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Benedikt XVI. empfing in Castel Gandolfo Gesandte aus 22 islamischen Staaten
Teilnehmer der Versammlung sprachen von „guter, warmherziger Rede des Pontifex”. Benedikt hofft auf „Brücke der Freundschaft zwischen Religionen” Papst Benedikt XVI. hat den Dialog zwischen Christen und Muslimen als „lebensnotwendig” bezeichnet. Er hoffe auf „Brücken der Freundschaft” zwischen den Religionen. Bei einem Treffen mit muslimischen Gesandten aus 22 Staaten appellierte der Pontifex an Christen und Muslime, jede Form von Gewalt abzulehnen, und gab seiner „Wertschätzung und dem tiefen Respekt” vor Angehörigen des islamischen Glaubens Ausdruck. Das Treffen mit den Vertretern aus den islamischen Ländern und den Vorsitzenden der muslimischen Gemeinden Italiens war einberufen worden, um die Wogen im Streit um die umstrit- tenen Äußerungen des Papstes zum Islam zu glätten. Ohne seine Äußerungen zu erwähnen, erklärte der Papst, der Hintergrund der Gespräche, die offenbar in einer freundlichen Atmosphäre stattfanden, sei „gut bekannt“. Er sprach sich für einen umfassenderen Dialog aus. „Christen und Muslime müssen lernen zusammenzuarbeiten, um sich gegen jede Form der Intoleranz zu wappnen und sich jeglicher Demonstration von Gewalt zu widersetzen”, sagte Benedikt in einem mit Fresken verzierten Saal in der Sommerresidenz Castel Gandolfo und fügte hinzu: „Aufrichtig bete ich dafür, dass die Beziehung des Vertrauens, die sich über die Jahre zwischen Muslimen und Christen ent- wickelt hat, nicht nur erhalten bleibt, sondern sich in einem Geist eines ehrlichen und respektvollen Dialogs vertieft.” Das Gespräch habe zur Klärung des Konflikts beigetragen, sagten Beteiligte danach. „Ich glaube, dieses Treffen hat viele Probleme gelöst. Wir können die Kontroverse beende”, sagte Khalil Altoubat, Mitglied einer muslimischen Organisation in Italien. Dem Berater der italienischen Sektion der World Muslim League, Mario Scialoja, zufolge hielt der Papst eine „sehr gute und warmherzige Rede”. Er habe die Unterschiede aufgezeigt, aber gleichzeitig seine Bereitschaft zu einem herzlichen und ergiebigen Dialog gezeigt. Das 30-minütige Treffen wurde live vom Fernsehsender des Vatikan übertragen. Es war zu sehen, wie der Papst nach seiner Rede jeden Anwesenden persönlich begrüßte. Iraks Botschafter Albert Edward Ismail Yelda zeigte sich ebenfalls zufrieden: „Ich bete zum allmächtigen Gott, dass die Krise nun hinter uns liegt. Wir müssen an einem Tisch sitzen - Muslime, Christen, Juden und der Rest der Welt und die übrigen Religionen, um eine gemeinsame Basis für eine friedliche Koexistenz zu finden.” rtrHA060926
Islamische Botschafter
Gemeinsame religiöse Werte anerkennen. Im Wortlaut die Ansprache Benedikts XVI. an die Botschafter muslimisch geprägter Länder
Herr Kardinal, meine Damen und meine Herren Botschafter, liebe muslimische Freunde, Ich freue mich, Sie zu diesem Treffen empfangen zu dürfen, das ich mir gewünscht habe, um die freundschaftlichen und solidarischen Verbindungen zwischen dem Heiligen Stuhl und den internatio- nalen muslimischen Gemeinschaften zu konsolidieren. Ich danke Herrn Kardinal Poupard, dem Präsi- denten des Päpstlichen Rats für den interreligiösen Dialog, für die Worte, die er an mich gerichtet hat, und ich danke Ihnen allen, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Die Umstände, die zu unserem Treffen geführt haben, sind hinlänglich bekannt. Ich hatte im Verlauf der vergangenen Woche bereits Gelegenheit, darauf einzugehen. In diesem besonderen Kontext möchte ich heute nochmals die Hochachtung und den tiefen Respekt zum Ausdruck bringen, den ich den muslimischen Gläubigen entgegenbringe und die Äußerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils in Erinnerung rufen, welche für die katholische Kirche die „Magna Charta” des islamisch-christlichen Dia- logs darstellen: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott an- beten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Rat- schlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft.” Erklärung Nostra Aetate, 3. Seit Beginn meines Pontifikats habe ich diese Sicht stets ausdrücklich vertreten, und hatte bereits die Gelegenheit, meinen Wunsch zum Ausdruck zu bringen, weiterhin Brücken der Freundschaft mit den Anhängern aller Religionen zu bauen, und dabei auch besonders meine Wertschätzung des sich entfaltenden Dialogs zwischen Muslims und Christen zu zeigen. Wie ich letztes Jahr in Köln betont habe: „Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt.” Ansprache anlässlich der Begegnung mit den Vertretern muslimischer Gemeinden, 20. August 2005 - siehe dazu den Bericht unten auf dieser Seite. In einer Welt, die durch den Relativismus gekennzeichnet ist und die allzu häufig die Transzendenz von der Universalität der Vernunft ausschließt, benötigen wir unbedingt einen authentischen Dialog zwischen den Religionen und zwischen den Kulturen, der uns dabei helfen kann, gemeinsam mit der Ab- sicht zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit alle Spannungen zu überwinden. Indem ich das von meinem Vorgänger Papst Johannes Paul II. begonnene Werk weiter verfolge, wünsche ich mir also lebhaft, dass die vertrauensvollen Beziehungen, die sich in langen Jahren zwischen Muslims und Christen entwickelt haben, nicht nur fortgeführt werden, sondern dass sie sich in einem Geist des ehrlichen und achtungs- vollen Dialogs entwickeln, der auf einer immer genaueren gegenseitigen Kenntnis gründet und der voller Freude die uns gemeinsamen religiösen Werte anerkennt und loyal die Unterschiede respektiert. Der interreligiöse und interkulturelle Dialog ist notwendig, um gemeinsam eine Welt des Friedens und der Brüderlichkeit aufzubauen, die alle Menschen guten Willens sich so sehnlich wünschen. In diesem Bereich erwarten unsere Zeitgenossen ein beredtes Zeugnis von uns, um allen den Wert der religiösen Dimension des Daseins zu zeigen, Christen und Muslims müssen auch - getreu den Lehren ihrer eigenen religiösen Tradition - lernen, zusammenzuarbeiten, wie das bereits bei verschiedenen gemeinsamen Versuchen geschieht, um sich vor jeder Form der Intoleranz zu schützen und sich jeder Demonstration von Gewalt entgegenzustellen; und wir, die religiösen Würdenträger und die politisch Verantwortlichen, wir müssen sie in diesem Sinne leiten und ermutigen. So heißt es in der Erklärung Nostra Aetate: „Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen” Nostra Aetate 3. Die Lektionen der Vergangenheit müssen uns also dabei helfen, nach Wegen der Versöh- nung zu suchen, um in der Achtung vor der Identität und vor der Freiheit eines jeden zu leben, im Blick auf eine fruchtbare Zusammenarbeit im Dienst der ganzen Menschheit. Wie Johannes Paul II. in Casa- blanca in Marokko in seiner denkwürdigen Ansprache ah die Jugendlichen gesagt hat: „Respekt und Dialog erfordern Gegenseitigkeit in jedem Bereich, vor allem was die fundamentalen Freiheiten und hier vor allem die Religionsfreiheit anbelangt. Sie fördern den Frieden und das Verständnis unter den Völkern” Nostra Aetate 5. Liebe Freunde, ich bin zutiefst überzeugt, dass es in der uns aus der heutigen Welt bekannten Situation zwingend notwendig ist, dass Christen und Muslims sich gemeinsam darum bemühen, den zahlreichen Herausforderungen zu begegnen, vor denen die Menschheit steht, besonders im Hinblick auf die Verteidigung und die Förderung der Würde des Menschen, als auch im Hinblick auf die daraus sich ergebenden Rechte. Während die Menschen und der Frieden immer stärker bedroht werden, zeigen Christen und Muslims ihren Gehorsam dem Schöpfer gegenüber - der will, dass alle in der Würde leben, die er ihnen geschenkt hat - dadurch, dass sie den zentralen Charakter der Person anerkennen und sich beharrlich dafür einsetzen, dass deren Leben immer respektiert wird. Liebe Freunde, ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass der barmherzige Gott unsere Schritte auf den Wegen eines immer besseren, gegenseitigen Verständnisses leitet. Zu dem Zeitpunkt, an dem für die Muslims der spirituelle Weg durch den Monat Ramadan beginnt, richte ich meine herzlichen Wünsche an sie alle, und hoffe, dass der Allmächtige ihnen ein ruhiges und friedvolles Dasein gewähre. Möge der Gott des Friedens Ihnen und den von Ihnen vertretenen Gemeinschaften die Fülle seines Segens schenken! ÜbersetzungClaudiaReimüllerDT060927

Nicht nur Wut, es gibt auch Dankbarkeit. Islamexperte Professor Khoury Foto, Münster, über das miss- verstandene Zitat des Papstes, die Reaktionen der Muslime und die Zukunft des Dialogs der Religionen. Professor Adel Theodor Khoury: „Auch der Islam ist für die Vernunft aufgeschlossen”.
Professor Adel Theodor Khoury lehrte bis zu seiner Emeritierung Religionswissenschaft an der Katho- lisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Von ihm stammt eine der bedeutendsten Über- setzungen des Koran in die deutsche Sprache. Der Papst hat Khoury bei seiner Vorlesung in Regensburg zitiert. Dieser Abschnitt der Rede Benedikts XVI. löste heftige Proteste in der islami- schen Welt aus. Markus Reder sprach mit Professor Khoury über das umstrittene Zitat und die Folgen. Der Papst hat in seiner Regensburger Vorlesung nicht nur den von Ihnen herausgegebenen Dialog zitiert, sondern auch Ihre Schlussfolgerungen. Fühlen Sie sich dadurch als Theologe geehrt oder haben Sie eher zwiespältige Gefühle, weil gerade diese Passage so große Missverständnisse und Proteste ausgelöst hat? Nicht die Passage, die der Papst von mir zitiert hat, hat die Probleme ausgelöst, sondern das Zitat von Kaiser Manuel II. Das ist weder mein Text, noch meine Position gegenüber dem Islam. Der Papst hat in Anschluss an das Zitat von mir eine Erklärung zum Problem des Voluntarismus übernommen. Das ist ein Problem, das im Islam vorhanden ist. Der Voluntarismus ist einer der Stränge islamischer Theologie. Damit hat sich Benedikt XVI. auseinandergesetzt. Sein eigentliches Thema war Vernunft und Glaube. Dabei ging es auch um Glaube und Gewalt. Nach meiner Interpretation seiner Vorlesung wollte der Papst nicht explizit über den Islam sprechen, sondern über eine Erscheinungsform von Religion, wo Gewalt eine Rolle spielt, wo der Voluntarismus bis zu Exzess geführt wird. Das Zitat war Ihres Erachtens also der Aufhänger für ein umfassenderes Thema? Dieses Zitat des Kaisers war für den Papst ein Aufhänger, um überzuleiten zu dem eigentlichen Thema, das er behandeln wollte. Das hieß „Glaube und Vernunft”. Die zentrale Frage lautet: Ist Gott so absolut transzendent, dass sein Wille an keine unserer Kategorien gebunden ist, oder gibt es eine Verbindung zwischen Glaube und Vernunft. Diese Sache des Voluntarismus ist in der islamischen Theologie hin- reichend bekannt. Die ash'aritisch-sunnitische Schule, die all die Jahrhunderte die vorherrschende Schule gewesen ist, tendiert zu eben diesem Voluntarismus. Dementsprechend hat der Papst dann einen großen Theologen, Ibn Hazm von Cordoba zitiert, der Vertreter eines extremen Voluntarismus ist. Aber dem Papst wird vorgeworfen, er habe den Islam beleidigt. Der Text des Papstes sollte auf seine Intention hin gelesen und verstanden werden. Ich habe beim Lesen des Textes nirgendwo gesehen, dass der Papst den Islam attackieren will. Er stellt anhand des Zitates lediglich eine Frage. Es ist schade, dass in der islamischen Welt so darauf reagiert wurde. Vielleicht hätte man auf dieses Zitat verzichten und das Problem direkt formulieren können. Hat Sie die Empörung und die Wut, die dieses Zitat in der islamischen Welt ausgelöst hat, überrascht? Bei einer wissenschaftlichen Vorlesung vor einem wissenschaftlichen Publikum ist es nicht erstaunlich, dass man so etwas zitiert. Völlig frei von Hintergedanken. Und schon gar nicht, um den Islam anzugreifen oder die Gefühle von Muslimen zu verletzen. Leider ist das auf muslimischer Seite eben missverstanden worden. Zumindest die erste Welle der Reaktionen war doch sehr heftig. Das liegt sicher auch daran, dass Presseagenturen hauptsächlich dieses Zitat in der Welt verbreitet haben, ohne näher zu erläutern, in welchem Kontext und in welcher Intention diese Sätze fielen. Im Nachhinein ist man immer klüger. Ich hätte mir gewünscht, dass der Heilige Vater in seiner Vorlesung ein paar Worte der Erläuterung mitgegeben hätte. Ein paar Zeilen hätten wahrscheinlich genügt. Es hätte ausgereicht, wenn er das zum Ausdruck gebracht hätte, was er dann am Sonntag in Castelgandolfo gesagt hat: Das ist nicht meine Meinung. Das ist nicht meine Haltung zum Islam. Warum muss man äußerst behutsam vorgehen, wenn man öffentlich über den Islam spricht? Im Umgang mit dem Christentum ist man keineswegs sonderlich zimperlich. Man muss immer bedenken, dass die Muslime äußerst empfindlich sind bei allem, was Mohammed und den Koran tangiert. Das sind für sie absolut heilige Werte, unantastbar. Wenn man weiter bedenkt, dass heute zwischen der islamischen und der westlichen Welt große politische Spannungen herrschen, dann versteht man vielleicht, was die Muslime umtreibt. Deshalb muss man nicht einverstanden sein mit den muslimischen Reaktionen, die in meinen Augen völlig übertrieben sind. Aber da sind Empfindlichkeiten vorhanden, die man berücksichtigen muss. Jetzt gilt es, Wege zu finden, um Missverständnisse auszuräumen. Ich glaube, der Vatikan ist da auf einem guten Weg, um die Gemüter zu beruhigen. In seiner Predigt in der Messe in Regensburg hat Benedikt XVI. vor „Pathologien und lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion und der Vernunft” gewarnt und vor den „Zerstörungen des Gottesbildes durch krassen Fanatismus”. Trifft diese Kritik den heutigen Islam oder zumindest Teile der islamischen Welt? Da muss man sehr differenzieren. Der Islam ist kein einheitliche Größe. Militante Islamisten werden auch innerhalb der islamischen Welt kritisiert. Deshalb ist es immer gut, deutlich zu machen, dass sich die Kritik gegen die militanten Extremisten richtet, nicht gegen den Islam im Allgemeinen. Eine türkische Zeitung hat das überdies auch in diesem Sinne verstanden. Sie haben geschrieben: Die Worte des Papstes seien eine Abkanzelung des militanten, des extremistischen Islam gewesen. Muss man jenen Muslimen, die gegen den Papst demonstrieren und eine Entschuldigung fordern, vor- werfen, weniger tolerant zu sein als der persische Gesprächspartner Kaiser Manuels II.? Der ließ sich ja auf den intellektuellen Dialog ein. Man muss das vor dem Hintergrund der heutigen Spannungen zwischen islamischer und westlicher Welt sehen. Wir haben da eine explosive Situation und keine entspannte Atmosphäre. Wo eine Atmosphäre des Vertrauens herrscht, da kann, man sich das, was Manuel damals gesagt hat, gegenseitig an den Kopf werfen. Er tut das ja sogar im Militärlager der Osmanen in Ankara, also außerhalb von Konstan- tinopel. Offensichtlich hatten die beiden ein gutes Verhältnis zueinander. Folglich konnten sie sich erlauben, einander etwas härter anzufassen. Benedikt sagte, „eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich Sub- kultur abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen”. Das ist eine scharfe Kulturkritik am gottlos ge- wordenen Westen. Müsste die islamische Welt dafür nicht dankbar sein? Dafür ist sie auch dankbar. Das gilt auch für das, was der Papst über Vernunft und Glaube gesagt hat. Auch der Islam ist für die Vernunft aufgeschlossen. Es ist keineswegs so, dass der Islam nur den theoretischen absoluten Voluntarismus kennt. Da gibt es auch die andere Seite, eben die der Vernunft. Insofern haben viele Muslime gar keine Bedenken wegen der Vorlesung. Im Gegenteil: Das, was der Papst zu diesem Thema gesagt hat, passt auch zu ihrem Konzept. Halten Sie es für möglich, dass die Rede des Papstes bewusst missverstanden wurde, um Benedikt als Gesprächspartner zu diskreditieren? Da müsste man die Leute fragen, die über genaue Informationen aus den islamischen Ländern verfügen. Mir scheint, den Funken der Entrüstung entzündeten die Meldungen, die dieses Zitat ohne nähere Er- klärung verbreitet haben. Der türkische Leiter der Religionsbehörde zum Beispiel hat zugegeben, dass er am Anfang sehr hart reagiert hat, ohne den Text gelesen zu haben. Er kannte nur Pressemeldungen. Ich weiß nicht, wie viele Menschen reagiert haben nur aufgrund von Presseberichten, ohne den Text gelesen und analysiert zu haben. Wird Papst Benedikt nach der Aufregung der letzten Tage an die christlich-islamischen Dialogversuche seines Vorgängers Johannes Pauls II. anknüpfen können oder ist er als Gesprächspartner für die muslimische Welt beschädigt? Nein, das ist er nicht. Die Marschroute der katholischen Kirche ist im II. Vaticanum deutlich gemacht worden. Daran ändert sich nichts. Johannes Paul II. hat das in die gesamte Welt getragen. Und Benedikt XVI. hat am Ende seiner Vorlesung klar gesagt, dass er den Dialog der Religionen will. Es geht also nicht um eine Absage an den Dialog zwischen Islam und Christentum. Im Gegenteil. Man muss diesen Dialog forcieren und nach vorne bringen. Zwischen Christentum und Islam gibt es unbestrittene Gemein- samkeiten. Auf die muss man aufbauen. Wir haben genug gemeinsame Probleme in der Welt. Wenn Christen und Muslime sich zusammentun, um diese Probleme anzugehen, dann hätten sie große Potenziale, um im Dienst der Menschheit, der Gerechtigkeit und des Friedens zusammenzuarbeiten. „Die Marschroute der katholischen Kirche ist im II. Vaticanum deutlich gemacht worden. Johannes Paul II. hat das in die gesamte Welt getragen und Benedikt hat klar gesagt, dass er den Dialog will”. Was den christlich-muslimischen Dialog betrifft, hat da der Papst in Regensburg nicht doch einen neuen Akzent gesetzt? Er kritisierte ein Gottesverständnis, das Gott so weit in die Transzendenz entrückt, dass er als „Willkür-Gott ..., der nicht an die Wahrheit oder das Gute gebunden ist” erscheinen muss. Liegt hier der unüberbrückbarer Graben zwischen Christentum und Islam? In dieser Pointe ja. Aber diese extreme Pointe entspricht nicht der allgemeinen Theologie des Islam. Deswegen meine ich: Der Papst wollte nicht einfach über den Islam sprechen, sondern über eine grund- sätzliche Problematik. Deshalb zitiert er Manuel, den ich ja auch zitiert habe, um eben diese spezielle Pointe deutlich zu machen. Aber es gibt im Islam natürlich auch einen gemäßigten Voluntarismus, der nicht bis zu dieser extremen Position geht. Da muss man differenzieren.Sonst gibt es Missverständnisse. Sie meinen, der Papst hätte stärker differenzieren sollen? Wenn man auf dem Niveau der Regensburger Vorlesung argumentieren will, wenn man auf diesem sehr hohen theoretischen theologischen und philosophischen Niveau arbeitet, dann kann man sich durchaus mit einer extremen Position auseinandersetzen, um seine eigene Position deutlich zu machen. Hätte der Papst allgemein über den Islam sprechen wollen, hätte er sicher nuancierter und anders gesprochen. Dann hätte er auch andere islamische Richtungen berücksichtigen können. Waren die unterschiedlichen Reaktionen, die diese Rede in der islamischen Welt ausgelöst hat, auch eine Art Lakmustest, der Auskunft darüber gibt, wer dialogbereit ist und wer nicht? Um das zu wissen hat es nicht die Reaktionen auf die Vorlesung gebraucht. Es ist allgemein bekannt, dass die Extremisten, die gewaltbereiten, militanten Muslime für den Dialog nicht offen sind. Die unter- schiedlichen Reaktionen offenbaren nur, welche Strömungen innerhalb der islamischen Welt heute vorhanden sind. Dem Papst ging es um eine klare Absage an religiös motivierte Gewalt. Warum tut sich der Islam so schwer, sich grundsätzlich von Gewaltakten zu distanzieren? Gehört die Gewalt zu den Genen des Islam? Nein, das ist nicht der Fall. Bei militanten Muslimen gibt es eine spezielle Lesart des Korans. Sie berufen sich auf bestimmte Stellen, um damit Gewalt zu rechtfertigen. Entsprechende Aussagen gibt es im Koran, aber sie entstammen einer bestimmten geschichtlichen Situation. Die überwiegende Mehrheit der islamischen Gelehrten hält jene Koranstellen für relevant, die für den Frieden plädieren. Das Problem ist, dass die klassische Rechtstheorie des Mittelalters auch die Gewalt beziehungsweise die militärische Intervention als Mittel zur Ausdehnung des islamischen Herrschaftsbereiches akzeptiert hat. Es geht dabei um die weltliche Herrschaft, nicht um den Glauben. Da muss man wieder differenzieren. Diese klassische Theorie des Mittelalters wurde offiziell bis jetzt noch von keiner islamischen Stelle zurück- genommen. So können auch hier immer Missverständnisse entstehen. Sie sprechen von einer Mehrheit der islamischen Gelehrten, die sich dafür ausspricht, den Koran friedlich auszulegen. Bestimmen diese Gelehrten tatsächlich das gesellschaftliche Klima in der Welt des Islam? Entscheidet nicht letztlich die Macht der Straße und der Scharfmacher darüber, ob es zum Kampf der Kulturen oder zum Dialog der Religionen kommt? Die Macht der Straße entscheidet nicht über den Dialog der Religionen. Die Straße macht Politik, die betreibt nicht den Dialog der Religionen. Dazu wäre sie auch nicht fähig. Die Straße, das sind meistens Menschen, die keine Qualifikation haben, um einen Dialog über die Lehre und das Denken zu führen. Die Zukunft dieses Dialogs wird nicht auf der Straße entschieden. Wo dann? Wer sind die Größen in der islamischen Welt, die Sie auf einen konstruktiven Dialog hoffen lassen? Im sunnitischen Lager würde ich in Ägypten die Azhar-Moschee nennen. Das ist ein Gremium von Gelehrten, das im sunnitischen Islam sehr große Autorität genießt. Auch im Iran gibt es einige Gelehrte, die ich persönlich kenne, und die unter anderen als Gesprächspartner für den schiitischen Islam in Frage kommen. Dann gibt es im schiitischen Islam im Libanon Gruppen und Institute, die mit uns einen sehr intensiven Dialog führen, auch mit mir persönlich. Und es gibt in Syrien Institutionen, die ebenfalls diesen Dialog führen. Wir haben auch Kontakte zu Kollegen in Indien, in Pakistan und in Marokko. Die Kontakte sind sehr weit gestreut. Von daher bin ich sicher: Der Dialog hat eine Chance in der islamischen Welt. Im Übrigen bin ich der festen Überzeugung: Zu diesem Dialog gibt es keine Alternative. DT0609.
