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Hörspielpreis der Kriegsblinden 2010 geht an Thilo Reffert

Mitwirkende: Matthias Matschke und Juergen Schulz, Regie: Stefan Kanis  MDR 2009 - Dauer: 56'57"
   Sein vom MDR produziertes Hörspiel "Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle” erhält in diesem Jahr die renommierte Auszeichnung vom Bund der Kriegsblinden e.V. und der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen.
   Für sein Hörspiel "Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle" erhält Thilo Reffert Foto oben den diesjährigen Hörspielpreis der Kriegsblinden/Preis für Radiokunst. Das Hörspiel wurde vom MDR produziert, Regie führte Stefan Kanis, Hörspielproduzent bei MDR FIGARO. Am 9. November 2009 wurde es anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls im Programm des Kulturradios urgesendet.
   Thilo Reffert erzählt die Geschichte seiner Mutter und Schwester, die am 9. Nov. 1989 um 21.15 Uhr in einem "Wartburg"über die Grenze der DDR in den Westen fuhren, und zwar am Übergang Marienborn, wo "der Eiserne Vorhang im Dunkel über Kartoffeln und Zuckerrüben hing". 20 Jahre später fährt der Autor mit den Beiden noch einmal dieselbe Strecke. So schafft er im Hörspiel mehrere Ebenen. Zum Geschehen von damals kommt der Versuch der heutigen Wiederholung, der die Erfahrung von 20 Jahren, die Veränderungen und die Reflexion darüber einschließt.
   Die Jury begründet ihre Würdigung u.a. so: "Thilo Reffert ist es gelungen, mit scheinbar leichter Hand, mit Witz und einem hinreißend verspielten O-Ton-Einsatz ein zentrales Thema der deutschen Geschichte neu zu erzählen: die Ereignisse am 9. November 1989." Die Jury war davon angetan, dass nach einem Jahr medialer Dauer-Anwesenheit dieses Themas in Refferts Hörspiel ein neuer überraschender Zugang gelang.
   Der diesjährige Hörspielpreis der Kriegsblinden wird am 7. Juni 2010 in Bonn verliehen. Einen Tag zuvor, am Sonntag, 6. Juni 2010, wird "Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle" um 18.00 Uhr noch einmal im Programm von MDR FIGARO gesendet.
   Außerdem ist das Hörspiel bereits ab 18. März, 12 Uhr zwei Wochen lang in der MDR-Mediathek unter www.mdr.de bzw. unter www.figaro.de nachzuhören.
   Die Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden tagte unter Vorsitz der Autorin Anna Dünnebier am 2. und 3. März beim MDR in Halle (Saale). Dem Gremium gehören jeweils sieben Kriegsblinde und sieben Fachkritiker sowie fünf von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen berufene Juroren aus dem Kulturbereich an.
   Der Hörspielpreis der Kriegsblinden, der zu den renommiertesten Auszeichnungen für Hörspielautoren zählt, wird gemeinsam vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands e.V. und der Filmstiftung Nordrhein- Westfalen getragen. Mit dem Preis wird jährlich ein von einem deutschsprachigen Sender konzipiertes und produziertes Hörspiel ausgezeichnet, das in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert.
Zum diesjährigen Preisträger:
      Thilo Reffert wurde 1970 in Magdeburg geboren. Er arbeitete als Dramaturg und Theater- pädagoge am Landestheater Neustrelitz und am Staatstheater Schwerin. In diesen Tagen ver- öffentlicht er sein erstes Kinderbuch «Nina und Paul»,das auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wird. mdr100317 

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"Chronik der Gefühle" von Alexander Kluge Deutscher Hörbuchpreis 2010
Ein außerordentliches Werk

 Das Hörbuch mit der 14-teiligen Hörspielfassung der Chronik der Gefühle (BR 2009), die Karl Bruckmaier erarbeitete und inszenierte, wurde in der Kategorie Beste Fiktion von einer achtköpfigen Jury mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet. Erschienen ist das Werk als Hörbuch-Edition auf 14 CDs im Antje Kunstmann Verlag. Die Ursendung fand vom 20.09.-21.12.2009 in Bayern 2 statt (Redaktion und Dramaturgie: Katarina Agathos / Herbert Kapfer).
Die Jurybegründung
   In der Begründung der Jury des Deutschen Hörbuchpreises 2010 – der am 10. März in Köln zum Auftakt der lit.Cologne verliehen wird – heißt es: "Die 14-teilige Hörspielfassung von Alexander Kluges 2000-seitigem Werk Chronik der Gefühle enthält in nuce fast den gesamten Kosmos des Klugeschen Werkes. Gekonnt bewegt es sich zwischen Differenzen und Überblendungen, medialen Verschaltungen und Erzählungen, Überlieferung als Fragmentierung, Dokumentation und Fiktion und nicht zuletzt zwischen Krieg und Kunstproduktion."
 Preisträger sind Alexander Kluge und Regisseur Karl Bruckmaier. Kluge veröffentlichte im gleichnamigen Buch sämtliche seiner seit 1962 erschienenen Erzählungen. Die Jury lobte die Produktion des Bayerischen Rundfunks als "faszinierende Enzyklopädie der Empfindungen unserer Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit". Karl Bruckmaier sei ein "außerordentliches Werk" gelungen.

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Deutscher Hörbuchpreis 2010 geht an Autor und Filmemacher Alexander Kluge, an "Briefwechsel" von Thomas Bernhard und Siegfried Unseld und an weitere Schauspieler

  Nun stehen alle Preisträger des Deutschen Hörbuchpreises 2010 fest: Die begehrte Auszeichnung geht an den Autor und Filmemacher Alexander Kluge für "Chronik der Gefühle", an die beiden Burgtheater-Schauspieler Peter Simonischek und Gert Voss für ihre Sprechleistung in "Briefwechsel", an den Film- und Theaterschauspieler Andreas Fröhlich in "Doppler" und an die Regisseurin Theresia Singer von "headroom" für die Reisereportagen "wegwärts". Die Preise werden am 10. März in Köln vergeben.
  In der Kategorie Beste Fiktion gewinnt die Produktion "Chronik der Gefühle" (Verlag Antje Kunstmann). Preisträger sind Alexander Kluge und Regisseur Karl Bruckmaier. Kluge veröffentlichte im gleichnamigen Buch sämtliche seiner seit 1962 erschienenen Erzählungen. Die Jury lobte die Produktion des Bayerischen Rundfunks als "faszinierende Enzyklopädie der Empfindungen unserer Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit". Karl Bruckmaier sei ein "außerordentliches Werk" gelungen.
   In der Kategorie Beste Information gewinnt das Hörbuch "Briefwechsel" (der hörverlag). Es geht um rund 500 Briefe, die der Autor Thomas Bernhard und sein Verleger Siegfried Unseld über einen Zeitraum von 25 Jahren miteinander austauschten. Gegenseitige Wertschätzung, kritische Zuwendung wie auch harte Honorarverhandlungen sind Gegenstand der Korrespondenz. "So prägnant und nuanciert waren Thomas Bernhard und Siegfried Unseld noch nie zu hören wie hier im Briefwechsel, in dem Peter Simonischek und Gert Voss ihre kongenialen Fürsprecher sind", lobte die Jury das vom Hessischen Rundfunk produzierte Hörspiel. Der Preis geht an die beiden Schauspieler.
   Bereits dreimal hintereinander war Andreas Fröhlich nominiert, jetzt bekommt er die Auszeichnung Bester Interpret. Er ist der Protagonist in "Doppler" (Verlag Lauscherlounge) nach dem gleichnamigen Roman von Erlend Loe. Ein Familienvater in der Midlife-Krise bricht aus seinem geordneten Leben aus und adoptiert im Wald ein Elchkalb. Mit "großartigem Gespür" für die tragischen und urkomischen Seiten seines Alter Ego, so die Jury, interpretiere Fröhlich dessen Versuche, sich jenseits der Zivilisation ein neues Leben aufzubauen. Das sei "grandios".
   Theresia Singer verlegt akustische Reiseführer, die nicht nur den besten Weg zeigen, sondern Lust aufs Verweilen wecken. Dafür bekommt sie den Deutschen Hörbuchpreis für die Beste verlegerische Leistung. Für die Reihe "wegwärts" (Verlag headroom) reiste Abenteurer und Autor Joscha Remus durch die Welt und brachte interessante Geschichten, Interviews, Alltagsgeräusche und Musik mit. Die Jury lobte die Verlegerin und Regisseurin Singer "vor allem für den verlegerischen Wagemut, die Risikofreude".
   Die Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises 2010 fand im Rahmen der Hörbuch-Gala am 10. März 2010 im WDR-Funkhaus am Wallrafplatz statt. Erstmals ist die Gala zugleich Eröffnungsveranstaltung des internationalen Kölner Literaturfestes lit.COLOGNE. Auch die Partnerauszeichnungen "Hörbuch des Jahres" der hr2-Bestenliste und die per Internet-Abstimmung ermittelten Publikumspreise "HörKules" und "HÖRkulino" der "Buchwerbung der Neun" werden an diesem Abend vergeben.
   Mitglieder der Jury des Deutschen Hörbuchpreises sind die Schauspielerin Sabine Postel, der FOCUS- Redakteur Jobst-Ulrich Brand, Lothar Sand vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Prof. Sabine Breitsameter von der Hochschule Darmstadt, PD. Dr. Holger Schulze, Kulturwissenschaftler, die Hörbuchregisseurin Astrid Roth, die Journalistin Dr. Eva-Maria Lenz und der Publizist Dr. Franz Josef Görtz.
   Träger des Vereins Deutscher Hörbuchpreis sind der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, das Nachrichtenmagazin FOCUS, das internationale Kölner Literaturfest lit.COLOGNE, der Hessische Rundfunk, der Westdeutsche Rundfunk und die WDR mediagroup.

