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Papst Benedikt XVI. betet in Stille an der Klagemauer Der Papst verharrte allein und schweigend vor der wichtigsten religiösen Stätte für die Juden.

Kurz vor zehn Uhr Jerusalemer Zeit: das Gefolge des Papstes kommt über eine Brücke vom Tempelberg direkt hinunter zur Klagemauer hinunter. Es ist heiß vor der „Western Wall“; der Platz, wo sonst Juden beten und singen, ist geräumt und wirkt auf einmal sehr leer, überall sieht man nur Journalisten und Sicherheitsbeamte. Kardinal Bertone und der New Yorker Rabbiner Schneier unter- halten sich angeregt; einige aus dem Papst-Gefolge wirken etwas nervös, alle tragen aus Respekt eine jüdische Kippa auf dem Kopf; zwischen den dicken Steinquadern aus der Zeit des Herodes ruht sich eine graue Taube aus. Benedikt kommt in einer schwarzen Limousine vorgefahren; er steigt aus, begrüßt den Direktor und den Rabbiner dieses heiligen Orts, er lächelt etwas verhalten, geht mit schnellen Schritten. Vor der Klagemauer sind zwei Stehpulte aufgebaut; der Rabbiner der Klagemauer, Shmuel Rabinovich, trägt mit lauter Stimme auf Hebräisch einen Psalm vor. Dann ist Benedikt dran; er setzt sich die Lesebrille auf und fängt an, auf lateinisch zu lesen, seine Stimme ist leise. Der Papst hat sich für einen Psalm entschieden, dessen Kernsatz heißt: „Erbittet für Jerusalem Frieden“.

Benedikt XVI. geht zur Klagemauer – es ist fast wie eine Heraufbeschwörung dieses magischen Moments, als vor neun Jahren der kranke Johannes Paul diesen Weg ging. Der Papst schiebt einen großen, zusammengefalteten Gebetszettel zwischen die Quader; das gelingt nicht gleich. Dann verharrt er ein paar Minuten, mit gefalteten Händen, bewegungslos. Kein Kniefall, keine demonstrative Geste. Über seinem Kopf flattern zwei Schwalben; die Stille wird nur mal von den Rufen einiger Fotografen oder Sicherheitsbeamten unterbrochen. Der Papst dreht sich um, geht zurück, die Hände immer noch gefaltet, und begrüßt einige jüdische Rabbiner. Schneier ist da, ein Freund des Papstes, er spricht Benedikt auf deutsch an; ein paar Gesprächsfetzen lassen sich verstehen, etwa: „dass wir weiterarbeiten“, und dann: „Ich bin mit Ihnen“. Zwanzig Minuten ungefähr, dann ist die Visite Benedikts an der Klagemauer vorüber. Ein historischer Moment, gewiss – auch wenn jede spektakuläre Geste unterblieben ist. Rv090512

Gebet für die ganze Menschheitsfamilie. Hier das Gebet, das Papst Benedikt XVI. auf einem zusammengefalteten Zettel in eine der Fugen der Klagemauer steckte:
Gott aller Zeiten, bei meinem Besuch in Jerusalem, der „Stadt des Friedens“, spirituelle Heimat für Juden, Christen und Moslems gleichermaßen, bringe ich vor Dich die Freuden, die Hoffnungen und Wünsche, die Bemühungen, das Leiden und den Schmerz all deiner Völker in der Welt. Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, höre den Schrei der Bedrängten, der Verängstigten, der Verlassenen, sende deinen Frieden auf dies Heilige Land, auf den Nahen Osten, auf die ganze Menschheitsfamilie. Rühre die Herzen aller, die deinen Namen rufen, damit sie demütig auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Mitleids gehen. „Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht.“ Klagelieder 3,25

Aus Freundschaft appellierte der Papst beim Abschied aus Israel „an alle Menschen dieser Länder“:
„Kein Blutvergießen mehr! Keine Kämpfe mehr! Kein Terrorismus mehr! Kein Krieg mehr! Lasst uns stattdessen den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen! Lasst bleibenden Frieden herrschen, der auf Gerechtigkeit gründet, lasst echte Versöhnung und Heilung walten. Es möge allgemein anerkannt wer- den, dass der Staat Israel das Recht hat, zu existieren und Frieden und Sicherheit innerhalb inter- national vereinbarter Grenzen zu genießen. Ebenso möge anerkannt werden, dass das palästinen- sische Volk ein Recht auf eine souveräne, unabhängige Heimat, auf ein Leben in Würde und auf Reise- freiheit hat. Die Zwei-Staaten-Lösung möge Wirklichkeit werden und nicht ein Traum bleiben. Von diesen Ländern her soll sich der Frieden ausbreiten, sie sollen als ein „Licht für die Völker“ Jes 42,6 dienen und den vielen anderen Regionen, die unter Konflikten leiden, Hoffnung bringen.“ Rv090515

Foto: In der Baugrube von Ground Zero, an jenem Ort, wo am 11. September 2001 das World Trade Center einstürzte und 2.600 Menschen starben, sprach Papst Benedikt XVI. ein Gebet und tröstete Angehörige der Opfer. Ein Wasserbecken mit einer Kerze symbolisierte spirituelle Reinigung. „Oh, Gott des Heilens” - Der Papst betet in New York am Ground Zero:
O Gott der Liebe, des Mitleidens und des Heilens, schau auf uns, auf uns Menschen vieler verschiedener Glaubensrichtungen und Traditionen, die wir heute an dieser Stätte versammelt sind, dem Schauplatz unglaublicher Gewalt und Schmerzen. Wir bitten dich, schenke in deiner Güte ewiges Licht und ewigen Frieden all denen, die hier starben: den mutigen Helfern der ersten Stunde - unseren Feuerwehrleuten, Polizisten, Mitarbei- tern der Hilfsdienste und der Hafenbehörde - ebenso wie all den unschuldigen Männern und Frauen, die Opfer dieser Tragödie wurden, einzig weil ihre Arbeit oder ihr Dienst sie am 11. September 2001 hierher führte. Wir bitten dich, in deinem Mitleiden denen Heilung zu bringen, die unter Verletzungen und Krankheit leiden, weil sie an jenem Tag hier anwesend waren. Heile auch den Schmerz der trauernden Familien und aller, die geliebte Menschen in dieser Tragödie verloren haben. Gib ihnen die Kraft, mit Mut und Hoffnung weiterzuleben. Wir gedenken auch der Toten und Verletzten desselben Tages beim Pentagon und in Shanksville in Pennsylvania, ebenso wie der Hinterbliebenen. Unsere Herzen sind mit ihren Herzen vereint; ihr Schmerz und ihr Leid sind in unser Gebet eingeschlossen. Gott des Friedens, bringe unserer Welt, die voller Gewalt ist, deinen Frieden: Frieden in die Herzen aller Männer und Frauen und Frieden unter die Völker der Erde. Führe jene, deren Herz und Geist vom Hass verzehrt sind, auf deinen Weg der Liebe. Gott des Verstehens, überwältigt vom Ausmaß dieser Tragödie suchen wir dein Licht und deine Führung angesichts so schrecklicher Ereignisse. Gib, dass jene, deren Leben verschont blieb, so leben, dass die anderen ihr Leben nicht umsonst verloren haben. Tröste uns und stehe uns bei, stärke unsere Hoffnung, und gib uns die Weisheit und den Mut, uns unermüdlich für eine Welt einzusetzen, in der wahrer Friede und wahre Liebe unter den Völkern und in den Herzen aller Menschen regieren. DTÜbersetzung aus dem Englischen von Claudia Kock080422

Papst: Dramatischer Friedens-Appell für das irakische Volk
Benedikt XVI. hat am Ende des Palmsonntagsgottesdienstes einen dramatischen Friedensappell für das irakische Volk lanciert. Er erinnerte an den vor einigen Tagen bei einer Entführung ums Leben gekommenen chaldäisch-katholischen Erzbischof von Mossul, Paulos Faraj Rahho Lesen Sie den ausführlicher Bericht dazu: keine Gewalt. „Sein schönes Zeugnis der Treue zu Christus, zur Kirche und den Menschen, die er trotz der zahlreichen Bedrohungen nicht im Stich lassen wollte, drängt mich zu einem lauten und sorgenvollen Hilferuf:
„Schluss mit den Massakern, Schluss mit der Gewalt, Schluss mit dem Hass im Irak! Und zugleich appelliere ich an das irakische Volk, das seit fünf Jahren unter den Folgen eines Krieges zu leiden hat, der das zivile und soziale Leben durcheinander gebracht hat: Geliebtes irakische Volk, erhebe dein Haupt, und baue vor allem du selbst das Leben deiner Nation wieder auf! Mögen die Versöhnung, die Vergebung, die Gerechtigkeit und der Respekt vor dem gesellschaftlichen Leben der Stämme, Ethnien und religiösen Gruppen der solidarische Weg sein zum Frieden im Namen Gottes!”
Friedensbotschaft in Neapel 
Internationales Friedenstreffen in Neapel
„Keine Gewalt im Namen Gottes”, an diese Wahrheit erinnerte Papst Benedikt XVI. bei einem Tref- fen mit Delegationsleitern des Internationalen Friedenstreffens, das von der katholischen Gemein- schaft Sant'Egidio veranstaltet wird. Unter anderen nahmen der ökumenische Patriarch Bartho- lomaios, Israels Oberrabbiner Jona Metzger, der Rektor der Kairoer El-Azhar-Universität Ahmed El- Tayyeb sowie Landesbischof Wolfgang Huber als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland daran teil. In seiner Ansprache erinnerte der Papst an die besondere Verantwortung der Religionen, um den Frieden und die Versöhnung unter den Völkern zu fördern: „Angesichts einer Welt, die von Konflikten zerrissen ist, und wo zuweilen Gewalt im Namen Gottes gerechtfertigt wird, ist es wichtig zu betonen, dass Religionen niemals zu Vehikeln des Hasses werden können; niemals kann man unter Anrufung des Namen Gottes das Böse und die Gewalt rechtfertigen.” Die Religionen könnten vielmehr wertvolle Ressourcen liefern für den Aufbau einer friedlichen Menschheit, weil sie vom Frieden zu den Herzen der Menschen sprechen. „Die katholische Kirche will den Weg des Dialogs weitergehen, um das Verständnis unter den ver- schiedenen Kulturen, Traditionen und religiösen Weisheiten zu fördern. Ich wünsche mir sehr, dass dieser Geist sich immer mehr verbreitet, vor allem dort, wo Spannungen herrschen, wo die Freiheit und der Respekt des Nächsten negiert werden und die Männer und Frauen leiden an den Folgen der Intoleranz und des Unverständnisses.” or071021

Papst Benedikt XVI. Gebet für den Frieden in Auschwitz-Birkenau
“Wir rufen zu Gott, dass er die Menschen zur Einsicht bringe, damit sie erkennen, dass Gewalt keinen Frieden stiftet, sondern nur wieder Gewalt hervorruft - eine Spirale der Zerstörungen, in der alle am Ende nur Verlierer sein können. Der Gott, dem wir glauben, ist ein Gott der Vernunft - einer Vernunft, die freilich nicht neutrale Mathematik des Alls, sondern eins mit der Liebe, mit dem Guten ist. Wir bitten Gott, und wir rufen zu den Menschen, dass diese Vernunft, die Vernunft der Liebe, der Einsicht in die Kraft der Versöhnung und des Friedens die Oberhand gewinne inmitten der uns umgebenden Drohungen der Unvernunft oder einer falschen, von Gott gelösten Vernunft.” Lesen Sie mehr zu diesem Gebet auf unseren Seiten: Holocaust und Zeichen am Himmel.
Nie wieder Krieg! Kurz nach dem Golfkrieg I verfasste Papst Johannes Paul II. dieses Friedensgebet:

