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Judenmission

Sie lesen auf dieser Seite:
1. Prof. Robert Spaemann: Gott ist Jude geworden
2. Alte Messe: Der Papst ändert das Karfreitags-Bittgebet für die Juden
3. Hohe Wellen in Jerusalem gegen das neue Bittgebet
4. Kardinal Kasper: neue Formulierung ist kein Dialog-Hindernis
5. Judenmission: Was das neue Testament sagt
6. “perfidus” und “perfida” - kritische Erklärung von Erik Peterson
7. USA: Rabbi Jacob Neusner verteidigt die Karfreitags-Fürbitte
8.  Walter Kardinal Kasper: “katholisch-jüdischer Dialog” gefährdet?
9. Spaemann: Kirchen dürfen bei Juden für ihren Glauben werben
10. Prof. Klaus Berge: Kirchenkritik auf Kosten der Bibel
11. Prof. Dr. theol. Karl-Heinz Menke: Zur Theologie des Judentums bei Joseph Ratzinger

Das Karfreitagsgebet: Annäherung an ein schwieriges Thema - Theologischer Diskurs1

Prof. Robert Spaemann       kipRobertSpaemann-x      Gott ist Jude geworden

Schon die Päpste des Mittelalters haben ungebührlichen Eifer in der Missionierung der Juden verboten.
Wie die Christen Zeugnis geben, ist eine Frage des Takts.
Eine Antwort auf Michael Brenner in der FAZ vom 28. 04. 09 von Robert Spaemann

   Gott ist kein Christ - darüber sind Juden, Christen und alle an Gott glaubenden Menschen einig. Aber Christen glauben etwas, worüber sie mit den jüdischen Juden nicht einig sind: Sie glauben, dass Gott ein Jude ist, seit näm- lich die zweite Person der Trinität in Jesus von Nazareth Mensch, wurde. Christen glauben ferner, dass Jesus der ist, von dem Jesaja sagt: „Er trug unsere Sünden, und durch seine Wunden sind wir geheilt." Und wenn Jesus von seinem Blut spricht, das „für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden", dann wollte er - so glauben wiederum die Christen - nicht ausgerechnet die Angehörigen seines Volkes ausnehmen. Er dachte vielmehr vor allem und zuerst an sie. Das alles muss niemand glauben. Aber wer es nicht glaubt, sollte doch nicht beleidigt sein, wenn Christen, die glauben, dass Jesus der Messias, der Erlöser der Menschen und der Sohn Gottes ist, in ihrem Gottesdienst darum bitten, dass alle Menschen zu dem kommen, was sie, die Christen, für eine Einsicht in die Wahrheit halten.
   Sollen sie doch darum bitten, meint Michael Brenner. Aber nur in dieser allgemeinen Form und nicht speziell für die Juden. Aber Christen können nun einmal nicht die Juden unter die „Ungläubigen" subsumieren, ohne ihr Selbst- verständnis aufzugeben. Sie betrachten auch nicht, wie Moses Mendelssohn, alle Religionen als gleichwertige Wege zu Gott, sondern sie glauben an einen privilegierten Zugang des Volkes Israel, bis zu dem Tag, an dem der Messias Jesus durch seinen Tod den Bund erneuert und geöffnet hat für jeden Menschen. Das universal gewor- dene Israel wird nun auch „Kirche" genannt, die Kirche aus Juden und Heiden. Wenn die katholische Kirche in ihrer Liturgie für alle Menschen Gott bittet, dann folgt aus der Einzigartigkeit ihres Verhältnisses zu dem „älteren Bru- der", dass sie es für die Juden in gesonderter Weise tun muss. Wie Papst Gregor der Große es den Christen verbot, die Juden zu Änderungen ihrer gottesdienstlichen Riten zu drängen, so sollten sich auch die Christen selbst nicht vorschreiben lassen, in welcher Weise sie ihrer Liebe zu den Juden im Gebet Ausdruck geben.
   Was die jüngste Geschichte dieses Gebetes am Karfreitag betrifft, so wiederholt Brenner leider, was ich in meinem vorigen Artikel (FAZ vom 20. April) richtig gestellt hatte: dass Benedikt XVI. mit seiner Neuformulierung „hinter Johannes Paul II. zurückgegangen" sei. Tatsache ist, dass Johannes Paul II. bei der Wiederzulassung der alten römischen Liturgie auch das alte Karfreitagsgebet in unveränderter Form wieder zuließ. Benedikt, dessen jüdische Kontakte übrigens viel enger sind als die seines verehrungswürdigen Vorgängers, fasste das Gebet neu, und zwar so, dass es der Sicht des Zweiten Vatikanums genauer entspricht. Das bedeutet aber auch, dass er den Namen Jesus nicht, wie das Messbuch Pauls VI., verschwinden lässt. Zu wünschen wäre, dass diese untadelige Neufassung auch in die neue Form der Liturgie eingeführt würde. Übrigens hat das nachkonziliare Stundenbuch die am Karfreitag eliminierte Bitte in die Vesper des 2. Mittwochs der Osterwoche sinngemäß neu eingefügt. Dort wird nun darum gebetet, dass Gott die Juden erleuchten möge, damit sie „den Sinn der Verheißung verstehen, die ihren Vätern gegeben wurde".
Päpstliche Beschützer
   Worum es dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken und Brenner in erster Linie geht, ist nicht das litur- gische Gebet selbst, sondern der aus ihm angeblich folgende Versuch von Christen, jüdischen und nichtjüdischen, andere Juden zu überzeugen. Begründet wird dessen Verurteilung damit, dass die Christen das Recht hierzu schon durch die schlechte Behandlung der Juden im Mittelalter verwirkt hätten. Dazu wäre viel zu sagen. Alle Schändlichkeiten, die Brenner aufzählt, haben ja tatsächlich stattgefunden. Aber bei der Beurteilung derselben muss man doch den historischen Kontext in Rechnung stellen. Erstens die Tatsache, dass zunächst und im Prinzip die Juden in jener Zeit einzigartig privilegiert waren. In einer religiös homogenen Zivilisation, in der christliche Häretiker verbrannt, die Katharer vernichtet wurden und in der keinem Nichtchristen dauerhaft zu leben erlaubt war, waren die Juden die einzige gesetzlich tolerierte Religionsgemeinschaft mit Gottesdiensträumen und freier Kultausübung.
   Die Juden waren die einzige geduldete religiös-kulturelle Minderheit. Ihr Schutz vor Schikanen, Ausplünderung, Ermordung oblag allein der Kirche. Er war vor allem Anliegen der Päpste, angefangen von Gregor I. im siebten Jahrhundert, der dem Bischof von Neapel die uneingeschränkte Freiheit der jüdischen Religionsausübung zur Pflicht machte, über Alexander II. (1061 bis 1073), der „ungebührlichen Eifer bei der Bekehrung der Juden" tadelt und stattdessen „demütige Ermahnung" empfiehlt, „wobei einem jeden die Freiheit der Entscheidung behalten bleibt", bis zum „Dekret für die Juden" Innozenz' III. von 1199, der mit Exkommunikation jeden Christen bedroht, der Juden leichtfertig verletzt, ihre „Zeremonien verändert", „ungeschuldete Dienste einfordert" oder „wagt, einen Judenfriedhof zu schänden". Der Papst beruft sich für seine von den Juden erbetene Intervention auf sechs seiner Vorgänger.
   Ich erwähne noch den Bischof von Mainz, der vom Pöbel aus seinem Palais vertrieben wurde, weil er dieses den pogrombedrohten Juden als Zufluchtsstätte geöffnet hatte, und Papst Benedikt XIV., der im achtzehnten Jahrhun- dert unter Berufung auf Thomas von Aquin jede Taufe von jüdischen Kindern gegen den Willen ihrer Eltern streng verbietet. Das alles weiß fast niemand, aber es ist nicht fair, immer wieder über die gedemütigte und gefährdete Existenz der Juden im Mittelalter zu berichten und kurzerhand für alle Aktionen von Obrigkeiten und Pöbel „die Kirche" verantwortlich zu machen.
Antisemitische Aufklärer
   Brenner entwirft ein fiktives Szenario, in dem die Rollen von Juden und Christen vertauscht sind. Man muss an- nehmen, dass es den Christen in diesem fiktiven Mittelalter schlimmer ergangen wäre, als es den Juden im tatsächlichen erging. Christentum wäre so wenig eine erlaubte Religion gewesen wie im alten Rom, wo Juden mit der Staatsmacht kooperierten, um Christen zu beseitigen. Nach dem babylonischen Talmud war das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias ein todeswürdiges Verbrechen. Die Schmähkritik an den Christen war schon vor dem Mittelalter hemmungslos. Aber auch intern schreckten Juden bei der Ketzerverfolgung nicht vor der Kooperation mit der Inquisition zurück, von der sie den „Führer der Unschlüssigen" des Moses Maimonides verbrennen ließen - eine Erklärung für den Antisemitismus der französischen Aufklärung, insbesondere Voltaires, der die Juden fast ebenso hasste wie die Kirche.
   Aber mag das alles sein, wie es will - ich kann der Logik nicht folgen, nach welcher, weil einmal Juden von Christen diskriminiert wurden, sie jetzt weiter diskriminiert werden sollen, indem die Kirche Christi sich zur Heiden- kirche erklärt, in der die Angehörigen des Volkes Jesu nichts mehr zu suchen haben. Es ist einfach unnatürlich, der Frau im Gleichnis Jesu, die ihre verlorene Drachme wiedergefunden hat, zu verbieten, ihre Freunde und Nachbarn zur Feier dieses Glücksfalls zusammenzurufen.
   Wie das Zeugnis für Christus gegenüber Juden auszusehen hat, das ist eine eher psychologische Frage, eine Frage des Taktes. Schon die Apostel haben sich Heidenmission und Judenmission aufgeteilt. Paulus hat seinen „griechischen" Mitarbeiter sogar beschneiden lassen, um ihm Zugang zu den Synagogen zu verschaffen. Juden- christen sollten Juden für den Glauben an den Messias Jesus gewinnen. Und das gilt ja in der Regel wohl auch noch heute; zumindest aber sollten Heidenchristen, die in der Zeit der Diskriminierung und Deportation der Juden ihren jüdischen Mitbürgern und Mitmenschen keine Solidarität bezeugt haben, jetzt nicht versuchen, Juden von der Wahrheit des christlichen Glaubens zu überzeugen.
   Im Übrigen aber muss das Zeugnis nicht immer verbal sein. Schon das Wort „Judenmission" hat einen indiskre- ten Beigeschmack. Es schmeckt nach Aufdringlichkeit, nach jenem Eifer, den schon vor mehr als tausend Jahren der Papst verurteilte. Dass „ganz Israel gerettet wird", erwartet Paulus erst für das Ende der Geschichte. Die Struktur des Zeugnisses aber bleibt von den Ereignissen der Jahrhunderte unberührt. Sie ist vorgezeichnet in der Geschichte der Berufung der Jünger im Johannesevangelium. „Philipus findet Nathanael und spricht zu ihm: ,Wir haben den gefunden, von welchem Moses im Gesetz und die Propheten gesprochen haben, Jesus, Josefs Sohn, von Nazaret.' Und Nathanael sprach: ,Was kann schon von Nazaret Gutes kommen?' Philipus antwortete: ,Komm und sieh.'”
   Einen wichtigen Gesichtspunkt macht Matthias Morgenstern (FAZ 27. Mai) geltend, der die ganze Debatte auf einen realistischeren Boden stellen könnte und zu dem, wie er schreibt, ein Katholik eher Zugang hat als ein biblizistischer Protestant. Zwar verstehe ich nicht, wieso Paulus nicht wissen konnte, „wie die Tora den Gottes- gedanken fasst", wo er selbst als Schüler Gamaliels die Tora als Jude lange genug studiert hatte. Aber richtig ist, dass Morgenstern verlangt, das heutige Judentum nicht als biblische, sondern als nachbiblische Religion wahr- zunehmen, die sich nicht durch Christen vorschreiben lässt, wie ihr Heilsweg auszusehen hat. Insofern ist das heutige Judentum nicht die „Wurzel" des Christentums, sondern selbst ein Zweig aus dieser Wurzel, der im ersten Jahrhundert nach Christus entstand und sich von Anfang an in seiner Identität definiert durch die Unvereinbarkeit mit dem christlichen Glauben. Das Judentum kann das Christentum ignorieren, aber das Christentum nicht das Judentum. FAZ090602   Der Philosoph Robert Spaemann veröffentlichte zuletzt das Buch „Rousseau - Mensch oder Bürger: Das Dilemma der Moderne".

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Alte Messe: Der Papst ändert das Bittgebet für die Juden und ordnet für den außerordentlichen Ritus eine neue Form der Karfreitagsfürbitte an.Foto: Benedikt liest in einem Werk von Erik Peterson siehe dazu den Artikel unten

   Es hatte im Vatikan auch andere Stimmen gegeben. Und zwar solche, die es nicht für nötig erachteten, die Für- bitte für die Juden in der Karfreitagsliturgie, wie sie im wieder zugelassenen Messbuch von 1962 enthalten ist, abzuändern. In diesem Formular ist noch von einer Verblendung jenes Volkes die Rede, das aus seiner „Fins- ternis entrissen” werden solle. Mit der Wiederzulassung der „alten” Messe wäre diese Bitte in der Karwoche in solchen Gemeinschaften gebetet worden, die nach dem alten Ordo auch die Karliturgie feiern. Dagegen hatten jedoch jüdische Kreise, aber auch dem Dialog mit dem Judentum besonders verbundene christliche Gruppierungen protestiert.
   Papst Benedikt XVI. hat diese Streitfrage nun entschieden und die Karfreitagsfürbitte „für die Juden” geändert. Im lateinischen außerordentlichen Ritus muss am Karfreitag das Gebet für die Juden in einer neuen Form ge- sprochen werden. Das geht aus einer Note des vatikanischen Staatssekretariats hervor, die in der Mittwochs- ausgabe des „Osservatore Romano” erschienen ist.
   Die neue lateinische Fürbitte für den lateinischen „außerordentlichen Ritus" lautet nun in deutscher Über- setzung: „Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen. Lasset uns beten. Beuget die Knie. Erhebet euch. Allmächtiger ewiger Gott, der Du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet wird. Durch Christus unseren Herrn. Amen”.
  Im neuen Messbuch von 1970, das in Deutschland 1975 erschienen ist, hatte die Karfreitagsfürbitte für die Juden bereits einen anderen Klang: „Lasst uns beten für die Juden, zu denen Gott unser Herr zuerst gesprochen hat. Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu denen sein Ratschluss sie führen will. Beuget die Knie, erhebet Euch.” Dass Papst Benedikt die im alten Messbuch enthaltene Fürbitte für die Juden diesem Gebet angepasst hat, werten Beobachter als Zeichen der Wertschätzung und des Entgegenkommens gegenüber der jüdischen Welt. Dem Papst scheint dieser Schritt wichtig gewesen zu sein. Er hat ihn angeordnet, bevor noch die für Traditionalisten zuständige Vatikan-Kom- mission „Ecclesia Dei” die bereits mehrfach angekündigten Ausführungsbestimmungen zum Motu proprio „Summorum pontificium” erlassen hat und in der Karwoche dem alten Ritus verbundene Gemeinschaften die ursprüngliche Fürbitte gebetet hätten. DTGuidoHorst 080207

Hohe Wellen in Jerusalem. Der Streit über die revidierte Fürbitte der Karfreitagsliturgie der Kirche