bu-EndeDeWelt-x  „Ende der Welt" ist Hörspiel des Jahres 2009

  Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat „Bout du Monde - Ende der Welt" von Liquid Penguin Ensemble zum Hörspiel des Jahres 2009 gewählt. Das Stück ist nach Meinung der Jury „eine besonders originelle und kunstvolle Komposition aus Meeresrauschen, Möwenkreischen, Musik, pseudo­dokumentarischen und imaginierten historischen Texten". Es wurde am 25. Juni in SR 2 urge- sendet. Der undotierte Preis wird am 14. März im Literaturhaus in Frankfurt am Main verliehen.
   Ausgehend von der Biografie des französischen Weltumseglers Louis Antoine Bougainville führe das Stück in ein fiktives Museum von Bougainvilles Horizontbetrachtungen in der Normandie. Die Autoren Katharina Bihler und Stefan Scheib, die das Liquid Penguin Ensemble bilden, vermischten Bougainvilles Horizontbetrachtungen mit Überlegungen zu Kartografie, Abstraktion und Erkenntnis. Das Stück zu hören, so die Jury, sei, „als bekomme man einen Urlaubstag am Meer geschenkt".  HAZ100119epd
   Wie gelangt man ans Ende der Welt und noch darüber hinaus? Wie erobert man den Horizont und wie greift man in den Raum, der dahinter liegt? Louis-Antoine de Bougainville hat im 18. Jahrhundert als erster Franzose die Welt umsegelt, immer auf der Suche nach dem südlichen unbekannten Land, das es gar nicht gibt, wie der Engländer Cook zwei Jahre später beweisen sollte.
   "Mein Kartograph zeichnet die ganze Erde auf ein Stück Papier und so kann ich sie zusammen- gefaltet selbst in meiner Rocktasche bei mir tragen", schrieb Bougainville danach. "Doch es gibt keinen Ort mehr, den ich noch erreichen können wollte; es ist alles erreicht. Also suche ich nach Methoden, mir auf andere Weise das Vergnügen der Erkenntnisvermehrung zu verschaffen."
   An der Pointe de la Loge in der Normandie setzt er sich auf einen zierlichen Sessel mit goldenen Armlehnen und schaut durch das einzige Fenster seines winzigen Häuschens aufs Meer hinaus: "Ich betrachte die Welt in schmalen Ausschnitten und denke mir den Rest."  Bougainville konnte nicht ahnen, dass ihm heute Tausende nacheifern und an jedem 16. März eines Jahres ihre Sitzmöbel an die Pointe de la Loge bringen, um von dort aus zur Erhaltung der seelischen Gesundheit den Horizont zu betrachten.  HAZ100119
   Von Liquid Penguin Ensemble; Kartograf im Französischen – Frédéric Simon; Kartograf im Deutschen – Bernd Kohlhepp; Sprecherin – Katharina Bihler; Louis-Antoine de Bougainville – Gunter Cremer; Museumsführerin Sylvie Mouette – Nicole Max; Ferner: Gabriela Krestan, Julien Blondel, Stefan Scheib, Monika Bagdonaite, Susanne Freyler, Philippe Fouché, Pierre Metzinger und Marietta Schröder; Komposition: Stefan Scheib; Regie: Liquid Penguin Ensemble; Autorenproduktion für den SR 2009

R-Hörfilm-Programm im Sommer 2008

   Im Bayerischen Fernsehen, so Bernd Benecke, BR-Redakteur für Audiodeskription, werden Hörfilme nur noch auf den digitalen Wegen ausgestrahlt. Zum Empfang notwendig ist daher ein digitaler Receiver für Kabel oder Satellitenempfang. Der Empfang über DVB-T ist nur mehr eingeschränkt möglich.
   Nachdem Sie den Receiver auf das Bayerische Fernsehen eingestellt haben, wird durch drücken der Taste „Audio” „Sound” „Optionen” oder ähnliches die zweite Tonoption angezeigt und kann dann ausgewählt werden. Filmton und Hörfilmfassung werden - soweit eine entsprechende Fassung vorliegt - künftig in Stereo oder Dolby Surround ausgestrahlt.   dkb08

HöBDieSchlafwandlerin HöBTräume HöBFranzBiberkopf

Hörspielpreis der Kriegsblinden 2008

   In diesem Jahr standen besonders viele interessante Stücke zur Auswahl; die Jury für den „Hörspielpreis der Kriegsblinden” hatte genügend Stoff zum Diskutieren. In der „Schlussrunde” waren es immer noch acht, die als mögliche Preisträger in die engere Wahl kamen. Ein Hörspiel, das besonders von einigen blinden Juroren favorisiert wurde, war „Zeppelin” von Radio Bremen. Darin wird ein historisches Ereignis - der Brand des Zeppelins „Hindenburg” in Amerika 1937 und seine Vor- geschichte - mit einer Dreiecks-Liebesge-schichte verknüpft. Was besonders faszinierte, war die Machart: eine Art erzählter Film, mit ausführlichen Beschreibungen von Bildern der Umgebung und Personen. Nicht nur Gespräche werden lebendig, sondern auch das Szenario: die Werkhallen mit ihren gewaltigen Ausmaßen, die Menschenansammlungen bei der Landung eines Zeppelins, Bilder der Vergangenheit. Einer der Autoren, Gordian Maugg, ist auch Drehbuchautor und hat schon zweimal den Bundesfilmpreis errungen.
  Vom Grauen des Krieges handelt „Die Schlafwandlerin” Foto oben links von David Zane Mairowitz. Nach einem Bombenangriff in Sarajewo hat eine junge Frau die Identität eines verschütteten Opfers angenommen, bzw. die Verschüttete hat ihre Persönlichkeit gespalten. Großartig gesprochen wurden diese beiden Identitäten von derselben Schauspielerin. Das Unverständnis der Umwelt gegenüber solchen traumatischen Erlebnissen wird dargestellt in der Figur eines recht hilflosen Psychiaters, dem schließlich nichts Anderes einfällt, als die Frau in eine Anstalt einzuweisen. Besonders die älteren Juroren, die noch Kriegs- und Nachkriegserfahrungen haben, waren tief beeindruckt davon, wie hier eigentlich Unsagbares doch gestaltet werden konnte.
   Über zwei Neu-Inszenierungen historischer Stücke wurde diskutiert. Der NDR hat Günter Eichs bekannte „Träume” Foto oben Mitte aus dem Jahr 1951 von mehreren Regisseuren neu inszenieren lassen. Diese bleiben jedoch - so die Meinung der Juroren - hinter der damaligen Inszenierung zurück, die jetzt gemeinsam mit der Neuproduktion als Hörbuch erscheint. In einer aufwendigen Produktion dreier Sender lag Döblins Hörspiel „Franz Biberkopf” Foto oben rechts vor, von ihm selbst 1930 nach seinem Roman „Berlin Alexanderplatz” geschrieben. Das Hörspiel wurde bei der ersten Inszenierung um wichtige Passagen gekürzt, weil schon die Nazis vor ihrem Machtantritt 1933 im Rundfunk Druck ausüben konnten. Nun war es also zum ersten Mal in seiner originalen Fassung inszeniert, so meinten einige. Andere wussten es besser, weil sie in der DDR gelebt und dort 1964 die Produktion des originalen Textes im Radio gehört hatten. Aber wie zu Eichs „Träumen” äußerte die Jury auch hier Kritik an der Neuinszenierung. Sie störte, dass das Stück nicht auf die Gegenwart bezogen ist und dass ein nicht mehr existierender veralteter Berliner Dialekt gesprochen wird, den die Schauspieler nur recht künstlich hervorbringen. Der moderne Ansatz des Döblin- Stückes bleibt so auf der Strecke. Dunja Arnaszus war schon im vergangenen Jahr im Wettbewerb mit ihrem ersten Hörspiel, einer poetischen zarten Liebesgeschichte. Diesmal kam sie mit ihrem zweiten in die Endauswahl. „Etwas mehr links”, produziert beim rbb, ist eine witzige und zugleich bitterböse Satire auf die Zumutungen, die dem Bürger von Staat und Behörden angetan werden.  Immer stärker mischen sich Behörden in die Privatsphäre ein, ob mit Vorrats-Datenspeicherung oder der Prüfung gemeinsamer Zahnbürsten, um herauszufinden, wer zu einer Bedarfsgemeinschaft gehört. Im Hörspiel wird das mit einem fiktiven staatlichen Programm „Fort- pflanzung - Ich bin dabei” auf die Spitze getrieben. Ein arbeitsloses Lehrerpaar wird genötigt, daran teilzunehmen. Deutsche sollen Kinder bekommen. Sonst drohe die Streichung von Hartz IV. Bei Teilnahme hingegen lockt ein Ernährungszuschlag für Aphrodisiaka wie Austern oder Granatapfel. Was allerdings soll ein Hartz-IV- Empfänger mit Austern anfangen? Und was soll überhaupt das Programm, Kinder zu haben, damit die dann später arbeitslos werden? Mit trockenem Humor geht Arnaszus solchen amtlichen Seltsamkeiten nach, karikiert wunderbar die Behördensprache, die sich in einer Anleitung zur „Vermehrung” versucht. Großartig treffen die beiden Schauspieler wie nebensächlich den leichten trockenen Ton. Die Geschichte kulminiert, als sich das Paar schließlich ein Kind von Asylbewerbern ausleiht, um weiterhin in die Segnungen des Programms zu kommen. Das Vorhaben fliegt auf, sie wandern aus in die Dritte Welt, dort braucht man sicher noch Lehrer....
   Mit einer ähnlich „schrägen” Idee nimmt sich das Hörspiel „Queen Mary 3” vom MDR der Kinderl- osigkeit an. Es spielt in der Zukunft, einer Zeit, in der erfolgreiche Menschen ohnehin keine Zeit mehr für Nachwuchs haben. Stattdessen kann man später erwachsene Leihkinder buchen, die Vorgeschichte und Vorlieben der Kunden studieren und sich ganz auf diese einstellen - für einen Abend, ein Familienfest oder eine Kreuzfahrt auf der Queen Mary. Mehr sieht man von den Kindern ja ohnehin nicht, wenn sie einmal aus dem Haus sind. Das funktioniert normalerweise reibungslos - im Hörspiel allerdings geht es schief, weil echte Gefühle dazwischengeraten. Das ist nicht vorgesehen.
   Sprachlosigkeit zwischen Menschen und Beziehungsunfähigkeit waren auch in weiteren Hörspielen Themen. In „potentielle Freunde” vom WDR kann man Freunde mieten zu ähnlichen Bedingungen wie Kinder in dem Hörspiel „Queen Mary 3” vom MDR. Jemand telefoniert das Telefonbuch durch auf der Suche nach möglichen Freunden. Ein anderer überlegt, ob er riskieren soll, die Frau, die seit Jahren mit ihm in derselben U-Bahn zur Arbeit fährt und im selben Großraumbüro sitzt, einmal anzusprechen. Auch diese Elegie der Einsamkeit kommt leicht daher, mit einer heiteren Oberfläche über Abgründen.
   Jeden menschlichen Kontakt verliert die Hauptperson in dem Stück „Meine Tonbänder sind mein Widerstand” von Thomas Steinäcker, produziert vom Bayrischen Rundfunk. Als Pseudo-Dokumentation wird die Geschichte eines Künstlers erzählt, der nach anfänglichen kleinen Erfolgen kaum noch öffentliches Echo findet und sich deshalb um so mehr in die Arbeit mit seinen Bändern vergräbt, alles um sich her aufzeichnet, kopiert und neu zusammenstellt, bis Leben und Tonbänder völlig eins werden. Hier wird ein ironisches Spiel mit der Gattung Hörspiel getrieben, mit der Bedeutung von Kunst und der Selbstreflexion eines Künstlers, mit dem Verschmelzen von Fiktion und Wirklichkeit. Wunderbar ist die Stelle, an der er nach der Trennung von seiner Freundin die Beziehung in seiner Einbildung fortsetzt, indem er alte Äußerungen von ihr mit neuen von sich zusammenschneidet und so nach Belieben eine neue Reise nach Venedig oder einen neuen Streit herstellen kann. Mehr Wirklichkeit braucht er nicht; real ist, was auf dem Band ist. Wunderbar auch, wie er die alten Bänder seines Lebens abhört, um sich selbst zu verstehen - er hat mehr nein als ja gesagt, über acht Minuten seines Lebens hat er das Wort aber verwendet....
   Eine echte Dokumentation, sehr kunstvoll gearbeitet, war das Stück „Peymannbeschimpfung” von der Theatergruppe „Rimini Protokoll”. Darin werden Schmähbriefe an Theaterregisseur Klaus Peymann zitiert, die ihn erreichten, nachdem er im Stuttgarter Theater Spenden gesammelt hatte, die den in Stammheim einsitzenden RAF-Mitgliedern für eine Zahnbehandlung zugutekommen sollten. Die Briefe werden auf höchst geschickte Art kombiniert mit Aussagen von Peymann selbst, seiner damaligen Sekretärin, einer Anwohnerin von Stuttgart-Stammheim und anderen Stimmen. Besonders ein- drucksvoll fand die Jury die Passage, in der die Stimme eines Zahnarztes über das Ausziehen von Zähnen und Ausrotten von Eiter mit Briefen collagiert ist, die ihrerseits Ausziehen und Ausrotten von Volksschädlingen verlangen. Ein weiteres großartiges Stück von „Rimini Protokoll” erhielt schließlich den Preis, das Hörspiel „Karl Marx: Das Kapital, Erster Band”. „Rimini Protokoll” arbeitet im Theater und im Hörspiel mit Laien, die durch ihr Leben Experten für das jeweilige Thema geworden sind Foto unten. Diese Experten des Alltags werden in einen kunst- vollen Zusammenhang gestellt. Diesmal erforschen Helgard Haug und Daniel Wetzel, wo in der Gesellschaft das „Kapital”, das Buch, das jeder kennt und kaum einer gelesen hat, seine Spuren hinterlassen hat. Menschen setzen ihr Leben in Beziehung zu diesem Werk. Der eine hat es gründlich studiert, die andere damit geheizt. Ein Wissenschaftler, ein blinder Plattensammler, ein früherer Maoist, ein Gewerkschafter, eine Prostitu- ierte und andere erzählen von Habenwollen und Spielsucht, Anlagebetrug, von Menschen als Ware, Fetischen, vom Arbeitsalltag und vom Marxwein aus Trier, von Neokapitalismus und alter Aus- beutung.
   Zufällig wurde dieses Stück als letztes gehört. Vorher hatte die Jury schon lange über viele und gute Hörspiele gesprochen. Jetzt war plötzlich die Begeisterung allgemein. Die Art, wie die authen- tischen Stimmen zu einem provokanten und zugleich kulinarischen Radio-Erlebnis komponiert sind, wurde gelobt. Diese zeitgemäße Weiterführung des Originalton-Hörspiels gefiel den meisten Mitgliedern der Jury. Man genoss subtilen Witz, scharfe politische Analyse, „Geistreichelei” und schließlich und vor allem den „akustischen Mehrwert”.
Anna Dünnebier (Die Autorin war Vorsitzende der Jury). DerKriegsblinde04/08