Gott, unser Vater, groß und voll Erbarmen. Vater aller. Du hegst Pläne des Friedens und nicht des Leidens, du verdammst die Kriege und drückst den Stolz der Gewalttätigen nieder. Du hast deinen Sohn Jesus gesandt,den Nahen und Fernen Frieden zu verkünden und die Menschen aller Rassen und jeder Herkunft in einer einzigen Familie zu sammeln. Höre den demütigen Ruf deiner Söhne und Töchter, die dringende Bitte der ganzen Menschheit: Nie wieder Krieg, eine Spirale der Trauer und Gewalt. Nie mehr dieser Krieg im Persischen Golf, eine Bedrohung für alle Geschöpfe im Himmel zu Wasser und zu Land. In Gemeinschaft mit Maria, der Mutter Jesu, bitten wir dich: Sprich zu den Herzen der Verantwortlichen für die Geschicke der Völker; halte auf die Logik der Rache und Vergeltung, gib durch deinen Geist den Antrieb zu neuen Lösungen, zu hochherzigen und ehrenvollen Gesten, zu Räumen des Dialogs und geduldigen Wartens, die fruchtbarer sind als überstürzte Kriegstermine. Gib unserer Zeit Tage des Friedens! Nie wieder Krieg! Amen.
Gebet des Papstes zu Maria, der Königin des Friedens und Beschützerin Afrikas
Heilige Maria, Mutter Gottes, Beschützerin Afrikas, du hast der Welt das wahre Licht geschenkt, Jesus Christus. Mit deinem Gehorsam dem Vater gegenüber und durch die Gnade des Heiligen Geistes Hast du uns die quelle unserer Versöhnung Und unserer Gerechtigkeit geschenkt: Jesus Christus, unseren Frieden und unsere Freude. Mutter der Zärtlichkeit und der Weisheit, zeige uns Jesus, deinen und Gottes Sohn! Hilf uns auf unserem Weg der Bekehrung, damit Jesus seine Herrlichkeit über uns leuchten lasse an allen Orten unseres persönlichen, familiären und sozialen Lebens. Oh Mutter voller Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, erwirke für uns mit deiner Fügsamkeit dem Tröstergeist gegenüber die Gnade, Zeugen des auferstandenen Herrn zu sein, damit wir immer mehr zum Licht der Welt und zum Salz der Erde werden. Mutter von der Immerwährenden Hilfe, deiner mütterlichen Fürsprache vertrauen wir die Vorbereitung und die Früchte der Zweiten Synode für Afrika an. Königin des Friedens, bitte für uns! Unsere Liebe Frau von Afrika, bitte für uns! Yaoundé, 19. März 2009 Benedictus PP XVI
Frieden von Istanbul” - Istanbuls
Der Besuch von Papst Benedikt XVI. und sein “historisches” Gebet in der Blauen Moschee von Istanbul haben die Türkei begeistert. “Ein Teil meines Herzens bleibt in Istanbul”, bedankte sich das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche am Schluss seiner Pastoralreise in die Türkei. Der Papst hat mit seinen Worten und Gesten “große Sympathien” gewonnen, schrieb die größte türkische Zeitung “Hürriyet”. Zum Abschluss seiner viertägigen Reise hatte der Papst eine Messe in der katholischen Heilig- geistkirche in Istanbul gefeiert, an der auch der griechisch - orthodoxe Patriarch Bartholomaios I. und der armenische Patriarch Mesrob II. teilnahmen. In seiner Predigt bekräftigte Benedikt den Wunsch nach Überwindung der 1000-jährigen Kirchenspaltung und stärkte der kleinen katholischen Minderheit im Land den Rücken Als Oberhaupt der katholischen Kirche sei es seine “Aufgabe”, sich um einen besseren Dialog zwischen den Kulturen und Religionen zu bemühen, sagte Benedikt bei der Verabschiedung auf dem Istanbuler Atatürk-Flughafen. Er freue sich, wenn sein Besuch zu einem "besseren Verständnis" besonders zwischen dem Islam und dem Christentum beigetragen habe. Mehr unter: Dialog der Religionen
In der Blauen Moschee 
Überschwänglich berichtete die türkische Presse vom Besuch des Papstes in der Blauen Moschee, wo dieser am Vorabend gemeinsam mit dem Mufti von Istanbul, Mustafa Cagrici, “wie ein Muslim” gebetet habe. “Historisches Gebet”, “Frieden von Istanbul”, lauteten die Schlagzeilen. Weiße Tauben als Zeichen des Friedens ließ Benedikt vor der feierlichen Messe in der Heilig- geistkirche fliegen, die der Distriktbürgermeister Mustafa Sarigul ihm mitgebracht hatte. Eine begeisterte Menge begrüßte den Papst mit Singen, Klatschen und “Viva”- Rufen. In seiner Predigt betonte er erneut den Wunsch nach Überwindung der 1000- jährigen Kirchenspaltung. Bereits vor 26 Jahren habe sein Vorgänger Johannes Paul II. bei einem Besuch in Istanbul den Wunsch nach Rückkehr zur “vollständigen Einheit” der Kirchen geäußert. “Dieser Wunsch ist bislang noch nicht Wirklichkeit geworden und der Papst sehnt sich noch immer danach”, sagte Benedikt. dpaHA061202
Der Mensch - Herz des Friedens 
Friedens-Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum Weltfriedenstag
1. Zu Beginn des neuen Jahres möchte ich den Regierenden und den Verantwortlichen der Nationen sowie allen Menschen guten Willens meinen Friedenswunsch übermitteln. Ich richte ihn besonders an alle, die sich in Schmerz und Leid befinden, die unter der Bedrohung durch Gewalt und bewaffnete Auseinandersetzungen leben oder deren Würde mit Füßen getreten wird und die auf ihre menschliche und gesellschaftliche Befreiung warten. Ich richte ihn an die Kinder, die mit ihrer Unschuld die Menschheit reicher an Güte und Hoffnung werden lassen und durch ihren Schmerz uns alle anregen, uns zu Wegbereitern der Gerechtigkeit und des Friedens zu machen. Gerade im Gedanken an die Kinder, besonders an diejenigen, deren Zukunft gefährdet ist durch die Ausbeutung und Schlechtigkeit skrupelloser Erwachsener, wollte ich, dass sich anlässlich des Welt- friedenstages die allgemeine Aufmerksamkeit auf das Thema “Der Mensch - Herz des Friedens” konzentriere. Ich bin nämlich überzeugt, dass durch die Achtung der Person der Friede gefördert wird und dass mit der Herstellung des Friedens die Voraussetzungen geschaffen werden für einen authentischen “ganzheitlichen Humanismus”. Auf diese Weise wird eine unbeschwerte Zukunft für die folgenden Generationen vorbereitet. Der Mensch und der Friede: Gabe und Aufgabe 2. Die Heilige Schrift sagt: “Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie” Gen 1,27. Da er nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, hat der Mensch die Würde, Person zu sein; er ist nicht bloß etwas, sondern jemand, der imstande ist, sich zu erkennen, über sich Herr zu sein, sich in Freiheit hinzugeben und in Gemeinschaft mit an- deren Personen zu treten. Zugleich ist er aus Gnade zu einem Bund mit seinem Schöpfer berufen, um diesem eine Antwort des Glaubens und der Liebe zu geben, die niemand anderer an seiner Stelle geben kann. Aus dieser wunderbaren Perspektive versteht man die dem Menschen anvertraute Aufgabe, in der Liebesfähigkeit selbst zu reifen und der Welt zum Fortschritt zu verhelfen, indem er sie in der Gerechtigkeit und im Frieden erneuert. In einer eindrucksvollen Synthese lehrt der heilige Augustinus: “Gott, der uns ohne uns erschaffen hat, wollte uns nicht ohne uns erlösen”. Darum ist es eine Pflicht aller Menschen, das Bewusstsein des Doppelaspekts der Gabe und der Aufgabe zu pflegen. 3. Auch der Friede ist Gabe und Aufgabe zugleich. Wenn es wahr ist, dass der Friede zwischen den Einzelnen und den Völkern - die Fähigkeit, nebeneinander zu leben und Beziehungen der Gerechtigkeit und der Solidarität zu knüpfen - eine Verpflichtung darstellt, die keine Unterbrechung kennt, trifft es auch und sogar noch mehr zu, dass der Friede ein Geschenk Gottes ist. Der Friede ist nämlich ein Merkmal des göttlichen Handelns, das sowohl in der Erschaffung eines geordneten und harmonischen Universums zum Ausdruck kommt, als auch in der Erlösung der Menschheit, die es nötig hat, aus der Unordnung der Sünde zurückgewonnen zu werden. Schöpfung und Erlösung bieten also den Schlüssel zum Verständnis des Sinnes unseres Daseins auf der Erde. Mein verehrter Vorgänger Johannes Paul II. sagte in seiner Ansprache vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 5. Oktober 1995: “Wir leben nicht in einer irrationalen, sinnlosen Welt [...] es gibt eine moralische Logik, die das menschliche Dasein erleuchtet und den Dialog zwischen den Menschen und den Völkern ermöglicht”. Die transzendente “Grammatik”, das heißt die Gesamtheit von Regeln des individuellen Handelns und des Sich-aufeinander-Beziehens der Menschen nach Gerechtigkeit und Solidarität ist in die Gewissen eingeschrieben, in denen sich der weise Plan Gottes widerspiegelt. Ich habe es erst kürzlich bekräftigt: “Wir glauben, dass das ewige Wort, die Vernunft, am Anfang steht und nicht die Unvernunft”. Der Friede ist also auch eine Aufgabe, die jeden zu einer persönlichen, mit dem göttlichen Plan übereinstimmenden Antwort verpflichtet. Das Kriterium, nach dem sich diese Antwort ausrichten muss, kann nur die Achtung der von seinem Schöpfer ins Herz des Menschen eingeschriebenen “Grammatik” sein. Aus dieser Sicht sind die Normen des natürlichen Rechtes nicht als Vorschriften zu betrachten, die von außen auferlegt werden, als stellten sie die menschliche Freiheit unter Zwang. Sie müssen im Gegenteil als eine Berufung angenommen werden, den universalen göttlichen Plan, der in die Natur des Menschen eingeschrieben ist, treu zu verwirklichen. Geleitet von diesen Normen, können die Völker - innerhalb der jeweiligen Kulturen - dem größten Geheimnis näherkommen, dem Mysterium Gottes. Die Anerkennung und die Achtung des natürlichen Rechtes bilden daher auch heute die große Basis für den Dialog zwischen den Gläubigen der verschiedenen Religionen und zwischen Gläubigen und Glaubenslosen. Das ist ein großer Konvergenzpunkt und somit eine fundamentale Voraussetzung für einen authentischen Frieden. Das Recht auf Leben und Religionsfreiheit 4. Die Pflicht zur Achtung der Würde jedes Menschen, in dessen Wesen sich das Bild des Schöpfers widerspiegelt, beinhaltet konsequenterweise, dass man über die menschliche Person nicht nach Belieben verfügen darf. Wer sich der größeren politischen, technologischen und ökonomischen Macht erfreut, darf sich ihrer nicht bedienen, um die Rechte der Anderen, weniger Erfolgreichen zu verletzen. Der Friede gründet sich nämlich auf die Berücksichtigung der Rechte aller. In diesem Bewusstsein macht sich die Kirche zur Verfechterin der Grundrechte jedes Menschen. Im besonderen fordert sie die Achtung des Lebens und der Religionsfreiheit ein. Die Achtung des Rechtes auf Leben in jeder Lebensphase setzt einen Fixpunkt von entscheidender Bedeutung: Das Leben ist ein Geschenk, über das das Individuum kein vollständiges Verfügungsrecht besitzt. In gleicher Weise stellt die Behauptung des Rechtes auf Religionsfreiheit den Menschen in Beziehung zu einem transzendenten Prinzip, das ihn der menschlichen Willkür entzieht. Das Recht auf Leben und auf die freie Äußerung des eigenen Glaubens an Gott ist nicht der Macht des Menschen unterworfen. Der Friede bedarf der Festsetzung einer klaren Grenzlinie zwischen dem, was verfügbar, und dem, was nicht verfügbar ist: So werden unannehmbare Eingriffe in den Bestand jener Werte vermieden, die dem Menschen als solchem eigen sind. 5. Was das Recht auf Leben betrifft, so ist es geboten, die Marter anzuprangern, die ihm in unserer Gesellschaft zugefügt wird: Neben den Opfern der bewaffneten Konflikte, des Terrorismus und der verschiedenen Formen von Gewalt gibt es das lautlose Sterben durch Hunger, Abtreibung, Experimente an Embryonen und durch Euthanasie. Muss man nicht in all dem einen Angriff auf den Frieden sehen? Abtreibung und Experimente an Embryonen sind das direkte Gegenteil einer Grund- haltung der Annahme des Anderen, die zur Herstellung dauerhafter Friedensbeziehungen unentbehrlich ist. Ein weiteres besorgniserregendes Symptom für den Mangel an Frieden in der Welt stellen - in Bezug auf die freie Äußerung des eigenen Glaubens - die Schwierigkeiten dar, denen sowohl die Christen als auch die Anhänger anderer Religionen häufig begegnen, wenn es sich darum handelt, die eigenen religiösen Überzeugungen öffentlich und frei zu bekennen. Speziell auf die Christen bezogen, muss ich schmerzlich feststellen, dass sie manchmal nicht nur behindert werden; in einigen Staaten werden sie sogar verfolgt, und selbst in jüngster Zeit mussten tragische Fälle grausamer Gewalt verzeichnet werden. Es gibt Regime, die allen eine Einheitsreligion aufzwingen, während religiös indifferente Regierungen nicht eine gewaltsame Verfolgung schüren, wohl aber eine systematische kulturelle Verhöhnung religiöser Überzeugungen begünstigen. In jedem Fall wird ein menschliches Grundrecht missachtet, was schwere Auswirkungen auf das friedliche Zusammenleben nach sich zieht. Das fördert unweigerlich eine Mentalität und eine Kultur, die dem Frieden abträglich sind. Die naturgegebene Gleichheit aller Menschen 6. An der Wurzel nicht weniger Spannungen, die den Frieden bedrohen, liegen sicherlich die vielen ungerechten Ungleichheiten, die tragischerweise noch in der Welt vorhanden sind. Besonders bedrohlich darunter sind einerseits die Unterschiede in der Möglichkeit, die wesentlichen Güter wie Nahrung, Wasser, ein Zuhause und die Gesundheit zu erlangen, und andererseits die fortdauernde Ungleichheit von Mann und Frau in der Ausübung der fundamentalen Menschenrechte. Ein Element von größter Wichtigkeit für die Herstellung des Friedens ist die Anerkennung der wesentlichen Gleichheit unter den Menschen, die aus ihrer gemeinsamen transzendenten Würde hervorgeht. Die Gleichheit auf dieser Ebene ist also ein zu jener natürlichen “Grammatik” gehörendes Gut aller, das aus dem göttlichen Schöpfungsplan ableitbar ist - ein Gut, das nicht missachtet oder geringgeschätzt werden kann, ohne schwerwiegende Auswirkungen zu verur- sachen, die den Frieden gefährden. Die äußerst schwere Not, unter der viele Völker vor allem des afrikanischen Kontinents leiden, ist der Ursprung gewaltsamer Einforderungen der Ansprüche und stellt deshalb eine schreck- liche Verletzung des Friedens dar. 7. Auch die unzureichende Beachtung der Lage der Frau bringt in das soziale Gleichgewicht Faktoren der Unbeständigkeit hinein. Ich denke an die Ausbeutung von Frauen, die wie Objekte behandelt werden, und an die vielen Formen mangelnder Achtung vor ihrer Würde; ich denke auch - in anderem Zusammenhang - an die in einigen Kulturen fortdauernden anthropologischen Vor- stellungen, die der Frau eine Stellung zuweisen, die sie in starkem Maße der Willkür des Mannes unterwirft, mit Konsequenzen, die die Würde ihrer Person verletzen und die Inanspruchnahme ihrer grundlegenden Freiheiten beschneiden. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass der Friede gesichert sei, solange nicht auch diese Formen der Diskriminierung überwunden sind, welche die jedem Menschen vom Schöpfer verliehene persönliche Würde verletzen. Die “Ökologie des Friedens” 8. Johannes Paul II. schreibt in der Enzyklika Centesimus annus: “Nicht allein die Erde ist dem Menschen von Gott gegeben worden, damit er unter Beachtung ihrer ursprünglichen Zielsetzung zum Guten von ihr Gebrauch machen soll, sondern der Mensch selbst ist sich von Gott geschenkt worden und muss darum die natürliche und moralische Struktur, mit der er ausgestattet wurde, respektieren”. Wenn der Mensch sich dieser, ihm vom Schöpfer anvertrauten Aufgabe entspre- chend verhält, kann er gemeinsam mit seinen Mitmenschen eine Welt des Friedens erstehen lassen. Neben der Ökologie der Natur gibt es also auch eine - wie man es ausdrücken könnte - “Humanökologie”, die ihrerseits eine “Sozialökologie” erfordert. Und das bedeutet, dass sich die Menschheit, wenn ihr der Frieden am Herzen liegt, die bestehenden Verbindungen zwischen der Natur-Ökologie - also der Rücksicht auf die Natur - und der auf den Menschen bezogenen Ökologie immer mehr vor Augen halten muss. Die Erfahrung zeigt, dass jede Rücksichtslosigkeit gegenüber der Umwelt dem menschlichen Zusammen- leben Schaden zufügt und umgekehrt. Immer deutlicher tritt der untrennbare Zusammenhang zwischen dem Frieden mit der Schöpfung und dem Frieden unter den Menschen in Erscheinung. Der eine wie der andere setzt den Frieden mit Gott voraus. Das als “Sonnengesang” bekannte poetische Gebet des heiligen Franziskus ist ein wunderbares, stets aktuelles Beispiel für diese mannigfaltige Ökologie des Friedens. 9. Wie eng dieser Zusammenhang zwischen der einen und der anderen Ökologie ist, können wir anhand des täglich wachsenden Problems der Energieversorgung verstehen. In diesen Jahren sind neue Nationen mit Elan in die industrielle Produktion eingestiegen und haben dadurch den Energie- bedarf erhöht. Das verursacht einen Wettlauf zu den verfügbaren Ressourcen, der mit früheren Situationen nicht zu vergleichen ist. Gleichzeitig lebt man in einigen Teilen der Erde noch in Ver- hältnissen eines großen Rückstandes, in denen die Entwicklung - auch aufgrund der Erhöhung des Energiepreises - praktisch verhindert wird. Was soll aus diesen Völkern werden? Welche Art der Entwicklung oder Nicht-Entwicklung wird ihnen durch die Energieknappheit aufgezwungen werden? Welche Ungerechtigkeiten und Antagonismen wird der Wettlauf zu den Energiequellen auslösen? Und wie werden diejenigen reagieren, die von diesem Wettlauf ausgeschlossen bleiben? Das sind Fragen, die deutlich werden lassen, wie eng die Rücksicht auf die Natur mit der Notwendigkeit verbunden ist, zwischen den Menschen und den Nationen Beziehungen zu knüpfen, die auf die Würde der Person achten und fähig sind, ihre wirklichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Zerstörung der Umwelt, ein unangemessener und egoistischer Umgang mit ihr und der gewaltsame Aufkauf ihrer Ressourcen erzeugen Verletzungen, Konflikte und Kriege, eben weil sie die Frucht eines unmenschlichen Entwicklungs- Konzepts sind. Eine Entwicklung, die sich nur auf den technischwirtschaftlichen Aspekt beschränken würde und die ethisch-religiöse Dimension vernachlässigte, wäre nämlich keine ganzheitliche menschliche Entwicklung und würde schließlich wegen ihrer Einseitigkeit die zerstörerischen Fähigkeiten des Menschen antreiben. Verkürzte Menschenbilder 10. Darum eilt es - wenn auch im Rahmen der aktuellen Schwierigkeiten und internationalen Spannungen -, sich darum zu bemühen, eine Humanökologie ins Leben zu rufen, die dem “Baum des Friedens” zum Wachstum verhilft. Um eine solche Unternehmung anzugehen, ist es notwendig, sich von einem Menschenbild leiten zu lassen, das nicht durch ideologische und kulturelle Vorurteile oder durch politische und wirtschaftliche Interessen verdorben ist, die zu Hass und Gewalt verführen. Es ist verständlich, dass das Menschenbild in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich ist. Unannehm- bar ist dagegen, wenn anthropologische Vorstellungen gehegt werden, die in sich selbst den Keim des Kontrastes und der Gewalt tragen. Ebenso inakzeptabel sind Gottes- vorstellungen, die Unduldsamkeit gegenüber den Mitmenschen erregen und zur Anwendung von Gewalt ihnen gegenüber anspornen. Das ist ein Punkt, der in aller Klarheit bekräftigt werden muss: Ein Krieg im Namen Gottes ist niemals gutzuheißen! Wenn eine gewisse Auffassung von Gott den Ursprung verbrecherischer Handlungen bildet, ist das ein Zeichen dafür, dass diese Auffassung sich bereits in eine Ideologie verwandelt hat. 11. Heute ist jedoch der Friede nicht nur in Frage gestellt durch den Konflikt zwischen den verschiedenen verkürzten Menschenbildern, beziehungsweise zwischen den Ideologien. Er ist es auch durch die Gleichgültigkeit gegenüber dem, was die wahre Natur des Menschen ausmacht. Viele Zeitgenossen leugnen nämlich die Existenz einer spezifischen menschlichen Natur und ermöglichen so die verschrobensten Interpretationen dessen, was wesentlich zum Menschen gehört. Auch hier bedarf es der Klarheit: eine “schwache” Sicht des Menschen, die jeder auch exzentrischen Vorstellung Raum gibt, begünstigt nur augenscheinlich den Frieden. In Wirklichkeit behindert sie den echten Dialog und öffnet dem Dazwischentreten autoritärer Zwänge den Weg. So lässt sie schließlich den Menschen selbst schutzlos dastehen, und er wird zur einfachen Beute von Unterdrückung und Gewalt. Menschenrechte und internationale Organisationen 12. Ein echter und haltbarer Friede setzt die Achtung der Menschenrechte voraus. Wenn diese Rechte sich jedoch auf ein schwaches Menschenbild gründen, wie sollten dann nicht auch sie selber geschwächt sein? Hier wird das tiefe Ungenügen einer relativistischen Auffassung vom Menschen offenbar, wenn es sich darum handelt, seine Ansprüche zu rechtfertigen und seine Rechte zu verteidigen. Die Aporie ist in diesem Fall offenkundig: Die Rechte werden als absolut hingestellt, aber das Fundament, das man für sie anführt, ist nur relativ. Ist es dann verwunderlich, wenn angesichts der “unbequemen” Forderungen des einen oder anderen Rechtes jemand aufsteht, um es anzufechten oder seine Marginalisierung zu beschließen? Nur wenn sie in objektiven Ansprüchen der dem Menschen von Gott gegebenen Natur verwurzelt sind, können die ihm zuerkannten Rechte durchgesetzt werden, ohne dass ihre Widerrufung zu befürchten ist. Im übrigen ist es offensichtlich, dass die Rechte des Menschen für ihn auch Pflichten beinhalten. Mahatma Gandhi hat seine Meinung dazu in den schönen Worten zum Ausdruck gebracht: “Der Ganges der Rechte fließt vom Himalaja der Pflichten herab.” Nur wenn über diese Grundvoraussetzung Klarheit geschaffen wird, können die Menschenrechte, die heute ständigen Angriffen ausgesetzt sind, in angemessener Weise verteidigt werden. Ohne eine solche Klarheit verwendet man schließlich denselben Ausdruck - eben den Begriff “Menschenrechte” - und verbindet damit sehr unterschiedliche Vorstellungen von seinem Subjekt: Für einige ist es die mensch- liche Person, die durch eine ständige Würde und durch Rechte ausgezeichnet ist, die stets, überall und jedem gegenüber gültig sind; für andere ist es der Mensch mit veränderlicher Würde und mit Rechten, die immer neu ausgehandelt werden können: in ihren Inhalten, ihrer zeitlichen Dauer und ihrem Geltungsbereich. Mehr unter: Menschenrechte 13. Auf den Schutz der Menschenrechte beziehen sich beständig die internationalen Organe und besonders die Organisation der Vereinten Nationen, die sich mit der Allgemeinen Erklärung von 1948 die Förderung dieser Rechte als fundamentale Aufgabe vorgenommen hat. Diese Erklärung wird wie eine Art von der gesamten Menschheit übernommene moralische Verpflichtung angesehen. Darin liegt eine tiefe Wahrheit, vor allem, wenn als das Fundament der in der Erklärung beschriebenen Rechte nicht nur einfach der Beschluss der Versammlung angesehen wird, die sie approbiert hat, sondern die Natur des Menschen selbst und seine unveräußerliche Würde als einer von Gott erschaffenen Person. Darum ist es wichtig, dass die internationalen Organe das natürliche Fundament der Menschenrechte nicht aus den Augen verlieren. Das bewahrt sie vor der leider immer latent vorhandenen Gefahr, in eine nur positivistische Interpretation dieser Rechte abzugleiten. Sollte dies geschehen, würde sich herausstellen, dass die internationalen Organe nicht über das nötige Ansehen verfügen, um ihre Rolle als Verteidiger der Grundrechte der Person und der Völker zu entfalten - eine Aufgabe, in der aber die grundsätzliche Rechtfertigung ihres Daseins und ihres Handelns besteht. Humanitäres Völkerrecht und innerstaatliches Recht 14. Ausgehend von dem Bewusstsein, dass es unveräußerliche Menschenrechte gibt, die mit der gemeinsamen Natur der Menschen zusammenhängen, ist ein humanitäres Völkerrecht ausgearbeitet worden, zu dessen Beachtung die Staaten auch im Kriegsfall verpflichtet sind. Das ist leider - abgesehen von der Vergangenheit - in einigen Situationen kriegerischer Auseinandersetzungen in jüngster Zeit nicht entsprechend zur Anwendung gekommen. So ist es zum Beispiel in dem Konflikt geschehen, dessen Schauplatz vor einigen Monaten der Süd-Libanon war, wo die Pflicht, unschuldige Opfer zu schützen und ihnen zu helfen und die Zivilbevölkerung nicht einzubeziehen, zum großen Teil nicht beachtet wurde. Das schmerzliche Schicksal des Libanon und die neue Beschaffenheit der Konflikte, besonders seit die terroristische Bedrohung ungekannte Formen der Gewalt in Gang gesetzt hat, erfordern, dass die internationale Gemeinschaft das humanitäre Völkerrecht bekräftigt und es auf alle heutigen Situationen bewaffneten Konfliktes - einschließlich der vom geltenden Völkerrecht nicht vorausgesehenen - bezieht. Außerdem verlangt das Übel des Terrorismus ein vertieftes Nachdenken über die ethischen Grenzen, die den Einsatz heutiger Mittel zum Schutz der nationalen Sicherheit betreffen. Immer häufiger werden nämlich die Kriege nicht erklärt, vor allem, wenn terroristische Gruppen sie auslösen, die entschieden sind, ihre Ziele mit jedwedem Mittel zu erreichen. Angesichts der erschütternden Szenarien dieser letzten Jahre können die Staaten unmöglich die Notwendigkeit verkennen, sich klarere Regeln zu geben, die fähig sind, dem dramatischen Abdriften, das wir erleben, wirksam entgegenzutreten. Der Krieg stellt immer einen Misserfolg für die internationale Gemeinschaft dar und einen schweren Verlust an Menschlichkeit. Wenn es trotz allem dazu kommt, müssen zumindest die wesentlichen Prinzipien der Menschlichkeit und die grundlegenden Werte jeglichen zivilen Zusammenlebens gewahrt werden durch die Aufstellung von Verhaltensnormen, die die Schäden so weit wie möglich begrenzen und darauf ausgerichtet sind, die Leiden der Zivilbevölkerung und aller Opfer der Konflikte zu erleichtern. 15. Ein anderes Element, das große Beunruhigung hervorruft, ist der jüngst von einigen Staaten geäußerte Wille, sich mit Nuklearwaffen auszurüsten. Dadurch hat sich das verbreitete Klima der Unsicherheit und der Angst vor einer möglichen atomaren Katastrophe weiter verschärft. Das wirft die Menschen zurück in die zermürbenden Ängste der Epoche des so genannten “kalten Kriegs”. Danach hoffte man, die atomare Gefahr sei definitiv gebannt und die Menschheit könne endlich einen dauerhaften Seufzer der Erleichterung tun. Wie aktuell erscheint in diesem Zusammenhang die Mahnung des Zweiten Vatikanischen Konzils: “Jede Kriegshandlung, die auf die Vernichtung ganzer Städte oder weiterer Gebiete und ihrer Bevölkerung unterschiedslos abstellt, ist ein Verbrechen gegen Gott und gegen den Menschen, das fest und entschieden zu verwerfen ist”. Leider verdichten sich weiterhin bedrohliche Schatten am Horizont der Menschheit. Der Weg, um eine Zukunft des Friedens für alle zu sichern, besteht nicht nur in internationalen Übereinkünften über die Nicht-Verbreitung von Nuklearwaffen, sondern auch in dem Bemühen, mit Entschiedenheit ihre Verminderung und ihren endgültigen Abbau zu verfolgen. Man lasse nichts unversucht, um auf dem Verhandlungsweg diese Ziele zu erreichen! Das Schicksal der gesamten Menschheitsfamilie steht auf dem Spiel! Die Kirche zum Schutz der Transzendenz der menschlichen Person 16. Schließlich möchte ich einen dringenden Aufruf an das Volk Gottes richten, dass jeder Christ sich verpflichtet fühlen möge, unermüdlicher Friedensstifter und mutiger Verteidiger der Würde des Menschen und seiner unveräußerlichen Rechte zu sein. Dankbar gegenüber dem Herrn, dass er ihn berufen hat, zu seiner Kirche zu gehören, die in der Welt “Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person” ist, soll der Christ nie müde werden, das grundlegende Gut des Friedens von ihm zu erbitten, das im Leben jedes Einzelnen von solcher Bedeutung ist. Außerdem wird er stolz darauf sein, mit großherziger Hingabe der Sache des Friedens zu dienen, indem er den Mitmenschen entgegenkommt, besonders denen, die nicht allein unter Armut und Elend leiden, sondern dazu auch dieses kostbare Gut entbehren müssen. Jesus hat uns offenbart, dass “Gott Liebe ist” vgl. Joh 4,8 und dass die größte Berufung jedes Menschen die Liebe ist. In Christus können wir die höchsten Gründe finden, uns zu beharrlichen Verfechtern der Menschenwürde und zu mutigen Erbauern des Friedens zu machen. 17. Möge also der Beitrag jedes Gläubigen zur Förderung eines echten “ganzheitlichen Humanis- mus” nach den Lehren der Enzykliken Populorum progressio und Sollicitudo rei socialis, deren 40. und 20. Jahrestag wir gerade in diesem Jahr feiern werden, nicht nachlassen. Zu Beginn des Jahres 2007, auf das wir - wenn auch unter Gefahren und Problemen - mit hoffnungsvollem Herzen blicken, vertraue ich der Königin des Friedens und Mutter Jesu Christi, “unseres Friedens” vgl. Eph 2,14, mein inständiges Gebet für die gesamte Menschheit an. Möge Maria uns in ihrem Sohn den Weg des Friedens zeigen und unsere Augen erleuchten, damit wir sein Angesicht im Gesicht jedes Menschen erkennen - im Menschen als dem Herz des Friedens. + Benedikt XVI.
Weltfriedenstag am 01. Januar 2009
Die Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum nächsten Weltfriedenstag am 01. Januar 2009 steht unter dem Motto: »Die Armut bekämpfen, den Frieden aufbauen«. Der Papst wolle damit auf die Notwendigkeit eines gemeinsamen weltweiten Vorgehens gegen Armut hinweisen, wurde bei der Bekanntgabe des Themas betont. Der Neujahrstag wird in der katholischen Kirche seit Papst Paul VI. (1963-78) als Weltfriedenstag begangen. Zuletzt formulierte Papst Benedikt XVI. eine dringen- de Aufforderung zum Kampf gegen die Armut beim Welternährungsgipfel in Rom. Hunger und Unter- ernährung seien angesichts der Ressourcen und Möglichkeiten von heute inakzeptabel, schrieb er in einer Grußbotschaft an die Teilnehmer. OR080725
Erzbischof Robert Zollitsch, Freiburg,
Geleitwort zum Kriegsblindenjahrbuch 2009
Liebe Leserinnen und Leser, das Kriegsblinden-Jahrbuch schlägt wie in den Vorjahren, so auch 2009, eine dringend notwendige Brücke: eine Brücke des Verstehens zwischen Sehenden und Nichtsehenden, eine Brücke des lebendigen Erinnerns zwischen denen, die den Krieg am eigenen Leibe erlebt haben und seine schrecklichen Folgen noch heute erleben, und denen, für die Krieg ein geschichtliches, auf jeden Fall weit entferntes Phänomen ist. Aufrufen zu Solidarität und Selbsthilfe, Menschen fördern und fordern, das Erlebte der Vergangen- heit durch die lebendige Erinnerung für die Gestaltung der Gegenwart fruchtbar machen und vor allem der konsequente Einsatz für den Frieden - darin gleichen sich der Bund der Kriegsblinden Deutschlands und der Einsatz der katholischen Kirche. Europa hat die großen Konflikte, die vor 70 Jahren noch unüberwindbar schienen, bezwungen. Was für unsere Generation manchmal unvorstellbar war - die Grenzen überschreitende Freiheit und Zusam- menarbeit in Europa - ist für viele Menschen der jüngeren Generationen selbstverständlich. Viele Menschen in Europa sind geduldig und mutig aufeinander zugegangen, haben ihr Gegenüber aus der Nachbarnation kennen gelernt und Vorurteile bekämpft. Durch diese Menschen ist in Europa eine lange Zeit des Friedens angebrochen. Diesen Frieden wollen wir bewahren und verbreiten! Das Wissen über die Schrecken des Krieges, die wir bis heute wach halten - besonders in so notwendigen Publikationen wie dem Kriegsblinden-Jahrbuch - kann davor bewahren, Krieg als Mittel der Politik in anderen Enden der Welt zu tolerieren. Dafür setzen sich Christinnen und Christen ein, denn sie halten - gegen politische, ökonomische und gesellschaftliche Versuche - daran fest, dass jeder Mensch Geschöpf Gottes und damit unveräußerlich ist in seiner Würde, die ihm von Gott geschenkt ist. Frieden, der in Gerechtigkeit und gegenseitiger Anerkennung wurzelt, ist die Grundlage für ein menschenwürdiges Leben. Der Prophet Jesaja entwirft die Friedensvision, in der Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden vgl. Jes 2,4, Jesus Christus preist den Friedensstifter in der Bergpredigt selig vgl. Mt 5,9. Darin gründet das Engagement der Kirche für Frieden in der Welt und Frieden im Kleinen. Nur gemeinsam kann dieses Ziel erreicht werden, denn Frieden ist keine Leerformel, sondern meint gelebtes Miteinander. Miteinander und füreinander, wie der Bund der Kriegsblinden Deutschlands in den Jahrzehnten seines Bestehens für die Rechte seiner Kameraden gekämpft und sie unterstütz hat. Für die Zukunft wünsche ich dem Bund der Kiregsblinden Deutschland als Anwalt der Verständi- gung und Brückenbauer der Versöhnung ein ungebrochenes Engagement in der Solidarität unter- einander, in der vorbildlichen Selbsthilfe und in der unverzichtbaren Öffentlichkeitsarbeit, in der die Menschen, die am besten wissen, was Frieden heißt, für kommende Generationen Zeugen sind. 