   Als feige und als „Bruch des Vertrauens” wird in Israel die revidierte Fürbitte in der Karfreitagsliturgie der katho- lischen Kirche zurückgewiesen. Auch italienische Juden üben Kritik. Allein der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) des Zentralrats der Juden in Deutschland, Brandt, sprach von einer „bedeutenden Ver- besserung”. Was ist geschehen? In der jetzt von Benedikt XVI. revidierten Fassung sind zwar alle beleidigenden Worte gegenüber den Juden gestrichen. Sie gelten nicht mehr als „perfide”. Es muss nicht mehr der „Schleier vor ihren Augen” entfernt werden. Aber noch immer sollen Katholiken für Juden beten, auf dass sie „zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen” und „ganz Israel gerettet wird”. Weiterhin sieht sich die katholische Kirche also gegen- über dem Judentum als einer Wahrheit teilhaftig, von der die Juden nichts wissen. Der Papst spricht zwar nicht mehr vom „Schleier vor ihren Augen”, aber es gibt ihn noch. Dabei ist die Neufassung des lateinischen Textes schon eine Verbesserung der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil entschärften Fürbitte von 1962, in der von der „Verblendung jenes Volkes” die Rede war, das aus seiner „Finsternis entrissen” werden müsse. Es gibt also einen weiteren Fortschritt der Formulierung, aber doch so recht keinen Sinneswandel in der katholischen Kirche. Bei einem Treffen christlicher und jüdischer Gelehrter in Jerusalem schlugen darum die Wellen hoch. Vor allem der im interreligiösen Dialog aktive und im Vatikan geachtete Rabbiner Rosen ist enttäuscht; der internationale „Direktor für Interreligiöse Angelegenheiten” im American Jewish Comittee sieht sich „verletzt”. Waren alle Gespräche der vergangenen Jahre umsonst, keine theologische Annäherung? Man könne sogar von einer Art Betrug reden, fand Rosen, nachdem den jüdischen Partnern versichert worden war, der Text werde die Juden zufriedenstellen. Bei vielen Gesprächen, an denen Kardinal Ratzinger vor seiner Wahl zum Papst und jetzt Kurienkardinal Kasper beteiligt gewesen seien, hätten diese beteuert, dass der Bund Gottes mit den Juden Bestand habe und nichts weiter für ihre Erlösung nötig sei. Freilich habe der Papst nun seine eigene ältere Darstellung als Theologe und Kardinal nicht mehr genutzt, stellte Rosen fest. Bei der Veranstaltung wollten andere Katholiken die Revision des Papstes retten. Der arabisch-katholische Pater Jemal bezeichnete das Gebet als „innerkatholische Angelegenheit”. Wenn er das Gebet spreche, denke er nicht herabwürdigend an die Juden. Der Dekan des vatikanischen ökume- nischen Forschungsinstituts Tantur, MacGary, meinte, die lateinische Karfreitagsliturgie werde höchstens von einem Prozent der katholischen Gläubigen verstanden. Sie sei mehr durch ihren fremden mystischen Unterton als durch ihren Inhalt wichtig. Das verstanden die jüdischen Gesprächspartner als Ausweichen.
   In „Haaretz” bezeichnete der israelische Vatikankenner und Gelehrte Minerbi die Revision als „grässlich”. Der Papst wolle unter allen Umständen die reaktionären Kräfte in der Kirche zufriedenstellen. Dass dabei der Dialog mit den Juden leide, sei ihm nicht wichtig. Die Zeitung zitierte auch den Kirchenhistoriker Meloni vom religions- wissenschaftlichen Institut in Bologna: „Der neue Text charakterisiert das Verhältnis Benedikts XVI. zum Judentum, das weit weniger positiv ist als das seines Vorgängers Johannes Paul II.”
   Der römische Oberrabbiner di Segni hält das Gebet  „für ein grundlegendes Hindernis im Dialog zwischen Juden und Christen, ein Schritt um 45 Jahre zurück”.  Der Kölner Rabbiner Teitelbaum hofft, „dass es nicht die Intention ist, die andere Seite zu missionieren”. Einen Dialog könne es nur geben, wenn die Juden in ihrem Anderssein akzeptiert würden.
   Dagegen wehrte sich Kardinal Kasper. Die Karfreitagsliturgie könne für die Juden kein Hindernis zum Dialog sein, sagte er in einem Zeitungsgespräch. Bei dem Gebet handele es sich um ein Zitat aus dem Römer-Brief des Apostels Paulus. Die Bibel aber sei für die Christen ein normativer Text. Niemand könne es als Beleidigung verstehen, wenn sich die Christen an ihre Heilige Schrift hielten, sofern sie sie nicht aggressiv auslegten. Zudem bringe Paulus mit dem Hinweis auf das Volk Israel, das in die Kirche eintreten werde, eine endzeitliche Hoffnung zum Ausdruck. Das sei kein Missionsaufruf. Für die Christen sei Jesus der Messias und der Sohn Gottes, für die Juden nicht. Dieser Unterschied sei grundlegend und werde auch im Dialog mit den beiden Religionen akzeptiert, sagte Kasper. FAZJörgBremer08021

Kontroverse um geänderte Karfeitagsfürbitte. Unterschiedliche jüdische Reaktionen -
 Kardinal Kasper: Neue Formulierung kein Dialog-Hindernis

   Die Neufassung der katholischen Karfreitagsfürbitte für die Juden im außerordentlichen Ritus ist in jüdischen Kreisen unterschiedlich aufgenommen worden. Der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) des Zentralrats der Juden in Deutschland, Henry Brandt, begrüßte die Formulierungen. Die Italienische Rabbiner- versammlung kündigte demgegenüber an, sie werde das Gespräch mit der katholischen Kirche vorerst auf Eis legen. Kurienkardinal Walter Kasper sagte, die Formulierungen könnten nicht als Beleidigung der Juden miss- verstanden werden. Es gehe nicht um eine neue Judenmission.
   Henry Brandt sagte gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) zur Neufassung der katholischen Kar- freitagsfürbitte, es handele sich um eine „bedeutende Verbesserung” gegenüber den früheren Formulierungen der lateinischen Messe. Der Vatikan hätte allerdings gut daran getan, dieses Problem schon vor der Wiederzulassung der lateinische Messe von 1962 als „außerordentliche Form” im vergangenen September zu lösen. Dann wäre „viel böses Blut vermieden” worden. Brandt äußerte Verständnis dafür, dass die katholische Kirche in der Fürbitte da- rum betet, dass auch die Juden Jesus Christus erkennen mögen. Das sei aus christlicher Sicht und in einem liturgi- schen Text legitim, sagte er. Auch die Juden beteten darum, dass alle Menschen den einzigen Gott erkennen mögen.
   Kritik übte der Rabbiner an der Haltung der Italienischen Rabbinerversammlung, die angekündigt hatte, das Gespräch mit der katholischen Kirche zunächst auf Eis zu legen. Die Neuformulierung zeige, dass die Kirche das Thema ernst nehme und ihre Haltung kritisch prüfe, sagte Brandt. Um so wichtiger bleibe das Gespräch zwischen Katholiken und Juden. Der jüdische Historiker Günther B. Ginzel hatte zuvor im domradio Köln die Streichung der gesamten Fürbitte gefordert. Dass durch die Wiederzulassung des alten Ritus dieser Text wieder ausgesprochen werde, sei ein „Liebesdienst an antijüdische, reaktionäre Kreise” in der katholischen Kirche und ein Rückschritt im christlich-jüdischen Dialog. Auch der Kölner Gemeinderabbiner Netanel Teitelbaum zeigte sich enttäuscht. Er hoffe, es handele sich nur um ein Missverständnis, sagte er Radio Vatikan. Er verlangte eine Klarstellung des Papstes, um den Dialog nicht zu gefährden. Gleichzeitig erinnerte er an die Ansprache des Papstes 2005 in der Kölner Synagoge.
   Für den deutschen Kurienkardinal Walter Kasper kann die Neufassung der Karfreitagsfürbitte kein Hindernis für den jüdischchristlichen Dialog darstellen. Bei der Fürbitte handele es sich um ein Zitat aus dem Römerbrief des Apostels Paulus, sagte er in einem Interview mit dem „Corriere della Sera”. Kasper fügte hinzu, die Bibel sei für die Christen ein normativer Text. Niemand könne es als Beleidigung verstehen, wenn sich die Christen an ihre Heilige Schrift hielten, sofern sie sie nicht aggressiv auslegten. Zudem bringe Paulus mit dem Hinweis auf das Volk Israel, das in die Kirche eintreten werde, eine endzeitliche Hoffnung zum Ausdruck, so der Kardinal weiter. Das bedeute keinen Missionsaufruf. Er erläuterte, dass es sich um ein Gebet der katholischen Liturgie handele. Für die Christen sei Jesus der Messias und der Sohn Gottes, für die Juden nicht, hob Kasper hervor. Dieser Unterschied sei grundlegend und werde auch im Dialog zwischen den beiden Religionen akzeptiert. Ziel eines Dialogs könne nicht sein, bestehende konstitutive Unterschiede zu tilgen. DTkna080209

Vatikan: Ist der Streit um Karfreitagsfürbitte bald beigelegt?

   Sollen Christen Juden missionieren oder nicht? Das scheint die Kernfrage im Streit um die Karfreitagsfürbitte im „außerordentlichen Ritus” der Messe zu sein – auf Proteste hin änderte der Vatikan kürzlich den Text. Nun ist nicht mehr vom „der Verblendung” der Juden die Rede - und doch geht der Streit weiter! Kommende Woche werden im Vatikan jüdische Delegationen zu Gesprächen erwartet. Kardinal Kasper äußerte die Hoffnung, dass dann der Streit beigelegt werden könne. P. Norbert Hofmann SDB ist für den Dialog mit den Juden zuständig. Zu den Hinter- gründen sagt er:
   „Verstimmung gab es deswegen, weil jüdischerseits das Gebet dahingehend missverstanden wurde, dass sie meinten, es handele sich um einen Aufruf zur Konversion aller Juden. Das ist aber sicher ein Missverständnis. In der katholischen Kirche gibt es – wie Kardinal Kasper sagt – kein Institut zur systematischen Bekehrung von Juden zum Christentum. Aber wie gesagt, dieses Gebet von Papst Benedikt XVI. formuliert spiegelt ganz klar unsere Theologie wieder.”
Die Gestalt Jesu Christi sei der neuralgische Punkt im jüdisch-christlichen Dialog.
   „Martin Buber sagte, dass der Glaube Jesu Juden und Christen eint, dass aber der Glaube an Jesus Christus Juden und Christen trennt. Wie Jesus von Nazaret einzuordnen ist, da ist die Sicht von Juden und Christen sehr verschieden. Juden können anerkennen,  dass er ein Jude der damaligen Zeit war, dass er ihr Bruder war, wie Pinchas Lapide. Aber sie können sicher nicht anerkennen, dass er der Sohn Gottes ist, dass er der Messias Israels ist. Für uns aber ist Jesus Christus der Sohn Gottes, der Heiland, der das Heil für alle Menschen bringt. Jesus Christus ist die kontroverse Figur, und die wird es auch bleiben im jüdisch-christlichen Dialog.”
   Christen müssten auch Juden gegenüber Zeugnis geben von ihrem Glauben. Allerdings: „Evangelisierung heißt, ein Angebot machen, Jesus Christus und seine universale Heilsmittlerschaft zu erkennen. Evangelisierung heißt nicht „zwanghaftes Missionieren”. Bei den Juden steht natürlich im Hintergrund die leidige Geschichte im Mittel- alter: Einer Zeit, in der auch ganz bewusst Judenmission gegeben hat und zwar auch gewaltsam. Das ist damit alles nicht intendiert.” rv080306mc

Judenmission: Was das Neue Testament sagt. Die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte in der „alten Messe” sorgt für Diskussionen - Wie aber steht es um den biblischen Befund und was bedeutet das für heute?

