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Hans-Gert Pöttering: Wir werden nur so stark sein wie unsere Werte.

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Festrede des Präsidenten des Europäischen Parlaments zum Jubiläum der “Tagespost”
Pötterings Plädoyer für Dialog der Religionen auf der Basis der Wahrhaftigkeit.

   Die sechs Jahrzehnte, in denen „Die Tagespost” bisher unser Leben publizistisch begleitet hat, fallen nicht zufällig zusammen mit den sechs Jahrzehnten, seitdem die erfolgreichste Demokratie auf deut- schem Boden besteht. Es ist auch kein Zufall, dass „Die Tagespost” der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Verabschiedung unseres Grundgesetzes vorausging. Das Beispiel dieser Zeitungs- gründung aus katholischem Geist im Jahr 1948 zeigt, dass die Gründung der Bundesrepublik nicht aus einer leeren Stunde Null heraus entstand. So grauenhaft die totalitäre Diktatur des Nationalsozialismus war, die mit einem wahnsinnigen Vernichtungsfeldzug Europa überzog, die systematisch die Juden Europas ermordete und die am Ende aller Zerstörung auch Zerstörung und Vertreibung für Deutschland brachte, so sehr gab es doch inmitten der Dunkelheit Stimmen der Hoffnung und des Neubeginns. „Die Tagespost” gehört zu diesen Stimmen der Hoffnung und des Neubeginns in Deutschland. Sie ist eine prononcierte Stimme im publizistischen Chor unseres Landes geblieben, ein starker Fels in der poli- tischen Kultur geworden. Meine Gratulation zum 60. Geburtstag der „Tagespost” verbinde ich mit meinen besten Wünschen für den weiteren Weg dieser Zeitung, die wir mit ihrem unverwechselbar katholischen Profil heute und in den Jahren, die vor uns liegen, mehr denn je benötigen.
   Die geschichtliche Spanne, die der erfolgreiche Weg der „Tagespost” umfasst, war gekennzeichnet von elementaren Entwicklungen, Umbrüchen und großen Veränderungen. „Die Tagespost” war inmitten dieser Entwicklungen stets ein unbestechlicher Kompass an moralischer Integrität, journalistischer Kompetenz und politischem Engagement. Auch in den vor uns hegenden Zeiten werden wir die Heraus- forderung nur bestehen, wenn uns die geistigen Orientierungsmarken begleiten und leiten, die wir dazu benötigen. Im Kern der vergangenen sechs Jahrzehnte stand für uns in Deutschland das Ringen um Einigkeit und Recht und Freiheit. Diese Werte werden uns weiterhin fordern, wenn es um die Einigung Europas geht, um die weltweite Sicherung des Rechts und um unsere moralische Verantwortung in der Freiheit, die wir heute so selbstverständlich genießen.
   Die Würde des Menschen wird und muss der zentrale Maßstab jeder menschenwürdigen Politik bleiben, vor allem einer Politik aus christlicher Verantwortung. In der Europäischen Union teilen wir das Leben mit Menschen der unterschiedlichsten weltanschaulichen Strömungen, Überzeugungen und Ziele. Dies ist eine Herausforderung, denn wir leben im christlichen Abendland schon lange nicht mehr nur unter Christen. Wir haben große religiöse Minderheiten unter uns: Juden, für deren Präsenz in Deutschland wir nach allem, was in der furchtbaren Zeit des Nationalsozialismus geschehen ist, besonders dankbar sein dürfen; Muslime, mit über drei Millionen Menschen die größte nichtchristliche Glaubensgemeinschaft in Deutschland und mit über 15 Millionen in der EU; orthodoxe Christen, die aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu uns kamen und die in vier EU-Mitgliedstaaten - Griechenland, Zypern, Bulgarien und Rumänien - Unionsbürger sind wie wir. Unter uns leben Buddhisten und Hindus, Sikhs und Parsen, Bahai und Konfuzianer sowie Angehörige aller anderen Religionsgemein- schaften dieser Welt.
Religion hat ihren Platz im öffentlichen Raum
   In der EU führen wir seit einigen Jahren einen strukturierten Dialog der politischen Institutionen mit den Vertretern aller in Europa lebenden Religionsgemeinschaften. Dieser Dialog ist für mich zu einem bewegenden Zeichen der Lebendigkeit und öffentlichen Präsenz der Religionen im politischen Raum geworden. In einem Artikel des Verfassungsvertrages, der bedauerlicherweise gescheitert ist, auch im Reformvertrag, von dem wir hoffen, dass wir ihn verwirklichen können, ist dieser Dialog als Forderung festgeschrieben: Damit werden die Kirchen immer einen besonderen Status in der EU haben. Wir haben den Dialog schon antizipatorisch begonnen, und ich glaube, das ist ein Grund, alles in allem Vertrauen in diese Europäische Union zu haben, trotz ihrer Defizite.
  Religion hat im öffentlichen Raum Europas ihren Platz. Religion ist nicht einfach nur eine private oder zivilgesellschaftliche Aktivität unter vielen. Wir wissen, dass in Europa heftige Kontroversen um die öffentliche Rolle der Religion ausgetragen werden. Dabei geht es meist nicht um Konflikte zwischen Religionen und ihren Vertretern, sondern um Dispute zwischen Religionsangehörigen und Vertretern laizistischer Standpunkte. Laizistische Positionen sind heute eine stärkere Herausforderung an die öffentliche Rolle der Religion in Europa als die Säkularisierung unseres Kontinents. Es macht einen Unterschied, ob man eine Trennung der weltlichen von der religiösen Sphäre fordert, oder ob man die strikte Privatisierung aller Religion verficht. Menschen aus anderen Kontinenten sind darüber verwundert, dass Europa in Bezug auf die öffentliche Präsenz des Religiösen eine Sonderrolle einnimmt. Der Dialog mit Menschen anderer Kulturkreise und Religionen wird nicht leichter, wenn sie den Eindruck haben, Europa sei technologisch und materiell führend, geistig und religiös aber eher ein Randkontinent geworden.
   Viele Menschen nehmen ihre Religion auch in Europa ernst. Immer noch besuchen mehr Europäer- innen und Europäer am Sonntag einen Gottesdienst als ein Fußballspiel - wobei man ja auch gut und gerne das eine tun kann, ohne das andere zu lassen. Wir sind gut beraten, dass die Bilder, die wir von uns der Welt vermitteln, auch die Werte spiegeln, die wir befördern und mit denen wir in Verbindung gebracht werden möchten. So wenig wir uns einen Kampf der Kulturen aufreden lassen dürfen, so wenig dürfen wir uns mit der Behauptung zufriedengeben, Europa sei kulturell und religiös ein erschöpfter Kontinent.
   Ich darf darauf hinweisen, dass ich siebeneinhalb Jahre Vorsitzender einer Fraktion war und die von mir geführte Fraktion einstimmig beschlossen hat, dass wir uns für den Gottesbezug und für die Benennung des jüdisch-christlichen Erbes im Verfassungsvertrag einsetzen. Aber wir waren am Ende nicht erfolg- reich. Hätten wir es durchgesetzt und hätten uns dann als Christen und als Katholiken zurückgelehnt und nicht mehr unsere Meinung verfochten, dann wäre das das falsche Signal gewesen. Entscheidend kommt es darauf an, dass wir in der Öffentlichkeit, in der Politik, in der Gesellschaft als Christen und Katholiken unsere Stimme erheben.
   Technisch sind wir heute weltweit vernetzter denn je und mit der Geschwindigkeit eines Mausklicks gelangen wir an Informationen vom anderen Ende der Erde. Wir sind in das Netz der einen Welt hinein- verwoben und erleben doch, wie zerrissen diese Welt ist. Armut und Naturkatastrophen, politischer Terrorismus, der sich in seiner totalitären Anmaßung religiöser Motive bedient und unsere Wut über die Unterdrückung der Menschenrechte in fernen Ländern - kein politischer oder moralischer Konflikt bleibt heute mehr ungehört in dieser Welt, aber gleichwohl möglich. Wir erleben, dass die ethischen Konflikte keineswegs entlang von Kulturgrenzen verlaufen, sondern mitten durch sie hindurch. Die meisten Muslime - das ist meine persönliche Erfahrung - lehnen radikalen Islamismus und terroristische Gewalt im Namen des Islam ab. Christen streiten über Abtreibung und Sterbehilfe, Stammzellforschung und Kernenergie.
   In seinem Disput mit dem Philosophen Habermas hat Papst Benedikt XVI. wesentliche Überlegungen vorgetragen, die uns zum Kern des Themas führen. Der damalige Kardinal Ratzinger beschrieb, dass weder die Kultur des christlichen Glaubens noch die Kultur der säkularisierten Rationalität faktische Universalität beanspruchen können, „so sehr sie beide in der ganzen Welt und in allen Kulturen auf je ihre Weise mitprägend sind”. Kardinal Ratzinger zeigte sich skeptisch über die Möglichkeit, eine einzige rationale oder ethische oder religiöse Weltformel zu formulieren, auf die sich alle Welt einigen könnte. Aber, so folgerte er, es gibt eine „Korrelationalität von Vernunft und Glaube, Vernunft und Religion, die zu gegenseitiger Reinigung und Heilung berufen sind und die sich gegenseitig brauchen und das gegenseitig anerkennen müssen”.
   Diese Gedanken des heutigen Papstes sind ein guter Ausgangspunkt für die Frage nach dem inter- kulturellen Dialog. Ich bin davon überzeugt, dass das Zeitalter der Globalisierung nur dann gut und menschenwürdig wird, wenn der interkulturelle und religiöse Dialog sie begleitet und ihren Rahmen bildet. Globalisierung ist nicht nur eine Frage von schnellen Flugrouten und weltweiten Handelsströmen. Sie verlangt, dass wir ihre bedrückenden Folgen bewältigen, etwa die freiwillige und unfreiwillige Migration, den Druck auf das Weltklima und die sozialen Spannungen, die aus steigenden Nahrungs- und Energie- preisen erwachsen können. Globalisierung bedarf einer ethischen Komponente. Diese kann nur auf Basis eines intensiven, aufrichtigen Dialogs der Kulturen und Religionen wachsen.
Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit
   Deshalb ist es für uns Europäer zwingend, dass wir Auskunft darüber geben, mit welchen Überzeu- gungen und Zielen wir in diesen Dialog eintreten. Es muss ein Dialog sein innerhalb des pluralistischen Europa, und ein Dialog über die Grenzen von Kontinenten hinweg. Wir müssen überzeugt sein von dem, wofür wir eintreten und wir müssen überzeugen können durch unser Beispiel und unsere Argumente. Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern einen eigenen Standpunkt zu haben und den Standpunkt des anderen nicht zu akzeptieren - dann wäre es ja mein eigener -, sondern zu respektieren. Das tolerante Zusammenleben zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Lebensweisen zu fördern, ist eine lohnende Aufgabe - und dieser Aufgabe stellt sich „Die Tagespost”. Der inter- kulturelle Dialog muss in der inneren Annahme von uns selbst gründen, sonst kann niemand auf Dauer einen interkulturellen Dialog gestalten oder gar weiterführen.
   Der interkulturelle Dialog ist auch an materielle Voraussetzungen gebunden. Deshalb haben wir dazu aufgerufen, einen europäischen Mobilitätsfonds für den Austausch von Lehrern und jungen Künstlern einzurichten. Das Erasmus-Programm für den Austausch von Studenten ist ein großer Erfolg. Herr Bischof Kapellari, ich erinnere mich gut, als Sie mit Ihrem früheren Bundeskanzler Wolfgang Schüssel während der österreichischen Präsidentschaft über diese Fragen diskutiert haben und es am Ende möglich war, dass wir die Mittel, die gestrichen werden sollten, für das Erasmus-Programm wieder anheben konnten. Der damalige österreichische Bundeskanzler war sehr hilfreich dabei.
  Ich bin überzeugt, dass interkultureller Dialog ein wichtiges Element bei der Verhinderung von Kon- flikten ist. Wir haben eine vorsorgende Politik der Verständigung und der Versöhnung zu betreiben. Die EU ist der Inbegriff kultureller Vielfalt und toleranten Umgangs untereinander. Die politische Kunst be- steht darin, die Einheit aus der Vielfalt zu schaffen; die Vielfalt zu erhalten, aber die Einheit zu schaffen, damit diese Einheit die Vielfalt garantieren kann.Wir wissen, dass dies keinesfalls immer so war in Europa. Heute gehen wir friedlich miteinander um, solange es manchmal auch dauert - aber wir sprechen miteinander und am Ende entscheiden wir demokratisch. Ich hoffe, dass wir diese Errungenschaft unseres Kontinents niemals aus dem Blick verlieren. Als Christen wissen wir, dass das Paradies auf dieser Erde nicht zu schaffen ist. Diejenigen, die das behaupten, haben, wie der Kommunismus und der Nationalsozialismus, die Hölle hinterlassen.
   Wir leben heute Vielfalt in Einheit. Der längste Friede, den Europa in seiner Geschichte gekannt hat, ist die Frucht dieser Kultur des Dialogs. Die europäische Einigung hat die politische Kultur in Europa fundamental geändert. Deshalb spreche ich davon, dass die Europäische Union eine Werte- gemeinschaft ist. In ihrem Kern steht die Achtung der Würde des Menschen. Die Menschenrechte, die Freiheit, die Demokratie, die Rechtsordnung und der Frieden sind zentrale Faktoren dieser Werte. Diese Grundsätze müssen unser Gespräch über die Grenzen Europas hinaus leiten. Wir müssen weltweit so auftreten, dass Glaubwürdigkeit die Basis unseres Erfolges ist. Wir sind nicht naive Romantiker und werden nicht mit dem Kopf durch die Wand gelangen. Aber wenn wir die Werte ernst nehmen, die wir in Europa hochhalten, dann müssen wir für Menschenwürde und Menschenrechte weltweit eintreten: in China, in Burma, in Darfur und in Simbabwe, gegenüber Venezuela und gegenüber Irans Präsidenten. Wo wir konsequent sind, werden wir ernst genommen.
   Besonders am Herzen liegen mir ein gerechter Frieden im Nahen Osten und der Ausgleich zwischen Christen, Juden und Muslimen. Die Völker, die ihre religiösen Wurzeln auf einen gemeinsamen Gott und einen gemeinsamen Stammvater Abraham zurückführen, sind auf Einheit in Vielfalt angelegt, nicht aber auf Konflikt, Verdrängung oder Vernichtung. Es ist die Aufgabe menschengemäßer Politik, die Bedin- gungen für einen Ausgleich zwischen Christen, Muslimen und Juden zu verbessern. Deshalb setzt sich das Europäische Parlament für einen gerechten Ausgleich im Nahen Osten ein, damit Israel in gesicherten Grenzen und ein lebensfähiger Staat der Palästinenser nebeneinander und immer stärker miteinander existieren können. Wenn wir die Würde jedes Menschen ernst nehmen, dann ist die Würde eines Israelis die gleiche wie die Würde eines Palästinensers, eines Europäers oder Amerikaners. Es gibt nicht die Würde erster, zweiter oder dritter Klasse. Deshalb wollen wir, dass Christen eine Zukunft im Libanon, im Irak und in anderen muslimischen Ländern haben. Wo ihnen dies aber verwehrt wird, müssen wir ihnen Zuflucht und Asyl bei uns gewähren.
  Wir werden für unsere Werte im Dialog mit anderen werben. Wir müssen unsere Werte aber auch leben. Deshalb besteht ein enger Zusammenhang zwischen einer überzeugenden Europäischen Union als Wertegemeinschaft und ihrer globalen Rolle. Wir werden immer nur so stark sein, wie unsere Werte überzeugen können. In den letzten Jahren ist das Verhältnis Europas zur arabisch-islamischen Welt in besonderer Weise problematisiert worden. Wir sind Nachbarn und werden es bleiben. Allein schon aus Eigeninteresse müssen wir alles daransetzen, dass in den arabisch-islamischen Nachbarstaaten Europas stabile rechtsstaatliche und demokratische Verhältnisse möglich werden. Unsere arabischen und isla- mischen Nachbarn müssen überzeugt davon sein, dass Partnerschaft mit uns für sie von Nutzen ist. Wir wissen, dass die großen sozialen Unterschiede im Lebensstandard Spannungen und Frustrationen erzeugen.
   Wenn der Dialog mit der muslimischen Welt erfolgreich sein soll, muss er sich gründen auf Wahrhaftig- keit. Ich wurde einmal von einem hohen geistlichen Würdenträger in Saudi-Arabien gefragt: „Wie leben Muslime in Deutschland, in Europa?” Meine Antwort war: „Sie sind nicht so integriert, wie wir uns das wünschen, aber sie können ihren Glauben leben, haben ihre Gebetshäuser. Aber wie ist es, wenn jemand hier in Ihrem Land Christin oder Christ werden möchte? Stimmt es, dass darauf die Todesstrafe steht?” Ich habe keine Antwort bekommen. Wenn der Dialog erfolgreich sein soll, müssen wir die Wahrheit und unsere Überzeugung aussprechen. Ich war in Syrien und im Libanon, und bin dort mit vielen Vertretern der Kirchen zusammengekommen. Ich habe dort die Kreuze auf den Kirchen gesehen, mitten in der moslemischen Welt, erkennbar. Auch das gibt es.
 Wir müssen Brücken bauen und zu einer Entwicklung beitragen, um gleichberechtigte Partner zu werden. Das ist das Ziel der Mittelmeer-Union. Auch Deutschland liegt am Mittelmeer, wenn es darum geht, zu definieren, wodurch unsere Zukunft bestimmt wird: Klimawandel und Migration, Umweltzerstörung und Radikalisierung verarmter Jugendlicher, Fanatisierung frustrierter Menschen, die bereit sind, terroristische Gewalt auszuüben - dies sind keine Themen, die uns nur berühren, wenn wir unmittelbar am Mittelmeer leben. Strategisch ist das Mittelmeer die Brücke von uns allen, die wir Europäer sind, zu den Arabern auf der anderen Seite des Meeres. Dort hat auch der Staat Israel seinen Platz, ein demokratischer Staat, dessen Existenzrecht von niemandem in Frage gestellt werden darf. Zum Ausgleich aller Völker in dieser einzigartigen kulturellen Zone müssen wir alle beitragen. Am Saum des Mittelmeeres wurden die drei großen Buchreligionen geboren - dort entscheidet sich in erheblicher Weise unsere gemeinsame Zukunft.
   Es kann keine Zukunft gegeneinander geben. Es kann auch keine gute Zukunft geben, wenn wir uns gegenseitig gleichgültig sind. Die Römer haben vom Mittelmeer als „mare nostrum” gesprochen. Heute sprechen wir vom gemeinsamen Mittelmeer der Europäer und Araber, der Juden, Christen und Muslime. Es ist das Mittelmeer junger Generationen, die sich gemeinsam dem großen sozialen und ökologischen Druck ausgesetzt sehen, der sich in Afrika südlich der Sahara aufgestaut hat. Unterdessen gibt es auch Migra- tionsströme mit ökologischen Ursachen. Die Wüsten am Rande Europas breiten sich aus. Mit ihnen wächst der soziale Druck auf Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Es ist beschämend, dass Menschen vor den Küsten Europas ertrinken oder in erbärmlichen Booten an Europas Küsten landen. Alle Menschen haben ein Recht auf Würde, und wir als Christen sollten es verteidigen. Wir brauchen eine gemeinsame Politik der Migration. Wir dürfen Spanien und Italien nicht damit alleine lassen. Wir brauchen ein intensiveres Engagement für die Entwicklung Afrikas. Dort verlaufen Linien, die sich rasch zu kulturellen Konflikten steigern könnten. Deshalb sind wir gefordert, uns mehr als bisher für die Zukunft Afrikas zu engagieren. Es ist unsere eigene Zukunft, über die die Zukunft Afrikas mit- entscheidet.
Das Ziel bleibt, Europa eine Seele zu geben
   Die Aufgaben, die vor uns liegen, gehen über das alltägliche Politikgeschäft hinaus. Unsere Medien berichten ja in der Regel nur über die Aufgeregtheiten des Tages. „Die Tagespost” ist ein schönes Beispiel dafür, dass in die Tiefe gedacht und berichtet wird. Die Europäische Union kann als Werte- gemeinschaft nur überzeugen, wenn wir auf dem formalen Miteinander zu gemeinsamen politischen Zielen finden. Unsere christlichen - und ich sage ausdrücklich auch: katholischen - Prinzipien sind in der EU- Charta der Grundrechte verankert. Wo immer wir in wichtigen ethischen Fragen zu einem Konsens in der EU finden, der über religiöse Grenzen hinweggeht, bauen wir mit an dem Ziel,Europa eine Seele zu geben. Der interkulturelle Dialog als eine logische Weiterentwicklung der EU als Wertegemeinschaft - ich meine, in dieser Idee liegt viel Inspirationskraft für alle, die geistig gerüstet sind, um zu neuen Ufern aufzubrechen. DT080830