Prof. Adel Theodor Khury 
„Der Islam ist kompatibel mit Demokratie” . Prof. Adel Theodor Khoury hat die mittelalteliche Quelle mit dem umstrittenen Papst-Zitat ediert: Koran, Kritik und Toleranz
Sie haben den mittelalterlichen Dialog herausgegeben, aus dem der Papst jetzt über den Propheten Mohammed zitiert hat. Hätten Sie ihn veröffentlicht, wenn Sie die heftigen Reaktionen in der Islamischen Welt vorausgesehen hätten? Hypothetische Fragen sind schwer zu beantworten. Dass ein Dialog aus dem Jahr 1391 zwischen einem christlichen Kaiser und einem muslimischen Gelehrten, veröffentlicht 1966 als wissenschaftliche Quellen- edition auf Französisch, je für Wirbel sorgen würde, war wohl kaum zu erwarten. In einem wissen- schaftlichen Kontext bietet das Zitat auch gar keinen Anlass zu Protesten. Dem Papst in Regensburg ging es unter anderem um göttlichen Willen und menschliche Vernunft - ein Thema, das auch islamische Gelehrte kontrovers diskutieren. Warum sind die Reaktionen dennoch so heftig? Das ist nur vor dem Hintergrund der derzeitigen Spannungen zwischen Westen und islamischer Welt zu erklären. Auch die große Mehrheit der friedfertigen Muslime hat inzwischen gewisse Empfindlichkeiten entwickelt. Alles, was mit Mohammed und dem Koran zu tun hat, ist für sie unantastbar. Wenn ein Dialog entstehen soll, ist da ein behutsames Herangehen gefordert. In vertrauensvollerer Atmosphäre hätte die Papstrede gar keinen Unmut ausgelöst, zumal der Papst seinen Respekt für den Islam wiederholt betont hat. Ähnlich wie beim Karikaturenstreit sehen viele angesichts der Reaktionen der Muslime jetzt die westliche Meinungsfreiheit bedroht. Ist der Islam überhaupt mit den europäischen Freiheitswerten kompatibel? Der Islam hat andere Werte als der Westen, doch bei richtiger Interpretation des Koran gibt es auch viele Gemeinsamkeiten: Freiheit, Toleranz und Dialogbereitschaft sind auch im Islam wichtig. Der Koran eröffnet auch Wege zur Demokratie:Staatliche Angelegenheiten, heißt es dort, sollten „in Beratung” ent- schieden werden. Das lässt sich als Begründung einer Hinführung zur parlamentarischen Demokratie interpretieren. Grundsätzlich kann der Islam durchaus kompatibel mit der demokratischen Rechtsordnung sein. Doch der Koran fordert auch die Unterwerfung Andersgläubiger durch das Schwert. Textstellen, die den Kampf bejahen, sind in der Zeit entstanden, als die ersten Muslime von Feinden bedrängt wurden. Auch wenn militante Gruppen bis heute Gewalt damit rechtfertigen - die Mehrheit der Muslime interpretiert den Koran als Aufforderung zum Frieden. Und Passagen, die uns heute fragwürdig erscheinen, finden sich auch in der Bibel. Die historisch-kritische Exegese, die solche Stellen in ihrem geschichtlichen Zusammenhang betrachtet, hat im Christentum eine Jahrhunderte alte Tradition. Warum nicht auch im Islam? Solche hermeneutischen Methoden haben es schwerer als im Christentum, da die Heiligkeit des Textes im Islam traditionell einen noch höheren Stellenwert hat. Es gibt unter muslimischen Gelehrten aber der- zeit eine große Diskussion darüber. In der Geschichte gab es immer wieder Beispiele dafür, dass einige Textstellen als zeitgebunden eingestuft wurden. Ich setze mich seit Jahren dafür ein, dass islamische Gelehrte solche Textstellen näher erläutern. Doch von außen verordnen lässt sich so etwas nicht. ‘Interview:SimonBenneHA060921
Adel Theodor Khoury ... ... stammt aus dem Libanon. Der 79-Jährige war bis 1993 Professor für Religionswissenschaft an der Universität Münster. Der Katholik setzt sich seit Jahrzehnten für christlich-islamischen Dialog ein. Zuletzt erschien von ihm das reich illustrierte und gut lesbare Buch „Der Koran - Erschlossen und kommentiert von Adel Theodor Khoury” Patmos, 352 Seiten, 49,90 Euro
Der renommierte Islam-Kenner Adel Theodor Khoury analysiert in der “Tagespost” den Brief der muslimischen Gelehrten. Sein Fazit: Diese Initiative ist in jedem Fall zu begrüßen.
Der Dialog zwischen Christen und Muslimen wurde nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) in vielen Ländern in der Welt in West und Ost noch intensiver als zuvor geführt. Besondere Impulse erhielt er von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) durch seine Begegnungen mit Muslimen in ver- schiedenen Ländern des Vorderen Orients und Afrikas. Der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog knüpfte immer engere Beziehungen zu Ländern und Gruppen der islamischen Welt. Im deutsch-spra- chigen Raum hat sich seit über 30 Jahren das Religionstheologische Institut St. Gabriel in Möd- ling/Österreich besonders hervorgetan. Nach den heftigen Reaktionen in der islamischen Welt auf die wissenschaftliche Vorlesung Papst Benedikt XVI. Mitte September in Regensburg wurde die Befürchtung geäußert, dieser Dialog sei ernsthaft gefährdet. Kürzlich nun wurde ein „Offener Brief” an den Papst veröffentlicht, unterschrieben von 38 Gelehrten aus verschiedenen Ländern. Dieses Dokument, vornehm im Ton und um Sachlichkeit bemüht, verzichtet - weit weg vom Lärm einer aufgebrachten Straße - auf eine angriffslustige Polemik. Es möchte den Faden des inhaltlichen und produktiven Dialogs zwischen der katholischen Kirche und dem Islam nicht abreißen lassen. Eine neue Seite im Bemühen um Verständigung In dieser Form kann man den Brief als eine neue Seite deuten in den Bemühungen um Beseitigung von Missverständnissen, Klärung von Sachfragen beziehungsweise Richtigstellung undifferenzierter Aussagen. Man kann mit den Autoren des „Offenen Briefs” ins Gespräch treten und bei einigen Punkten eine noch differenziertere Stellungnahme zu erreichen suchen, etwa: Gilt die Aussage des Koran: „Es gibt keinen Zwang in der Religion” 2,256 auch für Muslime, so dass sie frei sind, straffrei den Islam zu verlassen und eine andere Religion anzunehmen? Gilt diese Aussage auch im Hinblick auf die „Ungläubigen” und Poytheisten, die nach dem klassischen Rechtssystem des Islam vor die Wahl gestellt werden, den Islam anzunehmen oder durch die islami- schen Truppen bekämpft zu werden bis zur Auflösung ihrer Gemeinschaften und zum Verlust der Unab- hängigkeit ihres Territoriums? Die Aussagen der meistverbreiteten theologischen Schule (Kalam) im Islam, der Schule der Aschariten, über die Transzendenz Gottes sowie der ausgesprochene Voluntarismus dieser Schule in Bezug auf das Gottesbild führen zu heiklen theologischen Fragen, die nicht einfach zu übersehen sind. Weiterer Klärungsbedarf besteht im Hinblick auf die zahlreichen Koranstellen, die Gewalt Und Kämpf bejahen beziehungsweise verordnen: Darf man sie heute so verstehen, wie sie die Militanten unter den Muslimen zur Rechtfertigung ihres gewaltbereiten und gewalttätigen Verhaltens deuten? Aber diese Differen- zierungen gehören in einen praktizierten religiösen Dialog, der in einer Atmosphäre der Offenheit und des Vertrauens geführt wird. Die Initiative der muslimischen Gelehrten an sich ist jedoch in jedem Fall zu begrüßen. Sie lässt mit ein wenig Optimismus hoffen, dass weitere Initiativen in diesem Geist folgen mögen. Denn genau wie die bisherigen Dialog-Initiativen von christlicher Seite weist dieser islamische Schritt auf die Zukunft hin: die Zukunft zweier Weltreligionen, die in ihren Glaubenslehren und ihren sittlichen Werten viele Gemeinsamkeiten aufweisen; und die Zukunft einer Welt, die immer enger zusammenrückt und deren Probleme immer stärker alle Menschen betreffen. Daher erwächst den Christen und den Muslimen eine globale Verantwortung für die gesamte Menschheit, wie das Zweite Vatikanum, dessen Worte die muslimischen Gelehrten wörtlich zitieren, es deutlich ausgedrückt hat. Islamischer Schritt in Richtung Zukunft Diese Verantwortung kann keine Gemeinschaft in der Welt allein übernehmen. Unsere „eine Welt” braucht dringend eine Sicherung der Gerechtigkeit und des Friedens, die Schaffung einer humaneren Gesellschaftsordnung sowie eine Verwirklichung universaler Solidarität aller mit allen zur Milderung und dauerhaften Beseitigung von Armut und Unterdrückung. Christen und Muslime, wie die muslimischen Ge- lehrten zu Recht betonen, besitzen zusammen große Potenziale. Wenn sie ihre Kräfte bündeln und sich zu einer fruchtbaren und entschiedenen Zusammenarbeit entschließen, können sie den Menschen den bitter nötigen Beistand leisten. Warum sollte es ihnen nicht gelingen, im Geist der bisherigen Dialog-Bemühungen eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, einen ehrlichen, von kritischer Sympathie getragenen Dialog zu führen und eine effektive Zusammenarbeit zu leisten, die ein Strahl dessen sein kann, der „die Liebe ist 1 Jo 4,8.16 und ein Zeichen für das, was der Koran meinte, als er sagte, dass die Christen diejenigen sind, die den Muslimen „in Liebe am nächsten stehen” Koran 5,82? Adel Theodor Khoury ist emeritierter Professor für Religionswissenschaft an der Katholisch-Theo- logischen Fakultät der Universität Münster, melkitisch-katholischer Priester und einer der bekanntesten Islam-Experten in Deutschland. DT061109

Der Islam will die Welteroberung. Die Kriegsregeln sind flexibel, das Kriegsziel bleibt: Mohammeds kämpferische Religion
Ist die gewaltsame Mission ein Wesenszug des Islam? Mit dieser Frage hat die Regensburger Rede Benedikts XVI. ein weltweites Echo ausgelöst. Hier gibt der Althistoriker Egon Flaig seine Antwort. Mohammed, der Prophet, war zugleich ein erfolg- reicher Heerführer. Die kriegerischen Züge sind der Rechtslehre des Islam geblieben, auch wenn sie in gemäßigter Form vertreten werden. Egon Flaig, Professor an der Greifswalder Universität, hat sich nicht zuletzt mit Gerechtigkeitsvorstellungen der Antike und, im Gegenzug, mit der politischen Rechtfertigung von Ausgrenzungen etwa von Sklaven oder unterworfenen Völkerschaften wissenschaftlich beschäftigt. „Dann wollen wir, dass die Fahne des Islam wieder über diesen Landschaften weht, die das Glück hatten, eine Zeitlang unter der Herrschaft des Islam zu sein und den Ruf des Muezzins Gott preisen zu hören. Dann starb das Licht des Islam aus und sie kehrten zum Unglauben zurück. Andalusien, Sizilien, der Balkan, Süditalien und die griechischen Inseln sind alle islamische Kolonien, die in den Schoß des Islam zurückkehren müssen. Das Mittelmeer und das Rote Meer müssen wieder islamische Binnenmeere wie früher werden.” Diese Sätze stammen nicht von Al Qaida; sie finden sich im Programm, das der Gründer der Muslim-Brüderschaft Hassan Al Banna in einer Rede formulierte. Die Bruderschaft zählt heute Millionen und hat sich weit über Ägypten hinaus verbreitet. Ihre Intellektuellen agieren in Europa und in den Vereinigten Staaten; sie gelten als „moderat” und werden von den Medien entsprechend bedient. Planmäßige Rückgewinnung „verlorener” Gebiete gehört in die Programme von Staaten, welche um territoriale Machtausübung kämpfen, also von politischen Gemeinschaften. Wie kann sie ins Programm einer Religion gehören? Ist der Islam eine Religion wie andere? Seit Beginn der klassischen Zeit zwischen dem neunten und dem elften Jahrhundert teilen die islami- schen Juristen die Welt in zwei Teile, nämlich das „Haus des Islam” und das „Haus des Krieges”. Diese Zweiteilung hängt nicht davon ab, wo Muslime in großer Anzahl leben oder gar die Mehrheit darstellen, sondern davon, wo der Islam herrscht - in Gestalt der Scharia - oder wo er nicht herrscht. Diese Dicho- tomie ist also keine religiöse, sondern eine politische. Zwischen diesen beiden Teilen der Welt herrscht naturgemäß so lange Krieg, bis das Haus des Krieges nicht mehr existiert und der Islam über die Welt herrscht Sure 8,39 und 9,41. Daher besteht nach klassischer Lehre für die muslimische Weltgemeinschaft die Pflicht, gegen die Ungläubigen Krieg zu führen, bis diese sich bekehren oder sich unterwerfen. Dieser Krieg heißt Dschihad. Lautete der Missionsauftrag Jesu, alle Völker zu bekehren, ihnen aber ihre politische Ordnung zu lassen, so besteht das Ziel des Islam darin, alle Nichtmuslime politisch zu unterwerfen, ihnen aber ihre Religion zu lassen, falls es Buchreligionen sind. Der allgemeine Befehl Gottes zum Dschihad wird entnommen aus Sure 9,29. Gewiss, winzige pazifistische Strömungen im Islam haben diese Interpretation nicht akzeptiert. Die Schiiten akzeptieren sie zwar, verlangen aber, dass ein echter Imam die muslimische Gemeinschaft anführt (und auf einen solchen warten sie schon mehr als dreizehn Jahrhunderte), daher gilt für sie vorläufig nur der defensive Dschihad, also falls die muslimische Gemein- schaft angegriffen wird. Dagegen haben die andere Strömungen, etwa die so genannten charidschitischen, die Aussage von Sure 9, 29 radikalisiert: Sie sehen im Dschihad eine individuelle Pflicht jedes tauglichen Muslim, welche als sechste Säule neben den anderen fünf kardinalen Pflichten steht. Konsequenz dieser Lehre: Wenn jeder entweder an der kollektiven Kriegführung gegen die Ungläubigen teilnehmen muss oder - falls die muslimische Gemeinschaft dafür momentan zu schwach ist - allein, gruppenweise auf eigene Faust kriegerisch agieren muss, dann sind Attentate und Terroranschläge das Richtige. Was die Charid- schiten für den offensiven Dschihad verlangen, gilt bei den meisten Vertretern der orthodoxen Lehre der Sunna für den defensiven: Wird der Islam angegriffen oder islamisches Territorium von Ungläubigen besetzt, dann wird der Dschihad zur individuellen Pflicht; eine Fatwa des Großmufti der Al-Azhar-Universität in Kairo von 1948 - gerichtet gegen Israel - lässt daran keinen Zweifel. Jedwede feindliche Macht, welche sich an die Haager Landkriegsordnung hält und streng unter- scheidet zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten, gerät hierbei in größte Schwierigkeiten. Der Kriegszustand dauert an, bis das Haus des Krieges vernichtet und die Welt erobert ist. Darum nennt Majid Khadduri den Islam eine „göttliche Nomokratie auf imperialistischer Basis“. Friedensverträge, welche islamische Herrscher mit nichtislamischen abschlössen, gelten nur als Waffenstillstände; deshalb wurden sie in der Regel für höchstens zehn Jahre abgeschlossen; zwei Rechtsschulen erlaubten nur drei bis vier Jahre Frieden. Die kurzen Fristen ermöglichten es den militärisch überlegenen Muslimen, die Gegenseite unentwegt zu erpressen; auf diese Weise sind im Laufe der Jahrhunderte riesige Mengen an Geldern und Menschen an die muslimische Seite geflossen. Als sich die Kräfteverhältnisse verschoben, mussten muslimische Herrscher die Praxis ändern. So schloss 1535 Suleiman der Prächtige mit dem französischen König einen Frieden, der so lange gelten sollte, wie der Sultan lebte - ein Bruch mit der Tradition. Christliche Theologen versuchten - angesichts einer Pluralität von Staaten - zu definieren, was ein „gerechter” Krieg war und was nicht; Kriege einzig um des Glaubens willen galten überwiegend nicht als gerecht. Für muslimische Gelehrte ist hingegen das „Haus des Islam” eine politische Einheit, welche keinen inneren Krieg duldet; darum ist allein der Krieg zur Unterwerfung der Ungläubigen legitim gewesen und obendrein Pflicht, wie der berühmte Gelehrte Ibn Chaldun im vierzehnten Jahrhundert kategorisch sagt: „Im Islam ist der Dschihad gesetzlich vorgeschrieben, weil er einen universalen Auftrag hat und gehalten ist, die gesamte Menschheit freiwillig oder gezwungen zur Religion des Islam zu bekehren.” Die Kriegsregeln des Dschihad sind flexibel. Von der Schonung über Massenversklavung bis zur massen- haften Tötung ist nach Khadduri alles möglich, genau wie bei Griechen und Römern. Das unterscheidet die heiligen Kriege des Islam fundamental von denjenigen des alttestamentlichen Israel, welche vor- sahen, dass außerhalb Israels alles Männliche zu töten, auf israelischem Boden hingegen alles Leben- dige überhaupt zu vernichten war Deuteronomium 20,10-20. Wir pflegen uns darüber zu empören, was die Kreuzfahrer 1099 in Jerusalem anrichteten. Indes, die Kreuzfahrer handelten nach gängigem Kriegs- recht; muslimische Eroberer taten derlei unentwegt und überall: 698 traf es Karthago, 838 Syrakus; der berüchtigte Wesir des Kalifats von Cordoba, Al Mansur, führte in siebenundzwanzig Jahren fünfund- zwanzig Feldzüge gegen die christlichen Reiche Nordspaniens, versklavend, vernichtend und ver- wüstend; es traf Zamora (981), Coimbra (987), Leon, zweimal Barcelona (985 und 1008), dann Santiago de Compostela (997). Am furchtbarsten verwüsteten die Dschihads das damals noch so städtereiche byzantinische Anatolien; das Massaker von Amorium (838) ist lange ein Fanal geblieben; die städtische Kultur Ana- toliens hat sich davon nie wieder erholt. Der Seldschuke Alp Arslan ließ ganze armenische Städte massakrieren, am furchtbarsten 1064 die Hauptstadt Ani. Mehr als berechtigt darum das Urteil von Bat Ye'or: „Die Maßlosigkeit, die Regel- mäßigkeit und der systematische Charakter der von den islamischen Theologen zur Norm erhobenen Verwüstungen unterscheiden den Dschihad von anderen Eroberungskriegen.” Gewiss, die Massenverskla- vung blieb das beliebteste Kriegsziel. So entstand schon im achten Jahrhundert die größte Sklaven- haltergesellschaft der Weltgeschichte; sie benötigte eine ständige Zufuhr immer neuer Sklaven; sie transformierte den afrikanischen Kontinent zum größten Sklavenlieferanten, ein Schicksal, welchem Europa knapp entkam. Singular ist die enorme Geschwindigkeit, mit der binnen neunzig Jahren ein arabisches Großreich zwischen Südfrankreich und Indien entstand, ohne dass ein einzelner Eroberer die Expansion gelenkt hätte. Der erfolgreichste Imperialismus der Weltgeschichte erregte nicht zuletzt die Bewunderung He- gels: „Nie hat die Begeisterung als solche größere Taten vollbracht.” Wenn „Begeisterung” solches ver- mochte, worauf beruhte sie? Die Antwort ist einfach: auf dem Märtyrertum. Ein Ereignis des Jahres 963 in Konstantinopel illustriert das: Kaiser Nikephoros Phokas hatte soeben die arabischen Besatzer aus Kreta vertrieben; nun plante er einen großen Krieg, um Ostanatolien und Nordsyrien von der muslimischen Herrschaft zu befreien. Ein Konzil sollte ihm helfen; eindringlich bat er die versammelten Bischöfe, sie sollten Soldaten, die im bevorstehenden Kampf fielen, zu Märtyrern erheben. Diesen Soldaten wäre also das Paradies sicher gewesen. Der Patriarch stellte sich gegen den Kaiser: Kein kirchliches Konzil sei imstande, Gottes Ratschluss zu antizipieren; allein Gott entscheide über das Heil. Eine welthistorische Schlüsselszene. Der Kaiser wusste, was auf dem Spiele stand. Immer wieder hatten die Byzantiner erleben müssen, wie die muslimischen Truppen mit einer Tapferkeit kämpften, zu der die Christen nicht imstande waren. Gefallene Muslime gelten als Märtyrer für den Glauben und mar- schieren als Gefallene geradewegs ins Paradies. In den beiden Religionen unterscheidet sich der Begriff des Märtyrers fundamental. Christliche Märtyrer imitieren das Leiden Jesu, erleiden passiv Folter und Tod; muslimische Märtyrer sind aktive Kämpfer. Maßgeblich für die Todesbereitschaft der Krieger ist das unverbrüchliche Versprechen, dass, wer für seinen Glauben stirbt, das ewige Heil erhalte Sure 4,74-76. Muslime sollten einer zehnfachen Übermacht standhalten Sure 8, 66-67; spätere Rechtsgelehrte erlaubten, wie Khadduri schreibt, den Rückzug, falls man einer mindestens doppelten Übermacht des Feindes gegenüberstand. Da die entscheidende Ressour- ce jedes Krieges der kämpfende Mensch und seine Opferbereitschaft ist, half es den Byzantinern nichts, technisch den Arabern und Seldschuken gleichwertig zu sein; langfristig mussten sie unterliegen, falls ihre Kampfmoral nicht dieselbe Höhe erreichte. Höhere Todesbereitschaft bringt enorme Vorteile in der Gefechtssituation: so lassen sich waghalsige Operationen angehen und