 Die vollständige Bekehrung des jüdischen Volkes zum Glauben an Jesus Christus ist dem judenchristlichen Apostel Paulus ein Herzensanliegen. Das ist nicht so dahergesagt. Dem gilt die ganze Sehnsucht des Apostels. Er kennt drei Wege, auf denen dieses Ziel verwirklicht werden könnte: Die Fürbitte, die Mission und das, was Gott selbst am Ende der Zeiten dafür tun wird. Der heilige Apostel Paulus betet im Römerbrief für die Bekehrung seines Vol- kes: „Es ist mein innigster Herzenswunsch und ich bete flehentlich zu Gott, dass mein Volk den Weg zum Heil fin- den möge.” Rö 10,1 Hat Israel den Weg zum Heil noch nicht gefunden? Paulus sagt dazu: „... hnen fehlt die rechte Einsicht. Denn sie versuchen, auf dem alten, rein jüdischen Weg gerecht zu werden... Sie haben den wahren Weg zur Gerechtheit links liegen lassen. Denn Christus hat das gebracht, was das Gesetz nicht leisten konnte ...”. - Wenn der Papst daher die Karfreitagsfürbitte im außerordentlichen Ritus neuformuliert, dann hält er sich gewis- senhaft an Paulus: „Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen”.
Gott wird Israel bekehren
  Am Schluss der einschlägigen Kapitel Rö 9-11 hält Paulus noch eine Überraschung bereit. Er hat Einsicht in ein Geheimnis der Heilsgeschichte bekommen: „ ... die Verstockung der Juden wird nur so lange dauern, bis alle Heidenvölker für das Evangelium gewonnen sind. Ganz Israel wird so zum Heil kommen, wie es in der Schrift beschrieben ist: ,Von Sion her kommt der Befreier, der Israels Schuld aufheben wird. Und ich werde meinen Bund mit ihnen verwirklichen, wenn ich ihre Sünden vergebe.’” 11,25-29. Am Ende der Geschichte also, wenn die Heiden bekehrt sind, wird Jesus erneut zu Israel kommen („Von Sion kommt der Befreier ...”). Zweifellos besteht der  Sinn des abermaligen Kommens Jesu nach Paulus darin, dass Israel Erbarmen findet und seinen Messias an- erkennt. Wie sagt es der Papst? „ ...dass, wenn die Fülle der Völker in deine Kirche eingetreten ist, ganz Israel gerettet wird.”
   Und zur Mission sagt Paulus, er sei aus folgendem Grund als Missionar für die Nichtjuden tätig: „Meine jüdischen Geschwister will ich zum Protest herausfordern, um sie zum Nachdenken zu bringen, vielleicht kann ich ja einige von ihnen retten.” Und in Rö 9,2f sagt er zu diesem Thema: „Mein Volk erfüllt mich mit tiefer Trauer und großem Schmerz. Ich würde es sogar auf mich nehmen, von unserem Messias getrennt und fern zu sein, wenn ich dadurch meinen jüdischen Geschwistern helfen könnte. Sie gehören doch zu mir ...". Nach 11,11 will Paulus die nicht- christlichen Juden zornig machen, damit sie zum Glauben kommen. Man gewinnt den Eindruck, dass Paulus selbst eher zur indirekten Mission neigt, also durch die Wirkung seiner Heidenmission die Juden bewegen möchte. Das ist auch gut verständlich, weil viele Juden gegen Paulus, den vermeintlichen Renegaten, extrem aufgebracht waren.
   Nun gibt uns im Neuen Testament nicht nur Paulus Auskunft über das Thema der späteren Christianisierung der Juden. Zwei äußerst gewichtige Zeugnisse treten hinzu, und zwar aus den vier Evangelien. Zunächst geht es um Jesu eigene Erwartung nach der sehr alten Matthäus und Lukas gemeinsamen Überlieferung aus der sogenannten Logienquelle. Zitiert nach Lukas 13,35 heißt es da: „Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln ... doch ihr wolltet nicht. Zur Strafe wird euer Haus verlassen dastehen, der Tempel leer sein. Doch eines Tages werdet ihr mich wiedersehen. Dann werdet ihr mir zurufen: ,Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!’”parallel: Mt 23,37-39. Auf Jesu Predigt zu Lebzeiten hat Israel im Ganzen nicht gehört. Deshalb wird Jerusalem zerstört.
   Das ist soweit allgemein verbreitetes jüdisches Prophetenbild: Wenn Israel auf einen Propheten nicht hört und ihn gewaltsam behandelt, wird zur Strafe Jerusalem zerstört. Doch später wendet sich Gott Israel wieder zu; aus der Zerstreuung darf es heimkehren. Diese letzte Phase ist bei Jesus anders gestaltet: Nicht Israel kehrt heim, sondern Jesus kehrt zurück. Und bei seiner Rückkehr wird er freudig empfangen werden.
  Denn Israel wird ihn jetzt anerkennen. Der alte Pilgerruf „Gelobt, der da kommt im Namen des Herrn” Ps 118,26 wird ertönen, und „der da kommt” ist nicht ein gewöhnlicher Pilger, sondern hier schiebt sich die selbstständige Bedeutung, die der Ausdruck „der da kommen soll” in diese Szene ein. Und der, „der da kommen soll”, ist der Messias, die Wendung ist bei Juden und Samaritanern längst zur Fachbezeichnung des Messias geworden. Man vergleiche die Täuferanfrage an Jesus Mt 11,3: „Bist du der, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?” Das heißt: Auch Jesus selbst erwartet, dass er ein zweites Mal kommen und dass Israel sich dann zu ihm bekehren und bekennen wird.
   Die Übereinstimmung der Erwartung des Apostels Paulus nach Rö 11 und der eigenen Erwartung Jesu nach Mt 23; Lk 13 ist frappierend. Sowohl Jesus als auch Paulus erwarten für das Ende eine vollständige Bekehrung Israels, und zwar in Jerusalem. Es ist nun die Eigenart jüdischer Zukunftshoffnungen, dass keine einzige dieser Erwartungen sozusagen „vom Himmel” fällt. Stets geht es um Neugestaltung, Umbau und Umformulierung älterer Erwartungen. So auch in diesem Fall. Dass Jesus zweimal kommt, einmal eher unspektakulär und beim zweiten Mal dann „richtig” und so, dass alle Heilserwartungen erfüllt werden, das beruht auf einem älteren jüdischen Grund- satz oder Dogma, nach dem in der Tat der Messias zweimal kommen wird. Der Messias kommt zu Israel und stellt es wieder her, „und die gehungert haben, werden Wunder schauen”.
   Wenn er aber wiederkommt, dann zur Auferstehung, und er wird sich auf den Thron seines Königsreiches setzen und niemand wird mehr sterben. Nach anderen wird der Messias beim zweiten Kommen die Heiden richten, den Rest Israels aber befreien. Diese Erwartung vom doppelten Kommen des Messias wird in den christlichen Texten aufgegriffen. Der Schlussakt ist nicht gegen die Heidenvölker gerichtet, sondern dient ihrer Bekehrung. Die christ liche Erwartung, dass der Messias zweimal kommt, ist also nicht ungewöhnlich. Entweder stellt er schon beim ersten Kommen Israel wieder her oder beim zweiten Kommen die zwölf Stämme. Beim zweiten Kommen werden die Heiden zur Anerkennung des jüdischen Gottes gelangen. Im Neuen Testament bietet das zweite Kommen die Chance, Israel ganz zu erlösen.
   Eine besondere Auffassung von Judenmission hat das 4. Evangelium, ein juden-christliches Evangelium für jüdische Leser. Von einer Missionierung der Juden ist scheinbar nicht die Rede. Es gibt auch keine Reden Jesu, mit oder nach denen die Jünger ausgesandt werden. Sendung ist nur im Sinne von Bevollmächtigung, aber nicht im Sinne von Wegschicken zu verstehen. Dennoch ist dieses keine „unmissionarische” Gemeinde. Die missionarische Wirkung ist anders vorgestellt: „Lass alle eins sein, wie du, Vater, mit mir eins bist und ich mit dir. Lass auch sie eins mit uns sein, damit die Welt glauben kann, dass du mich gesandt hast. Jo 17,22 Ich habe ihnen die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, weitergegeben, damit sie eins sind, wie auch wir eins sind ... So kann die Welt erkennen, dass du mich gesandt und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast” Joh 17,21-23.
   Das heißt: Hier geschieht die Mission, indem die Außenstehenden das liebevolle Miteinander in der Gemeinde beobachten. Man nennt diese Mission zentripetal, weil die Gemeinde so, wie sie ist, so, wie sie sich gibt, im Mittel- punkt steht. Sie wird gewissermaßen von den Außenstehenden erstrebt. Die Mission geschieht nicht, indem Men- schen von der Gemeinde ausgehen, sondern indem Menschen zur Gemeinde hinzukommen. Man weiß, dass so auch jüdische Gemeinden ihre Proselyten (Übertretende aus dem Heidentum) gewonnen haben. Das ist ein Werben durch das bloße Dasein. Der Evangelist Johannes weiß wie der Evangelist Matthäus vgl. 5,15f um die werbende, missionarische Bedeutung des vorbildlichen Miteinanders.
„Alle Heidenvölker” oder „alle Völker”?
   Bezieht sich der Missionsbefehl Jesu in Mt 28,18-20 auf alle Völker (inklusive Israels) oder „nur” auf alle Heiden- völker? Die Antwort auf diese Frage ist in jedem Falle umstritten. Denn das griechische Wort „ethne”, das in 28,20 gebraucht wird, bezieht sich in der griechischen Bibel stets auf die Heidenvölker, zu denen Israel nicht gehört. Aber das Matthäus-Evangelium kennt auch eine eigene Judenmission. Sie wird ausdrücklich auf die Zeit vor Ostern zurückgeführt. Sie ist anders als die Heidenmission. Denn bei der Heidenmission nach Mt 28,19f steht das Lehren und das zu Jüngern Machen im Vordergrund. Die Taufe ist trinitarisch, weil die Heiden ja auch den Vater nicht kannten. - Die Judenmission ist dagegen ein getrenntes Unternehmen: Die Jünger gehen nicht auf samarita- nischen oder heidnischen Wegen, sie wirken Wunder wie Jesus selbst was in Mt 28 fehlt, und auf jeden Fall gilt, dass sie mit ihrer Aufgabe in den Städten Palästinas nicht fertig sein werden, „bis der Menschensohn zum Gericht kommt” 10,23, also wird sie auch in der Gegenwart des Evangelisten fortgesetzt. Von dieser vorösterlich begon- nenen Mission kann Jesus sagen, er sei nur zu den verlorenen Schafen Israels gesandt 10,6; 15,24. Für die Sendung durch den Auferstandenen nach Ostern gilt das nicht - hier ist ja auch nicht Jesus gesandt, sondern seine Jünger.
   Resultat: Das Missionieren der Städte Israels wird bis zum Wiederkommen des Menschensohnes fortgesetzt. Es ist eine Mission, die wesentlich an Zeichen (Wundern) ausgerichtet ist (Mt 10,8: Kranke, Tote, Aussätzige, Beses- sene, Stichwort: Vollmacht). Die Mission unter den Heidenvölkern vollzieht nicht mehr der sichtbare Jesus selbst, sondern die von ihm ausgesandten Jünger (Jesus ist unsichtbar mit ihnen 28,20). Betont wird die Belehrung. Nach Mt 10,1 empfangen die Jünger „Vollmacht”, nach Mt 28 hat  Jesus allein Vollmacht 28,18. Bedenkt man die Unter- schiede, dann hat man Mühe, das Wort „Mission” einfach für beides zu verwenden. Bei der Israelmission nach Mt 10.15 geht es in erster Linie um eine Demonstrationsreise von Jüngern durch die Städte Israels. Nach Mt 28,19 f eher um Unterricht und „Initialkatechese”. Damit entsprechen die beiden Arten von Mission nach Matthäus recht genau dem, was auch der Apostel Paulus in 1 Kor 1,22 sagt: Die Griechen erwarten Weisheit (Belehrung), die Juden dagegen Zeichen wie Mt 10,8. So ergibt sich: Das Matthäus-Evangelium kennt eine auf Jesus selbst zurück- gehende Judenmission. Diese ist in jeder Hinsicht von der Heidenmission abgegrenzt. An ihrer Berechtigung und Notwendigkeit besteht gar kein Zweifel.
   Von Lk 4 an bis zu Apg 28, bei Lukas geht es immer darum: Der Anfang an jedem Ort ist die Predigt in der Syn- agoge. Die Juden haben als Gottesvolk ein bleibendes Anrecht darauf. Das gilt auch für Synagogen in der jüdi- schen Diaspora: Erst wenn die Juden das Evangelium gehört und abgelehnt haben, sind die Heiden dran. Das Privileg der Juden auf das Hören der Erstverkündigung bleibt bestehen. Das heißt: Die Evangelien nach Matthäus, Lukas und Johannes, die Apostelgeschichte und Paulus kennen auch nach Ostern noch eine lebendige Juden- mission. Es besteht daher kein Grund, aus exegetischen Gründen nach dem Zeugnis des Neuen Testaments darauf zu verzichten. Dazu hat niemand das Recht!
  Ein besonderes Wort verdient noch Apokalypse 3,9. Von gegenwärtigen jüdischen Verfolgern der christlichen Ge- meinde soll nämlich in Zukunft gelten: „Ich werde dafür sorgen, dass sie zu dir kommen und vor dir auf die Knie fallen und anerkennen, dass ich dich erwählt habe”. Hier ist von einer Bekehrung von Juden die Rede, die ähnlich geschieht, wie das Evangelium nach Johannes sie wohl denkt.
   Wo das Neue Testament von Judenmission spricht, geschieht sie stets durch Judenchristen, nicht durch Heiden- christen. Das hat seinen guten Sinn. Denn das Heil kommt von den Juden und nicht von den Heiden. Die Wurzel Jesse blüht aus Israel selbst. Wie soll man als Heidenchrist den Juden etwas nahebringen, das sie durch Gottes Gnade aus Eigenstem erkennen könnten? Denn es sind - im Angesicht von Mission - eben nicht alle Völker gleich. Israel bleibt Gottes erste Liebe. - In der Gegenwart besteht freilich das Problem, dass die Judenchristen, jedenfalls die unter ihnen, die „messianische Juden” sind, zwischen den Konfessionen und Religionen zermalmt werden. Da Judenchristen aber heute aus vielerlei Gründen viel zu wenige sind, haben vielleicht doch irgendwie Heiden- christen die Aufgabe, für die Liebe zu Jesus zu werben.
   Sowie das Christentum römische Staatsreligion wurde, haben Judenverfolgungen begonnen. Deshalb vor allem erscheint es als undenkbar, dass Heidenchristen nach siebzehnhundert Jahren Judenpogromen anfangen wollen, Juden zum Christentum zu bekehren. Das gilt insbesondere für Deutsche. Derjenige kann nicht missionieren, der ganz offensichtlich im Namen seiner Religion Verbrechen begangen hat, die die Verwandten der zu Missionie- renden trafen. Der Pädagoge muss leben, was er lehrt. - So sehr ich dieses alles verstehe, gerade hier gibt es Unbehagen. Denn zu keinem Zeitpunkt waren christliche Missionare moralische Helden. Und wer erwartet, der Mis- sionar solle zunächst einmal die eigenen Sitten bessern, hat wiederum das Entscheidende nicht erfasst. So macht Christentum nur beiden Seiten Angst. Die Moral erweist sich hier als Falle. Denn nie wird irgendein Missionar moralisch perfekt sein. Und immer wird das Volk Israel sowohl im Ganzen als auch für jeden Einzelnen Klage erheben können, schlecht behandelt zu werden. Ob man Gutes oder Schlechtes vom Missionar empfangen hat, darf kein Kriterium sein, obwohl jeder aufgrund der geschehenen extremen Verbrechen sensibel geworden sein müsste. Mir sind die Texte wie Mt 5,15 und Joh 17,23 nicht unbekannt, wonach Glaubwürdigkeit im Verhalten Maßstab der Mission ist. Interessant ist freilich, dass es an beiden Stellen um das Verhalten der Christen zuein- ander geht. Man könnte sagen: um wieviel mehr gilt dann das Verhalten nach außen. Dennoch ist die Moralfrage eine Falle. Denn dann könnten Christen niemals irgendjemandem den eigenen Glauben weitergeben wollen. Das moralische Versagen ist furchtbar. Dennoch taugt es weder als Entschuldigung für mangelnden Mut zur Verkündi- gung („Wir können den Juden sowieso nichts sagen”) noch als Grund für die Ablehnung („Die Christen verhalten sich unmessianisch”). Das Christentum hat bessere Moral immer nur als Beiprodukt angesehen.
   Wir erinnern uns: Judenmission im Neuen Testament erfolgt nach Matthäus und Paulus durch „Zeichen”, also durch Wunder und andere geistliche Erfahrungen. Auch wenn Franz Werfel (gest.1945) nicht Christ wurde, weist er den rechten Weg zum Christentum. Ich denke an „Das Lied von Bernadette” (1941) und an „Der veruntreute Himmel” (1938). Hier geht es gerade nicht um Moral, sondern um Gottes Wirken an der Seele der Menschen. Die Annäherung an den Glauben ermöglichte in beiden Fällen die jüdische Mystik.- Ich denke an die heilige Edith Stein. Ihr Weg führte vom Judentum geradewegs in die Mystik des Karmel. Das gilt besonders für das Geheimnis der Stellvertretung („Ich sterbe für Deutschland”).
Die jüdische Mystik führt in die Tiefe des katholischen Glaubens
   Ich denke an den Weg des Kardinals Lustiger zum Christentum und an das Gebet des Jossei Rakover aus dem brennenden Warschauer Ghetto 1944, das gerade so endet wie das letzte Wort Jesu am Kreuz nach Mk 15,34: „Ich sterbe als von Gott Verlassener”. - Auf diesem Gebiet also, bei der Erfahrung der faszinierenden Gnade Gottes wider alle Moral, bei der Gotteserfahrung in der Tiefe des entsetzlichsten Leidens, immer wieder auch deutlich im Geheimnis der Zusammengehörigkeit von Gott mit seinem Volk beziehungsweise der Kirche, geht es auch um die Umrisse eines geistlich neu geklärten Christentums. Die jüdische Mystik führt in die Tiefe des katho- lischen Glaubens. So ist der oben zitierte Satz aus Apk 3,9, wenn man ihn nicht triumphalistisch, sondern theolo- gisch versteht, wohl doch wahr. Und warum soll Mission nicht zentripetal geschehen wie nach dem 4.Evangelium? DTKlausBerger080209

MarcChagall,Josef-x     Marc Chagall: Josef wird von seinen Brüdern erkannt

Erik Peterson erklärt kritisch die Begriffe “perfidus” und “perfidia” in den Fürbitten

   Erik Peterson – ein 1930 zum katholischen Glauben in Rom konvertierter protestantischer Theologe - zeigte 1936, dass mit den Begriffen “perfidus” und “perfidia” in der patristischen Literatur vor allem der Verlust des christlichen Glaubens gemeint war. Erst im Mittelalter nahm der Begriff in den Karfreitags-Orationen die Bedeutung einer unangemessenen moralischen Verurteilung des Volkes des Alten Bundes an.
   Die Befürchtung, die Freistellung des Gebrauchs des Messbuchs von Pius V. könnte den Begriff „perfidia iudaica” im Karfreitags-Fürbittengebet wieder einführen und so antijüdische und antisemitische Gefühle schüren, ist unbegründet, da Benedikt XVI. den Gebrauch des tridentinischen Messbuches in seiner Version von 1962 frei- stellte, aus der bereits alle Formulierungen über die verstockten Juden und die jüdische Verstocktheit gestrichen waren.”
   Aber die Frage blieb dennoch offen und vielleicht sollte man klären, warum dieser Begriff mit seiner Deutung und dem daraus resultierenden Handeln tatsächlich so unangemessen ist. Tun wollen wir das in Anlehnung an einen Artikel, den Erik Peterson im Jahr 1936 - schrieb: „Perfidia iudaica.” Foto ganz oben: Benedikt liest Eric Peterson
   Anhand einer Analyse der Übersetzungen der Karfreitagsliturgie in die europäischen Landessprachen wird her- ausgestellt, dass die Begriffe perfidia iudaica und perfidi Iudaei in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts noch in unangemessener Weise übersetzt wurden, im Sinne von Treulosigkeit, Verstocktheit des erwählten Volkes, was einer Art moralischer Verurteilung desselben gleichkam.
   Bei seiner Untersuchung, die das Adjektiv perfidus und das entsprechende Substantiv perfidia in der patristi- schen Literatur haben, zeigt Peterson, dass sich diese Begriffe ursprünglich lediglich auf den Verlust des Glaubens im christlichen Lager bezogen. Mit perfidia ist in der patristischen Epoche ursprünglich nichts anderes als der Verlust des Glaubens gemeint; und erst dann im ausgeweiteten Sinn auch der fehlende Glaube der Juden und Heiden. Peterson kann also behaupten, dass dieser Begriff ursprünglich kein protokollarischer Begriff für die Juden war. „Gewiss ist öfter von der ingenita perfidia der Juden die Rede, aber das besagt doch nur, dass die Juden schon im Alten Bunde immer wieder dem Unglauben verfielen, es heißt nicht, dass das Bundesverhältnis gebro- chen wurde, so dass von einer perfidia im ursprünglichen Sinne des Wortes geredet werden könnte”.
   Wie kommt es also, dass im Laufe der Zeit eine irrige und beleidigende Interpretation bis in unsere Tage entstanden war?
   Vor allem einmal, weil diese Interpretation von einer Anweisung im Messbuch bekräftigt wurde, die dieses Gebet seit dem 9. Jahrhundert begleitete: „Es wird nicht – wie bei den übrigen Fürbitten am Karfreitag - mit ,Amen' geantwortet, und es heißt nicht ,lasset uns beten' noch ,beuget die Knie' oder ,erhebet euch'.” Diese Rubrik in dem Fürbittegebet für die Juden „musste und muss noch heute immer wieder die Tendenz hervorrufen, das Gebet so zu verstehen, als sollte die in ihm erwähnte perfidia der Juden in einer dramatischen Weise moralisch inter- pretiert und liturgisch rekompensiert werden”.
   Das Fehlen des „Amen” und der Aufforderung „lasset uns beten”, „beuget die Knie”, „erhebet euch”, findet sich anfänglich nur im Frankenreich. Peterson erinnert an eine allegorischen Interpretation des Unterlassens der Knie- beuge beim Fürbittegebet für die Juden, die im 9. Jahrhundert aufkommt: „Bei allen Bitten knien wir nieder, um durch diese Geste des Körpers die Demut der Seele zu zeigen. Ausgenommen dann, wenn wir für die perfidis ludaeis beten. Denn jene [die bei der Verurteilung des Messias] die Knie beugten, taten in böser Absicht eine an sich gute Handlung, weil dies heuchelnd geschah. Wir vermeiden, beim Gebet für die Juden niederzuknien, um anzuzeigen, dass wir uns von Akten der Heuchelei fernhalten”.
   Aber in Wahrheit, schließt Peterson, haben ja schon verschiedene mittelalterliche Autoren darauf hingewiesen, dass nicht die Juden, sondern die römischen Soldaten vor Christus spottend die Knie gebeugt hatten. Woran man sieht, dass sowohl die Praxis als auch die Interpretation der besonderen Art des Gebets pro perfidis ludaeis nichts anderes als Erfindung waren. Nichts von alldem hat mit der Liturgie zu tun. TrentaGiorniLorenzoCappelletti0711