Papst mit EVP-Vorsitzenden Pöttering   B-Pöttering,xx

Papst: EU hat christliche Wurzeln

   Papst Benedikt XVI. hat dazu aufgerufen, die christlichen Wurzeln im europäischen Einigungsprozess angemessen zu berücksichtigen. Das christliche Erbe habe entscheidend zur Herausbildung einer euro- päischen Identität beigetragen; die Achtung der christlichen Wurzeln könne dazu beitragen, die Heraus- forderungen in einer von Globalisierung und demographischem Wandel gekennzeichneten Welt zu meistern, sagte der Papst in einer Audienz für die Fraktion der Christlichen Demokraten und Europäischen Demokraten (EVP-ED) des Europäischen Parlaments. Auffallend war, dass Benedikt XVI. sich zwar dar- über erfreut zeigte, dass der derzeit auf Eis liegende europäische Verfassungsvertrag die Identität und den Beitrag der Religionsgemeinschaften anerkenne und einen umfassenden Dialog mit ihnen vorsehe. Der Papst äußerte sich aber nicht zu der Forderung nach einem ausdrücklichen Gottesbezug im Verfassungs- vertrag. Unter Abgeordneten des Europäischen Parlaments hieß es, damit werde offenbar auch den innerhalb der christlich-demokratischen Parteienfamilie bestehenden Differenzen  in dieser Frage Rech- nung getragen.
  Der Präsident des Europäischen Parlaments Hans-Gert Pöttering sagte hingegen zu Beginn der Audienz, auch wenn es nicht gelungen sei, einen ausdrücklichen Gottesbezug in den Text des Verfassungs- vertrags aufzunehmen, sei es entscheidend, dass dieser „entscheidende christliche Werte” umfasse. Es gehe nicht um einen Konflikt zwischen Zivilisationen. „Wir glauben an Zusammenarbeit, Verständnis, Partnerschaft und wenn möglich Freundschaft zwischen Kulturen und Religionen”. Papst Benedikt XVI. bekräftigte den Anspruch von Kirchen und Glaubensgemeinschaften, in gesellschaftspolitischen Fragen klar Stellung zu beziehen. Von einer Form der Intoleranz und der Einmischung könne nicht die Rede sein: Es gehe der katholischen Kirche insbesondere darum, die Würde des Menschen zu schützen und zu fördern. Der Papst forderte in diesem Zusammenhang insbesondere; das menschliche Leben - von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod - zu schützen und die „natürliche Struktur” der auf der Ehe von Mann und Frau beruhenden Familie sowie die Rechte der Eltern zu achten. FAZ060331

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Europa nicht zum Sündenbock nationaler Enttäuschungen machen. Das christliche Menschenbild ist für den Präsidenten des Europa-Parlaments Hans-Gert Pöttering tragendes Element europäischer Politik

   Mit der ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament 1979 zog der damals 34-jährige Politikwissen- schaftler und Jurist Hans-Gert Pöttering für die niedersächsische CDU nach Brüssel und Straßburg. 1999 wählten ihn seine Kollegen zum Fraktionsvorsitzenden der christdemokratisch-konservativen EVP (Euro- päische Volkspartei). Er wurde er zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt. In der “Tagespost” fanden wir ein Interview von Stephan Baier mit ihm über seine Vision einer Politik für Europa.  DT070115gekürzt

Früher war vielfach von „Europamüdigkeit” die Rede, heute spricht man von einer Vertrauens- und einer Identitätskrise des vereinten Europa. Welches Rezept haben Sie, als überzeugter und leidenschaftlicher Europäer, dagegen?
   Das Wichtigste ist, dass Politiker, die Verantwortung in Europa tragen, viel öfter davon sprechen, was Europa alles für die Lösung der Probleme der Menschen tut.Dazu gehört zum Beispiel die wichtige Gesetz- gebung, wie die Richtlinie über Dienstleistungen, die grenzüberschreitend in Europa erbracht werden kön- nen. Das Europäische Parlament als Mitgesetzgeber hat hier einen fairen Ausgleich zwischen dem Schutz der Verbraucher und der Förderung des Wettbewerbs von Dienstleistungsangeboten hergestellt. Oder die Chemikalienverordnung, die soviel Umweltschutz wie möglich garantiert, ohne dass dies zur Auswande- rung der Chemieindustrie und damit zum Abbau von Arbeitsplätzen in Europa führt. Es gibt viele andere Beispiele, etwa in der Umweltpolitik, bei der Bekämpfung von Kriminalität und Terrorismus, bei der äußeren Sicherheit der Europäischen Union und damit der Friedenssicherung in Europa. Wir müssen viel mehr über diese Erfolge reden und nicht Europa zum Sündenbock für Enttäuschungen in der nationalen Politik mächen.
Ist ein Durchbruch zur Europäischen Verfassung, die ja in vielen Staaten bereits ratifiziert wurde, noch möglich? Kann die deutsche Ratspräsidentschaft unter Bundeskanzlerin Merkel hier etwas erreichen?
  Die Europäische Verfassung umfasst zum einen notwendige Reformen, um die Handlungsfähigkeit der er- weiterten Europäischen Union  für die Zukunft zu sichern, zum andern schreibt sie unsere gemeinsamen Werte fest. Dies ist die Substanz der Verfassung, die in die rechtliche und politische Wirklichkeit um- gesetzt werden muss. Die deutsche  Ratspräsidentschaft kann  einen neuen Anstoß für die Verfassung geben, wird allerdings noch keine vollständige Lösung für die Zukunft der Verfassung finden können. Es könnte aber zum Ende der Präsidentschaft im Juni ein Fahrplan für das weitere Verfahren und ein Mandat festgelegt werden, auf dessen Grundlage dann ein Ergebnis bis zu den Europawahlen 2009 erzielt werden könnte. Wichtig wird in diesem Zusammenhang auch sein, dass der Europäische Rat, das Parlament und die Kommission am 25. März zum Jahrestag der Römischen Verträge in Berlin in einer gemeinsamen Erklärung ein politisches Signal geben, das den politischen Willen zur Stärkung und Weiterentwicklung der Europäischen Union deutlich macht.
Viele Christen waren enttäuscht, dass ein Gottesbezug
in der Präambel der Verfassung nicht durchsetzbar war. Sehen Sie dafür noch eine Perspektive?

   Als Christen geben wir die Hoffnung nie auf. Die christdemokratische Fraktion hat sich unter meinem Vorsitz ja intensiv bemüht, den Gottesbezug und das christlich-jüdische Erbe in der Verfassung zu verankern, was uns aber leider nicht gelungen ist. Dennoch ist der Text der Verfassung auch aus kirchlicher Sicht positiv bewertet worden, da durch die Festschreibung der Werte und durch einen eigenen Artikel über die Kirchen und Religionsgemeinschaften wichtige Anliegen des christlichen Glaubens und der Kirchen sich in der Verfassung wiederfinden. Jeder Versuch, den Gottesbezug noch mit ein- zuführen, wäre aus Sicht der Christdemokraten natürlich sehr positiv.Sollte das aber nicht mehr gelingen, darf dies nicht zu einer Ablehnung des Textes, der ausgewogen und für die Zukunft der Europäischen Union enorm wichtig ist, führen.
Welche Rolle spielen das christliche Menschenbild
und die christliche Soziallehre heute in der europäischen Politik?

  Christliches Menschenbild und christliche Soziallehre sind seit den Gründervätern Europas - denken Sie an Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Robert Schuman - das tragende Fundament der euro- päischen Politik. Das christliche Menschenbild findet sich übrigens im Teil „Werte”, beziehungsweise in Teil II der Verfassung sehr klar wieder. Solidarität und Subsidiarität, die Leitprinzipien der europäischen Politik, sind Prinzipien, die aus der christlichen Soziallehre kommen. Solidarität steht für das fürinander Einstehen, und Subsidiarität für die Verantwortlichkeit des Einzelnen im Gemeinwesen und daraus folgend die Notwendigkeit, politische Entscheidungen auf der Ebene zu treffen, die möglichst nah beim einzelnen Bürger ist, also aufsteigend von der kommunalen, regionalen und nationalen zur europäischen Ebene. Dabei wird auf der jeweils höheren Ebene die Entscheidung nur dann getroffen, wenn das politische Handeln hier effizienter ist. Diese Prinzipien kommen zum Ausdruck im Begriff „Person”, der mehrfach in der Verfassung genannt wird.
Welche Bedeutung haben der christliche Glaube und die Lehre der Kirche für Sie persönlich,
in Ihrem politischen Handeln?

 Für mich persönlich sind dies die Leitlinien meines politischen Handelns. Konkret bedeutet das für mich, dass das wichtigste Prinzip der Achtung der Würde eines jeden Menschen ist, die unter allen Um- ständen und überall auf der Welt zu verteidigen ist. Daraus leiten sich die meisten politischen Aufgaben letztlich ab. Es gibt keine wichtigere und keine schönere Aufgabe für einen Politiker und die Definition seiner Arbeit.

Der Papst und seine Europakritik

  Nach der Regensburger Vorlesung hat Benedikt XVI. klar gestellt, dass er nicht die Muslime anprangern, sondern den Islam zu einem “freimütigen und aufrichtigen Dialog einladen” wollte. Damit ist der Blick frei auf den weiten Rest seiner Rede, und deren Grundthese ist durchaus gegen den Zeitgeist der Heimat, gegen den Westen gewandt: Europa, sagt der Professor-Papst wenig schmeichelhaft, lege seit Jahrhunderten in immer neuen Hieben die Axt an die eigenen geistigen Wurzeln und sei als Folge in seiner heutigen Gestalt zum geforderten interkulturellen Dialog unfähig.
   Der Papst sagt, religiöser Glaube und menschliche Vernunft seien untrennbar miteinander verbunden; “nicht vernunftgemäß zu handeln ist dem Wesen Gottes zuwider”. Dies gelte für Abend- wie für Morgen- land. Speziell der christliche Glaube indes habe sich historisch und systematisch mit der organisierten Vernunft verbunden: mit der Welt der griechischen Philosophie.
   Den Gott der Christen sieht der Papst als Gott, der sich in Vernunftkategorien offenbart: “Auch wenn die Unähnlichkeiten unendlich größer sind als die Ähnlichkeiten, so gibt es doch zwischen dem ewigen Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft eine wirkliche Analogie.” Den Gott des Islam hingegen beschreibt Benedikt XVI. als einen weltentrückten Willkürgott:“Für die muslimische Lehre ist Gott absolut transzendent; sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden, und sei es an die Vernünftigkeit.”
   Eine für Europa selbst bedeutendere theologische Grenze steckt Benedikt XVI. gegenüber dem Protes- tantismus und seinen kulturellen Folgen ab. Die Forderung der Reformation, aus der christlich-helle- nistischen Symbiose auszusteigen, deren theologisches Gebäude zu verlassen und “allein auf die Heilige Schrift” zu rekurrieren, ist für Benedikt ungeschichtlich, fatal und unchristlich.
   Seitdem sei in Europa nach und nach ein Vernunftbegriff eingezogen, der die Religion aus dem “moder- nen” Denken hinauswarf: Der Glaube wurde mit der Aufklärung zu einer frommen Übung, zur bürgerlichen Moral, zur Seelentröstung für intellektuell unbedarfte Gemüter degradiert. Das Gewissen als innerste Instanz des Menschen fand keinen Halt mehr an Ewigem, Allgemeingültigem, sondern nur noch an sich selbst - also an gar nichts. “So verlieren Ethos und Religion ihre gemeinschaftsbildende Kraft und ver- fallen der Beliebigkeit. Dieser Zustand ist für die Menschheit gefährlich: Wir sehen es an den uns be- drohenden Pathologien der Religion und der Vernunft, die notwendig ausbrechen müssen, wo die Ver- nunft so verengt wird, dass ihr die Fragen der Religion und des Ethos nicht mehr zugehören.”
   Der Papst erstaunt seine Hörer indes auch mit Zugeständnissen, die sich für einen so kulturkritischen Kirchenführer revolutionär ausnehmen: “Die Größe der modernen Geistesentwicklung wird ungeschmälert anerkannt.” Aber er verlangt - das ist die Synthese seiner Vorlesung - eine “Selbstkritik der modernen Vernunft”, eine Integration von Wissenschaft und Glaube: “Nur so werden wir zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen fähig, dessen wir so dringend bedürfen.”
   Gefordert ist also nicht nicht eine Rückkehr zu schlichter Frömmigkeit und schon gar nicht ein kreuz- zugartiger Aufmarsch gegen islamische Kulturen, die laut Papst gläubiger sind als wir. Aber Benedikt XVI. verlangt nichts weniger als eine Umkrempelung des westlichen Denkens.
   Was der Papst mit den Krankheitsausbrüchen des Glaubens meinte, ließ er offen. Dass er jede religiös motivierte Gewalt für eine der Religion selbst zuwiderlaufende Fehlentwicklung hält, hatte er zuvor vielfach gesagt. Ob er Europa zur befreienden Wende überhaupt für fähig hält, dazu hat Benedikt nichts gesagt. PaulKreinerHA060919

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Das Diadem der Muttergottes
 Wie die Europa-Flagge entstand.  Foto oben Mitte:  Flagge der Pan-Europa-Bewegung

   Seit seiner Gründung im Jahre 1949 war sich der Europarat der Notwendigkeit bewusst, Europa ein Symbol zu geben. Am 25. Oktober 1955 fiel in der parlamentarischen Versammlung die Entscheidung, einen Kreis goldener Sterne auf blauem Hintergrund als Emblem anzunehmen. Am 8. Dezember 1955 (dem Fest der Erwählung Mariens) nahm das MinisterKomitee dieses Motiv als die europäische Flagge an.
    Von Paul M.G.Lévi, einem belgischen Juden, gibt es eine schöne Anekdote. Während des Zweiten Weltkriegs soll er das Gelübde abgelegt haben, er werde, wenn er den Krieg überlebe, zum katholischen Glauben konvertieren. Lévi überlebte und wurde katholisch. Eben dieser Mann von 1949 bis 1966 Direktor der Abteilung Presse und Information beim Europarat. Als 1955 die Frage zur Entscheidung stand, wie die Flagge des Europarates aussehen sollte, sei Lévi eines Tages an einer Statue der Muttergottes mit dem Sternenkranz vorbeigekommen. Die goldenen Sterne der Skulptur leuchteten vor dem blauen Himmel. Lévi soll daraufhin den Generalsekretär des Europarates aufgesucht und ihm als Motiv für die Europaflagge zwölf Sterne auf blauem Grund vorgeschlagen haben. Der Vorschlag sei allgemein akzeptiert worden. Diese schöne Geschichte ist doch wohl zu schön, um wahr zu sein. In Wirklichkeit dürfte sich die Entstehungsgeschichte des Symbols weitaus komplizierter gestaltet haben.
    Diadem aus zwölf Sternen. Das Motiv Maria im Sternenkranz geht auf eine Stelle in der Bibel zurück: auf den Anfang des 12. Kapitels der Offenbarung. Dort heißt es: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel. Eine Frau mit der Sonne bekleidet. Der Mond war unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.” Offenbarung 12,1. In der christlichen Kunst ist diese apokalyptische Frau mit Maria gleichgesetzt worden. So erhielt die Madonna ein Diadem mit zwölf Sternen. Nun ist damit zu rech- nen, dass die grafische Bezugnahme auf das Madonnen-Diadem in einer Flagge, die die europäische Einheit symbolisieren soll, den Widerstand vieler nichtchristlicher Europäer hervorruft.
   Möglicherweise geschah es aus diesem Grund, dass Paul Lévi seinen Vorschlag vor dem Europarat anders begründete. Viel später im Jahr 1989 ist Lévi sogar noch einen Schritt weitergegangen und hat jede religiöse Inspiration für die Wahl des Motivs bestritten. In einer Mitteilung von 1989 begründet er die Umstände der Motivwahl folgendermaßen:
   Ein erster Entwurf, den er zusammen mit einem Straßburger Historiker eingebracht hatte und auf dem ein christliches Kreuz zu finden war, sei abgelehnt worden, weil man die Nichtchristen nicht schockieren wollte. Unter den Vorschlägen, die dem Gremium vorlagen, das mit der Suche nach einem Motiv beauf- tragt war, habe sich auch der Entwurf eines nach Japan emigrierten Deutschen befunden, der einen goldenen Stern auf blauem Grund empfahl. Dies war jedoch bereits die Flagge von Belgisch Kongo. Daraufhin hätten mehrere Personen die Idee gehabt, einen Sternenkranz vorzuschlagen, der die Ge- samtheit Europas symbolisieren sollte. Er selbst, Paul Lévi, habe 15 Sterne vorgeschlagen, nach der damaligen Anzahl der Mitgliedsstaaten, was aber am Widerstand Deutschlands gescheitert sei, das das Saarland nicht als politisch eigenständige Einheit anerkennen wollte. Dann habe Léon Marschall, der Generalsekretär des Europarates, zwölf Sterne vorgeschlagen, weil diese Zahl keine politische Bedeu- tung habe und niemand daran Anstoß nehmen könne. Der Präsident des Ministerkommitees habe bei der Vorstellung des Entwurfs Paul Lévi gefragt, ob er eine Begründung für die Wahl der Zahl zwölf geben könne, worauf Lévi wörtlich geantwortet habe: Wie die zwölf Sternkreiszeichen das gesamte Universum repräsentieren, so können zwölf Sterne die Völker Europas repräsentieren, diesseits und jenseits der Pyrenäen, diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs. Zwölf ist die Zahl der Vollendung und der Fülle. Es gab das Zwölf-Tafel-Gesetz in Rom, es gibt die zwölf Monate des Jahres, die zwölf Söhne Jakobs, die zwölf Arbeiten des Herakles, die zwölf Stunden des Tages. Das Motiv wurde angenommen. So lautet die Darstellung Paul Lévis 34 Jahre nachdem der Sternenkranz zum Symbol der Europa-Flagge wurde.
   Sollte nicht der Katholik Lévi bei seiner Begründung für die Wahl des Sternenkranzmotivs ein wenig ge- flunkert haben, um den Widerstand der Nichtchristen im Europarat geschickt zu umgehen? Katholische List? Ein anderer Protagonist der Europäischen Einigung,der österreichische Graf Richard von Coudehove- Kalergi, Gründer der Pan-Europa-Bewegung hat dies behauptet. Damals wollte es der Zufall, dass der Generalsekretär des Europarates, der Chef der Informationsabteilung, so wie der von der Versammlung gewählte Referent für die Flaggenfrage drei fromme Katholiken waren. Sie beschlossen das zwölfsternige Diadem der Madonna zur Flagge des Europarates zu erheben und damit Europa stillschweigend unter den Schutz der Muttergottes zu stellen. Natürlich durfte niemand wissen, dass die künftige Fahne Europas religiösen Charakter tragen sollte. Sie handelten heimlich und glaubten damit Europa zu dienen, und zu- gleich ihrer Religion.
   Zufall oder Absicht? Zu dieser Darstellung passt, was Paul Lévi des weiteren von dem historischen Ereignis der Annahme des Sternenkranz-Motivs berichtet. Als wir den Saal verließen, meinte Léon Mar- schall zu mir, durch die zufällige Politik kommen wir nun dazu, den Kranz der zwölf Sterne aus der Apokalypse wieder zu entdecken. Tatsächlich war dies ein altes europäisches Symbol. Am Ursprung der Wahl des Sternenkranzes habe keine religiöse Inspiration, sondern eine Reihe von Zufällen gestanden, über die jeder sich freuen könne, schließt Lévi seine Ausführungen. Es bleibe dem Leser überlassen dies zu entscheiden, ob Lévi und Marschall dem Zufall nicht doch ein bisschen mehr nachgeholfen haben, als Lévi das einer breiteren Öffentlichkeit gestehen wollte. MichaelTischer/Liboriusblatt/St.Raphael-Hörzeitung

Paneuropa-Union

  Richard Graf Coudenhove-Kalergi  hat 1922 die älteste eruopäische Einigungsbewegung, die “Pan- europa-Union” gegründet. In ihrem seit Jahrzehnten gültigen Grundsatzprogramm steht: „Das Christen- tum ist die Seele Europas.” Im Bamberger Programm der Paneuropa-Union Deutschland von 1996 wird dies unter Berufung auf das christliche Menschenbild wie folgt präzisiert: „Die Paneuropa-Union kämpft gegen ... die Gefährdung des menschlichen Lebens durch Abtreibung, Euthanasie sowie seine Veränderung durch Genmanipulation.” FAZ050224

Papst Benedikt XVI.: Erneuerung Europas auf den Spuren Benedikts

   Eine „ethische Erneuerung, die auf die Wurzeln des Christentums zurückgeht”, hat Papst Benedikt XVI. für den europäischen Einigungsprozess gefordert. Andernfalls drohe bei der derzeitigen Suche nach der Identität Europas die Gefahr einer „ichbezogenen Selbstverwirklichung”, die im 20. Jahrhundert Ursache vieler Katastrophen gewesen sei. Papst Benedikt äußerte sich in der Generalaudienz am 09. April 2008 vor 22.000 Gläubigen auf dem Petersplatz. In freier Rede sprach der Papst über den heiligen Benedikt - Patron Europas und sein päpstlicher Namensgeber.
Auf Deutsch sagte der Papst:
   „Heute möchte ich zu euch über den heiligen Benedikt von Nursia, den Vater des abendländischen Mönchtums, sprechen. Über sein Leben berichtet uns Papst Gregor der Große, der diesem ,Mann Gottes’ im zweiten Buch seiner ,Dialoge’ ein hagiographisches Denkmal gesetzt hat. Um 480 bei Nursia in Umbrien geboren, kam Benedikt zum Studium nach Rom. Des städtischen Treibens und Lebensstils überdrüssig und getragen vom Wunsch, Gott zu gefallen, zog er sich bald in die Einsamkeit zurück. Die Jahre des Eremitenlebens in Subiaco sind für Benedikt eine Zeit der Prüfung, der Reifung und der Überwindung tiefster Versuchungen des Menschseins. Im Jahre 529 gründete der Heilige sein berühmtes Kloster auf der Anhöhe von Montecassino als ,Leuchturm auf dem Berg’, wo er 547 verstarb. Durch sein Wirken, vor allem durch seine Mönchsregel, hat Benedikt entscheidenden Einfluss auf die Formung der europäischen Kultur und Zivilisation ausgeübt. 1964 hat Papst Paul VI. ihn zum Patron Europas erklärt. Benedikt beschreibt in seiner Regel das Kloster als ,Schule für den Dienst des Herrn’. Dabei nimmt das Gebet, ohne das es keine Gotteserfahrung gibt, einen zentralen Platz ein. Aus dem betenden Hinhören auf Gott muss aber konkretes Handeln folgen. Nicht um eine ichbezogene Selbstverwirklichung geht es beim monasti- schen Leben, sondern um die aufrichtige Suche nach Gott und die nach dem Beispiel Christi in Glauben und Liebe geübte Demut. So kann der Mensch immer mehr Christus ähnlich werden und seiner Bestim- mung als Geschöpf nach dem Abbild Gottes gerecht werden.” rv080409

Der Papst in der Wiener Hofburg  B-Wien,Hofburg-xx

Österreich: Immer mehr Erwachsene lassen sich taufen.