kühne Manöver, die den Feind überraschen und verwirren; so lassen sich Siege erzwingen, die technisch und materiell fast nicht möglich scheinen, und Schlachten gewinnen, die unter üblichen Bedingungen verloren sind. Nikephoros wusste um die militärischen Konsequenzen von Sure 4,74-76; er war der erste, der die prinzipielle kriegerische Unterlegenheit der christlichen Religion zu korrigieren suchte. Doch die Bischöfe der Ostkirche sahen sich außerstande, ihre Theologie so zu manipulieren, dass ein kriegerisches Mär- tyrertum hätte entstehen können. Dabei blieb es. Die byzantinischen Kaiser mussten ihre schweren Abwehrkriege gegen die ständigen sarazenischen und seldschukischen Aggressionen führen, ohne dass ihnen die Religion dort half, wo Hilfe am nötigsten war. Erst die Westkirche veränderte die theologisch-politische Situation: als Papst Urban II. 1095 zum ersten Kreuzzug aufrief, versprach er den christlichen Kriegern den Erlass der Sündenstrafen: Gefallene Kreuzeskrieger umgingen demnach das göttliche Gericht; sie wurden insofern den Märtyrern gleich- gestellt, obschon ihnen dieser Name verwehrt blieb. Der Papst als Oberhaupt einer monarchisch organi- sierten Kirche tat genau das, was ein Konzil östlicher Bischöfe nicht vermochte: Er verfügte über das Heil. Die Papstkirche konnte nun ebensolche „Heiligen Kriege” führen, wie der Islam es seit Jahrhun- derten zu tun pflegte. Worin unterscheiden sich dann Kreuzzüge und Dschihad? Kreuzzüge konnte allein der Papst ausrufen; daher blieben sie sehr selten - verglichen mit den unzähligen, unaufhörlichen und ubiquitären Dschihads der islamischen Welt. Und die Ziele von Kreuzzügen blieben genau begrenzt; im November 1095 nannte Urban II. in Clermont Grund und Ziel des Kreuzzuges: „Es ist unabweislich, unseren Brüdern im Orient eiligst Hilfe zu bringen. Die Türken und die Araber haben sie angegriffen und sind in das Gebiet von Romanien (Konstantinopel) vorgestoßen; und indem sie immer tiefer eindrangen in das Land dieser Christen, haben sie diese siebenmal in der Schlacht besiegt, haben eine große Anzahl von ihnen getötet und gefangen genommen. Wenn ihr ihnen jetzt keinen Widerstand entgegensetzt, so werden die treuen Diener Gottes im Orient ihrem Ansturm nicht länger gewachsen sein.” Die ersten Kreuzzüge bezweckten, entweder bedrängten Christen zu Hilfe zu kommen oder die Heiligen Stätten in Palästina zu befreien oder von den Muslimen unterworfene Christen zu befreien. Dagegen hielten die muslimischen Rechtsgelehrten immer am Endziel fest, das „Haus des Krieges” zu erobern und alle Ungläubigen zu unterwerfen. Urban II. sah richtig. Wäre Konstantinopel schon 1100 gefallen, dann hätte die enorme militärische Kraft der türkischen Heere Mitteleuropa vierhundert Jahre früher heimgesucht. Dann wäre die viel- fältige europäische Kultur wahrscheinlich nicht entstanden: keine freien städtischen Verfassungen, keine Ver- fassungsdebatten, keine Kathedralen, keine Renaissance, kein Aufschwung der Wissenschaften; denn im islamischen Raum entschwand das freie - griechische! - Denken eben in jener Epoche. Jacob Burckhardts Urteil - „Ein Glück, dass Europa sich im ganzen des Islams erwehrte” - heißt eben auch, dass wir den Kreuzzügen ähnlich viel verdanken wie den griechischen Abwehrsiegen gegen die Perser. Indes, wurden Kreuzzüge nicht häufig missbraucht? Gewiss. Kreuzzüge „entgleisten” und wurden „zweckentfremdet”, wie etwa jener, der 1204 zur Eroberung des christlichen Konstantinopel führte. Doch das passierte mit Dschihads weitaus häufiger. Wenn die Sklaven knapp wurden, führten Emire nicht nur Dschihads gegen nichtmuslimische Völker, welche zu versklaven geboten war, sondern immer häufiger auch gegen islamisierte Völker, unter dem Vorwand, es seien keine wahren Muslime. Das geschah vor- wiegend in Afrika und gegen Schwarzafrikaner, so, als zuerst Songhay 1468, dann die Marokkaner 1552 Mali überfielen, so auch, als seit dem achtzehnten Jahrhundert religiöse Reformer im Sahel ihre Dschihads gegen die muslimisierten Haussa-Städte führten, woraus das Kalifat Sokoto entstand - mit der drittgrößten Sklavenmenge nach Brasilien und den amerikanischen Südstaaten. An den Folgen dieser immer weiter gehenden Dschihads mit ihren Genoziden und Massenversklavungen leidet Afrika bis heute. Indes, für welche politische Ordnung führten die Muslime ihre Heiligen Kriege mit dieser Vehemenz und diesem Erfolg? Für die Scharia. Eine politische Ordnung, die erstens Herren und Unterworfene streng absondert, zweitens die politische und soziale Ordnung der menschlichen Verfügung weitgehend entzieht. Bleiben wir beim ersten Aspekt: In der Scharia sind die Muslime die Herren, die Anhänger anderer Buchreligionen - Christen, Juden, Parsen, Buddhisten - Unterworfene, „Dhimmi”; dabei handelte es sich nicht um religiöse Minderheiten, sondern um gewaltige Mehrheiten, vor allem in Syrien, in Ana- tolien, oder um die Christen Nordafrikas. Die Unterworfenen durften keine Waffen tragen, sie waren wehrunfähig, somit keine vollwertigen Männer. Christen und Juden mussten besondere Farben oder Kleidungsstücke tragen (diese Diskriminierung führte zum Judenstern), um als „Dhimmi” kenntlich zu sein; sie durften nicht auf Pferden reiten, sondern nur auf Eseln, damit sie ständig an ihre Erniedrigung erinnert wurden; sie zahlten einen Tribut (Jizya), den sie persönlich entrichteten, wobei sie einen Schlag an den Kopf erhielten. Sie mussten sich von Muslimen schlagen lassen, ohne sich wehren zu dürfen; schlug ein „Dhimmi” zurück, dann wurde ihm die Hand abgehackt, oder er wurde hingerichtet. Die Zeugenaussage eines „Dhimmi” galt nicht gegen Muslime; diese brauchten für Vergehen an einem „Dhimmi” nur halbe Strafe zu tragen; und wegen eines solchen Unterworfenen konnten sie nie hingerichtet werden. Umgekehrt waren grausamste Hinrichtungsarten überwiegend den „Dhimmi” vorbehalten. Sogar jene Diskriminierung der Juden, zu der vierhundert Jahre nach dem Islam die Westkirche auf dem IV. Laterankonzil von 1215 schritt und die uns so barbarisch anmutet, bezweckte und erreichte keine Erniedrigung dieses Ausmaßes. Eine besondere Drangsalierung brachte die türkische Herrschaft: seit 1360 wurde in unregelmäßigen Abständen bis zu einem Fünftel aller christlichen Kinder in die Sklaverei abgeführt. Sie wurden zwangsbekehrt. Diese Sklavenmenge dürfte im Laufe von vier Jahrhunderten in die Millionen gegangen sein; davon wurden Hunderttausende ausgewählter Knaben zu fanatischen Muslimen und zu Elitekämpfern erzogen, zu den berüchtigten Janitscharen: eine Politik zur systematischen Vermehrung der muslimischen Be- völkerung und zur allmählichen Auslöschung der Christen. Sie hatte Erfolg. Die „Dhimmitude” versetzte die Nichtmuslime in eine radikale Andersheit: Die Menschen in diesem Zustand als „Bürger zweiter Klasse” zu bezeichnen ist Schönrednerei. Wie der Nationalsozialismus die Menschen in Herren- und Unter- menschen auf rassischer Basis spaltete, so hat es die Scharia auf religiöser Basis getan. Als erste Weltreligion schuf der Islam eine Apartheid, in der die christlichen oder auch parsischen Mehrheiten kolonisiert und allmählich islamisiert wurden. Islamische Toleranz hieß: Duldung der Unterworfenen als Gedemütigte und Erniedrigte. All das ist durch Studien zur „Dhimmitude“ bekannt. Aber wer will von den millionenfachen Opfern hören? Der Islam hat riesige Territorien religiös „gesäubert”: der zweite Kalif machte den Hidjaz, also Arabien außer dem Jemen, „christenrein” und „judenrein”; die Alternative hieß Konversion oder Vertreibung. Das hat - von alttestamentlichen Fällen abgesehen - niemals zuvor eine Religion gemacht. Ebenso „reinig- ten” die Almohaden und Almoraviden ihr Spanien nach dem Zusammenbruch des Kalifats 1031: Zehn- tausende Juden wie Christen mussten entweder konvertieren oder ins christliche Nordspanien oder in die Levante fliehen. Gewiss, englische und französische Könige und dann die Könige Spaniens selber taten später das gleiche; sie wandten dabei ein muslimisches Rezept an.Und die Pogrome? Seit dem Kalifen Al- Mutawakkil (847 bis 861) schwappten immer wieder Verfolgungen über den Orient und Nordafrika, wobei Juden und Christen zwangsbekehrt, vertrieben oder massakriert wurden. Die ständige Zerstörung von Kirchen ging bis ins vorletzte Jahrhundert weiter. Allmählich zerlaufen auf dem verklärten Bild des muslimischen Spanien, welches der europäische Anti-Imperialismus im neunzehnten Jahrhundert ge- schaffen hat, die blumigen Farben. Sorgfältige Aufarbeitung der Dokumente bringen darunter ein anderes Bild zum Vorschein. Dort kam es 889 in Elvira und 891 in Sevilla zu umfassenden Pogromen gegen Christen. Im marokkanischen Fez wurden 1033 über 6.000 Juden massakriert. 1058 wurde das christliche Antiochia unter Folter und Todesdrohungen muslimisch gemacht. Das erste große Pogrom gegen Juden auf europäischem Boden fand 1066 im muslimischen Granada statt; dabei kamen 1.500 jüdische Familien um. 1135 wurde das Judenviertel Cordobas niedergebrannt, die Zahl der Massakrierten nicht zu wissen mag heilsam sein. 1159 standen sämtliche Christen von Tunis vor der Wahl, zu konvertieren oder zu sterben. Um diese Zeit wurde das ehemals so vitale Christentum Nordafrikas vollends vernichtet. Die Pogrome im christlichen Herrschaftsgebiet sind kein Ruhmesblatt der europäischen Kultur; aber ihre Ausmaße bleiben zurück hinter jenen der islamischen Welt. Wir brauchen dringend eine vergleichende Geschichte religiöser Unterjochung. Reden wir von Integration der Juden? Nirgendwo unter der Herrschaft des Islam, und auch nicht im spanischen Kalifat, waren Juden Bürger ihrer Stadt; sie blieben stets Unterworfene. In manchen deut- schen Städten - Worms, Augsburg und anderen - des Hochmittelalters waren die Juden Stadtbürger besondereren Rechts, sie hatten das Recht, Waffen zu tragen, und waren besser gestellt als ärmere christliche Einwohner. Sie waren bis ins vierzehnte Jahrhundert, als sich ihre Situation verschlechterte, weit besser integriert, als die Juden im muslimischen Spanien es jemals sein konnten. Wer die politische Integration für die wichtigste hält, kann nicht umhin, Augsburg über Cordoba zu stellen. All das ist seit über fünfzehn Jahren wissenschaftlich bekannt. Aber wer will es hören? Seine Vergangenheit nicht zu kennen heißt, sie wiederholen zu müssen. Wer weiterhin das Märchen von der islamischen Toleranz verbreitet, behindert jene muslimischen Intellektuellen, die ernsthaft an jener Reform des Islam arbeiten, die im neunzehnten Jahrhundert so Erfolg versprechend begann. Denn er beraubt sie der Chance, eine Vergangenheit zu überwinden, die ansonsten zur abscheulichen Gegen- wart zu werden droht. Gelänge es den Reformern, den Islam radikal zu entpolitisieren, dann könnten die Muslime zu wirklichen Bürgern in ihren Staaten werden. Übrig bliebe jene hochgradig spirituelle Religion, die nicht nur Goethe fasziniert hat: Hegel nannte den Islam die „Religion der Erhabenheit”. Dazu könnte er werden. Prof.Dr.EgonFleigFAZ060916
Grundbegriffe einer politischen Religion
Der Koran ist das heilige Buch des Islam. Anders als die Bibel, auf deren Geschichten er oftmals zurück- greift, entbehrt er einer Logik der Chronologie, seine Abschnitte, die Suren, folgen nach ihrer Textlänge aufeinander, sind mithin nach äußerlichen Gesichtspunkten geordnet. Der Dschihad, heiliger Krieg, wird nach klassischer islamischer Rechtslehre zwischen dem Haus des Islam und dem Haus des Krieges, also der nichtmuslimischen Welt, geführt. Die Teilnahme am Dschihad ist für jeden wehrfähigen Muslim eine Grundpflicht. Ziel des Dschihad ist die weltweite Durchsetzung der Scharia, des islamischen Rechts. Nach dieser Lehre sind Andersgläubige nicht Vollbürger, sondern tributpflichtige Unterworfene. Die Charid- schiten waren eine der ältesten muslimischen Gemeinschaften. Sie unterlagen 657 im Kampf gegen die Omaijaden, übten aber mit ihrer entschiedenen Rechtsgläubigkeit auch später einen Einfuß auf die saudischen Wahhabiten seit dem achtzehnten Jahrhundert aus. Zur verklärten Legende wurde die islami- sche Herrschaft im Kalifat von Cordoba, dem man eine besondere Toleranz nachsagte.EgonFleigFAZ060916
Wie entwickelt sich der Islam? Experten diskutieren das Verhältnis der Muslime zum deutschen Verfassungsstaat
Religion ist wieder Thema. Über Jahrzehnte scheinbar ins Private gedrängt, ist sie in der gesell- schaftlichen Wahrnehmung ungemein präsent. Ursache dafür ist nicht nur, aber auch der Islam, der in Deutschland an Bedeutung gewonnen hat. Das „Lindenthal-Institut" in Köln hatte jetzt dazu eingeladen, diesen Fragen nachzugehen. Experten diskutierten über „Islam, Säkularismus, Religionsrecht - Aspekte und Gefährdungen der Religionsfreiheit". Gleich zu Beginn betonte Lothar Häberle, Mitarbeiter des Instituts, dass Religionen grundsätzlich eine „Außensicht" akzeptieren müssten: Ihr Bekenntnis sei nur eine Form der Weltdeutung unter vielen. „Mit dem Grundgesetz hat Deutschland die prinzipielle Trennung von Kirche und Staat aus der Weimarer Verfassung übernommen und zugleich eine positive Religionsfreiheit entwickelt." Dem religiösen Bekennt- nis werde als „prägendem Kulturfaktor" Raum gewährt. Diese Errungenschaft gelte es zu verteidigen. Dann sprach der Osnabrücker Islamwissenschaftler Bülent Ucar über das Verhältnis von Islam und Ver- fassungsstaat aus der Sicht eines Muslims. Zu Beginn verwies er auf Untersuchungen, wonach es bereits vor dem 11. September 2001 in Deutschland erhebliche Vorbehalte gegen den Islam gegeben habe. Diffuse Ängste kommen demnach in der weit verbreiteten Annahme zum Ausdruck, es würden vor allem Muslime zuwandern. Ufar: „Tatsächlich sind 60 bis 70 Prozent der Migranten aber gar keine Muslime." Für den Islam-Wissenschaftler lässt sich die Phobie vor allem an der Scharia festmachen, dem islamischen Recht. Viele Bundesbürger verbänden damit archaisch anmutende Vorschriften, wie etwa die Steinigung bei Ehebruch oder das Abhacken von Händen bei Diebstahl. Vor Pauschalisierungen sei aber zu warnen. „Der Islam ist vielfältig. Er hat sich entwickelt mit Höhen und Tiefen", so Ufar, der seit 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück ist. Auch Muslim sollten histo- rische Aufbrüche zugestanden werden wie sie die christlichen Kirchen im Laufe ihrer Geschichte vollzogen hätten, betonte der 33-jährige gebürtige Oberhausener. Die Scharia, die sich im Grundsatz auf die ge- samte Lebensführung beziehe, also einen absoluten Anspruch erhebe, werde tatsächlich ohnehin nur in wenigen islamischen Staaten angewendet. Immer wieder betonte der Wissenschaftler die Vielfältigkeit des Islam, wie sie etwa in verschiedenen religiösen Schulen im türkisch- persischen und im arabischen Raum anzutreffen sei. Von „dem" Islam zu sprechen führe folglich in die Irre. Im Diskurs der Gelehrten erfahre der Glaube des Propheten zudem durchaus eine Fortentwicklung - dies könne sich auch auf das Verhältnis zum Verfassungsstaat westlicher Prägung auswirken. Er selbst, so Ufar, favorisiere das „deut- sche Modell" einer positiven Religionsfreiheit, die Kirche und Staat im Grundsatz zwar trenne, die Religion aber indirekt fördere und ihr einen Platz in der Gesellschaft zuweise. Die Islamkonferenz sei daher zu begrüßen. „Die Politik ist in Deutschland endlich aufgewacht." Ufar räumte jedoch ein, dass im Islam eine enge Verzahnung von Religion und politischer Macht nach wie vor üblich ist. Grund sei das „Modell Medina", die Zeit, die der Prophet ab 622 in Medina verbracht und in der er sich als politisch-militärischer Führer etabliert habe - eine Entwicklung, die letztlich die enorme Ausbreitung des Islam ermöglichte. Globalisierung fordert islamische Theologie heraus Der Zürcher Islamwissenschaftler Lukas Wiek griff diesen Gedanken indirekt auf. Angesichts der Heraus- forderungen durch eine globalisierte Welt stehe die islamische Theologie vor der Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels, wie ihn etwa die katholische Kirche im Zuge des 2. Vatikanischen Konzils vollzogen hätte: einer positiven Würdigung der Religionsfreiheit. „Dies führte ja keineswegs zur Selbstaufgabe der Kirche und ihres Wahrheitsanspruchs, wie dies fälschlicherweise oft kolportiert wird", so Wiek. In seiner Hoffnung, das konstitutionelle Modell, das formell in den meisten islamischen Ländern den politischen Rahmen bestimmt, werde zu einer breiten Diskussion über dessen freiheitsrechtliche Dimension führen, zeigte sich Wiek jedoch enttäuscht. „Es gibt keinerlei positive Assoziation mit konstitutionellen Errungen- schaften. Der Konstitutionalismus und die damit verbundene Säkularisierung werden meist pauscha- lisierend als trojanisches Pferd neokolonialen Strebens gesehen",so der promovierte Islamwissenschaftler. DT100831reinhardbackes
Ein Islam für Europa - Für Bosniens Muslime sind Demokratie und Glaube kein Widerspruch
