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Hamburg im Dunkeln

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Wer nicht sehen kann, muss fühlen

  Das Hamburger Abendblatt und die Hannoversche Allgemeine Zeitung bringen regelmäßig (und öfter als alle uns bekannten überregionalen Zeitungen) Berichte, Impressionen und Nachrichten über Blinde, die auch für blinde Mitbürger von hohem Wert sind. Wir möchten Ihnen hier barrierefrei daran Anteil geben.
        Auf dieser Seite sehen Sie schwarz. Das hat seinen Grund: Wir versetzen uns in die Welt der Blinden - beim DIALOG IM DUNKELN in der Speicherstadt in Hamburg. Alexandra zu Knyphausen und Nicole Wehr haben den Selbstversuch mitgemacht: die Umwelt nicht mit den Augen, aber mit allen anderen Sinnen zu erfassen. Probieren Sie es auch mal!

DIALOG IM DUNKELN:
   Die Ausstellung zum Selber-Erfahren befindet sich in Hamburg-Speicherstadt. Zunächst bringen wir Ihnen einen aktuellen Bericht von Nicole Wehr in der HAZ090825, anschließend beschreibt Alexandra zu Knyphausen ihre Erelbnisse beim ihrem Besuch im Dunkeln vor fünf Jahren HA040222. In Frankfurt am Main hat das Dialogmuseum eröffnet - eine hochinteressante Dauerausstellung.  Wir berichten darüber unten auf dieser Seite. Und für Ihren Urlaub in Portugal: Der als Kind erblindete Carlos Silveira führt Touristen mit Augenbinden durch Lissabon.

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Dialog im Dunkeln
»Die einzige Form zu lernen, besteht in der Begegnung.« Martin Buber, Das dialogische Prinzip
   Die Idee ist denkbar einfach: In völlig abgedunkelten Räumen führen blinde Menschen das Publikum in kleinen Gruppen durch eine Ausstellung. Aus Düften, Wind, Temperaturen, Tönen und Texturen wird ein Park, eine Stadt oder eine Bar gestaltet. Alltagssituationen, die in unsichtbarer Form eine völlig neue Erlebnisqualität erhalten.
   Ein Rollentausch findet statt: Sehende Menschen werden herausgelöst aus sozialer Routine und gewohnter Rezeption. Blinde Menschen sichern Orientierung und Mobilität und werden zu Botschaftern einer Kultur ohne Bilder. Der Zuspruch ist beachtlich: Dialog im Dunkeln wurde bisher in 26 Ländern Europas, Asiens und in Amerika präsentiert und beeindruckte über sechs Millionen Besucher weltweit.
   Seit April 2000 ist Dialog im Dunkeln in Hamburg zu erleben. Startete die Ausstellung zunächst öffentlich gefördert und zeitlich begrenzt, ist sie diesem Projektstatus längst entwachsen: Der Dialog im Dunkeln ist seit 2007 als eigenständige GmbH ein Sozialunternehmen, das auch international auf Erfolgs- kurs ist.
   Durch ihren Einsatz in den Ausstellungen haben weltweit schon fast 6.000 blinde Menschen im Dialog eine feste Arbeitsstelle gefunden; in Hamburg arbeiten 50 blinde Menschen – als Guides, Trainer oder in anderen Funktionen.
Weitere Informationen zum Dialog im Dunkeln: www.dialogue-in-the-dark.com

 Im Stadion: HSV-Fan Raman verfolgt das Spiel. HH-DialogImD-Raman-x

Ich sehe, was du nicht siehst
   Roman Goswani ist blind. In der Hamburger Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ führt er Sehende durch eine Imitation seiner Welt. Er will ihnen Berührungsängste nehmen. Nicole Wehr schreibt in der Hanno- verschen Allgemeinen Zeitung über eine dunkle Reise.  

