilswerk bis hin zur Auferstehung der Toten und dem ewigen Leben. Aber in seiner Grundkonzeption besteht das Bekenntnis nur aus drei Hauptstücken, und es ist von seiner Geschichte her nichts anderes als eine Erweiterung der Taufformel, die der auferstandene Herr den Jüngern für alle Zeiten übergeben hat, als er ihnen sagte: Geht hin, lehrt und tauft alle Völker auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes Mt 28,19.
   Wenn wir das sehen, dann zeigt sich zweierlei: Der Glaube ist einfach. Wir glauben an Gott - an Gott, den Ursprung und das Ziel menschlichen Lebens. An den Gott, der sich auf uns Menschen einlässt, der uns Herkunft und Zukunft ist. So ist Glaube immer zu- gleich Hoffnung, Gewissheit, dass wir Zukunft haben und dass wir nicht ins Leere fallen. Und der Glaube ist Liebe, weil Gottes Liebe uns anstecken will.
    Als zweites können wir feststellen: Das Glaubensbekenntnis ist nicht eine Summe von Sätzen, nicht eine Theorie. Es ist ja verankert im Geschehen der Taufe - in einem Ereignis der Begegnung von Gott und Mensch. Gott beugt sich über uns Menschen im Geheimnis der Taufe; er geht uns entgegen und führt uns so auch zueinander. Denn Taufe bedeutet, dass Jesus Christus uns sozusagen als seine Geschwister und damit als Kinder in die Familie Gottes selber adoptiert. So macht er uns damit alle zu einer großen Familie in der weltweiten Gemeinschaft der Kirche. Ja, wer glaubt, ist nie allein. Gott geht auf uns zu. Gehen auch wir Gott entgegen, und gehen wir so aufeinander zu. Lassen wir keines der Kinder Gottes allein, so weit es in unseren Kräften steht! Wir glauben an Gott. Das  ist unser Grundentscheid. Kann man das heute noch? Ist das vernünftig? Seit der Aufklärung arbeitet wenigstens ein Teil der Wissenschaft emsig daran, eine Welterklärung zu finden, in der Gott über- flüssig wird. Und so soll er auch für unser Leben überflüssig werden. Aber sooft man auch meinen konnte, man sei nahe daran, es geschafft zu haben - immer wieder zeigt sich: Das geht nicht auf. Die Sache mit dem Menschen geht nicht auf ohne Gott, und die Sache mit der Welt, dem ganzen weiten Universum, geht nicht auf ohne ihn. Letztlich kommt es auf die Alternative hinaus: Was steht am Anfang: die schöpferische Vernunft, der Geist, der alles wirkt und sich entfalten lässt oder das Unvernünftige, das vernunftlos sonderbarerweise einen mathematisch geordneten Kosmos hervor- bringt und auch den Menschen, seine Vernunft. Aber die wäre dann nur ein Zufall der Evolution und im letzten also doch auch etwas Unvernünftiges. Wir Christen sagen: Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde - an den Schöpfer Geist.
   Wir glauben, dass das ewige Wort, die Vernunft am Anfang steht und nicht die Unvernunft. Mit diesem Glauben brauchen wir uns nicht zu verstecken, mit ihm brauchen wir nicht zu fürchten, uns auf einem Holzweg zu bewegen. Freuen wir uns, dass wir Gott kennen dürfen und versuchen wir, auch anderen die Vernunft des Glaubens zu zeigen, wie es uns der heilige Petrus in seinem ersten Brief aufträgt 1 Petr 3,15.
   Wir glauben an Gott. Das stellen die Hauptteile des Glaubensbekenntnisses heraus, und das betont besonders der erste Teil davon. Aber nun folgt sofort die zweite Frage: An welchen Gott? Nun, eben an den Gott, der Schöpfergeist ist, schöpferische Vernunft, von der alles kommt und von der wir kommen.
  Der zweite Teil des Glaubensbekenntnisses sagt uns mehr. Diese schöpferische Vernunft ist Güte. Sie ist Liebe. Sie hat ein Gesicht. Gott lässt uns nicht im Dunklen tappen. Er hat sich gezeigt als Mensch. So groß ist er, dass er es sich leisten kann, ganz klein zu werden. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, sagt Jesus Joh 14,9. Gott hat ein menschliches Gesicht angenommen. Er liebt uns bis dahin, dass er sich für uns ans Kreuz nageln lässt, um die Leiden der Menschheit bis an Gottes Herz hin- aufzutragen. Heute, wo wir die Pathologien und die lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion und der Vernunft sehen, die Zerstörungen des Gottesbildes durch Hass und Fanatismus, ist es wichtig, klar zu sagen, welchem Gott wir glauben und zu diesem menschlichen Antlitz Gottes zu stehen. Erst das erlöst uns von der Gottesangst, aus der letztlich der moderne Atheismus geboren wurde. Erst dieser Gott erlöst uns von der Weltangst und von der Furcht vor der Leere des eigenen Daseins. Erst durch das Hinschauen auf Jesus Christus wird die Freude an Gott voll, wird zur erlösten Freude.  Richten wir in dieser festlichen Feier der Eucharistie unseren Blick auf den Herrn, und bitten wir ihn um die große Freude, die er seinen Jüngern verheißen hat Joh 16,24.
   Der zweite Hauptteil des Bekenntnisses schließt mit dem Ausblick auf das Letzte Gericht und der dritte mit dem auf die Auferstehung der Toten. Gericht - wird uns da nicht doch wieder Angst gemacht? Aber wollen wir nicht alle, dass einmal all den ungerecht Verurteilten all denen, die ein Leben lang gelitten haben und aus einem Leben voller Leid in den Tod gehen mussten, Gerechtigkeit widerfährt? Wollen wir nicht, dass am Ende das Übermaß an Unrecht und Leid, das wir in der Geschichte sehen, sich auflöst;  dass alle am Ende froh werden können, dass das Ganze Sinn erhält? Diese Herstellung des Rechts, diese Zusammenfügung der scheinbar sinnlosen Frag- mentstücke der Geschichte in ein Ganzes hinein, in dem die Wahrheit und die Liebe regieren: Das ist mit dem Weltgericht gemeint.
   Der Glaube will uns nicht angst machen, wohl aber zur Verantwortung rufen. Wir dürfen unser Leben nicht verschleudern, nicht missbrauchen, nicht für uns selber nehmen; Unrecht darf uns nicht gleichgültig lassen, wir dürfen nicht seine Mitläufer oder sogar Mittäter werden. Wir müssen unsere Sendung in der Geschichte wahrnehmen und versuchen,  dieser unserer Sendung zu entsprechen. Nicht Angst, aber Verantwortung - Verantwortung und Sorge um unser Heil, um das Heil der ganzen Welt ist notwendig. Wenn aber Verantwortung und Sorge zu Angst werden möchten, dann erinnern wir uns an das Wort des heiligen Johannes: “Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Anwalt beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten” 1 Joh 2,1. „Wenn unser Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles” 1 Joh 3, 20.
   Wir feiern heute das Fest Maria Namen. Maria, die Mutter des Herrn, hat vom gläubigen Volk den Titel Advocata erhalten und ist unsere Anwältin bei Gott. So kennen wir sie seit der Hochzeit von Kana: als die gütige, mütterlich sorgende und liebende Frau, die die Not der anderen wahrnimmt und sie zum Herrn hinträgt, um zu helfen. Heute haben wir im Evangelium gehört, wie der Herr sie dem Lieblingsjünger und in ihm uns allen zur Mutter gibt. Die Christen haben zu allen Zeiten dankbar dieses Vermächtnis Jesu aufgenommen und bei der Mutter immer wieder die Geborgenheit und die Zuversicht gefunden, die uns Gottes froh werden lässt. Nehmen auch wir Maria als den Stern unseres Lebens an, der uns in die große Familie Gottes hineinführt. Ja, wer glaubt, ist nie allein. Amen.