Der Islam ist Teil der europäischen Zukunft und wird in den meisten Staaten der EU eine wachsende Rolle spielen. Nicht allein der numerische Einfluss muslimischer Minderheiten in fast allen EU-Staaten wächst. Die Diskussion darüber, wie sich diese Weltreligion mit ihren in Asien und Afrika gelegenen Gravitationszentren in Einklang bringen lässt mit jenen Vorstellungen vom Aufbau einer Gesellschaft, die in Europa seit einigen Jahrzehnten vorherrschen, wird immer wichtiger. Oft wird dabei die (einst) kema- listische Türkei als Vorbild oder gar Modell genannt. an deren Beispiel deutlich werde, dass auch ein Staat mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung sich eine demokratische Form geben und erhalten könne. Doch abgesehen davon, dass die kemalistische Türkei alles andere als demokratisch war und die der- zeitige Transformation des Landes unter Recep Tayyip Erdogan trotz aller Fortschritte ein Prozess mit ungewissem Ausgang ist, gibt es ein nicht nur geographisch näherliegendes, dabei ungleich überzeu- genderes Beispiel dafür, dass Islam und Demokratie vereinbar sind. Wir finden es in Bosnien-Hercegovina, wo seit Jahrhunderten Muslime leben. Die Bosniaken, wie sie sich nennen, stellen die (relative) Mehrheit der Bevölkerung des Balkanstaates - und ihr Beispiel führt den Widersinn der Behauptung vor Augen, Islam und Demokratie seien immer und allenthalben Gegensätze. Gewiss liegt einiges im Argen in Bosnien, doch eines lässt sich nicht sagen: Dass dort radikale Muslime den Ton angäben. Trotz des Krieges von 1992 bis 1995, in dem die meisten der etwa 100.000 Todesopfer bosnische Muslime waren, käme kein maßgeblicher Wortführer der Bosniaken auf die Idee, einer Abschaffung der Demokratie zugunsten eines islamischen Gottesstaates das Wort zu reden. Täte es doch jemand, hätte er nennenswerte Gefolgschaft nicht zu erwarten, im Gegenteil. Die große Mehrheit der bosnischen Muslime würde sich von ihm abwen- den. Die Trennung von Staat und Religion ist für Bosniens Muslime seit mehr als hundert Jahren eine allgemein akzeptierte Tatsache. Sehr selten und keinesfalls mehrheitsfähig sind in Bosnien fundamenta- listische Ansichten. Ausländische Beobachter haben, mal in lobender, meist aber wohl in geringschätzen- der Absicht, von einem bosnischen „Nachmittagsislam" gesprochen. Die liberale Auslegung hängt auch mit der einzigartigen Prägung und Verfasstheit des bosnischen Islam zusammen, der auf osmanische Wurzeln zurückgeht. Die Krieger des Sultans waren es, die ihn bei ihrer Eroberung des Landes im Jahr 1463 im Marschgepäck mitbrachten. In seiner heutigen Erscheinungsform ist der bosnische Islam aber nicht allein durch die mehr als vier Jahrhunderte währende „Türkenzeit" ge- prägt, sondern wesentlich auch durch die kurze habsburgische Periode. Der Einfluss des Habsburgerreichs auf Bosnien währte zwar nur von 1878 bis 1918, aber diese vier Jahrzehnte hinterließen auf allen Gebie- ten des öffentlichen Lebens, ob nun in Verwaltung, Erziehung oder Architektur, prägende Spuren. Auch der Islam in Bosnien erhielt in dieser Zeit eine in der Welt einzigartige demokratische Struktur. Warum diese Struktur entstand und was sie bis heute bewirkt, davon berichtet ein Buch mit dem Titel „Islam mit europäischem Gesicht" (Butzon & Bercker 2011): „Der Islam, der zwar Institutionen, aber keine den Kir- chen vergleichbare Verfasstheit kennt, wurde in Bosnien-Hercegovina strukturell „verkirchlicht". Er wurde damit, anders als im Osmanischen Reich, unabhängig vom Staat institutionalisiert und erhielt eine moder- ne, von Istanbul unabhängige Organisationsform, die für den Staat fortan als klar greifbares Gegenüber zur Verfügung stand. (...) An der Spitze stand fortan der Reisu-l-ulema („Oberhaupt der Gelehrten"), der nach österreichischem Recht den Status eines Erzbischofs hatte." Die politische Absicht dahinter war leicht durchschaubar: Wien wollte durch die Schaffung von kirchenähnlichen Strukturen für den Islam in Bosnien verhindern, dass der Sultan aus Istanbul über seinen Einfluss auf die bosnischen Muslime in nunmehr habsburgische Belange hineinregiere. Dafür war in Bosnien ein Partner nötig, der im Namen der Muslime sprechen konnte. „Die Loslösung der Staatsmacht von der Religion", heißt es dazu in dem Buch, „wirkte sich förderlich für beide aus. Der Islam in Europa wird unabhängig von der Autorität eines Sultans und Kalifen." Die damals geschaffene Struktur hat sich, mit Unterbrechungen im serbisch beherrschten ersten Jugoslawien, bis heute erhalten. Nach der 1997 zuletzt modifizierten Verfassung des bosnischen Islams beträgt die Amtszeit des Reisu-l-ulema sieben Jahre, wobei höchstens zwei Amtszeiten erlaubt sind. Es gibt ein Parlament mit 83 Mitgliedern sowie eine nach dem Territorialprinzip organisierte Ordnung bis hinunter zum Imam der Dorfmoschee. Die Organisationsform allein besagt zwar wenig, doch ist diese Struktur tatsächlich mit demokratischem Leben erfüllt. Man sieht das auch in Deutschland und Öster- reich, wo Muslime aus dem ehemaligen Jugoslawien die zweitgrößte, und in der Schweiz, wo sie die größte Gruppe der Zuwanderer mit islamischem Religionshintergrund stellen. Der Münchner Religionswis- senschaftler Jakob Wimmer stellt in einem Beitrag zu dem erwähnten Band fest, dass „der große Anteil bosnischstämmiger Muslime, im Unterschied zu jenen aus der Türkei, von der Mehrheitsgesellschaft kaum wahrgenommen wird". Er zieht daraus den Schluss, dass Muslime mit bosnischen Wurzeln, just weil sie „keine Schlagzeilen in diesem Sinn produzieren", unsere Hauptaufmerksamkeit verdienten. Tatsächlich bietet der bosnische Islam für die europäische Diskussion über den Umgang mit und die Angst vor dieser Religion wichtige Anregungen. Nicht zuletzt deshalb, weil dahinter, anders als etwa in der Türkei, kein nationalistischer Staat steht. Es gibt auch keinen bosnischen Erdogan, der in Deutschland die Hallen füllt und Reden im Geiste eines vorgestrigen Nationalismus hält. Kurzum: Europa täte gut daran, bei der Aus- einandersetzung mit den Erscheinungsformen des Islams genauer nach Bosnien zu blicken. In ein Land, in dem trotz aller Unzulänglichkeiten und trotz des hauptsächlich gegen Muslime gerichteten Vertreibungs- kriegs der neunziger Jahre („Srebrenica"), Islam und Demokratie kein Widerspruch sind. Natürlich will auch der bosnische Islam Einfluss ausüben, und gerade der derzeitige Reisu-l-ulema Mustafa Ceric weiß genau, was Machtpolitik ist. Aber niemand in Sarajevo käme auf die Idee, die Scharia könnte ein bürgerliches Gesetzbuch ersetzen oder stünde darüber. Bosnien hat jenes demokratische Niveau erreicht, um das andere Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit noch lange ringen werden. FAZ110806MichaelMartens
Dem Freitagsgebet der Muslime kommt seit jeher eine politische Bedeutung zu
Auch in Kairo ist es immer wieder das Freitagsgebet, also ein nach westlich-christlicher Auffassung rein religiöser Akt des Bittens oder Flehens zu Gott, der den Anlass bietet für politische Demonstrationen und Kundgebungen. Doch das Gebet unterscheidet sich im Islam von (heutigen) christlichen Vorstellungen. Vor mehr als dreißig Jahren konnte man schon aus Anlass der islamischen Revolution in Iran sehen, wie wichtig das Freitagsgebet in Teheran für den politischen Fortgang der Dinge war. Damals kamen Hundert- tausende zu den Gebeten, um den Druck auf das Schah-Regime zu erhöhen; und bis heute ist das Amt des Freitagspredigers in der Islamischen Republik Iran eines der wichtigsten. Angehörige der Staatsspitze, wie etwa der langjährige Staatspräsident Hodschatoleslam Rafsandschani,nehmen es wahr. Im Zentrum Teherans, unweit der Universität, ist ein überdachter Gebetsplatz (mosalla) eingerichtet worden, der regelmäßig Schauplatz der Freitagsgebete ist. Das Beten gehört zu den fünf Pfeilern des Islam, ist also Pflicht für jeden Muslim, es sei denn, er wäre verhindert. Dann kann das Gebet nachgeholt werden. Zwar kennt der Islam auch das individuelle Bitt- gebet (dua), in dem der einzelne Gläubige von Gott etwas erbittet, doch zu den „Pfeilern" gehört das Gemeinschaftsgebet (salat). Es findet zwischen der Morgenfrühe und dem Anbruch der Nacht fünfmal am Tag statt. Der Muezzin ruft zum Gemeinschaftsgebet („Herbei zum Heil, das Gebet ist besser als der Schlaf!"),vor dessen Vollzug sich der Gläubige zu reinigen hat, denn er muss im Zustand der Tahara sein, der äußerlichen wie innerlichen Reinheit. Der Sinn des „salat" ist weniger das Bitten um Heil oder die Er- füllung bestimmter Wünsche, als vielmehr die gemeinsame Bekundung des Glaubens durch die Gemeinde. In den Niederwerfungen, die das Gebet der Muslime kennzeichnen, bei denen der Gläubige mit der Stirne den Gebetsteppich berührt, bezeugen die Beter die Allmacht und Erhabenheit Gottes, vor dessen Majestät sie sich verneigen. Unter den Gemeinschaftsgebeten nimmt das Freitagsgebet einen besonderen Rang ein, der Freitag ist der Feiertag (Gebetstag) der Muslime. Schon früh wurden in den großen Zentren der islamischen Welt Freitagsmoscheen errichtet, die größer waren als andere, da sich mehr Personen dort versammelten als in den anderen Moscheen üblich. Freitagsmoscheen wurden bisweilen auch besonders prachtvoll ausge- staltet. Doch genügte, wenn etwa ein Landstrich erobert worden war, auch ein abgestecktes Viereck, um dort das Ritualgebet zu verrichten. Am Freitag wird das Gemeinschaftsgebet durch eine Predigt ergänzt. Rechts neben der Gebetsnische(mihrab) steht eine Kanzel (minbar), von der aus der Chatib, der Prediger, zur Gemeinde spricht. Der Inhalt der Freitagspredigten wird entweder frei gestaltet, oder er wird - je nach Land - vorgegeben. In Ägypten obliegt es der als Autorität geltenden Theologenschule Al Azhar, Richtlinien für die Freitags- predigten herauszugeben, nicht zuletzt, um radikale Tendenzen zu unterbinden. Auch in der Türkei gibt das Diyanet, das „Religionsministerium", das für die Vorbeter und die Moscheen im Lande zuständig ist, solche Leitfäden heraus. Als Inhalt wählt sich der Prediger oft eine Koranstelle aus, die er erläutert, doch sind auch politische Inhalte nicht selten. Oder eine theologische Predigt geht unversehens ins Gesellschaftspolitische oder Politische über. Heute werden Freitagspredigten oft über Lautsprecher ins Freie übertragen, zumal in Ägypten sind die Moscheen freitags so voll, dass der Rest der Beter im Freien den Ritus verrichten muss. In Kairo sind dann ganze Straßenzüge abgesperrt. Neben dem Fasten im Ramadan, das ebenfalls zu den fünf Pfeilern des Glaubens gehört, macht das Ritualgebet am besten deutlich, dass dem Islam Orthopraxie häufig mehr bedeutet als Orthodoxie. Der Islam ist vor allem eine religiöse Praxis. Als der Prophet Mohammed in Mekka zu wirken begann, fiel er - neben seinen Predigten - seinen Landsleuten vor allem dadurch auf, dass er mit seinen Anhängern rituelle Bewegungen vollzog, die ihnen fremdartig erschienen. Immer war dem Gemeinschaftsgebet der Muslime auch eine politische Bedeutung inhärent. Kam ein neuer Herrscher auf den Thron, legal, durch Umsturz oder Eroberung, galt seine Souveränität - neben dem Prägen von Münzen - erst dann als anerkannt, wenn das Gebet und Predigt in seinem Namen vollzogen wurden. Immer auch waren Moscheen Orte politischen Widerstandes, wenn Muslime gegen Herrschaft aufbegehrten, die sie für illegitim hielten. Unter den Teilnehmern an den Freitagsgebeten in Kairo dürften viele die gegen Mubarak gerichtete Tradition als ganz natürlich empfunden haben. FAZ110212WolfgangGünterLerch
„Terrorismus ist eine perverse Entscheidung“

Foto: Papst Benedikt XVI. begrüßt den Vorsitzenden der Muslime in Deutschland Elyas Nadeem. „Die Attentäter wollen unsere Beziehungen vergiften”. Im Wortlaut die Ansprache Benedikts XVI. bei der Audienz für Vertreter einiger muslimischer Gemeinschaften in Köln
Liebe muslimische Freunde! Es bereitet mir große Freude, Sie zu empfangen und herzlich zu begrüßen. Ich bin hier, um die Jugendlichen zu treffen, die aus allen Teilen Europas und der Welt gekommen sind. Die Jugendlichen sind die Zukunft der Menschheit und die Hoffnung der Nationen. Mein geliebter Vorgänger, Papst Johannes Paul II., sagte einmal zu den jungen Muslimen, die im Stadion von Casablanca (Marokko) versammelt waren: „Die Jugendlichen können eine bessere Zukunft bauen, wenn sie sich vor allem im Glauben auf Gott ausrichten und sich dann bemühen, diese neue Welt nach dem Plan Gottes zu errichten, mit Weis- heit und Vertrauen”. Aus dieser Blickrichtung wende ich mich an Sie, hebe muslimische Freunde, um mit Ihnen meine Hoffnungen zu teilen und Sie in diesen besonders schwierigen Zeiten unserer aktuellen Geschichte auch an meinen Sorgen teilhaben zu lassen. Ich bin sicher, auch Ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen, wenn ich unter allen Sorgen diejenige hervorhebe, die aus dem sich immer weiter ausbreitenden Phänomen des Terrorismus entspringt. In ver- schiedenen Teilen der Welt wiederholen sich fortlaufend terroristische Aktionen, die Tod und Zerstörung verbreiten und viele unserer Brüder und Schwestern in Kummer und Verzweiflung stürzen. Die Ersinner und Planer dieser Attentate zeigen, dass sie unsere Beziehungen vergiften wollen. Sie bedienen sich aller Mittel, sogar der Religion, um jedem Bemühen um ein friedliches, loyales und entspanntes Zusammen- leben entgegenzuwirken. Der Terrorismus, welcher Herkunft er auch sei, ist eine perverse und grausame Entscheidung, die das unantastbare Recht auf Leben mit Füßen tritt und die Fundamente jedes ge- ordneten Zusammenlebens untergräbt. Wenn es uns gemeinsam gelingt, das Hassgefühl aus den Herzen auszurotten, uns gegen jede Form von Intoleranz zu verwahren und uns jeder Manifestation von Gewalt zu widersetzen, dann werden wir die Welle des grausamen Fanatismus aufhalten, die das Leben so vieler Menschen aufs Spiel setzt und den Fortschritt des Friedens in der Welt behindert. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht unmöglich. Der gläubige Mensch weiß nämlich, dass er sich trotz der eigenen Schwäche auf die geistige Kraft des Gebetes verlassen kann. Liebe Freunde, ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir, ohne dem negativen Druck der Umgebung zu weichen, die Werte der gegenseitigen Achtung, der Solidarität und des Friedens bekräftigen müssen. Das Leben jedes Menschen ist heilig, für die Christen wie auch für die Muslime. Wir haben ein großes Aktionsfeld, in dem wir uns im Dienst an den moralischen Grundwerten vereint fühlen können. Die Würde der Person und die Verteidigung der Rechte, die sich aus dieser Würde ergeben, muss Ziel und Zweck jedes sozialen Planes und jedes Bemühens zu dessen Durchsetzung sein. Das ist eine Botschaft, welche die leise, aber deutliche Stimme des Gewissens in unverwechselbarer Weise skandiert. Es ist eine Bot- schaft, die man hören und zu Gehör bringen muss: Würde ihr Widerhall in den Herzen verstummen, wäre die Welt der Finsternis einer neuen Barbarei ausgesetzt. Nur über die Anerkennung der Zentralität der Person kann man eine gemeinsame Verständigungs-Grundlage finden, eventuelle kulturelle Gegensätze überwinden und die explosive Kraft der Ideologien neutralisieren. In der Begegnung, die ich im April mit den Delegierten der Kirchen und kirchlichen Vereinigungen und mit den Vertretern verschiedener religiöser Traditionen hatte, habe ich gesagt: „Ich versichere Ihnen, dass die Kirche fortfahren will, Brücken der Freundschaft mit den Anhängern aller Religionen zu bauen, mit dem Ziel, das echte Wohl jedes Menschen und der Gesellschaft im Ganzen zu suchen“. Die Erfahrung der Vergangenheit lehrt uns, dass sich die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen nicht immer durch gegenseitige Achtung und durch Verständnis ausgezeichnet haben. Wie viele Seiten der Geschichte ver- zeichnen Schlachten und Kriege, die auf der einen wie auf der anderen Seite unter Anrufung des Namens Gottes begonnen wurden, als ob die Bekämpfung des Feindes und die Tötung des Gegners etwas sein könnte, das ihm gefällt! Die Erinnerung an diese traurigen Ereignisse müsste uns mit Scham erfüllen, denn wir wissen sehr wohl, was für Grausamkeiten im Namen der Religion begangen worden sind. Die Lektionen der Vergangenheit müssen uns davor bewahren, die gleichen Fehler zu wiederholen. Wir wollen die Wege der Versöhnung suchen und lernen, so zu leben, dass jeder die Identität des anderen respek- tiert. Die Verteidigung der Religionsfreiheit ist in diesem Sinne ein ständiger Imperativ, und die Ächtung der Minderheiten ein unanfechtbares Zeichen wahrer Zivilisation. In diesem Zusammenhang ist es immer angebracht, an das zu erinnern, was die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils in Bezug auf die Beziehungen zu den Muslimen gesagt haben: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie bemühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen” Nostra aetate, 3. Sie, verehrte Freunde, vertreten einige muslimische Gemeinschaften, die in diesem Land existieren, in dem ich geboren bin, studiert und einen Gutteil meines Lebens verbracht habe. Gerade darum war es mein Wunsch, Sie zu treffen. Sie führen die Gläubigen des Islam und erziehen sie im muslimischen Glauben. Die Lehre ist das Mittel zur Weitergabe von Vorstellungen und Überzeugungen. Das Wort ist der Hauptweg in der Erziehung des Geistes. Sie tragen deshalb eine große Verantwortung in der Erziehung der nachwachsenden Generationen. Gemeinsam müssen wir - Christen und Muslime - uns den zahlreichen Herausforderungen stellen, die unsere Zeit uns aufgibt. Für Apathie und Untätigkeit ist kein Platz, und noch weniger für Parteilichkeit und Sektentum. Wir dürfen der Angst und dem Pessimismus keinen Raum geben. Wir müssen vielmehr Optimismus und Hoffnung pflegen. Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saison- entscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt. Die Jugendlichen aus vielen Teilen der Erde sind hier in Köln als lebendige Zeugen für Solidarität, Brüderlichkeit und Liebe. Ich wünsche Ihnen, liebe muslimische Freunde, von ganzem Herzen, dass der barmherzige und mitleidige Gott Sie beschütze, Sie segne und Sie immer erleuchte. Der Gott des Friedens erhebe unsere Herzen, nähre unsere Hoffnung und leite unsere Schritte auf den Straßen der Welt. DTkna050823
Pressemitteilung des Islamisch-Katholischen Verbindungskomitees
Das Islamisch-Katholische Verbindungskomitee veranstaltete sein 9. Treffen im Vatikan. Leiter der ka- tholischen Delegation war Erzbischof Michael L. Fitzgerald, Präsident des Päpstlichen Rates für den inter- religiösen Dialog, die islamische Delegation wurde von Prof. Dr. Hamid bin Ahmad Al-Rifaie, dem Präsi- denten des Internationalen Islamischen Forums für den Dialog »Jiddah«, angeführt. Das Treffen stand unter dem Thema: »Menschenwürde und Menschenrechte in bewaffneten Auseinandersetzungen.« Das Thema wurde aus religiöser Sicht behandelt, gemäß den Lehren unserer beiden Religionen. Es folgte ein Gedankenaustausch über christlich-moslemische Beziehungen im Hinblick auf verschie- dene aktuelle Probleme. Beide Seiten stimmten bezüglich folgender Punkte überein: 1. Da wir, Christen und Muslime, an einen Gott glauben, erkennen wir an, dass »Friede« ein Name Gottes und die Menschenwürde ein Geschenk des allmächtigen Gottes ist. Daher rufen wir zum un- ermüdlichen Gebet für den Frieden auf und bekräftigen, dass Gerechtigkeit und Frieden die Grundlage der wechselseitigen Beziehungen und Handlungen zwischen den Menschen ist. 2. Wir rufen auf zur sofortigen Einstellung aller Konflikte und jeder Art von Angriffen gegen die Sicher- heit und Stabilität der Völker. Wir bekräftigen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, damit das menschliche Leben, vor allem das von unschuldigen Menschen, von Kindern und Frauen, von Alten und Behinderten, geschützt werde. 3. Wir fordern die volle Achtung der Menschenrechte sowie der Rechte der Zivilbevölkerung und der Gefangenen in bewaffneten Auseinandersetzungen. Ferner darf niemandem der Zugang zu Wasser, Nahrung, Medikamenten und medizinischer Betreuung verwehrt werden. Auch rufen wir auf zur Erhaltung der Infrastruktur, des Privatbesitzes, von Häusern, Bäumen, Tieren und allem, was für das Leben un- erlässlich ist. Dieser Appell gründet auf den gemeinsamen religiösen Werten und der Notwendigkeit, internationale Abkommen einzuhalten. 4. Wir rufen dazu auf, den heiligen Charakter der Kultstätten zu achten, sie in Kriegs- wie in Friedens- zeiten zu schützen und das Recht auf Gottesverehrung zu gewährleisten. 5. Wir bekräftigen das Recht auf Religionsfreiheit und auf die Ausübung unserer Religionen ent- sprechend ihren jeweiligen Besonderheiten. 6. Wir sind überzeugt, dass Gewalt weitere Gewalt hervorbringt und dass dieser Teufelskreis durch- brochen werden muss. Wir erklären, dass der Dialog der beste Weg ist, um gegen Konflikte und Kriege vorzugehen und Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen und den Gesellschaften zu verwirklichen. Daher befürworten wir die Entwicklung einer Kultur des Dialogs. Vatikanstadt: Erzbischof Michael L. Fitzgerald, Leiter der katholischen Delegation; Prof. Dr. Hamid bin Ahmad Al-Rifaie Leiter der islamischen Delegation. L’OsservatoreRomano040305
Papst Johannes Paul II.
Ansprache von Papst Johannes Paul II. an “die lieben muslimischen Freunde” beim Besuch der Omaijadenmoschee in Damaskus am 6. Mai 2001
„Es ist meine sehnliche Hoffnung, dass die muslimischen und christlichen Religionsführer und Lehrer unsere beiden großen Gemeinschaften als Gemeinschaften in respektvollem Dialog darstellen und niemals mehr als im Konflikt stehende Gemeinschaften. ... Mein tiefer Wunsch ist, dass unser heutiges Treffen in der Omaijadenmoschee unsere Entschlossenheit zur Weiterentwicklung der interreligiösen Dialogs zwischen der katholischen Kirche und dem Islam zum Ausdruck bringen wird. Dieser Dialog hat in den letzten Jahrzehnten an Dynamik zugenommen, und heute dürfen wir dankbar sein für den Weg, den wir bisher gemeinsam zurückgelegt haben ... Es ist wichtig, dass Muslime und Christen auch in Zukunft gemeinsam philosophische und theologische Fragestellungen erforschen, um eine objektivere und vollständigere Kenntnis des Glaubens der anderen Seite zu bekommen .... Mögen sich die Herzen von Christen und Muslimen mit Empfindungen der Brüderlichkeit und Freundschaft einander zuwenden, damit uns der Allmächtige mit dem Frieden segnet, den allein der Himmel geben kann. Dem einen, erbarmungsvollen Gott sei allezeit Preis und Ehre. Amen.”