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   Nach grün kommt schwarz. Nichts als schwarz. Zumindest für die nächsten 90 Minuten. Das DDR- Ampelmännchen springt von „stehen" auf „gehen" - dann beginnt die Finsternis. Mit nichts als einem Taststock ausgerüstet, wagen meine sieben Mitstreiterinnen und ich uns in den Tunnel, an dessen Ende uns eine fröhliche Stimme zu sich ruft.
   Es ist 14 Uhr, ein Sommertag in Hamburgs Speicherstadt. Ich bin Teil einer Gruppe, die von Raman Goswami durch die Ausstellung „Dialog im Dunkeln" geführt wird. Laut Gesetz ist der 20-Jährige blind: Seine Sehkraft liegt bei unter zwei Prozent, doch hier hat nur er den Durchblick. Raman ist einer von etwa 50 blinden oder sehbehinderten Guides, die täglich Menschen die Welt des Nichtsehens näher- bringen - auf 600 m2, in sie¬ben stockdunklen Räumen.
   „Vorsicht, rechts neben mir ist eine Stufe", sagt Raman in fürsorglichem Ton, kurz nachdem wir unsere Tour gestartet haben. Vögel zwitschern, ein Bach rauscht, der Boden ist weich. Wir sind im Park. Trotz völliger Dunkelheit halte ich meine Augen weit offen. Es flimmert, als hätte ich zu lange im Handstand gestanden. Wie ein Schutzschild schwenke ich meinen rechten Arm vor meinem Körper hin und her. Auf den Taststock will ich mich nicht verlassen. Alle paar Meter kommt mir ein Körperteil in die Quere. Meinen Tourge¬nossinnen geht es nicht anders. Ständig murmelt jemand ein verlegen-vergnügtes „Entschuldigung". Ich stelle mir vor, wie bescheuert ich wohl gerade aussehen muss. Aber das ist hier ja egal. In kleinen Schritten geht es voran.
   „Was könnt ihr riechen?", fragt Raman, als wir in einem dumpfen Raum mit vielen Fässern stehen. Er lenkt nicht nur unsere Füße, sondern auch unsere Sinne. Ich kann nur die Hälfte der Düfte zuordnen, Anita und Maria sind da besser. Wie riecht eigentlich Kardamom? Durchzählen, weitergehen. Raman hält seine Schäfchen souverän beisammen. Ich versuche, immer ganz vorne dabei zu sein. Selbst bei Tageslicht verlaufe ich mich schließlich oft genug. Auf dem Markt erkenne ich fast jede der ausgelegten Obst-und Gemüsesorten - Fühlen klappt gut. Beim Wochenendeinkauf auf dem Klagesmarkt urteile ich für gewöhnlich nur nach dem Aussehen. Ganz schön ignorant. Das Geschnatter meiner Mitläuferinnen strengt mich an. Ich will mich lieber auf die Umweltgeräusche konzentrieren.
   Davon gibt es in der „Innenstadt" genügend: Autos hupen, Metall scheppert, ein Brei aus Men- schenstimmen verstopft mein Ohr. Wo bitte ist die Ampel? „Ihr müsst versuchen, die Geräusche zu fil- tern", rät Raman. Es funktioniert. Ich höre ein Klopfen, dann ein Surren. Und marschiere los. Wie er denn eine Straße ohne Blindenampel überquere, frage ich Raman. „Ich verlasse mich auf Motorgeräusche. Wenn es still wird, kann ich gehen", sagt er. Doch jetzt steht er erst einmal: Als Kapitän bugsiert er unser Schiff schunkelnd durch den simulierten Hamburger Hafen und animiert uns zum Singen. Auf mehr als „Alle meine Entchen" können wir uns nicht einigen. Und selbst das ist eher ein Jaulen - das flaue Gefühl im Magen schlägt auf die Stimmbänder.
   Zurück an Land dürfen wir uns im Klangraum entspannen. Ich liege auf dem Teppich, die Bässe wum- mern in meinem Brustkorb. Endlich sind alle mal still und lauschen. Im Dunkeln sind Geräusche irgendwie intensiver. Die zehn Minuten sind viel zu schnell um. Ich bin erschöpft. Zum Glück steht nur noch ein Abschiedsgetränk in der Bar an - natürlich auch im Dunkeln. Gut, dass ich meine Geldstücke vorher abgezählt habe. Mit dem Zeigefinger im Glas schenke ich mir meinen Orangensaft ein und trinke so zaghaft wie schon lange nicht mehr.
   Wir sind zurück im Tunnel. Aus Schwarz wird Schmerz: Das Licht brennt in meinen Augen. Trotzdem bin ich froh, wieder Farben zu sehen.  Im Foyer treffe ich Raman.  Er trägt Baseballcap und Brille. Brille? „Aus Gewohnheit", sagt der junge Mann aus Wandsbek und lächelt verschmitzt. „ Sonst habe ich das Gefühl, dass der Wind meine Augen austrocknet." Ich hake ihn ein, gemeinsam verlassen wir das Gebäude Richtung Innenstadt. Jetzt hat Raman den Taststock und ich das Kommando. Das Dirigieren konnte er vorhin besser. Ich muss mich konzentrieren, um rechtzeitig Hindernisse anzusagen.
   Kurzsichtig ist Raman, solange er denken kann. Als er jedoch trotz Brille immer häufiger abends über Bordsteine stolperte, ging er zum Augenarzt. Damals war er elf Jahre alt. Der Arzt diagnostizierte Retini- tis Pigmentosa, eine Krankheit, die die Netzhaut zerstört. „Mit 15 Jahren wurde es dann richtig schlimm, da musste ich auf eine Blinden- und Sehbehindertenschule wechseln", erzählt Raman. Sein nächstes Ziel ist das Fachabitur:„Ich möchte den höchsten Bildungsgrad erreichen, damit mir alle Wege offen stehen", sagt er entschlossen. Ein möglicher Weg wäre für ihn die Ausbildung zum Industriekaufmann. Die dafür nötigen Hilfsmittel stellt das Beratungs- und Unterstützungszentrum sowie das Integrationsamt.
  Inzwischen sitzen wir uns auf zwei Holzbänken gegenüber. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass Raman blind ist - seinen großen, braunen Augen sieht man die Krankheit nicht an. Doch alles, was er von mir erkennt, sind schemenhafte Konturen. Seit dreieinhalb Jahren ist er Teil des „Dialog im Dun- keln"-Teams. Es ist sein erster Job. Manchmal sei es schon schwierig, die Teilnehmer zu unterhalten. Viele hätten einfach Angst. „Dann versuche ich, sie zum Lachen zu bringen", sagt Raman. Ohne Reden funktioniert die Tour nicht: „Einmal haben mich ein Vater und seine Tochter die ganze Zeit ignoriert, das war echt blöd. Aber dann habe ich es einfach genau so gemacht. Eine Beschwerde gab es hinterher trotzdem nicht", erzählt er.
   Von Sehenden wünscht sich Raman mehr Offenheit. Viele seien blockiert. „Die sollten einfach aus- probieren, mit uns zu sprechen. An der Reaktion merken sie dann schon, ob das gut war", sagt Raman. Ein Kellner habe statt ihn selbst mal seine Eltern gefragt, was er denn essen möge. Solche Situationen ärgern Raman, „aber ich finde mich dann damit ab. Sie sind es nicht wert, sich darüber aufzuregen."
   In seiner Familie ist Raman der einzige Blinde. Mit seinen beiden älteren Geschwistern versteht er sich gut. Sein Bruder hat ihm sogar das Schlagzeug spielen beigebracht - er begleitet Raman oft auf dem Keyboard. „Ich war nie das arme blinde Kind. Meine Eltern haben mich nie betüddelt", sagt er. Wenn er schlechte Noten nach Hause brachte, bekam er den gleichen Ärger wie seine Geschwister. In seiner Schule hätte er sich auch mehr Kritik gewünscht: „Wenn bei einer Aufführung jemand zu einem schlechten Playback gesungen hat, fanden es trotzdem alle toll. Sowas nervt."
   Auch wenn er Äußerlichkeiten nicht wahrnehmen kann, achtet er darauf, dass seine Kleidung farblich zusammenpasst. „Ich weiß ja, dass andere sehen, wie ich aussehe", sagt Raman. Beim Einkaufen hilft ihm seine Schwester: „Sie weiß genau, was mir gefällt." Seine lässigen Hip-Hop-Klamotten kann er am Stoff erfühlen. Die Blindenbinde trägt er nur, wenn er muss - bei Klassenausflügen zum Beispiel. Für Raman ist sie ein zusätzliches Stigma: „Ich habe damit noch viel mehr das Gefühl, dass die Leute mich angucken."
   Obwohl er mehr blinde als sehende Freunde hat, macht Raman in seiner Freizeit die gleichen Dinge wie ein „normaler" Teenager: „Ich gehe gern ins Kino", sagt er. Letztens habe er die Komödie „Hang-over" gesehen. „Man ist natürlich immer ein wenig Spätzünder, Situationskomik muss ich mir oft von Freunden erklären lassen. Aber ansonsten mache ich mir eben meine eigenen Bilder“, sagt Raman.
   Im HSV-Stadion genießt er die Atmosphäre, auch wenn er das Passspiel seiner Lieblingsmannschaft nicht sehen kann. „Auf den Audiodeskriptionsplätzen bekomme ich dafür viel mehr Informationen als die anderen Stadionbesucher - und ich kann sogar gratis eine Begleitperson mitnehmen", sagt Raman.
   In die Disko geht er nicht gerne - er mag es nicht, abhängig zu sein. Viel lieber geht er mit seinen Freunden bowlen: „Ich kann die Umrisse der Kegel und die Seitenstreifen erkennen. Das reicht schon mal für einen Strike", sagt er und grinst. Auch reisen findet Raman gut, am besten in fremdsprachige Länder. „Das ist eine größere Herausforderung", sagt er. Seine Lieblingsstadt ist London. „Die Leute sind total freundlich - sie begleiten dich sogar bis zu deinem Ziel. Hier in Hamburg ist jeder nur auf seinen eigenen Weg fixiert." Diesen Tunnelblick möchte er mit seiner Arbeit bei „Dialog im Dunkeln" weiten. „Die meisten Leute brauchen einfach nur einen Schub, weil sie nicht wissen, wie sie mit Blinden umgehen sollen", sagt Raman. Für ihn kann man dabei nichts falsch machen. Außer Schweigen.