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Benedikt XVI. als Bischof von Rom im Gespräch mit seinem Diözesanklerus

  Priester und Diakone der Diözese Rom versammelten sich mit Kardinal Camillo Ruini im Vatikan. Auf die Fragen der Priester antwortete der Papst in freier Rede.
  Benedikt XVI. äußerte sich unmittelbar und spontan zu einigen großen Themen und Problemen des Glaubens und der Kirche in der Welt. Die Fastenzeit weise den Weg unseres Lebens. In seiner einführenden Reflexion über den Sinn der Fastenzeit wies der Papst darauf hin, dass die Option für das Leben und die Option für Gott identisch sind. Der Papst stellte fest, „dass der große Abfall vom Christentum, der sich im Westen in den letzten hundert Jahren ereignet hat, gerade im Namen der Option für das Leben verwirklicht wurde“. Das Christentum sei aufgrund der Verkündigung des Kreuzes und der als Katalog von Verneinungen aufgefassten Gebote Gottes der Lebensfeindlichkeit be- schuldigt worden. Dem hielt Benedikt das „Paradox des Christentums” entgegen, das sich in den Wor- ten Jesu finde: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten” Lk 9,24. Gott wählen ist die einzige Antwort für den, der das Leben in Wahrheit sucht, denn: „Eine von Gott entleerte Welt, eine Welt, die Gott vergessen hat, verliert das Leben und verfällt in eine Kultur des Todes. Das Leben wählen, die Option für das Leben machen, heißt also vor allem, die Option ‚Beziehung mit Gott’ zu wählen.”     
   Der Weg zu diesem lebendigen Glauben hat sich in Offenheit und in Einheit mit der Kirche zu vollziehen. „Wir müssen“, so der Papst, „Tag für Tag diese unsere Gemeinschaft mit der Heiligen Kirche und so mit dem Wort Gottes vertiefen”. Der Glaube ist nicht selbst gemacht. Der Glaube ist Geschenk und setzt voraus, sich beschenken lassen zu wollen und zu können. Das Bewusstsein des Christen muss sich für dieses Geschenk Gottes öffnen: „Wir müssen in die Bereitschaft eintreten, die Gabe zu akzeptieren und uns von der Gabe in unserem Denken,  in unserem Fühlen,  in unserem Willen durch- dringen zu lassen.” Glauben sei „ein katholischer Akt”: die Teilnahme an der großen Sicherheit, „die im lebendigen Subjekt Kirche gegenwärtig ist”. Das Volk Gottes ist, so der Papst, „ein von Gott geschaffenes Subjekt, das empfängt, dann übersetzt und die- ses Wort mitteilt.”
    Das Volk Gottes steht so in einer Synergie mit Gott. Darin liege der wesentliche Unterschied des Christentums zum Islam. Der Koran sei „wörtlich von Gott gegebenes Wort, ohne menschliche Vermittlung. Der Prophet hat damit nichts zu tun. Er hat es nur aufgeschrieben und mitgeteilt.” Der Christ hingegen trete ein in eine Gemeinschaft mit Gott. Er werde Mitarbeiter Gottes in der Gemeinschaft der Heiligen Kirche, „die ihrerseits das Wort Gottes empfängt, das der Leib Christi ist, beseelt vom lebenden Wort, vom göttlichen Logos”.
Vollständigen Bericht von Armin Schibach unter: www.die-tagespost.de

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Das aktuelle Buch.  Fragen und Antworten. Der Kurz-Katechismus der katholischen Kirche:
Ein Vademecum des Glaubens. Katechismus der Katholischen Kirche. Kompendium, Pattloch Verlag,  256 S., EUR 12,90 ISBN: 3-629-02139-5;  ISBN-13-978-3- 629-02139-7  ISBN:3-629-02140-9 ISBN: 13-978-3-629-02140-3;  brosch. 6,90 € Großdruckausgabe siehe: Großdruck & Punktschrift

   Der Kurz-Katechismus der katholischen Kirche, der in deutscher Übersetzung erschienen ist, beschreibt nach Worten von Papst Benedikt XVI. „alle wesentlichen  und grund- legenden Elemente des Glaubens der Kirche”. In Aufbau, Inhalt und Sprache folgt das Kompendium dem großen Kat- echismus, der 1992 von Papst Johannes Paul II. veröffentlicht wurde. Um diesen besser zu er- schließen, wurden die wichtigsten Sachverhalte von einer Kommission unter Vorsitz des jetzigen Papstes zusammengefasst und zunächst in italienischer Sprache veröffentlicht. Mit seinen 598 Abschnitten in klassischem Frage-Antwort-Stil und einem Anhang, der die wichtigsten Gebete sowie Formeln der katholischen Lehre enthält, erhebt das neue Vademecum nach Worten des Papstes Anspruch auf „Kürze, Klarheit und Vollständigkeit”. Gedacht ist es daher nur für die katholischen Christen, die sich einen Überblick über das Panorama des Glaubens verschaffen wollen. Ausdrücklich legt es der Papst allen Menschen ans Herz, „die inmitten einer zerstreuten Welt mit vielfältigen Botschaften den Weg des Lebens kennenlernen möchten: die Wahrheit, die Gott der Kirche anvertraut hat”.
   Gegliedert ist der „kleine” Katechismus in vier Teile. Der erste Teil folgt im wesentlichen den Aussagen des Glaubensbekenntnisses der Kirche. Hier finden sich grundlegende Feststellungen über die Heilsnotwendigkeit der katholischen Kirche („Nur durch sie kann man die ganze Fülle der Heilsmittel erlangen”). Die Aussage „Außerhalb der Kirche kein Heil” wird mit den Sätzen erläutert, „dass alles Heil von Christus, dem Haupt, durch die Kirche, seinen Leib, kommt. Darum können jene Menschen nicht gerettet werden, die wissen, dass die Kirche von Christus gegründet wurde und zum Heil notwendig ist, in sie aber nicht eintreten oder in ihr nicht ausharren wollen. Zugleich können durch Christus und seine Kirche diejenigen das ewige Heil erlangen, die ohne eigene Schuld das Evangelium Christi und seine Kirche nicht kennen, Gott jedoch aufrichtigen Herzens suchen und sich unter dem Einfluss der Gnade bemühen, seinen durch den Anruf des Gewissens erkannten Willen zu erfüllen.”
   Der zweite Teil ist der Liturgie der Kirche und den sieben Sakramenten der Kirche gewidmet. Wie in allen anderen Abschnitten wird auch hier keine neue Lehre verkündet. Vielmehr werden verbindliche Aussagen des kirchlichen Lehramtes zu auch innerkirchlich strittigen Fragen in unzweideutiger Weise festgehalten („Die heilige Weihe kann gültig nur ein getaufter Mann empfangen”). Als Sünden, die dem Ehesakrament widersprechen, werden Ehebruch, Polygamie, die Weigerung, fruchtbar zu sein, sowie die Scheidung genannt. Die Haltung der Kirche gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen wird mit den Worten beschrieben, dass ihre Situation dem Gesetz Gottes „objektiv widerspricht”. Daher könnten sie „nicht die sakramentale Lossprechung empfangen, nicht zur heiligen Kommunion hinzutreten und gewisse kirchliche Aufgaben nicht ausüben”.
   Im Mittelpunkt des dritten Teils „Leben in Christus” stehen die Zehn Gebote. Das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten”, so heißt es, verbiete direkten und willentlichen Mord, direkte Abtreibung, direkte Euthanasie sowie Selbstmord und die freiwillige Beihilfe dazu. Auch der Schutz „jedes Embryos” folgt, so die Kirche, aus dem fünften Gebot. Über den Frieden in der Welt heißt es, die persönlichen Güter müssten angemessen verteilt und gesichert sein, die Menschen frei miteinander verkehren können, die Würde der Personen und der Völker geachtet und die Gerechtigkeit und Brüderlichkeit unter den Menschen gepflegt werden. Den Einsatz militärischer Gewalt schließt die Kirche nicht aus. Er kann sittlich gerechtfertigt sein, „wenn die folgenden Bedingungen gleichzeitig gegeben sind: die Sicher- heit, dass der erlittene Schaden dauerhaft und schwerwiegend ist; die Wirkungslosigkeit aller friedlichen Alternativen; ernsthafte Aussichten auf Erfolg; die Vermeidung von schlimmeren Schäden, auch in Anbetracht der Zerstörungskraft der modernen Waffen”. Die Beurteilung dieser Bedingungen obliegt dem klugen Ermessen der Regierenden, wobei „vorsätzliche Handlungen gegen das Völkerrecht und Befehle, solche Handlungen auszuführen”, als Verbrechen geächtet werden „für die blinder Gehorsam kein Entschudigungsgrund sein kann”. Jedermann ist sittlich verpflichtet, sich Befehlen zu widersetzen, die solche Verbrechen anordnen.
   Als Verletzungen des sechsten Gebots „Du sollst nicht die Ehe brechen” nennt das Kompendium über Ehebruch hinaus Selbstbefriedigung, Unzucht, Pornographie, Prostitution, Vergewaltigung sowie homosexuelle Handlungen. Methoden der Empfängnisverhütung, die über zeitweilige Enthaltsamkeit und die Wahl von unfruchtbaren Perioden hinausgehen, darunter auch direkte Sterilisation, verstoßen nach Aussagen der Kirche ebenso gegen die objektive sittliche Ordnung wie künstliche Befruchtung.
   Der vierte und letzte Teil dient der Darlegung des christlichen Gebets. Er endet mit der Erläuterung der sieben Bitten des „Vater unser” und der Antwort auf die Frage „Was bedeutet das Amen am Schluss?”   DanielDeckersFAZ050811        