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Hörbuchpreis-Sieger stehen fest

   Im Wettbewerb um den Deutschen Hörbuchpreis 2008 hat die Jury die letzten vier Preisträger bestimmt. Die Auszeichnung für die beste Information geht an Michael Stegemann für die „Glenn Gould Trilogy - Ein Leben”, wie der WDR mitteilte. Als beste Fiktion des vergangenen Jahres wird das mehr als 50 Jahre alte Radiostück „Träume” des Dichters Günter Eich (1907-1972) prämiert. Den Deutschen Hörbuchpreis für den besten Interpreten erhält der österreichische Schauspieler Peter Simonischek für seine Lesung des Romans „Der Meister des Jüngsten Tages” von Leo Perutz. Die beste verlegerische Leistung des Jahres 2007 fand die Jury des Deutschen Hörbuchpreises in der Hörbuchreihe „Afrika erzählt”. Die zwölf Titel umfassende Edition präsentiert die Literatur Afrikas. HATddp080212          

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Bestürzendes Porträt einer Medien- und Lifestyle-Generation. WDR-Autor erhält Hörspielpreis

Unsichere Beschäftigungsverhältnisse, schwierige Sozialbedingungen: WDR-Autor Schorsch Kamerun Fotos oben porträtiert in “Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt” die Situation moderner Menschen. Dafür erhält er einen der wichtigsten Hörspielpreise.
   Wie die Filmstiftung NRW bekannt gab, wird Kamerun mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet. Sein Stück “Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt” wurde zum ersten Mal am 25. September 2006 in der WDR3-Sendung open gesendet. Für die WDR-Hörspielredaktion ist es die sechste Auszeichnung mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden in den letzten neun Jahren. Der Preis ist die bedeutendste Auszeichnung für Hörspiel-Autoren in Deutschland.
“Die Möglichkeiten der Kunstform erweitert”
  Kameruns vom WDR produziertes Hörspiel zeichnet laut Jury das bestürzende Porträt einer Medien- und Lifestyle-Generation, die keine Chance auf originales Leben und authentische Wünsche hat. Der Mensch werde zum unglücklich Suchenden. Der Hörspielpreis der Kriegsblinden, getragen vom Bund der Kriegsblinden Deutschland und von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, würdigt jährlich ein deutsch- sprachiges Hörspiel “das in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert”. Der Preis ist im Bundesrat in Berlin an Schorsch Kamerun überreicht. Kamerun lebt in Hamburg und wurde bekannt als Sänger der “Goldenen Zitronen”. WDR

Hörspielpreis 2007
   Der Hörspielpreis der Kriegsblinden geht dieses Jahr an eine Produktion des WDR, nämlich an “Ein Menschenbild, das in seiner Summe Null ergibt” von Schorsch Kamerun. “Dieses irritierende Stück Gesellschaftskritik überzeugt in der Radikalität der Aussage und dem souveränen Gebrauch des Me- diums Radio”, befand mehrheitlich die Jury, die sich traditionell aus kriegsblinden Laien und aus Fachleuten zusammensetzt. Zweierlei war in diesem Jahr neu beim Hörspielpreis der Kriegsblinden. Zum ersten Mal tagte die Jury in der Schweiz - seit vergangenem Jahr sind das Schweizer und das Österreichische Radio mit von der Partie. Zum ersten Mal stammte einer der blinden Juroren nicht aus dem Kreis der Kriegsblinden, sondern vom Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Verband, nämlich Reiner Unglaub Foto unten. Er ist dafür bestens qualifiziert, ist selbst Hörbuchsprecher und Sprech-Ausbilder, war Geschäftsführer der Bayerischen Blindenbücherei und fungiert bereits als Juror beim Deutschen Hörbuchpreis.

Reiner Unglaub WDR-ReinerUnglaub Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband

  Schon lange war darüber diskutiert worden, den Kreis zu erweitern. Die Generation der Kriegsblinden wird immer älter. „Für uns gibt es keinen Nachwuchs, und wir sind froh und dankbar dafür, obwohl es das Ende des BKD bedeuten wird”, so schrieb BKD-Vorsitzender Dieter Renelt (und stellvertretender Jury-Vorsitzender) im Jahrbuch des Bundes der Kriegsblinden 2007. Was wird in Zukunft aus dem Preis der Kriegsblinden? Schon in den 90er Jahren hatte der BKD einen Schritt in die Zukunft getan, hatte die Filmstiftung NRW gebeten, als zweiter Träger des Preises hinzu- zukommen. Nun ist der nächste Schritt getan, um den renommierten Preis in den kommenden Jahren zu erhalten.
   Denn das Interesse am Hörspiel wächst, auch bei der Jugend. Die Hörspiele auf der jungen Welle „Eins live” des WDR haben oft mehr Hörer als die Hörspiele im Kulturradio. Viele Sender veranstalten Hörspielfestivals, die Akademie der Künste nimmt die eingestellte „Hörspielwoche” wieder auf, in diesem Jahr wurde ein „Günter-Eich-Preis” für das Lebenswerk von Hörspielmachern neu gestiftet. Und der Hörspiel-Jahrgang war wieder von besonderer Qualität. Es gab auch Jahre, in denen die Jury sich verlegen fragte, wem man denn nun mit gutem Gewissen einen Preis geben könnte. Diesmal waren es vier Hörspiele höchst unterschiedlicher Art, die es in der Schlussdiskussion den Juroren schwer machten, sich zu entscheiden.
   Erfreulich war, dass sich in der Jury keine Fronten bildeten, Laien gegen Kritiker. Die verschiedenen Vorlieben oder Abneigungen gingen quer durch die Reihen; immer andere Bündnisse fanden sich für dieses oder jenes Hörspiel. Nach langer Diskussion setzte sich am Ende mit großer Mehrheit ein Stück durch, das auf bestürzende Weise die junge Generation porträtiert. Zwischen Mediengeschwätz, Lifestylmode und Kaufwelt, zwischen verordneter Wahlfreiheit und allgemeiner Beliebig- keit bleibt keine Chance auf ein originales Leben, auf authentische Wünsche. „Das Leben werden Sie kaum noch selbst erleben, das erledigen wir, Ihre bezahlten Vertreter”, tönt es im Ton von Jahrmarktschreier oder Fernsehwerbung, und: „Frisch erfinden darf hier niemand mehr!” Die Menschen in Kameruns Hörspiel leben in einer indirekten Welt, zugeschüttet mit einem Übermaß an Null-Information. Sprechen sie, zitieren sie? Ist das Plattheit oder Ironie? Und wo sind wir überhaupt? In der Wirklichkeit, im Fern- sehen, in einer Talkshow, im Gespräch, in der Satire?  Ausdrücklich lobte die Jury, dass Kamerun diese Unsicherheit, diese Desorientierung bewusst benutzt, so dass sie sich von den Figuren im Stück auf das Publikum überträgt.
   Wir haben viel gelacht beim Hören. Und waren zugleich tief entsetzt. Die Art, wie Kamerun die Medienwirklichkeit zur Kenntlichkeit verzerrt, ist komisch und verzweiflungsvoll zugleich. „Wenn alles super ist, ist nichts mehr super”. In bruchstückhaften Zitaten wird an eine Zeit erinnert, in der Auf- klärung und Kunst Werte vorgaben. Da versucht ein Beethoven-Konzert, Gehör zu finden, verfängt sich aber in einer endlosen Schleife. Da darf man an Kant denken, wenn man eine Durchsage wie auf dem Bahnhof oder im Kaufhaus hört: „Sie haben den Ausgang verpasst aus Ihrer unverschuldeten Unmündigkeit!” Als Hoffnungsträger bleibt Darwins Schildkröte auf Galapagos, 157 Jahre alt, die das Entscheidende begriffen hat: Sie macht nicht mehr mit, sie verweigert sich. Und sie lebt mit dem, was von den Gedanken der Aufklärung übrig bleibt: Mit der Erkenntnis, dass man einen Gedanken eben nicht zu Ende denken kann. Schorsch Kamerun ist Musiker, seine Musik gibt das Thema vor: ein auswegloses Kreisen in Wiederholungen, mit winzigsten Variationen, mit seltenen Ausbrüchen von intensiver Heftigkeit. Das war es, was letztlich in der Jury den Ausschlag für dieses Stück vor den anderen gab: Die Komposition von Sprache und Musik, die sorgfältige Montage, die mit harten Kontrasten arbeitet, die sich gegen- seitig matt setzen. Eben ein Stück Kunst, das nur im Radio möglich ist. Anna Dünnebier. Die Autorin war Vorsitzende der Jury. DerKriegsblinde0705