Hier nun die Erlebnisse von Alexandra zu Knyphausen:

     Ich reiße die Augen auf - und sehe nichts, wie nachts ohne Mondschein. Nur noch dunkler. Keine Schatten, keine Unterschiede. Nichts, an das man sich halten könnte. So ist das also, blind zu sein. Mir wird heiß.
     Ich empfinde Enge, als wären die Wände ganz nah und die Decke ganz niedrig; fasse zu den Seiten hin, zur Decke: nichts dergleichen. Ich taste mich voran, in der Hoffnung, dass ich die anderen nicht anstoße. Stockdunkel - hat dieser Ausdruck mit dem Blindenstock zu tun den ich umklammere. Blödsinn.
     Jeder kann heute jederzeit abbrechen, hat uns jemand am Eingang der Ausstellung versprochen, in der wir das Unsichtbare entdecken sollen. Dieser „Dialog im Dunkeln” versteht sich als „Plattform zur Begegnung von behinderten und nicht behinderten Menschen”. Hier ist der Sehende der Behinderte, sogar Uhren mit Leuchtziffern müssen eingesteckt werden. Aber abbrechen wäre schade: Welche Ausstellung zieht den Besucher wohl so mitten ins Geschehen hinein wie diese?
     „Halten Sie den Stock 20, 30 Zentimeter vor sich und nach unten, damit Sie andere nicht verletzen” - so hat der Türsteher uns ins Ungewisse geschickt. Dort hören wir als Erstes Eva, unseren weiblichen Guide. Eva ist blind.
     „Jetzt gehen wir erst in den Park, da stehen Bäume”, sagt sie. „Sie müssen also aufpassen. Wenn Sie Ihren Stock verlieren: in die Hocke gehen und aufheben. Denn wenn Sie sich nach vorne bücken, könnten Sie jemanden anstoßen.” Ich versuche, die natürliche Grenze einzuhalten, die zwischen Menschen liegen sollte, damit jeder sich wohl fühlt. Keine Chance: Immer wieder stoße ich mit dem Stock an die Füße und Waden der anderen.
     Eva zieht weiter. „Gleich kommen Sie auf Rasen, dann gehen Sie schräg nach oben rechts, auf den Kiesweg. Bleiben Sie da stehen. Kommen Sie auf meine Stimme zu. “Hierbinich!” - Geflüstere. „Nee, Eva soll rechts liegen bleiben", höre ich. Das würde ich wirklich gerne sehen, aber nicht mal für diese Vorstellung bleibt Zeit, denn jetzt stoße ich jemanden an. „Sie haben einen schönen Pullover an”, sagt eine Stimme.
     Ja, wer nicht sehen kann, muss fühlen; muss hören, riechen und schmecken. Hier riecht es nach Nässe, Erde und Rasen. Dann sind die Ohren dran: Plätschern. Doch lange lauschen ist nicht drin, denn Eva fordert: „Fühlen Sie links, da sind Pflanzen.” Ich strecke meine Hand aus, berühre nasse Fäden. Pflanzen? Vielleicht exotische mit ledrigen Blättern. Ich gewöhne mich an das Dunkel und scharre im Kiesbett mit den Füßen: Muss echt sein. Evas „Hierbinich” lotst uns über eine Brücke. Bloß nicht ins Wasser fallen! „Gibts hier Spinnen?”, tönt es ängstlich hinter mir. „Nein, dann hätte ich meinen Arbeits- vertrag nicht unterschrieben”, beruhigt Eva. Alles grinst. Oder schließe ich nur von mir auf andere? Endlich wird das Plätschern klar: Ich fasse in einen Wasserfall. Er ist so laut, dass ich das Gefühl ver- liere, ob jemand in meiner Nähe ist. Jetzt federt der Boden. „Rasen“, verrät Eva.
     „Wir werden nun eine Hängebrücke überqueren, die wackelt.” Das vermittelt Jahrmarktsgefühle von Irrgärten und Zitterfußböden. Eine Frauenstimme stellt aber nur fest: „Hier ist es windig.” Stimmt: War uns eben noch heiß, streift uns jetzt ein kühler Luftzug. Keine Zeit, es zu genießen, denn Eva fordert: „Jetzt in den Dschungel, da gibts auch keine Spinnen und Schlangen.” Abhängig von ihrem „Hierbinich” fühle ich mich ziemlich orientierungslos. Im Urwald schreien Papageien und andere Tiere - vom Band. „Da sind auch Lianen, da müssen Sie durch”, ruft Eva.  Leicht gesagt. Ich öffne die Augen, so weit es geht, aber außer den Helligkeitserscheinungen, die man auch bei geschlossenen Augen hat, sehe ich nichts. „Das ist die Netzhaut, deshalb sehen Sie vielleicht graue oder weiße Ränder, sogar Gespenster”;  erklärt einer, der nach Augenarzt klingt.
    „Haben alle ihn angefasst?”, fragt plötzlich Eva. „Wen?”, hake ich nach. „Den Marterpfahl”, antwortet sie, erwischt meine Hand und führt sie an eine Rundung. „Das”, sagt sie, „ist das Auge einer Eule.” Ich befühle die gut einen Meter hohe Holzskulptur.
     Weiter geht es durch die „Stadt”, Evas Stimme nach, auf Kopfsteinpflaster. „Einmal Bordsteinkante nach oben.” Es klirrt. Ist jemand gegen das angekündigte Straßenschild gerannt? Auf einmal riecht es nach Sellerie, meine Hand berührt etwas: einen Apfel, zwei Äpfel, ein ganze Kiste voll. Vor meinem inneren Auge sehe ich sie knackig-grün da liegen. Wir sind auf dem Markt.
     Ich trete auf etwas Weiches, bücke mich laut Anweisung und hebe das Etwas auf: Porree. Stimmen, Straßenlärm und Hundegebell lenken mich vom Gefühl für den Ort und die Position der anderen ab. Ich glaube, ich stehe im Menschengewühl. Leicht hat man es als Blinder nicht, und gefährlich kann es auch werden.
     Jemand haut auf etwas hohl Klingendes. Mühsam finde auch ich den Gegenstand, befühle ihn. „Ein Fiat”, spekuliere ich. „Eine Ente”, antwortet Eva und ruft ihr „Hierbinich” schon wieder aus einer anderen Ecke. Verwirrend. Da gefällt mir unsere ruhige Bootsfahrt besser. Es schwankt zwar, aber man kann genauer auf eigene Empfindungen achten.
   „Glaubst du”, fragt mein Nachbar, „dass wir in 'nem echten Boot sitzen? Vielleicht haben die einfach nur eine riesige Wasserwanne aufgestellt und schaukeln uns ein bisschen.” immerhin mit Möwengeschrei und Hafengeräuschen. „Willst du 'n Pfefferminz?” Ich will, obwohl die Übergabe nicht  ganz einfach ist.
    „Haben wir hier einen schönen Blick”, schwärmt eine Dame: „Venedig!” Schon sehe ich uns in einer Gondel im Rhythmus der Wellen im Canal Grande schaukeln. Dann werden wir nass gespritzt - das ist nun schon wieder Realität. Im Sitzen, auf den Blindenstock gestützt, die Augen halb geschlossen, den Kopf so gewendet, dass ich gut hören kann, gebe ich dabei vermutlich genau das Bild ab, das Sehende von Blinden haben: nach innen gekehrt.
     Im Ruheraum danach darf man liegen. Tropfen hallen laut durch die künstliche Nacht, Trommeln, Rasseln und afrikanische Gesänge. Oft vibriert der Boden mit. Bis Eva kommt und uns mit ihrem „Hierbinich, ich komm auf Sie zuhuuuuuu” in die Bar mitnimmt. Dort kann man trinken, essen und sich mit den Guides unterhalten. „Hier steht ein Schild mit den Worten ,Willkommen in unserer Unsichtbar’, behauptet Eva.
     Alle lachen, keiner glaubts. Andererseits: Schließlich soll hier alles so sein wie in der Welt der Sehenden, die hier eben nichts sehen. Doch draußen wartet das Licht. Die erste kleine Dosis nach anderthalb Stunden scheint schon zu viel fürs Auge zu sein. Trotzdem sind wir heilfroh: endlich wieder sehen können!