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USA: Rabbi Neusner, Rheinbeck, New York, Foto oben verteidigt Karfreitags-Fürbitte
Lesen Sie dazu auch den folgenden Artikel aus der TIME vom 25. 02. 2008

   Ein US-amerikanischer Rabbiner verteidigt den Papst. In der „Tagespost” äußert sich Rabbi Jacob Neusner über die Karfreitags-Fürbitte „für die Juden”, die Benedikt XVI. für den so genannten alten Ritus auf Latein umformuliert hat. Viele Kritiker hatten aus dem neuen Text indirekt einen Aufruf zur Bekehrung der Juden herausgelesen. Neusner – mit dem sich der Papst in seinem Jesusbuch ausführlich auseinander gesetzt hat – schreibt wörtlich: „Israel betet für die Nichtjuden, also sollten die anderen Monotheisten – einschließlich der katholischen Kirche – gleiche Rechte haben, ohne dass jemand sich dadurch verletzt fühlte.”
Wir dokumentieren hier den Essay von Rabbi Jacob Neusner. Quelle ist die in Würzburg erscheinende „Tages- post”. Monotheistische Logik von Rabbi Jacob Neusner
   Israel betet für die Nichtjuden, also sollten die anderen Monotheisten – einschließlich der katholischen Kirche – gleiche Rechte haben, ohne dass jemand sich dadurch verletzt fühlte. Jedes andere Verhalten gegenüber den Nichtjuden würde diesen den Zugang zu dem einen Gott verwehren, den Israel aus der Torah kennt. Das katho- lische Karfreitagsgebet bringt dieselbe großherzige Geisteshaltung zum Ausdruck, die für das Gebet des Juden- tums charakteristisch ist. Gottes Reich öffnet seine Tore der gesamten Menschheit, und wenn die Israeliten für das baldige Kommen von Gottes Reich beten, dann bringen sie die gleiche großherzige Geisteshaltung zum Ausdruck, die den Text des Papstes für das Gebet für die Juden – besser das „heilige Israel” – am Karfreitag kennzeichnet.
   Lassen Sie mich das erklären. Die Anhaltspunkte für die Theologie des Judentums gegenüber den Nichtjuden möchte ich aus dem normalen Gottesdienst in der Synagoge ableiten, der dreimal am Tag abgehalten wird. Der Text entstammt dem Buch „The Authorised Daily Prayer Book of the United Hebrew Congregations of the British Empire” (London 1953), dem offiziellen Gebetbuch der Vereinigten Jüdischen Gemeinden des Britischen König- reichs, das die englische Übersetzung eines Gebets für die Bekehrung der Nichtjuden enthält, welches an jedem Tag im Jahr dreimal den öffentlichen Gottesdienst beschließt. Dieser Text ist für alle Gottesdienste des Judentums einheitlich. In ihm dankt das heilige Volk Israel (nicht zu verwechseln mit dem Staat Israel) Gott dafür, dass er Israel von anderen Völkern unterscheidet. Im Gebet bittet das heilige Israel darum, dass die Welt vervollkommnet wird, wenn die gesamte Menschheit den Namen Gottes anruft und weiß, dass jeder vor Gott sein Knie beugen muss.
   Das Gebet „An uns ist es, den Herrn aller Dinge zu preisen” dankt Gott dafür, dass er Israel von anderen Völkern der Welt unterscheidet. Israel hat sein eigenes „Schicksal”, das darin besteht, sich von den anderen Völkern zu unterscheiden. Gott wird darum gebeten, „die Erde von den Gräueln zu befreien, wenn die Welt unter der Herr- schaft des Allmächtigen vervollkommnet sein wird”. Dieses Gebet für die Bekehrung „aller Gottlosen auf der Erde”, die „alle Bewohner der Erde” sind, wird im normalen Judentum nicht einmal im Jahr, sondern jeden Tag ge- sprochen. Es findet seine Entsprechung in der Passage des Gebets der achtzehn Benediktionen, in der Gott gebeten wird, „die Herrschaft des Hochmuts” zu unterbinden. Wir könnten sagen, dass im normalen Judentum zu Gott gebetet wird, er möge die Völker erleuchten und seinem Reich zuführen. Als ob diese Hoffnung unterstrichen werden sollte, folgt dem Gebet „An uns ist es” das Kaddisch: „Sein Reich erstehe in eurem Leben in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel, schnell und in nächster Zeit”. Ich kann nicht erkennen, wie diese Gebete sich in ihrer Geisteshaltung oder in ihrer Absicht von dem in der Diskussion stehenden Gebet unterscheiden.
   Diese Abschnitte aus den normalen, täglichen Gottesdiensten des Judentums lassen keinen Zweifel daran, dass das heilige Israel, wenn es sich zum Gebet versammelt, Gott darum bittet, die Herzen der Nichtjuden zu er- leuchten. Die eschatologische Sicht findet Nahrung bei den Propheten und ihrer Vorstellung von einer einzigen und vereinten Menschheit und umgreift die gesamte Menschheit in einer offenen Geisteshaltung. Die Verurteilung der Götzenverehrung bietet dem Christentum oder dem Islam, die schweigend übergangen werden, keinen großen Trost. Die Gebete flehen zu Gott, er möge das Kommen seines Reiches schnell herbeiführen. Sie bilden das Gegenstück zu dem Gebet, welches darum bittet, „dass beim Eintritt der Fülle der Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet wird”.
   Die bekehrenden Gebete des Judentums und des Christentums haben ein gemeinsames eschatologisches Zentrum und wollen allen Völkern die Tür zum Heil offen halten. So wenig wie das Christentum und der Islam Anstoß am israelitischen Gebet nehmen, sollte auch das heilige Israel keinen Einwand gegen das katholische Gebet erheben. Beide Gebete, sowohl das „An uns ist es” als „Lasst uns auch beten für die Juden”, erfassen die Logik des Monotheismus und seine eschatologische Hoffnung.
Der Autor ist Professor für Geschichte und Theologie des Judentums am Bard College in New York und Ver- fasser des Buches „Ein Rabbi spricht mit Jesus”, auf das Papst Benedikt XVI. in seinem Jesus-Buch häufig Be- zug genommen hat. rvDTÜbersetzungClaudiaReimüller080223

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Ich bin nicht beleidigt, wenn Christen Schweinefleisch essen”, sagt Rabbi Jacob Neusner. Wenigstens nicht immer. Der brillante – und nicht zu tolerante – jüdische Gelehrte erinnert sich an eine interreligiöse Konferenz, auf der so viel “von dem anderen weißen Fleisch” gereicht wurde, dass ihm nur eine Diät von hart gekochten Eiern blieb. Schließlich wurde es ihm zu bunt und er dichtete laut:
                                          “Ich wünsche, ihr alle bekommt Trichinosis
                                           und findet zum Glauben an Gott des Mosis.”
Ein Konferenzteilnehmer antwortete darauf – ebenfalls in Versen:
                                         “Und wenn wir davon heute nicht krank werden –
                                          wirst Du dann glauben an Gott, an Jesus auf Erden?”
   So redete Rabbi Neusner munter drauf los: “Das ist ein gutes Beispiel für einen jüdisch-christlichen Dialog. Wenn Religion von Bedeutung ist, und das ist so, dann gereicht es dir nicht zur Ehre, gleichgültig gegen die Überzeugun- gen der anderen zu sein.” Damit kommt er auf einen alten römisch-katholischen Ritus zurück, der alte Wunden aufreißt: das von Papst Benedikt erneuerte Karfreitagsgebet für die Juden.
     Aber genug der Knüttelverse. Rabbi Neusner, 74, lebt die Moral dieser Geschichte. Ob man es mag oder nicht: Konfrontation ist ihm eigen. Es ist gut möglich, dass ihn viele Christen darum nicht mögen. Aber wenigstens einen Fan hat er. In seinem neuen Buch “Jesus von Nazareth” widmet Papst Benedikt XVI. zwanzig Seiten dem Buch von Rabbi Neusner: “Ein Rabbi spricht mit Jesus”. In diesem Buch versetzt sich der nun am Bard College in Annandale- on-Hudson, N.Y., lehrende Professor und Rabbi sich selbst in das Mattäus-Evangelium, um Jesus Fragen zum Ge- setz zu stellen. Die Erklärung des Nazareners fand er hoffnungslos fehlerhaft. Die Antwort von Papst Benedikt kommt 14 Jahre später. Der Papst bezeichnet Neusner als “großen jüdischen Gelehrten” und beantwortet die Thesen des Rabbi Neusner in der Länge eines Drittel-Kapitels von insgesamt zehn in seinem Buch. Dafür gibt es in der Literatur keinen Präzedenzfall. Das letzte Mal in der Geschichte, dass Christen und Juden öffentlich Streit- gespräche führten, fand in den mittelalterlichen “Disputationen” statt, wo sich hohe christliche Gelehrte ent- schieden gegen die Juden stellten. Das 2. Vatikanische Konzil von 1962-65 hat die römisch-katholische Lehre, Juden hätten Jesus getötet, zurückgenommen. Johannes Paul II. anerkannte die jüdische Präsenz durch den Besuch einer Synagoge. Die päpstlichen Ansprachen nach dem 2. Weltkrieg kreisten nicht um eine rückwärts- gewandte christliche Sicht auf das Judentum, sondern befassten sich ernstlich mit grundsätzlich kontroversen Themen. “Jesus von Nazareth” geht nun einen Schritt weiter: “ein Papst nimmt ernst, was ein Jude sagt - was er kritisch sagt - über das Neue Testament”, wundert sich Eugene Fisher, der Beauftragte der US-amerikanischen Bischofskonferenz für die katholisch-jüdischen Beziehungen. “Wow. Das ist neu.”
   Benedikt fand in Rabbi Neusner einen ebenso glänzend im Feld der kontroversen jüdischen Studien beheima- teten Mann, wie es der Papst in der katholischen Kirche ist. Rabbi Neusner ist ein Experte der reichen jüdischen Literatur des 1.-6. Jahrhunderts, wo die Rabbinen einen modernen Judaismus formten. Er ist ein genialer Bau- meister des Judentums, eine hohe Persönlichkeit im jüdischen Ringen und Prüfen in den US-amerikanischen Universitäten.
   Rabbi Neusner zeichnet sich durch hohe geistige Brillanz aus (er schuf eine Jahrhundertsynthese rabbinischer Schriften), durch übermenschliche wissenschaftliche Leistungen (er verfasste mehr als 950 Bücher) und er be- fähigte viele Schüler heute an berühmten Universitäten jüdische Studien weiterzuführen. Neusner selbst findet dieses Lob überzogen.
   Um dieses Buch hat er lange gerungen: “Ein Rabbi spricht mit Jesus”. Neusner sieht mit wissenschaftlich ge- sicheten Lehrmeinungen das Mattäus-Evangelium im Neuen Testament als Einladung für die jüdischen Zeit- genossen Jesu, um sie mit Hilfe der Prophezeiungen der jüdischen Bibel und treffenden Zitaten des jüdischen Schrifttums zu überzeugen, er sei der lang-erwartete Messias. Sein Anspruch in der Bergpredigt, er sei “nicht ge- kommen ... das Gesetz und die Propheten aufzuheben... sondern sie zu erfüllen” ist einer der großen Angelpunkte, die den westlichen Monotheismus verbinden.
   Aber Neusner geht in seinem Buch “ein Rabbi spricht mit Jesus” Verkündigung Jesu nach und zitiert: “Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert”. In dieser Aussage Jesu sieht Neusner eine Missachtung des 4. Gebotes: “Du sollst Vater und Mutter ehren”. Weiter vertritt er die Meinung: Die Begründung der Freiheit ge- genüber dem Sabbatgebot: “Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat” setzt sich Jesus ausdrücklich über das dritte Gebot hinweg, dass alle Menschen den Sabbat zu befolgen haben.
   Sehr kritisch liest Neusner die wiederholte rhetorische Formel im Neuen Testament: “Du hast gehört, was (in der Thora) gesagt wurde ...  Ich aber sage euch ...” Damit erhebt Jesus den Anspruch, nicht nur der religiös- militärische Messias zu sein, den manche Juden für die damalige Zeit erwarteten, sondern auch über der Torah zu stehen und er erklärt sich damit selbst zum Gott.

Zitat aus dem Buch des Papstes “Jesus von Nazareth” Seite 137
   “Neusner spricht diese geheimnisvolle Gleichsetzung zwischen Jesus und Gott, die in den Reden der Bergpredigt vollzogen ist, nur mit großer Scheu und Ehrfurcht an, aber seine Analysen zeigen doch, dass dies der Punkt ist, durch den sich Jesu Botschaft grundlegend vom Glauben des „ewigen Israel” unterscheidet. Er tut dies von drei grundlegenden Geboten her, deren Behandlung durch Jesus er untersucht: Vom 4. Gebot aus - dem Gebot der Elternliebe - und vom 3. Gebot, dem Gebot der Sabbatheiligung her, und schließlich vom Heiligkeitsgebot aus, das wir eben berührt haben. Er kommt zu dem ihn beunruhigenden Ergebnis, dass Jesus ihn offenbar anleiten will, diesen drei grundlegenden Geboten Gottes nicht zu folgen und sich stattdessen ihm anzuschließen.

  Neusner stellt sich einen Dialog mit einem jüdischen “Meister” in der Zeit Jesu über die Lehre Jesu von der Thora vor:
“Und dies”, fragte der Meister, “hatte Jesus, der Gelehrte zu sagen?”
Ich: “Nicht genau, aber ungefähr”.
Er: “Was hat er weggelassen?”
Ich: “Nichts”.
Er: “Was hat er dann hinzugefügt?”
Ich: “Sich selbst”.
  Neusner stellt fest, jeder nachdenkliche Jude müsse daraus schließen, dass Jesus hier “die Torah verwirft”, folglich müsse er ihn ablehnen. Insoweit die Argumente des Matthäus durch das jüdische Gesetz begründet sind - so unterstellt Neusner – mag die Christenheit an ihren eigenen Anforderungen zerbrechen. Solcher offene theo- logischer Angriff ist selten in nach-Holocaust-Glaubensgesprächen – oder sie sind begraben in Zustimmungen der Gemeinsamkeiten und praktischen Themen wie solche, die Auswirkungen auf den Staat Israel haben.
   Nun aber hat Rabbi Neusner einen interessierten Fan gefunden. Er und Joseph Kardinal Ratzinger, damals noch Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, haben zu einer beruflichen Korrespondenz gefun- den, nachdem der Rabbi dem Kardinal gegenüber seine Bewunderung zum Ausdruck brachte über eines seiner Werke. Ratzinger nannte Neusners Buch “Ein Rabbi spricht mit Jesus” das “bei weitem wichtigste Buch für den jüdisch-christlichen Dialog im letzten Jahrzehnt.” Jetzt war Neusner hoch erfreut, als er hörte, dass Ratzinger – inzwischen Papst Benedikt XVI. – sein Werk noch einmal gründlich studierte. Als Catholic News Service darüber berichtete, “ein Rabbi spricht mit Jesus” sei einer der Gründe, warum der Papst sein zweibändiges Werk Jesus von Nazareth begonnen hatte, nannte der leicht verblüffte aber hocherfreute Professor “Jesus von Nazareth” einen akademischen Liebesbrief! CT~080225

B-Kasper1x     Walter Kardinal Kasper

Das Wann und Wie entscheidet Gott. Seit der Papst für die lateinische Messe eine neue Karfreitagsfürbitte verfasst hat, ist der katholisch-jüdische Dialog gefährdet. Nur eine ehrliche Auseinandersetzung hilft weiter.