 Orphan Pamuk: “Der Blick aus meinem Fenster”

   Als die Flugzeuge in die Twin Towers rasen, sitzt Orhan Pamuk in einem Kaffeehaus in Istanbul, in dem Pferdekutscher und Lastenträger verkehren. Die Bilder aus New York flimmern über den Fern- sehschirm. Die Leute schauen - verwundert, aber nicht erschüt- tert. Später sagt ihm ein alter Mann: „Hast du gehört? Sie haben eine Bombe auf Amerika geworfen. Das haben sie gut gemacht.”
   Der Alte ist kein Islamist. Er ist ein ganz normaler armer Mann, der im Fernsehen den unermess- lichen Reichtum Amerikas bestaunt und zu den Abermillionen gehört, die sich minderwertig und hilflos fühlen angesichts eines Westens, der sie nicht versteht und das auch nicht versucht.
  Das Problem des Westens, schreibt Orhan Pamuk, sei weniger, welcher Terrorist gerade in welchem Zelt an welcher Bombe bastelt. Das Problem des Westens sei, die seelische Verfassung der Armen zu  verstehen. Und das ist die Mehrheit der Weltbevölkerung.
  Pamuk war schon vor dem Nobelpreis für Literatur 2006 ein begnadeter Erzähler, scharfsichtig, un- sentimental und dennoch liebevoll. Jemand, der Dinge beschreibt, ohne allzu rasch Schlüsse zu ziehen. Der Preis hat ihn in eine Aufmerksamkeit katapultiert, die ihn mit anderen Maßstäben misst. Die ihn in Schubladen stopft, ihn mit ihren oberflächlichen politischen Wertungen überzieht. Deswegen hat er gesagt, er sei kein politischer Schriftsteller.
   Pamuks Buch „Der Blick aus meinem Fenster”, aus dem jetzt eine Auswahl als Hörbuch vorliegt, liefert den Beweis: Es geht Pamuk nicht um Politik. Es geht ihm um die Seelen der Menschen und um das,  was die Welt, die Wirtschaft, auch die Politik mit ihnen macht. Es geht ihm um die Menschen in seinem Land. Und um uns. Er spricht von unseren Problemen. Wir sollten ihm zuhören.
   Heikko Deutschmann liest die Betrachtungen manchmal mit einer Spur zu viel Emphase, aber das tut den Texten keinen Abbruch. BertStrebeHA070106 Hörbuch Hamburg, 2 CDs 17,95

Nominierungen für Hörbuchpreis stehen fest

  18 Hörbücher und drei Verlage sind für den 5. Deutschen Hörbuchpreis nominiert worden. Die Aus- zeichnung wird am 18. März während des Internationalen Literaturfestes lit.Cologne in Köln verliehen. Ausgezeichnet werden die besten und innovativsten Hörbücher aus dem vergangenen Jahr. Zu den Nominierten gehört unter anderem in der Kategorie „Beste Info” die Hörbuch-Box „Die Kinder der Manns”. Schauspielerin Monica Bleibtreu ist in der Kategorie „Beste Interpretin” für ihre Leistung in „Tannöd” nominiert, und „Die Attentäterin” von Yasmina Khadra tritt in der Kategorie„Beste Fiktion” an.  ddpNOZ070106

Hörspiele im Internet

   Zu den ARD-Hörspieltagen wurde erstmals in das Sendegebiet des Südwestrundfunks geladen. Vom 8. bis 12. November präsentierten die Hörspielredaktionen von ARD und Deutschlandradio im Karlsruher ZKM aktuelle Produktionen. Erstmals in diesem Jahr wurde der „ARD-Hörspielpreis” vergeben. Im Internet konnten Hörspielfans über den „ARD Online Award“ entscheiden, den Publikumspreis des Festivals. Dafür standen alle zehn Wettbewerbsstücke unter: www.radio.ARD.de als Audiofiles zur Verfügung.

ARD11     ARD-online-Award

Premiere im Netz
   Es ist soweit! Insgesamt 21 Hörspiele warteten darauf, gehört zu werden. Beim ARD-Online-Award waren die Hörer die Jury und bestimmten per Klick über den Publikumspreis. Bei der “Premiere im Netz” entschied eine Expertenjury, welcher Newcomer prämiert wurde.

ARD01    ARD02 

Nominiert für den “ARD-Online-Award” :: Adler und Engel ::
Beginn des Inhaltes
   Jessie hat sich erschossen und für Max zählt nur noch Kokain. In Rückblenden wird die Verstrickung zwischen Drogen, Recht, Unrecht und Krieg erkennbar. Ein Hörspiel nach dem Roman von Juli Zeh - nominiert vom Mitteldeutschen Rundfunk.

Nominiert für den “ARD-Online-Award”:: Das wird schon. Nie mehr lieben! ::
Beginn des Inhaltes
   Schluss mit der Suche nach dem Traummann! Ab einem gewissen Alter sollten Frauen sich von dem romantischen Irrglauben befreien, sie könnten doch noch einen abbekommen. Eine bitter-böse Komödie von Sybille Berg - nominiert vom Norddeutschen Rundfunk.

 ARD03 ARD04

Nominiert für den “ARD-Online-Award” ::Die Kinski-Bänder. Gottes letztes Interview ::
Beginn des Inhaltes
   Journalist Lorenz Schröter bittet Schauspieler Klaus Kinski um ein Interview. Ein Gespräch jedoch findet nicht statt. Schröter erlebt eine atemberaubende Kinski-Tirade. Ein Originaltonhörspiel nominiert vom Westdeutschen Rundfunk.

Nominiert für den“ARD-Online-Award”::Die Kostbarkeiten des Sternenhimmels ::
Beginn des Inhaltes
   Mann und Frau treffen aufeinander, erwählen sich, deformieren sich und gehen - größtenteils unbeschadet - aus der Kollision hervor. Ein Hörspiel von Arkadij Bartov - nominiert von Radiobremen.

ARD05  ARD06

Nominiert für den “ARD-Online-Award”  :: Ein Kapitel aus Dream - Immer dein, tuissimus :: 
Beginn des Inhaltes
   Über das Privatleben des Schriftstellers Samuel Beckett ist nur wenig bekannt. Um so spannender, wenn dann ein geradezu intimer Text erscheint. Der Hessischen Rundfunk nominiert das "Kassel-Kapitel" aus Becketts "Dream".

Dieses Hörspiel erhielt den “ARD-Online-Award”     :: Entweder bin ich irr oder die Welt ::
Beginn des Inhaltes
   Um sein Tagebuch vor der Stasi zu retten, versteckte Einar Schleefs Mutter es unter den Kohlen im Keller. Matthias Baxmann hat daraus ein Hörspiel gemacht. Nominiert vom Südwestrundfunk.

ARD07  ARD08

Nominiert für den “ARD-Online-Award”   :: Heldenfriedhof – Der Roman des Enrico Cosulich ::
Beginn des Inhaltes
   Vierzehn Leichen auf dem Triester Heldenfriedhof geben Rätsel auf. Eine Spur führt nach “San Sabba” - Gefängnis und Hinrichtungsstätte der Nazis im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Roman von Thomas Harlan - nominiert vom Bayerischen Rundfunk.

Nominiert für den “ARD-Online-Award”    :: Hofmanns Elixier oder Die Welt ist perfekt ::
Beginn des Inhaltes
  1943 entdeckt der Schweizer Chemiker Albert Hofmann das LSD. Regine Ahrem und Michael Rodach porträtieren einen ungewöhnlichen Menschen und den Siegeszug einer Droge. Nominert vom Rundfunk Berlin-Brandenburg.

ARD09  ARD10

Nominiert für den “ARD-Online-Award”    :: Parzivals Weg. Ein Fragment ::
Beginn des Inhaltes
   Schon mehrfach hat sich der Dramatiker Tankred Dorst in seinem Werk mit der Sagenwelt um König Artus beschäftigt. In seinem jüngsten Hörspiel nimmt er das Parzivalmotiv wieder auf. Ein Hörspiel von und mit Tankred Dorst - nominiert von Deutschlandradio Kultur.

Nominiert für den “ARD-Online-Award”  :: Schneckenporträt ::
Beginn des Inhaltes
   Bertram ist ein Träumer, Marie hat das Träumen verlernt aber verkauft Illusionen. Wie sollen sie da zueinander finden? Eine scheiternde Liebesgeschichte von Rebekka Kricheldorf. Nominiert vom Saarländischen Rundfunk.

Der ARD-Hörspielpreis und Online-Award fiel an: Entweder bin ich irr oder die Welt.
Bin ich irre? So tönt es aus dem Internet: Das Hörspiel in Karlsruhe

  Nur kein „fades, langweiliges Zeug“ vortragen, lieber einleuchtende Abenteuer, die staunen lassen. Den Erzählreigen der „Serapionsbrüder“, in dem E. T. A. Hoffmann diese Maximen empfahl, fächert der Bayerische Rundfunk in einer großen Inszenierung auf. Die Produktion für Funk und Hörverlag ist symptomatisch für akustische Rezeptionstrends: Erzählen und Zuhören sind wieder beliebt. Die Strahlkraft der Radioästhetik belebt den Hörbuchmarkt, der Hörbuchboom verstärkt das Interesse am Hörspiel. Zu erleben war dies nun beim ARD-Hörspielfestival.
  Im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie lud der rührige Direktor Peter Weibel in hoch- karätige Konzerträume ein. Dort drängten sich die Hörspielfans. „Zehn der besten Hörspiele“, wie der SWR-Hörfunkdirektor Bernhard Hermann pries, alle aus jüngster Produktion, in doppeltem Wettbewerb. Der ARD-Hörspielpreis wie Online-Award  fiel an „Entweder bin ich irr oder die Welt“ (SWR/WDR), eine Collage aus Texten von Einar Schleef, zusammengestellt von Matthias Baxmann. Das mündliche Medium verstärkt die Wucht der Tagebücher Schleefs, die seine Mutter nach seiner Flucht aus der DDR vor dem Zugriff der Stasi im Kohlenkeller verbarg. Lapidare Notizen, Aufschreie und Kurzsätze entfalten Schleefs Thema der Rebellion gegen Vater und Staat. Der einzelne behauptet sich gegen das totalitäre System: Das prägt nicht nur Kindheit und Jugend des Theaterregisseurs und Autors Schleef, es ist das exemplarische politische Drama des zwanzigsten Jahrhunderts.
Liegt in dieser kinoerprobten Technik die Zukunft des Radios, oder braucht es eine spezielle Drama- turgie? Bislang hat sich das Hörspiel, die genuine Kunstform des Radios, immer wieder regeneriert. Für „Anhänger wie Zugkräfte des Hörspiels”, wie Walter Filz sie bei der Preisverleihung nannte, ist das ein Glück. Eva-MariaLenzFAZ061114