Das ist „Dialog im Dunkeln" - Ein Sinn fehlt

   Sehende zu Blinden zu machen und Blinde zu Sehenden - die Idee zu diesem Rollentausch kam Dr. Andreas Heinecke bereits 1988. Damals arbeitete er bei der Stiftung Blindenanstalt und bildete blinde Journalisten für die Arbeit beim Rundfunk aus. Beeindruckt von ihrer Kompetenz, beschloss Heinecke, einen „sozialen Lernort zur Akzeptanz von Unterschiedlichkeit" zu gestalten, um Minderheiten mehr Respekt zu zollen. Das Konzept zur „Entdeckung des Unsichtbaren" begeistert: Die Ausstellung wurde bisher in 26 Ländern Europas, Asiens und in Amerika präsentiert und führte mehr als sechs Millionen Besucher in die Dunkelheit. Rund 6.000 Arbeitsplätze für blinde Menschen hat „Dialog im Dunkeln" bisher geschaffen. 2007 wurde das Projekt als eigenständige GmbH zu einem international erfolgreichen Sozialunternehmen.
   Seit April 2000 ist die Ausstellung in Hamburgs Speicherstadt zu erleben. Neben der kurzen und der langen Führung gibt es Sonderangebote für Schulklassen, Kindergeburtstage und Managementtraining. Beim „Dinner in the Dark" können Gourmets ein Vier-Gänge-Menu genießen. Alle Infos stehen im Internet unter dialog-im-dunkeln.deHA090825ole

DIALOG IM DUNKELN

     Eva Kliebisch, 25, in Bremerhaven geboren und ausgebildete Sekretärin, arbeitet seit August 2002 beim “DIALOG IM DUNKELN”  Alexandra zu Knyphusen schreibt über sie im Hamburger Abendblatt: “Wie Eva zu Hause die Buntwäsche erkennt - und sich als Blinde im Alltag zurecht findet”.
    Eva Kliebisch ist Guide beim „Dialog im Dunkeln" und von Geburt an blind. Hier erzählt sie, wie sie lebt: „Ich kann Blau nicht sehen, aber ich finde die Farbe schön. Wie das Meer. Rot mag ich nicht. Ich denke da an Blut, irgendwie klebrig. Ich sehe nur schwache Helligkeitsunterschiede und weiß nicht, wie man sich Farben vorstellen muss. Ich verbinde damit, was ich von ihnen kenne: Gelb mit Sonne, Blau mit Wasser, und so weiter.
    Gesichter anzufassen finde ich zu persönlich. Ich fühle die Hände: kleine, große, glatte, raue. Das sagt schon viel. Ich brauche Hilfsmittel: Meine Armbanduhr, der Wecker und meine Speisewaage können sprechen. Für Wäsche benutze ich einen Farberkenner, der mir sagt: ,Dies ist blau, Richtung grün, das rot, das gelb.’
    Ich gehe mit Blindenstock, kann aber nur wichtige Strecken erfassen: Wo ist ein Arzt, eine Apotheke, eine Kneipe oder der Weg zu meiner Freundin? Zur Arbeit gehe ich mit meinem Freund. Der ist auch bei ,Dialog im Dunkeln’.
     Ich lebe in einer eigenen Wohnung. Zuerst dachte ich immer, die Badezimmertür sei die Eingangstür, die liegen sich gegenüber. Aber nach drei Tagen klappte es dann. Ich geh auch gern ins Kino. Ich hab „Good Bye Lenin” gesehen. Fand ich toll. Witzig, ziemlich ergreifend. Man kriegt die Handlung durch Dialoge und Musik ganz gut mit.
     Bei der Filmwahl verlass ich mich aufs Urteil meiner Freunde. Im Kino frage ich meinen Freund, wenn ich was wissen muss, das zur Handlung gehört. Von Actionfilmen habe ich nichts.
    Manches muss ich anders bewältigen als Sehende. Wenn ich einkaufen gehe oder in Schwierigkeiten stecke, brauche ich immer einen, der sehen kann.  Finde ich eine Kneipe nicht, muss ich Taxi fahren; teuer auf die Dauer. Wenn es regnet, denk ich manchmal: ,Jetzt könnte ich schön Autofahren.’ Aber das geht ja nicht, und mittlerweile steh ich da drüber. Manchmal glaube ich, es ist schwerer für jemanden, der mal sehen konnte und dann erst blind geworden ist.”
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Führungen
   Den Dialog im Dunkeln kann man nicht auf eigene Faust durchwandern. Nur in Begleitung eines blinden Mitarbeiters werden kleine Gruppen durch die Ausstellung geführt.
   Die Besucher treten ein in eine Welt völliger Dunkelheit. Düfte, Temperaturen, Windströme und Geräusche kreieren nicht-visuelle Erlebnisräume, die auf dem Weg etwa durch eine Parklandschaft, eine Großstadt oder am Ende an einer Bar erschlossen werden.
   Die Standardtour beinhaltet vier Stationen und dauert 60 Minuten. Eine erweiterte Tour, die wir nachmittags und auch an Wochenenden und Feiertagen anbieten, umfasst zwei weitere, überaus spannende Erlebnisräume; sie dauert 90 Minuten.
Wir bitten unbedingt um Reservierung!
Bookingline: 0700 44 33 20 00 (max. 12 Ct./Min.) oder 040 - 309 63 40