   Das gab der Pressedienst der Diözese Wien jetzt bekannt. So stieg die Zahl der Kandidaten für Erwachsenentaufen allein in der Erzdiözese Wien seit dem Vorjahr von 52 auf 65. Die diesjährigen Kandidaten sollen bei einer Feier mit Kardinal Christoph Schönborn im Stephansdom für das Sakrament zugelassen werden. Ein Viertel der Gruppe stamme aus islamischem Kontext, andere Taufbewerber kämen aus Korea, viele aus den ostmitteleuropäischen und osteuropäischen Reformstaaten. Die Erwach- senentaufe werde in Zukunft immer mehr zum Kirchenalltag gehören, so die zuständige Diözesan- referentin, Friederike Dostal. rv100218kap 

In seiner politischen Rede spricht der Papst über Europa

   Das „Haus Europa”, wie wir die Gemeinschaft dieses Kontinents gerne nennen, wird nur dann ein für alle gut bewohnbarer Ort, wenn es auf einem soliden kulturellen und moralischen Fundament von gemeinsamen Werten aufbaut, die wir aus unserer Geschichte und unseren Traditionen gewinnen. Europa kann und darf seine christlichen Wurzeln nicht verleugnen. Sie sind ein Ferment unserer Zivilisation auf dem Weg in das dritte Jahrtausend. Das Christentum hat diesen Kontinent zutiefst geprägt. Der Glaube hat sein Zeugnis vor allem in den unzähligen Menschen, die er durch die Geschichte herauf bis zum heutigen Tag zu einem Leben der Hoffnung, der Liebe und der Barm- herzigkeit bewegt hat.
 Heute ist häufig die Rede vom europäischen Lebensmodell. Damit ist eine Gesellschaftsordnung gemeint, die wirtschaftliche Effizienz mit sozialer Gerechtigkeit, politische Pluralität mit Toleranz, Liberalität und Offenheit, aber auch das Festhalten an Werten bedeutet, die diesem Kontinent seine besondere Stellung geben. Dieses Modell steht angesichts der Zwänge der modernen Ökonomie vor einer starken Heraus- forderung. Die viel zitierte Globalisierung kann nicht aufgehalten werden, es ist aber eine dringende Aufgabe und eine große Verantwortung der Politik, der Globalisierung solche Regeln und Grenzen zu geben, dass sie nicht auf Kosten der ärmeren Länder und der Ärmeren in den reichen Ländern realisiert wird und den kommenden Generationen zum Nachteil gereicht.
   Freilich hat Europa auch schreckliche Irrwege erlebt und erlitten. Dazu gehören: ideologische Engführungen von Philosophie, Wissenschaft und auch Glaube, der Missbrauch von Religion und Vernunft zu imperialistischen Zielen, die Entwürdigung des Menschen durch einen theoretischen oder praktischen Materialismus und schließlich die Degeneration von Toleranz zu einer Gleichgültigkeit ohne Bezug zu bleibenden Werten. Zu den Eigenschaften Europas gehört aber eine Fähigkeit zur Selbstkritik, die es im weiten Fächer der Weltkulturen besonders auszeichnet...
Dialog der Vernunft
   Zum europäischen Erbe gehört auch eine Denktradition, für die eine substantielle Korrespondenz von Glaube, Wahrheit und Vernunft wesentlich ist. Dabei geht es um die Frage, ob die Vernunft am Anfang aller Dinge und auf ihrem Grund steht oder nicht. Es geht um die Frage, ob das Wirkliche auf Grund von Zufall und Notwendigkeit entstanden ist, ob mithin die Vernunft ein zufälliges Nebenprodukt des Unvernünftigen und im Ozean des Unvernünftigen letztlich auch bedeutungslos ist oder ob wahr bleibt, was die Grundüberzeugung christlichen Glaubens bildet: In principio erat verbum – Am Anfang war das Wort – Am Beginn aller Dinge steht die schöpferische Vernunft Gottes, der beschlossen hat, sich uns Menschen mitzuteilen.
   Lassen Sie mich dazu Jürgen Habermas zitieren, also einen Philosophen, der sich selbst nicht zum christlichen Glauben bekennt: „Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solida- rischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.”
Europas Aufgaben in der Welt
  Aus der Einmaligkeit seiner Berufung erwächst Europa aber auch eine einmalige Verantwortung in der Welt. Dazu darf es sich vor allem selbst nicht aufgeben. Der demographisch rapide alternde Kontinent soll nicht ein geistig alter Kontinent werden. Europa wird seiner selbst auch dann besser gewiss werden, wenn es eine seiner einzigartigen geistigen Tradition, seinen außerordentlichen Fähigkeiten und seinem großen wirtschaftlichen Vermögen angemessene Verantwortung in der Welt übernimmt. Die Europäische Union sollte darum eine Führungsrolle bei der Bekämpfung der Armut in der Welt und im Einsatz für den Frieden übernehmen. Dankbar dürfen wir konstatieren, dass europäische Länder und die Europäische Union zu den größten Gebern für internationale Entwicklung gehören, sie sollten aber auch ihr politisches Gewicht auf die Waagschale legen, wenn es z.B. um die äußerst dringende Herausforderung geht, die Afrika darstellt angesichts der ungeheuren Tragödien dieses Kontinentes wie die Geißel der AIDS- Erkrankungen, die Situation in Darfur, die ungerechte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der besorgniserregende Waffenhandel. Ebenso darf der politische und diplomatische Einsatz Europas und seiner Länder die ständig ernste Situation des Mittleren Ostens nicht vergessen, wo der Beitrag aller notwendig ist, um den Verzicht auf Gewalt,den gegenseitigen Dialog und ein wahrhaft friedliches Zusam- menleben zu fördern. Auch die Beziehung zu den Nationen Lateinamerikas und des asiatischen Kontinents muss durch geeignete Verbindungen im Handelsaustausch ausgebaut werden.
Rede des Papstes beim Staatsempfang in Wien.

Malteser sind das gläubigste Volk Europas; Deutsche in der Rangliste auf Mittelfeld-Position

  Trotz der Hoffnungen in den technischen Fortschritt glaubt die große Mehrheit der Europäer weiter an Gott. 80 Prozent aller EU-Bürger haben religiöse oder zumindest spirituelle Überzeugungen, wie aus einer Umfrage im Auftrag der EU-Kommission hervorgeht, die in Brüssel vorgestellt wurde. Gleichzeitig seien 87 Prozent der Europäer der Ansicht, dass Wissenschaft und Technik ihre Lebensqualität entscheidend verbesserten.
   Der Glaube an Gott ist in der EU auf Malta und Zypern am größten. In Malta gaben 95 Prozent der Befragten an, gläubig zu sein, in Zypern waren es 90 Prozent. Griechenland und Portugal folgten mit 81 Prozent, Polen mit 80 Prozent.
   In der Eurobarometer-Untersuchung erklärten 47 Prozent der befragten Deutschen, sie glaubten an Gott. Das sind deutlich mehr als in Großbritannien (38 Prozent) oder Frankreich (34 Prozent), aber weniger als in Italien (74) und Österreich (54). Der Durchschnitt derjenigen, die angaben, sie glaubten an Gott, lag in der EU bei 52 Prozent. Die geringsten Werte wurden in Estland (16) und der Tsche- chischen Republik (19) gemessen. Einen hohen Stellenwert messen die Europäer dem Schutz ungebo- renen Lebens bei. 53 Prozent der Befragten sagten, der Schutz der Würde von Ungeborenen sei ihnen „sehr wichtig”, zusätzlich nannten ihn 33 Prozent „ziemlich wichtig”.  KNAepdNOZ060614

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Bundespräsident Horst Köhler: Der gelebte Glaube der Christen hat unsere Kultur geformt
Eine europäische Rede in der Universität Tübingen auf Einladung der “Stiftung Weltethos”

Der Bundespräsident sprach über Bedingungen für das gelingende Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen. Mit Nachdruck verwies der Bundespräsident dabei auf die Bedeutung des Christentums. Wenn Europa seine Identität bewahren wolle, dürfe die kulturprägende Kraft des Glaubens nicht in Vergessen- heit geraten.

  Nur einen guten Monat nach dem Sturm auf die Bastille - am 26. August 1789 - verabschiedete die französische Nationalversammlung die Erklärung der Allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte. Diese Erklärung wurde zum Bezugspunkt für viele Freiheitsbewegungen seitdem und für das Verlangen nach Durchsetzung der Menschenrechte in aller Welt. Sie wurde ein Hoffnungssignal - weit über Frankreich und Europa hinaus.
   Bald aber stellte sich derselben Nationalversammlung die Frage, ob diese Rechte tatsächlich für alle Menschen gelten sollen, also auch für die schwarzen Sklaven und die so genannten Mischlinge in den französischen Überseekolonien. Ein Ende der Sklaverei hätte wohl ein Ende der Pflanzungen bedeutet - und wirtschaftliche Interessen auch von Mitgliedern der Nationalversammlung betroffen.
   Mit verschämten Formulierungen erlaubte es die Versammlung dann, dass in den Kolonien letztendlich alles so bleiben konnte, wie es war. Sie handelte also praktisch gegen die Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte, die sie selber gerade erst formuliert hatte.
   Moralische Inkonsequenzen und Doppelstandards machen uns noch heute zu schaffen. Auf der einen Seite gibt es die allgemeine moralische Überzeugung, dass alle Menschen das Recht auf ein menschen- würdiges Leben, auf Freiheit und Selbstbestimmung haben. Auf der anderen Seite lassen wir uns oft von politischen und auch ökonomischen Interessen daran hindern, dieses Ideal zu verwirklichen oder ihm wenigstens näher zu kommen.
  Gerade wir in den westlichen Demokratien ziehen uns oft den Vorwurf der Heuchelei zu - und manchmal sicher zu Recht. Zwar tragen wir gern  die Banner von Freiheit und Demokratie vor uns her, handeln aber tatsächlich oft nur im Sinne der eigenen Interessenwahrung.
   Ein ganz anderer Vorwurf wird oft in anderen Kulturkreisen vorgebracht. Man sagt dort manchmal, die Forderungen nach Einhaltung der Menschenrechte seien in dieser Form ihren Kulturen fremd.
   Es gibt in diesem Zusammenhang den Vorwurf des „Kultur”- oder gar „Menschenrechtsimperialismus“. Da ist von „westlichen Werten” die Rede, womit deren universale Gültigkeit bestritten werden soll. Für mich steht fest: Keine Kultur hat Grund zur Arroganz und zu Hochmut. Alle müssen Respekt haben vor jeweils anderen Kulturen, vor der Würde des anderen in seiner Verschiedenheit. Der Respekt vor einer anderen Kultur darf aber keine pseudokulturelle Bemäntelung von Unterdrückung, Diktatur und Armut hinnehmen.
   Manche geben sogar den Rat, dass man sich überhaupt nicht mehr in die Angelegenheiten anderer einmischen solle. Alle Länder und Kulturen müssten auf ihre Weise mit den Herausforderungen von Armut und Ungerechtigkeit fertig werden. Jede noch so gut gemeinte Hilfe bringe meist noch größeres Chaos, noch größere Ungerechtigkeit, vertiefe die Gräben in der Welt. Kurz: Jeder müsse selber sehen, wo er bleibt.
   Eine solche Haltung ist nach meiner Auffassung nicht nur moralisch fragwürdig, ich halte sie auch politisch für fatal. Wir können einander in unserer vernetzten Welt nicht aus dem Weg gehen, und wir können vor dem Schicksal der anderen nicht die Augen verschließen.
   Es gibt, wie ich finde, eine moralische Verpflichtung, sich vor allem um die zu kümmern, denen es schlechter geht. Das ist ein moralisches Gebot, das noch über das so genannte aufgeklärte Eigen- interesse hinausgeht. Über den ethischen Impuls, der über das eigene Interesse hinausgeht, möchte ich sprechen.
   Ich danke Ihnen, Herr Professor Küng, und der Stiftung Weltethos, dass ich dazu hier und heute die Gelegenheit habe. Sie, Herr Küng, haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr verdient gemacht um den Dialog zwischen den Religionen und den Kulturen. Wir erleben derzeit schmerzlich, wie wichtig dieser Dialog ist, um Frieden in der Welt zu sichern. Ich glaube allerdings auch, dass wir uns - gerade im interkulturellen Dialog - zuallererst über unsere eigenen Grundlagen, über unsere eigenen Wurzeln klar werden müssen. Wenn wir einen Dialog führen, dann wollen wir ganz gewiss zuhören, aber wir müssen auch selber etwas zu sagen haben. Also müssen wir wissen, wer wir sind und woher wir kommen.
   Was gehen uns die anderen an? Das ist eine zentrale ethische Frage. Mit den „anderen” sind die- jenigen gemeint,  die nicht auf den ersten Blick zu uns gehören, die nicht Mitglieder unserer Familie, unseres Freundeskreises sind, mit denen uns wenig verbindet und die uns fremd sind.
   Wie kommen wir eigentlich dazu, uns um diese Fremden zu kümmern? Wie kommt es, dass wir einen ethischen Impuls zu helfen empfinden, auch bei Menschen, die wir gar nicht kennen, von deren Leben wir nichts wissen, außer dass sie in Not sind und Hilfe brauchen?
   Das alles ist - historisch gesehen - nicht selbstverständlich. Selbst die hochentwickelten antiken Kulturen Griechenlands oder des Römischen Reiches kannten zwar ein Bedauern über ein böses Schicksal, aber keine Pflicht zur Fürsorge für Arme und Notleidende.
   Mit dem Eintritt des Christentums in die antike Welt bekam die moralische Pflicht zur Hilfe und Fürsorge für den anderen eine Dringlichkeit, die es vorher und anderswo so nicht gegeben hatte. Das Gebot der Nächstenliebe wurde direkt mit dem Verhältnis zu Gott verknüpft. Und der Nächste, das war potenziell jeder andere, gerade der Ärmste. Wie es im Neuen Testament heißt: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
   Tatsächlich haben die ersten Christen etwas in die Praxis umgesetzt, was auch einige antike Philosophen bereits gefordert hatten. Darum konnte das Christentum eine so gesellschaftsprägende Kraft werden. Die tägliche Praxis der ersten Christen, sich um die Armen und Kranken, die Witwen und Waisen zu kümmern,  war die sichtbare Seite eines neuen Verhältnisses zum anderen, der einen angeht. Hier zeigte sich eine historisch neue Solidarität, die sich auch dem Fremden nicht verschloss. Diese gelebte Solidarität und der Geist, aus dem sie stammt, haben Europa tief geprägt, zivilisiert und mit zu dem gemacht, was es ist.
    Natürlich hat es lange gedauert, bis ein solcher Zivilisierungs- und Humanisierungsprozess die Gesell- schaften bis in die einzelnen Mentalitäten hinein wirklich durchdrungen hat. Natürlich hat es von Zeit zu Zeit auch schon so etwas wie einen „Kampf der Kulturen” gegeben. Zum Beispiel als die christliche Botschaft der Nächstenliebe, die auch dem Fremden gilt, auf die germanische Kultur der Fehde und der Rache traf.
  Das Beispiel zeigt: Nicht jeder Aspekt einer Kultur verdient Respekt. Wir finden es heute selbstver- ständlich, dass bei uns die Tradition der Sippenhaft und Blutrache verschwunden ist. Und wir können froh darüber sein. Genauso werden sich sicher auch die Mädchen und Frauen in Afrika freuen, wenn die kulturelle Tradition der Beschneidung keinen Respekt mehr findet, sondern endlich abgeschafft wird.
  Der langsame Prozess der Zivilisierung ging nicht ohne fürchterliche Rückfälle in Gewalt und Grausam- keit ab, gerade auch im Namen des Christentums. Aber das Gebot der Nächstenliebe, die den Fremden einschließt und besonders den Ärmsten im Blick hat, das ist nicht mehr verschwunden: Es bleibt das Gewissen Europas.
   Wenn wir heute „unterlassene Hilfeleistung“ als einen Straftatbestand kennen, dann ist auch das noch eine ferne Folge des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter. Diese praktische Nächstenliebe, die nicht danach fragt, wie nah mir der andere steht, gehört zum festen Wertebestand Europas, trotz aller Verbrechen, die gegen dieses Gebot verübt worden sind.
   Es kommt nicht von ungefähr, und es hat unsere Mentalität tief geprägt, dass wir von Kindesbeinen an mit solchen Figuren vertraut sind wie Sankt Martin, der den Mantel mit dem Bettler teilt, oder dem Heiligen Nikolaus, der den  Armen bringt, was sie brauchen. Dass uns der Fremde, der Arme, der Hungernde etwas angeht, das gehört zur Seele Europas, das ist europäische Tradition.
   Noch einmal: All das hat Europa - und Deutschland zumal - nicht davon abgehalten, immer wieder in grausame Barbarei und Unmenschlichkeit zurückzufallen, im Dreißigjährigen Krieg sogar aus konfessio- nellen Motiven. Es hat uns in Europa nicht davor bewahrt, andere Völker zu bekriegen und zu unterwerfen.  Und in zwei Weltkriegen hat sich Europa beinahe selbst ausgelöscht. Gerade wir Deut- schen tragen auf Grund unserer Geschichte Verantwortung dafür, dass sich so etwas nie wiederholt.
   Immer wieder aber hat Europa einzelne oder Gruppen hervorgebracht, die die Unterdrückung, die Gewaltherrschaft, den Krieg kritisiert und der Unmenschlichkeit Widerstand entgegengesetzt haben. Sie haben unser Gewissen immer wieder aufgerüttelt und uns an das kostbare Erbe erinnert, aus dem die Zivilität Europas gewachsen ist.  Ob der aus Umbrien stammende Franz von Assisi, der Elsässer Al- bert Schweitzer, die Albanierin Mutter Theresa oder der Breslauer Dietrich Bonhoeffer: Immer wieder hat sich Europa selbst daran erinnert, wo seine guten Wurzeln liegen.
   Wird dieser ethische Impuls lebendig bleiben? Werden wir das auch weiterhin einbringen können in den Dialog der Kulturen? Werden wir glaubwürdig bleiben in den Augen der Welt?
   Ich habe manchmal den Eindruck, als sei Europa müde geworden, als sei es dabei, seine Identität zu verlieren, seine Wurzeln selber nicht mehr zu kennen. Zu diesen Wurzeln gehören ganz sicher die Auf- klärung, die Menschenrechte, die verschiedenen Emanzipationsbewegungen. Aber eben auch das Christentum und die christliche Ethik.
   Immer mehr Menschen kommen zu uns, die aus anderen Wurzeln leben und eine andere kulturelle Herkunft haben. Das Zusammenleben ist nicht leicht und kann zu Auseinandersetzungen führen.
   Aus den Erfahrungen, die wir mit kulturellen und konfessionellen Konflikten in unserer Geschichte gemacht haben, müssen wir darauf bestehen, dass unter uns zivilisatorische Standards unbedingt eingehalten werden, wie sie zum Beispiel unser Grundgesetz formuliert. Ohne gemeinsame Basis ist kein Zusammenleben möglich. Keine Gruppe darf aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, keine aber darf sich auch selber ausschließen.
   Toleranz ist deshalb nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit, auch nicht mit Ignoranz. Toleranz fordert meinen Respekt vor dem Anderssein des anderen, aber sie fordert auch den Respekt des anderen vor meiner Haltung und Lebensweise. Nur so wird sich Toleranz letzten Endes nicht als Schwäche, sondern als zivilisatorische Stärke erweisen.
    Unsere Erfahrung zeigt: Nur im zivilisierten Umgang miteinander können Geltungs- und Wahrheits- ansprüche so gelebt werden, dass sie nicht auf Kosten anderer durchgesetzt werden. Das gehört zu den kostbaren, überlebenswichtigen Erfahrungen Europas. DT041202

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Papstreise nach Tschechien vom 26. bis 28. September 2009
Foto oben: Blick auf Prag mit dem Veitsdom Foto unten: Ankunft in Tschechien

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Papst an Jugendliche: „Mit Euch fühle ich mich jung!“

   „Ihr seid die Hoffnung der Kirche!“ Mit diesen Worten hat sich Papst Benedikt bei einer Messfeier am Fest des Heiligen Wenzels nahe der tschechischen Ortschaft Altbunzlau (Stara Boleslav) an die Jugend des Landes gewandt. Mehr als zehntausend Jugendliche nahmen an dem Gottesdienst teil.„Mit Euch fühlt sich auch der Papst jung!“sagte Benedikt und dankte den jungen Menschen für ihr Kommen, das, so der Papst wörtlich, „mich die Begeisterung und die Großzügigkeit spüren lässt, welche die Jugendlichen aus- zeichnen“.
   Der Papst die Jugendlichen auf, Christus nachzufolgen und „verantwortungsbewusst“ die Grundlagen für ihre Zukunft zu legen. In jedem Jugendlichen gebe es „ein Streben nach Glück“. Dieses werde aber von der heutigen Konsumgesellschaft oft „auf falsche und entfremdende“ Weise ausgenutzt, kritisierte der Papst.
 â€žIn eurem Alter trifft man nämlich die ersten großen Entscheidungen, die ein Leben zum Guten oder zum Bösen hin ausrichten können. Leider lassen sich nicht wenige von euren Altersgenossen durch illuso- rische Trugbilder von künstlichen Paradiesen verlocken und finden sich dann in trauriger Einsamkeit wieder. Es gibt aber auch viele Jugendliche, die (…) die Lehre in die Tat umsetzen wollen, um ihrem Leben einen vollen Sinn zu geben.“
   Die Sehnsucht junger Menschen nach Glück müsse ernst genommen werden und erfordere eine umfassende Antwort, so Benedikt XVI. Gott habe jedem eine besondere Sendung in Kirche und Gesellschaft anvertraut, so Benedikt weiter. Das könnten Ehe und Familie, aber auch die Berufung zum Priester sein.
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Bei den Marienwallfahrten am 15. August wird ein Gnadenbild der Jungfrau Maria verehrt.