Verleihung des Hörspielpreises  Hörspiele  2006

Hörspielpreis, verliehen im Jahr 2006 in Berlin

  Bei der Verleihung des „Hörspielpreises der Kriegsblinden” war der Plenarsaal des Bundesrates vollbesetzt mit Publikum. Sehr viele Mitglieder des Bundes der Kriegsblinden waren zum neunzig- jährigen Jubiläum nach Berlin gereist und nutzten die Gelegenheit, um an der Preisverleihung teil- zunehmen. Auch einige Politiker waren anwesend, Vertreter der Filmstiftung NRW und natürlich Hörspiel-Redakteure und Kulturchefs der Sender, die am Wettbewerb teilnehmen. Sosehr man sich über deren Kommen freute - sie waren die Minderheit. Leider war die Mehrheit der teilnehmenden Rundfunkanstalten nicht vertreten. Das bedauerten besonders diejenigen Redakteure, die aus Köln, München und Leipzig angereist waren. Denn das Fernbleiben eines großen Teils der ARD schwächt das Ansehen dieses renommierten Preises.
  Dabei war der Hörspiel-Jahrgang diesmal von besonderer Qualität! Abgründiges und Ironisches, absurde Poesie und lakonische Erzählungen, Experimentelles, Poetisches und Dokumentarisches stand zur Wahl; die Jury hätte am liebsten mehrere Preise vergeben. Dagegen waren manche vergangenen Jahrgänge eher mager. Offensichtlich läuft das Hör- spiel, wohl auch befeuert durch die Konkurrenz des Hörbuchs, wieder zu großer Form auf.
   Der Preis ging an Michaela Melián, bildende Künstlerin, Musikerin, multimediales Talent. Es ist außergewöhnlich, dass den Hörspielpreis der Kriegsblinden eine bildende Künstlerin erhält. Ihr Werk „Föhrenwald” ist der hörbare Teil einer multimedialen Installation in einem begehbaren Raum, die aus Zeichnungen besteht, die als Dias projiziert werden, aus Stimmen und Musik. Eine Installation, die man begehen und sehen muss, preiswürdig für Blinde? Ja, denn das Hörspiel allein ist so stark, dass es ohne die Bilder in der Lage ist, sichtbar zu machen. Aus Sprache und Tönen entstehen Bilder im Kopf.  Eine Jurorin meinte, nachdem wir gemeinsam gehört hatten: „In mir ist beim Zuhören ein innerer Film entstanden, der mich in seine fließende Bilderfolge hineingezwungen hat.”
   Es geht um die Vergangenheit, die in der Gegenwart weiter existiert, um die Aktualität des Erinnerns. Michaela Melián nähert sich der Vergangenheit als etwas Gegenwärtigem. Das kann die Kunst; die Geschichtsschreibung kann das nicht. Melián schafft die künstlerische Topographie eines Ortes, der sich als eine sehr normale deutsche Reihenhaussiedlung im Grünen beschreiben lässt, in der ganz normale Familien Bäume beschneiden, zur Arbeit gehen und abends vielleicht am Häuschen herum- basteln - ein Ort, in dem Meliän die Schichten von Vergangenheit bloßlegt,  aus denen er besteht.
  Sie rekonstruiert Föhrenwald bei Wolfratshausen, heute ein Stadtteil in ihrer Nachbarschaft. Föhrenwald wurde in den 30er Jahren zur Nazizeit gebaut,  Stein  gewordene  Ideologie: Ein Ort, der aussieht wie sich der NS-Staat ein ideales Stück Heimat vorstellte, ein künstliches Dorf, Satteldach- häuser gruppiert um Gemeinschaftsbauten. Diese Gemeinschaftsbauten sind nicht wie in gewachsenen Dörfern Kirche oder Rathaus, sondern stehen für die angebliche Volksgemeinschaft: eine gemeinsame Küche und Ess-Säle, Versammlungsräume. Das Private soll gemeinschaftlich werden, kein Haus hat eine eigene Küche. Aber die Volksgemeinschaft, die dort einzog, war von Beginn eine Zwangs- gemeinschaft: Arbeitsdienstler und ausländische Zwangsarbeiter, hierher verschleppt, um in der nahe gelegenen Munitionsfabrik zu arbeiten. Föhrenwald war ein Lager, eingezäunt, bewacht von bewaffneten Mannschaften.
  Heimat wurde es ironischerweise für diejenigen, die vom Nazireich verfolgt wurden, für Juden aus ganz Europa, die die KZs überlebt hatten. Föhrenwald wurde nach Kriegsende Lager für „displaced persons”, wie die Überlebenden hießen, die nun ohne Heimat waren. Den Stacheldraht gab es immer noch. Trotz- dem wurde dieser Ort eine Art von Heimat für unbehauste Menschen, die dem Tod entronnen waren, hier im Wartestand lebten, in der Hoffnung auf Ausreise nach Amerika, nach Israel. Die Gemein- schaftsräume wurden sinnvoll als Synagoge, Kino und Schule genutzt, bildeten den Mittelpunkt der selbstverwalteten Kommune. Fast zehn Jahre lang war Föhrenwald ein wieder- erwachtes Schtetl, oder ein vorweggenommener Kibbuz. Seit Mitte der 50er Jahre wurden dort deutsche Heimatvertriebene angesiedelt, kinderreiche Familien. Das Lager wurde aufgelöst, die wenigen Juden, die dort noch wohnten, nach Frankfurt oder München umgesiedelt.
  Michaela Melián hat in jahrelanger Suche Dokumente zusammengetragen: Berichte von ehemaligen Bewohnern, von Überlebenden, von Menschen, die dort als Kinder aufgewachsen sind, auch von Anwohnern und Alteingesessenen, dazu amtliche Statistiken und Berichte. Melián hat ihr Hörspiel selbst inszeniert. Ihre Kunst lebt vom Reduzieren, Verfremden, Abstand schaffen. Die Musik variiert wenige Motive, bewegt sich im Kreis, verweigert sich Stimmungen oder Einfühlung. Auch die Texte werden vom Persönlichen abgelöst, indem sie von Schauspielern zitiert werden. Unkommentiert stehen die Aussagen nebeneinander. Das wieder erwachende jüdische Leben neben dem alten Misstrauen, dem neuen Neid, den alten Vorurteilen. Die klingen heute so wie damals. Hat niemand inzwischen gelesen, gehört, gelernt? Was hören wir da? Es geht um heute, um unsere Angst vor Fremden, unsere Mechanismen, zu sehen was man sehen will, zu interpretieren, wie es ins Weltbild passt, sich abzusetzen, sich zu rechtfertigen. Und es geht darum, was die gesellschaftliche Erinnerung speichert und was sie aussortiert. Die alten Verwaltungsakten, Statistiken und Vor- schriften lässt Melián von Kinderstimmen sprechen. Sachlich bis verwundert buchstabieren sie sich durch die Texte wie durch ihr Lehrbuch für Geschichte. Stehen solche Texte im Schulbuch? Warum stehen sie darin nicht? Kinder sprechen auch das Leitmotiv, die Straßennamen, die mit der Geschichte wechseln: aus Danziger Freiheit wird Independence Place, wird Kolpingplatz.
  Der Umgang mit Dokumentarischem zieht sich wie ein roter Faden durch viele Hörspielproduktionen des Jahrgangs 2005. Am verblüffendsten vielleicht die Versuchsanordnung, vier Menschen mit einer künstlichen Intelligenz, einer Maschine, kommunizieren zu lassen. Dabei entsteht viel Unerwartetes, erhellende Missverständnisse, Umdeutungen von scheinbar Einfachem, aber auch zu viel Pseudo- Tiefgang: „Der Apparat realisiert dem Gott”. Der Apparat kann nicht origineller sein, als sein Erbauer Peter Dittmer, Performance-Künstler und Regisseur, ihm einprogrammiert hat.
  Viel Lob erhielt „Spekulation Sommer” des SWR-Redakteurs Walter Filz: Die als griechische Tragödie gestaltete Geschichte vom Aufstieg und Untergang des Telekom-Chefs Ron Sommer. Dokumentarische Fragmente werden mit Fiktivem und mit Mutmaßungen „theatralisch aufgemotzt”, so der Autor. Die öffentliche Meinung tritt als hetzender Tragödienchor auf. Das ergab ein rasantes, gut gemachtes Stück, meinten einige, während andere kritisieren, dass die Spekulation oft im Klischee stecken bleibe und die Dramatisierung des Dokumentarischen keinen zusätzlichen Erkenntniswert schaffe.
  Auf ganz andere Weise benutzt Hermann Bohlen in seinem Hörspiel „Gräser fliegen nur noch selten” vorgegebenes Material. Bohlen hat Hörspielmusik von Karl Sczuka aus den 50er Jahren collagiert, dramatische, ausmalende, stimmungsreiche Musik, die damals als „Untermalung” des Wortes gemeint war und hier zum Erzählfaden wird. Er hat selbst inszeniert und auch den Text gesprochen. Das Stück wurde zum Liebling der Kritiker, die darin besonders den „Brückenschlag in die Hörspielgeschichte” (so ein Juror) lobten. Hanno Millesi thematisiert in einem satirischen Stück Medienkritik die heutige Rundfunkpolitik, mischt dabei Original-Zitate von Gegenwarts-Autoren mit fiktiver Handlung, wobei höchst ironisch der Autor selbst als Geisel für das Qualitätsradio genommen wird. David Zane Mairowitz konstruiert eine Art fiktive Dokumentation, deren Anfang fast jeder schon einmal erlebt hat: in einer Mail aus Nigeria bietet eine reiche Witwe eine millionenschwere Beteiligung an, wenn man beim Transferieren eines Vermögens nach Europa behilflich ist. Spielerisch lässt sich der Held des Hörspiels darauf ein, gefasst, auf Betrüger zu stoßen, und verwirrt sich trotzdem immer tiefer in Habgier und der Verlockung der exotischen Frau. Ist das überzeugend? Die Meinungen waren geteilt.
  Auch die Literatur zeigte sich in vielen Facetten. Leicht und heiter bei Frederike Frei: Sie zieht immer größere sprachliche Kreise um ihre Adresse „Große Bunnenstraße”, so der Titel des Hörspiels. Phan- tasievoll, wortreich und ironisch wendet sie dabei die eigene Existenz als Schriftstellerin um und um. „Canal du Midi” von Hubert Wiedfeld thematisiert in einer bilderreichen Reise durch Zeit und Raum die Medien- welt, konfrontiert die Theaterdiva der Vergangenheit mit der Filmmacherin von heute. Eine Groteske um Sex und Blut, mit gewitzten Wortspielen und absurden Zusammenhängen, legt Birgit Kempker vor. Tankred Dorst variiert sein „Parzival”-Thema; nach Buch und Theaterstück nun im Hörspiel. Jürgen Beckers „Treppenhaus mit braunen Kacheln” mischt detailgenaue Wahrnehmung mit Erinnerung und Mutmaßung. Von Stil und Thema lässt dieses Hörspiel an die berühmten „Häuser” der 60er Jahre denken. Verblüffenderweise hat er für seine frühen Arbeiten nie den Hörspielpreis der Kriegsblinden bekommen.
  Knapp unterlegen war in der Schlussabstimmung der Jury eine literarische Erzählung von poetischer Dichte, „Kältere Schichten der Luft”. Romanautorin Antje Ravic Strubel hat ein zartes schwebendes Verwirrspiel um Geschlechter-Identität und Begehren, um Erinnerung und Erwartung mitten in die drastisch realistische Kulisse eines Sommercamps gesetzt, wo Gestrandete der ehemaligen DDR jobben und sich mit ihrem flapsigen Jargon über die trostlose Lage hinwegreden. Seltsame Begegnungen, ein ehemaliger NVA-Offizier und eine einsame Liebende voll Erinnerung und Sehnsucht; dazwischen die Erzählerin, die nicht recht weiß, ob sie Mädchen ist oder junger Mann, begehrt wird oder selbst diese Frau begehrt, diese Liebende, die vielleicht nur ein Wunschtraum ist oder eine Erinnerung, und die am Schluss eins wird mit der Erzählerin. Regisseur Klaus Buhlert, auch Komponist der Musik, hat großen Anteil an der Wirkung dieser verrätselten flirrenden Geschichte.
  In ihrer Dankesrede hob Preisträgerin Michaela Melián die phantastischen Produktionsbedingungen hervor, die der Bayerische Rundfunk ihr geboten hat, bedankte sich bei Förderern und Mitmachern. Sie erzählte auch, wie sie als junges Mädchen und später Studentin vom Kulturradio Bayern 2 geprägt wurde. Hier hörte sie Neue Musik, Gegenwartsliteratur, modernen Pop, Klangkunst, das ganze Spektrum der sparten übergreifenden Avantgarde, zu der sie sich bald selbst zählte. Folgerichtig ist es Jahrzehnte später gerade diese Redaktion „Hörspiel und Medienkunst”, bei der sie ihr Hörspiel produzieren konnte. Weiter O-Ton Melián: „Mein größter Dank gilt dem Bund der Kriegsblinden. Dass Sie mit diesem Preis eine Öffentlichkeit erzeugen, eine Plattform bieten für Kunst im Radio, für interdisziplinäres, kreatives Arbeiten mit dem Medium Radio. Leider sind Sendeformate, in denen sich Künstler ausprobieren können und die das Publikum mit unbekannten und neuen Gedankenund Musikwelten bekannt machen, zunehmend die Ausnahme in der deutschen Radiound Medienlandschaft. In den unterschiedlichsten Hörspielen, die bereits von Ihnen ausgezeichnet worden sind, manifestiert sich die Pluralität, in der Künstlerinnen und Künstler mit Literatur, Musik und medialen Experimenten Radiokultur haben entstehen lassen. Danke, dass Sie dem schwierigen, spröden, wilden, dem lauten und leisen Hörspielmaterial zugehört haben und dass der Druck des nur noch unterhaltsamen Formats, der neoliberal forcierten Einschaltquoten bei diesem Preis nicht zu spüren ist! Dieser Preis steht für mich wie kaum ein anderer symbolisch für einen klassischen Kulturbegriff der Bundesrepublik Deutschland, für Aufklärung und Avantgarde.”  AnnaDünnebierJury-VorsitzendeDerKriegsblinde0607