Preise, Buchung etc.
Öffnungszeiten: Di - Fr 9 - 17 Uhr / Sa. 10 - 20 Uhr, So/Feiertags 11 - 19 Uhr, Montags geschlossen!
Tickets: Standardtour (60 Minuten): dienstags bis freitags von 9:00 - 13:00 Uhr
€ 15,- Erwachsene  / € 9,- ermäßigter Eintritt (Schüler / Studenten / Schwerbehinderte…)
€ 6,- Kinder (bis 14 Jahre)  / € 40,- Familien (max. 5 Personen: Eltern mit 3 Kindern bis 14 Jahre)
Erweiterte Tour (90 Minuten): dienstags bis freitags ab 13 Uhr und an den Wochenenden ganztags
€ 4,- Zuschlag
Bookingline:
040 309 63 40 oder 0700 44 33 2000 (max. 12 Ct. /Min.)
Mo - Fr 9 - 17 Uhr (12 Ct. / Min.); Sa/So/Feiertags 11 - 19 Uhr (6 Ct. / Min.)
Reservierte Tickets bitte 30 Minuten vor Führungsbeginn abholen, danach erlischt der Anspruch! Ein Nacheinlass ist leider nicht möglich.
Geschenkgutscheine
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Wie wäre es denn mit einer aufregenden Tour durch den Dialog im Dunkeln für Ihre Freunde oder Familie oder mit einem Essen im Dunkeln mit Ihrer/Ihrem Liebsten?
Gerne senden wir Ihnen die Gutscheine auch per Post zu.
Setzen Sie sich einfach mit unserer Bookingline unter 040 309 63 40 oder 0700 44 33 20 00 in Verbindung, um die Details zu besprechen.

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Dinner in the Dark
  Für Gourmets ist das Dinner in the Dark ein Genuss. Diese kulinarische Reise ist eine Herausforderung für Gaumen und Tischkultur. In völliger Dunkelheit servieren blinde Servicekräfte den Gästen ein Vier- Gänge-Überraschungs-Menü. Kommentare und „Wiederkehrer” sprechen von einem unvergesslichen Abend …
   Ob als Firmenevent oder privates Abendprogramm, im Rahmen offizieller Termine oder als Sonder- Veranstaltung. Dinner in the Dark ist immer ein ganz besonderes Erlebnis. Kosten: 55 € pro Person.
Reservierung unter: 0700 44 33 20 00 (max. 12 Ct./Min.) oder 040 309 63 40
Weitere Informationen finden Sie unter: www.dinner-in-the-dark.com

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  Eine in der Main-Metropole geborene Idee kehrt nach Jahren zurück und wird in Frankfurt dauerhaft realisiert. Sehende versetzen sich dabei in die Lage von blinden Menschen. Die Rede ist vom Dialog im Dunkeln, der bald in Frankfurt mit einer Dauerausstellung startet. In sechs Erlebnisräumen können die Besucher den Alltag der Menschen ohne Augenlicht nachvollziehen. Beim Dialog im Dunkeln gibt es nichts zu sehen, aber allerlei zu hören, fühlen, riechen und zu schmecken.
   Eine Gruppe junger Frauen und Männer. Nervös spielen sie mit den weißen Stöcken, die sie an der Kasse bekommen haben. „Gehen Sie bitte um die Kurven und lassen Sie sich nicht durch das abneh- mende Licht verunsichern. Wenn Sie nichts mehr sehen, werden Sie von unseren blinden Kolleginnen und Kollegen angesprochen und sicher durch die Räume geführt”, sagt ihnen die Kassiererin. So geht es an der Kasse des Dialogmuseums zu, wenn sich Kinder, Frauen und Männer zum ersten Mal für ein paar Stunden in die Welt der blinden Menschen entführen lassen wollen. Die Idee kam dem Leiter des Dokumentarischen Instituts der Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt, Andreas Heinecke, 1987, als dort einige blinde Frauen und Männer zu wissenschaftlichen Dokumentarinnen und Dokumentaren für Rundfunk und Zeitungen ausgebildet wurden. „Wie wär's, wenn wir alle, die uns nach Fähigkeiten und Leistungen nichtsehender Menschen fragen, für kurze Zeit in die Lage dieser Menschen versetzen”, dachte Heinecke. So wurde als Test an einem Nachmittag ein Raum total abgedunkelt und die Gäste von einem blinden Menschen dort hin geführt. Sie fühlten Tische und Stühle, bekamen Kaffee und Kuchen, den sie im Dunkeln verzehrten. Nach der unerwartet positiven Resonanz entwickelte die Stiftung Blindenanstalt aus der Idee das Projekt „Dialog im Dunkeln”. Die mehrwöchige Präsentation im Sommer 1990 im Künstlerhaus Mousonturm übertraf alle Erwartungen: „Schulklassen, Betriebsausflüge, Touristengruppen, Vereine wollten zum ‘Dialog im Dunkeln’, bei dem es nichts zu sehen, aber allerlei zu hören, fühlen, riechen und zu schmecken gab”, sagt Andreas Heinecke. Daraufhin entschloss sich der promovierte Germanist, die Ausstellung weltweit zu präsentieren. Er kaufte die Rechte von der Stiftung Blindenanstalt und veranstaltete “Dialog im Dunkeln” seitdem in 100 Städten Europas, Amerikas, Afrikas und Asiens mit gleichem Zuspruch wie in der Mainstadt.
   Nun hat die Ausstellung als Teil des Dialogmuseums einen Dauerplatz in Frankfurt bekommen. Markenzeichen des Museums in der Hanauer Landstraße 139-145, einem aufstrebenden Viertel im Osten der Stadt, sind unterschiedliche Angebote rund um die Themen Kommunikation und Wahr- nehmung. Der Parcours für „Dialog im Dunkeln” ist auf einer Fläche von 500 Quadratmetern angelegt. In sechs Erlebnisräumen können die Besucherinnen und Besucher den Alltag der Menschen ohne Augen- licht nachvollziehen. Ein Park mit Bäumen, unebenen Sandböden, Sitzbänken und einem Holzsteg unterscheidet sich kaum von gleichen Anlagen in der Natur. Ein anderer Raum vermittelt die Atmo- sphäre einer Innenstadt mit verwirrenden Straßengeräuschen, unübersichtlichen Übergängen, vorbei- fahrenden Fahrzeugen usw. Im Klangraum hört man nicht nur diverse Geräusche, sondern nimmt durch Bodenvibrationen auch musikalische Eindrücke wahr. „Die Methode hat sich in der Gehörlosentherapie bewährt”, sagt Klara Kletzka, Geschäftsführerin des Dialogmuseums. Neben „Dialog im Dunkeln” bietet das Dialogmuseum zunächst zweimal in der Woche ein Restaurant an, das ebenfalls die Dunkelheit als Medium nutzt. Motto: „Taste of Darkness”.