   Jüngst hat Papst Benedikt XVI. für den von ihm rehabilitierten „außerordentlichen” Ritus, das Römische Messbuch von 1962, die Karfreitagsfürbitte für die Juden neu formuliert. Das war notwendig, weil einige alte Formulierungen von jüdischer Seite als beleidigend und auch von vielen Katholiken als anstößig empfunden wurden. Freilich haben die neuen Formulierungen auch zu neuen Irritationen geführt und sowohl bei Juden wie bei manchen Christen grundsätzliche Fragen aufgeworfen.
   Die Irritationen sind auf jüdischer Seite weithin nicht rational, sondern emotional begründet. Man sollte sie je- doch nicht als Ausdruck von Überempfindlichkeit abtun. Auch bei jüdischen Freunden, die seit Jahrzehnten in intensivem Gespräch mit Christen stehen, sind kollektive Erinnerungen an Zwangskatechesen und Zwangs- bekehrungen noch lebendig. Die Erinnerung an die Schoa ist für das heutige Judentum ein traumatisches, gemeinschaftsstiftendes Identitätsmerkmal. Judenmission betrachten viele Juden als existenzbedrohend; manch- mal sprechen sie gar von einer Schoa mit anderen Mitteln. So bedarf es im jüdischchristlichen Verhältnis noch immer eines hohen Maßes an Sensibilität.
 Beachtung verdient indes die Tatsache, dass die Karfreitagsfürbitte des Römischen Messbuchs von 1970, also des „ordentlichen” Ritus, nicht verändert wurde. Das zeigt, dass die Kirche mit der neuen Formulierung nicht hinter „Nostra aetate”, die die Erklärung des II. Vatikanischen Konzils über die nichtchristlichen Religionen enthält, zurück- geht. Das gilt um so mehr, als die Substanz von Nostra aetate auch in der formal höherrangigen Kirchen- konstitution Lumen gentium enthalten ist und darum grundsätzlich nicht zur Disposition steht. Außerdem hat es seit dem Konzil eine große Zahl von Stellungnahmen, auch des gegenwärtigen Papstes, gegeben, die auf Nostra aetate Bezug nehmen und die Bedeutung dieser Erklärung bestätigen.

Die von Benedikt XVI.neuformulierte Karfreitagsfürbitte für den „außerordentlichen” Ritus von 1962:
Lasst uns auch beten für die Juden, dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte,
damit sie Jesus Christus als Retter aller Menschen erkennen.

   Im Unterschied zu der Karfreitagsfürbitte von 1970 spricht die Neuformulierung der Bitte von 1962 von Jesus als dem Christus und dem Heil aller Menschen - also auch der Juden. Viele haben diese Aussage als neu und gegen- über den Juden als unfreundlich empfunden. Doch sie ist im Ganzen des Neuen Testaments begründet und weist auf den allseits bekannten, für Christen wie für Juden bleibend grundlegenden Unterschied hin. Auch wenn dieser in Nostra aetate nicht direkt erwähnt wird und in der Fürbitte von 1970 nicht ausdrücklich vorkommt, so kann die „Erklärung” ebenso wenig aus dem Zusammenhang aller Konzilsdokumente herausgelöst werden wie die Karfrei- tagsfürbitte des Missale von 1970 aus dem Ganzen der Karfreitagsliturgie, die ebendiese christliche Glaubens- überzeugung zum Inhalt hat. Die Neuformulierung des Karfreitagsgebets von 1962 sagt also nichts Neues, son- dern spricht nur aus, was schon bisher als selbstverständlich vorausgesetzt, aber offensichtlich nicht hinreichend thematisiert wurde.
   In der Vergangenheit wurde aus dem Juden und Christen unterscheidenden Christusglauben oft eine „Sprache der Verachtung” (Jules Isaak) mit all den schlimmen Konsequenzen, die daraus folgten. Wenn wir uns heute um gegenseitige Achtung bemühen, dann kann sie nur darin bestehen, uns in unserer Verschiedenheit gegenseitig anzuerkennen. Deshalb erwarten wir von den Juden nicht, dass sie dem christologischen Inhalt des Karfreitags- gebets zustimmen. Aber sie sollen respektieren, dass wir als Christen unserem Glauben gemäß beten, so wie wir selbstverständlich ihre Art zu beten respektieren. In dieser Hinsicht haben beide Seiten noch zu lernen.
   Die eigentlich kontroverse Frage lautet: Sollen Christen für die Bekehrung der Juden beten? Kann es eine Juden- mission geben? In dem neuformulierten Gebet kommt das Wort Bekehrung nicht vor. Es ist aber in der Bitte um Erleuchtung der Juden, damit sie Jesus Christus erkennen, indirekt eingeschlossen. Zu beachten ist auch, dass das Messbuch von 1962 die einzelnen Fürbitten mit Überschriften versieht. Die Überschrift zu der Fürbitte für die Juden wurde nicht verändert; sie lautet nach wie vor: „Pro conversione Judaeorum - Für die Bekehrung der Juden”. Viele Juden haben die Neuformulierung mit der Brille dieser Überschrift gelesen, was die beschriebenen Reaktionen hervorrief.
   Demgegenüber kann man darauf hinweisen, dass die katholische Kirche im Unterschied zu manchen evange- likalen Kreisen keine organisierte und institutionalisierte Judenmission kennt. Mit diesem Hinweis ist das Problem der Judenmission faktisch, aber noch nicht theologisch geklärt. Es ist das Verdienst der neuformulierten Fürbitte, dass sie in ihrem zweiten Teil einen ersten Hinweis auf eine grundsätzliche theologische Antwort gibt.
   Der Papst geht vom Kapitel 11 des Römerbriefs aus, das auch für Nostra aetate grundlegend ist. Das Heil der Juden ist für Paulus ein abgründiges Geheimnis göttlicher Gnadenwahl. Gottes Gaben sind reuelos, und die Ver- heißungen Gottes für sein Volk sind trotz dessen Ungehorsams von Gott nicht zurückgenommen worden. Gott hat aber den Großteil seines Volkes mit Ausnahme eines heiligen Rests wegen dessen Unglaubens verstockt. Die Verstockung der Juden gereicht den Heiden zum Heil. Die wilden Zweige der Heiden sind dem heiligen Wurzelstock Israels eingepfropft worden. Gott hat jedoch die Macht, die herausgehauenen Zweige wieder einzupfropfen. Wenn die Fülle der Heiden in das Heil eingeht, wird ganz Israel gerettet werden. Israel bleibt also Träger der Verheißung und des Segens.
   Paulus spricht in der Sprache der Apokalyptik von einem Geheimnis 11,25. Damit ist mehr gemeint, als dass die Juden anderen Völkern mal ein Rätsel, mal ein Gotteszeugnis sind. Paulus versteht unter Geheimnis den ewigen Heilswillen Gottes, der durch die Verkündigung des Apostels in der Geschichte offenbar wird. Konkret bezieht er sich auf die Propheten Jesaja 59,20 und Jeremias 31,33f. Er nimmt damit auf die von den Propheten wie von Jesus verheißene endzeitliche Sammlung der Völker auf dem Sion und den dann heraufziehenden universalen Frieden schalom Bezug. Paulus sieht seine Missionsarbeit unter den Heiden in dieser Perspektive. Seine Mission soll die Sammlung der Völker vorbereiten, die dann, wenn die Vollzahl der Heiden eingetreten ist, Israel zum Heil gereicht und für die Welt den eschatologischen Frieden heraufführt.
   So kann man sagen: Nicht aufgrund von Judenmission, sondern aufgrund der Heidenmission wird Gott am Ende, wenn die Vollzahl der Heiden ins Heil eingetreten ist, das Heil Israels heraufführen. Allein er, der den Großteil Isra- els verstockt hat, kann die Verstockung auch wieder lösen. Er tut es, wenn „der Retter” aus Sion kommt. Das ist aufgrund des paulinischen Sprachgebrauchs kein anderer als der wiederkommende Christus. Denn Juden und Hei- den haben denselben Herrn.
   Dieser Hoffnung gibt das neu formulierte Karfreitagsgebet in einer an Gott gerichteten Gebetsbitte Ausdruck. Im Grunde wiederholt die Kirche mit diesem Gebet die Vater-unser-Bitte „Dein Reich komme” und den urchristlichen liturgischen Ruf „Maranatha - Komm Herr Jesus, komm bald”. Solche Bitten um das Kommen des Reiches Gottes und um die Verwirklichung des Heilsgeheimnisses sind ihrer Natur nach kein an die Kirche gerichteter Aufruf zu missionarischer Aktion. Im Gegenteil, sie respektieren die ganze Abgründigkeit des verborgenen Gottes. So nimmt die Kirche mit ihrer Bitte die Verwirklichung des unergründlichen Mysteriums nicht selbst in Regie. Das kann sie gar nicht. Sie legt das Wann und das Wie vielmehr ganz in Gottes Hände. Gott allein kann das Reich Gottes herauf- führen, in dem ganz Israel gerettet und der Welt der eschatologische Frieden zuteil wird.
    Der Ausschluss einer gezielten und institutionalisierten Judenmission bedeutet nicht, dass die Christen die Hände in den Schoß legen sollen. Man muss gezielte und organisierte Mission einerseits und christliches Zeugnis andererseits unterscheiden. Selbstverständlich müssen Christen ihren „älteren Brüdern und Schwestern im Glau- ben Abrahams” Johannes Paul II. dort, wo es angebracht ist, Zeugnis geben von ihrem Glauben und von dem Reichtum und der Schönheit ihres Glaubens an Jesus Christus. Das hat auch Paulus getan. Auf seinen Missions- reisen ging er jeweils zuerst in die Synagoge und erst wenn er dort keinen Glauben fand, zu den Heiden.
   Ein solches Zeugnis ist auch von uns heute gefordert. Es soll gewiss taktvoll und respektvoll geschehen; es wäre aber unredlich, wenn Christen bei der Begegnung mit jüdischen Freunden von ihrem Glauben schweigen oder ihn gar verleugnen würden. Von gläubigen Juden erwarten wir uns gegenüber dasselbe. In den Dialogen, die ich kenne, ist dieses Verhalten völlig normal. Denn ein ehrlicher Dialog zwischen Juden und Christen ist nur möglich einerseits auf der Basis der Gemeinsamkeit im Glauben an den einen Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, an die dem Abraham und den Vätern gegebenen Verheißungen, andererseits im Bewusstsein und im Respekt des grundlegenden Unterschieds, der im Glauben an Jesus als den Christus und den Erlöser aller Menschen besteht. FAZWalterKardinalKasper080320

Lesermeinungen: Ein Bruch mit der Tradition
  Zu „Austausch ja, Bekehren nein" (in der FAZ): Es ist nun einmal das Recht jeder Religion, die sich selbst ernst nimmt, für die Hinwendung aller Menschen zu ihr einzutreten. So erklärte auch der Rabbiner Jacob Neusner, Christen dürften sehr wohl für die Bekehrung anderer in ihrem Sinne so beten, wie das die Juden auch ihrerseits, natürlich in einem unterschiedlichen Kontext, tagtäglich praktizierten.
  Wenn ich nämlich von einer Wahrheit überzeugt bin, die ich sogar für göttlich offenbart halte, dann ist es ein Akt der Frömmigkeit und Liebe, wenn ich diese auch anderen mitteilen möchte. Selbstverständlich hat dies gewaltfrei und für Christen nach den Vorgaben dessen zu erfolgen, der ein neues Gebot der Liebe eingesetzt hat Johannes 13,34, das sogar - einmalig für die gesamte antike Welt - die Feinde umfasst Matthäus 5,44.
  
Nachweislich wird bereits seit dem 3. Jahrhundert am Karfreitag in den Großen Fürbitten der Kirche mit fast den- selben Texten für alle Menschen gebetet, dass sie an Jesus Christus, den Gottmenschen und einzigen Mittler des Heils, glauben möchten. Insbesondere gilt diese Fürsorge den Juden, soweit sie Jesus von Nazareth als ihren Messias nicht angenommen haben. Ist doch dieser zunächst gerade zu ihnen gesandt worden und bekräftigt doch der Apostel Paulus, dass er selbst zum Verworfenen werden möchte, wenn durch die Missionstätigkeit sein Volk zu ihm fände.
   Wer demnach heute als Katholik, wie dies etwa auch die Kardinäle Kasper und Lehmann verkünden, einen eige- nen Heilsweg für die Erstberufenen Jesu Christi an diesem Christus vorbei fordert, bricht mit der einhelligen zwei- tausendjährigen Tradition des Christentums. Er wendet sich damit außerdem gegen Papst Benedikt XVI., dem an der „Hermeneutik der Kontinuität" gelegen ist, wie er mehrfach erklärt hat.  FAZDrHeinz-LotharBarth090418
Und die Nichtse, vertilgt sollen sie werden - das jüdische Gebet für die Bekehrung der Nichtjuden
   Es hätte der allgemeinen Aufklärung gedient, wenn Michael Brenner in seiner Replik auf Robert Spaemann als ausgewiesener Fachmann für jüdische Geschichte und Kultur das von beiden Autoren nur vage benannte tägliche jüdische Gebet für die Bekehrung der Nicht-Juden namentlich erwähnt und inhaltlich zitiert hätte. Es liegt für mich als Laien nahe, darunter das Alenu-Gebet zu verstehen, aus dem ich folgende Passage zitiere nach: Leo Hirsch, Jüdische Glaubenswelt, Gütersloh 1962, S.33 folgende: „Und darum warten wir, Ewiger, unser Gott, bald zu schauen die Verherrlichung deiner Macht, abzutun die Götzen, weg von der Erde, und die Elim (Nichtse), vertilgt sollen sie werden; zu ordnen die Welt durch das Reich des Allmächtigen, und alle Menschenkinder sollen anrufen deinen Namen; zu dir wenden alle Bösen der Erde; es sollen erkennen und wissen alle Bewohner des Erdkreises: dass dir sich beuge jedes Knie, dass dir schwöre jede Zunge; vor dir, Ewiger, unser Gott, sollen sich beugen und niederfallen und der Ehre deines Namens Verehrung zollen und aufnehmen sie alle das Joch deines Reiches, und du sollst herrschen über sie bald für immer und ewig ..." Es bleibt den Lesern Ihrer Zeitung überlassen den Inhalt mit den verschiedenen Versionen der Karfreitagsfürbitten für die nicht-katholischen Christen, für die Juden, für andere, die nicht an Christus glauben, für alle, die nicht an Gott glauben, und weitere einzeln benannte Gruppie- rungen von Menschen zu vergleichen.
   Im Übrigen scheint mir der Wunsch, andere vom eigenen Glauben zu überzeugen, nicht auf die Anhänger der drei monotheistischen Religionen beschränkt zu sein. Jedenfalls werden uns die ebenfalls mehr oder weniger „rationalen" Glaubenssätze der „Religion von 1789" (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Menschenrechte und abgeleitete demokratische Grundsätze) tagtäglich von Staats wegen und über fast alle Print- und Massenmedien gepredigt, anderen Völkern und Kulturen auch auf politischem Wege aufgedrängt; wogegen ich im Prinzip nichts habe, nur gegen die häufig damit verbundene Beeiferung und Diskriminierung Andersdenkender und Unwilliger. AZ090430Dr.BernhardBrons

Italien: Toaff verteidigt Pius XII.
   Der frühere Oberrabbiner von Rom sieht die Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem Judentum nicht in der Krise. „Wir sind da doch auf dem richtigen Weg”, meinte Elio Toaff in einem Interview. Die Aufregung um die neu- formulierte Karfreitagsfürbitte im alten Messritus sei aus seiner Sicht unbegründet. Toaff wörtlich: „Seien wir doch ernsthaft. Jeder ist frei, zu beten, wie er glaubt; ich kann bestimmte Polemiken überhaupt nicht verstehen.” Toaff verteidigt auch Papst Pius XII.: Dieser sei aus seiner Sicht keineswegs ein Antisemit gewesen. Stattdessen habe er viele Juden „vor dem sicheren Tod gerettet”. rv-asca080331sk

Spaemann: Kirchen dürfen bei Juden für ihren Glauben werben     Spaemann,-Robert-x-

   Im Streit um eine christliche Judenmission hat der Philosoph Robert Spaemann missionarische Bemühungen der Kirchen gegenüber Juden verteidigt. Es sei eine Frage des Taktes, aufweiche Weise Christen gegenüber Juden für ihren Glauben einträten, schreibt Spaemann unter Verweis auf das belastete historische Erbe in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die Kirche dürfe auch aktiv darum bitten, „dass alle Menschen zu dem kommen, was die Christen für eine Einsicht in die Wahrheit halten", schreibt der Philosoph: „Wenn die katholische Kirche in ihrer Li- turgie für alle Menschen Gott bittet, dann folgt aus der Einzigartigkeit ihres Verhältnisses zu dem ,älteren Bruder', dass sie es für die Juden in gesonderter Weise tun muss. Wie Papst Gregor der Große es den Christen verbot, die Juden zu Änderungen ihrer gottesdienstlichen Riten zu drängen, so sollten sich auch die Christen nicht vor- schreiben lassen, in welcher Weise sie ihrer Liebe zu den Juden im Gebet Ausdruck geben."
   Wenn Jesus die Sünden aller Menschen getragen habe, so Spaemann, dann dürfe man nicht ausgerechnet die Angehörigen seines Volkes davon ausnehmen. In diesem Zusammenhang schlägt Spaemann vor, die von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2008 für die außerordentliche Form des römischen Ritus formulierte lateinische Karfreitags- fürbitte auch für die Gottesdienste nach muttersprachlichem Ritus zu übernehmen. Ausdrücklich spricht Spaemann von einer „untadeligen Neufassung" und erinnert daran, dass das nachkonziliare Stundenbuch in der Vesper des zweiten Mittwochs der Osterwoche darum bete, dass Gott die Juden erleuchte möge, damit sie den „Sinn der Verheißung verstehen, die ihren Vätern gegeben wurde".
   Im vergangenen Jahr hatte der Papst die Karfreitagsfürbitte für den alten Ritus neu gefasst. Gemäß der Formu- lierung des Papstes wird darum gebetet, dass die Juden „Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen".
   Spaemann wandte sich zugleich gegen einseitige Darstellungen der christlich-jüdischen Geschichte. Schon die Päpste des Mittelalters hätten wiederholt ungebührlichen Eifer in der Missionierung der Juden verboten und einen Schutz des jüdischen Bekenntnisses gefordert. Es sei nicht fair, die Kirche für alle Gewalttaten „von Obrigkeiten und Pöbel" gegen die Juden verantwortlich zu machen. Umgekehrt habe es auch von jüdischer Seite im Römischen Reich und im Mittelalter „hemmungslose Schmähkritik" gegen die Christen gegeben. Im Alten Rom hätten Juden mit der Staatsmacht kooperiert, um Christen zu beseitigen. Nach dem babylonischen Talmud sei das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias ein todeswürdiges Verbrechen gewesen.  DT090604kna