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Gute Nachricht für Blinde und Sehbehinderte: ZDF sendet Audiodeskription auch digitial

  Als erstes Fernsehvollprogramm sendet das ZDF ab sofort Audiodeskription auch auf allen digitalen Verbreitungswegen: terrestrisch (DVBT), Kabel (DVBC) und Satellit (DVBS). Zu diesem Zweck wurde ein zweiter Tonkanal eingerichtet, der die Audiodeskription in Anlehnung an das Mehrkanal- tonverfahren bei digitalen Diensten (z.B. DVD) bereitstellt und seit dem 25. Juni 2004 erfolgreich läuft. Bislang waren die Hörfilm-Fassungen des ZDF auf terrestrischem Weg nur analog zu empfangen. Der Audiodeskriptions- kanal wird von allen Digitaldecodern korrekt getrennt vom Normalton ausgegeben, angewählt wird er in der Regel über die Audio-Optionstaste. Im Audiomenü ist die Audiodeskription bezeichnet als „2ch", der normale Filmton als „deutsch”.
  ZDF-Intendant Markus Schächter: „Mit dieser Entwicklung hat das ZDF, das sich seit Jahren für hör- und sehgeschädigte Zuschauer engagiert, erneut seine führende Position auf dem Hörfilmsektor bestätigt.” 1993 hatte das ZDF den ersten Hörfilm im deutschen Fernsehen ausgestrahlt, seit Ende der neunziger Jahre sein Engagement auf diesem Gebiet kontinuierlich ausgeweitet. Im vergangenen Jahr umfasste das Angebot rund 60 Hörfilmproduktionen, darunter zahlreiche Spielfilme und Reihen wie die Freitagskrimis. Für sein Engagement auf dem Gebiet des Hörfilms wurde das ZDF mit dem erstmals vergebenen Deutschen Hörfilmpreis ausgezeichnet. Auch 3sat schließt sich dieser neuen digitalen Übertragungsvariante an. 040701ZDF-Pressestelle

  Das Hörfilm-Service-Telefon der DHG informiert unter 030 - 21 99 77 11 über die aktuellen Sendetermine. Außerdem sind die Sendetermine im Videotext ARD auf Tafel 397 zu finden, im ZDFtext auf Tafel 775.

  Einige Programmzeitschriften wie „Hörzu”, „TV Spielfilm”, „TV Today”, „TV Hören und Sehen” kennzeichnen Hörfilme mit dem Hörfilm-Logo. Foto oben
   Hörfilme werden in Zweikanalton ausgestrahlt. Zum Empfang sind Stereogeräte erforderlich. Sie hören die Audiodeskriptions-Tonspur, wenn Sie über Fernbedienung oder Display den 2. Tonkanal anwählen. Über Satellit können nur die Hörfilme von 3sat, Arte und BR empfangen werden.
   Die Hörfilme von HR, MDR, NDR, ORB, SFB, SWR und WDR sind in der Regel nur im un- mittelbaren Sendegebiet zu empfangen.
   Ein Info-Blatt mit Hinweisen zum Empfang von Hörfilmen ist bei der Deutschen Hörfilm gGmbH erhältlich. Fragen, Anregungen und Wünsche richten Sie bitte an die Deutsche Hörfilm gGmbH, Zietenstr. 25 A, 10783 Berlin, Tel. (030) 23 55 73 40,
Fax (030) 23 55 73 433 eMail: info@hoerfilm.de  Internet: www.hoerfilm.de

Hör-Spielx   Hörspiele - und -bücher der Autoindustrie

Hörspiele und Hörbücher der deutschen Automobilkonzerne

  Tess hat ein Lieblingstaxi - einen weißen Daimler. So etwas hört man in Stuttgart gern, auch wenn Tess nur eine Figur aus einer Kurzgeschichte ist. Die heißt „Aufm Rücksitz“, wurde von einem Nachwuchsautor namens Jochen Weber geschrieben und ist auf der Internetseite von Mercedes-Benz zu hören und herunterzuladen. Schon seit zwei Jahren bietet der Automobilhersteller Musik zum kostenlosen Download an, nun gibt es auch Geschichten.
   „Immer mehr Menschen laden heute regelmäßig MP3s aus dem Internet herunter. Warum also nicht auch unsere?“ meint Eva Guratzsch, Pressesprecherin von Mercedes-Benz, und erklärt die Strategie: „Durch unsere Hörspiele kommen junge Menschen  erstmals enger in Kontakt mit unserer Marke. Das ist genau das, was wir wollen.“ Die Marke Mercedes-Benz, die zum Stuttgarter Automobilhersteller DaimlerChrysler gehört, versucht damit, gleich zwei Trends für sich zu nutzen: Zum einen steigt das allgemeine Interesse an Hörbüchern im Buchhandel immens. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um 19,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr, für das laufende Jahr werden ähnliche Zuwächse erwartet. Zum anderen wird auch das Internet für Hörbuch-Fans immer interessanter. Nach einer Umfrage des Arbeitskreises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels unter Hörbuchverlagen vertreiben bereits etwa ein Viertel der Verlage ihre Hörbücher über Download-Portale im Internet. Heruntergeladen wurden 2005 etwa 466.000 kostenpflichtige Bücher oder Hörbücher, so das Ergebnis einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg. Die Geschichten von Mercedes-Benz wurden dabei nicht erfasst, denn die sind kostenlos.
   Wer einen Mercedes fährt, muss sich nicht langweilen, lautet die Botschaft, die hinter der Hörbuch-Idee des Automobilherstellers steckt. Wenngleich es offiziell etwas anders klingt: Der Konzern möchte Nachwuchstalente fördern und ihnen eine geeignete Plattform bieten, heißt es in der Presseabteilung. Noch unbekannte Künstler stellen ihre Werke kostenfrei zur Verfügung und erhalten im Gegenzug einen Platz auf der Internetplattform von Mercedes-Benz - die ist zumindest unter Musikfans inzwischen bekannt. Mehr als 15 Millionen Mal luden Musikbegeisterte nach Angaben des Konzerns die Lieder von Mercedes-Benz aus dem Netz. Mehr als zwei Millionen Downloads weltweit verzeichnet das Unter- nehmen im Hörbuch-Segment, seitdem die erste Geschichte vor einem halben Jahr online ging. Dennoch bietet der Autohersteller inzwischen sieben Werke an, die zwischen drei und 15 Minuten lang sind. Welche Texte auf den Seiten von Mercedes-Benz landen, entscheidet die Redaktion der Frankfurter Agentur Renommee. „Inhaltliche Vorgaben gibt es dabei keine”, sagt Redakteur Rene Herzer, „auch ein Auto muss nicht zwangsweise vorkommen. Dass das Lieblingstaxi von Tess ein weißer Daimler ist - Zufall. Egal, ob Liebesgeschichte oder Krimi, solange niemand bei einem Autounfall ums Leben komme, sei alles erlaubt. Die Geschichten der Autoren seien schließlich keine Auftragsarbeiten für das Unternehmen. Die Hörer, so ergab eine unternehmensinterne Online- Umfrage im Frühjahr 2006, sind überwiegend männlich, etwa Mitte Dreißig und technologieorientiert.
   Die möchte auch Konkurrent BMW für sich gewinnen und setzt deshalb ebenfalls auf Hörbücher aus dem Internet. Auf einer eigens eingerichteten Seite bietet der Automobilhersteller seit Februar dieses Jahres vier Kurzgeschichten in englischer Sprache an. Anders als bei Mercedes spielt hier die Marke BMW in jedem Hörbuch eine wichtige Rolle. Beispielsweise bei Billy, dem Profiboxer, der seinen brand- neuen 7er BMW opfert, um für die enormen Spielschulden seines Bruders aufzukommen. Oder das Drama um Ted, einen abgebrannten Immobilien-Spekulanten, dessen Leasinggesellschaft seinen geliebten BMW Z4 zurückverlangt. BMW hat bei den vier Autoren die Geschichten in Auftrag gegeben unter der Be- dingung, dass sie nicht länger als 45 Minuten sind und einen BMW in die Geschichte integrieren. 130.000 Downloads hat das Unternehmen nach eigener Aussage bislang registriert.
   Auch Audi positioniert sich mit einem Multimedia-Angebot rund um das Thema Auto im Internet. Seit Juni dieses Jahres stehen 18 „Auditracks“ zum Download bereit. Die Auditracks spielen Musik aus Trailern und TV-Spots, die im Rahmen der alltäglichen Marketing- und Werbearbeit entstanden sind. Auf monatlich aktualisierten Podcasts geben Designer Interviews zum Innen- und Außenraum neuer Modelle. „Natürlich gehen wir nicht davon aus, dass wir durch solche Maßnahmen 10 Prozent mehr TTs verkaufen“, sagt Tim Gotthardt, zuständig für Koordination und Konzeption im Bereich Online Marketing der Audi AG. Doch hätten Kunden immer wieder nach der Musik aus Trailern und Spots gefragt. Hörbücher, die völlig fern von der Automarke sind, seien nicht angedacht. „Die Frage ist doch, welche Rückwirkung das tatsächlich auf die Marke hat“, meint Gotthardt und ist damit nicht allein. Auch Porsche und VW verzichten bislang auf Geschichten aus dem Netz - auch wenn die Idee bei Porsche zumindest schon mal auf dem Tisch lag.   JudithWeberFAZ060902