Foto unten: Pater Tomás Kardinal Spidlik lehrte 40 Jahre an der Gregoriana, Rom, und am Päpstlichen Orientalischen Institut. Ein Kenner orientalischer Spiritualität und östlicher Theologie

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Zum Credo sagt Kardinal Spidlik:
     Die alten Konzilien schrieben: Symbol des Glaubens.
     Der moderrne Mensch sagt: Definition des Glaubens.
   Das ist nicht dasselbe. Das Glaubensbekenntnis ist nicht Definition des Glaubens, das Glaubens- bekenntnis ist Symbol des Glaubens; und in diesem Symbol muss ich meinen Glauben verstehen. Außerdem sage ich, dass wir es, in einem gewissen Sinn, verfälscht haben: mit einem Komma.
Frage: mit einem Komma?
    Ja, weil wir beten: “Credo in unum Deum”, Komma, “Patrem omnipotentem” [‘Ich glaube an den einen Gott’, Komma, ‘den allmächtigen Vater’].
    Richtig übersetzt heißt das: “Ich glaube an den einzigen Gott Vater”. Ich glaube, dass Gott Vater ist; das ist das Bekenntnis des Glaubens: die Vaterschaft. Und mit dem Vater spricht man. “Ich glaube an einen Gott”  kann an sich auch etwas anderes bedeuten, weil ich auch glauben kann, dass Gott ein Gedanke oder ein Weltengesetz ist. Die christliche Wahrheit dagegen ist: “Ich glaube, dass Gott Vater ist”. Dann ist die erste Quelle das Gebet zum Vater. 30Giorni0311

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 Papst Paul VI. verfasste das Credo des Gottesvolkes. Wir bringen dieses Credo als autorisierte Übersetzung .Paul VI nennt dieses Credo des Gottesvolkes  am 3. Juli 1968
die wesentliche Zusammenfassung der wichtigsten Glaubenswahrheiten