Der 1. Weltkrieg und die Friedensnote von Papst Benedikt XV. Foto rechts. Foto links: Überreichung der Friedensnote durch Nuntius Eugenio Pacelli (dem späteren Papst Pius XII.) beim Deutschen Kaiser in Bad Kreuznach 1917.
An die Staatsoberhäupter der kriegführenden Völker Seit Anbeginn unserer Amtszeit haben Wir uns inmitten der Schrecken des fürchterlichen Krieges, der über Europa hereingebrochen ist, vor allen anderen drei Dinge vorgenommen: eine absolute Un- parteilichkeit gegenüber den kriegführenden Parteien, wie sie sich für jenen gebührt, der allen ge- meinsam Vater ist und alle seine Kinder mit gleicher Zuneigung liebt; die ständige Bemühung allen, ohne Unterscheidung von Person, Nation und Religion, so viel Gutes wie irgend möglich zu tun, wie uns das allumfassende Gesetz der Barmherzigkeit und das uns von Christus anvertraute höchste geistliche Amt vorschreiben; schließlich das beharrliche von unser Frieden stiftenden Mission vor- gegebene Bestreben, nichts, was in unserer Macht liegt und das Ende dieser Heimsuchung be- schleunigen könnte, zu unterlassen, indem Wir die Völker und ihre Oberhäupter zu milderem Rat zu bewegen suchen und zu unbefangenen Beschlüssen zugunsten eines „gerechten und dauerhaften Friedens”. Wer unser Wirken über all diese drei nun zu Ende gehenden schmerzvollen Jahre verfolgt hat, hat feststellen können, dass Wir, so wie Wir immer unserem Vorsatz der Unparteilichkeit und der Barm- herzigkeit treu geblieben sind, auch nie müde geworden sind, sowohl die kriegführenden Völker als auch ihre Oberhäupter zu ermutigen, wieder Brüder zu werden, auch wenn nicht all unser Wirken für diesen noblen Zweck immer der Öffentlichkeit bekannt gemacht worden ist. Am Ausgang des ersten Kriegsjahres haben Wir uns mit eindringlichen Aufforderungen an sie ge- wandt und ihnen auch den Weg angezeigt, der zu einem für alle dauerhaften und würdevollen Frieden führt. Leider wurde unser Aufruf nicht erhört: Der Krieg mit allen seinen Schrecken wurde verbissen für zwei weitere Jahre fortgeführt, er verschärfte sich sogar und dehnte sich auf dem Festland, auf dem Wasser und selbst in der Luft aus, so dass sich über die wehrlosen Städte, die stillen Dörfer und ihre unschuldigen Bewohner die Verwüstung und der Tod ausbreiteten. Und nun kann sich niemand vorstellen, wie sehr sich das allgemeine Leiden vermehren und verschlimmern würde, wenn dem vergangenen blutigen Triennium weitere Monate oder schlimmer noch Jahre hinzugefügt würden. Soll die zivilisierte Welt denn in ein Totenfeld verwandelt werden? Und soll das so glorreiche und blühende Europa wie von einem universalen Wahn mitgerissen einem wahren Selbstmord entgegengehen? Aufgrund eines solch bekümmernden Stands der Dinge und angesichts einer so ernsten Bedrohung erheben Wir, nicht wegen eines besonderen politischen Ziels und nicht auf Anraten oder aus Inter- esse irgendeiner der kriegführenden Parteien, sondern einzig und allein vom Bewusstsein der über- geordneten Pflichten eines allen Gläubigen gemeinsamen Vaters geleitet, von den Wehklagen der Kinder, die uns um unser Einschreiten und unser Frieden stiftendes Wort anflehen und von der Stimme der Menschlichkeit und der Vernunft, erneut Unseren Ruf nach Frieden und erneuern unseren eindringlichen Appell an jene, die das Schicksal der Nationen in ihren Händen haben. Um uns jedoch nicht auf das Allgemeine zu beschränken, wie uns die Umstände in der Vergangenheit nahe gelegt hatten, möchten Wir nun konkretere und praktischere Vorschläge unterbreiten und die Regierungen der kriegführenden Völker einladen, sich über die folgenden Punkte zu einigen, welche uns die not- wendigen Richtlinien eines gerechten und dauerhaften Friedens erscheinen, wobei Wir es den Regierenden selbst überlassen, diese zu präzisieren und zu vervollständigen. Und allem voran muss es ein fundamentales Anliegen sein, an die Stelle der materiellen Kraft der Waffen die moralische Kraft des Rechts zu setzten. Das heißt, eine gerechte Vereinbarung aller über ein gleichzeitig durchgeführtes und auf Gegenseitigkeit beruhendes Abrüsten, auf der Grundlage festzulegender Normen und Garantien und in dem notwendigen und in den einzelnen Staaten zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung ausreichenden Maße; und anstatt der Waffen die Einrichtung eines Schiedsgerichts mit der erhabenen Funktion der Friedensstiftung, dessen Wirken auf der Grundlage zu vereinbarender Normen und einer gemeinsam festzulegenden Strafe basiert. Letztere für jenen Staat, der sich weigern sollte, die internationalen Probleme dem Schiedsgericht zu unter- breiten oder dessen Entscheidung zu akzeptieren. Ist das Reich des Rechts so wieder hergestellt, sollten alle Behinderungen der Kommunikation der Völker kraft der wahren Freiheit und der Gemeinsamkeit der Meere aufgehoben werden, was nicht nur zahlreiche Konfliktursachen auslöschen, sondern auch allen neue Quellen des Wohlstands und des Fortschritts eröffnen würde. Was die Schäden und die Kosten des Krieges betrifft, sehen Wir keine andere Möglichkeit als die allgemeine Regelung eines vollständigen und auf Gegenseitigkeit beruhenden Erlasses, der nicht zuletzt durch die enormen Vorteile der Abrüstung gerechtfertigt würde; dies um so mehr als man die Fortführung eines derartigen Blutbades einzig aus wirtschaftlichen Gründen nicht verstehen würde. Sollten in irgendeinem Fall besondere Gründe dagegen sprechen, sollen diese mit Gerechtigkeit und Ausgewogenheit geprüft werden. Diese friedlichen Vereinbarungen und die enormen Vorteile, die daraus entstehen, sind jedoch nicht ohne die Rückgabe der derzeitig besetzten Gebiete möglich. Für die deutsche Seite bedeutet dies somit die vollständige Evakuierung sowohl Belgiens und die Garantie seiner vollkommenen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit gegenüber jedweder Macht, als auch der franzö- sischen Gebiete. Für die gegnerische Seite die vollständige Rückgabe der deutschen Kolonien. Was die Gebietsfragen anbelangt, wie zum Beispiel jene zwischen Italien und Österreich oder zwischen Deutschland und Frankreich, ist zu hoffen, dass die streitenden Parteien diese angesichts der enormen Vorteile eines dauerhaften eine Abrüstung einschließenden Friedens mit versöhnlichem Gemüt untersuchen werden und, wie Wir schon mehrmals gesagt haben, so weit recht und möglich die Wünsche der Völker berücksichtigen und die eigenen Interessen, soweit notwendig, auf jene abstimmen, die der großen menschlichen Gemeinschaft gemein sind. Derselbe Geist der Gerechtigkeit und Ausgewogenheit sollte auch die Untersuchung sämtlicher weiterer territorialer und politischer Fragen bestimmen, besonders jene bezüglich der Neuordnung Armeniens, der baltischen Staaten und der Länder, die ehemals zum Königreich Polen gehörten, dem besonders aufgrund seiner edlen historischen Traditionen und der vor allem während des derzeitigen Krieges erlittenen Qualen gerechterweise die Sympathien der Nationen zukommen sollte. Dies sind die vorrangigen Grundlagen, auf denen aus unserer Sicht die zukünftige Ordnung der Völker beruhen muss. Sie sind so gestaltet, dass sie eine Wiederholung ähnlicher Konflikte un- möglich machen und die Lösung der für die Zukunft und für das materielle Wohl aller kriegführenden Staaten so wichtigen wirtschaftlichen Frage vorbereiten. Indem Wir sie Euch, die Ihr in dieser tragischen Stunde die Geschicke der kriegführenden Völker lenkt, unterbreiten, sind Wir von der teuren und süßen Hoffnung beflügelt, diese akzeptiert zu sehen und damit so schnell wie möglich zum Ende dieses verheerenden Kampfes zu gelangen, der jeden Tag nur mehr ein sinnloses Gemetzel erscheint. Trotzdem herrscht selbstverständlich unter allen Beteiligten Einverständnis darüber, dass auf der einen wie auf der anderen Seite die Ehre der Waffen gewahrt bleibt. Erhört deshalb unsere Bitte, nehmt die väterliche Aufforderung an, die wir im Namen des Heilands und des Königs des Friedens an Euch herantragen. Bedenkt Eure große Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen. Von Eurer Entscheidung sind der Frieden und die Freude unzähliger Familien abhängig, das Leben tausender junger Männer und das Glück der Völker, dessen Förderung Eure unbedingte Pflicht ist. Der Herr gebe Euch Entscheidungen ein, die Seinem heiligen Willen ent- sprechen, und mache, dass Ihr den Jubel der Gegenwart verdient und Euch auch bei den zu- künftigen Generationen die Anerkennung als Friedensstifter sichert. Wir vereinigen uns unterdessen mit allen treuen Seelen, die den Frieden herbeisehnen, im Gebet und in der Buße und erbitten für Euch vom Heiligen Geist Erkenntnis und Rat. Vatikan, 1. August 1917 + Benedikt XV. ArchivioSegreto VaticanoArchNunzMonaco410fasc2ff2r-5vActaBenedictiPP.XVÜbersetzgAndreaGeselle
Kurz nach seinem Amtsantritt beschrieb Benedikt XV. am 01. November 1914 in seiner Enzyklika Ad Beatissimi eine vom “schrecklichen Gespenst des Krieges” beherrschte Welt mit einem von Toten und Verwundeten übersäten Boden. “... wer kann sich vorstellen, dass diese Menschen ... von ein und demselben Ahnen abstammen, dass sie alle Teil derselben Menschheit sind?” Am 3. Jahrestag des Beginns des 1. Weltkriegs, am 01. August 1917, intervenierte der Papst erneut in einem besorgten Appell bei den Staatsoberhäuptern der kriegführenden Länder - ohne Partei zu ergreifen. Was später als Friedensintervention gegen das sinnlose Gemetzel in die Geschichte einging, hatte damals mit Ausnahme des österreichischen Kaisers keinerlei Wirkung. Foto oben: Überreichung der Friedensnote durch Nuntius Eugenio Pacelli (dem späteren Pius XII.) beim Deutschen Kaiser in Bad Kreuznach 1917. Nicht zuletzt wegen dieser Friedensinitiative des großen diplomatischen Papstes hat Joseph Kardinal Ratzinger als Papst den Namen Benedikt XVI. gewählt.