Die neue (islamische) Weltunterordnung. In Vorbereitung mit einem Kulturdialog in Europa, wie ihn der Islam versteht: An Kairos Al-Azhar-Universität erfährt man die Zukunftspläne der arabischen Welt
Dr. Sayyed Fataliah betritt die Fakultät der Islamwissenschaften in deutscher Sprache an diesem Morgen gut gelaunt. Der studierte Germanist lehrt an der ältesten islamischen Hochschule, der Al-Azhar- Universität in Kairo. Seine Dissertation hat er über Anna Seghers geschrieben. Die Studenten warten bereits auf ihn. Später wird er den Fachbereichsleiter treffen, Professor Muhammad Mansour. Er greift sich im Vorbeigehen das neueste Buch seines Chefs, „Einführung in die Koranwissenschaft”, das noch halbverpackt in Kisten auf dem Gang auf die Verteilung an die Studenten wartet. Es wird ein guter Tag für die Fakultät werden. Mit der historisch-kritischen Methode, die er sich beim Studium der Literatur- wissenschaft in Europa angeeignet hat, arbeiten hier an der Al-Azhar weder er noch sein Chef, Profes- sor Mansour, wenn es um ihre heilige Schrift, den Koran, geht. „Das ist Gottes eigenes Wort; das wird von Muslimen auf der ganzen Welt auswendig gelernt. Daran gibt es keine Kritik”, sagt Fataliah. Einen Augenblick später erklärt er, dass das Neue Testament der Christen voller Fehler sei, man könne dies einfach an mehreren Beispielen mit philologischen Methoden nachweisen. „Das habe ich selbst schon getan.” Im Glauben der Muslime ist der Koran Gottes selbstgesprochenes Wort, mit dem er den Erzengel Gabriel in der Nacht zu Muhammad herabgesandt hat. Die Vorstellung der Verbalinspiration des Korantextes steckt die Grenzen der islamischen Theologie ab und gibt den Rahmen vor, innerhalb dessen Dialog möglich ist, zumindest sieht man das im arabischsprachigen islamischen Kulturraum so, zu dessen anerkanntesten Autoritäten die Al-Azhar-Universität gehört. Für Muhammad Fatallah und seine Kollegen ist der Koran als Textganzes auf die Erde herabgesandt worden. Der Autor des Textes ist Gott. Islamische Kollegen, die den Koran als Textedition sehen, in der man Entwicklungsstufen und literarische Eingriffe nachweisen kann, beäugt er mehr als skeptisch. „Das einzigartige am Koran ist, dass er in arabischer Sprache herabgesandt wird in einer Zeit, als es diese Sprache als feste Größe noch gar nicht gibt. Das beweist, dass der Koran von Allah stammt.” Die Worte, die Gott zu Muhammad spricht, sind in arabischer Sprache. Schon zu Lebzeiten von Muham- mad mussten die neuen Gläubigen in den unterworfenen Gebieten Nordafrikas Arabisch lernen; der Islami- sierung ging immer eine Arabisierung voraus. In Ägypten, dem Mutterland der Al-Azhar-Universität, wurde nach der Eroberung in den Jahren 639 bis 641 Stück um Stück eine Transformation der Ge- sellschaft und der Kultur vorbereitet, an deren Ende die arabische Sprache das Koptische per Dekret abgelöst hat. Damit verbunden war eine Auslöschung des christlichen Glaubens, der das Land fast sieben Jahrhunderte lang geprägt hat. Das Koptische hat bis heute fast ausschließlich als die Sprache der ältesten christlichen Kirche der Welt, in der Liturgie der Kopten, überlebt. Kein Schulbuch im Land be- richtet über die christliche Kultur, die es in Ägypten und ganz Nordafrika vor der Eroberung durch die Araber gegeben hat. Der Fachbereich von Fatallah ist auf einer Etage der Sprachfakultät der Al-Azhar- Universität untergebracht. Ein Raum, in dem drei Schreibtische für die Professoren stehen, ein Telefon- anschluss, ein Sekretariat, der Raum für die Assistenten und einige Unterrichtssäle. Der Arbeitsplatz von Fachbereichsleiter Mansour ist der Tisch in der Mitte des Professorenzimmers. Gut gelaunt und geduldig hört der graumelierte Mann hier täglich die Bitten seiner Studenten an. „Die Studenten hier werden vor- bereitet auf den Kulturdialog in Europa”, sagt er. Das bedeutet in seinen Augen, den „wahren Islam” in den christlichen Ländern bekannt zu machen. „Wer den wahren Islam kennt, der wird dann viel leichter Muslim.“ Prediger werden hier ausgebildet, die in Europa missionieren sollen. „Wir haben hier in einem Kurs die Schulbücher Österreichs untersucht”, sagt Professor Mansour. „Es waren unzählige Fehler in der Darstellung über den Islam darin - in jedem!” sagt Mansour. Die Islamisierung Europas gilt nur noch als eine Frage der Zeit Prediger seines Fachbereichs sollen das richten, nicht nur in Österreich: In dem Gebäude, in dem seine deutsche Abteilung untergebracht ist, wird auch auf englisch, französisch, spanisch und chinesisch unterrichtet. Wenn der „wahre Islam” in Europa bekannt ist, ist die Islamisierung des Kontinents nur noch eine Frage der Zeit. Dabei vergessen arabische Enthusiasten gerne, dass der „wahre Islam” in jedem islamischen Land etwas anders bedeutet und eine hermeneutische Hegemonie nicht ohne Widerspruch behauptet werden kann. Über die Möglichkeiten und die Grenzen des Kulturdialogs mit den Nichtmuslimen machen sich die Lehrkräfte der Fachbereiche ihre Gedanken. „Man hat hier den Eindruck, dass der Westen den Dialog und die Themen vorgibt”, sagt Sayyed Fatallah, bevor er sich in die Lektüre der „Einführung in die Koranwissenschaft” vertieft. Zwanzig Kilometer entfernt von der islamischen Hochschule, im Zentrum der Siebzehn-Millionen- Metropole Kairo, liegt im Diplomatenviertel Zamalek auch die Vertretung des Papstes, die Apostolische Nuntiatur. Der Palazzo ist ganz im italienischen Stil des ottocento gehalten, an den Wänden finden sich ölfarbene Gemälde längst verstorbener Päpste. Der Nuntius, der Botschafter des Papstes, ist arabischer Herkunft, spricht die Sprache fließend. Von Rom aus ist er beauftragt, im Namen der Kirche Dialog zu suchen mit den Muslimen im Land, auch an der Al-Azhar. „Dialog bedeutet im Arabischen, dass man zu- sammenkommen muss, wenn etwas schiefgelaufen ist, wenn man gestritten hat und uneins ist. Es be- deutet nicht, wie in Europa, das Interesse am anderen, als Mensch, ein Interesse an seiner Kultur und seinen Vorstellungen”, sagt der Nuntius Marco Brogi. Der jüngste Entwicklungsbericht der Vereinten Na- tionen, den intellektuelle Muslime über ihren Kulturkreis geschrieben haben, scheint dies zu bestätigen. Bemängelt wird in dem im Oktober 2003 erschienenen Dokument an der arabischen Welt das Beharren auf Autoritäten, das Fehlen von Kreativität und gedanklicher Innovation. Ein Indikator für den desolaten Interessen- und Bildungszustand: Obwohl 284 Millionen Menschen arabisch und nur elf Millionen griechisch sprechen, so der Bericht, werden achtmal mehr Bücher pro Jahr in das Griechische übersetzt als in das Arabische. Sayyed Fattalah legt das Buch zur Seite. „Muhammad ist das Siegel der Propheten”, beginnt er eine theologische Ausführung.„Das bedeutet,dass alle Religionen und Kulturen dem Islam untergeordnet sind.” Schon der Koran wünscht, dass neben Kirchen und Synagogen Moscheen zu errichten sind, die die ande- ren Sakralbauten überragen sollen. „Allah uakbar” - Gott ist größer! -, ist fünfmal am Tag die Mahnung an die Andersgläubigen, sich ihrer Minderwertigkeit bewusst zu bleiben. Das Ansinnen etwa von Muslimen im bayerischen Freising, unter dem Zeichen der Toleranz auf dem Domberg neben der Kathedrale eine Moschee mit Minaretten zu bauen, von denen der Gebetsruf erschallen soll, wird in der arabischen Öffentlichkeit klar gesehen als Zeichen des Vormarschs des Islam. Dafür ist auch das Mittel der Täu- schung recht: „Wenn eure Gesetze es hergeben, dann überwinden wir eure Religion und Kultur mit diesen Gesetzen”, ist ein Tenor in der Öffentlichkeit. In Deutschland kennt man solche Sätze nur von zwielichtigen Gestalten wie dem so genannten Kalifen von Köln, hier in Ägypten ist diese Meinung en vogue. Toleranz ist hier ein Zeichen von Schwäche. Als im vergangenen November ein italienischer Richter entschied, in einem süditalienischen Dorf das Kreuz aus dem Klassenzimmer zu entfernen, titelten die Zeitungen in Ägypten: „Sieg! Das Kreuz fällt!” Einen Tag später wurde das Kreuz in Süd- italien wieder aufgehängt, an seinen alten Platz; die italienische Verfassung sieht nämlich ein Kruzifix in allen öffentlichen Räumen vor. Darüber berichteten die Zeitungen am Nil nichts mehr. Die Weisung des Koran, das „Haus des Islam” bis an die Grenzen der Erde auszuweiten, wird in der arabischen Welt immer noch als aktuelle Verpflichtung begriffen, entgegen allen anders klingenden Beteuerungen. In Ägypten bekommen die Christen ihre angebliche Minderheit plastisch zu spüren. Carlyle Murphy, Pulitzerpreisgewinner und einstiger Korrespondent für die „Washington Post” in der Region, berichtet von Christenverfolgungen und Morden, zum Beispiel im Jahr 1992 in Oberägypten. In seinem Buch „Passion for Islam” beschreibt er, wie Christen auf offener Straße und an ihren Arbeitsplätzen hingemetzelt wurden, weil sie die vom Koran vorgesehenen Tributzahlungen an die (im konkreten Falle selbsternannten) islamischen Herrscher nicht zahlen wollten oder konnten. „Das ist Gott sei Dank die Ausnahme”, betont der Apostolische Nuntius. „Aber man kann schon von dauerhafter Diskriminierung der Christen hier in Ägypten sprechen.” Der Nuntius verweist gleichzeitig auf die verzweifelte Lage aller Christen in der arabischen Welt, besonders im Heiligen Land. In Jerusalem bei der Apostolischen Delegation des Heiligen Stuhles weiß man genau, wovon Kollege Brogi in Kairo spricht. Botschaftssekretär Bert van Megen führt aus, dass die Christen immer wieder zum Spielball zwischen den Interessen von Muslimen und Juden werden. „In Betlehem sind vergangenes Jahr dreihundert christliche Familien ausgewandert, weil die muslimischen Palästinenser in ihre Häuser einge- drungen sind, von dort aus auf die Israelis geschossen haben. Darauf wurden die Häuser der Christen im Artilleriefeuer zerstört. Andere Muslime gehen auf die Grundstücke der Christen, beten dort und erheben dann Anspruch, das Territorium sei durch das Gebet islamisch geworden.” Der neue niederländische Bot- schafter sei bei seinem Antrittsbesuch von Arafat darauf hingewiesen worden, dass die Israelis in Naza- ret bei einem Gefecht auf die Mariensäule inmitten der Stadt geschossen und dabei der Skulptur der seligen Jungfrau erheblichen Schaden zugefügt hätten. „So wird versucht, christliche Emotionen zu wecken, mittels deren Einfluss auf den Verlauf des Nahostkonflikts genommen werden soll”, sagt van Megen. Juden und Christen sollen ihre heiligen Schriften gefälscht haben Muhammad Mansour sieht das anders: „Die christlichen Minderheiten sind gute Mitbürger und nette Mitmenschen. Sie werden ausgezeichnet behandelt.” Jetzt ist Mittag, Gebetszeit. Fatallah begibt sich in eine Ecke seines Raumes und betet. Die Assistenten der Fakultät beten jetzt auch in einem Zimmer nebenan. Da es nur einen Teppich gibt, fertigen sie aus den Kartons, in denen am Morgen noch die Bücher von Professor Mansour, die „Einführung in die Koranwissenschaft”, verpackt waren, weitere Unterlagen, um das Gebet kultisch korrekt vollziehen zu können. Wenn sich die Assistenten in ihrem Raum nach Mekka wenden, schauen sie auf ein Bücherregal, meist Grammatik- und Wörterbücher der deutschen Sprache. Das ist die Fachbereichsbibliothek. Werke über islamische Theologie finden sich am Fachbereich Islamwissenschaft in deutscher Sprache keine, dafür zwei Bibeln. „Die Juden und die Christen haben ihre heiligen Schriften gefälscht. Dafür gibt es den Begriff des “tharif” erklärt Fatallah nach dem Gebet. „Die Juden haben diese Fälschung mit Absicht vorgenom- men, die Christen aus Unwissenheit”, fährt er fort. „Die Wahrheit über die heiligen Schriften der Juden und der Christen kennen nur die Muslime, weil die Wahrheit über diese Religionen nur in unserem Koran steht.” Sayyed Fatallah hat diesbezüglich keine seltene Sondermeinung, sondern er gibt das wieder, was sich auch in vielen deutschsprachigen wissenschaftlichen Darstellungen des Islam findet. Diese Sicht auf den anderen hat erheblichen Einfluss auf die Möglichkeiten interkulturellen und interreligiösen Dialogs. Das weiß man auch in Rom in der Zentrale der katholischen Kirche. Von dort aus versucht der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil offiziellen Dialog mit allen Religionen und Geistesströmungen auf dem Globus zu unterhalten, auch mit der Al-Azhar-Universität in Kairo. „Der interreligiöse Dialog hat der katholischen Kirche sehr viel gebracht. Er öffnet unsere Augen für die wunderbaren Wege, auf denen Gott in die Herzen von jedem Menschen auf der Welt kommen kann”, sagt der Präsident des Rates, Erzbischof Michael Fitzgerald. „Mein Wunsch ist, dass Muslime das auch so zu sehen beginnen.” Ein gemeinsames Komitee von Vatikan und Al-Azhar wurde 1998 gegründet - von ägyptischer Seite auf Wunsch der Regierung. Man trifft sich einmal im Jahr, mal in Rom, mal in Kairo. Die Themen, über die gesprochen wird, legt weitgehend die Al-Azhar fest. „Als ich den Großen Scheich der Al-Azhar-Universität 1998 getroffen habe, sagte er mir sofort, dass er nicht über Theologie reden möchte”, berichtet Fitzgerald. Da man von islamischer Seite voraussetze, dass die christlichen und die jüdischen Schriften gefälscht sind, kann man auch nicht theologisch gleich- berechtigt in Kontakt treten.Der Koran berichtet beispielsweise, die Christen glaubten an drei Götter, den Vater-Gott, eine Mutter-Göttin (Maria), die zusammen durch physische geschlechtliche Zeugung den dritten Gott (Jesus) erzeugen. Diese Auffassung spiegelt nicht die christliche Lehre vom einen Gott in den drei Personen wieder. Gerne würde man von Rom aus über Themen wie diese reden, nicht zuletzt, um die Meinung über Christen in der arabischen Welt zu verändern. Dies scheitert im Falle Ägyptens an der Blockade der Al-Azhar. „Wir möchten aber trotz aller Schwierig- keit in Dialog bleiben, weil es gut ist, wenn man sich kennt und wenn man miteinander spricht”, sagt der Erzbischof. „Wir als Katholiken sagen mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, dass alle Religionen etwas von der Wahrheit und der Schönheit Gottes aussagen können. Wir sagen dies in unserem Glauben an Jesus Christus, der sich in Liebe allen Menschen zugewandt hat. Er ist die Fülle dessen, was der Mensch über Gott wissen kann.” In Islam und Christentum treffen zwei konträre Offenbarungsvorstellungen aufeinander. Für die Mus- lime offenbart sich Gott in seinem eigenen, gesprochenen Wort in arabischer Sprache. Deshalb kann man den Koran nicht übersetzen, sondern nur in andere Sprachen übertragen. Die Menschen müssen sich hier diesem Wort zuwenden, es erlernen, studieren und befolgen. Die Antwort des Menschen ist hier der Gehorsam. Für die Christen offenbart sich Gott in Jesus Christus; er ist der „logos”, das Wort, das in die Welt kommt. Gott wendet sich hier dem Menschen zu aus Gnade und Liebe. Die Antwort auf diese Zuwendung ist der Glaube. Das Neue Testament berichtet über Jesus und ist somit nicht die Offen- barung selbst, sondern die Schrift über die Offenbarung. Das Christentum ist anders als der Islam keine Buch-, sondern eine Offenbarungsreligion. Das Neue Testament kann man mit dem ihm innewohnenden Selbstverständnis in alle Sprachen übersetzen, den Koran nicht. In der arabischen Welt, auch in Kreisen der Al-Azhar, führt diese Annahme zu folgender Konsequenz: Wenn Gott in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort den Koran, die “Rechtleitung”, wie er genannt wird, herabsendet, dann ist die Gesellschaft zu jener Zeit so, wie Gott sich die Welt wünscht. Die Kodifizierung jedes Aspektes des menschlichen Lebens, wie sie der Koran leistet, macht eine Abstrahierung oder eine Weiterentwicklung des Textes unmöglich, denn Gottes Wort ist perfekt und kann nicht durch menschliche Modifikation verfeinert oder übertroffen werden. Die islamische Gesellschaft soll sich so nicht fort-, sondern zurückentwickeln, so wie sie zur Zeit des Propheten war. Von einer skurrilen Frucht dieses Verständnisses berichtet der Assistent des Nuntius in Kairo, Jean-Marie Speich: „In den ägyptischen Medien wird bisweilen gesagt, dass Auto und Fernseher von Muslimen erfunden worden seien. Würde die Mehrzahl der Muslime hier wissen, dass Christen diese Dinge erfun- den haben, würden sie die Benutzung ablehnen.” Einen neuen Kreuzzug sehen die Muslime auf sich zurollen Gemeinsame Erklärungen von Vatikan und Al-Azhar gibt es zu dringenden Fragen politischer Art, etwa nach dem 11. September 2001, während des Balkan-Krieges und zur Lage der palästinensischen Flücht- linge. Hier scheint es von seiten der Al-Azhar-Universität eine zweifache Sprachregelung zu geben. In der gemeinsamen Erklärung nach dem 11. September wird Gewalt und Terrorismus im Namen der Religion als falsch gebrandmarkt, wenige Wochen später bekennt der Oberste Scheich der Universität, Sayyed Tantawi, Selbstmordattentate prinzipiell für gut. Im Zusammenhang mit dem letzten Irak-Krieg wurde von Seiten der Al-Azhar von einem „neuen Kreuzzug” gegen die Muslime gesprochen. Der Heilige Stuhl hat daraufhin Einspruch erhoben. Nach einer beruhigenden Stellungnahme von seiten der Al-Azhar, die Wo- gen glätten sollte, stand der Begriff Kreuzfahrer wenige Tage später wieder in den Blättern des Landes. Scheich Tantawi, der oberste Schirmherr des Komitees für den Dialog mit den monotheistischen Religionen, hat noch in einer Predigt im April 2002 die Juden „als Feinde Gottes und Abkömmlinge von Schweinen und Affen” bezeichnet. Schon die Doktorarbeit des Höchsten Geistlichen des Landes aus den späten sechziger Jahren widmete sich den „Kindern Israels” und ihrem vermeintlichen Anspruch auf das Heilige Land. Wie ernsthaft unter diesen Vorbedingungen Dialog, Verständigung mit Menschen anderer Religion und Herkunft betrieben werden kann, bleibt offen. Die Gelehrten der Al-Azhar-Universität jeden- falls sind keine Freunde des Dialogs mit den Christen und den Juden. Von Seiten der Regierung werden die Kleriker für die Moscheen ernannt, was Unmut im Land hervorruft. Immer mehr „illegale” Gebetsstätten entstehen in Ägypten in Seitenstraßen, Kellern und Hinterhöfen. Wären morgen Wahlen, würden die moderaten Islamisten gewinnen, würde die Scharia als Gesetz eingeführt. Unterstützen denn die Gelehrten der Al-Azhar das säkulare politische System? Professor Mansour hebt die Augenbrauen und lächelt. „Nein”, sagt er. Nach einer Pause ergänzt er: „Glaube ich.” Mansour und Fatallah sitzen am späten Nachmittag zusammen im großen Zimmer des Fachbereichs. Die Studenten sind nach Hause gegangen, im Nebenzimmer erledigen die Assistenten ihre Aufgaben. An den Wänden hängen gerahmte Poster von Neuschwanstein, dem Hamburger Hafen und der Wartburg. Die beiden werden gleich aufbrechen, um einer Gruppe von Frauen, die am normalen Unterrichtsleben der Fakultät auf Grund ihres Geschlechts nicht teilnehmen können, in privaten Abendstunden die Kultur und Religion Europas nahe zu bringen. Alle diese Frauen sprechen deutsch, sie haben auf einer der drei deutschen kirchlichen Schulen in Kairo ihren Schulabschluss gemacht. Die beiden Dozenten lesen die Einleitung des neuen Buches von Professor Mansour.„Möge Allah mit dieser meiner Arbeit zufrieden sein”, heißt es da. Das Werk von Mansour ist mehr eine Apologie des Koran als eine Einführung in das literarische Wesen des Buches. Die Anwendung historisch-kritischer Methoden war eben von vorn- herein nicht intendiert. „Wenn die Europäer den Koran verstehen, wenn sie die Feinheit der arabischen Sprache sehen, müssen sie doch glauben, dass das Hinterfragen des Textes ohne Belang ist.” Daraufhin ist das Buch angelegt. Darin sind die beiden Männer sich einig. AlexanderGoerlach/FAZ040515
Jesuitenpater Christian Troll
Warum Christen die berechtigten Anliegen der Muslime unterstützen sollten
Die Herausforderungen und Chancen, die sich aus der gewachsenen Präsenz des Islam in Europa er- geben, skizzierte der Islam-Kenner Pater Christian Troll Professor für Islam und christlich-muslimische Begegnung an der Hochschule Frankfurt St.Georgen. Der Jesuit ist Islam-Experte und Mitglied des Päpst- lichen Rates für den Interreligiösen Dialog. Innerhalb weniger Jahrzehnte seien die Muslime - die heute in der Europäischen Union 15 Millionen zählen - zur zweitstärksten Religionsgemeinschaft in Europa geworden, so der Referent. Durch diese neue Präsenz der Muslime in Europa seien Christen gerufen, nach den Maßgaben der Gerechtigkeit und mit dem Bemühen um Verstehen mit den muslimischen Mitbürgern zu leben, meinte Troll. Christen müssten sich fragen, ob sie genug dafür tun, dass Muslime in der Gesellschaft aufgenommen werden, ob ihnen „ehrlich, effektiv und kreativ” geholfen werde, den ihnen zukommenden Platz in der pluralistischen Gesellschaft einzunehmen. Die Christen sollten die von der Verfassung her gerechtfertigten Anliegen der Muslime unterstützen, sagte Troll und nannte als Beispiele den Moscheebau, den islamischen Religions- unterricht und spezielle Vorschriften bei Speisen und bei der Bestattung. „Die meisten Muslime wollen in Frieden und Freiheit leben. In der heutigen, angespannten Situation ist es aber nicht leicht, die Mehrheitsbevölkerung davon zu überzeugen.” Christen sollten sich deshalb nicht mit einem „vagen Gefühl des Missbehagens” begnügen, sondern sich differenziert mit dem Islam, mit seinen unterschiedlichen Richtungen und den muslimischen Organisationen auseinandersetzen. Man müsse auch „der Versuchung widerstehen, den Islam zu schnell als eine den christlichen Kirchen ver- gleichbare Größe zu sehen”. Die Einführung der Scharia, auch in Teilbereichen, bezeichnete Troll als „nicht akzeptabel". Im Dialog der an der Sinn- und Wahrheitsfrage orientiert ist gebe es durch die Wortwahl einen Schein der Gemeinsamkeit, der aber tiefgreifende Unterschiede verdecke. Etwa in Bezug auf die „Heilige Schrift": Während der Koran die 22 Jahre des öffentlichen Lebens Muhammads umspanne, sei die Bibel „eine ganze Bibliothek", entstanden in mehreren Jahrhunderten. Im Gottesbild betone der Islam - im Gegensatz zum Christentum - die Verborgenheit und absolute Transzendenz Gottes, der den Menschen seinen Willen, nicht aber sein Wesen offenbare. „Muslime verstehen sich nicht als Kinder, sondern als Diener Gottes”, fasste Troll den Unterschied zum christ- lichen Gottes- und Menschenbild zusammen. Im Gegensatz zur Bibel kenne der Koran auch nicht die Abgrundtiefe der Sünde, lehne die Erbsünde ab. Nach islamischer Lehre sei Gott selbst durch die Sünden der Menschen nicht zu treffen. Der Mensch sei stets in der Lage, Gottes Willen zu tun. Durch die Sünde schade sich der Mensch selbst, könne dies aber durch gute Taten ausgleichen. DTStephanBaier080906gekürzt.VollständigesInterview >www.die-tagespost.de
Vom Islam zum Christentum übergetreten
35.000 Türken sollen in der Türkei im vergangenen Jahr vom Islam zum Christentum übergetreten sein, die meisten von ihnen zu evangelischen Gemeinden. Das berichtete die türkische Zeitung „Milliet” (Nationalzeitung). Dabei habe es sich weitgehend um Personen gehandelt, die dem Islam entfremdet gewesen seien. Wie dazu protestantische Kreise in Istanbul erklärten, handele es sich meist um Nachkommen einstiger orthodoxer Christen, etwa Armenier und Griechen. Diese konnten Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts dem Völkermord an den armenischen Christen oder der Vertreibung nur entgehen, wenn sie - zumindest äußerlich - Muslime wurden. Die evangelischen Christen der Türkei zogen damals den Verlust ihrer Heimat einer Preisgabe ihres Glaubens vor. Sie wurden mehrheitlich nach Griechenland, Zypern, dem Libanon und dem Irak deportiert. Dadurch schrumpfte der Bevölkerungsanteil der Christen von zwanzig Prozent auf heute 0,3 Prozent. Die nach Schätzungen fast eine Million Menschen meist armenischer oder griechischer Herkunft wagen sich angesichts der Beitrittsbestrebungen zur Europäischen Union wieder mehr an die Öffentlichkeit. Die meisten sind jedoch den Kirchen ihrer Vorväter sprachlich und kulturell entfremdet. Sie schließen sich bevorzugt evangelischen Gemeinden an, die die christliche Botschaft in türkischer Sprache verkündigen. Der Zeitung “Milliet” zufolge liegt die Zahl der evangelischen Türken bei fünfzigtausend Personen. Der Präsident des Rates unabhängiger protestantischer Gemeinden, Ihsan Özbek, reagierte darauf mit Zurückhaltung. Er bestätigte eine zunehmende Hinwendung zum Christentum. Genaue Zahlen ließen sich aber schwer ermitteln. „Die meisten Türken, die in unsere Gemeinden kommen, wollen in in ihrer islamischen Umgebung nicht auffallen.” DT040127
Kampf der Kulturen. Die Deutschen sehen mit zusammengebissenen Zähnen der Bedrohung entgegen. Prof. Dr. Elisabeth Noelle-Neumann. FAZ040915
Den Islam empfinden die Deutschen als fremd und bedrohlich. Dies zeigt das Ergebnis einer Frage nach den Assoziationen, die das Wort „Islam” bei den Befragten hervorruft. Ganz an der Spitze der Aussagen stehen „Unterdrückung der Frau” (93 Prozent), „Terror” (83 Prozent), „fanatisch, radikal” (82 Prozent), „rückwärtsgewandt” (66 Prozent). Die ersten positiven Assoziationen erscheinen, von weniger als der Hälfte der Bevölkerung genannt, an sechster und siebter Stelle: „Gastfreundschaft” (45 Prozent), „bedeutende kulturelle Leistungen” (39 Prozent). Von der Faszination, die der Orient jahrhundertelang auf den Westen ausübte und die sich in Kunst, Literatur und Architektur des Abendlandes niederschlug, von den gotischen Kathedralen bis zur Dresdner Tabakmoschee, ist wenig geblieben. Ganze 16 Prozent der Deutschen sagen heute noch, man könne beim Stichwort „Islam” an „faszinierend” denken. Ganz am Schluss der Liste, von 6 Prozent angeführt, erscheint schließlich die Assoziation „sympathisch”. Statt dessen prägt das unbestimmte Gefühl einer ständigen Bedrohung die Atmosphäre. 46 Prozent der Bevölkerung stimmen der Aussage zu: „Es leben ja so viele Muslime bei uns in Deutschland. Manchmal habe ich direkt Angst, ob darunter nicht auch viele Terroristen sind.” Und mehr als die Hälfte der Bevölkerung, 54 Prozent, erklärt, „durch die ständig lauernde Gefahr von Terrorangriffen hat sich das ganze Land” verändert. Man mag das für übertrieben halten, aber in international vergleichenden Erhebungen hat sich seit Jahrzehnten immer wieder gezeigt, dass die Deutschen zu besonders intensiven emotionalen Reaktionen neigen, und zwar sowohl die Westdeutschen wie die Ostdeutschen. So wird man auch einordnen, dass die Deutschen zu 46 Prozent erklären, man könne nach den Angriffen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington D.C. von einer Zeitenwende sprechen. Nur 37 Prozent widersprechen einer solchen Aussage. Dabei liegt es der Mehrheit nach wie vor fern, die Vereinigten Staaten für die Lage verantwortlich zu machen, trotz aller Irritation über die amerikanische Außenpolitik der letzten Jahre. Der These „Die Amerikaner sind selbst schuld, dass die Terroranschläge des 11. September auf sie verübt wurden” stimmt weniger als ein Drittel der Bevölkerung zu; Ver- schwörungstheorien, wonach die Anschläge vom amerikanischen Geheimdienst organisiert worden seien, um einen Vorwand für den Irak-Krieg zu bekommen, halten nur 18 Prozent für wahrscheinlich, 63 Prozent für unwahrscheinlich. So richten sich die Deutschen darauf ein, dass die Bedrohung durch den Islamismus sie auf nicht absehbare Zeit begleiten wird. Auf die Frage „Rechnen Sie damit, dass es in den nächsten ein oder zwei Jahren zu Terroranschlägen ähnlich denen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center kommen wird, oder rechnen Sie nicht damit?” antworten 51 Prozent der Deutschen „Ich rechne damit”, 29 Prozent „Rechne nicht damit”. Und die Frage „Glauben Sie, dass man den islamistischen Terrorismus in den nächsten Jahren in den Griff bekommen wird, oder glauben Sie das nicht?” beantworten 83 Prozent mit „Ich glaube das nicht“, nur 5 Prozent sagen: „Das schaffen wir”, der Rest bleibt unentschieden. Ein Ausweichen vor der Situation kommt dabei für die Mehrheit der Deutschen nicht in Frage. Der Aussage „Deutschland sollte sich möglichst aus dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus heraushalten, weil das für Deutschland am sichersten ist” stimmt nur eine Minderheit von 30 Prozent zu, 48 Prozent widersprechen ausdrücklich. Mit zusammengebissenen Zähnen sieht die Bevölkerung der Bedrohung entgegen. Eine Zeitenwende. Kein Zweifel.
