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Kardinal von Galen

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Freude über Seligsprechung

Bischof und Kardinal Clemens August Graf von Galen (1878-1946)
Seligsprechung: 9. Oktober 2005 in Rom - Liturgischer Gedenktag: 7. September
NEC LAUDIBUS NEC TIMORE - Weder Menschenlob noch -furcht (sollen uns bewegen). Der Wahl- spruch des todesmutigen Hirten aus dem Münsterland vermag wohl am besten auszudrücken, wer diese lichtvolle Größe der deutschen Kirchengeschichte eigentlich war. Kardinal von Galen, der »Löwe von Münster«, kämpfte - nur Gott fürchtend - furchtlos für die Achtung der bedrohten Würde aller Menschen.
   Clemens August wurde am 16. März 1878 auf Burg Dinklage im Oldenburger Münsterland als elftes von 13 Kindern gläubiger Eltern geboren. 1904 empfing er im Münsteraner Dom die Priesterweihe, wirkte 23 Jahre lang als Diasporaseelsorger in Berlin, bis er 1929 zum Pfarrer an der Kirche St. Lam- berti zu Münster und 1933, zu Beginn des Dritten Reiches, als Nachfolger des heiligen Ludger (+ 809) zum Bischof von Münster ernannt wurde. Wie der Glaubensbote setzte sich der große Marienverehrer von Beginn an für die religiöse Erneuerung seiner Diözese ein.
   Von der Kanzel herab und in Hirtenbriefen demaskierte er früh die gottlosen Ziele der NSDAP, warnte vor deren menschenunwürdiger und neuheidnischer Ideologie und verurteilte die Hinrichtung von Christen ebenso wie die Tötung sogenannten »lebensunwerten Lebens«, also behinderter Men- schen. Seines prophetischen Weitblicks wegen wurde er von Pius XI. zur Mitarbeit an der Enzyklika »Mit brennender Sorge« (1937) eingeladen. Die deutlichen Worte des Oberhirten erzürnten die Machthaber. Aus Angst, seine Ermordung könnte Unruhe in das katholisch geprägte Münsterland bringen, wurden statt seiner 42 Geistliche verhaftet und zehn von ihnen getötet.
   Jede seiner Visitationen und Firmreisen wurde zwar mit Schikanen begleitet, und doch waren sie eindrucksvolle Kundgebungen des Glaubens. Für sein Wirken und seinen unerschütterlichen Mut ver- lieh ihm Papst Pius XII. 1946 den Kardinalspurpur. Unvergesslich blieb den Menschen sein letzter Auf- tritt vor den Trümmern des Domes am 16. März 1946. In seiner Ansprache erklärte er, dass er aus Gewissensgründen das Unrecht anprangerte. »Ich habe es getan, weil ich glaubte, damit meinem Volke und meinen Diözesanen den besten Dienst zu erweisen. Ich habe es getan, weil ich wusste, dass ich nicht für mich und meine Person alleine sprach, sondern für Hunderte und Tausende, die hinter mir standen und nicht sprechen konnten.« Am 22. März 1946 starb das »Vorbild des christ- lichen Mutes«, wie ihn Benedikt XVI. nannte, an einem Blinddarmdurchbruch. DT100306StefanWirth

cd.v.GalenPWZxx  Sonderstempel Münster

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Reliquie Graf von Galens in »San Bartolomeo«

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  Eine Reliquie des seligen Clemens August Graf von Galen ist von der Diözese Münster der römischen Gemeinschaft »Sant’Egidio« übergeben worden. Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in der Basilika »San Bartolomeo« auf der Tiberinsel überreichte Weihbischof Heinrich Janssen(Münster) zusammen mit dem Bischof von Aachen, Heinrich Mussinghoff, das bedeutungsvolle Geschenk. An der Feier in »San Bartolomeo«, dem Gedächtnisort für die Märtyrer des 20. Jahrhunderts, nahmen zahlreiche Bischöfe teil, die aus Anlass des 38. Jahrestags der Gründung der Gemeinschaft »Sant’Egidio« nach Rom gekommen waren.   OR060303

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Von-Galen-Reliquie in Cloppenburg-Bethen

   Eine Reliquie des 2005 seliggesprochenen Kardinals Clemens August Graf von Galen (1878-1946) hat der Bischof von Münster, Reinhard Lettmann, in Cloppenburg-Bethen hinterlegt. Dabei erinnerte er an die Predigten von Galens gegen die Tötung kranker und behinderter Menschen durch das NS- Regime. Die Finger-Reliquie hat ihren Platz in der Krypta der St.-Marien-Basilika. OR070831