Wir glauben an den einen Gott, Vater, Sohn und Heiligen Geist,
Schöpfer der sichtbaren Dinge, wie es diese Welt ist,
auf der unser Leben sich abspielt,
Schöpfer der unsichtbaren Dinge
wie es die reinen Geister sind,
die man auch Engel nennt,
und Schöpfer der unsterblichen Geistseele
eines jeden Menschen.
Wir glauben, dass dieser einzige Gott
seiner Wesenheit nach absolut einer ist,
unendlich heilig,
wie er in allen Seinen Eigenschaften
unendlich vollkommen ist:
in seiner Allmacht, in seinem unbegrenzten Wissen,
in seiner Vorsehung, in seinem Willen und in seiner Liebe.
Er ist der, der ist, wie er es Mose geoffenbart hat;
er ist Liebe, wie der Apostel Johannes es uns lehrt.
Diese beiden Worte also, Sein und Liebe,
bezeichnen in unaussprechlicher Weise
die gleiche göttliche Wirklichkeit dessen,
der sich uns zu erkennen geben wollte und der,
da er “in einem unzugänglichen Licht wohnt”,
in sich selbst jenseits jeglicher Bezeichnung,
über allen Dingen steht
und alles geschaffene Denken übersteigt.
Gott allein kann uns von sich
eine angemessene und volle Erkenntnis mitteilen,
indem er sich als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart.
Durch die Gnade sind wir berufen
an seinem ewigen Leben teilzuhaben:
hier auf Erden im Dunkel des Glaubens
und nach dem Tod im ewigen Licht.
Die gegenseitigen Bande, die von Ewigkeit her
die drei Personen wesentlich verbinden,
deren jede das eine und selbe göttliche Sein ist,
sind das beseligende innerste Leben
des dreimalheiligen Gottes,
unendlich weit entfernt von alldem,
was wir auf menschliche Weise begreifen können.
Wir sagen indessen der göttlichen Güte Dank
für die Tatsache, dass sehr viele gläubige Menschen
mit uns vor der Welt die Einzigkeit Gottes bezeugen können,
obwohl sie das Geheimnis
der allerheiligsten Dreifaltigkeit nicht kennen.
Wir glauben also
an den Vater, der von Ewigkeit her den Sohn zeugt;
an den Sohn, das Wort Gottes,
das von Ewigkeit her gezeugt ist
an den Heiligen Geist, die unerschaffene Person,
die vom Vater und vom Sohn ausgeht als ihre ewige Liebe.
In den drei göttlichen Personen also
- untereinander gleich ewig und gleichen Wesens -
sind das Leben und die Seligkeit Gottes,
der vollkommen eins ist
in überreicher Hilfe vorhanden und vollenden sich
in der Vollkommenheit und in der Glorie,
die dem unerschaffenen Wesen eigen sind.
Immer “muss also die Einheit in der Dreifaltigkeit
und die Dreifaltigkeit in der Einheit verehrt werden”.
Wir glauben an unseren Herrn Jesus Christus,
der der Sohn Gottes ist.
Er ist das ewige Wort, gezeugt vom Vater vor aller Zeit
und wesensgleich dem Vater.
Durch ihn ist alles erschaffen worden.
Durch das Wirken des Heiligen Geistes
hat er im Schoß der Jungfrau Maria Fleisch angenommen
und ist Mensch geworden:
dem Vater also seiner Gottheit nach gleich,
der Menschheit nach aber ist er geringer als der Vater.
Er ist in sich selber einer,
nicht durch eine unmögliche Vermischung der Naturen,
sondern durch die Einheit der Person.
Er hat unter uns gewohnt, voll der Gnade und Wahrheit.
Er verkündete das Reich Gottes und richtete es wieder auf
und ließ uns den Vater durch sich erkennen.
Er hat uns ein neues Gebot gegeben,
einander zu lieben, wie er uns geliebt hat.
Er lehrte uns den Weg der Seligkeiten des Evangliums:
Armut im Geiste,
Milde,
Geduld im Leiden,
Durst nach der Gerechtigkeit,
Barmherzigkeit
Reinheit des Herzens,
Wille zum Frieden,
Verfolgung erdulden um der Gerechtigkeit willen.
Er litt unter Pontius Pilatus.
Als Lamm Gottes
nahm er die Sünden der Welt auf sich.
Er ist für uns am Kreuz gestorben
und rettete uns durch sein erlösendes Blut.
Er ist begraben worden
und am dritten Tag aus eigener Kraft wiederauferstanden.
Durch seine Auferstehung
berief er uns zur Teilnahme am göttlichen Leben,
das das Leben der Gnade ist.
Er ist aufgefahren in den Himmel
und wird wiederkommen aufs neue,
und zwar dieses Mal in Herrlichkeit,
um die Lebenden und die Toten zu richten:
einen jeden nach seinen Verdiensten -
jene, die der Liebe und dem Erbarmen Gottes
entsprochen haben, werden eingehen zum ewigen Leben.
Jene aber, die bis zum Ende ihres Lebens
die Liebe und das Erbarmen Gottes ablehnten,
werden dem Feuer überantwortet, das niemals erlischt.
Und seines Reiches wird keine Ende sein.
Wir glauben an den Heiligen Geist,
den Herrn und Lebensspender,
der mit dem Vater und dem Sohn
angebetet und verherrlicht wird.
Durch die Propheten hat er zu uns gesprochen
und ist von Christus,
nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt zum Vater,
gesandt worden.
Der Heilige Geist
erleuchtet, belebt, beschützt und führt die Kirche.
Er läutert ihre Glieder, wenn sie der Gnade nicht widerstehen
Sein gnadenvolles Wirken,
das bis in das Innerste der Seele eindringt,
macht den Menschen fähig auf den Anruf Christi zu antworten:
“Seid vollkommen,
wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!” (Mt 5,48)
Wir glauben, dass Maria, die allzeit Jungfrau blieb,
die Mutter des menschgewordenen Wortes ist,
unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus,
und dass sie im Hinblick
auf diese einzigartige Gnadenauserwählung
und durch die Verdienste ihres Sohnes
auf eine vollkommenere Art erlöst worden ist,
indem sie von jedem Makel der Erbsünde bewahrt
und mit dem Gottesgeschenk der Gnade
mehr bedacht wurde als alle anderen Geschöpfe.
Verbunden in einer ganz innigen und unauflöslichen Weise
mit dem Geheimnis der Menschwerdung und Erlösung,
wurde die allerseligste Jungfrau,
die unbefleckt Empfangene,
am Ende ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele
in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen
und in Vorausnahme des künftigen Loses aller Gerechten
ihrem auferstandenen Sohn in der Verklärung angeglichen.
Wir glauben dass die heilige Gottesmutter,
die neue Eva, die Mutter der Kirche,
im Himmel ihr mütterliches Amt fortsetzt
im Hinblick auf die Glieder Christi,
indem sie mitwirkt bei der Erweckung und Entfaltung
des göttlichen Lebens in den erlösten Seelen.
Wir glauben, dass in Adam alle gesündigt haben,
was besagen will,dass die Erbschuld, die Adam beging,
die menschliche Natur, die allen Menschen gemeinsam ist,
in einen Zustand fallen ließ,
indem sie die Folgen dieser Schuld zu tragen hat,
und dass dieser Zustand nicht jener ist,
in dem unsere Stammeltern sich zuerst befanden,
da sie in Heiligkeit und Gerechtigkeit geschaffen waren
und der Mensch weder das Böse noch den Tod kannte.
Die menschliche Natur ist also eine gefallene Natur,
beraubt der Gnade, die sie bekleidete,
verwundet in ihren eigenen natürlichen Kräften
und dem Reich des Todes unterworfen,
der auf alle Menschen übergegangen ist.
Das ist der Sinn, dass jeder Mensch in Sünde geboren wird.
Wir halten also mit dem Konzil von Trient fest, dass
die Erbsünde mit der menschlichen Natur übertragen wird,
“nicht durch Nachahmung, sondern durch Fortpflanzung”,
und “so zu einem jeden gehört”.
Wir glauben, dass unser Herr Jesus Christus
uns durch sein Opfer am Kreuz von der Erbsünde
und allen persönlichen Sünden,
die wir begangen haben, erlöst hat
so dass nach den Worten des Apostels
dort, “wo die Sünde zugenommen hat,
die Gnade überreich geworden ist”.
Wir glauben an die Taufe,
die von unserem Herrn Jesus Christus
zur Nachlassung der Sünden eingesetzt worden ist.
Die Taufe soll auch schon den Kindern
im frühen Alter gespendet werden, die sich
noch keiner persönlichen Sündenschuld bewusst sind,
damit sie nicht der übernatürlichen Gnade
verlustig gehen und wiedergeboren werden
“aus dem Wasser und dem Heiligen Geist”
zum göttlichen Leben in Jesus Christus.
Wir glauben an die
eine, heilige, katholische und apostolische Kirche,
die von Jesus Christus
auf dem Felsen gegründet wurde, der Petrus ist.
Sie ist der mystische Leib Christi,
von ihm sowohl als sichtbare Gemeinschaft
mit hierarchischen Aufbau
wie auch als geistige Gemeinschaft eingesetzt.
Sie ist die Kirche hier auf Erden, das pilgernde Gottesvolk,
und sie ist die Kirche,
die beschenkt ist mit himmlischen Gütern,
der Same und keimhafte Anfang des Reiches Gottes,
durch das sich das Werk und Leiden der Erlösung
in der Geschichte fortsetzen
und das seine Vollendung finden wird
jenseits aller Zeitlichkeit, in der ewigen Herrlichkeit.
Der Herr Jesus Christus lässt seine Kirche in der Zeit
Gestalt annehmen durch die Sakramente,
die aus seiner göttlichen Fülle hervorgehen.
Durch sie haben die Glieder der Kirche Anteil
am Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung,
in der Gnade des Heiligen Geistes,
der Leben und Tun verleiht.
Die Kirche ist deshalb heilig,
auch wenn sich in ihrer Mitte Sünder befinden,