au-Dialogmuseum-x- Dialogmuseum, Frankfurt a.M.

   Gereicht wird ein Überraschungsmenü, das von blinden Servicekräften im Dunkeln serviert wird. „Mit dieser Art kulinarischer Reise möchten wir eine Gruppe erreichen, die sich weniger von der päd- agogischen Botschaft als von dem Wunsch nach einem ungewöhnlichen Erlebnis angesprochen fühlt”, erklärt Andreas Heinecke. Das dritte Angebot des Dialogmuseums heißt Casino for Communication. Im nicht abgedunkelten „Kommunikations-Casino” sollen die Besucherinnen und Besucher an neun Feldern und Tischen spielerisch ihre kommunikativen Fähigkeiten und Talente entdecken und erproben. Dabei legt ein Spieler eine Augenbinde an. Sein Gegenüber beschreibt ihm beispielsweise ein unfertiges Modell eines Bauwerks auf dem Tisch. Der Spieler unter der Augenbinde muss nun Anweisungen geben, wie das Werk zu vollenden ist. Das Dialogmuseum in Frankfurt beseitigt auf künstlerische Art und Weise Mauern zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen und schafft zudem mindestens 30 wirt- schaftlich vollwertige Arbeitsplätze für behinderte Menschen. Und wie an vielen Orten, an denen „Dialog im Dunkeln” längere Zeit veranstaltet wurde, haben auch in der Main-Metropole Wirtschafts- repräsentanten schon den Wunsch angemeldet, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Dunkeln in der Kunst der Kommunikation trainieren zu lassen. Hier können sie ohne optische Ablenkung ihre verbalen Fähigkeiten testen. Denn: „Wer da nicht spricht, existiert nicht”, sagt Andreas Heinecke.
   „Dialog im Dunkeln” ist nun eröffnet. Mit dem gesamten Angebot steht das Dialogmuseum für Besucherinnen und Besucher nach der feierlichen Eröffnung durch die Oberbürgermeisterin Petra Roth als Schirmherrin bereit.
Informationen gibt es unter der kostenlosen Hotline: 0700-44 55 60 00.
Internet:
www.dialogmuseum.de Dialog im Dunkeln

Dialogmuseum: eine Ausstellung zur Entdeckung des Unsichtbaren
   Die Idee ist denkbar einfach: In völlig abgedunkelten Räumen führen blinde Menschen das Publikum in kleinen Gruppen durch eine Ausstellung bestehend aus unterschiedlichen Alltagssituationen, die ohne Augenschein eine völlig neue Erlebnisqualität erhalten. Ein Rollentausch findet statt. Blinde Menschen werden zu Botschaftern einer Kultur ohne Bilder. Mit einem Museumsraum wird die Ausstellung in Frankfurt dem Ruf der Stadt als Museumsmetropole gerecht. Jetzt  ist das Deutsche Architekturmuseum (DAM) zu Gast im Dunkeln und wird hoffentlich andere Museen anstecken zu folgen.
   Dialog im Dunkeln kann nur in Begleitung eines unserer blinden Guides besucht werden. Eine telefonische Reservierung ist daher erforderlich! Bookingline
069 - 90 43 21 44
Casino for Communication - Spiele zwischen Menschen

 
  Hier wird nicht um Geld gespielt. Die Herausforderung besteht darin, sich möglichst schnell “aufeinander einzuspielen”. Inspiriert durch bekannte und unbekannte Gesellschaftsspiele hat Orna Cohen – eine erfolgreiche Ausstellungsmacherin aus Paris - diese neun Spieltische entwickelt. Casino for Communication ist ein Spaß für Mitspieler jeden Alters zur Erprobung kommunikativer und sozialer Kompetenz gleichermaßen. Wer mag, kann am Ende sein Kommunikationsprofil mitnehmen. Casino for Communication kann jederzeit individuell besucht werden. Gruppentrainings auf Anfrage.
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag von 9.00 - 17.00 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertage 11.00 - 19.00 Uhr; Montags geschlossen
Taste of Darkness - Das Restaurant im Dunkeln.
Mit allen Sinnen genießen, nur das Auge isst nicht mit!
Im Taste of Darkness können Sie diese ganz besondere kulinarische Reise antreten. Blinde Servicekräfte servieren Ihnen ein 3-Gänge-Menü. Was für eins? Das bleibt eine Überraschung und eine Frage des Vertrauens.
Mittwoch und Freitag 19.00 Uhr oder nach Vereinbarung. Preis ab 55,- Euro zuzüglich Getränke.
Platzreservierung ist über unsere
Bookingline 069 - 90 43 21 44 erforderlich. 

Dialogmuseum Hanauer Landstraße 145; 60314 Frankfurt am Main
Telefonische Reservierung unter Bookingline  0700 - 44 55 60 00; Telefax:  +49 - 69 90 43 21 90
www.dialogmuseum.de                info@dialogmuseum.de         www.dialog-im-dunkeln.de
Telefon Backoffice 069 - 90 43 21 0 Geschäftsführung: Klara Kletzka
Anfahrt: Parkplätze sind rar. Wir empfehlen öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen:
Straßenbahn 11, Haltestelle Osthafenplatz

Dunkelrestaurant Berlin: neuer Name, altes Konzept -
Betreiberwechsel nach Pleite der einstigen Unsicht-Bar