Foto oben: St.Georg in Bagdad nach der Explosion einer Autobombe. „Bleiben wir in diesem Land, das unsere Heimat ist”. Der Patriarch von Babylon der Chaldäer, Emmanuel III. Delly erklärt: „Ich werde weiter alle Politiker bitten, sich für den Frieden im Irak ein- zusetzen. Auch die Massenmedien können viel tun, wenn sie konstruktive Nachrichten verbreiten und nicht versuchen, die eine oder andere Gruppe schlecht zu machen. Gute Nachrichten ermutigen unser Volk, in diesem Land zu bleiben, das unsere Heimat ist."
Auf der Versammlung der Hilfswerke für die Orientalischen Kirchen in Rom brachte Papst Benedikt XVI. seine Anteilnahme am tragischen Schicksal des irakischen Volkes und der dort lebenden Christen zum Ausdruck, sprach von einer „Stunde des wahren Martyriums für den Namen Christi.” Unter den Zuhörern war auch der Patriarch von Babylon der Chaldäer, Emmanuel III. Delly, der zur jüngst abgehaltenen Synode der Chaldäer nach Rom gekommen war. Ein jeder im Publikum ver- stand, dass der Papst dem Patriarchen mit dieser Beurteilung der irakischen Tragödie seine volle Unterstützung für dessen Arbeit als Bischof der Chaldäer bekundete.
chaldäische Beterin, Bagdad
Seit einigen Monaten sind besonders die Christen im Irak Opfer der Terrorgruppen und Verbrecher- organisationen. Besonders in Bagdad, aber nicht nur dort. In Mosul wurden Pater Ragheed Ganni und drei seiner Helfer von einem Hinrichtungskommando überrascht und kaltblütig erschossen Foto unten. Das war am 3. Juni 2007. „Ohne Sonntag, ohne Eucharistie, können wir nicht leben,” pflegte der chaldäische Priester zu sagen, wenn er von den irakischen Christen sprach. Ein Ausspruch, den die ersten Christen geprägt hatten. Aber kann man die Verantwortung für das Leid der irakischen Christen wirklich einfach nur den Muslimen anlasten? Der Patriarch der Chaldäer bezweifelt das. Die italienische Monatsschrift 30Tage hat den Patriarchen von Babilon um ein Inter- view gebeten. Foto unten rechts: Patriarch von Babylon der Chaldäer, Emmanuel III. Delly