weil sie selbst kein anderes Leben besitzt als das der Gnade.
Das heisst, dass sich ihre Glieder heiligen,
wenn sie an ihrem Leben teilnehmen,
und dass sie, wenn sie ihr Leben preisgeben,
der Sünde und der Unordnung verfallen,
die den Glanz ihrer Heiligkeit verdunkeln.
Deshalb leidet und büßt die Kirche für diese Verfehlungen.
Sie hat die Gewalt, ihre Gläubigen zu davon zu heilen:
durch das Blut Christi und die Gabe des Heiligen Geistes.
Sie ist dem Geiste nach Erbin der göttlichen Verheißungen
und Tochter Abrahams, durch den jenes Israel,
dessen heilige Schriften sie in Liebe bewahrt und
dessen Patriarchen und Propheten sie in Ehrfurcht gedenkt.
Sie ist auf die Apostel gegründet
und gibt im Nachfolger des heiligen Petrus
und in den Bischöfen,
die sich in Gemeinschaft mit ihm befinden,
deren immerdar lebendiges Wort
und deren Hirtengewalt durch die Jahrhunderte weiter.
Unter dem immerwährenden Beistand des Heiligen Geistes
hat die Kirche die Aufgabe, jene Wahrheit zu bewahren,
zu lehren, auszulegen und in der Welt zu verkündigen,
die Gott in verhüllter Weise durch die Propheten und in ihrer ganzen Fülle
unseren Herrn Jesus Christus geoffenbart hat.
Wir glauben alles, was im geschriebenen oder überlieferten
Gotteswort enthalten ist und was die Kirche
als von Gott geoffenbarte Wahrheit zu glauben vorlegt,
entweder durch eine feierliche Glaubensentscheidung
oder durch das ordentliche und allgemeine Lehramt.
Wir glauben an die Unfehlbarkeit,
die dem Nachfolger des heiligen Petrus zukommt,
wenn er ex cathedra
als Hirte und Lehrer aller Gläubigen spricht.
Diese ist auch dem Kollegium der Bischöfe verheißen,
wenn sie - gemeinsam mit dem Papst -
das höchste Lehramt ausüben.
Wir glauben, dass die von Christus gegründete Kirche,
für die er gebetet hat, unfehlbar eine ist im Glauben,
im Kult und in der hierarchischen Gemeinsamkeit.
Die reiche Vielfalt in der Liturgie,
die zu Recht bestehende Verschiedenheit
im theologischen und geistlichen Erbe,
sowie in den eigenen Rechtsordnungen im Innern der Kirche,
tun ihrer Einheit keinen Abbruch, sondern fördern sie.
Wir anerkennen das Vorhandensein
zahlreicher Elemente der Wahrheit und Heiligung
außerhalb der Gemeinschaft der Kirche Christi,
welche eigentlich ihr zugehören
und auf die katholische Einheit hindrängen.
Und wir glauben an das Wirken des Heiligen Geistes,
der in den Herzen der Jünger Christi
die Liebe zu dieser Einheit entflammt.
Wir haben aber die Hoffnung, dass auch die Gläubigen,
die noch nicht voll und ganz
der Gemeinschaft der Kirche angehören,
sich eines Tages in der einen Herde
mit dem einen Hirten zusammenfinden.
Wir glauben, dass die Kirche heilsnotwendig ist;
denn Christus, der alleinige Mittler und Weg zum Heil,
ist für uns gegenwärtig in seinem Leib, der die Kirche ist.
Aber der göttliche Heilsplan umfasst alle Menschen.
Diejenigen, die ohne ihre Schuld
die Frohbotschaft Christi und seiner Kirche nicht kennen,
aber aufrichtig Gott suchen und sich mit Hilfe der Gnade
um die Erfüllung seines Willens bemühen, den sie
aus den Forderungen ihres Gewissens erkannt haben
- ihre Zahl ist allein Gott bekannt -,
können das Heil erlangen.
Wir glauben, dass die heilige Messe,
wenn sie vom Priester, der die Person Christi darstellt,
kraft der durch das Weihesakrament empfangenen Gewalt,
gefeiert und im Namen Jesu Christi und
der Glieder seines mystischen Leibes dargebracht wird,
das Opfer von Kalvaria ist, das auf unseren Altären
sakramental vergegenwärtigt wird.
Wir glauben, dass in der Weise, wie Brot und Wein
vom Herrn beim Heiligen Abendmahl konsekriert
und in seinen Leib und in sein Blut verwandelt worden sind,
die er für uns am Kreuz geopfert hat,
auch Brot und Wein,
wenn sie vom Priester konsekriert werden,
in den Leib und das Blut Christ verwandelt werden,
der glorreich in den Himmel aufgefahren ist.
Und wir glauben,
dass die geheimnisvolle Gegenwart des Herrn
unter dem, was für unsere Sinne
in derselben Weise wie vorher fortzubestehen scheint,
eine wahre, wirkliche und wesentliche Gegenwart ist.
Christus kann in diesem Sakrament
nicht anders gegenwärtig sein als durch
die Verwandlung der Substanz des Brotes in seinen Leib
und die Verwandlung der Substanz des Weines in sein Blut.
Dabei bleiben die Gestalten von Brot und Wein,
wie sie unsere Sinne wahrnehmen, unverändert erhalten.
Diese geheimnisvolle Verwandlung
nennt die Kirche auf sehr treffende Weise Transsubstantiation.
Jede theologische Erklärung, die sich um das Verständnis
dieses Geheimnisses bemüht, muss,
um mit unserem Glauben übereinstimmen zu können,
daran festhalten, dass Brot und Wein
der Substanz nach, unabhängig von unserem Denken,
nach der Konsekration zu bestehen aufgehört haben,
so dass nunmehr der anbetungswürdige Leib
und das anbetungswürdige Blut unseres Herrn
vor uns gegenwärtig sind -
unter den sakramentalen Gestalten von Brot und Wein.
So hat der Herr es gewollt, um sich uns zur Speise zu geben
und uns einzugliedern in die Einheit seines mystischen Leibes.
Die alleinige und unteilbare Daseinsweise
des verklärten Herrn im Himmel
wird damit keineswegs vervielfältigt.
Sie ist durch das Sakrament vergegenwärtigt
an vielen Orten der Erde, wo das Messopfer dargebracht wird.
Diese Gegenwart bleibt nach dem Opfer
im Sakrament fortbestehen,
das im Tabernakel aufbewahrt wird,
der die Herzmitte unserer Kirchen ist.
Es ist uns eine heilige Pflicht, das fleischgewordene Wort,
das unsere Augen nicht erblicken können
und das, ohne den Himmel zu verlassen,
sich uns vergegenwärtigt, in der heiligen Hostie,
die unsere Augen sehen können, anzubeten und zu verehren.
Wir bekennen, dass Gottes Reich hier auf Erden
in der Kirche Christ seinen Anfang nimmt,
die nicht von dieser Welt ist, deren Antlitz ja vergeht,
und dass das Wachstum der Kirche
nicht mit dem Fortschritt der Zivilisation, der Wissenschaft
und der Technik des Menschen gleichgesetzt werden darf,
sondern dass die Kirche nur aus dem einen Grund besteht,
um immer tiefer
den unergründlichen Reichtum Christi zu erkennen,
immer zuversichtlicher auf die ewigen Güter zu hoffen,
immer besser der Liebe Gottes zu antworten
und den Menschen immer freigiebiger
die Güter der Gnade und Heiligkeit mitzuteilen.
Ebenso ist es die Liebe, die die Kirche bewegt, sich stets
um das wahre zeitliche Wohl der Menschen zu sorgen.
Unablässig erinnert sie ihre Kinder daran, dass ihnen hier
auf Erden keine bleibende Wohnung beschieden ist.
Sie drängt sie dazu, dass jeder von ihnen,
entsprechend seiner Berufung und seinen Möglichkeiten,
zum Wohle seiner Gemeinschaft beiträgt,
dass er Gerechtigkeit, Frieden und Brüderlichkeit
unter den Menschen fördert und seinen Brüdern,
vor allem den Armen und Unglücklichen, hilft.
Die stete Sorge der Kirche, der Braut Christi,
für die Not der Menschen für ihre Freuden und Hoffnungen,
für ihre Arbeiten und Mühen ist demnach nichts anderes
als die große Sehnsucht, ihnen nahe zu sein,
um sie zu erleuchten mit dem Licht Christi und
sie alle in ihm, ihrem alleinigen Heiland, zu  vereinen.
Diese Sorge kann niemals bedeuten, dass sich die Kirche
den Dingen dieser Welt gleichförmig macht,
noch kann sie die brennende Sehnsucht mindern, mit der
die Kirche ihren Herrn und sein ewiges Reich erwartet.
Wir glauben an das ewige Leben.
Wir glauben, dass die Seelen aller,
die in der Gnade Christi entschlafen sind, sei es,
dass sie noch im Läuterungsort gereinigt werden müssen
oder dass sie Jesus im Augenblick,
da sie ihren Leib verlassen, in das Paradies aufnimmt,
wie er es mit dem guten Schächer am Kreuz getan hat,
zum Volk Gottes gehören,
jenseits aller Herrschaft des Todes,
der am Tag der Auferstehung,
da die Seele mit dem Leib vereinigt wird,
endgültig besiegt sein wird.
Wir glauben, dass die große Schar derer,
die mit Jesus und Maria im Paradies vereinigt sind,
die himmlische Kirche bildet.
Dort schauen sie in ewiger Glückseligkeit Gott, so wie er ist.
Dort sind sie auch, in verschiedenen Abstufungen,
mit den heiligen Engeln unter der Herrschaft Christi
vereint in Herrlichkeit, legen für uns Fürsprache ein
und helfen uns in unserer Schwachheit
durch ihre brüderliche Fürsorge.
Wir glauben an die Gemeinschaft aller Christgläubigen:
derer, die hier auf Erden als Pilger wandern,
der Verstorbenen, die ihre Läuterung abwarten,
und der Seligen im Himmel.
Alle zusammen bilden sie die eine Kirche.
Und in gleicher Weise glauben wir,
dass in dieser Gemeinschaft die barmherzige Liebe
Gottes und seiner Heiligen stets unsere Gebete erhört,
wie uns Jesus gesagt hat: “Bittet und ihr werdet empfangen.”
Mit ebendiesem Glauben und ebendieser Hoffnung
erwarten wir die Auferstehung von den Toten
und das Leben der zukünftigen Welt.