Das aktuelle Buch Die Welt der Muslime: Peter Heines Einführung in die Islamwissenschaft
Diese Darstellung des Islams aus der Feder eines der bekanntesten deutschen Islamwissenschaftler kommt ganz wie ein Lehrbuch daher. Und genau dies soll sie auch sein. Peter Heine, Professor für Islam- wissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat mit seiner „Einführung in die Islamwissenschaft” ein gedrängtes und doch ausführliches „Studienbuch” vorgelegt, das Anfängern, aber auch am Stoff interessierten Laien reichlich Anregungen gibt. Es ist eine gut lesbare Einleitung in die „Islamstudien”, wie der Orientalist Carl Heinrich Becker das Fach in einem seiner Werke genannt hat. Auf etwas mehr als 200 Seiten behandelt Heine den Islam in enger Anlehnung an frühere For- schungen einerseits, moderne Strömungen und Entwicklungen andererseits. Jedem der vierzehn Kapitel ist eine Abbildung vorangestellt, die etwas Typisches zu dem dann vom Autor behandelten Thema aus- sagt. Das reicht vom einführenden Kapitel über die Geschichte der Islamwissenschaft (man sieht ein Gemälde eines französischen orientalisierenden Malers aus dem 19. Jahrhundert, das den „typischen Muslim” konterfeit, einen dunkelhaarigen Vollbartträger, mit dessen Erscheinung man sogleich Fanatismus und Gewalt assoziiert) bis zum letzten Kapitel über den christlich-islamischen Dialog: Dessen einführende Abbildung zeigt Papst Benedikt XVI. bei seinem historischen Besuch der Blauen Moschee in Istanbul im Jahre 2006 an der Seite des türkischen „Religionsministers” Bardakoglu. Alle Kapitel versuchen, die bis heute vorliegenden Erkenntnisse der Forschung in knapper Form zusam- menzufassen: Koran und Koranauslegung, Prophetentraditionen (Hadith), das islamische Scharia-Recht, Sunna und Schia (Orthodoxie und Heterodoxie), die Mystik (Sufitum, Neosufismus), die Alltagskultur der Muslime (dies ist ein besonders wichtiges Kapitel), das Bilderverbot, den Islam in Deutschland, die Stellung der Frau in der islamischen Gesellschaft, die islamische Stadt, die Muslimbrüder und ihre gesell- schaftspolitischen Ziele, den neuen Dschihad (hier sind Anknüpfungen zu Islamismus und Terrorismus) sowie, am Schluss, die Möglichkeiten eines Dialogs zwischen Christen und Muslimen. Alle Kapitel zeichnen gegen einseitige Harmonisierungen und Verteufelungen - ein differenziertes Bild der jeweiligen Thematik. Besonders aufschlussreich sind die Beschreibungen über Hintergründe, Entstehung, Entwicklung und Interpretation des Scharia-Rechts, einer Materie, über die nur wenige Spezialisten im Westen Bescheid wissen, da sie ungeheuer komplex ist und vielen die Beschäftigung mit orientalischer Literatur, Kunst oder Mystik mehr zu liegen scheint. Es wird deutlich, dass manche Ergebnisse, die so bedeutende Islamwissenschaftler wie Ignaz Goldziher (1850-1921) oder Joseph Schacht (1902-1969) in dieser Hinsicht ans Licht des Tages befördert haben, heute einer gewissen Revision bedürfen, ohne dass man sie über Bord zu werfen hätte. Heine, der erst unlängst mit „Der Islam, erschlossen und kommentiert” (Patmos Verlag, Düsseldorf 2007) ein umfang- reiches Werk vorgelegt hat, hat diesmal eine Art Vademecum publiziert, das trotz der vorgegebenen Kürze umfangreiche Verständnishilfen für eine Religion, die gleichzeitig eine der großen Weltkulturen geworden ist, anbietet. Jedem Kapitel sind einige Verständnisfragen angeschlossen, die dazu dienen sollen, das zuvor Gele- sene zu festigen, sowie weiterführende Literaturhinweise. Ein Servivceteil am Schluss enthält zusätz- liche bibliographische Hinweise und ein Glossar. In der Bibliographie verweist der Autor nicht nur auf klassische Werke der Islamwissenschaft, sondern berücksichtigt auch aktuelle Neuerscheinungen. Wer Peter Heines Buch gelesen hat, kann besser nachfühlen, worin die heutigen Kontroversen - bis hinein in die Politik - ihren Ursprung haben, auch innerhalb der islamischen Welt selbst, die heute ein zerrissenes Bild liefert. Auch die Auseinandersetzungen zwischen westlichen Wissenschaftlern, etwa auf dem Feld der Koranforschung, bleiben nicht unerwähnt. Gerade sie haben in jüngster Zeit auch in der islamischen Welt für ein gewisses Aufsehen gesorgt. FAZ081206WolfgangGünterLerch Peter Heine: Einführung in die Islam- wissenschaft, Akademie Studienbücher Kulturwissenschaften, Akademie-Verlag, Berlin 2008. 233 Seiten, 19,80 Euro
Rechtsdenken der Muslime und Rechtspraxis der Scharia. Christine Schirrmacher / Ursula Spuler- Stegemann: Frauen und die Scharia. Menschenrechte im Islam. Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag, München 2004. 254 Seiten, 19,95 €. AlexanderGörlachFAZ041012
Nur für Männer freizügig Die Scharia ist in Deutschland angekommen. Das islamische Familien-, Ehe- und Erbrecht wird von der Öffentlichkeit wahrgenommen, besonders, wenn von Ehrenmorden und Beschneidung von Frauen oder dem Kopftuchverbot die Rede ist. Diese Diskurse zeigen, dass besonders das Leben muslimischer Frauen von der Scharia bestimmt wird. Die beiden Islamwissenschaftlerinnen Christine Schirrmacher und Ursula Spuler-Stegemann legen eine grundlegende Einführung in das Rechtsdenken der Muslime und die Rechts- praxis der Scharia in der islamischen Welt vor. Dabei benennen sie sogar das islamische Engagement, in Europa Elemente der Scharia in das Alltagsleben zu integrieren. Die Scharia gilt in ihrem Wortlaut als von Gott erlassenes Gesetz. Und somit rücken die Autorinnen zurecht, dass es in der Diskussion mit der islamischen Welt niemals die Frage sein wird, ob die Scharia anzuwenden, sondern nur, wie sie anzuwenden ist. In der islamischen Welt gibt es kein Land, in dem die Scharia nicht zumindest eine, wenn nicht die wichtigste Quelle der Gesetzgebung ist. Diese Rechts- bestimmungen stammen aus dem Vorderen Orient des siebten Jahrhunderts nach Christus. Sie spiegeln die sozialen Verhältnisse und Gepflogenheiten der damaligen Zeit. In den bedeutenden islamischen Strömungen der Gegenwart wird diese Anfangszeit des Islam als glorreiche Zeit verklärt, in der die militärischen Siege Muhammads dem Islam Wachstum beschert haben. Die Scharia - so fasst Frau Schirrmacher im ersten Kapitel zusammen - wird auch heute „als Ideal für die gesamte Menschheit bis in die Moderne” verstanden. Die Autorinnen tragen zusammen, welche Bestimmungen des sozialen und rechtlichen Gefüges des Orient der Islam in sein Rechtssystem integriert und welche regionalen Ausprägungen beziehungsweise Modifikationen dieses arabische Rechtssystem in der islamischen Welt gefunden hat. Der Befund ist er- schütternd: Im Prozessrecht gilt die Aussage einer Frau nur halb soviel wie die eines Mannes. Im Falle einer Vergewaltigung müssen Frauen in Pakistan nachweisen, vergewaltigt worden zu sein. Generell trägt im Falle der Vergewaltigung die moralische Schuld für die Tat die Frau: Sie hat den Mann durch ihr Auf- treten gereizt. Ehrenmorde werden nicht nur in Pakistan begangen, wenn Frauen ungehörigen Umgang mit Männern haben - das bedeutet, wenn ein Mann in der Nähe einer Frau gesehen wird oder sie gar mit ihm spricht. Der „geregelten Vergewaltigung” von Frauen durch pakistanische Polizisten ist ein eigener Absatz gewidmet. In Bangladesh werden Frauen mit Säure Übergossen und entstellt, wenn ihre Männer glauben, dass sie sich gegen das Patriarchat des Staatsislam auflehnen. Überall an der Tagesordnung ist Gewalt gegen Frauen in der Ehe: In Sure 4,34 trägt Gott dem Mann gegenüber widerspenstigen Frauen auf: „Schlagt sie!”. Diese auch heute noch gültige göttliche Aufforderung führt so weit, dass noch 1987 der tunesi- sche Kassationsgerichtshof in einem Urteil bemerkte: „Schläge und leichte Verletzungen der Frau durch den Ehemann sind Teil der Natur eines normalen Ehelebens.” Im Punkt Polygamie zeigt sich der Islam nur für Männer freizügig. Muhammad selbst hatte zwischen 13 und 15 Ehefrauen, die Nebenfrauen nicht mitgerechnet. Die sechsjährige Aischa heiratet Muhammad im Alter von 50 Jahren, die Ehe vollzieht er mit ihr drei Jahre später. Nach Sure 33,50 nimmt sich Muhammad aber heraus, ein von Gott eigens zugestandenes Sonderrecht für diese Vielzahl an Frauen erhalten zu haben, so die Autorinnen. In der heutigen Praxis in islamischen Ländern wird die Zweitehe von muslimischen Männern an bestimmte Bedin- gungen geknüpft und häufig nur in ländlichen Gegenden praktiziert. Eine Entlassung aus der Ehe, die nur der Mann vornehmen kann, führt in der islamischen Welt die Frauen, die meist nicht lesen und schreiben können, in die soziale Katastrophe. Die Reihe der Beispiele, die illustrieren, wie unvereinbar die Scharia mit den westlichen Menschen- rechten ist, schreiben die beiden Autorinnen auf 254 Seiten scheinbar endlos fort. Sie haben eine intime Kenntnis der islamischen Welt, ihre Darstellung ist ausgewogen und nüchtern. In der Konsequenz bedeu- ten ihre Ausführungen, dass die Scharia nicht mit den Menschenrechten vereinbar ist. Vom Islam aus- gehend, wird in der Scharia eine Gesellschaftsordnung zementiert, in der die Menschen nach ihrer Reli- gion klassifiziert werden.Christen und Juden beispielsweise sind Menschen zweiter Klasse. Es ist nicht nur für Frauen schwer, unter der Scharia zu leben. Der Auseinandersetzung mit dem Scharia-Islam weichen Frau Schirrmacher und Frau Spuler-Stegemann nicht aus - sie ersparen sie auch dem Leser nicht.

Das Staats- und Gesellschaftsverständnis des Islams fußt auf dem Koran und dem sakralen Gesetz der Scharia. Alle Versuche, eine demokratische Ordnung von außen aufzuerlegen, sind an dieser unver- änderlichen Ordnung gescheitert. Und nur wenige Reformdenker bemühen sich um eine Neuinterpretation der religiösen Quellen, um den Islam mit den politischen Erfordernissen der Gegenwart in Einklang zu bringen.
Die Frage, ob und auf welche Weise islamische Länder demokratisiert werden können, wird wohl noch Generationen beschäftigen. Die jüngsten Wahlen in Ländern wie dem Irak, Ägypten und Palästina haben dort jenen Kräften die Mehrheit verschafft oder ihnen doch sichtbare Erfolge beschert, die den politi- schen Islam vertreten, wenngleich in unterschiedlichen Schattierungen. Bei den Muslimbrüdern in Ägyp- ten ist eine Tendenz „zur Mitte” zu beobachten, bei den siegreichen Schiiten im Irak scheint eine isla- mische Republik im strikten Sinne Ajatollah Chomeinis nicht erwünscht; am radikalsten gebärdet sich bis jetzt der palästinensische Wahlsieger, die Hamas. Der amerikanisch-britische Krieg im Irak hat dort das Regime gestürzt, Wahlen ermöglicht, aber noch keine wirkliche Demokratie etabliert. Das ist schon deshalb nicht möglich, weil die politischen Verhältnisse nicht stabil sind. Eine Demokratie nach westlichem Muster widerspräche aber auch der Auffassung vieler von der politischen Gestalt einer Gesellschaft, wie sie der Islam viele Jahrhunderte lang in das Bewusstsein der Menschen eingeprägt hat. Diese Prägungen sind in ihrer beharrenden Kraft nicht zu unterschätzen. Der Staat ist danach die Durchsetzung und Aufrechterhaltung der in Koran und Scharia geprägten „Ordnung Gottes“ in der Welt. Nur für kurze Zeit und angeregt durch Platons „Politeia”, kam der Gedanke eines „musterhaften Staatswesens”, einer Art islamischer Polis, durch den Philosophen al Farabi im 10. Jahrhundert in das islamische Denken; doch die Orthodoxie sortierte solche hellenisierenden Staats- utopien aus, um sich wieder am alten Modell zu orientieren. Was heißt Gerechtigkeit? Schon nach dem Tod des Propheten Mohammed stritten die Muslime über dessen Nachfolge. Dabei etablierten sich drei Richtungen. Die Partei Alis, die man Schiiten nennt, votierte für eine „spirituelle und leibliche Erbfolge von Imamen“, die sich über den Prophetenvetter Ali und dessen Frau Fatima auf Mohammed bezog. Die Gegenpartei wählte, bevor Ali im Jahre 656 nach Christus an die Macht kam, hintereinander drei Nachfolger des Propheten: Abu Bakr, Omar und Uthman. Die Abstammung vom Stamm der Quraisch, aus dem der Prophet gekommen war, galt als besonders wichtiges Kriterium. Seither begleitet es alle klassischen Kalifatstheorien. Die kleine Gruppe der Charidschiten hingegen, die heute wenig bedeutend ist, sprach sich für den frömmsten aller Muslime als Kalifen aus, „und sei es ein abbes- sinischer Sklave”. Zunächst entstand das Kalifat der Omajjaden von Damaskus, dann das der Abbasiden von Bagdad. Es war schon stark vom vorislamischen persischen Hofzeremoniell beeinflusst. Legitimiert war ein Herrscher, auch in den vielen anderen Dynastien und lokalen Herrschaften, die sich bald parallel herausbildeten, wenn die Freitagspredigt (chutba) in seinem Namen verlesen wurde und wenn man Münzen auf seinen Namen prägte. Hinzu kam die Bai’a, eine Art Treueid der Notabeln und religiösen Führer. Schon früh bildeten sich Ideen von einem „gerechten Herrscher” aus. Sie hatte es auch vor dem Ent- stehen des Islams gegeben, doch im Koran nimmt die Gerechtigkeit einen besonders wichtigen Platz ein. Gerechtigkeit wurde zunächst und vor allem daran gemessen, ob der Herrscher für eine reibungslose Praktizierung des religiösen Gesetzes sorgte, besonders seiner rituellen und rechtsförmigen Erfordernisse. War dies der Fall, drückten die Gelehrten schon mal ein Auge zu, wenn die Lebensführung des Herrschers selbst zu wünschen übrig ließ. In der Theorie konnte ein Herrscher sogar abgesetzt werden, was freilich nur selten vorkam. Gerecht war die Herrschaft auch dann, wenn der Staat die öffentliche Wohlfahrt förderte oder auch die Armen speiste, was mit Hilfe der Armensteuer und der Moscheekomplexe geschah, denen immer Hos- pitäler oder Armenküchen angeschlossen waren. Auch an der Besteuerung und ihrer Verwendung durch den Staatsschatz entschied sich, ob ein Herrscher als gerecht oder nicht angesehen werden konnte. Die reibungslose Gewährleistung der Scharia-Ordnung wurde zum Beispiel den Mongolen zum Problem, die im Jahre 1258 Bagdad zerstört und die Macht an sich gerissen hatten. Die Nomadenkrieger aus Mit- telasien hatten ein eigenes Rechtssystem, das mit der Scharia nichts gemein hatte. Sie konnten das Problem auf die Dauer nur dadurch lösen, dass mit dem Herrscher Ghazan Khan die ganze Dynastie, die zuvor dem Buddhismus oder Schamanismus gehuldigt hatte, zum Islam übertrat. Zu jener Zeit, da längst nicht mehr arabische Dynastien herrschten, sondern Türken, Perser und andere, entwickelte sich die Gattung des Fürstenspiegels, in dem die Eigenschaften des gerechten Herrschers dargelegt wurden. Das bedeutende „Siyasatname” des sunnitischen Wesirs Nizam al Mulk be- handelt die Talente eines Herrschers aus sunnitischer Sicht, ebenso wie das „Qabusname” und andere Werke dieser Art, in denen die Prinzipien der mittelalterlichen Feudalgesellschaft zu studieren sind. Der gerechte Herrscher hütet nach der Scharia und mit der Hilfe des Divans (Kabinetts) seine Herde (raya). Die vielleicht perfekteste Ausgestaltung des klassischen islamischen Staates bot das Osmanische Reich, das von 1299 bis 1923 bestand. Der Sultan herrschte im Verein mit dem Scheichülislam, dem höchsten Mufti des Reiches, über die muslimische und nichtmuslimische „raya” gemäß den Gesetzen der Scharia. Die Nichtmuslime genossen eine beträchtliche, doch eingeschränkte Autonomie. Die osmanische Herr- schaft zerbrach am Ende mehr durch den (von außen unterstützten) Druck, den die nichtmuslimischen, nationalistisch werdenden Untertanen des Sultans ausübten, als durch Aufstände der Muslime selbst, die es auch gab. Allerdings gingen sie meistens von heterodoxen schiitischen Sekten aus, die ganz andere Vorstellungen von Herrschaft hatten als die Sunna, etwa die Aufstände von Börklükce Mustafa und Torlak Kemal oder der Celali-Aufstand, die beide von alevitischen Kreisen ausgingen. Sie interpretierten Gerechtigkeit im Sinne einer kommunistischen Verteilungsgerechtigkeit, vor allem an Boden. Einen Umsturz ähnlich der Französischen Revolution freilich kennt die gesamte islamische Geschichte nicht. Immer waren es religiöse oder weltliche Eliten, die vorgaben, für das Volk zu rebellieren oder - in der Moderne - zu putschen.So wurde der Staatsstreich zum Modell des Umsturzes, nicht die Revolution. Die iranische Revolution wurde gewiss vom Volk getragen, doch den religiösen Führern ging es nicht pri- mär um die Regierung des Volkes durch das Volk selbst, sondern um die Erhaltung der religiösen Ordnung zwölfer-schiitischer Prägung, die durch die Modernisierung und drastische Verweltlichung unter dem Schah sowie durch den Einfluss der Amerikaner gefährdet schien. In Iran trat der einmalige Fall ein, dass die Religionsgelehrten direkt die Herrschaft an sich rissen und sich vom Volk bestätigen ließen. Im zwanzigsten Jahrhundert übernahmen die Araber und Muslime Elemente des westlichen politischen Denkens. Die arabischen Nationalisten schufen den Begriff der „arabischen Nation”, wobei sie nach dem Studium Herders und anderer deutscher Philosophen der Romantik einen „organischen” Nationbegriff entwickelten und sich nicht am französischen Begriff des Bürgers (citoyen) orientierten. Sie schufen in ihren Ländern Institutionen und Organisationen wie Parlamente, Parteien, Gewerk- schaften, weltliche Gerichte und ähnliches, die mit den westlichen Institutionen gleichen Namens wenig gemein hatten und haben. Die Parlamente sind im großen und ganzen Schein-Parlamente, die Parteien oft Klientel-Gruppen, die einem Stamm oder Clan oder einer Familie dienen oder im Dienst der Staatspartei agieren. Auch das Militär mischt mit. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, waren bisherige Wahlen Scheinwahlen. Erst allmählich lockern sich hier und da die Bedingungen für Abstimmungen in einer Form, die noch vor kurzem undenkbar war. Eine Ausnahme macht die Türkei, wo das Parlament und die Wahlen europäischen Standards entsprechen. Die Rolle der elektronischen Medien Ein Oktroi der Demokratie von außen und mit Gewalt wird wohl kaum gelingen. Das war schon vor dem Irak-Krieg vorauszusehen. Deswegen suchen islamische Reformdenker nach Wegen, die der eigenen Tra- dition entsprechen. Ob dabei so etwas wie eine Demokratie nach westlichem Muster herauskommt, ist ungewiss. Diese Wege sind eine Mischung aus althergebrachten Bräuchen und einer Neudefinition alter Prinzipien und koranischer Maximen. Alle arabischen Gesellschaften, vor allem jene am Golf, kennen die Einrichtung der Madschlis, des abendlichen Zusammensitzens und Diskutierens, besonders am islamischen Wochenende. In neuartigen Medien wie al Dschazira und al Arabija ist diese Tradition zu einer (auch kontroversen) Dialog-Kultur ausgebaut worden. Die Wirkung solcher Medien, die nicht staatstragend zu sein haben und überall empfangen werden können, ist von kaum zu überschätzender Bedeutung. Sie schaffen ein Feld des Diskurses, gegen dessen Wirkung die Regime kaum angehen können. Dem entgegen steht freilich, dass auch die Islamisten und Dschihadisten heute moderne Medien wie das Internet reich- lich nutzen, was weder den Regimen noch den demokratischen Oppositionellen recht sein kann. Doch die Aktivität muslimischer, demokratisch gesinnter Nichtregierungsorganisationen in elektronischen Medien wird auch ihre Wirkung entfalten. Die Reformdenker - es sind nicht viele, aber mittlerweile gibt es sie in allen islamischen Ländern - gehen von einer Neuinterpretation traditioneller Begriffe wie „Scharia” oder „Schura” aus. In Iran etwa sieht Mohammad Shabestari in der Scharia weniger ein Kompendium ewiger Gesetze und Verhaltensregeln eines Sakralrechts als einen dialektischen Prozess der Wahrheitsfindung in Fragen von Ethik und Politik. Shabestari will die lebhaften Diskussionen von vor tausend Jahren, bevor in großen Teilen des Islams das Tor des Idschtihad, der selbständigen Auslegung, für geschlossen erklärt wurde, wiederbeleben und in einen modernen, demokratischen und gesellschaftlichen Diskurs-Raum verwandeln. Auf lange Sicht glaubt er an die Demokratie nach westlichem Muster, nicht aber an eine spezielle „islamische Demokratie”. Seine Methode hat zunächst jedoch zum Ziel, den Pluralimus der Meinungen zu fördern, indem die Fronten der traditionellen Rechtsbestimmungen in der islamischen Jurisprudenz aufgebrochen und nach den Bedürfnissen der modernen Welt zu neuer gedanklicher Durch- dringung „freigegeben” werden. Der Begriff der „Schura”, Beratung, geht auf den Koran selbst zurück, wo es in der 42. Sure „al Schura” heißt, dass es bei Gott für jene besser sei, „die sich in ihren Handlungen in Beratung beistehen”. Doch wer soll sich beraten? Nur einige wenige oder alle? Die Verfechter demokratischer Verhältnisse inter- pretieren solche und andere Verse heute extensiv; sie wollen, dass die Beratung des Herrschers oder des Präsidenten nicht mehr autoritär durch ein handverlesenes Gremium von Vertrauten oder Honoratioren vorgenommen wird, wie etwa in Saudi-Arabien mit seiner „madschlis al schura”, sondern dass die Gesell- schaft insgesamt sich demokratisch berät und bestimmt. Darin sehen sie die Keimzelle für die eigenständige Entwicklung einer