Die Tragödie im Irak scheint kein Ende nehmen zu wollen. Seit der Ermordung von Pater Ragheed Ganni hat man nun wohl erkannt, dass auch die chaldäische Kirche einen hohen Preis zahlen muss. Was sagen Sie als Patriarch dazu? Anstatt zu fragen, was der chaldäische Patriarch denkt, sollte man sich besser fragen, was den Menschen im Irak widerfährt - und zwar allen, Christen und Muslimen... Es stimmt zwar, dass sich die Lage der Christen in den letzten Monaten zugespitzt hat. Aber sie ist ohnehin schon tragisch für die Iraker eines jeden Glaubens, Christen, Muslime, Mandäer, Yeziden ... Die Regierung kann nichts tun, weil nicht alle das Wohl des Irak wollen ... Und ich frage mich, ob diese Menschen, die nicht das Wohl des Irak wollen, wirkliche Iraker sind. Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß ist, dass eine Autobombe jedes Leben niedermäht: das der Christen, Muslime, Mandäer und Yeziden, ohne Unterschiede. Und ich weiß, dass die Seele eines jeden Irakers heute von der Angst beherrscht wird: die Sonne geht auf, aber niemand weiß, ob er sie auch wieder untergehen sehen wird. Worin hat sich diese Eskalation der Gewalt gegen die Christen in den letzten Monaten gezeigt? Bisher ging es um eine Art „Abrechnung” zwischen Sunniten und Schiiten. Und damit ist es noch lange nicht vorbei. Wer diese gewalttätigen Fanatiker sind, weiß ich nicht, ich kenne die Terroristen nicht. Und auch die Regierung weiß es nicht. Die Christen haben im Irak ein friedliches Leben geführt, schon bevor der Islam hierher kam. Sie haben die Muslime aufgenommen und lebten immer in Frieden mit ihnen, was für alle von Vorteil war. Aber heute reicht das nicht mehr. In Bagdad und Mosul, aber auch in Kirkuk oder Bassora, kommt es seit ein paar Monaten vor, dass diese Gruppen Gewalttätiger an die Türen der Christen klopfen. Zuerst verlangen sie, dass man ihnen eine Art „Steuer” zahlt. Manchmal zwingen sie ganze Familien, öffentlich zum Islam zu konvertieren. Sie zwingen die Familien- väter, einem der jungen Männer der Bande eine ihrer Töchter zur „Frau” zu geben und vertreiben sie dann aus ihrem Haus, ja, aus dem Land. „Das ist nicht eure Heimat!” sagen sie. In der letzten Zeit wurden Hunderte von christlichen Familien aus dem Land getrieben, mehrere Dutzend gezwungen, zum Islam zu konvertieren. Dann noch die Entführungen: viele der Entführten, die nicht konvertieren wollten, sind ermordet worden. So sieht unser Leben aus. Die Menschen sind unglücklich, wissen weder ein noch aus. Die Flucht scheint der einzige Ausweg zu sein. Viele sind in den Norden des Landes geflüchtet, in die Heimatdörfer ihrer Väter. Aber was sollen sie dort, ohne Wurzeln, ohne Arbeit? Wenigstens im irakischen Kurdistan lebt Gott sei Dank ein großer Wohltäter: der Finanzminister und Vize-Ministerpräsident Sarkis Aghajan, der in den letzten drei Jahren 7.000 Häuser für die immigrierten Christen bauen ließ, sie ihnen gratis zur Verfügung stellte. Er lässt ihnen auch einen Mindestbetrag zukommen, der fürs Überleben reicht. Aber was sollen die Christen im irakischen Kurdistan tun, wenn es keine Arbeit gibt, keine Firmen, die sie einstellen? Sie sind und bleiben Ausländer, auch in ihren neuen Häusern im Norden ... Foto unten: Irakische Flüchtlinge drängen sich vor dem Uno-Flüchtlingsbüro in Damaskus.