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   1609 war es zum „Palladium Böhmens“, zum Schutzbild des Landes erklärt worden. Papst Benedikt XVI. erhält eine Kopie davon als Andenken. Mehr über die Geschichte des Palladiums nun in einem Interview mit Nina Nováková von der katholischen Tschechischen Christlichen Akademie. RadioPrag090928
Frau Nováková, Papst Benedikt XVI. erhält in Stará Boleslav als Andenken eine Kopie
des so genannten böhmischen Palladiums. Wie sieht dieses Gnadenbild der Jungfrau Maria aus?

   „Es geht um ein Relief der Heiligen Maria mit dem Kind. Das Material ist Kupfer, stark vergoldet. Es ist 19 Zenti- meter hoch und 13,5 Zentimeter breit und sitzt in einem Rahmen, der mit Edelsteinen und Perlen besetzt ist.“
Das Wort „Palladium“ ist für unsere heutigen Ohren recht ungewohnt. Woher kommt dieses Wort?
   „Dieses Wort kommt von der altgriechischen Göttin Pallas Athene, die die Schutzgöttin der Stadt Athen war. Später bekam dieses Wort die Bedeutung eines allgemeinen Schutzsymbols.“
Wo können die Gläubigen das Gnadenbild verehren?
   „Das Bild wird bei jeder Sonntagsmesse in der Mariä-Himmelfahrt-Kirche ausgestellt und die Gläubigen können es immer am Ende der Messe verehren.“
Das böhmische Palladium hat eine lange Geschichte. Diese Geschichte ist eng mit dem heiligen Wenzel verbunden, dem Landespatronen Tschechiens. Können Sie unseren Hörern erklären, wer Wenzel war?
   „Wenzel war ein Fürst aus der böhmischen Dynastie der PÅ™emysliden. Er lebte von 907 und 935 n. Chr. und war einer der ersten getauften Herrscher auf dem böhmischen Thron. Bis heute vergleichen die Menschen hier alle Staats- und Regierungschefs mit ihm, denn er ist das bleibende Vorbild für alle Regenten dieses Landes.“
Und wie kam Wenzel in den Besitz des Palladiums?
   „Er bekam das Gnadenbild von seiner frommen Großmutter, der heiligen Ludmilla, zur Taufe geschenkt. Und Fürst Wenzel trug das Gnadenbild immer bei sich, auch wenn er nach Stará Boleslav reiste. In Stará Boleslav hatte sein Bruder eine Burg, und Wenzel besuchte ihn dort am 27. September 935.“
Wenzels Bruder hieß Boleslav, von ihm hat die Stadt ihren Namen.
Was geschah nun während dieses Besuchs von Wenzel in Stará Boleslav im September 935?

   „Am Morgen des 28. September ging Wenzel zur Heiligen Messe. Vor der Kirche traf er seinen Bruder. Boleslav strebte an die Macht - er ließ Wenzel ermorden.“
Wenzel hatte wie immer das Gnadenbild zur Heiligen Messe mitgenommen.
Was passierte nun damit, nachdem Wenzel ermordet worden war?

   „Wenzel hatte einen treuen Diener, der Podiven hieß. Als dieser Diener erfuhr, dass Wenzel tot war, nahm er das Bild an sich, um es zu retten. Er vergrub es am Waldrand in der Erde. Gemäß der Überlieferung hat ein Bauer das Gnadenbild ungefähr 200 Jahre später beim Pflügen gefunden. An der Fundstelle entstand später die barocke Mariä- Himmelfahrt-Kirche.Foto oben“
Das Gnadenbild wurde später ein christliches Symbol, das viele Pilger anzog.
Wann setzten die Marienwallfahrten nach Stará Boleslav ein?

„Die Christen glauben daran, dass das Gnadenbild Wunder wirken und Kranke heilen kann. Wir haben Auf- zeichnungen, dass schon im 12. Jahrhundert Tausende Pilger nach Stará Boleslav kamen, um das Gnadenbild zu verehren.“
Stará Boleslav ist also ein Ort, an dem zwei bedeutende Heilige verehrt werden. Denn neben der Jungfrau Maria wird hier auch der heilige Wenzel verehrt. Schon im 10. Jahrhundert gab es die Wenzelwallfahrten, immer an Wenzels Todestag, dem 28. September. Kann man also sagen, dass Stará Boleslav der bedeutendste Wallfahrtsort der böhmischen Länder war?
   „Stará Boleslav war auf jeden Fall der älteste Wallfahrtsort. Vom 12. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts fanden ununterbrochen Marien- und Wenzelwallfahrten nach Stará Boleslav statt.“
Die Tradition der Marienwallfahrten reicht also bis ins Mittelalter zurück und geht bis herauf in die Gegenwart.
Doch das Gnadenbild ging noch mehrmals in der Geschichte verloren …

   „Im Dreißigjährigen Krieg ging es zweimal verloren. Die Sachsen eroberten Stará Boleslav, raubten das Gnadenbild und brachten es nach Sachsen. Aber die böhmischen Adligen kauften das Bild zurück – sie wollten es nicht missen. Am Ende des Krieges fiel das Gnadenbild dann den Schweden in die Hände, die es nach Schweden verschleppten. Doch nach langen diplomatischen Bemühungen erlangten es die Tschechen wieder und 1650 kam es endgültig nach Stará Boleslav zurück.“
Inzwischen war aber die Bedeutung des Gnadenbildes noch gestiegen.
Es hatte eine besondere, zusätzliche Bedeutung bekommen. Wie verhielt es sich damit?

   „Im Jahre 1609 wurde es zum nationalen Schutzbild erklärt. Seit jener Zeit nennt man das Gnadenbild ´Palladium´.“
Wann erreichte die Wallfahrtstradition in Stará Boleslav ihren Gipfel?
   „Die ganze Barockzeit war natürlich eine Periode großer Wallfahrten. Aber wir haben auch aus dem 19. Jahrhundert Belege darüber, dass bei den Marienwallfahrten in Stará Boleslav bis zu 55.000 Pilger zusammenkamen.“
Und wie war es in der kommunistischen Zeit?
   „1950 versteckten die neuen Machthaber das Palladium. Nur eine Kopie war noch vorhanden. Die Gläubigen verehrten das Gnadenbild auch weiterhin. Aber sie mussten es heimlich tun. Wenn wir am 15. August heimlich zur Kirche gingen, hatten wir Angst, dass uns jemand sieht. Wir schlüpften rasch in die Kirche, und erst da fühlten wir uns sicher.“
Und jetzt finden die Wallfahrten wieder statt?
   „Nach der Samtenen Revolution bemühten wir uns, die Wallfahrten wieder zu beleben. Aber das ist nicht ganz einfach. Vor sieben Jahren wurden die Wenzelwallfahrten erneuert. Das hat uns sehr geholfen. Im Jahr 2008 errichteten wir ein Kreuz der Versöhnung. Es erinnert an das Unrecht, unter dem die Menschen in der Geschichte immer wieder leiden müssen. Damals kamen zahlreiche Gläubige aus Deutschland, Österreich, Polen, Ungarn und anderen Ländern nach Stará Boleslav. Und dieses Jahr am 15. August haben wir das 400. Jubiläum des Palladiums, unseres nationalen Schutzsymbols gefeiert. Wir haben auch eine Proozession durch die Stadt gemacht, wie das früher gewesen war, und es war ein großer Erfolg.“ RadioPrag090928

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Foto: Der tschechische Präsident Vaclav Klaus und seine Frau Silvia begrüßen den Papst in Brünn.

   Höhepunkt des dreitägigen pastoralen Besuches von Papst Benedikt XVI. in die Tschechische Repu- blik war die Messe unter offenem Himmel im mährischen Brunn. Dort rief er die Gläubigen dazu auf, nach Jahrzehnten des Kommunismus zur Religion zurückzukehren: Die Erfahrung der Geschichte zeige, wie sinnlos das Leben eines jeden Menschen werde, „wenn er Gott von seinem Entscheidungs- und Hand- lungshorizont ausschließt". Es sei nicht einfach, eine Gesellschaft aufzubauen, die sich an den Werten des Guten, der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit orientiere, sagte der Papst vor etwa 120.000 Pilgern. Die Freiheit des Menschen bleibe brüchig, wenn er ohne Orientierung lebe.
   Am ersten Tag hatte Benedikt XVI. in Prag den Fall der Berliner Mauer als einen „Wendepunkt der Weltgeschichte" bezeichnet. Er warnte davor, die Folgen von vierzig Jahren kommunistischer Unter- drückung zu unterschätzen, und rief die Tschechen zu einer Wiederentdeckung ihrer christlichen Tradition auf. „Der Mensch muss von materiellen Zwängen befreit werden, aber mehr noch muss er von den Übeln gerettet werden, diesen Geist befallen", sagte er auf der Prager Burg. Die wiedergewonnene Freiheit suche ein Ziel. „Sie verlangt nach Überzeugung", sagte der Papst.
   Auch in Prag betonte Benedikt XVI. die „unersetzliche Rolle" des Christentums „für die Förderung eines grundlegenden ethischen Konsenses". Am gegenwärtigen Scheideweg der Zivilisation müsse sich „jedes Bemühen um Fortschritt vom christlichen Erbe inspirieren lassen". Immer wieder spielte der Papst so auf die geringe Bedeutung der Religion in der Tschechischen Republik an. Etwa 70 Prozent der Tschechen fühlen sich laut Statistik keiner Konfession verbunden. Diese Säkularisierung reicht bis in das 19.Jahrhun- dert zurück. Damals distanzierte sich die tschechische Nationalbewegung von der katholischen Kirche, die mit der Fremdherrschaft der Habsburger in Verbindung gebracht wurde.
 Der tschechische Staatspräsident Klaus bezeichnete es als ein wichtiges Zeichen, dass Benedikt XVI. gerade jetzt, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer „in das Herz der mitteleuropäischen Region" gekommen sei. Er teile die Sorgen des Papstes um den Verfall der traditionellen Werte der Zivilisation. Die Kirche war nach dem Krieg durch das kommunistische Regime enteignet worden und möchte nun Rückgabe oder Entschädigung durchsetzen. Bisher ist das Parlament in Prag aber nicht zu einem Kom- promiss bereit. Im Mai 2003 lehnten die Abgeordneten auch ein Konkordat zwischen der Tschechischen Republik und dem Heiligen Stuhl ab. Am dritten Tag wandtesich der Papst zum Abschluss seiner Reise in Altbunzlau an die Jugend.
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Pilgerreise des Papstes nach Portugal
Foto unten: Papst Benedikt XVI. mit Präsident Cavaco Silva

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Fliegende Pressekonferenz
   Papst Benedikt XVI. hat sich auf dem Flug von Rom nach Portugal zum Säkularisierungsprozess, zur Wirtschaftskrise sowie zu den Missbrauchsskandalen geäußert. Hier eine Dokumentation der Pressekonferenz in der offiziellen vatikanischen Übersetzung. 
Federico Lombardi: Heiliger Vater, welche Sorgen und Empfindungen verspüren Sie hinsichtlich der Lage der Kirche in Portugal? Was kann man Portugal sagen, einem Land, das früher zutiefst katholisch war und den Glauben in die Welt hinausgetragen hat, sich aber heute in einem tiefgreifenden Säkulari- sierungsprozess befindet, sowohl im Alltagsleben als auch im Bereich der Gesetzgebung und der Kultur? Wie kann in einem Umfeld, das der Kirche gleichgültig und feindlich gegenübersteht, der Glaube verkündet werden?
Benedikt XVI.: Zunächst wünsche ich Ihnen allen einen guten Tag. Hoffen wir, dass wir trotz der berühmten Aschewolke, unter der wir uns befinden, eine gute Reise haben. Was Portugal betrifft, empfinde ich vor allem Freude und Dankbarkeit für all das, was dieses Land in der Welt und in der Geschichte geleistet hat und leistet, sowie für die tiefe Menschlichkeit dieses Volkes, die ich bei einem Besuch und im Umgang mit zahlreichen portugiesischen Freunden kennenlernen konnte. Ich würde sagen, es ist wahr und absolut richtig, dass Portugal eine große Kraft des katholischen Glaubens gewesen ist und diesen Glauben in alle Teile der Welt getragen hat; einen mutigen, verständigen und kreativen Glauben; es hat eine große Kultur geschaffen, wie wir es in Brasilien sehen, in Portugal selbst, aber auch am portugiesischen Geist, der in Afrika und in Asien zu finden ist. Andererseits ist die Präsenz des Säkularismus nicht etwas ganz Neues. Die Dialektik zwischen Säkularismus und Glaube hat in Portugal eine lange Geschichte. Schon im 18. Jahrhundert war die Aufklärung stark vertreten. Man braucht nur an den Namen Pombal zu denken. So sehen wir, dass Portugal in diesen Jahrhunderten immer in der Dialektik gelebt hat, die sich natürlich heute radikalisiert hat und alle Züge des heutigen europäischen Geistes zeigt. Darin sehe ich eine Herausforderung und auch eine große Chance. In diesen Jahrhunderten der Dialektik zwischen Säkularismus und Glaube gab es immer Personen, die Brücken bauen und einen Dialog ins Leben rufen wollten, aber leider dominierte die Tendenz des Gegeneinanders und des gegenseitigen Ausschlusses. Heute sehen wir, dass genau diese Dialektik eine Chance darstellt, dass wir die Synthese und einen inhaltsreichen und tiefgehenden Dialog finden müssen. In dem multi- kulturellen Umfeld, in dem wir uns alle befinden, sieht man, dass eine rein rationalistische europäische Kultur ohne die transzendente religiöse Dimension nicht in der Lage wäre, mit den großen Kulturen der Menschheit in Dialog zu treten, die alle diese transzendente religiöse Dimension haben, die eine Dimension des menschlichen Wesens ist. Es ist daher ein Irrtum zu denken, dass es eine reine, anti- historische Vernunft gibt, die nur in sich selbst existiert, und dass es sich dabei um „die“ Vernunft handelt; wir entdecken immer mehr, dass sie nur einen Teil des Menschen berührt, nur eine bestimmte historische Situation zum Ausdruck bringt und nicht die Vernunft an sich ist. Die Vernunft an sich ist offen für die Transzendenz, und nur in der Begegnung zwischen der transzendenten Wirklichkeit, dem Glauben und der Vernunft findet der Mensch sich selbst. Daher denke ich, dass die Aufgabe und die Sendung Europas in dieser Situation gerade darin besteht, diesen Dialog zu finden, den Glauben und die moderne Rationalität in eine einzige anthropologische Sichtweise zu integrieren, die das menschliche Wesen vollständig erfasst und so auch die Kommunikation unter den menschlichen Kulturen möglich macht. Daher würde ich sagen, dass die Präsenz des Säkularismus etwas Normales ist, aber die Trennung, das Gegeneinander von Säkularismus und der Kultur des Glaubens ist anormal und muss überwunden werden. Die große Herausforderung dieser Zeit ist, dass sich die beiden begegnen und so ihre wahre Identität finden. Das ist, wie erwähnt, eine Sendung Europas und eine menschliche Notwendigkeit in dieser unserer Geschichte."
Lombardi: Danke, Heiliger Vater. Bleiben wir beim Thema Europa. Die Wirtschaftskrise hat sich in letzter Zeit in Europa verschärft und betrifft in besonderer Weise auch Portugal. Manche europäische Führungspersönlichkeiten sehen die Zukunft der Europäischen Union in Gefahr. Welche Lehren können aus dieser Krise gezogen werden, auch auf ethischer und moralischer Ebene? Was sind die Schlüssel- punkte, um die Einheit und die Zusammenarbeit der europäischen Länder in Zukunft zu festigen?
Benedikt XVI.: Ich würde sagen, dass diese Wirtschaftskrise mit ihrer moralischen Komponente, die niemand übersehen kann, ein Anwendungsbeispiel, ein konkreter Fall von dem ist, was ich vorhin gesagt habe, nämlich dass sich zwei voneinander getrennte kulturelle Strömungen begegnen müssen, denn sonst finden wir den Weg in die Zukunft nicht. Auch hier sehen wir einen falschen Dualismus, nämlich einen wirtschaftlichen Positivismus, der glaubt,sich ohne die ethische Komponente entfalten zu können, einen Markt, der sich selbst regulieren soll, allein auf der Grundlage der wirtschaftlichen Kräfte, der positivistischen und pragmatischen Rationalität der Wirtschaft; die Ethik sei etwas anderes und diesem Prozess fremd. In Wirklichkeit sehen wir jetzt, dass ein reiner wirtschaftlicher Pragmatismus, der die Realität des Menschen nicht beachtet - der ein ethisches Wesen ist -, nicht positiv endet, sondern unlösbare Probleme schafft. Daher ist es jetzt Zeit zu sehen, dass die Ethik nicht außerhalb, sondern innerhalb der Rationalität und des wirtschaftlichen Pragmatismus steht.
   Andererseits müssen wir auch eingestehen, dass der katholische, der christliche Glaube oft zu individualistisch war, die konkreten wirtschaftlichen Dinge der Welt überließ und nur an das individuelle Heil dachte, an die religiösen Handlungen, ohne zu sehen, dass diese eine globale Verantwortung, eine Verantwortung für die Welt mit sich bringen. Daher müssen wir auch hier in einen konkreten Dialog eintreten. In meiner Enzyklika „Caritas in veritate“ habe ich versucht - und die gesamte Tradition der christlichen Soziallehre geht in diese Richtung -, den ethischen und den Glauben betreffenden Aspekt über das Individuum hinaus auf die Verantwortung gegenüber der Welt und auf eine von der Ethik geformte Rationalität auszuweiten. Andererseits haben die jüngsten Ereignisse auf dem Markt in den letzten zwei, drei Jahren gezeigt, dass die ethische Dimension innerhalb des wirtschaftlichen Handelns steht und darin ihren Platz haben muss, denn der Mensch ist eins, und es geht um den Menschen, um eine gesunde Anthropologie, die alles einschließt, und nur so lässt sich das Problem lösen, nur so entfaltet und erfüllt Europa seine Sendung.
Lombardi: Danke. Jetzt kommen wir zu Fatima, dass gewissermaßen auch der geistliche Höhepunkt dieser Reise sein wird. Heiliger Vater, welche Bedeutung haben heute für uns die Erscheinungen von Fatima? Als Sie den Text des dritten Geheimnisses im Juni 2000 im Presseamt des Heiligen Stuhls vorgestellt haben, waren manche von uns und andere Kollegen von damals dabei, und Sie wurden ge- fragt,ob die Botschaft von Fatima über das Attentat auf Johannes Paul II.hinaus auch auf andere Lei- den der Päpste bezogen werden kann. Können Ihrer Ansicht nach auch die durch den Missbrauch von Minderjährigen verursachten Leiden der Kirche von heute im Rahmen dieser Vision gesehen werden?
Benedikt XVI.: Ich möchte zunächst meine Freude über die Reise nach Fatima zum Ausdruck bringen und darüber, vor der Muttergottes von Fatima zu beten, die für uns ein Zeichen der Gegenwart des Glaubens ist, dass gerade aus den Kleinen eine neue Kraft des Glaubens geboren wird, die nicht auf die Kleinen beschränkt bleibt, sondern eine Botschaft für die ganze Welt hat, und die die Geschichte gerade auch in ihrem Heute berührt und diese Geschichte erleuchtet. Bei der Präsentation im Jahr 2000 habe ich gesagt, dass eine Erscheinung - das heißt ein übernatürlicher Impuls, der nicht bloß der Vorstellungskraft der Person entspringt, sondern tatsächlich von der Jungfrau Maria, vom Übernatür- lichen herkommt - dass ein solcher Impuls in das Subjekt eintritt und gemäß den Möglichkeiten des Subjekts zum Ausdruck gebracht wird. Das Subjekt ist von seinen geschichtlichen, persönlichen, und charakterlichen Gegebenheiten bestimmt und übersetzt den großen übernatürlichen Impuls daher in sein Seh-, Vorstellungs- und Ausdrucksvermögen, aber in diesen Ausdrucksweisen, die vom Subjekt geformt sind, verbirgt sich ein Inhalt, der darüber hinausgeht, der tiefer ist, und nur im Lauf der Zeit können wir die ganze Tiefe sehen, die - sagen wir mal - in dieser für die konkreten Personen möglichen Vision „gekleidet“ war. So würde ich sagen, werden auch hier über die große Vision des Leidens des Papstes hinaus, die wir in erster Linie auf Papst Johannes Paul II. beziehen können, Realitäten der Zukunft der Kirche aufgezeigt, die sich nach und nach entfalten und zeigen. Daher ist es richtig, dass man über den in der Vision gezeigten Moment hinaus die Notwendigkeit eines Leidens der Kirche sieht, das sich natürlich in der Person des Papstes widerspiegelt, aber der Papst steht für die Kirche und daher werden Leiden der Kirche angekündigt. Der Herr hat uns gesagt, dass die Kirche auf verschiedene Weise immer leiden würde bis zum Ende der Welt. Wichtig ist dabei, dass die Botschaft, die Antwort von Fatima im Wesentlichen nicht auf bestimmte Andachtsübungen abzielt, sondern auf die grundlegende Antwort, das heißt die ständige Umkehr, die Busse, das Gebet und die drei göttlichen Tugenden: Glaube, Hoff- nung und Liebe. So sehen wir hier die wahre und grundlegende Antwort, die die Kirche geben muss, die wir, jeder von uns, in dieser Situation geben müssen. Unter dem Neuen, das wir heute in dieser Bot- schaft entdecken können, ist auch die Tatsache, dass die Angriffe gegen den Papst und die Kirche nicht nur von Außen kommen,  sondern die Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Inneren der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche. Und darum ist es für die Kirche zutiefst notwendig, dass sie neu lernt, Buße zu tun, die Reinigung anzunehmen; dass sie einerseits zu vergeben lernt, aber auch die Notwendigkeit der Gerechtigkeit sieht; denn Vergebung ersetzt die Gerechtigkeit nicht. Mit einem Wort, wir müssen gerade das Wesentliche neu lernen: die Umkehr, das Gebet, die Buße und die göttlichen Tugenden. So antworten wir. Seien wir realistisch darauf gefasst, dass das Böse immer angreift, von Innen und von Außen, aber dass auch die Kräfte des Guten immer gegenwärtig sind und dass letztendlich der Herr stärker ist als das Böse. Und die Muttergottes ist für uns eine sichtbare, mütterliche Garantie der Güte Gottes, die immer das letzte Wort in der Geschichte ist.
Lombardi: Vielen Dank, Heiliger Vater, für die Klarheit und die Tiefe ihrer Antworten und für dieses abschließende Wort der Hoffnung, das Sie uns mitgegeben haben. Wir wünschen Ihnen, dass Sie diese anspruchsvolle Reise in Ruhe machen können und dass Sie sie auch mit der Freude und der geistlichen Tiefe erleben können, die uns die Begegnung mit dem Geheimnis von Fatima schenkt. Wir wünschen Ihnen eine gute Reise und werden uns unsererseits bemühen, unseren Dienst gut zu verrichten und mit Objektivität das zu verbreiten, was sie tun werden. RVkipa100513kk
Papst in Fatima: „Den Glauben nicht verlöschen lassen“
   Ein unglaublicher Jubel bricht los, als der grüne Militärhubschrauber mit dem Papst an Bord über Fatima auftaucht. Hunderttausende von Menschen sind gekommen, viele waren tagelang zu Fuß unterwegs; sie bereiten dem Gast aus Rom einen tollen Empfang. Unter den Teilnehmern sind viele Mitglieder geistlicher Gemeinschaften, aber auch Einzelpilger, die mit Proviant und Campingausrüstung gekommen sind. Im Wind flattern Fahnen aus Spanien, Italien, Brasilien, Peru, Angola und den Kapverdischen Inseln, aber auch ein Banner aus Bayern. Die Sicherheitsleute sind etwas nervös angesichts dieser Ausgelassenheit; noch wenige Minuten vor dem Eintreffen des Papstes lassen sie die Erscheinungskapelle noch einmal von einer Hundestaffel durchsuchen. Diese Erscheinungskapelle ist das erste Ziel Benedikts: Hier stand die Steineiche, unter der 1917 Maria drei Kindern erschien. RV100513 
Lesen Sie unsere ausführlichen Fotoberichte dieser Pilgerreise > Fatima  > Fatima-Geheimnis  > Rosenkranz und > Priester.