Der „Löwe von Münster" predigte öffentlich gegen das Unrecht im Hitler-Regime

   Vielen Deutschen galt er als Symbolfigur des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Mit dem Ehrentitel „Löwe von Münster“ ging Bischof Clemens August Kardinal von Galen in die Geschichte ein. In Anwesenheit von Papst Benedikt XVI. wurde er im Petersdom seliggesprochen.
   Clemens August von Galen wurde 1878 als Sohn des Grafen und Reichstagsabgeordneten des Zentrums, Ferdinand von Galen, auf Burg Dinklage im oldenburgischen Münsterland geboren. Pünkt- lichkeit, Fleiß, Traditionsbewusstsein, Gehorsam gegenüber der Obrigkeit und eine konservativ- katholische Lebensanschauung - das waren die Werte, die dem elften von 13 Kindern anerzogen wurden.
    Seine Amtszeit als Bischof fiel praktisch mit der Dauer des Dritten Reichs zusammen. Am 23. Oktober 1933 wurde er nach seiner Pfarrtätigkeit in Berlin und Münster im Alter von 50 Jahren zum Bischof von Münster geweiht. Er gilt als einer der wenigen deutschen Kirchenführer, die es offen wagten, gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime Stellung zu beziehen. Aufsehen erregten seine Predigten gegen Euthanasie und Naziterror. Am 21. Februar 1946 ernannte ihn Papst Pius XII. in Anerkennung seiner aufrechten Haltung während der NS-Zeit zum Kardinal. Nur einen Monat später, am 22. März, starb der Kardinal an einer Blinddarm-Entzündung.
   Das nun abgeschlossene Seligsprechungsverfahren wurde bereits 1956 eingeleitet. Die Liturgie stand unter der Leitung von Kurienkardinal Jose Saraiva Martins.
   Im Vorfeld der Feierlichkeiten würdigte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Galen als christliches Vorbild. Sein Einsatz für das Lebensrecht aller Menschen machte ihn zu einem „außerordentlich zukunftsweisenden Bischof”, so Lehmann. Ähnlich äußerte sich der Nachfolger von Galen auf dem Münsteraner Bischofsstuhl, Reinhard Lettman. Der Kardinal habe „unerschrocken und profiliert” christliche Positionen vertreten. Lettmann wird zu Beginn der Seligsprechungsfeier im Vatikan einen Überblick über das Wirken des neuen Seligen zeichnen. Allein aus dem Heimatbistum Galens werden rund 4.000 Pilger in Rom erwartet. Weitere deutsche Bischöfe, Vertreter der Länder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sowie der Stadt Münster haben ihr Kommen zugesagt.
    Nach Aussage des Lübecker Historikers Professor Peter Voswinckel war Kardinal von Galen auch Vorbild für die „Lübecker Märtyrer”. Die katholischen Kapläne Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange sowie der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink hatten die Predigten von Galens abgetippt und verteilt. Dafür waren sie am 10. November 1943 in Hamburg hingerichtet worden.               HA/fis051007

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   Der frühere Bischof von Münster, Clemens August Kardinal Graf von Galen, wurde am 9. Oktober im Petersdom zu Rom während der Weltbischofssynode seliggesprochen.
   Hier bringen wir die ersten Fotos von der Liturgie der Seligsprechungsfeier und den Empfang der Ehrengäste durch Papst Benedikt XVI.

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 4. und 6. Foto von oben: Bischof Reinhard Lettmann (Münster):
 “Eine prophetische Persönlichkeit”