Gepriesen sei der dreimalheilige Gott! Amen.
Aus der Sankt-Peters-Kirche, 30. Juni 1968
                                                    Paulus PP. VI.

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Was der heilige Nikolaus mit dem Credo zu tun hat. Foto oben: Nikolaus als gütiger Bischof von Myra: Er nimmt die drei gestrandeten Ritter Nepotianus, Ursus und Apilio auf. Die Szene ist auf einem Fresko festgehalten, das Anfang des 14. Jahrhunderts entstand und die Kirche des Heiligen Franziskus in Assisi schmückt. Foto oben rechts: Das Marmorgrab des heiligen Nikolaus in Myra ist leer. Im 11. Jahrhundert wurden seine sterblichen Überreste ins italienische Bari gebracht, angeblich, um sie vor Grabräubern zu schützen.

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St. Nikolaus – so überlebte er den Kerker
  Wer weiß schon, wie Nikolaus römischer Folter trotzte und das bis heute geltende Bekenntnis der Christen durchsetzte?
  Der junge Gottesmann liegt in Lumpen auf den kalten Steinen der düsteren Kerkerzelle. Das hagere Gesicht mit den eingefallenen Wangen und der auffallend breiten, hohen Stirn ist von Blutergüssen entstellt, der abgemagerte Leib von Peitschenhieben gezeichnet. Hände und Füße sind mit Eisen- ketten gefesselt. Im verfilzten Haar wimmelt es von Ungeziefer, doch über dem schmalen Mund und der feinen, geraden Nase leuchtet ein ungebrochener Blick: Der Glanz der Augen rührt nicht von Fieber, sondern von unerschütterlicher Gläubigkeit ...
   Den Häftling kennt jedes Kind, allerdings in ganz anderer Gestalt: Es ist der heilige Nikolaus.
   Die Vorstellung vom beleibten, rauschebärtigen Wohltäter, der im Dezember die Kleinen beschenkt, bildet sich erst viel später - zu seinen Lebzeiten ist Nikolaus das viel bewunderte Beispiel eines tapferen Glaubenskämpfers. Einziges Kind des reichen Griechen Euphemios und seiner Ehefrau Anna aus Myra (heute Kaie in der Südwesttürkei), steht der Säugling schon zwei Stunden nach seiner Geburt in der Badewanne auf den Beinchen - ein Wunder, das einen Onkel bewegt ausrufen lässt: „Dieser ist aus dem Willen Gottes geboren; er wird Gott an diesem Ort preisen!”
   Der Onkel heißt ebenfalls Nikolaus und ist Bischof der blühenden Hafenstadt zwischen Rhodos und Zypern. 19 Jahre später weiht er den Neffen zum Priester und setzt ihn als Abt in einem Kloster ein. Als die Eltern an der Pest sterben, erbt Nikolaus ihr Vermögen und verteilt es an die Armen. Nach dem Tod des Onkels pilgert er ins Heilige Land. Als er zurückkehrt, wählt ihn die Gemeinde zum neuen Bischof - in diesen Zeiten eine gefährliche Ehre: Roms Herrscher hassen und jagen die Christen als revolutionäre Aufrührer gegen ihre Autorität.
   Nikolaus lebt keusch, fastet oft, schläft auf dem nackten Boden, ruft die Gemeinde schon vor Son- nenaufgang zum ersten Gebet und kämpft besonders energisch gegen den Götzenglauben. Seine schlimmsten Feinde sind die Priester der Göttin Astarte mit ihren dämonischen Kult-Orgien.Ihr Symbol, der Mond, ist die wichtigste Navigationshilfe der Seeleute, deshalb ist ihre Macht in Hafenstädten besonders groß. Soldaten verhaften Myras Christen und werfen auch den jungen Bischof in den Kerker.
   Acht Jahre dauert der Terror. Dann siegt Konstantin (311-337) im Zeichen des Kreuzes über drei heidnische Kaiser, und Nikolaus kommt frei. Die alten Götter stürzen, doch nun bricht unter den Christen Streit aus: Der Priester Arius aus Alexandria behauptet, Christus sei zwar Gottes Sohn, nicht aber mit dem Vater wesensgleich und auch nicht ewig. 
   Kaiser Konstantin erkennt die Gefahr: Er will den römischen Weltfrieden und keinen Religionskrieg. Umgehend lädt er rund 200 Bischöfe in seinen Sommerpalast in Nicaea, im Nordwesten der heutigen Türkei. Auch Nikolaus kommt. Die Folternarben haben ihm den Ehrentitel „Bekenner” eingetragen, aber auch theologisches Wissen verschafft ihm Respekt. Sein Eifer ist so groß, dass er dem Abweichler Arius ins Gesicht schlägt.
   Der Kaiser ist sauer, die Ohrfeige scheint mit christlicher Feindesliebe schwer vereinbar. Doch Nikolaus und seine Mitstreiter setzen sich durch: Der Arianismus wird verworfen, und das Konzil beschließt ein allgemeines Glaubensbekenntnis. Es wird Reichsgesetz, und die Christen beten es, später erweitert um einige Passagen über den Heiligen Geist, bis heute.
   Die präzisen Formulierungen aus diesem Gebet lassen den alten Streit noch immer erkennen: „Wenn Gott je sterben sollte, dann würden wir den heiligen Nikolaus zu Gott machen.”
    Christus ist „aus dem Vater geboren vor aller Zeit“, also ewig. Er ist „wahrer Gott von wahrem Gott”, also dem Vater in jeder Hinsicht ebenbürtig. Er ist „gezeugt, nicht geschaffen”, also kein endliches Geschöpf. Und er ist, noch einmal wird es betont, „eines Wesens mit dem Vater”.
    Die Lehre des Konzils macht das Christentum endgültig einzigartig: Andere Weltreligionen kennen Stifter wie Buddha, Verkünder wie Zarathustra oder Propheten wie Mohammed,  doch keine beruft sich darauf, von Gott selbst gegründet zu sein.
    Nikolaus kehrt als Sieger nach Myra zurück und widmet sich nun ganz dem Aufbau seines Bistums. Um 350 stirbt er mit 65 Jahren - an einem 6. Dezember, fortan sein Gedenktag. Bald bilden sich immer mehr Legenden um den Heiligen: Anfang Dezember setzen am Mittelmeer die gefürchteten  Winterstürme ein - prompt wird Nikolaus zum Patron der Seefahrer. Nikolaus hilft in einer Hungersnot und wird Patron der Bäcker. Er erweckt ein verbranntes Kind wieder zum Leben und wird Patron der Feuerwehrleute. Die Legende, er habe drei arme Mädchen durch heimliche Geldgeschenke vor dem Freudenhaus bewahrt, macht ihn zum Wohltäter  aller Kinder.
   Myra wird Wallfahrtsort. Der Ruhm des Heiligen eilt durch die Welt: Kaiser Justinian (527-565)  weiht ihm eine Kirche in Konstantinopel, Friesenmissionar Liudger (742-809) baut die erste deutsche Nikolauskapelle im münsterländischen Billerbeck.
   Im Jahr 1034 plündern Sarazenen Myra, können aber die Gebeine des Heiligen nicht finden. Das mächtige Venedig möchte die Reliquien in Sicherheit bringen, doch das süditalienische Bari ist schneller: Im April 1087 landen die Apulier auf drei Schiffen, brechen das Marmorgrab unter dem Fußboden der Kirche auf,  wickeln die Knochen in Tücher und entführen sie in ihre Heimatstadt. Dort liegen sie seither in einem kostbaren Schrein in der Krypta der St.-Nikolaus-Basilika.
   In Myra finden Türkei-Touristen nur noch Ruinen. Das moderne Bild des Nikolaus bestimmt eine Zeichnung, auf der Moritz von Schwind 1847 den Heiligen als strengen „Herrn Winter” darstellte: In Russland wurde daraus „Väterchen Frost”, in Deutschland der Weihnachtsmann und in den USA Santa Claus.
   „Sein göttliches Erbarmen macht Nikolaus zu einem Wesen göttlicher Art, hat ihn über alle an- deren Heiligen erhoben”, vermerkte ein Chronist. Und in Russland heißt es nur halb scherzhaft: „Wenn Gott je sterben sollte, würden wir den heiligen Nikolaus zu Gott machen.”
   Das heutige Glaubensbekenntnis geht in wesentlichen Teilen auf Betreiben des heiligen Nikolaus und das Konzil von Nicaea (325) zurück. 381 wurde es erweitert. Der folgende Wortlaut basiert auf der deutschen Übersetzung des lateinischen Konkordienbuches:
  „1. Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge.
   2. Und an den Einen, Herrn Jesus Christus, Gottes einziggeborenen Sohn. Er ist aus dem Vater geboren vor aller Zeit. Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesenseins mit dem Vater. Durch ihn ist alles geschaffen. Er ist für uns Menschen und um unseres Heiles willen vom Himmel herabgestiegen. Und er wurde Fleisch durch den Heiligen Geist aus Maria der Jungfrau, und ist Mensch geworden; er wurde auch für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, und er ist auferstanden am dritten Tage nach der Schrift. Und er ist aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und Toten, und seines Reiches wird kein Ende sein.
   3. Und an den Heiligen Geist, den Herrn und Lebensspender, der vom Vater und vom Sohn filioque ausgeht. Er wird mit dem Vater und dem Sohn zugleich angebetet und verherrlicht. Er hat gesprochen durch die Propheten.
   4. Und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche una sancta catholica et apostolica ecclesia. Ich bekenne die eine Taufe zur Vergebung der Sünden und erwarte die Auferstehung der Toten und das Leben der zukünftigen Welt.”
Foto unten: Fresken in der Kirche von Myra
   JosefNyaryFOTOS:ULLSTEINHA041206

St.NikolausMyra-xx

   Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone hat die Bedeutung des Heiligen Nikolaus für die Ökumene unterstrichen. Bei einem Besuch an seinem Grab in der süditalienischen Stadt Bari sagte Bertone, der Heilige habe die Stadt zu einem Referenzpunkt in Sachen Ökumene gemacht. Besonders der Dialog mit den russisch-orthodoxen Gläubigen, die zahlreich nach Bari pilgerten, sei sehr wichtig. Bertone dankte den Dominikanern, die die Basilika betreuen, in der das Grab verehrt wird, und ein Ökumenezentrum betreiben, für ihren Einsatz. – Der Heilige Nikolaus (4. Jh.) stammt aus Kleinasien. Er nahm u.a. am Konzil von Nizäa 325 teil. Seine Reliquien wurden 1087 geraubt und gelangten nach Bari. RV100509

Auf dem Weg zu einem deutschen Anti-Credo

Michael Schmidt-Salomon  lRelMichaelSchmidt-Salomon- Die Agenda des Neuen Atheismus