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Hirtenbrief des Heiligen Vaters
Papst Benedikt XVI. an die Katholiken in Irland

    1. Liebe Schwestern und Brüder, mit großer Sorge schreibe ich euch als Hirt der weltweiten Kirche. Wie Euch haben auch mich die Informationen über den Missbrauch an Kindern und Schutzbefohlenen durch Mitglieder der Kirche Irlands, besonders durch Priester und Ordensleute, sehr beunruhigt. Ich kann die Bestürzung und das Gefühl des Vertrauensbruchs nur teilen, das so viele von euch beim Erfahren dieser sündhaften und kriminellen Taten und der Art der Autoritäten der Kirche, damit umzugehen, erfahren haben.
   Wie ihr wisst habe ich erst kürzlich die irischen Bischöfe zu einem Treffen hier in Rom eingeladen, dass sie über ihren Umgang mit diesen Angelegenheiten in der Vergangenheit berichten und um die Schritte aufzuzeigen, die sie unternommen haben,um auf diese schwerwiegende Situation zu reagieren. Gemein- sam mit höheren Verantwortlichen der römischen Kurie habe ich gehört, was sie, sowohl einzeln als auch als Gruppe, zu der Analyse der begangenen Fehler und der gelernten Lektionen, als auch in der Dar- stellung der Programme und jetzt geltenden Richtlinien zu sagen hatten. Unsere Diskussionen waren offen und konstruktiv. Ich bin zuversichtlich, dass resultierend aus diesen Gesprächen die Bischöfe nun besser in der Lage sind, die Aufgabe zu übernehmen, die vergangenen Ungerechtigkeiten wieder gut zu machen und das weitergehende Thema des Missbrauchs an Minderjährigen in einer Weise anzugehen, die den An- forderungen der Justiz und der Lehre des Evangeliums entspricht.
    2. Die Schwere der Vergehen und die oftmals unangemessenen Reaktion der kirchlichen Autoritäten in eurem Land erwägend habe ich entschieden, diesen Hirtenbrief zu schreiben, um meine Nähe zu euch auszudrücken und einen Weg der Heilung, der Erneuerung und der Wiedergutmachung vorzuschlagen.
   Wie viele in Eurem Land betont haben: es ist wahr, dass das Problem des Missbrauchs von Kindern weder ein rein irisches noch ein rein kirchliches ist. Trotzdem ist Eure Aufgabe nun, das Problem des Missbrauchs aufzuarbeiten, das in der irischen katholischen Gemeinschaft entstanden ist, und dies mit Mut und Bestimmtheit zu tun. Niemand erwartet, dass diese schmerzhafte Situation sich schnell lösen lässt. Wirklicher Fortschritt ist gemacht worden, aber es bleibt noch viel zu tun. Durchhaltevermögen und Gebet sind nötig, mit großem Vertrauen in die heilende Kraft der Gnade Gottes.
   Gleichzeitig muss ich aber auch meine Überzeugung mitteilen, dass die Kirche in Irland, um von dieser tiefen Wunde zu genesen, die schwere Sünde gegen schutzlose Kinder vor Gott und vor anderen offen zugeben muss. Solch eine Anerkennung, begleitet durch ernste Reue für die Verletzung dieser Opfer und ihrer Familien, muss zu einer gemeinsamen Anstrengung führen, um den Schutz von Kindern vor ähnlichen Verbrechen in der Zukunft sicher zu stellen.
   Da Ihr nun die Herausforderungen des Augenblicks auf euch nehmt bitte ich euch, „blickt auf den  Felsen, aus dem ihr herausgehauen seid“ Jesaja 51:1. Bedenkt den großherzigen und oft heroischen Beitrag, den vergangene Generationen irischer Männer und Frauen für die Kirche und die ganze Menschheit geleistet haben. Lasst Euch das Ansporn sein für eine ehrliche Selbstbetrachtung und ein engagiertes Programm kirchlicher und persönlicher Erneuerung. Ich bete dafür, dass die Kirche in Irland, durch den Beistand der vielen Heiligen und gereinigt durch Reue, die augenblickliche Krise überwindet und erneut ein Zeuge für die Wahrheit und die Güte des allmächtigen Gottes wird, die sich zeigt in seinem Sohn Jesus Christus.
   3. In der Geschichte waren die Katholiken Irlands immer eine starke Kraft für das Gute, in der Heimat und außerhalb. Keltische Mönche wie der heilige Kolumban haben das Evangelium in Westeuropa verbreitet und das Fundament für die mittelalterliche Klosterkultur gelegt. Die Ideale von Heiligkeit, Nächstenliebe und transzendenter Weisheit, geboren aus dem christlichen Glauben, fanden ihren Ausdruck in den Kirchen und Klöstern, in den Schulen, Bibliotheken und Hospitälern, die alle daran mit- wirkten, die geistige Identität Europas zu festigen. Diese irischen Missionare haben ihre Stärke aus dem festen Glauben, der starken Leitung und der aufrechtem Verhalten der Kirche in ihrem Mutterland gewonnen.
   Beginnend mit dem 16. Jahrhundert haben die Katholiken in Irland eine lange Zeit der Verfolgung erdulden müssen, während derer sie sich mühten, die Flamme des Glaubens unter gefährlichen und schwierigen Umständen lebendig zu halten. Der Heilige Oliver Plunkett, der Märtyrerbischof von Armagh, ist das berühmteste Beispiel einer ganzen Schar von mutigen Söhnen und Töchtern Irlands, die bereit waren, ihr Leben aus Treue zum Evangelium hinzugeben. Nach der katholischen Emanzipation war die Kirche frei, neu zu wachsen. Familien und zahllose Einzelne, die den Glauben in Zeiten der Prüfung erhalten haben, wurden zum Auslöser für das große Wiederaufleben des irischen Katholizismus im 19. Jahrhundert. Die Kirche bot Bildung, besonders für die Armen, und leistete dadurch ihren Beitrag zur Gesellschaft Irlands. Zu den Früchten des Wachsens der neuen katholischen Schulen gehörte eine Zunahme in Berufungen: Generationen von Missionaren, Schwestern und Brüdern, haben ihr Heimatland verlassen um auf allen Kontinenten zu dienen, besonders in der englischsprachigen Welt. Bemerkenswert waren nicht nur ihre große Zahl, sondern auch die Stärke ihres Glaubens und die Standhaftigkeit ihres pastoralen Engagements. Viele Bistümer, besonders in Afrika, Amerika und Australien, haben von der Präsenz irischer Geistlicher und Ordensleute profitiert, die das Evangelium verkündeten und Pfarreien, Schulen, Universitäten und Krankenhäuser gründeten, die sowohl den Katholiken als auch der gesamten Gesellschaft dienten, mit besonderem Augenmerk auf die Bedürfnisse der Armen.
   In fast jeder Familie in Irland gibt es jemanden – einen Sohn oder eine Tochter, einen Onkel oder eine Tante – der sein Leben der Kirche gegeben hat. Irische Familien würdigen und schätzen zu Recht die Ihren, die ihr Leben Christus geweiht haben, die das Geschenk des Glaubens mit anderen Teilen und aus diesem Glauben Taten folgen lassen, in liebendem Dienst an Gott und dem Nächsten.
   4. In den vergangenen Dekaden hatte die Kirche in Eurem Land jedoch neue und schwere Heraus- forderungen für den Glauben durch die rasche Transformation und Säkularisierung der irischen Gesell- schaft zu bestehen. Der schnelllebige soziale Wandel hat oft genug das traditionelle Festhalten der Menschen an den katholischen Lehren und Werten beeinträchtigt. Viel zu oft wurden die sakramentalen und andächtigen Gebräuche vernachlässigt, die den Glauben erhalten und ihm erlauben, zu wachsen, wie etwa die regelmäßige Beichte, das tägliche Gebet und jährliche Einkehrtage. Bedeutsam war während dieser Zeit ebenfalls die Tendenz vieler Priester und Ordensleute, Weisen des Denkens und der Ein- schätzung säkularer Realitäten ohne ausreichenden Bezug zum Evangelium zu übernehmen. Das Programm der Erneuerung, das das Zweite Vatikanische Konzil vorgelegt hat, wurde häufig falsch gelesen; im Licht des tiefen sozialen Wandels war es schwer, die richtigen Weisen der Umsetzung zu finden. Es gab im Besonderen die wohlmeinende aber fehlgeleitete Tendenz, Strafen für kanonisch irreguläre Umstände zu vermeiden. In diesem Gesamtkontext müssen wir das verstörende Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern zu verstehen versuchen, das nicht wenig zur Schwächung des Glaubens und dem Verlust des Respekts vor der Kirche und ihre Lehren beigetragen hat.
   Nur durch sorgfältige Prüfung der vielen Faktoren die zum Entstehen der augenblicklichen Krise geführt haben kann eine klare Diagnose ihrer Gründe unternommen und können wirkungsvolle Abhilfemaßnahmen gefunden werden. Sicherlich können wir zu den entscheidenden Faktoren hinzuzählen: unangemessene Verfahren zur Feststellung der Eignung von Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben; nicht ausreichende menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche Ausbildung in Seminarien und Novizia- ten; eine Tendenz in der Gesellschaft, den Klerus und andere Autoritäten zu favorisieren; und eine fehlgeleitete Sorge für den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen, die zum Versagen in der Anwendung bestehender kanonischer Strafen und im Schutz der Würde jeder Person geführt hat. Es muss dringend gehandelt werden um diese Faktoren anzugehen, die so tragische Konsequenzen in den Leben von Opfern und ihrer Familien hatten und die das Licht des Evangeliums in einer solchen Weise verdunkelt haben, wie es noch nicht einmal Jahrhunderten der Verfolgung gelungen ist.
  5. Bereits mehrfach seit meiner Wahl auf den Stuhl Petri habe ich Opfer sexuellen Missbrauchs getroffen und ich bin bereit, das auch in Zukunft zu tun. Ich habe mit ihnen zusammen gesessen, habe ihre Geschichten gehört, ihr Leiden wahrgenommen und ich habe mit ihnen und für sie gebetet. Schon früher in meinem Pontifikat habe ich in meiner Sorge diese Frage anzusprechen, die Bischöfe Irlands aufgefordert, „die Wahrheit dessen, was in der Vergangenheit geschehen ist, festzustellen, jede not- wendige Maßnahme zu ergreifen, damit das nie wieder geschehen kann, sicherzustellen, dass die Vor- gaben der Justiz voll eingehalten werden und, am wichtigsten, den Opfern und allen von diesen ungeheuerlichen Verbrechen Betroffenen Heilung zu bringen“ Ansprache an die Bischöfe von Irland während des Ad Limina Besuchs, 28. Oktober 2006.
   Mit diesem Brief möchte ich euch alle, das Volk Gottes in Irland, ermahnen, die Wunden am Körper Christi zu betrachten. Betrachtet aber auch die manchmal schmerzhaften Heilmittel, die wir brauchen, um diese Wunden zu binden und zu heilen, und ebenfalls die Notwendigkeit der Einheit, der Nächstenliebe und der gegenseitigen Unterstützung in einem langwierigen Prozess der Wiederherstellung und kirchlicher Erneuerung. Ich wende mich nun an euch mit Worten, die von Herzen kommen und ich möchte zu euch einzeln und zu euch allen gemeinsam als Brüder und Schwestern im Herrn sprechen.
   6. An die Opfer des Missbrauchs und ihre Familien.
Ihr habt viel gelitten und ich bedaure das aufrecht. Ich weiß, dass nichts das Erlittene ungeschehen machen kann. Euer Vertrauen wurde verraten und eure Würde wurde verletzt. Viele von Euch mussten erfahren, dass, als Ihr den Mut gefunden habt, über das zu sprechen, was euch zugestoßen ist, Euch niemand zugehört hat. Diejenigen von euch, denen das in Wohnheimen und Internaten geschehen ist, müssen gefühlt haben, dass es kein Entkommen gibt aus Eurem Leid. Es ist verständlich, dass es schwer für Euch ist, der Kirche zu vergeben oder sich mit ihr zu versöhnen. Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen. Gleichzeitig bitte ich Euch, die Hoffnung nicht aufzugeben. In der Gemeinschaft der Kirche begegnen wir Christus, der selbst ein Opfer von Ungerechtigkeit und Sünde war. Wie ihr trägt er immer noch die Wunden seines eigenen ungerechten Leidens. Er versteht die Tiefe eures Leides und die fortdauernden Auswirkungen auf Euer Leben und Eure eigenen Beziehungen, eingeschlossen Eure Beziehung zur Kirche. Ich weiß, dass es einigen von euch schwer fällt durch die Türen der Kirche zu gehen nach allem, was passiert ist. Aber Christi eigene Wunden, verwandelt durch sein erlösendes Leiden, sind der Weg, durch den die Macht des Bösen gebrochen wird und wir zu Leben und Hoffnung wiedergeboren sind. Ich glaube zutiefst, dass diese heilende Kraft der aufopfernden Liebe Befreiung und die Verheißung eines Neuanfangs bringt – sogar in den dunkelsten und hoffnungslosesten Situationen.
   Ich spreche zu Euch als Hirte, der sich um das Wohl aller Kinder Gottes sorgt und bitte Euch, zu be- denken, was ich gesagt habe. Ich bete, dass durch die Annäherung an Christus und durch die Teilnahme am Leben seiner Kirche – einer Kirche gereinigt durch Buße und erneuert in Nächstenliebe – Ihr die unermessliche Liebe Christi für jeden von Euch wiederentdecken könnt. Ich bin zuversichtlich, dass Ihr auf diese Weise Versöhnung, tiefe innere Heilung und Frieden finden könnt.
   7. An die Priester und Ordensleute, die Kinder missbraucht haben.
Ihr habt das Vertrauen,das von unschuldigen jungen Menschen und ihren Familien in Euch gesetzt wurde, verraten und Ihr müsst Euch vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten dafür ver- antworten. Ihr habt die Achtung der Menschen Irlands verspielt und Schande und Unehre auf Eure Mit- brüder gebracht. Die Priester unter Euch haben die Heiligkeit des Weihesakraments verletzt, in dem Christus sich selbst in uns und unseren Handlungen gegenwärtig macht. Gemeinsam mit dem immensen Leid, das Ihr den Opfern angetan habt, wurde die Kirche und die öffentlichen Wahrnehmung des Priestertums und des Ordensleben beschädigt.
   Ich mahne Euch, Euer Gewissen zu erforschen, Verantwortung für die begangenen Sünden zu über- nehmen und demütig Euer Bedauern auszudrücken. Ehrliche Reue öffnet die Tür zu Gottes Vergebung und die Gnade ehrlicher Besserung. Durch Gebet und Buße für die, denen Ihr Unrecht getan habt, sollt ihr persönlich für Euer Handeln Sühne leisten. Christi erlösendes Opfer hat die Kraft, sogar die größte Sünde zu vergeben und Gutes sogar aus dem schlimmsten Übel wachsen zu lassen. Gleichzeitig ruft uns Gottes Gerechtigkeit dazu auf, Rechenschaft über unsere Taten abzulegen und nichts zu verheimlichen. Erkennt Eure Schuld öffentlich an, unterwerft Euch der Rechtsprechung, aber verzweifelt nicht an der Gnade Gottes.
   8. An die Eltern.
Ihr seid zutiefst entsetzt über die furchtbaren Dinge, die an den Orten stattgefunden haben, die eigent- lich die sichersten und sorgenfreiesten Orte hätte sein sollen. Es ist heute nicht einfach, ein Zuhause zu bilden und Kinder zu erziehen. Sie verdienen es, sicher aufzuwachsen, geliebt und geschätzt mit einem starken Gefühl ihrer Identität und ihres Wertes. Sie haben das Recht, mit authentischen moralischen Werten erzogen zu werden, zutiefst in der Menschenwürde verankert. Sie haben das Recht, inspiriert zu werden durch die Wahrheit unseres katholischen Glaubens und Weisen des Verhaltens und Handelns zu erlernen, die zu einem gesunden Selbstwert und zu dauerhaftem Glück führen. Diese noble aber auch anspruchsvolle Aufgabe ist zuallererst Euch anvertraut, den Eltern. Ich bitte Euch dringend, Eure Rolle bei der Gewährleistung der besten möglichen Fürsorge für die Kinder sowohl zu Hause als auch in der Gesellschaft zu spielen, während die Kirche ihre Rolle wahrnimmt und weiter die Maßnahmen der letzten Jahre umsetzt um junge Menschen in Pfarreien und Schulen zu schützen. Während Ihr Eure lebens- wichtige Verantwortung wahrnehmt möchte ich Euch versichern, dass ich Euch nahe bin und die Unterstützung meiner Gebete anbiete.
   9. An die Kinder und die Jugend Irlands.
Euch möchte ich ganz besonders ermutigen. Eure Erfahrung der Kirche ist sehr unterschiedlich von der Eurer Eltern und Großeltern. Die Welt hat sich sehr geändert seit sie in Eurem Alter waren. Trotzdem sind alle Menschen aller Generationen dazu berufen, denselben Weg durchs Leben zu gehen, gleich unter welchen Umständen. Wir sind alle skandalisiert von den Sünden und dem Versagen von einigen Mitglie- dern der Kirche, besonders durch die derer, die eigens dazu ausgesucht waren, jungen Menschen zu die- nen und sie anzuleiten. Aber es ist die Kirche, in der Ihr Christus findet, der derselbe ist, gestern, heute und morgen Hebräerbrief 13:8. Er liebt Euch und er hat sich am Kreuz für Euch hingegeben. Sucht eine persönliche Beziehung zu ihm in der Gemeinschaft der Kirche, denn er wird nie Euer Vertrauen missbrauchen! Er allein kann Eure tiefsten Sehnsüchte erfüllen und Eurem Leben den vollen Sinn geben dadurch, dass er es zum Dienst am Nächsten lenkt. Haltet Eure Augen auf Jesus und seine Güte gerichtet und schützt die Flamme des Glaubens in Eurem Herzen. Gemeinsam mit den übrigen Gläubigen in Irland sehe ich in Euch treue Jünger unseres Herrn; bringt den nötigen Enthusiasmus und Idealismus zum Neuaufbau und der Erneuerung Eurer geliebten Kirche.
   10. An die Priester und Ordensleute in Irland.
Wir alle leiden als Folge der Sünden unserer Mitbrüder, die das heilige Vertrauen missbraucht haben oder versagt haben, gerecht und verantwortungsvoll mit den Missbrauchsvorwürfen umzugehen. In der Wut und der Empörung die das alles nicht nur unter den Gläubigen sondern auch unter Euch und in den Ordensgemeinschaften hervorgerufen hat, fühlen sich viele von Euch mutlos oder sogar verlassen. Mir ist ebenfalls bewusst, dass in den Augen vieler Ihr durch die Nähe zu den Tätern einen Makel tragt und als irgendwie verantwortlich für die Verbrechen anderer gesehen werdet. In dieser schmerzlichen Zeit möchte ich Eure Hingabe an das Priestertum und das Apostolat würdigen und Euch einladen, Euren Glauben in Christus zu festigen, Eure Liebe zu seiner Kirche und Euer Vertrauen in die Verheißung des Evangeliums auf Erlösung, Vergebung und innere Erneuerung. Auf diese Weise werdet ihr aufzeigen, dass da, wo die Sünde mächtig wurde, die Gnade übergroß wurde Römerbrief 5:20.
   Ich weiß, dass viele von Euch von der Art und Weise, wie diese Dinge von Euren Oberen behandelt wurden, enttäuscht, verwirrt und verärgert sind. Trotzdem ist es wesentlich, dass Ihr eng mit den Autoritäten kooperiert und helft, dass die Maßnahmen zur Bewältigung der Krise wirklich dem Evangelium gemäß, gerecht und effektiv sind. Vor allem aber bitte ich Euch, immer mehr Männer und Frauen des Gebets zu werden, die mutig dem Weg der Bekehrung, Reinigung und Versöhnung gehen. Auf diese Weise wird die Kirche in Irland neues Leben und neue Dynamik aus Eurem Zeugnis für Gottes erlösende Kraft, die in Eurem Leben sichtbar wird, schöpfen.
   11. An meine Mitbrüder im Bischofsamt.
Es kann nicht geleugnet werden, dass einige von Euch und von Euren Vorgängern bei der Anwendung der seit langem bestehenden Vorschriften des Kirchenrechts zu sexuellem Missbrauch von Kindern versagt haben. Schwere Fehler sind bei der Behandlung von Vorwürfen gemacht worden. Ich erkenne an, dass es schwer war, die Komplexität und das Ausmaß des Problems zu erkennen, gesicherte Informationen zu erlangen und die richtigen Entscheidungen bei widersprüchlichen Expertenmeinungen zu treffen. Trotzdem muss zugegeben werden, dass schwerwiegende Fehlurteile getroffen wurden und Fehler in der Leitung vorkamen. Dies alles hat Eure Glaubwürdigkeit und Effektivität untergraben. Ich erkenne Eure Bemühun- gen an, vergangene Fehler wieder gut zu machen und zu garantieren, dass sie nicht wieder passieren. Abgesehen von der vollständigen Umsetzung der Normen des Kirchenrechts im Umgang mit Fällen von Kindesmissbrauch: kooperiert weiter mit den staatlichen Behörden in ihrem Bereich. Für die Ordensoberen gilt dasselbe. Sie haben ebenfalls an Diskussionen hier in Rom teilgenommen, um einen eindeutigen und klaren Weg zum Umgang in dieser Angelegenheit zu entwickeln. Es ist zwingend erforderlich, dass die Normen der Kirche in Irland zum Schutz von Kindern kontinuierlich überprüft und aktualisiert werden und dass sie vollständig und unabhängig in Übereinstimmung mit dem Kirchenrecht angewandt werden.
   Ausschließlich entschiedene Handlungsweisen, umgesetzt in voller Aufrichtigkeit und Transparenz, wird den Respekt und den guten Willen des irischen Volks der Kirche gegenüber, der wir unser Leben geweiht habt, wiedergewinnen. Das muss zuallererst aus Eurer Selbsterforschung, aus innerer Reinigung und geistlicher Erneuerung kommen. Die Menschen Irlands erwarten zu Recht, dass Ihr Menschen Gottes seid, dass Ihr gottgefällig und einfach lebt und täglich die persönliche Bekehrung erstrebt. Für sie – in den Worten des heiligen Augustinus – seid Ihr Bischof; aber gemeinsam mit ihnen seid Ihr berufen, Christus nachzufolgen Sermon 340,1. Ich ermahne Euch deswegen, Euren Sinn für die Rechenschaftspflicht vor Gott zu erneuern, in der Solidarität mit Eurem Volk zu wachsen und die pastorale Sorge für alle Mitglieder Eurer Herde zu vertiefen. Besonders fordere ich Euch auf, achtsam zu sein für die geistlichen und mora- ischen Bedürfnisse jedes einzelnen Eurer Priester. Gebt ihnen durch Euer eigenes Leben ein Beispiel, seit ihnen nahe, hört auf ihre Anliegen, bietet Ermutigung in dieser schwierigen Zeit und nährt die Flamme ihrer Liebe zu Christus und ihr Engagement für den Dienst an ihren Brüdern und Schwestern.
   Die Gläubigen sollen ebenfalls ermutigt werden, ihre eigene Rolle im Leben der Kirche zu spielen. Sorgt dafür, dass sie so ausgebildet sind, dass sie eine verständliche und überzeugende Darstellung des Evangeliums in mitten der modernen Gesellschaft geben können 1. Petrusbrief 3:15 und vollständiger mit dem Leben und dem Auftrag der Kirche kooperieren. Dies wird umgekehrt Euch helfen, wieder glaubwürdige Obere und Zeugen der erlösenden Wahrheit Christi zu werden.
   12. An alle Gläubigen Irlands.
Die Erfahrung der Kirche eines jungen Menschen sollte immer aus einer persönlichen und Leben spen- denden Begegnung mit Jesus Christus in einer liebenden, nährenden Gemeinschaft Frucht bringen. In dieser Umgebung sollten junge Menschen ermutigt werden, ihre menschliche und geistliche Gestalt voll zu entwickeln, das hohe Ideal der Heiligkeit, der Nächstenliebe und der Wahrheit anzustreben, und von den Reichtümern der kulturellen und religiösen Tradition inspiriert zu sein. In unserer zunehmend säkulari- sierten Gesellschaft, in der selbst wir Christen es oft schwer finden, über die transzendente Dimension unserer Existenz zu sprechen, müssen wir neue Wege finden, jungen Menschen die Schönheit und den Reichtum der Freundschaft mit Christus in der Gemeinschaft der Kirche nahe zu bringen. Für die Be- wältigung der gegenwärtigen Krise sind Maßnahmen, die gerecht mit individuellem Unrecht umgehen, unerlässlich, aber allein für sich sind sie nicht ausreichend: wir brauchen eine neue Vision, um zukünftige Generationen zu inspirieren, das Geschenk unseres gemeinsamen Glaubens zu schätzen. Indem Ihr den Weg des Evangeliums geht, durch das Halten der Gebote und dadurch, dass Ihr Euer Leben immer mehr in Übereinstimmung mit dem Leben Jesu Christi bringen, werdet Ihr sicher die tiefe Erneuerung erfahren, die wir in dieser Zeit so dringend brauchen. Ich lade Euch ein, auf diesem Weg beständig zu sein.
   13. Liebe Brüder und Schwestern in Christus, ich wollte Euch diese Worte der Ermutigung und Unter- stützung aus meiner Fürsorge für Euch alle in dieser schmerzvollen Zeit, in der die Zerbrechlichkeit des menschlichen Wesens so deutlich offenbar geworden ist, schreiben. Ich hoffe, dass Ihr sie als Zeichen meiner geistlichen Nähe und meiner Zuversicht in Eure Fähigkeit empfangt, den Herausforderungen der Stunde dadurch zu begegnen, dass Ihr erneuerte Inspiration und Stärke aus Irlands nobler Tradition der Treue zum Evangelium empfangt, Ausdauer im Glauben und Beharrlichkeit im Erstreben von Heiligkeit. In Solidarität mit Euch allen bete ich, dass mit Gottes Gnade die Wunden, die so viele Einzelne und Familien verletzt haben, heilen und dass die Kirche in Irland eine Zeit der Wiedergeburt und der geistlichen Erneuerung erfahre.
   14. Ich möchte Euch nun auch einige konkrete Initiativen zum Umgang mit der Situation vorschlagen.
Am Ende meines Treffens mit den irischen Bischöfen habe ich darum gebeten, dass diese Fastenzeit reserviert wird für das Gebet um das Ausgießen der Barmherzigkeit Gottes und der Geistesgaben der Heiligkeit und Stärke über der Kirche in Eurem Land. Ich lade Euch alle ein, die Freitagsbuße für die Dauer eines Jahres bis Ostern 2011 dieser Intention zu widmen. Ich bitte Euch, Euer Fasten, Euer Gebet, Eure Schriftlesung und Eure Werke der Nächstenliebe dem zu widmen, damit Ihr so die Gnade der Heilung und der Erneuerung für die Kirche in Irland erlangt. Ich ermutige Euch, aufs Neue das Sakrament der Versöhnung für Euch zu entdecken und häufiger die verwandelnde Kraft seiner Gnade zu nutzen.
   Besondere Aufmerksamkeit sollte ebenfalls der eucharistischen Anbetung zuteil werden; in jedem Bistum soll es Kirchen oder Kapellen geben, die speziell diesem Zweck gewidmet sind. Ich fordere Pfarreien, Seminarien, Ordenshäuser und Klöster dazu auf, Zeiten eucharistischer Anbetung zu organi- sieren, so dass sich alle beteiligen können. Durch intensives Gebet vor dem anwesenden Herrn könnt Ihr Wiedergutmachung leisten für die Sünde des Missbrauchs, die so viel Schaden angerichtet hat. Gleich- zeitig könnt Ihr so die Gnade neuer Stärke erflehen und einen tieferen Sinn des Auftrags aller Bischöfe, Priester, Ordensleute und Gläubigen.
   Ich bin zuversichtlich, dass dieses Unterfangen zu einer Neugeburt der Kirche in Irland führen in der Fülle von Gottes Wahrheit führen wird, denn es ist die Wahrheit, die uns frei macht Johannesevangelium 8:32.
   Darüber hinaus, nachdem ich darüber beraten und gebetet habe, habe ich vor, eine Apostolische Visitation einiger Bistümer Irlands abzuhalten, ebenso von Seminarien und Ordensgemeinschaften. Absprachen für diese Visitation, die der Ortskirche auf ihrem Weg der Erneuerung helfen soll, werden in Absprache mit den zuständigen Büros der römischen Kurie und der irischen Bischofskonferenz getroffen. Die Einzelheiten werden  zu gegebener Zeit bekannt gegeben.
   Ich schlage ebenfalls eine gemeinsame Mission in ganz Irland für alle Bischöfe, Priester und Ordensleute vor. Es ist meine Hoffnung, dass durch das Nutzen der Expertise erfahrener Prediger und Exerzitien- begleiter von Irland und andernorts und durch das erneute Studium der Dokumente des Konzils, der liturgischen Riten von Weihe und Profess und der neueren päpstlichen Lehren, Ihr zu einem tieferen Verständnis für Eure jeweilige Berufung kommt, um so die Wurzeln Eures Glaubens in Jesus Christus wieder zu entdecken und aus dem Quell des lebendigen Wassers zu trinken, den er Euch durch seine Kirche bietet.
   In diesem Jahr des Priesters empfehle ich Euch ganz besonders den heiligen > Jean-Marie Vianney, der ein reiches Verständnis des Mysteriums des Priestertums hatte. Er schrieb: „der Priester hält den Schlüssel zu den Schätzen des Himmels: er ist es, der die Tür öffnet: er ist der Statthalter des guten Herrn; der Verwalter seiner Güter.“ Der Pfarrer von Ars verstand sehr gut, wie gesegnet eine Gemeinschaft ist, wenn ihr von einem guten und heiligen Priester gedient wird: „ein guter Hirte, ein Hüter nach Gottes Herzen, ist der größte Schatz, den Gott einer Gemeinde schenken kann und eines der wertvollsten Geschenke göttlicher Gnade.“ Durch die Fürsprache des heiligen Jean-Marie Vianney möge das Priestertum in Irland neu belebt werden und möge die ganze Kirche in Irland wachsen in Wertschätzung für das große Geschenk des priesterlichen Dienstes.
   An dieser Stelle möchte ich denen im voraus danken, die an der Aufgabe der Organisation der Apostolischen Visitation und der Mission beteiligt sind, und genauso den vielen Männern und Frauen in ganz Irland, die schon heute für den Schutz von Kindern im kirchlichen Umfeld arbeiten. Seit der Zeit, als wir begonnen haben, die Schwere und das Ausmaß des Problems zu verstehen, hat die Kirche eine ungemein große Anstrengung in vielen Teilen der Welt geleistet, um sich dem zu stellen und um Abhilfe zu schaffen. Auch wenn keine Anstrengung aufgespart werden sollte, die Verfahren zu verbessern und zu aktualisieren, bin ich doch ermutigt durch die Tatsache, dass die augenblicklichen Verfahren zur Absicherung, die die Kirche eingeführt hat, in einigen Teilen der Welt als vorbildlich für andere Instituti- onen angesehen werden.
   Ich möchte diesen Brief mit einem besonderen Gebet für die Kirche in Irland beenden, das ich Euch mit der besonderen Sorge des Vaters für seine Kinder und der Zuneigung eines Mitchristen sende, der skan- dalisiert und verletzt ist durch das, was in unserer geliebten Kirche geschehen ist. Wenn Ihr es in Euren Familien, Pfarreien und Gemeinschaften betet, möge die selige Jungfrau Maria jeden von Euch schützen und leiten zu einer engeren Verbindung mit ihrem Sohn, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Mit großer Zuneigung und unentwegter Zuversicht in Gottes Zusage sende ich Euch herzlich meinen aposto- lischen Segen als eine Zusage von Stärke und Frieden im Herrn.
 