Zivilgesellschaft auch im Islam. Solche Reformansätze können freilich nur zum Erfolg führen, wenn gleichzeitig die Bereitschaft wächst, eine umfassende Untersuchung und Historisierung der eigenen religiösen Quellen zu betreiben, wie das im europäischen Kulturraum geschehen ist. Die klassische Demokratie ist eine Ordnung von Menschen für Menschen, sie ist anthropozentrisch und gewährleistet dabei für den einzelnen qua individueller Freiheit auch die Hinwendung zur Transzendenz. Eine theozentrisch fundierte Ordnung fordert indessen letztlich Gehorsam, da dessen kritische Verweigerung immer als Ungehorsam gegen Gott und damit Glaubensabfall denunziert werden kann. Nur eine Handvoll Denker, teilweise im europäischen Exil, teilweise in ihren Heimatländern, wagt sich an eine Historisierung der religiösen Quellen des Islams, Koran und Über- ieferung, heran. Sie alle eint, dass sie - im Unterschied etwa zu einem Dissidenten wie Ibn Warraq, der jetzt in Großbritannien lebt und sich mit seinem Werk „Warum ich kein Muslim bin” offen als Atheist bekennt - fromme Muslime sind und dies auch bleiben wollen. Dies gilt für den in Teheran lehrenden Iraner Abdol Karim Sorusch ebenso wie für den Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid, der seit einigen Jahren in den Niederlanden lebt. Sorusch ist von Hause aus Chemiker, hat jedoch auch Philosophie studiert. Insbesondere der deutsche Idealismus hat ihn geprägt. Mit Hegel, einem Philosophen, dessen Denken sich vielen intellektuellen Mus- limen erschließt, denkt er prozesshaft. Den Koran und die Tradition sieht er ebenfalls in historische Prozesse eingeordnet, deren Berücksichtigung jedenfalls mit zu ihrer Auslegung gehört. So muss eine mo- derne Koranexegese unterscheiden, ob es sich bei bestimmten Offenbarungsinhalten um unaufgebbare Glaubenssätze wie den Monotheismus und die Prophetenschaft Mohammeds handelt oder um zeitlich bedingte, relative Aussagen im heiligen Buch oder im religiösen Gesetz, die im Kontext ihrer Entstehung in Mekka und Medina zur Zeit des Propheten oder kurz danach zu interpretieren und gegebenenfalls zu übergehen sind. Prozesshaftigkeit und Zeitlichkeit hat Sorusch auch durch das Studium Martin Heideggers („Sein und Zeit”) erfahren, vor allem aber auch durch die Schule von Isfahan. Dies ist eine Gruppe muslimisch- schiitischer Denker, die im frühen 17. Jahrhundert von Mir Damad begründet wurde, ihren Höhepunkt in dessen Schüler Mollah Sadra Schirazi, einem Zeitgenossen des Descartes, fand und über Scheich Muhsin Faiz Kaschani und Mollah Hadi Sabzewari bis in das 19.Jahrhundert ausstrahlte. Die Schule von Isfahan verband den Rationalismus der Griechen, den Atomismus der klassischen islamischen Theologie mit gewissen Theorien intellektueller Mystiker wie Ibn Arabi und Suhrawardi zu einer Synthese, die gerade in jüngster Zeit wieder neu entdeckt wird. In der Seinslehre gelangen die Isfahaner zu einer ewig prozesshaften Welt, in der alles dem Wandel unterliegt, die von Gott in jedem Moment neu geschaffen wird. Dieses Prinzip nennt Mollah Sadra „Transzendentale Bewegung”. Der französische Orientalist und Philosoph Henry Corbin (1903- 1978) übersetzt das mit „metaphysischer Unruhe des Seins”. Für einen Mann wie Sorusch ist auch die Offenbarung in den dauernden Werdeprozess verwoben, so dass sie sich - von der Essenz des Gottesglaubens abgesehen - immer neu definieren und auslegen muss. Fünf Pfeiler des Glaubens Natürlich sind solche Abstraktionen einstweilen akademische Modelle. Doch Soruschs Studenten sind bereit, für seine revolutionären Ideen eine Bresche zu schlagen. Es ist eine Tragödie, dass unter der Prä- sidentschaft von Sejjed Mohammad Chatami (1997-2005) diese Ideen wegen der Widerstände reakti- onärer Kreise keine größere Wirkung in die Öffentlichkeit hinein entfalten konnten. Leider gilt das auch für den Ägypter Abu Zaid, dessen kritische Werke zwar im Land zirkulieren, aber bis heute nicht breit diskutiert werden können. Auch ihm geht es um die Essenz des Glaubens und die zeitbedingte Historizität der Offenbarung, obschon sein Zugang ein anderer ist als der Soruschs. Abu Zaid ist weder Theologe noch Philosoph, sondern Literaturwissenschaftler. Er behandelt den Koran auch als literarisches Werk und wirbt in seinem Hauptwerk „Das Verständnis des Textes” für eine Hermeneutik im literarischen Sinn. Die Methoden entlehnte er der modernen Semiotik, aber auch den Sufis, jenen islamischen Mystikern, die den Koran schon vor tausend Jahren allegorisch auslegten. Die Sprache des Korans gibt nach seiner Überzeugung nicht einfach Realität wieder, sondern ist auch als Symbolsprache zu verstehen, die sich - je nach Zusammenhang - immer neu interpretieren lässt. Um der transzenden- ten Kommunikation willen musste Gott im Koran, der ein geschaffenes Werk ist und nicht ewig und unerschaffen, wie die Gelehrten behaupten, sich einer Sprache befleißigen, die bildhaft, gleichnishaft, allegorisch ist, damit man das Gemeinte besser und tiefer versteht. Der Text besteht aus Zeichen, die immer wieder neu deutbar sind. Während die Orthodoxie am Buchstaben klebe, entschlüssele die Hermeneutik der Allegorie „die andere Seite des Textes”. Der Kern des Islams, ja recht betrachtet sogar der Scharia, besteht in den fünf Pfeilern des Glaubens: Monotheismus, Gemeinschaftsgebet, Fasten, Armensteuer zahlen (sozial sein) und nach Mekka wall- fahren. Diese fünf Prinzipien jedenfalls widersprechen nicht der Demokratie. Dass islamische Denker in wenigen Jahren Begriffe wie Volkssouveränität, individuelle Freiheit oder Selbstbestimmung auch im religiösen Kontext verbindlich und wirksam aus der Tradition werden herausarbeiten können, scheint in- dessen eher unwahrscheinlich. Eine Zukunft gegen den Islam ist in jenen Ländern allerdings auch nicht möglich. Foto oben: Korankopie in kufischer Schrift, 10. Jahrhundert. Aus der Großen Moschee in Kairouan (Tunesien). WolfgangGünterLerchFAZ060209
Neue islamische Theologie. Felix Körner Foto unten rechts über eine modernistische Koranexegese in Ankara
Ist der Islam offen für verschiedene Auslegungen seiner Tradition? Angesichts der aktuellen Konflikt- lage ist das eine Schlüsselfrage. Wir stehen vor unterschiedlichen Religiositäten: Für die Muslime ist die bildliche Darstellung ihres Propheten tabu, während in der christlichen Kunst mit dem Ende des „Bilder- sturms” alle Bilderverbote gefallen sind. Zudem ist für die Muslime der Koran das in Buchstaben ge- gossene, das unmittelbare und damit auch unabwandelbare Wort Gottes. Im Christentum hingegen ist Gottes Wort Fleisch geworden, aufgeschrieben von Menschen. Dem Christentum ist die historisch- kritische Bibelexegese damit fast in die theologische Wiege gelegt worden. Der Islam scheint jedoch an einmal formulierte Überlieferungen gekettet zu sein, ohne Chance zur Weiterentwicklung. In den Bildern eines Mobs, der Flaggen verbrennt und dänische Botschaften anzündet, mag dieser erste Befund seine Bestätigung finden. Vorbei geht er indessen an der Wirklichkeit der vielfältigen theo- logischen Auseinandersetzungen mit dem heiligen Buch der Muslime. Unbestritten ist, dass sich nach wie vor die meisten muslimischen Theologen eher mit der Tradition als mit der Theologie beschäftigen, dass sie eher Kopisten der Vergangenheit sind als kreative Denker. Dass ihnen auch die Formen der Ästhetik wichtiger sind als das Nachdenken über den Inhalt. Der liberale muslimische Denker Fazlur Rahman (1919 bis 1988) hatte beklagt, wie diese Traditionalisierung den Reichtum der koranischen Theologie ver- kümmern lasse und dass man sich damit die Chance vergebe, Anknüpfungspunkte an die Moderne zu finden. Allen Bildern der hasserfüllten Prediger und der grimmig dreinblickenden Bärtigen zum Trotz: Auch in die islamische Welt ist Bewegung geraten. Von einem wichtigen neuen Ansatz der Koranexegese berichtet eine Studie des deutschen Jesuiten Felix Körber, der seit vielen Jahren in Ankara lebt. Mit seiner Arbeit füllt er eine Lücke: Erstmals liegt nun eine Arbeit vor über die jüngere Koranforschung in der Türkei, und erstmals zeigt er, wie deutsche Philosophie, insbesondere Gadamers Hermeneutik, Eingang gefunden hat in die Methoden jüngerer türkischer Islamtheologen. Über die Schulter schaute Körner vier von ihnen: Mehmet Pacaci und Adil Ciftci, Ömer Özsöy und Ilhami Güler. Mehmet Pacaci wurde 1959 in der türkischen Provinzstadt Bolu geboren. Seine Studien führten ihn nach Saudi-Arabien und nach Manchester, geforscht hat er zudem in Rom und in Bamberg. Heute lehrt er an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara. Als einer der ersten islamischen Theologen liest er auch die heiligen Bücher der Juden und der Christen - und das in deren Originalsprachen. Sein Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass die Prinzipien des Koran universelle Gültigkeit besitzen, dass der Koran aber in einem historischen Kontext offenbart worden ist und auf konkrete historische Situationen Bezug nimmt. „Einen Text zu verstehen bedeutet daher, ihn in jedem Moment neu zu verstehen“, schreibt Pacaci einmal. Nie könnten Menschen ein vollständiges Verständnis entwickeln. Der Exeget sei stets von seiner Zeit geprägt. Daher müsse sich auch die Umsetzung der Prinzipien des Korans in dem Maße ändern, wie sich die historischen Situationen veränderten, lehrt Pacaci. Körner zeichnet nach, wie Pacaci eine Synthese aus dem Denken Gadamers und Fazlur Rahmans entwickelt. Wie Gadamer sieht er den Exegeten in einem Koordinatensystem von Raum und Zeit, mit Fazlur Rahman entdeckt Pacaci die allgemeinen Prinzipien, die dem Koran zugrunde liegen. Körner zeichnet das Vorgehen Pacacis etwa an der Auslegung der Sure 112 nach, die in der Übersetzung von Friedrich Rückert heißt: „Sprich, Gott ist Einer / Ein ewig reiner / Hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner / und nicht ihm gleich ist einer.” In seiner Exegese entwickelt Pacaci den Gedanken, dass der Koran in der Tradition der Propheten vor Muhammad stehe, und bei den Zeit- genossen Muhammads habe der Koran das Wissen der biblischen Theologie vorausgesetzt. Pacaci führt daher die zentralen arabischen Begriffe der Sure - etwa „ahad” und „samad” - auf die Theologie der vorislamischen semitischen Religion zurück. Nicht die Bibel habe aber den Koran beeinflusst, sondern die gemeinsame semitische Tradition, sagt Pacaci. Die Kontextualisierung einer Koransure in die Welt des siebten Jahrhunderts ist nur eines von vielen Beispielen, mit denen Körner die neuen Ansätze der jungen Theologen illustriert. Gemeinsam ist den vier vorgestellten Theologen, dass sie an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara forschen und lehren. Sie wurde 1948 gegründet, und sie gilt als die Mutterfakultät aller theologischen Hochschulen der Türkei. Die Dekane der anderen 23 theologischen Fakultäten des Landes sind nahezu ausnahmslos Absolventen aus Ankara, auch nimmt ihr Einfluss auf die staatliche Religionsbehörde „Diyanet Isleri Baskanligi” zu. Denn deren neuer Präsident, der Reformtheologe Bardakoglu, stellt zunehmend die An- passung des Islam an die Moderne in den Mittelpunkt der Arbeit des Diyanet. Damit wendet sich das Diyanet von seinem nationalistischen Auftrag ab. Denn als die Gründer der Republik 1923 die höchste religiöse Instanz, das Amt des Scheich ül-Islam, auflösten, gründeten sie als Religionsbehörde das Diyanet. Der neue türkische Staat musste sich erst seine Nation schaffen, und das Diyanet hatte als Repräsentant des sunnitischen Islam dazu seinen Anteil zu leisten. Erst in den jüngsten Jahren ist der offizielle türkische Islam weniger politisch geworden und dafür intellektueller. Ein entscheidender Anteil gebührt der Ankaraner Schule. Indem sie die Fakultät nicht nach der „Scharia“ benannten, sondern wie im Westen üblich nach der „Theologie“ (ilahiyat), und indem sie die Fakultät nicht einer religiösen Behörde unterstellten, sondern dem Erziehungsministerium, sandten ihre Gründer das Signal aus, dass sie eine moderne Fakultät haben wollen. Ihre Professoren sollten nicht tradieren, sondern selbständig denken. Die erste Generation „islamischer Modernisten“ uni Hüseyin Atay und Mehmed Said Hatiboglu war im Westen noch weitgehend unbeachtet geblieben. Körners Studie stellt ihre Nachfolger nun erstmals in einer kritischen Studie vor. Sie bilden das, was die Türkei bereits die „Ankaraner Schule” nennt. Aus der Studie lernt der Leser nicht zuletzt, dass die Bandbreite der islamischen Theologie doch größer ist, als es die Fixierung auf hasspredigende Extremisten erwarten lässt. Felix Körner: „Revisionist Koran Hermeneutics in Contemporary Turkish University Theology”. Rethinking Islam. Ergon-Verlag, Würzburg 2005, 230 S.br. 29 € RainerHermannFAZ060222

Einen europäischen Islam entwickeln. Die Theologen der „Ankaraner Schule” legen den Koran hermeneutisch aus
In vielen Teilen der Welt haben die Muslime eine Praxis, des Islam hervorgebracht, die mit den Be- sonderheiten der jeweiligen Region in Einklang steht. Entstanden ist ein amerikanischer und ein afrika- nischer Islam, ein iranischer und ein indischer; der oft beschworene Euro-Islam lässt jedoch auf sich Warten. Dabei leben mehr als 15 Millionen Muslime in Europa und praktizieren in dessen offenen Gesellschaften ihren Glauben. „Wir müssen einen Euro-Islam entwickeln”, fordert Ilhami Güler, Professor für islamische Theologie an der Universität Ankara und einer der schöpferischen Denker ihrer theologischen Fakultät. Der europäische Islam dürfe nicht von einer Regierung kontrolliert, sondern müsse von muslimischen Intellektuellen hervorgebracht werden. Geschehen ist dies bisher nicht. Denn die ersten Generationen muslimischer Einwanderer, ob aus Bangladesch in Großbritannien oder aus Anatolien in Deutschland, waren von den Dorfkulturen der Migranten geprägt. Intellektuelle, die die Vorteile einer Integration hätten begründen können, waren kaum unter ihnen. Güler sieht eine gute Chance, dass der Islam, wie er an der „Ankaraner Schule” gelehrt wird, eine Grundlage des Euro-Islam werden könne. Das neue liberale Denken dieser wichtigsten aller theologischen Fakultäten des Landes entfaltet in der Türkei schon ihren Einfluss. Seit Jahren stammt nahezu die gesamte Spitze der Religionsbehörde („Diya- net Isleri Ba§kanligi”) aus der Fakultät oder ist, wie ihr Vorsitzender Bardakoglu Foto oben mit Benedikt XVI., dem Denken der „Ankaraner Schule” verbunden. Das Diyanet entsendet im Auftrag der türkischen Regierung Imame in die Moscheen der in Deutschland lebenden Türken. Daneben verbreiten die Ankaraner Theologen ihr Denken über die Zeitschrift der Fakultät, „Islamiyet Dergisi”, die sich jeweils einem Schwerpunktthema widmet, etwa den Menschenrechten, der Gewalt oder dem Missbrauch der Religion durch die Politik. So reichte Güler gerade eine Klage gegen das islamische Modeunternehmen „Tekbir” ein, das für Frauen Kopftücher und lange Mäntel herstellt. „Tekbir”. ist die Lobpreisung Gottes mit der Formel „Allahu akbar”. Der Name sei ein Missbrauch der Religion für kommerzielle Zwecke, argumentiert Güler. Der Einfluss der Schule reicht auch in die Politik. Den Theologen um Güler, wie Mehmet Pacaci und Ömer Özsoy, wird ein Teil der Veränderung des politischen Islam zugeschrieben, wie er sich im Übergang von der „Wohlfahrtspartei” Erbakans zur AK Parti Erdogans widerspiegelt. Als Erdogan 1998 als politischer Ge- fangener eine viermonatige Gefängnisstrafe verbüßte, brachten ihm die Professoren alle bis dahin er- schienenen Bände ihrer Zeitschrift „Islamiyet Dergisi”, sie debattierten mit ihm und, außerhalb des Ge- fängnisses, mit Erdogans wichtigstem Berater, Ömer Celik. Erdogan kam damals erstmals mit der herme- neutischen Koranauslegung in Kontakt und mit den von den Theologen in Ankara formulierten Konzepten, dass die Vorschriften des Islam nicht dogmatisch festgeschrieben, sondern flexibel seien und dass Laizis- mus nicht gleichzusetzen sei mit Gottlosigkeit. Um die „Ankaraner Schule” ist es jüngst ruhiger geworden. Özsoy lehrt nun am Stiftungslehrstuhl für islamische Theologie in Frankfurt, und das Diyanet hat Pacaci als Religionsattache an die türkische Botschaft in Washington entsandt. Zudem erscheint die Zeitschrift aus wirtschaftlichen Gründen seit acht Monaten nicht. Von der großen Aufbruchstimmung ist im Augenblick wenig zu spüren. „Die Schule wartet nur auf einen Frühling”, sagt zuversichtlich der Jesuit Felix Körner Foto oben rechts, der seit acht Jahren in Ankara lebt und als Erster auf die neuen Ansätze der Ankaraner aufmerksam gemacht hat. Die Neuerung lag vor allem darin, dass sie die Methode der Hermeneutik auf die Auslegung des Korans anwandten. Erstmals hatte die Fakultät in den sechziger Jahren den deutschen Philosophen Wilhelm Dilthey rezipiert. Denn die 1946 gegründete Fakultät hatte sich zunächst auf philosophische Disziplinen konzentriert, erst später kam der klassische islamische Theologiekanon hinzu. Mit dieser philosophischen und sozialwissenschaftlichen Tradition konnten die Ankaraner Theologen zu anderen Ergebnissen als die traditionellen islamischen Lehranstalten kommen. In den neunziger Jahren war Güler der erste Türke, der das Werk des modernistischen pakistanisch-amerikanischen Denkers Fazlur Rahman, das ins Türkische übersetzt war, kommentierte und zur Anwendung empfahl. Er und seine Kollegen setzten sich danach von der traditionellen Koranexegese ab, die eine dogmatische und übergeschichtliche Lektüre des Korans praktizierte. Die Ankaraner Theologen plädieren für einen hermeneutischen Ansatz. Gott wende sich mittels der Sprache an einen konkreten Ort, und das in einer konkreten Zeit mit konkreten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen, sagt Güler. Gott bleibe absolut. Der Zeitpunkt der Botschaft und der Einsatz der Sprache schafften jedoch eine Relativität. Während die traditionelle Koranauslegung keinen Wandel in der Auslegung der Botschaft und ihrer Anwendung auf neue Bedingungen zulässt, liest der hermeneutische Exeget die Botschaft in ihrem Kontext. Daher kommt Güler zu dem Ergebnis, dass Gewalt kein ontologischer Teil des Islam sei. Denn die Offenbarungen zur Gewalt seien in einem Kontext ergangen, als sich die frühe muslimische Gemeinde habe verteidigen müssen. Gott rufe im Koran nicht zur Tötung auf, sondern zum Frieden. Bei dieser Argumentation haben Theologen wie Güler als Hauptgegner weniger die traditionelle Koran- exegese im Blick als die Islamisten. „Sie wollen zeigen, dass fundamentalistisches Gedankengut nichts Koranisches ist”, kommentiert Körner, der in diesem Herbst als Professor an die päpstliche Universität Gregoriana in Rom wechselt. Mit dem Ansatz Gülers und seiner Kollegen könne gezeigt werden, dass die Muslime durch den Text nicht so festgelegt seien, wie sie bisher geglaubt hatten. Kein Zweifel besteht für Güler, dass der Islam nach einer neuen Praxis suchen muss und dass ein „Bedarf an einer Renaissance” besteht. Lange habe die islamische Welt keine großen Denker hervor- gebracht, allerdings habe es auch nirgends außer in Europa eine Aufklärung gegeben. „Außerhalb Europas wäre die islamische Welt der erste Kandidat für eine weitere Aufklärung gewesen”, behauptet Güler. Nach vier Jahrhunderten sei die Freiheit des Denkens und der Wissenschaften aber einem kriegerischen und zunehmend politisierten Einsatz des Islam gewichen. So setzte das Osmanische Reich den Islam zur Stabilisierung des Zentralstaats ein. Die absolute Autorität Gottes wurde auf die Autorität des Staates übertragen, dann auf dessen Institutionen wie das Militär. Da dieser Staat „heilig” war und so viel wichtiger als das Individuum, konnten sich unab- hängige Denker nicht länger entfalten. Die Theologen der „Ankaraner Schule” wollen einen Beitrag leisten, um die islamische Theologie aus dieser Umklammerung zu befreien. FAZRainerHermann080716

Uni Osnabrück bildet Imame weiter. Niedersachsen geht bei der Ausbildung islamischer Vorbeter neue Wege - doch Experten bleiben skeptisch