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 Die ehemalige Unsicht-Bar in der Gormannstraße hat einen neuen Besitzer: Sebastian Wacker Foto von der Agentur Wacker Events Berlin hat das Lokal seit November 2004 unter dem Namen „Dunkelrestau- rant Berlin” wieder eröffnet. Den Titel hat er gewählt, weil er die Lizenz von 2.500 Euro pro Monat für den alten Namen nicht mehr zahlen wollte.
  Die Unsicht-Bar mit 120 Plätzen war vor zwei Jahren vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehinderten- verein Berlin (ABSV) und dem Blindenhilfswerk eröffnet worden, um für blinde und sehbehinderte Men- schen Arbeitsplätze zu schaffen. Bis zu 22 Voll- und Teilzeitjobs gab es zwischenzeitlich für sie. Im Sommer musste das Lokal aber Insolvenz anmelden. Es sei von Anfang an zu viel Personal beschäftigt worden, sagte rückblickend ABSV-Geschäftsführer Manfred Scharbach. Die Krise der Gastronomie und fehlgeschlagene Experimente im Restaurant und der Dunkelbühne seien weitere Ursachen für das Scheitern  der Unsicht-Bar.
  Der neue Betreiber Sebastian Wacker bleibt beim Konzept der Erlebnis-Gastronomie: Die Gäste be- treten durch eine Lichtschleuse den absolut finsteren Raum, wo ihnen ein Menü serviert wird. Indem der Sehsinn ausgeschaltet wird, nehmen die Besucher andere Sinne wie Schmecken und Riechen viel schärfer wahr. „Ein Dunkelrestaurant kann rentabel geführt werden, wir investieren weiter in diese Idee”, sagt Wacker.
  Das Foyer wurde umgestaltet und der Küchenschluss von 21.30 auf 23 Uhr verlängert. Dunkel- restaurant Berlin, Gormannstraße 14,  geöffnet täglich 18-24 Uhr, T: 24 34 25 00, Menüs 29-48 €.
Fotos unten: UnsichtBar und Dunkelrestaurant in Hamburg links und Köln rechts.

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Ein Blinder erzählt: So fühlt sich Hamburg an

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Andre Rabe erkennt Grünanlagen am Geruch, Plätze am Echo der Autos

  Das Rathaus hat er nie gesehen. Den Michel nicht. Die Elbe nicht. Und die Alster auch nicht. Andre Rabe ist von Geburt an blind. Trotzdem kennt der 33jährige aus Hörn seine Stadt ganz genau. Hamburg sieht er nicht. Hamburg fühlt, riecht und hört er. Ein Herbstspaziergang durch das Hamburg der Blinden.
   Nur hell und dunkel kann Andre unterscheiden. Dass er bei Sonnenschein durch Hamburg spaziert, das spürt er. „Ich merke die Helligkeit”, sagt er. Ansonsten ist da nichts - und doch ganz viel. Er steht mit seinem weißen Taststock auf dem Rathausmarkt. „Ich sehe, dass da was ist.” Er sagt sehen, „weil ich das Wort gelernt habe”. Sehen ist für ihn eine Vokabel. Was Andre Rabe sieht, ist das Rathaus. „Ich spüre das Gebäude.” In der Blindenschule am Borgweg in Winterhude gab es Modelle von Häusern zum Ertasten. „Ein schlichtes Reihenhaus kann ich mir vorstellen”, sagt Andre. Vom Rathaus weiß er nur,  „dass das Ding eine Uhr hat,  also hat es wohl auch einen Turm.”
   Ein genaueres Bild hat er vom Brunnen im Innenhof. Er orientiert sich am Plätschern des Wassers, so entsteht ein Bild in seinem Kopf. „Das Wasser fließt von einer Mauer herunter. Vom Klang her ist der Brunnen etwa sechs Quadratmeter groß im Durchmesser und zehn Meter hoch.” Das kommt hin.
   Mit seinem Stock tastet sich Andre Rabe durch die Innenstadt. Den Weg von Hörn mit der Bahn zum Berliner Tor und auf die Mönckebergstraße kennt er auswendig.  Am Berliner Tor steigt er jeden Tag aus, geht zur
Arbeit in die Telefonzentrale von E-ON Hanse. Aber die Strecke vom Rathaus zu den Lan- dungsbrücken ist unbekanntes Gebiet. „Unser Gedächtnis ist unsere Straßenkarte.” Zügig geht er durch den Großen Burstah. „Zwischen Rathaus und Gehweg gibt es kein Grün” sagt er, „das höre ich.” Wie bitte? „Büsche und Bäume, die rieche ich. Teilweise höre ich sie auch. Der Schall beim Gehen und das Echo der Autos ist anders.”
   Die nächste Kreuzung erkennt er an einem abbiegenden Bus und an der fehlenden Bebauung. „Hier ist die Fläche frei und weit”, sagt er. Er hat recht. Und den Bäcker in der Spar-Filiale am Rödings- markt hat er längst gerochen, bevor Sehende den Bäcker überhaupt erblickt haben.
   An der Kreuzung am Rödingsmarkt bleibt er stehen. „Wenn ich mir den Verkehr anhöre, ist das ein großer Platz. Eine unübersichtliche Kreuzung.” Stimmt. Sein Gehör sei kein absolutes, sondern einfach nur gut ausgeprägt. „Sehende bekommen dieselben Informationen, filtern die bloß anders.”   Auch in den Augen blinder Menschen ist jeder Bezirk anders. „In Ottensen ist es eng, lebendig und laut. Hörn ist offener bebaut und grün. An den Landungsbrücken, am Hafen riecht die Luft am besten.” Auch ohne Augenlicht weiß Andre Rabe, dass der Michel groß und imposant ist. Er fühlt es einfach. Möchte er gern sehen können? „Manchmal schon. Ich könnte lesen, was ich wollte, und Auto fahren.” Die Unabhängigkeit wäre größer.
   Am wohlsten fühlt sich der Datenverarbeitungskaufmann im Grünen, im Stadtpark und an der Elbe. „Hamburg ist schön”, sagt er. Schöner als Barcelona oder Heidelberg. Da war er schon. Barcelona ist ihm zu laut und das Klima in Heidelberg zu anstrengend. Auch wenn Andre Rabe seine Heimatstadt.
noch nie gesehen hat, wohl niemals sehen wird: „Hamburg ist etwas Besonderes.”
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Mit der Nase sehen lernen. Die Reisegruppe von Carlos Silveira in der Alfama, dem historischen Treppenviertel Lissabons. Carlos Silveira: “Das Leben bekam für mich eine andere Dimension, wurde vielfältiger.” Als Kind ist Carlos erblindet. Jetzt führt er Touristen mit Augenbinden durch Lissabon