Aus dem Vatikan, 19. März 2010, am Hochfest des heiligen Josef
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Gebet für die Kirche in Irland

Gott unserer Väter,
erneuere uns im Glauben, der unser Leben und unsere Rettung ist,
in der Hoffnung, die uns Vergebung und innere Erneuerung verheißt,
in der Nächstenliebe, die uns reinigt und unsere Herzen öffnet,
dass wir dich lieben und in dir jeden unserer Brüder und Schwestern.
Herr Jesus Christus,
möge die Kirche in Irland ihre uralte Hingabe
an die Bildung für junge Menschen zu Wahrheit und Güte,
Heiligkeit und freizügigem Dienst an der Gesellschaft erneuern.
Heiliger Geist, Tröster, Anwalt und Lenker,
erwecke einen neuen Frühling der Heiligkeit und apostolischen Eifers
für die Kirche in Irland
Mögen unser Leid und unsere Tränen,
unsere ernsten Anstrengungen, vergangene Untaten wieder gut zu machen,
und unsere feste Absicht der Besserung
eine reiche Ernte der Gnade tragen
für die Vertiefung des Glaubens
in unseren Familien, Pfarreien, Schulen und Gemeinschaften,
für den geistlichen Fortschritt der irischen Gesellschaft,
und das Wachsen in Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Freude und Frieden,
in der gesamten Menschheitsfamilie.
Dir, dreieiniger Gott,
vertrauend auf den liebenden Schutz Mariens,
Königin Irlands, unserer Mutter,
und des heiligen Patrick, der heiligen Brigid und aller Heiligen,
vertrauen wir dir uns, unsere Kinder,
und die Nöte der Kirche in Irland an.
Amen
                                                                             © Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana

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Dominik Duka - neuer Erzbischof von Prag ep-aepDominikDuka-xxx

Katholiken hoffen nun auf bessere Beziehungen zum Staat

   Der neue Prager Erzbischof ist der 66 Jahre alte Dominikaner Dominik Duka, bisher Bischof von Königgrätz (Hradec Králové). Am Samstag hatte Papst Benedikt XVI. den bereits vor zwei Jahren angebotenen Rücktritt von Miroslav Kardinal Vlk aus Altersgründen angenommen. Der Tradition folgend wurde der Name seines Nachfolgers gleichzeitig zugleich in Rom und in Prag bekanntgegeben. Die feier- liche Einsetzung im Rahmen eines Festgottesdienstes im Veitsdom soll bald stattfinden, ein genaues Datum wurde bisher nicht genannt.
   Die Ernennung des neuen Erzbischofs stand schon lange aus. Schon anlässlich des Prag-Besuches von Benedikt XVI. im September vorigen Jahres hatte man sie erwartet und zuletzt noch einmal am Dreikönigstag. Duka war einer der drei Kandidaten, denen die besten Chancen für die Vlk-Nachfolge eingeräumt worden waren. Die anderen beiden waren der Leitmeritzer Bischof Jan Baxant und der Olmützer Erzbischof Jan Graubner. Beide sind vier Jahre jünger als Duka.
   Dominik Duka wurde am 23. April 1943 in Königgrätz geboren. Sein Vater, der sich während des Zwei- ten Weltkriegs den Alliierten angeschlossen und unter anderem in der Royal Air Force gedient hatte, war nach der kommunistischen Machtübernahme im Februar 1948 verhaftet worden. Ursprünglich hieß er Jaroslav, den Namen Dominik nahm er erst nach seinem Beitritt zum Dominikanerorden an, der 1968 im Geheimen erfolgte. Nach dem Schulabschluss wurde er in einer Fabrik als Werkzeugmacher be- schäftigt. Theologie studierte er in Leitmeritz (Litomérice), 1970 wurde er zum Priester geweiht und wirkte als Gemeindepfarrer, bis ihm die Kommunisten 1975 Berufsverbot erteilten.
   Er kehrte an die Werkbank zurück und blieb bis 1989 bei den Skoda-Werken in Pilsen beschäftigt. Im Untergrund widmete er sich in diesen Jahren jedoch weiterhin seinem Orden, was ihm 1981 eine Haft- strafe wegen unerlaubter religiöser Betätigung einbrachte - unter anderem hatte er Studienzirkel für Novizen organisiert. 1986 übernahm er als Provinzial die Leitung der dominikanischen Ordensprovinz in Böhmen und Mähren und übte dieses Amt bis zu seiner Einsetzung durch Papst Johannes Paul II. als Bischof von Königgrätz 1998 aus. 1989 übernahm er den Vorsitz der tschechischen Ordensoberen- Konferenz. In den neunziger Jahren unterrichtete Duka zudem als Gastdozent Bibelwissenschaften an der Universität Olmütz (Olomouc).
   Duka hat den Ruf eines guten Diplomaten. Als Bischof von Königgrätz war er Mitglied der Kommission gewesen, die den Vertrag zwischen dem Vatikan und der Tschechischen Republik ausgearbeitet hatte. Der Entwurf scheiterte 2003 je¬doch im tschechischen Parlament: Die damals regierenden Sozial- demokraten hatten dagegen gestimmt. Seither gab es in den Beziehungen zwischen Rom und Prag sowie zwischen Kirche und Staat in der Tschechischen Republik keine nennenswerten Fortschritte.
   Nach wie vor umstritten ist die Rückgabe des Kircheneigentums, und der Streit um den Besitz des Veitsdoms, der vor Gericht für den Staat entschieden wurde, stellte eine zusätzliche Belastung dar. Kardinal Vlk selbst sagte, er habe politisch als Prager Erzbischof so gut wie nichts erreicht. Das Verhältnis zwischen den beiden Herren auf dem Hradschin - dem religiösen und dem weltlichen - war unter Vaclav Havel noch einigermaßen gut gewesen, seit dem Amtsantritt von Präsident Vaclav Klaus war es kühl bis eisig. Das Gesprächsklima zwischen Klaus und Duka dagegen gilt als freundlich und entspannt. Die beiden tref¬fen einander seit Jahren regelmäßig, wobei Klaus Duka besonders wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten schätzt. FAZ100215kps

700-jähriges Jubiläum in Gibraltar: Unsere Liebe Frau von Europa

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   Mit außerordentlichen Zeichen der Liebe und Hingabe feierte Gibraltar das 700-jährige Jubiläum des Heiligtums Unserer Lieben Frau von Europa. Kardinal José Saraiva Martins überbrachte aus diesem Anlass eine Botschaft von Benedikt XVI. Der Papst nannte diesen Wallfahrtsort herausragend und versprach eine angemessene Förderung. Er ermutigte herzlich die Wallfahrer und setzte volles Vertrauen in die Zukunft, dass von hier aus Gnade ausgehen wird, damit die Bürger Europas ihre alten Wurzeln neue entdecken werden.

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Fotos: Unsere Liebe Frau von Europa im Marienwallfahrtsort von Gibraltar

   Über 4.000 Gläubige kamen zur Jubiläumsmesse und zur Wiedereinweihung des Heiligtums, darunter waren viele spanische Familien von jenseits der Grenze. In seinem Kommentar zur Bedeutung dieses Wallfahrtsortes für das moderne Europa sagte Bischof Charles Caruana von Gibraltar: „Es ist offen- sichtlich, dass die Päpste über den Weg der Europäischen Union beunruhigt sind. Eine fremde Philosophie verdrängt fundamentale Regeln, Maßstäbe und Werte. Neue nicht hinnehmbare Regeln werden autoritär an ihre Stelle gesetzt. Dieser Entwicklung wird „die neue Aufklärung“ genannt; sie nimmt die Sicherheit und ersetzt sie durch Egoismus und Gier. Der Heilige Vater ermutigt die Christen mit Überzeugung und ganzer Kraft ihren Einfluss in Europa einzubringen.“ Weiter sagte er: „Etwas ist sicher: die Europäische Union ist noch sehr jung. Sehr lange kann sie sich nicht weiter blind gegenüber der Wirklichkeit verhalten. Das sind nichts als Kinderkrankheiten, die irgendwann einmal verschwinden – je eher, desto besser. Ich denke, dass wir einsehen müssen, dass Leute, die als Abgeordnete in die Europäische Union gewählt werden, Grundsätze haben, die Menschenrechte hochhalten, und die Traditionen, die unsere Wurzeln geformt haben, achten.“
   Beim anschließenden Fest-Dinner entschuldigte sich Bischof Geoffrey Rowall, der anglikanische Bischof von Europa, für die grausamen Handlungen der Britischen Armee, die 1704 bei der Besetzung von Gibral- tar mutwillig die Statue Unserer Lieben Frau von Europa beschädigt hatten.
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Gibraltar - Brücke zwischen Afrika und Europa. Foto links:  Der Bischof von Gibraltar Charles Caruana
Foto Mitte: Die Muttergottes von Europa  15.Jh. Foto rechts:. Der Felsen von Gibraltar
Die Geschichte von Gibraltar  Ein Bericht von Ruth Rees. 
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   Auch  die meisten Spanier und Engländer kennen nicht die “Muttergottes von Europa” (Our Lady of Europe) und ihren Wallfahrtsort in Gibraltar. Die lange und turbulente Geschichte beginnt mit der Invasion Gibraltars im Jahre 711. Die siegreichen Muslime änderten nach ihrer Landung den Namen des gewaltigen Felsenmassivs von “Calpe” zu “Gebel Tarik” (Tarik’s Berge) nach ihrem Führer Tarik Ibn Zayib. Ihren Triumph formten sie in Stein: sie bauten die erste Moschee auf dem europäischen Festland.
   Sechs Jahrhunderte später eroberte König Ferdinand IV. Gibraltar im Jahre 1309 zurück. Aus Dank gegen Gott traf er eine bedeutsame Entscheidung: feierlich weihte er den gesamten Kontinent Europa der Mutter des Herrn mit dem Titel: Our Lady of Europe. Sein nächster Schritt: er wandelte die Moschee in ein Marienheiligtum. 24 Jahre später eroberten die Mauren Gibraltar erneut und wandelten die Kirche wieder in eine Moschee um. Erst im Jahr 1462 gewann Ferdinands Enkel Heinrich IV. Gibraltar in einem entschlossenen Feldzug zurück, erneuerte die Verehrung Unserer Lieben Frau von Europa und machte aus der Moschee wieder eine Kirche. Da die Statue der Muttergottes nicht mehr gefunden wurde, ließ er eine neue anfertigen Bild oben Mitte, die bis heute an diesem Ort von den Pilgern verehrt wird.
   Wegen der Bedeutung Gibraltars als Brücke zwischen Afrika und Europa mussten die Bürger in den folgenden Jahrhunderten noch viele Agressionen erdulden. Am schlimmsten wüteten die britischen Truppen nach den Spanischen Erbfolgekriegen: im Jahre 1704 wurde Gibraltar britisch. Die Soldaten, die seit Monaten keinen Sold erhalten hatten, raubten und plünderten rund um den Felsen, zerstörten die Wallfahrtskirche und warfen die Statue der Muttergottes ins Meer. Spanier retteten die zerbrochene Statue  und brachten sie nach Spanien, restaurierten sie und stellten sie in Algeciras, gegenüber von Gibraltar auf, wo sie bis zum 1864 verehrt wurde. In diesem Jahr brachte sie Bischof John Scandella nach Gibraltar zurück. Die Geschichte dieses Wallfahrtsortes liest sich wie ein Drehbuch zu einem Film: im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche zu einem Warenhaus für die Armee umgewandelt.  Erst 1961 wurde die Kirche vom Militär wieder freigegeben. Die Restaurierung mit Unterstützung der Europäischen Union und der Regierung von Gibraltar dauerte bis 1994 und seither kommen wieder viele Pilger zu diesem Ort des Gebets - mit dem Blick auf das Atlasgebirge in Nordafrika.
   In seiner Botschaft zur Wiedereinweihung 1997 schrieb Papst Johannes Paul II.: “Das Christentum ist nicht nur Teil der europäischen Kultur, es ist die geistige Form der Europäer, sich den universalen Fragen zu stellen ... dieses Heiligtum wird Europa helfen, das christliche Erbe in Erinnerung zu rufen und die Beter zu ermutigen, die Zukunft Europas auf dieses solide Fundament zu stellen.” Bischof Caruana, der weder der spanischen noch der englischen Kirche zugeordnet, sondern direkt Rom unterstellt ist, sagt:  “Viele spanische Besucher kommen nach hier und beten an diesem Wallfahrtsort”.

isl-gBurka-x     Hilflos in Spanien

Immer häufiger erlebt Spanien heftige Auseinandersetzungen
zwischen radikalen und gut integrierten Muslimen.