Von Herbst an werden 25 künftige Imame die Universität Osnabrück besuchen. Sie absolvieren einen Weiterbildungskursus, der die islamischen Vorbeter auf ihre Aufgaben in niedersächsischen Moscheen vorbereiten soll. Das Grundgesetz, Pädagogik und deutsche Sprache stehen auf dem Programm. „Imame spielen eine bedeutende Rolle bei der religiösen und kulturellen Erziehung muslimischer Kinder und Jugendlicher", sagt Innenminister Uwe Schünemann (CDU). „Deshalb ist es wichtig, die Brücken- funktion der Imame im Integrationsprozess zu stärken." Bis zur Einrichtung eines wirklichen Studien- gang für künftige Imame an einer Universität ist der Weg allerdings weit. Noch tun sich Verbände wie die vom türkischen Staat gesteuerte Ditib mit den Plänen schwer. Doch derzeit lotet eine internationale Tagung an der Universität Osnabrück mit Experten und Politikern aus mehreren europäischen Ländern Perspektiven der Imam- und Islamkundelehrer-Ausbildung aus. Abdul-Jalil Zeitun Foto oben rechts ist vor 15 Jahren nach Osnabrück gekommen. Zusammen mit anderen Muslimen hat der gebürtige Syrer die Ibrahim-Al-Khalil-Moschee am stark befahrenen Stadtring aufgebaut. Sein Wissen über den Islam und den Koran hat der ehrenamtliche Imam in Damaskus an einer Gelehrtenschule erworben. Doch für die Arbeit an der Moschee in Deutschland braucht es mehr. „Die Sprache ist der Schlüssel", sagt der 62-jährige Zeitun, der selbst auf Deutsch predigt. Die Einwanderer der zweiten und dritten Generation beherrschten Deutsch oft besser als die Sprache ihres Herkunfts- landes, sagt er. Mentalitäten und Lebensweise haben sich - zumindest teilweise - der neuen Heimat an- gepasst. „Die Imame kennen Deutschland nicht, und sie kennen auch nicht die türkische Community", sagt Prof. Rauf Ceylan mit Blick auf jene von Ankara entsandten Imame, die als Beamte der türkischen Religionsbehörde für vier, fünf Jahre nach Deutschland kommen, um die etwa 250.000 Muslime in Niedersachsen mit türkischen Wurzeln zu betreuen. „Ich frage mich, wie lange diese Gemeinden noch als eine Art türkischer Heimatverein leben wollen", sagt Cevlan. „Die Imame müssen wissen, was hier in Deutschland los ist", sagt er. Die ab Herbst geplante einjährige Weiterbildung soll Wissenslücken schließen. Den künftigen Imamen sollen dabei auch Kontakte zur Kirche vermittelt werden, sagt Uni-Vizepräsidentin Martina Blasberg- Kuhnke. Teilnehmen kann jeder, der als Imam schon arbeitet oder starten will, sagt die katholische Theologin, die die internationale Tagung der Universität mit verantwortet. Erst in einem zweiten Schritt wird die Universität ein Studienfach Islam aufbauen, mit dem künftige Imame auch ihre theologische Ausbildung erwerben können. Der Islam soll sich nach Schünemanns Wor- ten „wie die beiden großen christlichen Konfessionen im universitären Kontext am wissenschaftlichen, interdisziplinären Diskurs beteiligen". Im Herbst 2013 soll die Hochschule so weit sein. Damit das ehrgeizige Ziel erreicht wird, ist von beiden Seiten Entgegenkommen gefordert. Vor allem der Ditib-Verband, hinter dem die türkische Religionsbehörde steht und der rund 80 Moscheen in Nieder- sachsen betreibt, müsse dafür Macht und Einfluss abgeben. Andererseits müsste das Land bereit sein, islamischen Verbänden Mitspracherechte bei der Be- setzung von Professuren einzuräumen - wie sie auch die Kirchen an den Universitäten haben. Sonst wäre zu befürchten, dass künftige Imame aus Osnabrück in den Moscheen abgelehnt werden. Der Wissen- schaftsrat, der jüngst drei Standorte in Deutschland für ein Islamstudium empfohlen hatte, schlug des- halb einen islamischen Beirat an den betroffenen Universitäten vor. Uni-Vize Blasberg-Kuhnke denkt an eine Einladung islamischer Repräsentanten zur öffentlichen An- hörung von Bewerbern. Danach müsse die Hochschule „allein nach wissenschaftlichen Kriterien" eine Vorschlagsliste für die Landesregierung erstellen. Und die könne sich dann mit den Verbänden ab- stimmen, sagt die Theologin und wirbt um Verständnis für die Vertreter der Muslime: „Die geben etwas ab, das sie bislang allein in der Hand hatten." Beim traditionellen Freitagsgebet in den Moscheen wie in Hannover-Stöcken Foto oben links sind Imame im Einsatz. Abdul-Jalil Zeitun, Imam der Ibrahim-Al-Khalil-Moschee in Osnabrück, ist vor 15 Jahren nach Deutschland gekommen. Er predigt auf Deutsch: „Der Schlüssel ist die Sprache." Ditib in Niedersachsen konfrontiert das Land nun mit weitreichenden Forderungen: Neben verbriefter Mitwirkung am Studiengang verlangt der Verband eine „Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts" und fragt danach, „wer die Gehälter der ausgebildeten Imame bezahlt". Derzeit fehle es in Osnabrück nicht nur am „nötigen Wissen und Erfahrungen über den Islam, sondern auch die Strukturen und insbesondere Lehrkräfte", erklärt der Ditib-Landesvorsitzende Ali Ünlü. „Wir würden nicht eine Imam- Ausbildung unterstützen, die die nötigen Voraussetzungen nicht erfüllt." Auch Schünemann weiß: „Wir müssen ganz viel miteinander reden." Dass in vielen Moscheegemeinden der Wunsch nach Imamen aus Deutschland stark ist, macht Avni Altiner deutlich: „Wir wollen diese Ausbildung unbedingt", sagt der Vorsitzende der Schura, des Landesverbandes der Muslime. Anders als der Ditib-Verband, der auf eine Mitwirkung in der Schura verzichtet, möchte Altiner wegkommen vom steten Wechsel der Imame mit Gaststatus. „Das ist keine Lösung", sagt er. Prof. Ceylan sieht die Moscheegemeinden unter doppeltem Druck: Einerseits ziehen sich in Deutschland erfolgreiche Akademiker zurück, denen das Gemeindeleben zu schlicht ist. Andererseits orientiert sich eine Minderheit von Jugendlichen auf Extremisten mit schlichten Antworten. Nach Ceylans Einschätzung sind drei von vier Imamen traditionell konservativ. Ceylan nennt sie die „Preußen" unter den Vorbetern: Autoritätshörig und gegen Extremismus gefeit. „Die kann man schulen." Rund 15 Prozent der Vorbeter seien intellektuell interessiert, offen für eine Neuinterpretation des Korans und den Dialog mit anderen Religionen. Drei Prozent der Imame aber neigten radikalen Strömungen zu. Ceylan zitiert in Diskussionen gern ei¬nen türkischstämmigen Kommunalpolitiker: Das Paradies liege zu Füßen der Mütter, hatte der Mann an den Koran erinnert und dann hinzugefügt: „Und die Integration in Deutschland liegt zu Füßen der Imame." HAZ100226BernhardRemmers

Werbung für den Heiligen Krieg? Freitagsgebet in der Braunschweiger Moschee des Islamischen Bildungs- und Kulturzentrums, das mittlerweile seinen Umzug nach Mönchengladbach angekündigt hat
Prediger auf der Durchreise. Eine Studie liefert beklemmende Befunde über Imame in Deutschland - und unterstreicht die Notwendigkeit einer deutschen Imam-Ausbildung
Rund 500.000 Muslime hören Woche für Woche in Deutschland zu, wenn in einer der etwa 2.000 Moscheen der Vorbeter zur Freitagspredigt ansetzt. In der Zeit des jetzt zu Ende gehenden Ramadan, der Fastenzeit, waren es noch deutlich mehr. Trotzdem sind die Imame, also die so einflussreichen Prediger, bislang kaum in den Blick von Politik und Wissenschaft geraten. Das meint jedenfalls der Osna- brücker Religionswissenschaftler Professor Rauf Ceylan und spricht von einer unentschuldbaren „Igno- ranz". Erst in jüngster Zeit wird über eine universitäre Ausbildung für Imame auch in Deutschland dis- kutiert. Der Wissenschaftsrat hatte eine entsprechende Empfehlung abgegeben. In Niedersachsen soll diese Aufgabe die Universität Osnabrück übernehmen. Dort, am Lehrstuhl für islamische Religions- pädagogik, arbeitet Professor Ceylan. Am 11. Oktober startet in Osnabrück ein erster Fortbildungskurs für islamische Seelsorger in Niedersachsen. Die Imame nennt Ceylan die „wichtigsten Multiplikatoren in der muslimischen Community". Sie sind nicht nur Vorbeter, Prediger und Vollzieher ritueller Handlungen, sondern zugleich auch Jugendarbeiter, Eheberater und manchmal noch Seelsorger für Gefängnisinsassen. Rauf Ceylan hat eine Untersuchung über die Imame in Deutschland unter dem Titel „ „Die Prediger des Islams" veröffentlicht. Die beruhigende Erkenntnis: Nur eine kleine Minderheit der muslimischen Prediger lehnt die demokratische Ordnung in Deutschland ab oder will sie gar bekämpfen. Nachdenklicher stimmt da schon der Hinweis von Ceylan, dass nur die wenigsten Imame wirklich in Deutschland angekommen sind. Viele sind bereits mit der eigenen Integration überfordert. Denn immer noch kommen die allermeisten Vorbeter aus dem Ausland - zumeist aus der Türkei - und treffen hier auch unter den Muslimen in Deutschland auf eine für sie völlig fremde Gesellschaft. Rauf Ceylan hat für seine Untersuchung mehr als 40 Imame ausführlich interviewt. Ihre Berufsgruppe hat der Wissenschaftler in vier Kategorien unterteilt. Mit gut 75 Prozent die Mehrheit stellen die so- genannten traditionell-konservativen Imame. Ceylan nennt sie die „Preußen" unter den Vorbetern: die allermeisten sind vom türkischen Staat ausgebildet, autoritätsgläubig und gehorsam auch gegenüber der deutschen Obrigkeit. Allerdings sprechen nur die wenigsten von ihnen fließend Deutsch. Als Beamte der Türkei werden sie nach wenigen Jahren wieder abberufen. Eine Minderheit, so hat Ceylan beobachtet, sind die traditionell-defensiven Imame; ein ausgeprägter türkischer Nationalismus und Skepsis gegenüber der modernen Gesellschaft prägen diese Prediger. Isla- mischen Religionsunterricht an deutschen Schulen lehnen sie als einen Versuch ab, die Kinder „einzu- deutschen" und der eigenen Nation zu entfremden. Gut 15 Prozent der Imame ordnet Ceylan der Gruppe der intellektuell-offensiven Prediger zu: Sie suchen einen intellektuellen, rationalen Zugang zum Islam, hinterfragen eigene Glaubenstraditionen und bekämpfen mit dem Koran in der Hand den politischen Extremismus. Sorgen bereiten Ceylan vor allem die sogenannten neosalafitischen Imame. Als Verfechter des „wahren Islams" haben sie mit muslimischen Verbänden und Moscheevereinen in Deutschland gebrochen. Sie pflegen eine Gegenkultur, die vor allem Jugendliche anzieht. Demokratie lehnen sie als Götzendienst und Menschenwerk ab. „Der Schritt zu Gewaltanwendung und Terror ist nicht sonderlich groß", sagt Ceylan. Die meisten Imame indes plagen sich mit Alltagsproblemen. Geprägt von einer fernen Gesellschaft und häufig gesteuert von der türkischen Religionsbehörde erreichen sie ihre Gemeinden in Deutschland nicht. Ceylan berichtet von einem eigenen Erlebnis beim Besuch in der Moschee: Der Prediger entwickelte dort beim Freitagsgebet ausführliche Berechnungen über eine gerechte Steuer für muslimische Bauern - vor ihm in der Moschee saßen Industriearbeiter und Hartz-IV-Empfänger. Viele in die deutsche Gesellschaft integrierte Akademiker haben der Moscheegemeinde längst den Rücken gekehrt, sagt der Religions- wissenschaftler. Ceylan unterstützt die Pläne für islamische Lehrstühle in Deutschland: „Nicht ohne Grund sind die extremistischen Kräfte unter den Muslimen gegen eine Imam-Ausbildung in Deutschland. Umso mehr müssen wir uns dafür einsetzen." Ein „wichtiger Zwischenschritt" sei auf diesem Weg der am 11. Oktober in Osnabrück startende Fortbildungskurs für bereits in den Moscheegemeinden tätige Seelsorger. „Die Nachfrage ist da", sagt Ceylan. Als die Uni vor wenigen Wochen zur Informations- veranstaltung eingeladen hatte, füllten mehr als 80 Interessenten aus ganz Niedersachsen, Nordrhein- Westfalen und Hessen den Saal. Nur 30 von ihnen werden den Kurs besuchen können. Altgediente Imame sind darunter, aber auch Frauen, die in ihrer Moschee junge Leute unterweisen oder in sozialen Nöten beraten. Zusammen werden sie Vorlesungen hören über das politische System in Deutschland, den Dialog der Religionen und pädagogische Grundlagen der Gemeindearbeit. Ceylan schaut bereits weiter. Künftig, so seine Hoffnung, werden Imame in Osnabrück neben Fortbildungskursen auch das Grundlagen- studium absolvieren können. Islamische Theologen sollten auf Augenhöhe mit ihren wissenschaftlichen Kollegen in Deutschland diskutieren, fordert Ceylan und garniert seinen Wunsch mit einem türkischen Sprichwort: „Der halb ausgebildete Imam nimmt den Menschen den Glauben, wie der halb ausgebildete Arzt den Menschen die Gesundheit raubt." HAZ100913BernhardRemmers
Rauf Ceylan
Rauf Ceylan: Die Prediger des Islam. Imame - wer sie sind und was sie wirklich wollen. Verlag Herder, 191 Seiten, 12,95 Euro
Wer schützt die Muslime? Die Islamverbände versuchen, die Politik unter Druck zu setzen und den Dialog zu verzögern. Im Zweifel muss es ohne sie gehen.
Anfang März stellte Innenminister Thomas de Maiziere seine Ideen für eine zweite Islamkonferenz vor. Sein Konzept besticht durch drei klar formulierte Hauptthemen: das Verhältnis des Islams zur Gleich- berechtigung von Mann und Frau, die Imamausbildung und den islamischen Extremismus. Seitdem streiten die Vertreter des organisierten Islams darüber, ob sie überhaupt an einer solchen Diskussion interessiert sind oder ihre Teilnahme gleich aufkündigen. Nach außen hin empören sie sich natürlich über etwas an- deres: den Ausschluss des Islamrates wegen seiner größten Mitgliedsorganisation, der „Milli Görüs", ge- gen die Staatsanwälte wegen nicht geringer Vorwürfe (unter anderem Steuerhinterziehung in Millionen- höhe und Betrug) ermitteln. Der Koordinierungsrat der Muslime (KRM), in dem diese Verbände versammelt sind, hält die Öffent- lichkeit und den Minister aber hin, wieder einmal, und verkündet alle paar Tage, dass die Entscheidung noch einmal vertagt wurde. Die zuerst zur Schau gestellte Solidarität mit der Milli Görüs scheint langsam zu bröckeln. Auf der einen Seite besteht der Islamrat auf Solidarität, auf der anderen Seite steht unter anderen Ditib, die um ihren Einfluss fürchtet, wenn sie die Konferenz boykottiert. Ihre Vertreter haben wohl noch in Erinnerung, wie kühl Angela Merkel sie 2007 hatte abblitzen lassen, als sie wegen des neuen Zuwanderungsgesetzes beleidigt dem Integrationsgipfel fernblieben. Aber da selbst Mohammed laut einem Hadith auf seiner Himmelsreise mit Gott über die Zahl der tägli- chen Gebete verhandeln konnte, glauben die Verbände, sie könnten nach alter Basarmentalität in göttli- chem Auftrag mit der Regierung über die Zusammensetzung und Tagesordnung der Konferenz schachern. Sie vertagen die Entscheidung ein ums andere Mal, wollen neue Gespräche und mobilisieren ihre Unter- stützer. Seit über drei Jahren geht es den Verbänden nur um eine Sache: Sie wollen als „Körperschaft öffentlichen Rechts", wie die Kirchen, anerkannt werden, um Religionsunterricht nach eigenem Gusto an- bieten zu können. Und sie wollen als alleinige Vertreter des Islams in Deutschland anerkannt werden. Über Fragen, die die deutsche Gesellschaft an die Muslime stellt - etwa zur Gleichberechtigung von Mann und Frau und was und von wem in Moscheen und Koranschulen gepredigt wird, wie sie mit den Funda- mentalisten in den Moscheen umgehen -, darüber wollen sie nicht sprechen. Sie haben es in der ersten Periode der Konferenz verhindert und werden es wieder versuchen. Die Kritik dieser Verbände am Innen- minister bezieht sich auf mehrere Punkte. Zum einen akzeptieren sie nicht, dass der Islamrat suspendiert wurde. Der KRM kann es sich offenbar nicht leisten, den Islamrat alleinzulassen. Ein Grund sind die personellen und finanziellen Verbindungen und Abhängigkeiten der Islamverbände untereinander. Die 300 Moscheen von Mihi Görüs werden über eine internationale Gesellschaft verwaltet, in der Ibrahim El-Zayat die Fäden zieht. El-Zayat ist mit der Nichte des Milli-Görüs-Gründers Erbakan verheiratet, der Bruder seiner Frau war jahrelang Vorsitzender der IGMG. El-Zayat ist gleichzeitig Präsident der Islamischen Ge- meinde Deutschland (IGD), die wiederum im „Zentralrat der Muslime" eine führende Rolle spielt. Wenn der Innenminister gegen Milli Görüs Bedenken hat, könnte er sie auch gegen IGD-Funktionäre hegen. Der organisatorische Vorläufer der Islamischen Gemeinde ist eine Gründung der Muslimbrüder aus Ägypten. Einer der ersten Funktionäre dieses ersten Nachkriegs-Moscheebauvereins in München war der Muslimbruder Said Ramadan, der Vater des Predigers Tariq Ramadan. Aber das Netz der Abhängigkeiten im KRM ist noch dichter. Die jetzige Staatsführung der Türkei, Ministerpräsident Erdogan und Präsident Gül, waren vor Gründung ihrer AKP geistige Brüder und Parteifreunde des Milli-Görüs-Gründers Erbakan. Und diese geistige Haltung drückt sich auch in der Personalpolitik des von der türkischen Regierung angeleiteten Verbandes Ditib aus. Die Führer der etwa achthundert hauptamtlichen Funktionäre sind tür- kische Diplomaten. Man kann also sicher sein, dass bei der Entscheidung, ob die Deutsche Islam- konferenz scheitern soll, auch die türkische Regierung und ihre Religionsbehörde Diyanet mitreden. Die türkische Regierung betreibt eine Europa-Politik, die auf Stärkung der türkischen und muslimischen Organisationen auch in Deutschland abzielt. Im März 2010 trafen sich in Istanbul Vertreter türkischer Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, um ihre Europa-Politik zu koordinieren. Anlass war der Gesetzentwurf der AKP-Regierung, die ein „Präsidium für Auslandstürken" einrichten will. Ministerpräsident Tayyip Erdogan schloss in die Zuständigkeit seines Staatsministers für die Auslandstürken auch die Muslime ein: „Es ist nicht gerecht, wenn alle Muslime wegen einiger Randgruppen auf dieselbe Waag- schale gesetzt werden und wenn sie allein wegen ihrer Kleidung und ihrer Religion oder gar wegen ihrer Sprache diskriminiert werden." Er nannte in diesem Zusammenhang Antisemitismus, Rassismus und Islamophobie „Verbrechen gegen die Menschheit". Ähnliche Formulierungen hatte er auch in seiner Kölner Rede 2008 für die Assimilation gebraucht. Die Richtung ist klar. Die türkische Regierung will die Gruppenrechte ihrer Türken und Muslime in Europa stärken, es geht ihnen um „Partizipation" der Gruppe an der Macht, nicht um die Integration der Bürger. Und genau diese Formulierungen hörte man am letzten Freitag vom Sprecher der Ditib, Bekir Alboga. Die Verbände wollen „das Recht auf ihr religiöses Leben" durchsetzen. Sie meinen damit die Scharia. Wenn sie dies auf dem politischen Weg nicht erreichen, werden sie es wieder, wie Milli Görüs es seit Jahren vormacht, auf dem juristischen Weg versuchen. Mit Klagen, wie sie es beim Kopftuchverbot für Lehrerinnen, beim Schächten, bei der Befreiung vom Schwimmunterricht und beim Religionsunterricht getan haben.
Moschee Duisburg Marxloh 
Den Islamverbänden geht es um Einfluss, nicht um Integration. Ein konkretes Beispiel dieser Politik ist die als „Wunder von Marxloh" weltweit gepriesene Ditib-Moschee in Duisburg. Mit Millionen Euro aus der EU und vom Land Nordrhein-Westfalen subventioniert, sollte die Einrichtung den interreligiösen Dialog befördern. Ein Jahr nach der Einweihung haben die konservativen Kräfte der Ditib den Moscheevereins- vorstand ausgewechselt, werden Deutschkurse gestrichen und interreligiöse Angebote gekürzt, so dass die kopftuchtragenden Besucherinnen der Moschee protestierten und forderten: „Wir wollen Deutsch lernen!" Ob sie an der Konferenz teilnehmen, ist für die KRM-Verbände wie alles eine taktische, keine grundsätzliche Frage. Sie sind an einem demokratischen Diskurs nicht interessiert und keine Vertreter der spirituellen Bedürfnisse der Gläubigen, sondern Glaubensparteien, von niemandem gewählt, nur einer globalen Islamstrategie folgend. Ich hoffe, die Politik erkennt rechtzeitig, dass die Zeiten vorbei sind, in denen der Innenminister als Moderator auftreten kann. Der Innenminister muss konsequent bleiben, und die Islamkonferenz muss im Zweifel auch ohne diese Verbände stattfinden. Man darf sich nicht von ihnen abhängig machen, Integration und der Diskurs über einen zeitgemäßen Islam sind zu wichtig. Eigentlich müsste die Regierung dieses Landes uns Muslime vor diesen klandestinen Interessen besser schützen als bisher. FAZ100316NedaKelek

Ankara will beschränkte Immunität für Imame Foto: Ministerpräsident Erdogan vor türkischen Landsleuten 2008 in Köln
Die türkische Regierung will den von der Religionsbehörde angestellten Imamen künftig eine be- schränkte Immunität vor Strafverfolgung garantieren. Ein in das Parlament eingebrachter Gesetzentwurf sehe vor, dass die Prediger nur mit Zustimmung ihres Dienstherrn angeklagt werden können, berichtete die türkische Tageszeitung „Sabah". Damit werde auch die Möglichkeit eingeschränkt, Imame für poli- tische Äußerungen juristisch zu verfolgen. Der Gesetzentwurf über die Aufgaben der Religionsbehörde Diyanet sehe vor, dass deren Chef dem Ministerpräsidenten unterstehe und diesem berichte. Er werden zunächst fünf Jahre bestimmt mit der Möglichkeit einer weiteren Amtszeit. Mit dem neuen Gesetz sollen auch strenge Regeln für die Annahme von Geschenken eingeführt werden. Das Diyanet kontrolliert die Ausbildung der Imame und die Aus¬legung der religiösen Quellen. FAZ100319dpa

Frau Prof.Böhmer: Vertritt der Koordinierungsrat die Muslime?
Frau Prof.Maria Böhmer, haben Sie mit dem von den muslimischen Verbänden benannten Koordinierungs- rat den Ansprechpartner, den Sie brauchen und den Sie sich wünschen? In Deutschland leben Schätzungen zufolge etwa drei Millionen Muslime. Die Verbände im Koordi- nierungsrat haben zusammen knapp 300.000 Mitglieder. Der Rat vertritt also nur etwa zehn Prozent der Muslime. Er kann also kaum für sich in Anspruch nehmen, die Interessen aller Muslime zu vertreten. Fragwürdig ist auch, dass nur einer der Verbände ein Vetorecht hat. Außerdem: Eine der ersten For- derungen des Ratssprechers Köhler war, Jungen und Mädchen beim Sportunterricht zu trennen - alles andere als ein gelungener Auftakt. NOZ050430
Nach Angaben des Islamarchivs in Soest sind in Deutschland derzeit 184 Moscheen im Bau oder in Planung. Bereits genutzt würden 159 Moscheen. Dazu kommen etwa 2.600 Gebets und Versammlungs- häuser sowie Schulmoscheen und islamische Gebetsstätten.
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