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Kirchenkritik auf Kosten der Bibel. Die Papstschelte Erich Zengers Foto rechts, Preisträger der Buber-Rosenzweig- Medaille, ist aus neutestamentlicher Sicht unhaltbar. Foto links: Prof. Klaus Berger

   Professor Erich Zenger hat in seiner Dankesrede zur Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille den Papst ange- griffen. Den Nachrichten des SWR 1 zufolge habe der Papst laut Zenger unter anderem in seiner Neufassung der Karfreitagsbitte für den außerordentlichen Ritus dem jüdischen Volk abgesprochen, noch weiterhin in Gottes Bund zu stehen. Im Klartext heißt das: Die Bundesschlüsse mit Abraham und Mose bestünden dann dem Papst zufolge nicht mehr. Israel könnte sich nicht auf Gottes erwählende Zusage berufen.
   Angenommen, der Papst hätte das wirklich - auch nur indirekt - gesagt, dann wäre das in der Tat eine unge- heuerliche Behauptung. Sie würde dem jüdischen Volk eine religiöse Sonderstellung verwehren. Sie würde den Papst als krassen theologischen Antisemiten darstellen. Sie würde alle seine Beteuerungen Lügen strafen, Israel gegenüber freundlich gesonnen zu sein. Wenn diese Behauptung stimmt, wäre sie der Super-Gau in der katholischen Kirche. Dem Papst bliebe nur Absetzung durch ein Konzil oder Rücktritt. Was Zenger unterstellt, bezichtigt den Papst ohne Wenn und Aber des größtmöglichen Vergehens, das unsere Gesellschaft nach Mord und Kinderschändung kennt, nämlich antisemitischer Hetze.
  Eine schlichte Überprüfung der Behauptung Zengers ergibt, dass sie völlig aus der Luft gegriffen ist. Zenger hat nicht die Wahrheit gesagt. Er hat damit dem Papst, der katholischen Kirche und der ganzen Christenheit großen Schaden zugefügt. Er ist ihm in höchst kritischer, ja prekärer Situation in den Rücken gefallen. Er hat ihm jede Glaubwürdigkeit genommen. Man darf fragen, welches Interesse wohl Zenger dazu bewegt hat, dem Papst in dieser schwierigen Situation so massiv zu schaden. Und Zenger steht ja nicht allein: Bis auf eine Handvoll Aus- nahmen haben sich mehrheitlich katholische deutsche Universitätsprofessoren in den letzten Wochen vom Papst distanziert. Dass also selbst Katholiken, gebildete Professoren, Priester die meisten darunter, dermaßen öffentlich zum Papst auf Distanz gehen, wirkt auf den Außenstehenden einfach fatal. Es irritiert wirklich in kaum vorstell- barem Maße, dass der, für den man vor allem beten sollte, von den eigenen Leuten gemeuchelt wird.
   Seit den Zeiten des Neuen Testaments gewinnt Kirche ihre Kraft durch Einigkeit. Der Teufel freut sich über jeden öffentlich ausgetragenen Zwist 1 Kor 6. Das Christentum hat stets seine Glaubwürdigkeit durch Streit solcher Art verloren. Nun wird man einwenden: Einigkeit bedeutet nicht Kritiklosigkeit. Der Fall Zenger ist indessen deshalb so bedeutsam, weil hier nicht die Wahrheit gesagt wird. Weil dem Papst unterstellt wird, was er nicht behauptet hat. Wobei Zenger nun wirklich in der deutschen Öffentlichkeit das Gegenteil von einem Märtyrer darstellt.
 Sehen wir uns noch einmal die „neue" Karfreitagsfürbitte an:„Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen. [Beuget die Knie. - Erhebet Euch.] Allmächtiger ewiger Gott, der du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle der Völker in deine Kirche ganz Israel gerettet wird. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen."
   Hier ist vom Bund überhaupt nicht die Rede. Und weiter: Dieses Gebet ist nicht gegen die Juden gerichtet, son- dern ist eine Fürbitte. Und weiter: Eine Kritik an Israel findet sich darin ebenso wenig wie ein Urteil über die Alter- native zu dem Erbetenen (Verlust der Sonderrolle, Verlust des Heils, Verdammnis, Hölle oder dergleichen). Daher gilt: Wer hier unterstellt, was Zenger behauptet, hetzt mit Unwahrheiten gegen den Papst, gegen die „eigene" Kirche, des Beifalls der Medien sehr gewiss.
   Leider ist mit diesen Feststellungen die Sache nicht ausgestanden. Denn der Kundige weiß, dass das Urteil Zen- gers eine Vorgeschichte in seiner eigenen Auslegung des Alten und des Neuen Testaments hat. Und dieses richtet sich nicht nur gegen Papst und Kirche, sondern direkt gegen den Apostel Paulus, ganz speziell gegen das dritte Kapitel des 2. Korintherbriefes. Das heißt: Der Herr Professor aus Münster muss leider seiner reformerischen Theo- rie auch den heiligen Paulus opfern, zumindest in dem entscheidenden Kapitel über den Bund. Denn darum ging es ja: Der Papst behaupte, Israel stehe nicht mehr im Bund mit Gott. Der Papst hat das nicht behauptet. Aber Zenger zielt auf Paulus. Im Papst meint er, auch Paulus zu treffen. Das Martyrium des Paulus ist, wie man sieht, offenbar noch nicht wirklich zu Ende. Denn angenommen, auch Paulus hätte das von Zenger Behauptete nie und nimmer gesagt, dann würde der Münsteraner Kollege zentrale Aussagen paulinischer Theologie zu Unrecht an die Wand nageln. Auch bei der Eucharistie redet Paulus schließlich vom „Neuen Bund".
  Aber hauptsächlich geht es immer wieder um 2 Kor 3. War das Kapitel ein „black out" des Paulus, weil es den Ju- den den Bund abspricht, so dass der Papst Paulus an seiner zweifelhaftesten Stelle folgt? Oder hat Zenger nicht nur dem Papst unterstellt, was er nicht gesagt hat, sondern auch dem Apostel Paulus?
   In der alten, durch den Papst ersetzten Fassung des Gebets für die Juden am Karfreitag hieß es: „Gott... möge den Schleier von ihren Herzen wegnehmen, auf dass auch sie unseren Herrn Jesus Christus erkennen". Dieses Bild vom Schleier kommt eben aus 2 Kor 3. Und wir stellen fest: Zenger kämpft offensichtlich gegen die alte, vom Papst längst ersetzte Fassung von 2 Kor 3. Ob nicht auch dieser Kampf auf einer Fehlinterpretation beruht, wird gleich zu prüfen sein. Jedenfalls lehnt Zenger 2 Kor 3 rundweg ab. Dieses Kapitel wird schlicht als ein inner- paulinischer Betriebsunfall bezeichnet. Denn dort spricht Paulus eben vom „alten Bund", und zwar so: „..dass Gott mir die Fähigkeit geschenkt hat, den Neuen Bund zu den Menschen zu bringen. Dieser Neue Bund ist nicht mit Buchstaben, sondern mit Heiligem Geist aufgezeichnet. Buchstaben sind todbringend, der Heilige Geist aber macht lebendig 7. Der Bund, der mit Buchstaben in Stein eingemeißelt war, hat Menschen zum Tod verurteilt. Zwar hat Gott diesen Bund, als er ihn stiftete, mit dem Lichtglanz seiner Herrlichkeit ausgezeichnet, so dass die Israeliten Mose nicht ins Angesicht blicken, weil es so hell leuchtete von Gottes Feuerglanz. Aber dieser Glanz war vergänglich und wurde mit der Zeit immer schwächer 8. Der Neue Bund, der durch den Heiligen Geist vermittelt wird, dagegen viel, viel herrlicher 9. Denn wenn schon der Bund, der zum Tode verurteilt, mit soviel Herrlichkeit vermittelt wird, um wie viel leuchtender muss da der Bund vermittelt werden, der gerechtspricht 10. Sein Glanz ist so überwältigend, dass der erste Bund daneben ganz matt und glanzlos wirkt 11. Wenn schon das herrlich war, was doch zugrunde ging, um wie viel herrlicher muss das sein, was bleibt 12. Weil wir unsere Hoffnung auf das setzen, was bleibt, sind wir sehr zuversichtlich 13 und brauchen es nicht Mose gleichzutun, der sein Gesicht mit einer Decke verhüllte, damit die Israeliten nicht sahen, wie der Lichtglanz gänzlich verging 14. Offenbar haben die Israeliten dabei ihre Wahrnehmungsfähigkeit verloren. Bis heute hindert so etwas wie eine Decke sie daran, bei der Verlesung der Urkunde des Alten Bundes wahrzunehmen,dass dieser Bund durch Christus längst überholt ist."
   Wir stellen fest: Paulus behauptet hier nun nicht, dass Gott den Alten Bund widerrufen oder aufgelöst hätte, wohl aber, dass er ihn durch eine Neufassung „novelliert" hat. So wie man ein Gesetz verbessert, in zweiter Auflage an die neue Lage anpasst, aber eben so nicht aufhebt, sondern neu macht. Denn es gilt: Kein Prophet und kein Apostel würde dem Gott Israels eine Treulosigkeit der Art unterstellen, dass er Bundesschlüsse auflöste. Der Alte Bund ist der ungekündigte. Der Neue Bund umfasst ihn, erweitert ihn, vertieft ihn und macht ihn wirklich zum Heilsweg. Um es ganz klar zu sagen: Die gültige Fassung des einen Bundes Gottes ist der Neue Bund. Aber damit ist der Alte Bund nicht abgeschafft und Israel nicht entwertet. Beweis: Paulus selbst bestätigt diese Sicht, indem er in Röm 9,4-5 erklärt: Sie gehören doch zu mir 4 und sind durch den Ehrennamen Israeliten ausge- zeichnet. Sie sind die Kinder Gottes, denen Gott seine Herrlichkeit gezeigt  und mit denen (das heißt: mit Abraham und Mose), er jeweils den Bund geschlossen hat. Ihnen hat er das Gesetz gegeben, sie dienen ihm im Tempel, für sie gelten die Verheißungen, 5 ihnen gehören die Erzväter". Hier ist keine Rede von der Aufhebung der Bundes- schlüsse, im Gegenteil.
   Noch einmal: Die Alternative ist nicht einfach „Abschaffen" oder „fundamental Neues einrichten". Zenger hat diese falsche Alternative aufgestellt und an 2 Kor 3 herangetragen und saugt daraus Honig für seine Vorwürfe betreffs Antisemitismus. Wenn ein Deutscher so leicht damit umgeht, sollte er vorsichtiger sein. Denn das Ver- hältnis von Altem und Neuem Bund ist bei Paulus nicht ein Entweder/Oder, sondern angesichts des Kommens Jesu Christi und der Sendung des Heiligen Geistes ist der eine Bund von Gott erneuert und in einer jetzt und für immer und für alle gültigen Form proklamiert worden. Das ist eben der neue und ewige Bund, den wir in jeder Eucharistie feiern. Dass dieses weiterhin den Bund mit Israel fortsetzt, sagt Paulus in Röm 9. Der Neue Bund ist eine weiter- entwickelte Form des Alten.
   Ob es nun deutschen theologischen Fakultäten passt oder nicht: Mit dem Vorwurf des Antisemitismus sollte man vorsichtig umgehen. Weder die Propheten (die ihr Volk oft beschimpft haben) noch Paulus in 2 Kor 3 noch die Fürbitte nach dem alten Ritus noch die Fürbitte nach dem erneuerten alten Ritus, noch der Papst, der selbst Paulus doch ermäßigt, sind dieses Verbrechens zu beschuldigen. Ein neues Hobby der Deutschen: Bei Leuten, die man - in der Regel aus ganz anderen Gründen - nicht mag, wird nach antisemitischen Zitaten gefischt. Ich weiß, wovon ich rede. Mich interessiert in diesem Zusammenhang auch immer die Geschichte der deutschen theologi- schen Fakultäten im Dritten Reich, wie dieses für Heidelberg Professor E. Wolgast umsichtig und sehr kritisch ge- tan hat.
   Ein spezielles Hobby von Professoren: Kirchenkritik und Kirchenpolitik auf Kosten der Bibel zu betreiben. Die ohnmächtige und völlig unberechtigte Kritik Zengers am Apostel Paulus aus naheliegenden gegenwärtigen Inter- essen und Betroffenheiten ist ein warnendes Zeichen. Und noch eines: Ich gönne Herrn Zenger den Empfang der Buber-Rosenzweig-Medaille aus ganzem Herzen und gratuliere ihm dazu. Ich kann nur bitten, mir dieses abzu- nehmen, da es kaum einen zweiten Neutestamentler deutscher Zunge gibt, der so konsequent seit fast 50 Jahren das Neue Testament vom Judentum her versteht. Aber es ist doch zu fragen, ob die Paulus- und Papstkritik Zengers ihn wirklich zum geborenen Vermittler zwischen Judentum und Christentum werden lässt. Denn zum Beispiel Paulus hat sein Volk über alles geliebt. Und der Heilige Vater muss dieses gegenüber den Juden nicht erst beweisen. Hetzt ihn nicht in den Spießrutenlauf!  DT090303KlausBerger

kipProfKarl-HeinzMenke-x         Prof. Dr. theol. Karl-Heinz Menke, Universität Bonn

Die „älteren Brüder und Schwestern“ - Zur Theologie des Judentums bei Joseph Ratzinger