   Fatima Ghailan wollten marokkanische Landsleute ihr spanisches Haus in der katalanischen Gemeinde Cunit anzünden, weil sie keinen Schleier trug. Saada Zarahoui wurde in der kleinen Stadt Socuellamos in der Provinz Madrid von einem ebenfalls marokkanischen Ehepaar mit Faustschlägen traktiert, weil auch sie kein Kopftuch tragen wollte.Mohammed Kamal Mostafa, Imam im andalusischen Fuengirola bei Malaga, musste ins Gefängnis, weil er einen Leitfaden unter dem Titel „Die Frau im Islam" verfasst hatte, in welchem er detailliert schilderte, wie man am besten seine Ehefrau verprügelt, „ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen".
   Mit der Einwanderungswelle des vergangenen Jahrzehnts - allein die Zahl der überwiegend aus Nord- afrika nach Spanien gekommenen Muslime wurde zuletzt mit 1.064.904 angegeben - häufen sich auch die Streitigkeiten innerhalb dieser Gruppe. Ziel der Angriffe sind oft Frauen, die sich besonders gut in der neuen Heimat integriert zu haben scheinen. Diese, oft als schamlose „Ungläubige" beschimpften Mus- liminnen, müssen sich der Grobheiten von Fundamentalisten erwehren, die ihre Nachbarn sind und mit deren Kindern ihre eigenen zur Schule gehen. Die lokalen Behörden sind den Opfern manchmal keine große Hilfe. Sie sähen die schleierlosen Mitglieder einer anderen Glaubensgemeinschaft lieber anders- wohin ziehen.
   Das zeigt das Beispiel der 31 Jahre alten Fatima Ghailan, die in Cunit so fest verwurzelt schien, dass sie in der Stadtverwaltung einen Posten als „Kulturvermittlerin" erhielt. Das ging jedoch nur so lange gut, wie sie dem machtbewussten lokalen Imam Mohammed Benbraim nicht in die Quere kam. Es waren wohl eher persönliche als religiöse Differenzen, die zur Auseinandersetzung führten. Ausgetragen wurden sie aber unter dem Vorwurf mangelnden Respekts vor islamischen Traditionen. Das Kopftuch war dann der Casus belli.
   Frau Ghailan hat Anzeige gegen den Imam wegen Bedrohung, Nötigung und Verleumdung erstattet. Der Zeitung „El Pais" sagte sie, die Pressionen hätten mit Schimpfworten auf offener Straße, anonymen Anrufen auf Arabisch und der Drohung begonnen, ihr Haus in Brand zu stecken. Der Imam, für den die Staatsanwaltschaft fünf Jahre Gefängnis beantragte, soll in seiner radikalen Umgebung das Signal zur Verfolgung gegeben haben. Dieses reichte von dem Versuch, Frau Ghailans Mann dazu zu bringen, dass sie ihren Posten aufgebe, bis zu einer Unterschriftensammlung der Frau des Imams mit dem gleichen Ziel. Während sie sich, wie sie sagt, gelegentlich vor wütenden Attacken in eine Gastsstätte oder ein Ge- schäft flüchten musste, wurden auch ihre Kinder von den Mitschülern „Ungläubige" gescholten und isoliert. Das Ramadan-Essen hätten sie deshalb einmal alleine auf der Schultoilette eingenommen.
   Den angeblich wohlmeinenden Ratschlägen der sozialistischen Bürgermeisterin Judit Alberich, ihre Anzeige gegen den Imam und einige andere Mitglieder der Islamischen Vereinigung von Cunit doch zurückzuziehen, weil sie damit zu einem „Problem für das Rathaus" geworden sei, lehnte Frau Ghailan ab. Die Publizität ihres Falles mag sie einstweilen noch vor einer Kündigung schützen.Man hat ihr aber schon, wie sie versichert, gesagt, dass wenn sie die Stadt verlassen wolle, man ihr „die Dinge erleichtern" werde. Während ein Prozesstermin noch auf sich warten lässt, hat ein Richter dem Imam nun immerhin verboten, sich der Frau und ihren Kindern zu nähern.
   Auch in Socuellamos, wo Bürgermeister Sebastian Garcia die Schläge für Saada Zarahoui verurteilte, schien das vorrangige Interesse darin zu liegen, abzuwiegeln, anstatt den Zwischenfall vor Gericht eskalieren zu lassen. Der Frau, die wenige Tage nach der Prügelei zum Zweiten Mal in das städtische Spital musste, weil sie eine Fehlgeburt hatte, wurde auch von ihrem Mann geraten, ihre Anzeige zurück- zuziehen. Er sagte später: „Sie hat den Aggressoren verziehen. Denn auf jeden Fall wird Allah sie be- strafen."
   Im Fall des Imams von Fuengirola war es indes der Gerichtshof von Barcelona, der ihn vor wenigen Jahren für sein Prügelbuch zu 15 Monaten Gefängnis verurteilte. Das Gericht sah darin eine „frontale Attacke gegen das Recht und die physische und moralische Integrität" der Frauen. Die Anklage hatte zum Beleg Sätze wie diesen zitiert: „Die Schläge sollen auf konkrete Körperteile, wie die Füße und die Hände, verabreicht werden. Dafür sollte man am besten eine feine leichte Rute benutzen, die keine Narben oder blauen Flecken hinterlässt."
   Mohammed Kamal Mostafa kam am Ende aber glimpflich davon. Weil er keine „öffentliche Gefahr" dar- stelle, wurde er nach nur 20 Tagen Haft entlassen. Sie seien ihm, so sagte er, wie „spirituelle Exerzitien" vorgekommen. Er kam inzwischen auch einer richterlichen Auflage nach, einen Sensibilisierungskurs in spanischem Recht und den internationalen Menschenrechten zu absolvieren. Sein Lehrer, ein Jura- professor aus Malaga, nannte das Resultat ein rundherum „positives Bildungserlebnis". Auch der nach seiner Aussage geläuterte Imam zeigte sich „sehr zufrieden". Die Vorlesungen über die Situation der Frau im Islam und im spanischen Strafgesetzbuch hätten sein „Leben bereichert". FAZ100215LeoWieland

   Als „pädagogische Maßnahme“ hat die Regierung in Malaysia eine Prügelstrafe für Frauen verteidigt. Nach islamischem Verständnis gehe es nicht um Bestrafung der Frauen, sondern darum, die Betroffenen zu „erziehen“ und zur „Reue zu bewegen“. Das sagte der stellvertretende Premierminister Muhyiddin Yassin am Freitag. In dem südostasiatischen Staat sorgt derzeit ein Fall für Schlagzeilen, nach dem drei Frauen wegen vorehelichen Geschlechtsverkehrs mit Prügel bestraft wurden. Die Frauen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren waren in einem Gefängnis in Kajang mit je sechs Stockhieben geschlagen worden. Es war das erste Mal in der Geschichte des modernen Malaysia, dass die Prügelstrafe an Frauen vollzogen wurde. Familienministerin Shahrizat Abdul Jalil betonte, die an den drei Frauen vollzogene Prügelstrafe stehe im Einklang mit dem islamischen Recht, der Sharia. rv100219kipa

Kardinal Kasper mit Patriarch Alexej   tn_Kasper.Alexis_psd

Die Politik berücksichtigt bei der EU-Erweiterung nicht die religiöse Dimension, kritisiert Kardinal Kasper

  Der ökumenische Dialog mit der Orthodoxie hat nach Ansicht des deutschen Kurienkardinals Walter Kasper bei der Osterweiterung Europas einen hohen Stellenwert. Wenn es nicht gelinge, die orthodoxe Kirche „mit ins Boot zu bringen, ist die Integration von Ost- und Westeuropa nicht möglich”, sagte der Präsident des Päpstlichen Rats für die Einheit der Christen vor Journalisten in Stuttgart. Der Kardinal kritisierte, dass manche Politiker nur die wirtschaftliche Seite der Erweiterung der Europäischen Union sähen und die kulturelle und religiöse Dimensionen nicht berücksichtigten.
   Weiter forderte Kasper dazu auf, sehr genau zwischen Islam und radikalem Islamismus, der die Religion missbrauche, zu unterscheiden. Zugleich verwies er auf bestehende Unterschiede zwischen Christentum und Islam. Beide Weltreligionen hätten manches gemeinsam, doch seien die Unterschiede nicht zu übersehen. So sei dem Islam die Begegnung mit der modernen Welt, etwa mit der Religionsfreiheit, noch nicht gelungen. Diese Begegnung werde zum Teil auch verweigert. Dabei gebe es aber keine Alternative zum Dialog, so der Kardinal, der hierbei die Initiative der Deutschen Islamkonferenz begrüßte. Der Westen müsse seine eigene Kultur achten, sagte Kasper. DTkna061004

Kasper warnt vor Selbstverleugnung
   Der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper hat die Europäer vor „einer kulturellen wie religiösen Selbst- verleugnung” gewarnt. Das Kreuz abzuhängen, es auf den privaten Raum zu beschränken oder es zu verstecken komme „einer Kapitulation gleich”, schrieb der Geistliche in der Zeitschrift „Focus”. Damit „werden wir nicht Achtung, sondern Verachtung der Andersgläubigen ernten”, so Kasper.
   Anlass für die Äußerungen des zweitwichtigsten Deutschen im Vatikan nach Papst Benedikt XVI. sind die jüngsten Auseinandersetzungen um christliche Symbole. In einer oberbayerischen Schule war auf Elternprotest hin ein Holz-Kruzifix mit einer Jesus-Figur durch bunte afrikanische Kreuze ersetzt worden. In Mailand hätten aus Rücksicht auf Muslime 40 Prozent der Kindergärten auf Weihnachtskrippen ver- zichtet. Und in Bozen hätten Kindergärtnerinnen versucht, Weihnachtslieder mit Jesus-Bezug zu verbieten. „Wir sitzen gegenwärtig einem falschen, um nicht zu sagen: einem schwächlichen und feigen Verständnis von Toleranz auf”,kommentiert Kardinal Kasper die aktuellen Fälle. Toleranz bedeute„Respekt und Achtung vor der Überzeugung anderer, nicht Verzicht auf die eigene Überzeugung”.
   In dem Beitrag verteidigte Kasper außerdem die heftig umstrittenen Äußerungen des Kölner Kardinals Joachim Meisner zu multireligiösen Feiern. Mit Muslimen oder anderen Nicht-Christen gemeinsam beten und Gottesdienst feiern zu wollen sei „nicht möglich”, sagte Kasper, der auch „Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen” ist. „Die Vermischung verschiedener Religionen ist nicht Achtung, sondern Missachtung des anderen. Sie verleugnet nicht nur den eigenen Glauben, sondern ver- anlasst auch den anderen, seinen Glauben zu verleugnen”, schrieb Kardinal Kasper in seinem Beitrag.
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Frankreich: Trennung von Staat und Religion

   Am 9. Dezember 1905 wurde in Frankreich die radikale Trennung zwischen Staat und Kirche gesetzlich vollzogen. Vor 100 Jahren wurde beschlossen, den Religionsgemeinschaften die staatliche Unterstützung zu entziehen und sie aus den öffentlichen Einrichtungen auszuschließen. Seither gibt es an öffentlichen Schulen keinen Religionsunterricht mehr, und die vor 1905 gebauten Kirchen gingen in öffentliches Eigentum über, das die „Kultvereinigungen” nutzen können. Der Ausschluss der Kirche aus dem Erzie- hungswesen Frankreichs, der bis heute Wirkung zeigt, erklärt sich aus der „laicité”. Dieser Begriff um- fasst das ganze französische Selbstverständnis und ist doch kaum ins Deutsche zu übersetzen. Er enthält eine Botschaft an uns alle.
   Um diese zu verstehen, muss man freilich in die Geschichte der französischen Sprache und Kultur eintauchen. Ein „laic” ist etwas anderes als ein „Laie”, und ein „Etat laic” ist alles andere als ein „Laien- staat”. Im katholisch geprägten Frankreich hat der Laie eine antiklerikale Gestalt angenommen. So ist die „laicité” zu einem Kampfbegriff gegen den Einfluss der Kirche im Staat und verlangt eine konsequente Trennung von Staat und Religion.
  Wie weit diese Vorstellungen reichen, hat der Streit um die Präambel des europäischen Verfassungs- werks gezeigt. Während die Deutschen eine Erwähnung auch der religiösen Wurzeln des europäischen Kulturerbes wünschten und einen ausdrücklichen „Gottesbezug” im Text fixiert sehen wollten, lehnten die Franzosen diese Formulierungen ab und sprachen sich für eine Beschränkung auf das geistig-kulturelle Erbe aus. Gott gehört für sie nicht in die Verfassung.
   Am deutlichsten kommt die laizistische Prägung Frankreichs im Schulwesen zum Ausdruck. Hier gibt es keinen vom Staat gesicherten Religionsunterricht; nur in konfessionellen Privatschulen sind Glaubens- lehren zugelassen. Auch Kruzifixe finden sich nicht in öffentlichen Schulen.
   Seit einigen Jahren aber kommt Bewegung in die französischen Debatten über den Platz der Religionen in der Gesellschaft. Seit der Islam zur zweitstärksten Glaubensgemeinschaft im Lande geworden ist, lässt sich die Beachtung der Glaubenswirklichkeiten nicht mehr verdrängen; der Ruf nach einer Revision des radikalen Laizismus wird lauter.  HAZR.vThadden051209

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Christen in der Türkei

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Foto oben: Erinnerung an Zeiten friedlicher Koexistenz: Bis 1923 diente diese Gebetsstätte
in der Provinz Aksaray in Zentralanatolien als Kirche und Moschee.

Beten im Verborgenen – für Freiheit in der Türkei. Türkische Christen und Juden hoffen auf Europa.
Doch die Diskriminierung der Minderheiten ist eins der größten Hindernissen auf dem Weg in die EU.

  Ein Schild am Hauptportal weist das geheimnisvolle Gebäude als „Ambassade de France, Cancellerie” aus. Für Außenstehende scheint es wirklich nur eine Kanzlei der französischen Botschaft zu sein, Wer aber durch den Seiteneingang ins Obergeschoss steigt, erkennt darin das architektonische Versteck einer christlichen Kirche, den Mittelgang hinter einer schlichten Flügeltür, die bunten Glasfenster mit sakralen Motiven von außen unsichtbar hinter blindem Sicherheitsglas verborgen.
   Das Bauwerk in einer ruhigen Altstadtgasse Ankaras ist Stein gewordener Ausdruck des türkischen Umgangs mit Minderheiten - und zugleich Monument von deren Selbstbehauptungswillen: Seit 1928, als dieses Kirchenversteck geweiht wurde, kommen Christen hierher zu einem Gottesdienst, den man jahrzehntelang nur in aller Stille feierte. Und auch heute, da hier der deutsche Geistliche Felix Körner die Messe liest, weist allein ein winziges Türschild darauf hin, dass sich hier eine „Kilisesi”, eine Kirche also, befindet. „Wir leben damit”, sagt der Jesuitenpater. „Es ist wichtig, dass wir hier sind - nicht nur für die Christen, die ich hier betreue.”
   Die Zurückhaltung, die der 42-Jährige sich und seiner nur noch winzigen Gemeinde auferlegt, teilt er mit den anderen christlichen Kirchen und auch mit den jüdischen Gemeinden in der Türkei. Denn von Religionsfreiheit, die auch die Türkei in ihrer Verfassung garantiert, kann im Alltag noch kaum die Rede sein. Selbst den Moslems schreibt das Amt für Religiöse Angelegenheiten in Ankara die Islam- Auslegung vor. Nichtmuslime können ihre Religion zwar individuell, kollektiv aber nur erschwert ausüben - vor allem die Errichtung von Gotteshäusern ist bis heute mit Hindernissen verbunden.
   Bizarr ist die von Ankara verordnete religiöse Monokultur besonders angesichts der ursprünglichen Vielfalt dieses Landes, das seit Jahrtausenden ein Kreuzweg der Kulturen ist: Im Südosten liegt Urfa, der Geburtsort Abrahams, den Juden, Christen und - als „Ibrahim” - auch Moslems verehren; im Osten ragt der Berg Ararat 5137 Meter hoch,  auf dem Noahs Arche nach der Sintflut gelandet sein soll. Ins zentralanatolische Kappadokien sind die ersten Christen aus dem Heiligen Land vor römischen Legio- nären geflüchtet, im Westen ist die orthodoxe Christenheit entstanden. Noch 1923, im Gründungsjahr der modernen türkischen Republik, gab es in der dünn besiedelten Provinz manches Gotteshaus, das - sowohl mit Kirchturm und Kreuz als auch Minarett und Halbmond ausgestattet - Christen wie Moslems zur geistlichen Einkehr diente.
   Aber dann wurde die bunte Vielfalt des Osmanischen Reiches weitgehend beseitigt: Türkische Muslime wurden aus dem griechischen Westthrakien, griechische Orthodoxe aus Anatolien umgesiedelt, zahllose Christen und Juden wanderten ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina aus, Armenier wurden zu Hunderttausenden auf Todesmärsche in die syrische Wüste geschickt.
   Dahinter steckte der Wahn, die Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches nur als ethnisch und reli- giös „reine” Nationen befrieden zu können. Im Hintergrund schwelt bis heute das osmanische Zer- fallstrauma, das religiöse und ethnische Minderheiten als Staatsfeinde verdächtigt.
   Auch heute leben in der Türkei zwar mehr als 47 ethnische Gruppen, aber die wenigsten davon ver- stehen sich offen als nichtmuslimisch. Denn wer sich als armenischer oder griechischer Christ zu er- kennen gibt, hat keine Chance auf eine Beamtenlaufbahn und läuft Gefahr, als staatsfeindlicher Separ- atist verdächtigt zu werden. Seelsorger wie der evangelische Pfarrer Holger Nollmann von der deutsch- sprachigen Evangelischen Gemeinde in Istanbul oder Jesuitenpater Körner arbeiten offiziell als An- gestellte der Deutschen Botschaft. Ohne diesen diplomatischen Schutz sind die Minderheiten staatlicher Willkür ausgeliefert. „Wer kann, verlässt das Land”, sagt Pater Körner.
   Dass die jüdischen Gemeinden, die allein in Istanbul über 18 Synagogen verfügen, seit den sechziger Jahren keine Rabbinerausbildung mehr im Lande haben, mag noch zu verschmerzen sein. Dass der Griechisch-Orthodoxen Kirche die eigene Priesterausbildung verwehrt ist, trifft sie dagegen ins Mark. Denn deren Oberhaupt Bartolomaios I., geistlicher Führer von 15 Millionen Griechisch-Orthodoxen in aller Welt, führt immerhin den Titel „Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel”. Seine Kirche ist an den Amtssitz Istanbul gebunden, doch ihre künftigen Priester müssen außerhalb des Landes studieren. „Es ist unerträglich, dass das Patriarchat nicht eigene Priester ausbilden kann”, sagt der 65-jährige Barto- lomaios I., der selbst in Rom und München studiert hat. „Dabei sind unsere Absolventen stets die besten Botschafter einer weltoffenen Türkei gewesen.” Seit mehr als 1700 Jahren existiert das Patriarchat an Istanbuls Goldenem Horn, doch seit 1923 ist es keine eigene Rechtspersönlichkeit mehr. Seither wurden kirchliche Schulen, Altenheime und Krankenhäuser sowie das Priesterseminar auf der Ägäisinsel Halki geschlossen - 1971, als die griechisch-türkische Krise auf ihren Höhepunkt zusteuerte. „Wir hören immer wieder, dass es wieder eröffnet werden soll, aber bislang warten wir vergebens.” Der orthodoxe Pater Dositeos Anagnostopulos weiß von einem Be- such von Premier Recep Tayyip Erdogan am Goldenen Horn zu berichten.  „Katholiken und Orthodoxe gelten als sehr geduldig”, soll der türkische Regierungschef da nach 33 Minuten Unterredung mit dem Patriarchen gesagt - und hinzugefügt haben: „Nun, diese Tugend wird weiter vonnöten sein.”
   Zwar hat es im Rahmen der EU-Annäherung seit 2003 einige gesetzliche Erleichterungen gegeben, aber nicht nur die Orthodoxen müssen sich weiter in Geduld üben. Auch die Zulassung religiöser Stif- tungen - nötig beispielsweise für den Bau von Kirchen für die mittlerweile Zehntausende umfassende deutsche Gemeinde Alanya an der türkischen Riviera - ist immer noch vom Gutdünken eines staatlichen Direktorats abhängig.
   Ironie der Geschichte: Dieselben Minderheitenvertreter, die mit ihren Beispielen von Diskriminierung Argumente gegen die türkische EU-Reife vortragen, setzen  zugleich auf nichts so sehnlich wie auf die EU-Annäherung der Türkei - in der Hoffnung, dass damit der Reformdruck auf die Regierung in Ankara wächst. Und dieselben Leute, die Klagen über Diskriminierung vortragen, sehen zugleich Chancen für einen Wandel zum Guten.
   Pater Körner zum Beispiel führt neben seiner Gemeindearbeit einen anspruchsvollen Dialog mit dem Islam - zusammen mit Religions-Wissenschaftlern mehrerer türkischer Universitäten. „Da geht es darum, Vorurteile aus den Köpfen zu bekommen,  sich über historisch-kritische Lesarten von Bibel und Koran zu einigen und auf dieser Grundlage ein neues wechselseitiges Verständnis zu schaffen.”
   Dabei wirkt sich der türkische Zentralismus positiv aus: Weil Körner die Dialoge zwischen dem Katholizismus und dem Islam zusammen mit dem Amt für Religiöse Angelegenheiten vermittelt, kann der neue Konsens auch in die Lehrerausbildung und damit in alle Schulen der Türkei vordringen. „Hier wachsen die Keime eines modernen, intellektuellen Islam, der durchaus mit westlicher Demokratie vereinbar ist”, sagt Körner. „Da tut sich viel mehr als öffentlich wahrgenommen wird: Es existiert eine avantgardistische Linie im Islam - und an deren Freilegung mitzuarbeiten, ist total faszinierend.” DanielAlexanderSchachtHAZ050719