Viele irakische Christen haben - wie inzwischen Millionen ihrer Landsleute - beschlossen, ins Ausland zu gehen. Ja, nach Syrien, Jordanien, in den Libanon... oder nach Europa... Aber das Einreisevisum für die Europäische Union zu bekommen, ist für einen Iraker so gut wie unmöglich. Eine Enttäuschung nach der anderen. Und deshalb bitte ich alle Regierenden, dazu beizutragen, dass im Irak wieder Frieden einziehen kann. Und zwar nicht nur für die Christen, sondern auch für die armen Muslime, die ganz genauso leiden wie wir: weil auch ihre Familien diesen Fanatikern ausgeliefert sind, die nicht davor zurückschrecken, Lösegeld zu erpressen. Am Tag vor der Beerdigung von Pater Ragheed Ganni ist noch ein anderer chaldäischer Priester entführt worden. Ja, man hat Priester entführt, Ordensleute, Christen; Unmengen von Lösegeld wurden gefordert. Bisher hat man sogar drei Menschen umgebracht: einen Protestanten, einen Orthodoxen und zuletzt unseren guten Ragheed Ganni. Der arme Pater Ragheed: nach der Messfeier haben er und seine Helfer - drei Subdiakone - die Kirche verlassen. Er war gerade im Auto auf dem Weg nach Hause, als er angehalten wurde. Sie befahlen ihm, die Hände zu heben - und dann haben sie ihn erschossen. Einfach so. Nach dem Mord an Pater Ragheed wurde, wie Sie ja wissen, noch ein anderer Priester entführt, zusammen mit vier seiner Helfer. Sie konnten nur befreit werden, weil wir für alle das Lösegeld bezahlt haben. Wie verhalten Sie sich normalerweise in solchen Fällen? Wenn Hunderttausende Dollar Lösegeld gefordert werden, sind uns die Hände gebunden. Woher sollten wir soviel Geld nehmen? Wir haben es nicht. Die wohlhabenderen chaldäischen Gläubigen sind bereits aus dem Land geflohen - inzwischen sind ohnehin nur noch die armen oder ganz armen da. Und die haben nichts, wir geben ihnen, was sie zum Überleben brauchen. Was sollen wir diesen Banditen schon zu bieten haben? Oft werden wir auch bedroht: „Entweder ihr zahlt, oder ihr werdet auf der Strasse bald einen Leichnam finden. Jemanden, den ihr gut kennt ...” Das ist der Irak heute. Ein ziemlich trostloses Bild. Ja, aber trotz allem sind wir nach wie vor Kinder der Hoffnung. Wir setzen unser Vertrauen in den Herrn und hoffen, dass diese dunklen Wolken bald vorüberziehen werden. Dass in unserem Land erneut Frieden herrscht und die Sonne wieder für uns scheint. Das hoffen wir als Christen, aber vor allem als Iraker. Foto unten: Bewaffneter Wachtposten vor einer Kirche in Kirkuk, Irak, am Ostersonntag.

Wie verhalten sich die öffentlichen Behördenvertreter? Jemand hat mich einmal gefragt, ob das, was hier passiert, Schuld der Regierung sei. Meine Ant- wort darauf lautete: „Ja - wenn es eine solche geben würde!”. Aber die gibt es nicht. Im Irak herrscht ein wahres Chaos. Die, die heute „regieren”, haben keinerlei Macht. Im Gegenteil, die Poli- tiker sind die ersten, die um Schutz bitten ... Und die Amerikaner zucken nur mit den Achseln und sagen: „It's not our job.” Aber wer hat dann Schuld? Die Amerikaner, die unser Land besetzt haben; unsere Regierung - wenn es eine solche gäbe -; die Mächtigen dieser Welt, die diesem Terror mit einem einzigen Wort Einhalt gebieten könnten, es aber nicht tun! Einem Terror, der im Irak vor nichts und niemandem Halt macht - weder vor Muslimen noch Christen, inzwischen aber ganz besonders nicht vor den Christen.

Schon einmal hat Papst Benedikt zum öffentlichen Beten und Fasten für den Irak aufgerufen. Und auch ich werde weiter alle Politiker bitten, sich für den Frieden im Irak einzusetzen. Auch die Massenmedien können viel tun, wenn sie konstruktive Nachrichten verbreiten und nicht versuchen, die eine oder andere Gruppe schlecht zu machen. Gute Nachrichten ermutigen unser Volk, in die- sem Land zu bleiben, das unsere Heimat ist. Ich persönlich werde bleiben, werde bis zum letzten Blutstropfen ausharren, den chaldäischen Gläubigen Mut machen. Damit sie bleiben, wie auch unsere Väter und Großväter geblieben sind, die mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Bleibt, habt Vertrauen zum Herrn und zu unserer Gottesmutter Maria, die uns beschützen wird, werde ich ihnen sagen. Ja, ich werde meine guten Gläubigen dazu ermutigen, hier zu bleiben.Ich werde mit ihnen sein, werde meinen letzten Tropfen Blut geben, wenn es der Wunsch des Herrn sein sollte, dass ich zum Märtyrer werde. Haben Sie Kontakte zu den religiösen Oberhäuptern der Schiitien und Sunniten? Ich habe nie aufgehört, mit ihnen zu reden, mit ihnen allen ... , damit unserem Land wieder Frieden gebracht wird - vor allem den Christen. Aber sie können derzeit nicht viel tun, genau wie ich selber auch. Ich habe für jeden Menschen meines Landes gebetet - angefangen beim Präsidenten. Und ich bitte alle Christen, darum zu beten, dass der Herr mit uns ist. Dass er, der selbst der Frieden ist, dem Irak - Land Abrahams - wieder Frieden bringt. In den Zeitungen stand zu lesen, dass bei Ihrer letzten Synode darüber diskutiert wurde, die Christen in geschützten, abgeschlossenen Zonen unterzubringen. Wir wollen den Irak für die Iraker, weil wir Söhne und Töchter einer einzigen Familie sind. Wir wol- len kein „Ghetto” für die Christen. Wir Iraker mögen verschiedene Bezeichnungen haben, aber wir haben doch alle denselben Vater Abraham, und eine einzige Heimat. Das Land vereint uns. Es ist unser Land, und das war es von Anfang an! Es gab keine Teilung, der Glaube eines jeden wurde respektiert. Kurzum:die Religion ist für jeden, eine Heimat für alle. Der Irak muss für alle Iraker sein! Wir müssen uns keinen „christlichen Winkel” aussuchen, um uns zu verstecken. Als Christen haben wir nämlich immer für die Entwicklung unserer schönen Heimat zusammen gearbeitet. Haben die Christen wirklich all dieses Unrecht tatenlos hingenommen? Die Christen dürfen nicht einmal daran denken, Gewalt mit Gewalt zu vergelten! Wir greifen nicht zu den Waffen. Das würde ich niemals raten! Jesus hat gesagt: „Betet für die, die euch nicht lieben, für die, die euch verfolgen und schlecht über euch reden.” Er selbst hat uns das gelehrt, und wir vertrauen darauf, dass er uns helfen wird! Als Ver antwortlicher für meine Christen werde ich niemals zur Gewalt auffordern, sondern dazu, alles zu ertragen und auch für unsere Feinde zu beten. Wie wäre es mit einer politischen Reaktion - einer Art organisierter Bewegung der Christen? Damit könnte man auf die Behörden Druck ausüben, und die Bischöfe hätten so mehr Gewicht in der Politik... Wie sollten die Christen in einer Situation, in der niemand Macht hat, die Dinge ändern können? Wie sollte man in dieser Situation meinen können, die Schaffung einer politischen Lobby würde etwas ändern? Vertrauen wir die Herzen und die Wünsche doch lieber dem Herrn an! Aber lassen Sie mich dazu noch eines sagen. Ich bitte darum. Ich bin zuversichtlich, dass “30Tage” die Dinge auch wirklich so berichtet, wie sie sind; keine Hintergedanken hat, sondern zum Wohl der Seelen und zum Heil der Welt, und nicht aus Eigennutz handelt. Andere Journalisten haben Dinge geschrieben, die den Chaldäern geschadet haben, sind in den Bereich der Kirche eingedrungen, haben den irakischen Christen moralischen, spirituellen und politischen Schaden zugefügt. Die chaldäische Kirche war und ist friedliebend; sie wird allen nur Gutes tun, wie uns unser Herr Jesus Christus gelehrt hat.