Jelinek  Verleihung des Hörspielpreises 2004  Jelinek2x

Hörspielpreisverleihung der Kriegsblinden an Elfriede Jelinek

   Im Plenarsaal des Bundesrates in Berlin der Hörspielpreis der Kriegsblinden für das beste Hörspiel des Jahres an Elfriede Jelinek für ihr Hörspiel „Jackie“ verliehen. Zur Laudatio des Jury-Vorsitzenden Prof. Dr. Jörg Drews, die wir im vollen Wortlaut abdrucken - hier eine kurze Zusammenfassung: In seiner Begrüßung stellte der Bundesvorsitzende Dieter Renelt zufrieden das große Medieninteresse an der Hörspielpreisverleihung fest. Vor allem zeigte er sich dankbar, als Festrednerin Staatsministerin Dr. Christina Weiss, als Laudator wiederum den Jury-Vorsitzenden Prof. Dr. Jörg Drews und als weitere Redner der Veranstaltung den Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks, Dr. Johannes Grotzky sowie den Geschäftsführer der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, Michael Schmid- Ospach willkommen heißen zu können.
   Als wohltuend nahmen es die Anwesenden zur Kenntnis, dass Staatsministerin Frau Dr. Weiss einfühlsam auf Aspekte der Blindheit und dabei insbesondere auf die Situation der plötzlichen Späterblindung einging. Große Aufmerksamkeit rief ihr Geständnis hervor, froh darüber zu sein, dass alle Debatten über eine Namensänderung oder gar eine Einstellung des Preises vom Tisch seien. Unabhängig von der Zusammensetzung der Jury verbänden sich mit dem Namen „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ ein historisches Gewicht, eine Verantwortung und eine Ernsthaftigkeit, die aufzugeben weder im Sinn der Kriegsblinden noch der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen sein könne und erst recht nicht im Sinne all der anderen, die sich für Hörspiele interessieren. „Wir sind für die Ewigkeit gemacht, aber wir wissen nicht warum.“ An diesen Satz, den Elfriede Jelinek ihrer Jackie Kennedy in den Mund legt, knüpfte Dr. Johannes Grotzky, der als Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks für die ARD sprach, tiefsinnige Überlegungen. Elfriede Jelinek stelle die Existenzfrage und stelle dabei die Existenz ihrer Protagonisten in Frage. Die gegenwärtige Welt, wie sie in Elfriede Jelineks Werk sichtbar werde, sei eine grausame mit einfachen, brutalen Gesetzen. Sprachkritik, Medienkritik, Herrschaftskritik aus feministischer Sicht, Sarkasmus und böser Witz, das seien die Waffen, mit denen Elfriede Jelinek dieser Welt entgegentrete. Michael Schmid-Ospach machte darauf aufmerksam, dass es sich bei dieser Verleihung des Hörspie- lpreises der Kriegsblinden um ein Jubiläum handele; nämlich um zehn Jahre erfolgreicher Zusammenarbeit zwischen der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen und dem Bund der Kriegsblinden Deutschlands. Die Stiftung freue sich, seit 1994 zusammen mit dem Bund der Kriegsblinden diesen Preis tragen zu dürfen. Der Autorin des preisgekrönten Hörspiels gratulierte er abschließend herzlich zu diesem Preis. Sie habe schon so viele; er hoffe dennoch, dass dieser Preis etwas Besonderes für sie sei.
   Aus der Laudatio von Prof. Dr. Jörg Drews, die ja anschließend abgedruckt ist, sei hier nur hervorgehoben, was dort über das Privileg, in dieser Jury tätig zu sein, gesagt wird; ein Privileg nicht nur im Hinblick auf das Vorrecht und die Gelegenheit, sich einen großen Überblick über das deutsche Hörspiel und sein Umfeld verschaffen zu können, sondern auch deshalb, und nun wörtlich, „weil wir in dieser Jury so entschieden wie friedlich, so eifernd wie liberal diskutieren, wie ich dies in kaum einer anderen Jury je erlebt habe und erlebe.“ Für die Verleihung des Preises, der Plastik „Hand mit Lorbeer- zweig“ des kriegsblinden Künstlers Dario Malkowski, im Anschluss an die Laudatio vom Bundes- vorsitzenden unter dem anhaltenden Applaus des Publikums vorgenommen, bedankte sich die Dichterin - ihr Dank galt auch allen an der Produktion des Hörspiels in irgendeiner Weise Beteiligten - selbst wiederum mit einer Dichtung, einer Dichtung über das Hören, das Sehen, das Nichtsehen, das Denken und das Fühlen, den Schein, das Scheinen und das Erscheinen, das Eingehen und Hineingehen, das Eintreten und Hineintreten, das Hervorholen oder Hervorbringen eines Textes, das Dichten; das alles verbunden durch Wortspiele und Anspielungen, durch Verknüpfungen, Anklänge und Gleichklänge. DieterReneltDerKriegsblinde0407