Eine Stiftung im Hunsrück vermarktet den Unglauben
   Deutschland soll feiern, dass es vom Affen abstammt. Ein „Evolutionsfeiertag" solle Christi Himmelfahrt ersetzen, fordert die Giordano-Bruano-Stiftung anlässlich des Darwin-Jahres 2009. Der Staat, fordert die Bruno-Stiftung, müsse die Konfessionslosen, deren Zahl die der Katholiken oder Protestanten in Deutschland übersteige, bei den Feiertagen gleichberechtigt berücksichtigen. Christi Himmelfahrt per Gesetz durch den Evolutionsfeiertag zu ersetzen sei ein - wohlgemerkt: erster - Schritt in diese Richtung.
   Die organisierte Konfessionslosigkeit zieht es in den öffentlichen Raum. Zunächst konnte man noch den Eindruck gewinnen, beim „Neuen Atheismus" handele sich um ein publizistisches Phäno- men, angestoßen durch seinen prominentesten Autor, den Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Der hatte 2005 den Bestseller „Gotteswahn" geschrieben, der in 31 Sprachen übersetzt worden ist und dem Verfasser ein Vermögen einbrachte. Parallel zum publizistischen Erfolg etabliert sich indes seit etwa fünf Jahren vor allem in Deutschland ein organisierter Atheismus neuen Zuschnitts: Er besteht aus einem Geflecht voneinander abhängiger Organisationen und tritt mit dem Anspruch auf mindestens 25 Millionen Deutsche zu vertreten. Im Zentrum der Aktivitäten steht die Giordano-Bruno-Stiftung mit Sitz in Mastershausen im Hunsrück, deren Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon ist. Schmidt- Salomon, der sich gerne als Philosoph bezeichnet, hat lange genug auch Medienwissenschaften studiert, um zu verinnerlichen, dass der Markt der Weltanschauungen kein Oberseminar ist. Das Feld beherrscht, wer die Begriffe bestimmt - und auf die legt Schmidt-Salomon großen Wert: „Neuer Atheismus" etwa hört er nicht gern, er selbst spricht von der Bewegung des „Neuen Humanismus". Man vertrete auch nicht Konfessionslose, sondern „Konfessionsfreie". Möglichst viele Menschen sollen eingemeindet werden in die naturalistische Weltanschauung, und frei in seiner Konfession, wird suggeriert, sei vorrangig derjenige, der keine hat.
   2009 ist es allem voran die Evolution, die es den Neu-Atheisten angetan hat. Charles Darwin ist am 12. Februar geboren - und ihn zählt man wie selbstverständlich zur eigenen Bewegung. Darwin durfte - ein naturalistisches Wunder -auch selbst an seinem 200. Geburtstag teilnehmen, den die Giordano- Bruno-Stiftung für ihn ausrichtete. Dass er beim Geburtstags-Event in der Deutschen National- bibliothek in Frankfurt nicht aus der mannshohen Plastik-Torte auf der Bühne hervorsprang, blieb die eigentliche Überraschung der Veranstaltung. Man beließ es dabei, einen Schauspieler in der Rolle des bärtigen Darwin eine Rede halten zu lassen. Zum äußerlichen gesellt sich der inhaltliche Darwin- Klamauk: Vor der Einspielung des Musikvideos zum Darwin-Song „Children of the Evolution" wird der „Darwin-Code" vorgestellt.  Die  Autoren  des Buches deklinieren die Evolutionstheorie bis in die Grundfragen der Lebensführung herab: Was dürfen wir nicht mehr glauben? Was sollen wir essen? Wie können wir es treiben? - es soll eine fröhliche Wissenschaft sein. Der Evolutionstheorie einen Zug ins Frivole zu geben ist Teil des Programms. Denn die diesseitige Verheißung des Neu- heidentums lautet: schrankenloses Glück durch Hedonismus. Den Augen der Zuschauer soll sich das erschließen, indem die Autoren des „Darwin-Codes" wiederholt Bilder an die Wand werfen, die erst Gorillas und unmittelbar danach Bilder von unbekleideten Afrikanern zeigen, die, zum Teil mit Speeren bewaffnet, um die Gunst barbusiger Afrikanerinnen wetteifern. Der ikonographische Rassismus erhärtet den Verdacht, dass es sich beim „Evolutionären Humanismus" doch um einen Widerspruch in sich handeln könnte. Die neuen Atheisten kennen diesen Einwand. Mit geradezu exegetischer Akribie versuchen sie deshalb den Beweis zu führen, dass Darwin von den Sozialdarwinisten, die das Motiv des Über- lebenskampfs auf das menschliche Zusammenleben übertrugen, missverstanden worden sei. Das böse Wort vom „Kampf" in der Evolution solle durch Wettbewerb, ersetzt werden, fordert einer der Redner.
   Ein Blick in den ausverkauften Saal der Nationalbibliothek nährt die Vermutung, dass die Kombina- tion von Humanismusrhetorik und lebensweltlicher Orientierung, in die der Neue Atheismus verpackt ist, hier vor allem die neue Verpackung für den „alten" Atheismus ist. Die Gratulanten Darwins kommen in ihrer Mehrzahl aus dem Milieu des organisierten westdeutschen Atheismus: altlinke Freidenker, Geistesfreie, Anhänger der Humanistischen Union (HU). Die ehemalige HU-Funktionärin, SPD-Politikerin und KfW-Vorsitzende Ingrid Matthäus-Maier zum Beispiel trägt ein Teil der Kosten des Abends. Die Interessen dieser „alten" Atheisten werden quer durch den Abend bedient: Kein Vortrag, kein Einspieler über die Evolutionstheorie, der nicht auch eine antiklerikale Pointe fände. Vor dem Saal werden „Evolutionalien" feilgeboten: ein T-Shirt mit Marx, eines mit Darwin oder ein Foto, das Hitler und den Papst zeigt.
   Die Verehrung der Evolution durch organisierte Atheisten verwundert, denn im 20. Jahrhundert zeigte diese gegenüber dem organisierten Atheismus wenig Erbarmen: Die Zahl der Konfessionslosen in Deutschland mag - vor allem durch die Religionspolitik der SED in Ostdeutschland und die all- gemeine Organisationssprödigkeit der Bürger - zugenommen haben, aber keine Weltanschauungs- gemeinschaft hat so große Verluste wie der organisierte Atheismus zu verzeichnen. Um 1900 zählten etwa die Deutschen Freidenker mehrere hunderttausend Mitglieder, ein Jahrhundert später sind es kaum mehr 3.000. Fragt man Schmidt-Salomon, wie viele organisierte „Humanisten" es denn insge- samt, alle Organisationen zusammengenommen, in Deutschland gebe, sagt er: 100.000. Später heißt es, es seien etwa 50.000 Personen. Weil bekannt ist, dass viele organisierte Bekenntnislose Mehr- fachmitgliedschaften unterhalten, unterbietet Schmidt-Salomon zuletzt auch diese Angabe: „Viel- leicht sind es auch nur 20.000", sagt er dann. Was also ist neu am „Neuen Atheismus"? Vor allem: das Geld, das aus Mastershausen im Hunsrück fließt. Dort wohnt ein bodenständiger Mann, den der Zorn ergreift, sobald das Gespräch auf das Thema Religion kommt: Herbert Steffen sieht sich geschädigt durch den vorkonziliaren Provinz-Katholizismus der Nachkriegszeit. Kaum ein Übel in dieser Welt, das der 72 Jahre alte Mann nicht der Religion im Allgemeinen und der katholischen Kirche im Besonderen anlasten wollte. Von deren unheilstiftendem Charakter ist Steffen derart überzeugt, dass er mit dem Geld, das er mit dem Verkauf seiner Firma „Steffen-Möbel" erlöste, eine religionskritische Stiftung einrichtete und auf seinem Anwesen über den Niederungen des Hunsrücks Räume für eine Stiftungs-„Akademie" einrichten ließ.
   Das Kapital der Stiftung, dessen Höhe „top secret" sei, hat Herbert Steffen - die Ideen, wie man das Geld ausgibt, kommen von Michael Schmidt-Salomon. Halblanges Haar, Zwölf tagebart und Ohrring zeugen von bewegter Vergangenheit in der linken Szene. Als er Steffen im Jahr 2003 kennen- lernte, überzeugte Schmidt-Salomon ihn zunächst, als Namenspatron für die zu gründende Stiftung Giordano Bruno zu wählen. Der als Ketzer verbrannte Renaissance-Philosoph ist zwar weltanschaulich ebenso schwer einzuordnen wie der bundesdeutsche Otto Normalagnostiker - passt damit aber genau zur Eingemeindungsstrategie des Neuen Atheismus.
   Ohne Schmidt-Salomon darbte Steffens Stiftung heute wohl unter dem Namen „Karl-Heinz- Deschner-Stiftung" vor sich hin und würde den altbackenen Feindbildern des von Steffen verehrten und finanzierten Kirchenkritikers anhängen, der mittlerweile im zehnten Band seiner „Kriminal- geschichte des Christentums" über die Geschichte zu Gericht sitzt. Ohne den Unternehmer Steffen wiederum hielte sich Schmidt-Salomon bis heute von Lehrauf trag zu Lehrauftrag „über Wasser", wie er selbst sagt. Erst mit Steffens Unterstützung konnte er seinen Unglauben zum Beruf machen und Spindoktor des Neuen Atheismus werden.
   Über seine Erfolge in dieser Funktion redet Schmidt-Salomon gern und ausführlich. Am liebsten über diejenigen Mitglieder des Stiftungsbeirats, die im Fernsehen auftreten, in Feuilletons schreiben und der Bruno-Stiftung über den Hintereingang den Zugang in die Feuilletons ermöglichen. Der Hirn- forscher Wolf Singer gehört zu ihnen, der Anthropologe Volker Sommer sowie die Evolutionsbiologen Frank Wuketits und Ulrich Kutschera - die Liste ließe sich fortsetzen.
   Im Unterschied zu den organisierten Konfessionslosen anderer Verbände hat der Neue Atheismus der Bruno-Stiftung gelernt, seine Inhalte so zu konfigurieren, dass deren weltanschauliche Absicht nicht unmittelbar einsichtig ist. Mit dieser Strategie konnte die Bruno-Stiftung über ihre Beirats- mitglieder zuletzt auf prägende Debatten über das menschliche Selbstverständnis Einfluss nehmen: Das gilt für den Streit über Willensfreiheit und Strafrecht, für die Debatte, ob Altruismus nicht „bloß" verkappter Egoismus sei, und für die Diskussion über die weltanschaulichen Konsequenzen der Evolutionstheorie in diesem Jahr.
   Gewandtheit im Erwecken öffentlicher Aufmerksamkeit, beweist die Giordano-Bruno-Stiftung auch bei Kampagnen, die eher politischer als akademischer Natur sind. Dabei macht sich die Stiftung zunutze, dass das religiöse Feld trotz der These von der Privatisierung der Religion symbolisch vermintes Gebiet ist. Wer sich ungeschickt anstellt, kann, wie jüngste Vorgänge belegen, PR- Desaster ungeahnten Ausmaßes erleben - oder anders gewendet: Mit vergleichsweise geringem materiellen Aufwand lässt sich große Aufmerksamkeit erzielen. Den neuen Atheisten kommt dabei zugute, dass ihnen - den Kämpfern gegen gewaltschürende und repressive Religion - aggressives und kulturkämpferisches Verhalten zugestanden wird, das religiösen Akteuren als Fundamentalismus ausgelegt würde.
   Vor zwei Jahren etwa - auf dem Höhepunkt des Interesses an den Abgründen der Integration - stellte sich der „Zentralrat der Ex-Muslime" vor und wurde sogleich durch Deutschlands Zeitungen, Radiosender und Talkshows gezogen. „Zentralrat", „kritische Islamkonferenz", „Anti-Islamisierungs- Kongress" - begrifflich lehnte man sich derart eng an das offiziöse Integrationsdeutsch an, dass man meinen konnte, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hätte die Ex-Muslime an den Tisch gebeten. Als der „Zentralrat" an die Öffentlichkeit ging, verfügte er schon über eine professionelle Homepage, ein eigenes Logo und ein plakatives Motiv, das unter der Überschrift „Wir haben abgeschworen" an das einstige Titelbild der Zeitschrift „Stern" „Wir haben abgetrieben“ aus dem Jahr 1971 erinnern sollte. Zu den wenigen Veranstaltungen der Ex-Muslime lud man altbekannte, sogenannte kritische Intellektuelle wie Ralph Giordano und Günter Wallraff ein. Dass man die beiden ebenso gut auch als Intellektuelle auf der Suche nach einem Thema bezeichnen kann, fiel bei der Berichterstattung ebenso unter den Tisch wie der Umstand, dass es sich bei den „Ex-Muslimen" um durchweg unbekannte Personen handelte und der „Zentralrat" organisatorisch zu keinem Zeitpunkt auf eigenen Beinen stand. Weitgehend unerkannt blieb auch, dass sowohl das Geld als auch die Ideen für die Ex- Muslime aus Mastershausen im Hunsrück kamen.
   Den Einfall, Werbeflächen auf Bussen des öffentlichen Nahverkehrs für religionskritische Slogans zu mieten, übernimmt man aus London. Auch in anderen Städten, darunter Barcelona, Genua und Washington, ist dieses Vorhaben in der Planungsphase oder schon umgesetzt. In Deutschland wirbt jetzt eine Internetseite um Spenden für eine ähnliche Kampagne in Berlin, Köln und München. Nach Angaben eines Organisators wird das Vorhaben ausschließlich über kleine Einzelspenden finanziert. Verantwortlich für die Homepage ist Carsten Frerk, einer der Kuratoren der Bruno-Stiftung, und auch die angegebene Bankverbindung verweist auf die Bruno-Stiftung.
   Für die traditionellen Verbände der Konfessionslosen-Szene, also Freidenker, Bund für Geistes- freiheit, Humanistische Union und den Humanistischen Verband, ist der Erfolg der Giordano-Bruno- Stiftung Segen und Fluch zugleich: Sie profitieren zwar von der Aufmerksamkeit, die die Giordano- Bruno-Stiftung der Religionskritik verschafft. Dass sich knapp ein Dutzend Verbände Ende 2008 zum „Koordinierungsrat säkularer Organisationen" (Korso) zusammengeschlossen haben, ist aber auch Ausdruck des Versuches, die Giordano-Bruno-Stiftung um ihren quirligen Vorstandsprecher Schmidt- Salomon einzuhegen und die öffentliche Aufmerksamkeit zu gleichen Teilen unter allen Verbänden aufzuteilen.
   Abzuwarten bleibt, ob es dem „Koordinierungsrat" gelingt, gemeinsam die immer wieder ange- kündigte „positive Alternative" zur Religion auch einmal auszuformulieren. Die Auffassungen der einst SED-gestützten Freidenker etwa, die schon die Freilassung Slobodan Milosevics forderten und Egon Krenz in einem Telegramm zur Haftentlassung gratulierten, teilt kaum jemand im Koordinierungsrat. An einen Tisch setzt man sich dennoch ohne Bedenken. Auch gegenüber der Bruno-Stiftung gibt es Vorbehalte: Horst Groschopp, der Bundesvorsitzende des Humanistischen Verbandes hält das Projekt eines „evolutionären Humanismus" für weltanschaulich verbrannt. Groschopp verweist auf den Einfluss des „deutschen Darwin", Ernst Haeckel. Der war Ikone des nach 1900 einflussreichen Monistenbundes und zugleich einer der wichtigen Wegbereiter der Rassenhygiene und des Gedankens vom „lebens- unwerten Leben".
FAZReinhardBingener090323