Ohne Gerechtigkeit kein Friede!In seiner Ansprache bei der Begrüßungszeremonie in Bethlehem am 13. Mai 2009 spricht sich der Heilige Vater erneut für eine Zwei-Staaten-Lösung aus. Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas empfängt Papst Benedikt in Bethlehem.
Herr Präsident! Liebe Freunde! Ich grüße Sie alle von Herzen und danke Präsident Mahmud Abbas für seine freundlichen Begrüßungsworte. Meine Pilgerreise in die Länder der Bibel würde ohne einen Besuch in Bethlehem, der Stadt Davids und dem Geburtsort Jesu Christi, unvollständig bleiben. Ebenso wenig hätte ich ins Heilige Land kommen können, ohne die freundliche Einladung von Präsident Abbas anzunehmen, diese Gebiete zu besuchen und das palästinensische Volk zu grüßen. Ich weiß, wie sehr Sie an der seit Jahrzehnten in diesem Land herrschenden Unruhe gelitten haben und weiter leiden. Mein Herz wendet sich all jenen Familien zu, die kein Zuhause mehr haben. Heute nachmittag werde ich das Aida Refugee Camp besuchen, um den Menschen, die so viel verloren haben, meine Solidarität zu bekunden. All jenen unter Ihnen, die über den Verlust von Angehörigen und Freunden in den gewaltsamen Auseinandersetzungen und besonders in den jüngsten Konflikten in Gaza trauern, versichere ich mein tiefes Mitgefühl und mein häufiges Gebetsgedenken. Ja, ich bete jeden Tag für Sie alle, und ich bitte den Allmächtigen aufrichtig um Frieden, um einen gerechten und dauernden Frieden in den Palästinensischen Gebieten und in der ganzen Region. Die Flamme der Hoffnung am Leben erhalten Herr Präsident, der Heilige Stuhl unterstützt das Recht Ihres Volkes auf eine eigenständige palästinensische Heimat im Land seiner Vorfahren in Sicherheit und in Frieden mit seinen Nachbarn innerhalb von international anerkannten Grenzen. Auch wenn die Verwirklichung dieses Ziels heute noch fern erscheint, fordere ich Sie und Ihr Volk auf, die Flamme der Hoffnung am Leben zu erhalten, einer Hoffnung, dass ein Weg gefunden werden kann, die legitimen Ansprüche beider Seiten, der Israelis und der Palästinenser, zu erfüllen. In den Worten des verstorbenen Papstes Johannes Pauls II. gibt es „keinen Frieden ohne Gerechtigkeit und keine Gerechtigkeit ohne Vergebung" Botschaft zum Weltfriedenstag 2002. Ich rufe alle Parteien dieses langandauernden Konflikts auf, alle Ressentiments und Spaltungen zu überwinden, die der Versöhnung noch im Weg stehen, und großzügig und mitfühlend auf alle ohne Unterschied zuzugehen. Ein gerechtes und friedliches Zusammenleben zwischen den Völkern des Nahen Ostens kann nur durch einen Geist der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Respekts erreicht werden, in dem die Rechte und die Würde aller anerkannt und geachtet werden. Ich bitte Sie alle, ich bitte Ihre Verantwortungsträger, einen erneuten verbindlichen Entschluss zu fassen, auf diese Ziele hinzuarbeiten. Insbesondere rufe ich die internationale Staatengemeinschaft dazu auf, ihren Einfluss zugunsten einer Lösung geltend zu machen. Glauben und vertrauen Sie, dass durch einen ehrlichen und ausdauernden Dialog unter voller Achtung der Anforderungen der Gerechtig- keit wirklich ein dauerhafter Friede für diese Länder erreichbar ist. Ich habe die feste Hoffnung, dass die ernsten Bedenken bezüglich der Sicherheit in Israel und in den Palästinensischen Gebieten bald hinreichend beschwichtigt werden können, sodass eine größere Bewegungsfreiheit möglich wird, vor allem hinsichtlich des Kontakts zwischen Familienangehörigen und hinsichtlich des Zugangs zu den heiligen Stätten. Palästinenser haben wie alle anderen ein natürliches Recht, zu heiraten, Familien zu gründen und zu Arbeit, Ausbildung und Gesundheitsfürsorge Zugang zu erhalten. Ich bete auch dafür, dass mit Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft der Wieder- aufbau rasch voranschreiten, kann, wo immer Wohnhäuser, Schulen und Spitäler beschädigt oder zerstört worden sind, insbesondere während der jüngsten Kampfhandlungen im Gazastreifen. Dies ist wesentlich, damit alle Menschen dieses Landes in Umständen leben können, die zu Frieden und Wohlstand führen. Eine stabile Infrastruktur wird Ihren jungen Menschen bessere Möglichkeiten eröffnen, sich wertvolle Fähigkeiten anzueignen und eine einträgliche Arbeitsstelle zu finden, damit sie so ihren Teil zum Aufbau des Lebens Ihrer Gemeinschaften beitragen können. Lasst nicht zu, dass Bitterkeit und Groll im Herzen wachsen An die vielen jungen Menschen im Bereich der Palästinensischen Gebiete richte ich diesen Appell: Lasst nicht zu, dass der Verlust von Leben und die Zerstörung, die ihr mit ansehen musstet, in euren Herzen Bitterkeit und Groll wachsen lassen. Habt den Mut, jeder vielleicht von euch verspürten Versuchung zu widerstehen, Gewalt anzuwenden oder terroristische Akte zu begehen. Was ihr erfahren habt, soll vielmehr eure Entschlossenheit erneuern, Frieden zu stiften. Es soll euch mit dem tiefen Verlangen erfüllen, einen bleibenden Beitrag zur Zukunft Palästinas zu leisen, damit es auf der Weltbühne den ihm zustehenden Platz einnehmen kann. Es soll in euch Gefühle des Mitleids für alle Leidenden wecken, Eifer für die Versöhnung und einen festen Glauben, dass eine bessere Zukunft möglich ist. Herr Präsident, liebe Freunde, die hier in Bethlehem zusammengekommen sind, ich bitte für das ganze palästinensische Volk um den Segen und den Schutz unseres himmlischen Vaters und ich bete innig, dass der Gesang, den die Engel an diesem Ort erklingen ließen, in Erfüllung gehe: Friede auf Erden, guter Wille unter den Menschen. Vielen Dank. Gott sei mit euch. DT090514
Bischof Michael Goro Matsuura, Osaka
Es gibt in Japan Bestrebungen, das in der Verfassung verankerte Verbot der Kriegsführung aufzuheben. Dagegen protestiert Weihbischof Michael Goro Matsuura in Osaka, der Vorsitzende des Rates für Gerechtigkeit und Frieden der japanischen Bischofskonferenz Foto oben. Nach seiner Meinung hat das Säbelrasseln Nordkoreas und der Druck der Bush-Administration dazu beigetragen, den seit 60 Jahren bewährten Verzicht auf kriegsführende Handlungen, der in der Verfassung festgeschrieben ist, in Frage zu stellen. „Mehr und mehr Leute fangen an, den Artikel 9 (Anti-Kriegs-Option) der japanischen Verfassung aufzugeben”. Dieser Artikel erklärt: „Das japanische Volk hat für immer Krieg und Gewalt als Mittel der Politik entsagt. Das Recht auf Kriegsführung wird dem Staat nicht zuerkannt.” Bischof Matsuura sieht in der engeren Zusammenarbeit der US-Armee in Japan mit den japani- schen Selbstverteidigungskräften, die in einem amerikanisch-japanischen Vertrag vereinbart wurde, dass die japanische Armee zu verändern drohe. Seit mehr als 60 Jahren hat kein japanischer Soldat im Kampfeinsatz jemanden getötet und keiner ist im Kampf gefallen. Nun sollen sich japanische Soldaten am globalen Kampf gegen Terroristen beteiligen. Der Bischof sagt: “Es gibt schwerwiegenden Grund zu der Annahme, dass die US-Regierung Japan ermutigt, ja Druck ausübt, Artikel 9 unserer Verfassung zu ändern”. Die USA seien unzufrieden über die mangelnde Unterstützung Japans hinsichtlich des Golfkrieges und der Konflikte in Afghanistan und Irak. „Ziel der amerikanischen Strategie ist es, durch die Verfassungsänderung die Zusammenarbeit der japanischen mit der amerikanischen Armee zu ermöglichen.” Bischof Matsuura sieht die Möglichkeiten der Selbstverteidigungskräfte unter der geltenden Verfassung als sehr restriktiv an. „Vieles kann unsere Armee nicht leisten. Das Militär dient aus- schliesslich zum Schutz gegen Angriffe von außen. Nach dem bilateralen Vertrag aber werden die japanischen Selbstverteidigungskräfte Teil der amerikanischen Armee und somit verfügbar für Einsätze außerhalb Japans”. Nachdem der Krieg im Irak begonnen war, musste das japanische Parlament ein neues Gesetz erlassen, damit 500 Soldaten der Selbstverteidigungskräfte auf Anfrage der USA für humanitäre Zwecke entsandt werden konnten. Der Bischof erinnert in Osaka an die Erklärung der japanischen Bischofskonferenz aus Anlass der Beendigung des 2. Weltkrieges im letzten Jahr: „Dürfen wir mit Recht nicht stolz sein auf die Tat- sache, dass wir seit 60 Jahren niemand im Kampf getötet haben, noch einer von uns gefallen ist ... Lasst uns also erneut feierlich erklären, nie wieder Krieg! Und niemals darf Krieg als Mittel zur Streitbewältigung gesucht werden!” Die japanischen Bischöfe sind besorgt, dass nach einer Änderung oder Streichung des Friedens- artikel 9 der Verfassung Japan als große militärische Bedrohung in Asien wahrgenommen wird, und eben dadurch die Region destabilisiert. „Der Rüstungswettlauf wird erneut beginnen und die Waffenindustrie in Japan wird aufblühen, weil der Waffenexport wieder zugelassen wird”, folgert Bischof Matsuura. Der Bischof zeigt sich zudem besorgt über die Änderung des Artikels 20 der Verfassung (Trennung von Kirche und Staat), wegen der früheren starken Verbindung zwischen japanischen Militarismus und dem Shintoismus, der bis Ende des 2. Weltkriegs Staatreligion in Japan war. Der alljährliche Besuch des japanischen Premierministers im Yasukuni-Schrein, eine heilige Stätte des Shintoismus für alle, die für den Kaiser gefallen sind, sei verfassungswidrig. Der Bischof erinnert daran, dass dieser Schrein Symbol sei für das frühere „Ideal junger japani- scher Männer, ihr Leben für den ‚Himmlischen Herrn’ hinzugeben.” ‚Himmlischer Herr’ sei eine wörtliche Übersetzung von „Tenno” – dem japanischen Gott-Kaiser. Ideologisch sei als dieser Schrein eine Glorifizierung der „gewalttätigen Vergangenheit Japans”. „Wir wollen lieber den Weg zu einer gewaltfreien und friedlichen Welt zusammen mit dem amerikanischen Volk gehen”, sagt Bischof Matsuura, und erinnert an die amerikanische Geschichte des Friedens, wie sie von Martin Luther King gelebt wurde. „Wir wünschen, dass Amerika seine Stärke und Fähigkeit zu einer Friedensvision durch Demokratie und nicht durch Gewalt führt. Darum widerspricht Bischof Matsuura der Änderung oder Abschaffung des Friedensartikels der Verfassung. CT060813JerryFilteau
Yasukuni
Schrein des friedlichen Landes. Warum „Yasukuni” ein Reizwort ist
Der Besuch eines japanischen Ministerpräsidenten am Yasukuni-Schrein Foto oben hat wieder einmal zu Protesten, vor allem in China und Südkorea, geführt. Aber auch in Japan gibt es Kritiker, zum Beispiel Politiker und Industriemanager, die dagegen sind, diesen Ort weiter aufzuwerten. Die meiste Zeit des Jahres ist das Schreingelände im Herzen der japanischen Hauptstadt eine Oase der Besinnlichkeit für Gläubige, Spaziergänger, Veteranen. Yasu bedeutet Frieden, Kuni heißt Land, doch für viele Asiaten symbolisiert dieser Ort vielmehr japanischen Revisionismus und den Militarismus der Vergangenheit. Bei der Kritik geht es weniger darum, dass ein Land eine Gedenkstätte für 2.466.344 Kriegstote unterhält, sondern dass dort auch 14 vom International Military Tribunal for the Far East (auch bekannt als Tokioter Prozesse) angeklagter Kriegsverbrecher gedacht wird, die entweder hingerichtet wurden oder im Gefängnis starben. Dazu zählt der Ministerpräsident und General Hideki Tojo, der schon an der Macht war, als Pearl Harbor angegriffen wurde. Von 1942 an war er auch Chef des Generalstabs. Das internationale Militärgericht bezeichnete ihn im November 1948 in seinem Urteil als Hauptverantwortlichen für die japanische Verschwörung zur Eroberung des Großostasiatischen Raumes. Ihm wurden auch un- menschliche Behandlung von Kriegsgefangenen und andere Kriegsgreuel zur Last gelegt. Tojo wurde zum Tode verurteilt und im Dezember 1948 gehängt. General Iwane Matsui gehört ebenfalls zu den Hingerichteten, die im Yasukuni-Schrein verehrt werden. Er war Befehlshaber der japanischen Trup- pen, die 1937 im chinesischen Nanking wüteten. Zu den prominenten Namen zählen General Seishiro Itagaki, Chefplaner des Einfalls in die Mandschurei und China, General Yoshijiro Umezu, letzter Chef des Generalstabs der Armee, sowie die Generäle Doihara, Muto und Kimura, regionale Befehlshaber in China und Südostasien. Dies sind nicht die einzigen verurteilten Kriegsverbrecher, denen in Yasukuni Respekt erwiesen wird. Doch diese vierzehn, und das ist ein weiterer Stein des Anstoßes, wurden erst 1978 in einer Nacht- und Nebel-Aktion in Yasukuni eingeschreint, was erst ein Jahr später bekannt wurde. Bis zum Kriegsende war der Shintoismus Staatsreligion, der gottgleiche Kaiser höchste Institution. Wegen der in der Nachkriegsverfassung vorgeschriebenen Trennung von Staat und Religion ist der Yasukuni-Schrein, gegründet 1869 und bis 1945 vom Staat finanziert, heute eine private Religions- gesellschaft. Das „Einschreinen” geschieht in einer Zeremonie, bei der die Namen der Toten in ein symbolisches „Seelenregister” eingetragen werden, das ins Allerheiligste des Schreins getragen wird. Sie werden dann als Götter, heroische Seelen oder Märtyrer verehrt. Der religiöse Hintergrund dieses Rituals ist vielschichtig. Kritikern wird entgegnet, dass nach shintoistischem Glauben mit dem Leben auch die Sünden dahinscheiden, und, so heißt es, die ruhelosen Seelen beheimatet und besänftigt würden. Hinzu kommt, und dieses Argument nimmt auch Ministerpräsident Koizumi für sich in An- spruch, dass Yasukuni für viele Japaner ein Ort der Erinnerung und des stillen Gedenkens an die vielen Gefallenen sei, ein Ort des Gebets und nicht der Ehrerweisung. Das steht allerdings im Kontrast zu der vom Yasukuni-Schrein ausgehenden und betriebenen Geschichtsklitterung. In seiner Selbstdarstellung, in offiziellen Publikationen und im dazugehörigen Museum werden die Soldaten und ihre Feldzüge verklärt, so dass ihr Andenken nicht beschmutzt wird. „Japans Traum von einem großen ostasiatischen Reich wurde durch die Geschichte erzwungen und von den Ländern Asiens angestrebt”, wird auf der Internetseite des Shinto-Heiligtums erklärt. Das Tribunal der Alliierten sei eine Farce gewesen, die verurteilten Kriegsverbrecher seien fälschlich angeklagt worden. Viele Japaner tun es ihrem Ministerpräsidenten gleich und gehen zum Schrein. AnneSchneppenFAZ060817