   Auch sehr kritische Kommentare zur Aufhebung der Exkommunikation der von Lefebvre ohne päpstliche Erlaub- nis geweihten Bischöfe unterstellen Benedikt XVI. nicht, er habe den Antisemitismus von Richard Williamson tole- rieren oder den ebenso offensichtlichen Antijudaismus der Pius-Bruderschaft theologisch rechtfertigen wollen. Eine solche Unterstellung wäre vor dem Hintergrund aller bisherigen Äußerungen des Papstes zur Schoah und zur Ge- schichte des Verhältnisses von Judentum und Christentum nicht nur bösartig, sondern auch absurd.
   Schon lange vor seiner Erhebung zum Papst hat Joseph Ratzinger eine mittlerweile in drei Kontinenten verbrei- tete Gemeinschaft gefördert, die unter dem Namen «Katholische Integrierte Gemeinde» die Verwurzelung des Christentums im Judentum nicht nur erklären, sondern auch leben will. Nicht zufällig waren es Ratzingers «Freunde von der Integrierten Gemeinde», die ihn 1997 zu einer Publikation veranlasst haben, welche verstreute Beiträge zur Theologie des Judentums sammelt. Es ist kein Geheimnis, dass Kardinal Ratzinger zwar Vorbehalte gegen das interreligiöse «Gebetstreffen» von Assisi, nicht aber gegen den Besuch seines Vorgängers in der römischen Syn- agoge hatte. Im Gegenteil: Auch Papst Benedikt sieht in den Juden die «bevorzugten» und «älteren Brüder des Glaubens». Auch er versteht die Konzilserklärung Nostra Aetate als Wende im Verhältnis des Christentums zum Ju- dentum. Diese Wende entsprach seiner innersten Überzeugung. «Mir war», so bekennt er, «schon als Kind [...] immer unbegreiflich, wie manche aus dem Tod Jesu eine Verurteilung der Juden ableiten wollten». Ausdrücklich spricht er von den Verirrungen einer Theologie, die das Juden und Christen gemeinsame Erbe nur gegen die Juden und auf Kosten der Juden statt gemeinsam mit ihnen bewahren wollte. Ein Beispiel für seine Bereitschaft zur Korrektur ist folgender Hinweis in seinem viel besprochenen Jesus-Buch: «Gott im eigentlichen und wahren Sinn gibt es nicht in der Mehrzahl. Gott ist vom Wesen her nur einer. Darum kann er nicht in die Götterwelt eintreten wie einer von vielen, kann nicht einen Namen unter anderen Namen haben. [...] Er sagt einfach <Ich bin, der ich bin> - er ist schlechthin. Diese Zusage ist Name und Nicht-Name zugleich. Deswegen war es durchaus richtig, dass man in Israel diese Selbstbezeichnung Gottes, die in dem Wort JHWH gehört wurde, nicht ausgesprochen hat. Und es war daher nicht richtig, dass man in den neuen Übersetzungen der Bibel diesen für Israel immer geheimnis- vollen und unaussprechbaren Namen wie irgendeinen Namen schreibt und so das Geheimnis Gottes, von dem es weder Bilder noch aussprechbare Namen gibt, ins Gewöhnliche einer allgemeinen Religionsgeschichte herunter- gezogen hat.»
   Zu allen wichtigen Punkten der Verhältnisbestimmung von Judentum und Christentum hat Joseph Ratzinger Stellung bezogen: zum Verhältnis von Gesetz (Tora) und Evangelium; von Mose-Bund und Christus-Bund; von Israel und Kirche. Ihm geht es bei allen Einzelthemen um eine Christologie, die mit dem Festhalten an der Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi das Bekenntnis zu dem einen und einzigen Gott Israels sowie zur Einzigkeit des auserwählten Volkes verbindet.
1. Bekenntnis zur Einzigkeit und Heilsuniversalität Israels
   Nur ein Volk wurde auserwählt, damit es den Willen des einen und einzigen Gottes so lebe, dass die anderen Völker (die «gojim») durch die in Israel verleiblichte Tora das Sinnziel ihrer eigenen Suche erkennen. Ratzinger bemerkt in einem Kommentar zu entsprechenden Passagen des sogenannten Weltkatechismus: Die am Fest der Epiphanie erinnerten «Weisen aus dem Morgenland» Mt 2,1-12 suchen den König der Juden. So bezeugen sie, «dass die Heiden nur dann Jesus entdecken und ihn als Sohn Gottes und Heiland der Welt anbeten können, wenn sie sich an die Juden wenden und von ihnen die messianische Weisung empfangen». Die von Trito-Jesaja prophe- zeite Wallfahrt der Völker zum Zion Jes 66,19.21 wird durch die Erzählung von den Völkern, die zur Krippe pilgern nicht aufgehoben, sondern näher bestimmt. Ratzinger spricht von der bleibenden Gültigkeit der johanneischen Formel «Das Heil kommt von den Juden» 4,22. Denn es gibt für niemanden einen Zugang zu Jesus Christus «ohne das gläubige Annehmen der Offenbarung Gottes, die in den Heiligen Schriften spricht, welche die Christen Altes Testament nennen». Die anderen Religionen können bestenfalls mit dem Stern verglichen werden, der die Weisen aus dem Morgenland nach Jerusalem führt. Aber ohne die in Jerusalem gelebte und verschriftlichte Gottes- erfahrung gelangt niemand zu Christus. Wenn im Kontext der Pluralistischen Religionstheologie von den religiösen Bereitschaft zur Korrektur ist folgender Hinweis in seinem viel besprochenen Traditionen z.B. Asiens und Afrikas so gesprochen wird, als könnten diese Christus ebenso erschließen wie die Schriften Israels, wird etwas Entschei- dendes vergessen: Die Erwählung eines einzigen Volkes aus allen anderen Völkern ist deshalb erfolgt, weil an einer Stelle in Raum und Zeit sichtbar werden sollte, was es heißt, nicht aus dem eigenen Willen, sondern aus dem Gehorsam gegenüber Gottes Willen zu denken, zu planen, zu gestalten, zu leben und zu sterben. Christologie, die zur Fortschreibung der je eigenen Kultur, Politik oder Weltanschauung wird, ist - so betont Ratzinger - geradezu das Gegenteil einer aus den kanonischen Schriften Israels genährten Christologie. Denn die hebräische Bibel ist das Dokument der Erfahrung des Gottes, der alle Projektionen durchbricht. Zwar ist auch Israel in seiner Ge- schichte immer wieder versucht, ein Volk «wie die anderen auch» sein zu wollen. Aber seine Erwählung besteht in der Zumutung, eben darauf zu verzichten. JHWH allein bestimmt die Kriterien des wahren Volk- und des wahren Mensch-Seins; und Israel ist erwählt, diese Kriterien sichtbar zu machen, sie zu bezeugen und zu verleiblichen.
   Im Kontext der von Regensburg ausgehenden Debatte über die Verhältnisbestimmung von Vernunft, Religion und Glaube wurde dem Papst immer wieder vorgeworfen, er habe ein gestörtes Verhältnis zur Aufklärung, speziell zum Autonomie-Gedanken der Neuzeit. Richtig ist, dass er einen geistesgeschichtlichen Zusammenhang sieht zwischen dem Autonomie-Pathos der Aufklärung, dem Antisemitismus eines Voltaire und Diderot und dem Anti- semitismus der Nationalsozialisten. Was die zumeist aus dem Judentum stammenden Vertreter der Frankfurter Schule als «Dialektik der Aufklärung» beschreiben, affirmiert Ratzinger mit dem Hinweis, dass eine sich von allen Abhängigkeiten emanzipierende Vernunft auf dem Weg ist, sich ihrerseits alles zu unterwerfen - zumindest dann, wenn sie den Gehorsam gegenüber ihrem Schöpfer aufkündigt und sich also selbst verabsolutiert. Bei den Aufklärern Voltaire und Diderot verbindet sich die Apotheose der Vernunft mit dem Hass auf den Gott der Gebote und Verbote, der aus guten Gründen mit dem Gott Israels identifiziert wird. Wo Christen sich auf Kosten der Juden als die wahren Erben Israels (Substitutionsthese) betrachten, verachten sie das Erbe nicht, das sie den Juden absprechen und für sich selbst beanspruchen. Ihre Theologie ist antijudaistisch, aber nicht antisemitisch. Ganz anders die atheistischen Protagonisten der Aufklärung: Sie verachten das Judentum als solches. Es steht in ihren Augen für Heteronomie statt Autonomie. Voltaire und Diderot sind exemplarische Antisemiten. Und deshalb sind sie Vorläufer jener Ideologen, von denen Papst Benedikt in Auschwitz sagte, dass sie mit dem Austilgen Israels den Gott töten wollten, «der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat». Man geht nicht fehl in der Annahme, dass Papst Benedikt sich der folgenden Vermutung seines verstorbenen Freundes Jean-Marie Lustiger anschließen könnte: «Ich glaube, dass der Anti- semitismus Hitlers aus dem Antisemitismus der Aufklärung, und nicht aus einem christlichen Antisemitismus hervor- gegangen ist.»
2. Gegen die antithetische Verhältnisbestimmung von Tora und Evangelium
   Ratzinger sieht in der These von der Ersetzung (Substitution) der Tora durch das Evangelium, der Heilsbedeu- tung Israels durch die Heilsbedeutung Christi, des Mose-Bundes durch den Christus-Bund, des Volkes Israel durch die Kirche einen Irrtum, der erst im Gefolge der reformatorischen Rechtfertigungslehre bis in die Formel von der Ablösung des Alten durch das Neue Testament getrieben wurde. Ratzinger erinnert an die These Adolf von Har- nacks, der Protestantismus müsse sich nicht nur von der judaisierten und hellenisierten Gestalt des katholischen Christentums, sondern auch von den Urkunden des Judentums, von den Schriften der hebräischen Bibel, trennen. Ratzinger sieht in der antithetischen Verhältnisbestimmung von Tora und Evangelium die Folgen eines dialekti- schen statt analogen Denkens. Wörtlich bemerkt er: Mit seiner «Darstellung innerer Kontinuität und Kohärenz zwischen Gesetz und Evangelium steht der Katechismus der Katholischen Kirche streng innerhalb der besonders von Augustinus und Thomas von Aquin formulierten katholischen Überlieferung. In ihr ist das Verhältnis zwischen der Tora und der Verkündigung Jesu nie als Dialektik gesehen worden, bei der Gott im Gesetz sub contrario, gleichsam als der Gegner seiner selbst erscheinen würde. In ihr galt nie Dialektik, sondern Analogie, Entwicklung in innerer Entsprechung, gemäß dem schönen Satz des heiligen Augustinus: <Im Alten Testament ist das Neue verborgen gegenwärtig, im Neuen liegt das Alte offen da>.»
   Wo immer dies möglich scheint, beruft sich Ratzinger auf seinen Lieblingsautor Augustinus. Doch als Exeget der Stellen des Corpus Paulinum z.B. Gal 2,15f; 3,10-13 die Augustinus mit Vorliebe als Belege für seine Position im Streit mit Pelagius anführt, gelangt er zu einer diametral anderen Auslegung als dieser. Nach Paulus - so betont er — ist nicht das Tun der Tora, sondern die Übertretung der Tora Sünde. Die Tora erweist sich jedem, der sie erfüllt, als Gemeinschaft mit JHWH und also als Gnade. Doch sie kann auch pervertiert werden — dann nämlich, wenn sie statt Verleiblichung des Glaubens an die von JHWH geschenkte Rechtfertigung Mittel der Selbstrechtfertigung wird. Wo sich jemand durch das Erfüllen der Tora selbst gerecht machen will, wird das Gesetz zum Ausweis seiner Sünde. Deshalb - aber auch nur deshalb! — kann Paulus vom «Fluch des Gesetzes» Gal 3,13 sprechen. So gese- hen richtet sich die paulinische Redewendung «nicht gerecht aus Werken des Gesetzes» Gal 2,16 keineswegs gegen die Tora, sondern gegen die Menschen, die - statt im Tun der Tora ihren Glaubensgehorsam (ihre Annahme des Bundes) zu bekunden — sich durch die Werke des Gesetzes selbst gerecht machen wollen.
   Ratzinger wendet sich gegen alle Christologien, die das Evangelium Jesu als Befreiung von der Tora oder gar im Sinne eines liberalen statt legalistischen Umgangs mit der Tradition erklären. «Jesus hat nicht als Liberaler gehan- delt, der eine etwas weitherzigere Gesetzesauslegung empfiehlt und sie selbst vorführt. In der Auseinander- setzung Jesu mit den jüdischen Autoritäten seiner Zeit stehen sich nicht ein Liberaler und eine verknöcherte tra- ditionalistische Hierarchie gegenüber.» Im Gegenteil, Ratzinger ist überzeugt, dass Matthäus den historischen Jesus darstellt, wenn er ihm die Worte in den Mund legt: «Meint nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich ich sage euch: bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht ein Jota oder Häkchen vom Gesetze vergehen, bis alles geschehen ist.» Mt 5,17f. Jesus befreit nicht von der Tora, sondern erhebt sie zum Sakrament. Ratzinger nennt Christus die «Tora in Person»; und er meint mit dieser Bezeichnung nicht, dass Jesus als der schlechthin toratreue Jude nur so etwas wie die Personifikation der Tora ist. Nicht der Tora, wohl aber dem Fleisch gewordenen Logos spricht der Prolog des vierten Evangeliums das Wesen Gottes zu. Kein Jude könnte in Analogie zu Joh 1,1b bekennen: «Und die Tora ist Gott.» Aber Christen bekennen sich zur Wesensgleichheit des Logos mit dem Gott Israels. Aus christlicher Sicht ist die Tora Interpretation des ewigen Logos und nicht umgekehrt der Fleisch gewordene Logos die bloße Veran- schaulichung oder Personifikation der Tora. Das Befolgen der Tora führt den Israeliten in die Gemeinschaft mit JHWH und ist deshalb Vermittlung desselben Heiles, das auch Jesus verkündet hat. Aber die Tora als solche ist im Unterschied zu Jesus Christus nicht die Gemeinschaft mit JHWH (das ewige Leben). Vielmehr wird sie durch das Christusereignis aufgewertet von einer Bedingung des Glaubens an JHWH zu einem Sakrament (zu einem Mittel, das bewirkt, was es bezeichnet) der Gemeinschaft mit JHWH.
3. Bekenntnis zur Einzigkeit und Heilsuniversalität Christi
  Ratzinger bezeichnet die Differenz zwischen Christentum und Judentum genauso klar wie die Untrennbarkeit des Christentums vom Judentum. Er ist überzeugt, dass jeder Dialog mit der Wahrhaftigkeit der Dialogpartner steht und fällt. Jüdische Theologen, so weiß er, respektieren das proprium christianum und sind skeptisch gegenüber jedem Versuch, Unterschiede auszuklammern oder gar zu leugnen. Nicht zufällig wurde Jacob Neusner, Professor für Geschichte und Theologie des Judentums am Bard College in New York, zum bevorzugten Dialogpartner Ratzin- gers. Denn er bekennt: «Lange haben Juden Jesus als Rabbi gelobt, als Juden wie wir. Doch für den christlichen Glauben an Jesus Christus ist diese Beteuerung ungeheuer irrelevant. Und die Christen haben ihrerseits das Judentum als die Religion gelobt, aus der Jesus stammte; für uns ist das jedoch kein besonderes Kompliment.» Neusner verlangt nicht, dass die Christen ihr Christentum kritisch überprüfen. Er gesteht zu, dass es hundert gute Argumente dafür gibt, in Jesus genau den zu sehen, den die christliche Tradition beschreibt. Objektiv falsch - so betont er - ist nur die Behauptung, Jesus sei deshalb der dem Vater wesensgleiche Sohn, «weil er die Tora erfüllte oder die Tora aufrecht erhielt oder sich der Tora fügte». Denn — so Neusner weiter — «gemessen an diesem Kriterium wäre ich ihm damals nicht gefolgt und würde ich heute niemandem raten, ihm zu folgen». Der jüdische Theologe weiß sich einig mit Papst Benedikt in der Bezeichnung des Punktes, in dem Jesus das jüdische Tora- Verständnis so grundlegend sprengt, dass ihm kein ehrlicher Jude mehr Treue zur Tora bescheinigen kann. Es geht um die unbestreitbare Tatsache, dass Jesus die Seligpreisungen der Bergpredigt an seine Person bindet: «Selig, wenn ihr um meinetwillen ...». Für den Juden gibt es nur die Bindung an den Willen des einen und einzigen Gottes. Hier aber tritt aus jüdischer Sicht ein Zweiter mit göttlicher Autorität auf. Neusner versetzt sich in die Hörer der Bergpredigt Jesu und ist entsetzt. Denn hier steht nicht irgendeine Interpretation der Tora auf dem Spiel, sondern der Monotheismus Israels. Und Ratzinger bestätigt Neusner, wenn er schreibt: «Der Streit zwischen Jesus und den jüdischen Autoritäten seiner Zeit geht letztlich nicht um diese oder jene einzelne Gesetzesverletzung, sondern um den Anspruch Jesu, ex auctoritate divina zu handeln, ja, diese auctoritas selbst zu sein. <Ich und der Vater sind eins>Joh 10,30