Laudatio auf die Preisträgerin des Hörspielpreises der Kriegsblinden

 Jahr für Jahr werden in Deutschland und Österreich ungefähr 600 Hörspiele erstgesendet, und wenn wir als Jury des Hörspiel-Preises der Kriegsblinden auch glücklicherweise nicht alle hören müssen, sondern nur übers Jahr verteilt und um in Übung zu bleiben vielleicht 30 und bei unserer Jury-Sitzung dann noch mal etwa 20, so ist doch auch dies nicht gerade ein reines Vergnügen. Es kann nicht anders sein; erstens sind die Geschmäcker verschieden, zweitens muss ein Markt bedient, ein Apparat gefüttert und zugewiesene Sendezeit à tout prix gefüllt werden, und das geht nicht ganz ohne Massenware und Verlegenheitslösungen ab. Für die Jury ist ihre Tätigkeit aber am Ende doch ein Privileg, gekrönt mit Funden und Gaben wie etwa Elfriede Jelineks Hörspiel „Jackie“, ein Privileg vor allem deshalb, weil das Hören von ungefähr 20 Hörspielen, welche die Hörspielabteilungen der Rund- funksender der ARD zur Beurteilung einreichen, uns doch im großen und ganzen zuverlässig zeigt, was die Gattung ‚Hörspiel’ im Moment so macht und wie das Umfeld um jene Produktion herum aussieht, welche wir dann als die „beste” zu küren haben, ein Privileg übrigens auch, weil wir in dieser Jury so entschieden wie friedlich, so eifernd wie liberal diskutieren, wie ich dies in kaum einer anderen Jury erlebe. Darin sind wir altmodisch, wie ja auch das intensive, das geradezu asozial konzentrierte Zuhören bei einem Hörspiel und bei Argumentationen eine gesellschaftlich im Moment nicht gerade prämiierte Haltung und Fähigkeit ist, und gewissermaßen ungesellig und sonderlingshaft sind wir auch in unserer Fähigkeit, uns eine Sache ohne deren bildliche Anwesenheit vorzustellen, um mit Kant zu sprechen; wir setzen nicht auf Bebilderung, sondern auf die Einbildungskraft.
  Und das heißt auch, wir suchen nach Autoren, welche als Herausforderung nicht allein ansehen, sämtliche klangtechnischen Möglichkeiten unbedingt einzusetzen, um up to date zu sein, die auch nicht unbedingt auf die so genannte Aktualität bestimmter Themen und Stoffe glauben setzen zu müssen - was aktuell ist, bestimmt im Zweifelsfall nicht der Zeitgeist, sondern ein bedeutender Künstler; wir suchen eher nach einem Künstler, dessen artistische Ökonomie z.B. mit einer Stimme auskommt und nicht auf Masse glaubt setzen zu müssen. Wir alle entsinnen uns der einen Stimme der Molly Bloom am Ende von Joyces „Ulysses”, wir alle wissen, was ein mit einem alten Tonband dialogisierender einsamer Mann wie Becketts „Krapp” bedeuten kann, wir haben auch noch die Stimme jenes Schwanks in Monologform im Ohr, welche wir vor einigen Jahren in Werner Fritschs Hörspiel „Sense” preisgekrönt haben, und nun sind wir wieder in der glücklichen Lage, ein Stück akustischer Minimal Art gehört zu haben, worin uns mit nur einer Stimme, im literarischen und technischen Sinn, mit Sarkasmus und Scharfsinn eine Welt hingestellt und ein Blick in den Abgrund eines Menschen eröffnet wird: Elfriede Jelineks Hörspiel „Jackie“ mit der Stimme von Marion Breckwoldt und in der Regie von Karl Bruckmaier vertraut auf die Kraft der Sprache, auf die Eindring- lichkeit von Bildern, auf die Widerhaken, die in paradoxer Metaphorik und im verstörenden Kalauer liegen. Vor wenigen Tagen lief im Fernsehen eine sog. Dokumentation zu jener Jacqueline Bouvier-Kennedy-Onassis, die man gewissermaßen vergnügt als das Kontraststück zu Elfriede Jelineks Hörspiel sehen kann, angeblich eine „Dokumentation“, welche dem herben Monolog von Jelineks „Jackie” einmal mehr Berechtigung verleiht. Denn diese Dokumentation war etwa so wahrhaftig wie ein Musical, sie verhielt sich zu ihrem Sujet etwa so wie das Musical „Camelot” zur Wahrheit des Weißen Hauses und der Kennedy-Ehe und der First-Lady-Inszenierung jener drei Jahre, von denen die Medien - noch immer beglückt, wider besseres Wissen - bis heute zehren. Wenn Jacqueline Bouvier und ihr Schneider Cossini das - wörtlich! - „Design für ihre Rolle“ bestimmen und noch 40 Jahre nach dem Ende dieser Ära eine Dokumentation mehr der Hofberichterstattung als der distanzierten Analyse gleicht, dann ist es befreiend, die Dressur und Selbstdressur dieser Jacqueline vorgeführt zu sehen, ihrem inneren Monolog zuzuhören, der aber nicht einer pietätvollen Fiktion entlang sich entwickelt, sondern in dem die so unsagbar schöne Frau aus dem Jenseits die Wahrheit über ihre Person preisgibt. Der inzwischen selbst schon zu einer literarischen Gemütlichkeit zweiten Grades ten- dierende innere Monolog wird weitergedreht und rücksichtslos aufgefrischt, indem er aus einem pietät- losen Jenseits ertönt, in dem Euphemismen nicht mehr nötig sind. Das Opfer und die Nutznießerin in einer Person; ein Hohlraum, in dem ein einziges „Möbelstück“ steht, wie die Jackie des Hörspiels sagt, nämlich sie selbst; eine harte, abgefeimte Medienarbeiterin, die sich selbst zur Hauptdarstellerin in ihrem Rollenspiel macht und nun aus einem Jenseits-aller- Verantwortung einen kalten Blick auf ihre Inszenierung wirft - das ist die müde und resignierte und böse Wiedergängerin, die von drüben zu uns spricht. Denn auch ihr Monolog ist nicht eigentlich ein Selbstgespräch, er ist immer noch auf ein imaginiertes Publikum, eine Öffentlichkeit gerichtet, und dies geht auch gar nicht anders, da die reale Jacqueline Bouvier-Kennedy-Onassis sich immer über ihre Medienpräsenz definierte und ohne diese wahrscheinlich zu Nichts zerfallen wäre: alle Inszenierung, und also auch alle Selbstinszenierung rechnet mit mindestens einem Zuschauer oder eben Zuhörer.
  Dies Hörspiel „Jackie“ etwa ein „kritisches Selbstporträt“ zu nennen wäre viel zu niedlich, wäre selbst fast schon wieder ein Klischee. Ein Gran Kritik wird ja jedem Porträt inzwischen abverlangt, wird kalkuliert dazuverlangt, und radikaler in Richtung Wahrheit bewegt sich nur, was auch diese Konvention noch aufkündigt; abgründige Skepsis ist vielleicht die wahrhaftigste Haltung. Auch steckt etwa die Radikalität der Persönlichkeitserforschung der Psychoanalyse(was ja auch eine Möglichkeit wäre,  hinter die Fassade  einer Person zu kommen) inzwischen wohl nur noch im Setting der Einzelanalyse und ist nicht literarisierbar: es ist eine Herausforderung für Autoren, an der Psycho- analyse vorbei fassadäre Persönlichkeiten auseinander zu nehmen  in Termini und Bildern, die sich woanders her schreiben. Bei Jelinek sind das für „Jackie“ Bilder aus jener Welt, in der so genannten Persönlichkeiten an der Schnitt- stelle zwischen Medialität und Undefiniert Mitgebrachtem angesiedelt sind, wo es ein autonomes Inneres, das dann von außen verformt würde, vielleicht gar nicht mehr gibt, wo die diffuse Person durch die Uniform oder die Mode oder jene entzückend schlichten Kostüme zusammengehalten wird, für die Jacqueline Kennedy so berühmt war wie für ihre Hütchen, ihr von Bob Dylan in dem Song „Blonde on Blonde“ besungener „brandnew leopard-skin pillbox hat“. Diese Jacqueline ist ein Kunstprodukt ihrer Umwelt und deren Erwartungen an sie und ihrer selbst und ihres Schneiders; sie hat jetzt, nachdem sie alles hinter sich hat, nur noch Spott für die gaffende Öffentlichkeit, war aber immer auf Wirkung auf eben diese Öffentlichkeit bedacht, weil sie gar nicht anders konnte - in welchem Sinne hat sie überhaupt eine psychisch-psychologische Dimension, die eine Analyse vertrüge?
    Wenn der Kalauer die Witzsorte des Nihilismus ist, dann sind die schrägen und gleitenden Wortspiele vieler Autoren des 20. Jahrhunderts bis eben hin zu Elfriede Jelinek und in „Jackie” nicht zum ersten Mal Indiz und Ausdrucksmittel für das Wegrutschen von Bedeutungen und die einzig mögliche Art der Verknüpfung von Bildern und Einfällen: in der Sprunghaftigkeit nämlich, die durch die albernste aller Ähnlichkeiten bedeutet wird, die Klangähnlichkeit. So kann man „betont” und „betoniert” neben einander stellen, so kann man eine Kappe „festgesteckt” sein lassen (erinnern wir uns an Jackies entzückend stabil fixiertes Hütchen!) und zugleich einen Menschen „feststecken” lassen in einer Lage: die kon- trollierte Selbstdarstellung schlägt in Gefangenschaft um. Welchen Reichtum an Bildern und wort- spielerischen Formulierungen  weckt Elfriede Jelinek, wenn sie ihre Jackie das Sich-Verschwenden Marilyn Monroes geißeln lässt und ihr eigenes Sich-Aufsparen preist! Wie spricht sie ihrer eigenen Schlankheit emphatisch „Form“ zu und ihrer Rivalin Marilyn „Formverlust”, sich selbst das sanfte Strahlen eines „Marienwunders” und der Monroe bloß das wilde Strahlen der „Verschwendung” - da geht die Kritik von Jacqueline an Marilyn geradezu in ein Schimpfspiel über, doch solch gehässiges Obenhin enthält vielleicht mehr Wahrheit als der barm- herzige Umgang mit Menschen, der viel konsumierbarer ist. Und manchmal stellt das Grand Guignol ja Menschen realistischer dar als der gängige Realismus, und Unbarmherzigkeit ist der Wahrheit gegenüber am korrektesten und am - langfristig - barmherzigsten. Wer ein Wort der vorzeitigen Versöhnung spricht, ist ein Verräter.
  In diesem Sinne ist Jacqueline das Kleid, Marilyn das Fleisch, Jacqueline ist definiert durch die gut sitzenden Nähte, Marilyn durch das Aus-den-Nähten-Platzen. Und mit solch scharfsinniger Ge- schwätzigkeit, mit solch präziser Boshaftigkeit, mit diesem kaltblütigen Snobismus einer solchen „voix humaine“ aus dem Jenseits, mit dieser unterdrückt höhnischen Konstruktion dessen, was das verzogene Kind Jacqueline, die abgebrühte Witwe Kennedy aus dem Jenseits wohl sagen würde, wenn wir sie hören könnten, sind wir am - hoffentlich vorläufigen - Höhepunkt des Schaffens der Hörspielautorin Elfriede Jelinek. Sie hat seit ihrem ersten Hörspiel „Wien West“, gesendet im NDR 1972, der Gattung des Hörspiels die Treue gehalten, und sie heute zu preisen und preiszukrönen haben wir die große Freude. JörgDrewsDerKriegsblinde0407

TV-Spot “Blinde Piloten” gewinnt Global Award
Internationaler Preis für “schrägen” Spot der Hilfsgemeinschaft

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   Mit dem TV-Spot “Blinde Piloten” gewann die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs bei den Global Awards, dem weltweit bedeutendsten Kreativ-Wettbewerb im Bereich Healthcare Communications den Grand Global Award. Unter allen Siegern wurden die drei besten mit dem Grand Award ausgezeichnet, den sich ebenfalls die “blinden Piloten” holten. Der bereits mehr- fach prämierte Spot wurde von AHA puttner red cell für die Hilfsgemeinschaft im Rahmen einer un- gewöhnlichen Werbekampagne kreiert.
   Irene Vogel, Geschäftsführerin der Hilfsgemeinschaft, erläutert die Intention hinter der Kampagne “Wir sehen die Welt ein wenig anders”, in deren Rahmen der Spot produziert wurde: “Viele Men- schen glauben ja, dass blind oder sehbeeinträchtigt zu sein bedeutet, dass man keinen Spass mehr am Leben haben kann. Doch genau das will die Hilfsgemeinschaft aufzeigen: Sehbehinderte und blinde Menschen können und sollen ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben führen.”
   Der provokante Spot verfolgt das Ziel, die Menschen im positiven Sinn wachzurütteln und auf das Thema aufmerksam zu machen. Dabei geht es um einen Wechsel der Perspektive: Im Vordergrund stehen nicht etwa traurige Kinderaugen oder der übliche Betroffenheitskitsch, sondern die witzige und selbstironische Kommunikation der Botschaft, die Welt ein wenig anders zu sehen.
Schwarzer Humor
   Der Spot beginnt damit, dass zwei blinde Piloten mit Blindenführhund und weißem Stock das Cockpit eines Passagierflugzeuges betreten, was die Fluggäste in Angst und Schrecken versetzt. Als sich das Flugzeug dem Ende der Startbahn und damit dem Abgrund zum Meer gefährlich nähert, schreien die Passagiere entsetzt auf. In diesem Moment ziehen die Piloten den Flieger hoch. Der Flugkapitän bemerkt trocken zu seinem Co-Piloten: “Eines Tages werden die Leute zu spät schreien und dann werden wir alle sterben.” Dann lacht er.
   Die mutige Entscheidung für diesen ungewöhnlichen Zugang zum Thema Blindheit hat sich als äußerst erfolgreich erwiesen. Britta Wagner, mitverantwortlich für diese Werbekampagne der Hilfsgemeinschaft, freut sich über das positive Feedback und die mehr- fache Prämierung des TV- Spots “Blinde Piloten”. Die Hilfsgemeinschaft will mit ihrer provokanten Linie vor allem jüngere Menschen ansprechen. “Sie sind die Entscheidungsträger der Zukunft, die bei der Ausübung ihres Berufes bewusst auf die Bedürfnisse behinderter Personen Rücksicht nehmen werden: als Stadtplaner, Architekten, Ingenieure, als Ent- scheidungsträger in öffentlichen und privaten Institutionen, im Handel oder im Tourismus, als Mediziner und Therapeuten”, zeigt sich Wagner überzeugt. Den TV Spot “Blinde Piloten” sehen Sie unter http://www.wirsehenanders.at  DerKriegsblinde0703

 

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