   Es riecht irgendwie nach Obst. Oder Gemüse? Oder eine Mischung von beidem? Mal scheint es ein frisch-säuerlicher Duft zu sein, dann geht es eher in Richtung Zwiebeln. Jemand tippt auf Pampelmusen mit Knoblauch. Wir schnuppern und schnuppern. Nein, es ist nicht wirklich auszumachen. Wir stehen in einer kleinen Gasse Lissabons offenbar vor einer Hausfassade, denn wir sind von der mit Kopfsteinen gepflasterten Straße über einen Bordstein auf den Gehweg geleitet worden. Die groben Pflastersteine haben wir durch die Schuhsohlen gespürt. Wir sehen nichts, haben vor den Augen eine schwarze Maske, durch die nicht ein Schimmer von Tageslicht dringt. „Versucht mal, herauszufinden, was hier verkauft wird. Ihr dürft alles anfassen", sagt Rita Gonzalez, die uns begleitet. Besser gesagt: leitet.
„Haben Sie Lust auf ein ungewöhnliches Experiment?”
   Wir sind auf einem Spaziergang durch die Altstadt von Lissabon. Der Concierge des Hotels hat diesen Spaziergang empfohlen mit der Frage „Haben Sie Lust auf ein ungewöhnliches Experiment?" Und er erzählte von der Initiative, die Blinde gemeinsam mit Sehenden ins Leben gerufen haben. Also treffen wir uns an einem Platz ohne Autoverkehr in der Alfama mit dem 48-jährigen Carlos Silveira, der als Kind sein Augenlicht verlor. „Das Leben bekam für mich eine andere Dimension, wurde vielfältiger", sagt Carlos. „Dazu möchte ich auch Euch Sehenden verhelfen, dass Ihr Euch aller Sinne bewusstwerdet."
   Er trägt eine blaue Jeansjacke und streckt uns ermunternd die Hand entgegen. Jedem von uns wird von zwei sehenden Helfern/innen eine Augenmaske umgebunden, die nicht den kleinsten Lichtschimmer durchlässt. Je zwei „Blinde“ von uns haken sich leicht bei einer sehenden Privatperson ein. Sie achtet darauf, dass wir nicht stolpern, wenn eine Bordsteinkante kommt, nicht fehl treten bei einer Boden- unebenheit, leitet uns um Pfützen und Hundehäufchen herum. Munter vor sich hin summend geht Carlos voran - ohne Stock, ohne die gelbe Binde mit den drei schwarzen Punkten. Es ist sein Viertel, in dem er lebt und sich auskennt. Jeder kennt ihn. „Bom Dia", fliegen Grüße hin und her.
Die Luft riecht nach Apfelsinen
„Jetzt führt eine Treppe abwärts." Aha. Die Füße erkunden die unterschiedlichen Höhen der Stufen. Die Treppe wird schmaler. Wir tasten uns zu beiden Seiten an Hauswänden entlang. Der Putz ist rau. Mit den Augen hätten wir das nicht gesehen. Und nun knien wir vor den Auslagen eines Obst- und Gemüsehändlers. Hände gleiten über Kisten. Die Luft riecht nach Apfelsinen. Was ich mit den Händen be-greife, ist relativ groß, fast rund, hat eine ziemlich glatte, nur leicht genoppte Schale. Eine Pampelmuse. Als „Sehende" hätte ich es mit einem Blick erkannt. Nun muss ich auf Merkmale achten und kombinieren. Daneben liegen Birnen, an der Form schnell zu erkennen. Dahinter kleinere Früchte, etwas krumplig, ein Stiel, eine Blüte. Aha, ein Apfel. Jemand schiebt etwas herüber. Ein Karton mit Zwiebeln - oder Knoblauch? Nein, Knoblauch ist am Relief der Zehen zu erkennen - und am Geruch. Weiter vorn spielt jemand Gitarre. Es ist Carlos, vorausgeeilt, um uns zu überraschen. Etwas umzingelt mein Bein. Ich erschrecke. „Eine Katze", lacht José, mein sehender Begleiter.
   Wir betreten einen Raum. Irritierend laut hört man Wasser plätschern. Hier wäscht Carlos seine Wäsche an einem altmodischen Rubbelbrett. Sie hängt an Leinen daneben - er führt unsere Hände dorthin. Um die Ecke riecht es nach Fisch. Ein Fischgeschäft? Falsch. Eine alte Frau pult Krabben vor dem Haus. Über mir ein Knattern. Was ist das? „Vor den Fenstern trocknet Wäsche", sagt Carlos. Wir befühlen einen Baumstamm, die grobe Rinde, den Umfang, raten die vermutliche Höhe. Keine Ahnung. Eine Pinie. Der nächste Stamm ist glatter, hat Narben von abgesägten Ästen, schmale, konvex ver- laufende Blätter. Ein Olivenbaum? Stimmt.
   Als wir nach knapp zwei Stunden die Masken abnehmen, müssen wir blinzeln im hellen Sonnenlicht. Noch einmal gehen wir die Wege, die enge Treppe, vorbei am Obsthändler und der Krabbenpulerin. Der Eindruck, den wir uns ohne Augen von unserem Weg gemacht haben, ist mit den Bildern schwer in Einklang zu bringen. Eigentlich haben wir mit der Maske intensiver „gesehen" als jetzt, wo das Auge über das meiste hinweg huscht.
   Genau das ist die Intention dieses Angebotes. Es soll Sehenden helfen, ihre eigenen Sinne wieder zu entdecken, aber auch bewirken, dass sie sich ein wenig in die Welt der Nicht-Sehenden einfühlen können.
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   Zur Person: Carlos Silveira, Fremdenführer     RF-B-Portugal-CSilveira-2x

   1963 in der Alfama von Lissabon geboren, erkrankte Carlos Silveira mit zwölf Jahren an einem unbe- kannten Augenleiden und erblindete. Er lernte die aus sechs erhabenen Punkten kombinierte Braille- Schrift und vollendete die Schule. Schnell orientierte er sich durch Einordnen jedes Geräusches, durch spezielle Düfte und auch Gefühl für Enge oder Weite. Gut kann er sich an Farben erinnern, Blau mag er am liebsten. Er lebt allein, kauft ein und kocht. Es mache ihm viel Spaß, Fremde durch sein Stadtviertel zu führen, sagt er.
Führungen in Lissabon: www.lisbonwalker.com. Tel: 00351 – 218 86 18 40. In Deutschland gibt es ähnliche Projekte: „Dialog im Dunkeln" in Hamburg www.dialog-im-dunkeln.de Tel. 040 - 309 63 40. Dialogmuseum Frankfurt/M. (www.dialogmuseum.de) Tel. 069 – 90 43 21 44.
Dunkel-Restaurants: „unsicht-Bar" www.unsicht-bar.com in Hamburg 040 – 41 46 93 30, Köln 0221 – 200 59 10 und Berlin 030 – 24 34 25 00,
in Berlin auch „Nocti Vagus" www.noctivagus.com 030 – 74 74 91 23.

 

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