   Der Papst zeigt in seinem Jesus-Buch, dass die Juden, die zu Verfassern der neutestamentlichen Schriften wur- den, den Monotheismus in keiner Weise verraten, wenn sie von der wahren Gottheit Jesu sprechen. Sie stellen Jesus nicht als einen zweiten Gott neben den Gott Israels, sondern sind durchgängig bestrebt, Jesus als die Offenbarkeit des einen und einzigen Gottes zu erklären. Wenn der vierte Evangelist Jesus die Worte sprechen lässt: «Ich und der Vater sind eins.» Joh 10,30 und «Wer mich sieht, sieht den Vater.» Joh 12,45, dann geht es ihm um die Wahrung des jüdischen Monotheismus. Nicht unter dem Einfluss der griechischen Philosophie, sondern in Kenntnis der alttestamentlichen Schriften unterstreichen alle neutestamentlichen Autoren die Identität des Han- delns Jesu mit dem Handeln JHWHs. Papst Benedikt zeigt an Hand zahlloser Beispiele, dass Jesus tut, was nach dem Zeugnis der alttestamentlichen Schriften einzig und allein JHWH tun kann: Er vergibt Sünden Mt 1,21; Mk 2,1- 12. Er erweckt.Tote zum Leben Mk 5,41f; Lk 7,14f; Joh 11,43f. Er hat Macht über alle Gewalten der Natur Mk 4,35- 41; 6,45-52. Und er wird als «der alleinige Retter» Apg 4,12, als «der Herr aller Menschen» Rö 10,12, als «der Herr der Herrlichkeit» 1 Kor 2,8, als «der Erste und der Letzte» Offb 1,17; 22,13 und schließlich als «der wahre Gott» Joh 20,28; 1 Joh 5,20 bezeichnet. Natürlich ist das gleichzeitige Bekenntnis zur wahren Gottheit Christi und zum Monotheismus Israels nur unter der Voraussetzung widerspruchsfrei, dass die von Jesus gelebte «Abba-Bezie- hung» identisch ist mit der Beziehung des ewigen Logos zum Vater. Anders gesagt: Das «Eins-sein» Jesu mit dem «Vater» (= JHWH) setzt die christliche Trinitätslehre notwendig voraus. Ratzinger kennt die allzu verständlichen Einwände des Judentums gegenüber dem Trinitätsdogma. Aber er spricht auch von Konvergenzen, wo die rabbini- sche Theologie von der «wesentlichen Relationalität», z.B. von der «Selbsterniedrigung» und vom «Herabsteigen» Gottes spricht.
4. Die Verheißung des Abrahamsbundes, der ungekündigte Mose-Bund und das Neue des Christus-Bundes
   Mit Berufung auf Paulus Gal 3,15-25 beschreibt Ratzinger den Abrahamsbund im Vergleich zum Mose- und zum Christus-Bund als «den grundlegenden». In Abraham sind alle Völker gesegnet. Abraham steht für die Hoffnung, dass alle Menschen «in die Gemeinschaft des einen Gottes eintreten, der ... der Weg aller wird und werden muss, weil es nur einen Gott gibt und weil daher sein Wille Wahrheit für alle ist.» Dennoch - oder besser: gerade deshalb - ist der am Sinai geschlossene Mose-Bund ein Bund ausschließlich mit Israel. Denn JHWH schenkt seinem auser- wählten Volk die Tora, damit es seinen Glauben stellvertretend für alle anderen Völker als Quelle allen Heils erwei- sen kann. Israel ist mit dem Geschenk des Mose-Bundes bzw. der Tora berufen, Licht der Welt und Salz der Erde zu sein. Doch die Geschichte Israels beweist, dass die Universalisierung der Tora, dass die prophetisch verheißene Völkerwallfahrt zum Zion misslingt. Statt von einer Universalisierung der Tora spricht die Bibel von einer Universa- lisierung der Sünde. Deshalb bedurfte es einer neuen Heilsinitiative Gottes, nämlich des in Christus gestifteten Bundes. Von diesem «neuen Bund» ist nicht erst in den neutestamentlichen Schriften die Rede, sondern schon in Jer 31,31-34. Der Prophet beschreibt den «neuen Bund» nicht als Aufhebung des «alten Bundes», sondern als Einschreibung der Tora in die Herzen der Menschen. Ob damit schon die nachexilischen Versöhnungsriten des Jerusalemer Tempelkultes oder erst das Christusereignis gemeint ist, muss nicht entschieden werden.
   Der Hebräerbrief leugnet an keiner Stelle, dass die Israel geschenkte Tora und der nachexilische Tempelkult von JHWH gestiftete Mittel des Heils sind. Aber faktisch erreichen sie nicht, was sie erreichen sollen. Am Versöhnungs- tag trug der Hohepriester das Blut von Opfertieren als Symbol der Hingabe der Israeliten an die Stelle, wo die Bundeslade, das Realsymbol der Gegenwart JHWHs, stand. Aber - so der Vergleich des Hebräerbriefes Hebr 9,1- 15 — was innerhalb des Tempelkultes nur symbolisch dargestellt wird, das ist in Christus Wirklichkeit. Christus ist nicht nur symbolische, sondern wirkliche Anwesenheit Gottes; und sein am Kreuz stellvertretend für alle Sünder vergossenes Blut gelangt nicht nur symbolisch, sondern wirklich zu JHWH (zum Vater). Wie der Hohepriester am Versöhnungstag durch den Vorhang des Tempels mit dem Opferblut von Böcken und Stieren zu der Stelle tritt, wo das Symbol der Anwesenheit Gottes die kapporet steht, so trägt Jesus Christus sein stellvertretend vergossenes Blut durch den Vorhang seines Menschseins hindurch zum Vater; und dies nicht nur im Sinne eines jährlich wieder- holten Symbols, sondern wirklich ein für allemal. Seit der Erhöhung des Gekreuzigten zum Vater ist der physische Tod nicht mehr das Tor in die Scheol (Trennung von Gott), sondern Tor des Zugangs zum Vater. Wer im Abendmahl das Blut Christi empfängt, empfängt ungleich mehr als die Israeliten, die von Mose am Sinai mit dem Blut von Tieren besprengt wurden Ex 24,8. Denn jenes Blut war Symbol für die Hingabe der Besprengten an den Willen Gottes, an die von JHWH gestiftete Tora. Wer hingegen das Blut und den Leib Christi empfängt, gehört wirklich zu dem Leib und dem Blut, das der Gekreuzigte in der Stunde seines Todes durch den zerbrechenden Vorhang seines irdischen Daseins hindurch zum Vater trägt. Ratzinger kommentiert den Vergleich des Hebräerbriefes zwischen Mose-Bund und Christus-Bund, zwischen dem nachexilischen Versöhnungstag und dem Geschehen von Golgotha mit den Worten: «Wenn Jesus, den Kelch darreichend, zu den Jüngern sagt: «Das ist mein Blut des Bundes» Mk 14,24; Mt 26,27f, dann sind die Sinaiworte Ex 24,8: «Da nahm Mose das Blut, besprengte damit das Volk und sagte: Das ist das Blut des Bundes, den der Herr auf Grund all dieser Worte mit euch geschlossen hat.» zu einem ungeheuren Realismus gesteigert, und zugleich erschließt sich eine vorher nicht abzusehende Tiefe. [...] Denn die sakramentale Blutsgemeinschaft, die nun Möglichkeit wird, verbindet die Empfänger mit diesem leibhaftigen Men- schen Jesus und so zugleich mit seinem göttlichen Geheimnis.»
   Paulus bezeichnet in 2 Kor 3,6 den Mose-Bund als alten Bund und den Christus-Bund als neuen Bund. Lukas und Paulus lassen Jesus die Worte sprechen: «Das ist der neue Bund in meinem Blute.» Lk 22,20; 1 Kor 11,25. Und der Hebräerbrief spricht gar von einer veralteten und überlebten Seite des Mose-Bundes Hebr 8,3, von etwas «Erstem», das Jesus Christus aufgehoben hat, um etwas «Zweites» in Kraft zu setzen Hebr 10,9. Aber — so erklärt Ratzinger — man würde diese Gegenüberstellung völlig missverstehen, wollte man daraus die Substitution des Mose-Bundes durch den Christus-Bund ableiten. Denn die alle Völker einbeziehende Universalität des mit dem Namen Abrahams versehenen Bundes charakterisiert zuerst den Mose-Bund und dann den Christus-Bund als Mittel und Werkzeuge zur Realisierung ein und derselben Verheißung. So gesehen wird der Mose-Bund durch den Christus-Bund nicht ersetzt, sondern so ergänzt, dass er doch noch sein Ziel erreichen kann. Weil diese Ergän- zung auch eine Überbietung ist, spricht der Hebräerbrief in seinen Vergleichen von überholten Komponenten des Mose-Bundes. Das aber ist etwas ganz anderes als Substitution. Die Tora bleibt, wie oben ausgeführt, authen- tische bzw. kanonisierte Interpretation des Willens Gottes, den der Johannesprolog als präexistenten Logos beschreibt. Deshalb sind die Juden, die Jesus nicht als den Christus bekennen, zumindest dann in Gemeinschaft mit Christus, dem Fleisch gewordenen Logos, wenn sie dem Mose-Bund durch die Befolgung der Tora treu sind. Durch das Christusereignis wird die Tora zu einem Weg in die Gemeinschaft mit dem Einen, der von sich sagen durfte: «Niemand kommt zum Vater außer durch mich.» Job. 14,6. Deshalb ist die nach dem Konzil formulierte Auf- forderung der Karfreitagsliturgie zum Gebet für Israel ungleich besser als die vorkonziliare Fassung oder die des wieder zugelassenen tridentinischen Ritus. Denn hier endlich wird vorausgesetzt, dass die Juden nicht trotz, son- dern in ihrer Treue zur Tora den Weg zum Vater finden, der aus christlicher Sicht identisch ist mit Jesus Christus.
   Papst Benedikt hat der Fassung des wieder zugelassenen tridentinischen Ritus zugestimmt, obwohl auch deren Formulierung an die mittelalterlichen Personifikationen einer Synagoge erinnert, deren Augen verbunden sind. Das berechtigte Anliegen dieses fragwürdigen Kompromisses liegt in der These von der auch die Juden einbeziehen- den Heilsuniversalität Christi. Papst Benedikt selbst ist kein Anhänger der Substitutionsthese. Im Gegenteil: Er sieht mit der universalen Heilsnotwendigkeit Christi auch die Heilsuniversalität Israels verbunden - und dies nicht nur deshalb, weil der Christus-Bund den Mose-Bund geschichtlich gesehen voraussetzt. Dezidiert widerspricht Ratzinger den protestantischen Theologen, die der Tora nach dem Christusereignis nur noch die negative Funktion eines Spiegels zuschreiben, in dem jeder Mensch erkennen soll, dass er nichts hat, womit er sich vor Gott recht- fertigen kann. Nein, die Tora bleibt auch nach dem Christusereignis die Art und Weise, in der das Geschenk des Er- lösers angenommen wird. Das Rechtfertigungsgeschehen ist kein einseitiges Handeln Gottes am Sünder, sondern ein Bundesgeschehen. Christus hat die Tora verändert. Aber das — so betont Ratzinger — bedeutet nicht, dass er sie relativiert, diminuiert oder gar ersetzt hat. Er hat die Tora nicht aufgeteilt in universal brauchbare moralische Prinzipien auf der einen und rituelle oder juridische Observanzen auf der anderen Seite. Er hat die in den Schriften Israels niedergelegten Interpretationen der Tora ausschließlich nach dem einen Kriterium beurteilt, ob sie aus dem Willen dessen zu leben lehren, den er auf Grund seiner singulären Sohnesbeziehung «Abba» nannte. Der Glaube an die Rechtfertigung wäre ein unsichtbarer, heilsindividualistisch und privatistisch pervertierter Glaube, wenn er nicht ebenso wie der Glaube Israels alle Lebensbereiche durchdringen und sich so verleiblichen würde. Ratzinger verweist in seinen Beiträgen zur Theologie der Eucharistie auf die Tatsache, dass die Empfänger der Selbstver- schenkung Christi sich das Gericht essen und trinken, wenn sie die Selbstverschenkung Christi nicht mitvollziehen. Die Eucharistiefeier ist nicht nur Opfer Christi, sondern wesentlich auch Opfer der Kirche; sie ist ein Bundes- geschehen, weil die Empfänger zugleich Geber dessen sind, was sie empfangen.
5. Gegen die substitutive Bestimmung des Verhältnisses der Kirche zu Israel
   Wie Ratzinger die Unterscheidung zwischen Mose-Bund und Christus-Bund mit dem Hinweis relativiert, dass beide Bünde der an Abraham ergangenen Verheißung dienen, so stellt er die Unterscheidung zwischen dem «Got- tesvolk Israel» und dem «neuen Gottesvolk» (Kirche) in die eschatologische Perspektive der Ölbaum-Metapher des Römerbriefes. In seiner Interpretation bildet Israel die Wurzel und den Stamm des Ölbaums. Aber durch den Juden Jesus wird der Baum Israel zum Leib des Erlösers, in den auch die anderen Völker — verglichen mit aufgepfropften Zweigen — Einlass finden und von dem sich die Israeliten, die Jesus nicht als den Christus bekennen, trennen (Trennung der Synagoge von der Kirche). Sie werden «herausgebrochen» - dies aber in der Hoffnung, dass sie eifersüchtig werden auf die Juden, die schon zum Leib Christi gehören und sich dann ihrerseits einfügen lassen Rö ll, 23f. Paulus ist gewiss: «Die Verstockung ist teilweise über Israel gekommen, bis die Vollzahl der Heiden ein- getreten ist; dann wird auch ganz Israel das Heil erlangen» Rö ll, 25f.
   Ratzinger hat seine erstmals 1969 veröffentlichten Beiträge zur Ekklesiologie mit dem Titel «Das neue Volk Gottes» versehen. Er gehörte auch zu den Theologen, die während des Zweiten Vatikanischen Konzils die Aufnahme des «Volk-Gottes-Begriffs» in die Konstitution über die Kirche befürwortet haben. Dies geschah unter Absehung von allen vorausliegenden Verlautbarungen des römischen Lehramtes. Man wollte mit der Bezeichnung der Kirche als Volk Gottes erklären, dass die Kirche nicht nur schon erlöst und also mystischer Leib Christi, sondern zugleich auch die pilgernde Gemeinschaft suchender Sünder ist. Weil die nachkonziliare Theologie diesen Aspekt mit politischen Konnotationen angereichert und horizontalistisch vereinseitigt hat, bezeichnet der Kardinalpräfekt Ratzinger die Kirche in verschiedenen Klarstellungen der Glaubenskongregation als «Volk Gottes vom Leib Christi her».
   Problematischer aber als die durchaus biblische Bezeichnung der Kirche als «Volk Gottes» ist die Anwendung des Attributes «neu» z.B. in LG 9, wo die Kirche als «das neue Volk Gottes» Israel als dem «alten Volk Gottes» gegen- übergestellt wird. Während die Schriften des AT und des NT von einem alten und einem neuen Bund sprechen, findet sich die Gegenüberstellung von altem und neuem Volk Gottes nirgendwo. Auch das NT kennt die Bezeich- nung der Kirche als «neues Volk Gottes» nicht. Diese Ausdrucksweise geht zurück auf den Barnabasbrief 5,7; 7,5. Dort aber hat sie eine ausgesprochen antijüdische Funktion. Wolfhart Pannenberg bemerkt: «Nach Barnabas haben die Juden den ihnen durch Mose angebotenen Bund nicht angenommen, wie aus der Herstellung des golde- nen Kalbes geschlossen wird. Sie sind daher nach dem Urteil des Barnabasbriefes nie wirklich Gottesvolk gewe- sen; erst die Kirche wurde zu dem im Alten Testament verheißenen Gottesvolk Barn 14,lff. Diese Vorstellung wur- de mit Melito von Sardes und Hippolyt von Rom gemildert zu der Auffassung einer heilsgeschichtlichen Ablösung Israels als Gottesvolk durch die Kirche in ihrer Eigenschaft als <neues> Gottesvolk. Doch auch mit dieser bis in die jüngste Zeit wirksam gebliebenen Substitutionsthese ist das Urteil verbunden, dass das jüdische Gottesvolk ge- genwärtig nicht mehr als Gottesvolk zu betrachten ist.»
   Dass Ratzinger mit dem Buchtitel «Das neue Volk Gottes» nicht die im Barnabasbrief vertretene Substitutions- these verbindet, wird besonders an den Stellen seiner Aufsätze deutlich, wo er auf Rö 11 rekurriert. In diesem bedeutenden Kapitel stellt Paulus gleich zu Anfang die Frage, ob die Ablehnung des Bekenntnisses zu Jesus Christus von Seiten der Mehrheit des jüdischen Volkes die Verstoßung Israels zur Folge habe Rö 11,1. Paulus be- eilt sich zu versichern, dass er die Frage nur gestellt habe, um in gleichem Atemzug mit «Nein!» zu antworten. Und er "warnt die Zweige, die dem Olbaum erst neuerdings aufgepfropft wurden: Wie könnt ihr euch eurer Zugehö- rigkeit zum Volk Gottes sicher sein, wenn ihr bezweifelt, dass Gott die Erwählung Israels trotz der besagten Verweigerung aufrecht erhält? «Unbereubar» - so schreibt Paulus in Rö 11,29 - «sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes.»
  Unter dem Titel «Das Erbe Abrahams» hat Kardinal Ratzinger zur Jahrtausendwende eine Art Manifest seiner Verhältnisbestimmung von Judentum und Christentum verfasst. Darin heißt es: «Es ist offensichtlich, dass der Dialog von uns Christen mit den Juden auf einer anderen Ebene stattfindet als der mit den anderen Religionen. Denn der in der Bibel der Juden, dem Alten Testament der Christen, bezeugte Glaube ist für uns nicht eine andere Religion, sondern das Fundament unseres Glaubens.» Ratzinger beschreibt «eine neue Vision der Beziehung zwischen Kirche und Israel» und betont, dass diese Vision beginnen muss «mit einem Gebet an unseren Gott ..., dass er vor allem uns Christen eine größere Hochschätzung und Liebe zu diesem Volk, den Israeliten, gebe, welche <die Sohnschaft haben, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, das Gesetz, den Gottesdienst, die Ver- heißungen, die Väter, von denen Christus dem Fleische nach stammt ..., und das nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch gegenwärtig, «denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt» Rö 11,29. Communio0903/04

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