Fünf Millionen Menschen suchen Jahr für Jahr in Lourdes, dem größten Wallfahrtsort der Welt, ihren Frieden mit Gott. Ungezählte finden Frieden! Der Bischof von Lourdes, Monsignore Jaques Perrier Foto zeigt in seinem Leitwort für das Wallfahrtsjahr 2007 - Wege zum Frieden: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“
Das Leitwort von Lourdes im Jahre 2007 stammt vom heiligen Paulus 2. Korinther 5,20: “Lasst euch mit Gott versöhnen!” Was bedeutet dieser Satz? Versöhnung, Bedürfnis nach Versöhnung gibt es überall. Man muss die wissenschaftlichen Entdeckungen und den Respekt vor dem Menschen, die Freiheit und die Geschwisterlichkeit, die Wirtschaft und die Gerechtigkeit, die zeitgenössische Kunst und die breite Öffentlichkeit versöhnen. Es ist notwendig, dass Völker und soziale Gruppen sich untereinander versöhnen anstatt sich zu bekriegen oder zu ignorieren. Es ist besonders wichtig, dass die Menschen sich untereinander in ihrer Umgebung versöhnen: in der Familie, bei der Arbeit, in den Gruppen, zu denen man gehört - «immer ist das Verständnis zwischen den Menschen der Schlüssel zum Erfolg.» All das ist ziemlich einfach zu begreifen. Überall gibt es Streit. Ohne Auseinandersetzung gäbe es übrigens auch keinen Fortschritt. Auseinandersetzungen zwischen den Generationen gibt es nicht erst seit gestern. Auseinandersetzungen zwischen Völkern führen nicht notwendigerweise zum Krieg. Versöhnung, Einheit und Frieden sind möglich. Das gibt es nicht ohne Anstrengung: Man muss versuchen, den anderen zu verstehen und ihm Raum zu geben. Man muss seine Sichtweise ändern: Anstatt alles auf sich zu beziehen, sollte die Existenz der anderen akzeptiert werden trotz Vorurteilen, Blockaden oder Zusammenstößen in der Vergangenheit. Das gilt sowohl für die Beziehungen innerhalb einer Familie als auch für die Beziehungen zwischen Nationen: Im Europa des 20. Jahrhunderts gibt es das großartige Beispiel der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutsch- land. Aber wie ist es mit der Versöhnung mit Gott? Als sich der heilige Paulus an die Korinther wendet, stellt er fest: Eure Beziehungen zu Gott sind nicht gut. Ihr vergesst schnell. Schnell macht ihr das Gegenteil von dem, was Er von euch erwartet. Bald werdet ihr versucht sein, ihn ganz abzulehnen. Man muss das Zwiegespräch erneut aufnehmen. Man muss das Vertrauen wieder finden. Das schafft ihr nicht allein. Vielleicht wisst ihr nicht wie, oder ihr denkt, dass ihr von Gott zu weit entfernt seid, um wieder zu Ihm zu finden. Durch Seinen Sohn Jesus, der sogar Sein Leben für uns hingegeben hat, gibt Gott euch Zeichen. Lasst Christus wirken: Er kann euch mit Gott versöhnen. Kurz: "Lasst euch mit Gott versöhnen!" Von der Versöhnung zur Umkehr Versöhnungen auf menschlicher Ebene erfordern eine „Umkehr“. Dasselbe Wort findet sich wieder, wenn es um unsere Beziehungen zu Gott geht. Das ist ein zentrales Thema der Botschaft Jesu. Jesus ging wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium Mk 1, 14-15! Das Evangelium, die „gute Nachricht” ist, dass Gott, unser Vater, in Jesus, seinem Sohn, am Werk ist, um uns mit Sich zu versöhnen. Er hat die unendliche Distanz überbrückt, die uns von Ihm trennt. Durch Seinen Sohn ist Er zu uns gekommen. Jesus ist einer von uns. Er ist unser Bruder. Er öffnet uns das Haus des Vaters. Aber Er tut nichts ohne uns. An uns liegt es umzukehren. Worin besteht die Umkehr? > Es ist zunächst notwendig, unsere Sichtweise auf Gott zu ändern. Gott ist weder ein kompro- missloser Richter noch jemand, dem unser Tun gleichgültig ist. Er erwartet von uns eine Antwort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Er ist der Vater des verlorenen Sohnes, den Er mit Ungeduld erwartet, und dem Er entgegenläuft, sobald Er ihn sich nähern sieht. > Es ist notwendig, unsere Sichtweise auf das Leben und die Welt zu ändern. Gott hilft uns dabei durch die Stimme unseres Gewissens. Aber diese wird oft irritiert: Wie viele Verbrechen wurden nicht mit einem guten Gewissen begangen? Deshalb erleuchtet uns Gott, indem Er uns die „zehn Worte”, gewöhnlich die „zehn Gebote” genannt, gibt: sie gelten für jeden Menschen, auch wenn sie ur- sprünglich an Israel gerichtet sind. Seinen Jüngern verkündet Jesus die Seligpreisungen. Die Selig- preisungen sind nicht Paragraphen eines Verhaltenskodexes. Es sind die Eingangstüren zum Reich Gottes. > Es ist notwendig, unsere Sichtweise auf uns selbst zu ändern. Es ist notwendig festzustellen, dass wir uns im Weg getäuscht haben, dass wir schlecht gehandelt haben, oder dass wir nicht gehandelt haben, wenn es notwendig gewesen wäre. Diese Fehler passieren uns immer wieder, aber das ist kein Grund, frustriert zu werden. Wir müssen damit aufhören, uns zu rechtfertigen oder zu verurteilen: Stellen wir uns mit Vertrauen unter den Blick Gottes, der uns besser kennt als wir selbst es tun. Von der Umkehr zur Buße Statt „Umkehren” könnten wir auch sagen „Bereuen” oder „Buße tun”. Die Buße hat einen sehr re- duzierten und fast lächerlichen Sinn bekommen. „Buße tun” erinnert an die Kinder, die der Lehrer früher „in die Ecke” verdonnerte. Buße ist das Gegenteil zum Prinzip des Vergnügens, das heute überwiegt. Unsere westliche Zivilisation merkt, dass sie manches auf den Kopf gestellt hat. Der Liberalismus schafft neue Armut, neue Frustrationen, neue sexuelle Gewalt und neuen Protek- tionismus. Als Maria Bernadette zur Buße einlädt, ist das 19. Jahrhundert dabei, in gefährliche „... ismen“ abzugleiten: Kapitalismus, Nationalismus… Viele Menschen haben heute ein besseres Auskommen, aber die Gesellschaft ist beunruhigt und unsicher über ihren Zusammenhalt und ihre Zukunft. Das äußert sich in der Schwierigkeit, politische Projekte anzugehen. Kurz, die Idee, dass man seine Einstellung ändern und auf bestimmte Illusionen verzichten muss, ist aktuell und offensichtlich für all jene, die nachdenken. Der Weg der Umkehr ist mühsam, zugleich aber auch befreiend. Als der verlorene Sohn be- schließt, zu seinem Vater zurückzukehren, tut er dies nicht mit Freude im Herzen Lukas 15,17. Aber es ist die beste Lösung für ihn, und er hat noch genug Vertrauen zu seinem Vater, um sicher zu sein, dass dieser nicht Vergeltung haben will. Petrus hat Jesus dreimal nach dessen Verhaftung verleugnet. Am Morgen tritt dann Jesus aus dem Haus des Hohenpriesters. Sein Blick kreuzt jenen von Petrus. Dieser Blick ist sowohl Vorwurf als auch Einladung zum Vertrauen: Petrus weint bitterlich, berichtet der Evangelist Lukas 22, 61-62. Der Weg der Umkehr ist schwierig. Deshalb bittet die Jungfrau Maria Bernadette, für die Sünder zu beten. Ihr ganzes Leben lang (Bernadette lebte nach den Erscheinungen noch einundzwanzig Jahre) betet sie für die Sünder. Sie opfert ihre täglichen Schmerzen, jedes Leid und jeden Augenblick „für die Sünder”. Das ist ein Aspekt des katholischen Glaubens: Jeder ist für sich selbst verantwortlich, aber wir leben nicht allein. Es gibt nicht nur Christus und die Heiligen im Himmel, sondern auch die Schwestern und Brüder auf der Erde, mit denen wir unsichtbar verbunden sind. Alle zusammen bilden wir die Gemeinschaft der Heiligen, aller Heiligen. Lourdes, ein Ort der Umkehr In Lourdes gibt es viele Ausgangspunkte für einen Weg der Umkehr. Eine Tatsache von Lourdes: Die Vielzahl der Menschen, die hierher kommen, zeigt, dass die Frage des letzten Sinnes unseres Lebens keine überholte Frage ist. Lourdes ist ein Ort, in dem alle, auch Nichtchristen, sich über ihr Leben Gedanken machen und Antworten finden können. Die Person von Bernadette regt an, die Dinge anders zu sehen. Bernadette ist uns durch ihre Freiheit des Geistes und des Wortes sympathisch. Aber aus menschlicher Sicht betrachtet ist Bernadettes Leben zunächst ohne Bildung, von schlechter Ge- sundheit, in einer verarmten Familie, dann im Hospiz von Lourdes und schließlich im Kloster von Nevers nicht unbedingt beneidenswert. Und doch verändert sich seit fast hundertfünfzig Jahren - dank ihr - das Leben von Millionen von Menschen. Maria, die Unbefleckte Empfängnis. Auch ohne genau zu wissen, was dieser Ausdruck bedeutet, und auch wenn ihre Statuen nicht begeistern sollten, verbinden wir mit Maria Schönheit, Licht und Heiligkeit. Und sie ist eine Frau. Jesus hat sie uns zur Mutter gegeben. Eine Mutter ermutigt und gibt Vertrauen. In Lourdes lächelt die Dame meistens, wenn sie Bernadette erscheint. Ihr Gesicht ist traurig, als sie zur Buße aufruft: Sie, die ohne Sünde ist, weiß besser als wir, dass die Sünde eine Sackgasse ist. Sie leidet für uns - wie Jesus am Kreuz. Die Kranken und ihre Helfer. Krankheit, hohes Alter, schwere Behinderung – all dies wird häufig in den Hintergrund gedrängt. Hier in Lourdes nehmen diese Menschen den ersten Platz ein. Die Helfer, die für sie da sind, sind glücklich in ihrem Dienst, opfern dafür einen Teil ihres Urlaubs und tragen sogar selbst ihre Kosten. Dies führt dazu, dass man sich über den wahren Wert der Dinge Gedanken macht, und einige erkennen dabei eine Leere in ihrem Leben. Die Grotte. Ständig beten Menschen an der Grotte. Das war schon während der Erscheinungen so. Seit der zweiten Erscheinung war Bernadette von Menschen umgeben, die beteten oder skeptisch beob- achteten. Man sollte durch die Grotte durchgehen. Da bin ich nicht allein: Während einige vor der Grotte beten, gehen andere vor mir und nach mir in einer langsamen Prozession, um in die Grotte hinein zu gelangen. Ich sehe die Quelle reinen Wassers, die mich an die Taufe erinnert, an das neue Leben als Kind Gottes. In der Grotte ist es ein wenig düster: Die Sünde hindert mich daran, deutlich zu erkennen. Aber ich gehe hin zum Licht, wenn ich am Kerzenständer vorbei komme: ein Symbol für Christus und die Heiligen. Den Weg bin ich unter dem Blick Mariens gegangen, deren Statue in der Felsnische steht, und die zu Bernadette sagte, dass sie niemandem von uns weit entfernt ist. Der Gang durch die Grotte ist ein Weg der Umkehr. Der Wasserweg und die Bäder. Gegenüber der Grotte sind neun Wasserstationen mit dem Wasser der Quelle. Sie sind nicht dazu da, um Behälter zu füllen, sondern ich kann dort die Gesten nachahmen, um die die Dame Berna- dette gebeten hatte: “Trinken Sie aus der Quelle und waschen Sie sich dort.” David, ein großer Sünder, sagte zu Gott: Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde! Psalm 51,4 Jede Wasserstation trägt einen Namen aus der Bibel und verweist auf eine Stelle in der Heiligen Schrift. Einige eignen sich besonders für diejenigen, die den Weg der Umkehr be- schreiten wollen. Noch symbolischer ist das Bad in den Bädern: Siehe im Offiziellen Begleiter für den Wallfahrtsort. Die Kreuzwege. Es gibt mehrere Kreuzwege in Lourdes: auf dem Hügel Espélugues, auf der großen Wiese, in der Basilika St. Pius X., in der Kirche St. Joseph usw ... Der Kreuzweg macht uns mehr betroffen als eine Predigt. Wer ist derjenige, der unschuldig schändlich getötet wird? In diesem Drama, das nicht abgeschlossen ist, sind wir an der Seite von Pilatus, der sich die Hände wäscht, der Schaulustigen, die hämisch lachen, des Verurteilten, der beleidigt wird, von Simon von Zyrene, der das Kreuz tragen hilft, von Veronika, die Sein Gesicht abwischt, des Hauptmannes, der erkennt: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.” Mk 15,39. Es gibt also viele Ausgangspunkte und Wege der Umkehr in Lourdes. Jene, die aufgezählt wurden, sind nicht die einzigen. Viele wünschen, ganz gleich wie ihr Weg gewesen ist, weiter zu gehen und das Sakrament der Versöhnung, auch „Bußsakrament” oder „Beichte” genannt, zu empfangen. Nach seiner Auferstehung hat Jesus den Aposteln am Abend des Ostertages gesagt: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.” Durch die Sendung des Heiligen Geistes am Tag ihrer Priesterweihe erhalten die Priester diese Vollmacht, die sie nicht in ihrem Namen ausüben, sondern im Namen Christi. Durch seinen Tod zeigt uns Jesus, wie weit die Liebe Gottes für uns geht. Durch seine Auferstehung zeigt er uns, dass das Böse nicht das letzte Wort hat. Hier die Formel, durch die der Priester die Vergebung (Lossprechung) der Sünden zuspricht: Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden. Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Normalerweise verlangt der Priester, eine „Buße” zu tun. Das ist eine Geste oder ein Gebet. Damit zeigen wir, dass unser Wunsch zur Umkehr ernst gemeint ist, selbst wenn wir unsere Schwäche kennen, und dass wir die Gnade in die Tat umsetzen wollen, die uns im Sakrament geschenkt wurde. Versöhnung und Versöhnungen Kommen wir zu unserem Ausgangspunkt zurück: dem Bedürfnis nach Versöhnung. Jesus hat die Vergebung Gottes verknüpft mit der Vergebung, die wir gewähren. Wir finden das insbesondere im Gebet des Vater unser: ... vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Die Vergebung kann man wie den Frieden nicht aufspalten. Wir können den Frieden Gottes nicht erbitten, wenn wir Rachegedanken hegen. Übrigens riskiere ich, wenn ich solche Gedanken anderen gegenüber hege, weil sie mir Böses antun, solche Gedanken auch Gott gegenüber zu hegen, der mir diese Prüfung auferlegt hat. Ich könnte meinen, dass die Vergebung über meine Kräfte geht. In Lourdes verlieren in An- betracht des vielen Leids aber auch des großen Glaubens und der Liebe meine Gefühle und meine Probleme an Bedeutung. Die Gnade des Sakramentes ist groß genug, um den Hass zu überwinden, wenn es mit einem aufrichtigen Herzen empfangen wird. Lourdes ist ein Ort, an dem Versöhnung geschieht oder sich dafür entschieden wird. „Lasst euch mit Gott versöhnen“: Der für das Jahr 2007 vorgeschlagene Weg ist nicht der einfachste, aber wir können auf ihm Licht und Frieden finden. Er könnte auch uns dieses schöne Sakrament wieder entdecken lassen, das vernachlässigt wurde: die Versöhnung. + Monsignore Jacques Perrier, Bischof von Tarbes und Lourdes
Lesen Sie mehr über Lourdes: Lourdes I

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