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Ein Muslim für Christen - Die Kirche St. Paul in Tarsus in der Türkei soll wieder Kirche sein

   Wenn in der Türkei eine alte Kirche restauriert wird, freuen sich vor allem die Anwohner: Bewerbt euch um den Job als Museumswärter, denn einen Geistlichen wird es dort nicht mehr geben, heißt es dann zu Recht. Denn Kirchen, die auf Kosten des türkischen Staates restauriert werden und danach wieder als christliche Gotteshäuser dienen, gibt es in der Türkei nicht. Die wieder hergerichteten Gebäude dürfen nur noch Museum sein, und das Feiern von Gottesdiensten wird nur in Ausnahmefällen gewährt. Doch das könnte sich nun ändern.
   Ausgerechnet Ali Bardakoglu Foto oben, der Leiter der Religionsbehörde Diyanet, über die der türkische Staat die mehr als 76.000 Moscheen und Imame im Land dirigiert, setzt sich für die ganzjährige religiöse Nutzung einer Kirche ein: St. Paul im südtürkischen Tarsus Foto oben links: Innenansicht müsse wieder eine richtige Kirche werden, sagte Bardakoglu der türkischen Zeitung „Milliyet". Bei Reisen im Ausland könne er nicht erklären, wieso das Gebäude weiterhin ein Museum sei. „Ich finde es angemessener, wenn St. Paul wieder als Kirche dient und nicht weiter als Museum. Den Christen geht das genauso."
  Tatsächlich hatten Kurienkardinäle und Bischöfe aus zahlreichen Ländern die Türkei mehrfach dazu auf- gefordert, die Kirche im Geburtsort des Apostels Paulus wieder für Gottesdienste zu öffnen - während des Paulusjahres 2009 war sie vorübergehend dafür frei gegeben worden. Kaum ein Christ in der Türkei hatte jedoch damit gerechnet, dass die Diyanet für sie Partei ergreift. Das Verhältnis zwischen Ali Bar- dakoglu und dem Vatikan war lange angespannt: Als erster muslimischer Würdenträger kritisierte er im September 2006 Papst Benedikt XVI. und dessen Regensburger Rede als Ausdruck einer „Kreuzfahrer- mentalität". Zudem hat sich die Lage der religiösen Minderheiten in der Türkei nach dem Schweizer Minarettverbot verschlechtert: Türkische Nationalisten nutzten den Volksentscheid als Argument gegen die Forderungen türkischer Christen - warum solle man den Bau von Kirchen zulassen, wenn Muslimen in Europa der Bau von Minaretten nicht gestattet werde?
   Doch genau an die nationalistischen Scharfmacher, die zudem gern mit dem Klischee von Christen als ausländischen Spionen zündeln, wandte sich Bardakoglu in dem Interview - wenn auch nur indirekt: Natürlich sei es beunruhigend, dass es in Europa ein Minarettverbot gebe. Auf der ganzen Welt habe die religiöse Toleranz möglicherweise nachgelassen. Doch gerade deshalb sei es wichtig, die Religionsfreiheit im eigenen Land zu stärken und nicht länger mit der Sicherheit dagegen zu argumentieren. „Wenn ein Ort für Christen heilig ist und sie dort Gottesdienste abhalten möchten, dann kann es keine Argumente geben, die ein Verbot rechtfertigen", sagte Bardakoglu. Den Islam verstehe er als eine Religion, die durch das Wort und die Vernunft überzeugen müsse.
   Die Türkei zählt heute etwa hunderttausend Christen. Tagtäglich sind sie mit Schwierigkeiten kon- frontiert. Der Staat erkennt nicht die Rechtstitel an, die der osmanische Sultan den Kirchen verliehen hatte; ihre Geistlichen dürfen nicht in der Türkei ausgebildet werden und erhalten in der Regel weder eine Arbeitserlaubnis noch die türkische Staatsbürgerschaft. Die Gemeinden sind Vereine, Stiftungen oder Aktiengesellschaften, denen die Grundstücke, auf denen ihre Kirchen stehen, nur selten gehören. Die Kirche St. Paul wurde im Jahr 1943 vom türkischen Staat beschlagnahmt und danach als Militärlager genutzt. Sie verfiel zur Ruine, bis sie im Jahr 2000 als Museum wiederhergerichtet wurde. Seitdem kostet der Besuch Eintritt. Noch hängt am Eingang des Baus ein Spruchband, das verkündet, wie wichtig Museen für die Gegenwart und Zukunft der Türkei sind. Ob es dorl bleiben wird, entscheidet nun Ankara.
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Der Chef des staatlichen Religionsamtes hat sich erneut für eine Umwandlung der Paulus-Kirche in Tarsus zum Gotteshaus ausgesprochen.„Ich finde es korrekter, wenn die Sankt-Paulus-Kirche als Gotteshaus dient und nicht in ihrer derzeitigen Rolle als Museum“, sagte Ali Bardakoglu laut türkischen Presse- berichten. Wenn ein Ort für Christen heilig sei und sie dort religiöse Zeremonien abhalten wollten, „dann kann es keinen Grund geben, dies zu verbieten“, so der Religionswächter weiter. Die katholische Kirche fordert seit langem die Rückwandlung der Paulus-Kirche in ein Gotteshaus. Bisher war der Bau aber nur während des Paulus-Jahres 2008/2009 für Gottesdienste geöffnet. Für eine dauerhafte Zulassung als Kirche gibt es keine Genehmigung der türkischen Behörden.RV100824 Lesen Sie weiter > Kirche im Islam

Nicht alle Türken sind Türken. Wieder gelten nichtmuslimische Minderheiten als „Ausländer”

   Nun wissen es die nichtmuslimischen Türken auch von der obersten Institution ihres Staats: Selbst wenn sie türkische Staatsbürger sind, gelten sie als „Ausländer”. Staatspräsident Sezer sieht sich zwar als die stärkste Bastion für den säkularen Charakter der Republik. Auch sein Apparat unterscheidet aber zwischen muslimischen Türken und nichtmuslimischen Ausländern. Den Bericht, den Sezers „Kontrollrat” nun veröffentlicht hat, nennt die Anwältin Kezban Hatemi daher einen „Skandal”. Ihre Kollegin Fethiye Cetin will es nicht fassen, dass der türkische Staat seine nichtmuslimischen Staatsbürger zu „Aus- ländern” erklärt.
   Man habe nicht erwartet, dass der Bericht so aufgenommen werde, sagte ein Mitglied des Kontrollrats etwas verstört der Zeitung „Vatan”. Eine gezielte Provokation ist der Bericht wohl nicht. In der Behandlung der nichtmuslimischen Türken legt er aber das im Unterbewussten verborgene Denken offen. Der Bericht untersucht, so sein Titel, den Erwerb von Immobilien durch „natürliche Personen aus- ändischer Staatszugehörigkeit und durch im Ausland gegründete juristische Personen”. Nicht deren Immobilienerwerb sei aber das eigentliche Thema, schreibt der Publizist Eser Karakas in der Zeitung „Zaman” verbittert. Vielmehr die Behandlung der Staatsbürgerschaft durch die oberste Institution des türkischen Staats.
   Denn in einem Teil nimmt der Kontrollrat auch den Immobilienbesitz der nichtmuslimischen Stiftun- gen kritisch unter die Lupe. Nur als Stiftungen können sich die Kirchen der griechisch-orthodoxen, der armenischen und der syrisch-orthodoxen Christen organisieren, der Chaldäer und der Maroniten, aber auch die Synagogen der sephardischen und aschkenasischen Juden. Die Mitglieder ihrer Verwaltungs- räte haben türkische Staatsbürger zu sein. Und doch behandelt auch der Kontrollrat sie wieder als „Ausländer”.
   Die türkische Staatsbürgerschaftspraxis leidet schon lange an diesem Spagat. Zwar formuliert die Verfassung in Artikel 66: „Jeder ist Türke, den das Band der Staatsangehörigkeit mit dem türkischen Staat verbindet.” In Wirklichkeit aber ist Türke, wen der türkische Staat mit der Staatsangehörigkeit an sich bindet. Richtungweisend war dazu das Urteil des Kassationshofs vom 8. Mai 1974. In jenem untersagte er den Stiftungen der nichtmuslimischen Minderheiten jeglichen Immobilienerwerb, nicht aber den frommen Stiftungen der Muslime. Als Grund nannten die Richter, dass die Nichtmuslime ja keine Türken seien, sondern Ausländer. Dabei sind die beiden wichtigsten Kirchenführer, der ökumenische Patriarch Bartholomaios I. und der armenische Patriarch Mesrob II., türkische Staatsbürger, die in der Türkei geboren sind.
   Das Urteil des Kassationshofs hatte eine beispiellose Welle von Enteignungen verursacht. Sie ist erst in den vergangenen Jahren nahezu zum Stillstand gekommen. Ein neues Stiftungsgesetz, das den Besitz und Erwerb von Immobilien  durch nichtmuslimische Minderheiten garantieren soll, liegt weiter im Parla- ment. Die Befürworter des Urteils begründen ihre Haltung mit dem Friedensvertrag von Lausanne von 1923. Der hatte den nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften den Status von Minderheiten gewährt und auch Rechte, die die Republik den Minderheiten bis heute vorenthält. Die „laizistische Republik Türkei” habe es noch immer nicht begriffen, dass alle ihre Bürger Staatsbürger mit den gleichen Rechten seien, bedauert der armenische Intellektuelle Etyen Mahcupyan.
   Der Politikwissenschaftler Baskin Oran erklärt die Einstellung gegenüber den nichtmuslimischen Minderheiten mit der Kontinuität des Denkens vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei. Die Osma- nen hatten mit dem „Millet-System” regiert; ein „Millet” war eine konfessionell definierte „Nationalität”. Der herrschenden Millet (milleti hakime) der Muslime unterstanden die beherrschten Millets (milleti mahkume). Nach Oran hat die Republik das herrschende Millet lediglich auf säkulare, sunnitische Türken reduziert. Der jüngste Bericht des „Kontrollrats des Staatspräsidenten” zeigt, dass der Gleichheits- grundsatz des Artikels 66 der türkischen Verfassung noch immer nicht in den Köpfen jener angekommen ist, die an der Spitze des Staats stehen. RainerHermannFAZ060904

Nur 0,15 Prozent Christen in der Türkei

  Von den mehr als 70 Millionen Türken sind etwa 0,15 Prozent Christen, die übrigen sind Muslime. Größte christliche Minderheit sind die Armenier mit etwa 65.000 Gläubigen. Im Jahr 1915 deportierte das Osmanische Reich die christlichen Armenier aus Ostanatolien, etwa 1,5 Millionen Personen kamen dabei ums Leben. In der Türkei ist der Massenmord bis heute tabu, schon seine Erwähnung kann bestraft werden. Dass sich dies ändert, ist für viele europäische Regierungen ein Prüfstein für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei.
   Von den griechisch-orthodoxen Christen - allein in Istanbul waren es zur Mitte des vergangenen Jahr- hunderts  noch  mehr  als  100.000  -  sind noch 2.000 übrig. Von den 200.000 syrisch-orthodoxen und syrisch-katholischen Christen, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts noch im Osten des Landes lebten, sind heute an der Grenze zu Syrien und dem Irak 2.000 geblieben. Seit dem Zusam- menbruch des Osmanischen Reichs und der Staatsgründung der Türkei durch Mustafa Kemal „Atatürk” im Jahr 1923 versteht sich das Land als laizistische Republik nach fran- zösischem Vorbild. Der Vertrag von Lausanne (1923),  auf den sich die Türkei noch heute beruft, schützt nur solche „minorites non- musulmannes”, die zur Zeit des Osmanischen Reichs als religiös und ethnisch definierte „millet” galten. Das waren Juden, Griechen und Armenier. Nicht unter die Schutzbestimmungen des Lausanner Vetrages fallen etwa die römisch-katholischen und evangelischen Christen; sie durften bislang auch keine Gemeinden bilden. Artikel 24 der türkischen Ver- fassung von 1982 bestimmt nämlich die Glaubensfreiheit laizistisch als Individualrecht, nicht als kollektives Recht von Religionsgemeinschaften. Die römisch- katholische Kirche in der Türkei - ihr gehören fast nur Ausländer an - hat so keinen sicheren Rechtsstatus. Die katholische Bischofs- konferenz ist eine religiöse Stiftung nach türkischem Recht. Das Recht etwa auf Erwerb von Eigentum ist ihr versagt.
   Nicht sunnitische Religionsgemeinschaften sind in der Praxis nur geduldet und wurden vielfach be- nachteiligt. Dass die Leiter der katholischen und evangelischen deutschsprachigen Gemeinden in Istanbul Gottesdienste feiern können, verdanken sie nicht einem Rechtsanspruch als religiöse Gemeinschaft oder ihrem Status als Geistliche, sondern der Tatsache, dass sie in Absprache mit den türkischen Behörden auf der Diplomatenliste des deutschen Generalkonsulats geführt werden. Die Mehrheitsreligion der Türkei, der sunnitische Islam, wird vom Staat verwaltet, vom „Diyanet Isleri Baskanligi”, dem „Präsidium für Religionsangelegenheiten”. Ihm unterstehen die 75.000 Moscheen des Landes.  Der Staat bezahlt über das Präsidium auch die knapp 100.000 Imame und Muezzine, regelt ihre Ausbildung, baut und erhält die Moscheen. Er ist auch zuständig für den sunnitisch geprägten Religionsunterricht an den Schulen. Das „Präsidium” entsendet auch die knapp 500 Imame an die Moscheen der türkischen Muslime in Deutschland.
   In der Türkei werden bei den traditionellen Verfechtern des kemalistischen Laizismus nun Befürch- tungen laut, wenn man ausländischen religiösen Gemeinschaften die Bildung unabhängiger Gemeinden gestatte, könnten dies auch islamistische Fundamentalisten für sich beanspruchen und sich an ihren Moscheen der Überwachung durch das staatliche Diyanetsystem entziehen.
   Dass sich die Lage der christlichen Minderheiten in der Türkei zu bessern beginnt, ist den Reformen unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zu verdanken. Erdogan kam im November 2002 an die Macht, als die Türken bei den Wahlen ihre alte Politikerkaste abschüttelten und Erdogans „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung” (AKP) zum Sieg verhalfen. Ausgerechnet diese islamisch-konservative Partei ist es nun, welche die Türkei mit den Reformen auf den Weg in die Europäische Gemeinschaft führen will. Die gewaltigen Inflationsraten sinken, seit Jahrzehnten zum ersten Mal scheint das Land politisch stabil. Auch das „Präsidium für Religionsangelegenheiten” hat jetzt einen neuen Chef, Ali Bardakoglu von der Marmara-Universität in Istanbul. Er sieht sich als „modernen Muslim” und treibt Neuerungen voran. So sollen in Zukunft die Imame, die nach Deutschland geschickt werden, Absolventen theologischer Fakultäten sein und nicht mehr nur Predigerschulen oder Grundschulen besucht haben. Auch sollen sie Fremdsprachen lernen. Bardakoglu hat anders als die kemalistischen Staatsdoktrinäre vor ihm auch ein offenes Ohr für die Schwierigkeiten der nichtmuslimischen Minderheiten in der Türkei.
   Nicht wenige Beobachter in der Türkei und im Ausland fürchten allerdings, dass die Stunde der alten „kemalistischen” Eliten schlägt, wenn der türkische Wunsch nach Aufnahme von EU-Beitritts Verhand- lungen abschlägig beschieden werden sollte. Dann kehrten die reformfeindlichen Kräfte des Militärs und der Bürokratie zurück an die Macht, und die AKP falle in ihre islamistischen Ursprünge zurück. werFAZ0405x

tn_Erdogan_jpg     Recep Tayyip Erdogan

Begegnung der katholischen Bischöfe mit Erdogan

   Der muslimische Minister Recep Tayyip Erdogan empfing zum ersten Mal die katholischen Bischöfe der Türkei. „Erdogan hat die Bischöfe bei der Begegnung gebeten, den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union zu unterstützen”, weiß der Journalist zu berichten. „Er war sichtlich erfreut, als sie ihm mitteilten, dass ihre Bischofskonferenz bereits dem Rat der Bischofskonferenzen Europas angehört. Er versicherte, dass die Schaffung einer bilateralen Kommission vorgesehen sei, die sich mit der Frage des rechtlichen Status der Kirche befassen wird und kündigte ein Dekret an, mit dem den Assumptionisten-Patres die in der Vergangenheit konfiszierten Gebäude wieder zurückgegeben werden würden.” 30Giorni06/07

Türkei: Grünes Licht für orthodoxe Hochschule

   Die türkische Regierung will die Wiedereröffnung der 1971 geschlossenen griechisch-orthodoxen Theologischen Hochschule auf Chalki erlauben. Bildungsminister Huseyin Celik befürwort die Ausbildungs- freiheit für christliche Theologie. Die einzige kirchliche Hochschule in der Türkei war 1971 auf Anweisung der Behörden geschlossen worden. “Es gibt keinen Grund, sich einer christlichen theologischen Hochschule zu widersetzen, da es 24 theologische Fakultäten für Muslime in unserem Land gibt”, sagte der Minister nach einem Treffen mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. Der Patriarch äußerte sich zufrieden  über die Entscheidung. Der Minister kündigte die Einsetzung einer Kommission an, die sich mit der Abwicklung befassen wird. Chalki war seit Beginn des 19. Jahrhundert eine der be- deutendsten orthodoxen akademischen Institutionen. Im Zuge ihrer Annäherung an die europäische Union hatte die Türkei in den vergangenen Monaten Reformen zur Sicherung der Menschenrechte durchgeführt. So dürfen die nichtislamischen Religionsgemeinschaften - vor allem die christlichen Kirchen - wieder Grundeigentum erwerben. Vor 1914 war das im Osmanischen Reich selbstverständlich gewesen. 1839 war die Rechtsgleichheit der christlichen und muslimischen Bürger erklärt, in der Praxis sah es in den letzten Jahrzehnten aber deutlich anders aus.    cfDT031104

Die Minderheiten verschwinden in der Türkei

   In Istanbul war noch 1950, als in der türkischen Metropole 700.000 Menschen lebten, nur jeder zweite Einwohner ein Moslem. In der heutigen 15-Millionen-Stadt leben nach Angaben der religiösen Minder- heiten nur noch etwa 5.000 Christen verschiedener Konfessionen und nur 2.000 Juden - Folge der jahrzehntelangen Diskriminierung. Die Gesamtzahl der religiösen Minderheiten in der Türkei geben Minder- heitenvertreter heute mit 120.000 Christen und 22.000 Juden an; die jüdischen Gemeinden konzentrieren sich außer in Istanbul auch in Izmir, wo ebenfalls 2.000 Juden leben. Nichtmuslime machen heute weniger als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Ursache für die schwindende Zahl sind Diskrimi- nierungen und Vertreibungen der oft als „Separatisten” verdächtigten Minderheiten. Zu den düstersten Kapiteln dieser Geschichte gehört auch die von den Türken gebilligte Deportation von mehr als 11.000 Juden aus dem türkischen Teil Thrakiens in deutsche Konzentrationslager während des Zweiten Welt- kriegs. dasHAZ050719

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