Die Aktivitäten der Giordano-Bruno-Stiftung
- Die Bruno-Stiftung zeichnet verantwortlich für die „Religionsfreie Zone", die als Gegenveran- staltung zum Weltjugendtag 2005 mit der Aussage auftrat, Jesus habe ein „jenseitiges Auschwitz mit Engeln als Selektionären an der himmlischen Rampe" versprochen.
- Der Vorstandssprecher der Bruno-Stiftung, Schmidt-Salomon, veröffentlichte ein illustriertes Kin- derbuch, welches das Bundesfamilienministerium auch wegen angeblichen Antisemitismus ohne Erfolg auf die Liste jugendgefährdender Medien setzen lassen wollte.
- Die Bruno-Stiftung finanziert die sogenannte Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (Fowid), deren Daten den Vertretungsanspruch der Stiftung untermauern Sollen.
- Die Stiftung finanziert maßgeblich den Humanistischen Pressedienst (hpd).
- Dem Beirat der Stiftung gehört Kinderbuchzeichner Janosch an. Dessen Karikatur in der Zeitschrift „Spiegel", auf der ein Priester einem Kind ein Kreuz in den Bauch rammt und gegen die der damalige bayerische Ministerpräsident Stoiber protestierte, ist laut Aussage ihres Vorstandssprechers durch die Stiftung an den „Spiegel" vermittelt worden.
- Die Stiftung unterstützt die Internetinitiative Buskampagne.de, deren Ziel es ist/Werbeflächen auf Bussen für atheistische Botschaften zu mieten.
- Die Stiftung finanzierte maßgeblich das Denkmal Giordano Brunos am Potsdamer Platz in Berlin.
- Wolfram Kastner, Beirat der Stiftung, zog 2006 als Papst verkleidet gemeinsam mit einem Hitler- Darsteller vor dem Papst-Besuch durch die Münchener Innenstadt.
- Dem Beirat der Stiftung gehören unter anderen auch die Bundesvorsitzende von pro familia, Gisela Notz, und der Hirnforscher Wolf Singer an.
FAZ090323bin

 

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