  Clemens August Graf von Galen wurde am 16. März 1878 auf der Burg Dinklage im Oldenburgischen Teil des Bistums Münster geboren. Als elftes von dreizehn Kindern wuchs er in der Geborgenheit seiner gläubigen Familie auf. Nach dem Abitur studierte er in Innsbruck und Münster Theologie und wurde am 28. Mai 1904 zum Priester geweiht. Nach der Priesterweihe wurde Clemens August zunächst Domvikar am Dom zu Münster  mit dem Auftrag, seinen Onkel, Weihbischof Maximilian Gereon Graf von Galen, auf seinen Firmungsreisen durch das Bistum Münster zu begleiten. In dieser Tätigkeit lernte er viele Pfarreien im großen Bistum Münster kennen.
  1906 wurde er zum Kaplan an St. Matthias in Berlin ernannt. Damit begann eine 23jährige priesterliche Tätigkeit als Kaplan und Pfarrer in der Reichshauptstadt. Er erlebte in Berlin  die schwere Zeit des Ersten Weltkrieges, die Wirren der Nachkriegszeit und einen großen Teil der Zeit der Weimarer Republik. Die Diaspora-Situation in der Großstadt Berlin stellte ihn vor große pastorale Anforderungen.
    1929 wurde Graf von Galen ins Bistum Münster zurückgerufen und zum Pfarrer an der Stadt- und Marktkirche St. Lamberti in Münster ernannt. Nachdem Tod von Bischof Johannes Poggenburg wählte ihn das Domkapitel zum Bischof von Münster. Am 28. Oktober 1933 empfing er die Bischofsweihe. Sein Wahlspruch: »Nec laudibus - nec timore.« [“weder Lob - noch Furcht”]
    Bischof Clemens August begann sein bischöfliches Wirken mit der Eröffnung der »Ewigen Anbetung« in der Servatii-Kirche in Münster. Dies ist bezeichnend für seine tiefe persönliche Frömmigkeit. Sie zeigte sich auch in einer lebendigen Marienverehrung. Häufig pilgerte er allein zu Fuß in der Morgenfrühe nach Telgte, einem Wallfahrtsort zwölf Kilometer von Münster entfernt, um am Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter die heilige Messe zu feiern.

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Entlarvung der NS-Ideologie
   Schon in seinem ersten Fastenhirtenbrief 1934 entlarvte Bischof Clemens August die neu- heidnische Ideologie des Nationalsozialismus. Immer wieder trat er in den folgenden Jahren für die Freiheit der Kirche und der kirchlichen Verbände und für die Erhaltung des Religionsunterrichtes an den Schulen ein. Er wusste sich dabei von den Priestern und Laien im Bistum Münster getragen. Vor allem seine zahlreichen Firmungsreisen durch die Dekanate des Bistums wurden trotz aller Schikanen der nationalsozialistischen Partei und der Geheimen Staatspolizei zu unübersehbaren Kundgebungen des Glaubens und der Solidarität. In einer großen Predigt im Dom zu Xanten, am Grab des heiligen Viktor, eines Märtyrers aus frühchristlicher Zeit, klagte Bischof Clemens August im Frühjahr 1936 das nationalsozialistisehe Regime an, Christen wegen ihres Glaubens zu diskriminieren, ins Gefängnis zu werfen und sogar zu töten. Er sagte: »Es gibt in deutschen Landen frische Gräber, in denen die Asche solcher ruht, die das Deutsche Volk für Märtyrer hält.« Diese Predigt fand über die Grenzen Deutschlands hinaus nachhaltigen Widerhall. Schon damals rechnete der Bischof mit der Möglichkeit, dass auch er der Freiheit beraubt und an der Ausübung des bischöflichen Amtes gehindert werden könnte.
   Bischof Clemens August war unter den Bischöfen, die Papst Pius XI. im Januar 1937 nach Rom einlud, um mit ihnen über die Situation in Deutschland zu sprechen und das Weltrundschreiben
                                               »Mit brennender Sorge« 
vorzubereiten, in dem er das nationalsozialistische Regime vor der Weltöffentlichkeit anklagte.
   Gemeinsam mit den übrigen Bischöfen trat Bischof Graf von Galen in verschiedenen Hirtenbriefen der Rassenideologie des Nationalsozialismus entgegen. Er gehörte zu den Bischöfen in der Fuldaer Bischofskonferenz, die ein energischeres Auftreten gegenüber dem Nationalsozialismus auch in der Öffentlichkeit forderten.
    1941, als das »Dritte Reich« auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, begannen die staatlichen Stellen, Klöster zu beschlagnahmen und Ordensleute zu vertreiben. Gleichzeitig wurde bekannt, dass größere Aktionen zur Tötung geistig behinderter Menschen durchgeführt wurden. In drei großen Predigten am 13. und 20. Juli sowie  am 3. August prangerte der Bischof  in aller Öffentlichkeit diese Unrechtsmaßnahmen an. In der Predigt am 3. August prangerte Bischof Clemens August das nationalsozialistische Regime wegen des Mordes an geistig kranken Menschen an. Er wies darauf hin, dass seine schriftlichen Einsprüche und Proteste nichts genutzt haben. »So müssen wir damit rechnen, dass die armen, wehrlosen Kranken über kurz oder lang umgebracht werden. Warum? ... Weil sie nach dem Urteil eines Amtes, nach dem Urteil irgendeiner Kommission >lebensunwert< geworden sind, weil sie nach diesem Gutachten zu den >unproduktiven< Volksgenossen gehören! Man urteilt: Sie können nicht mehr produzieren, sie sind wie eine alte Maschine, die nicht mehr läuft, sie sind wie ein altes Pferd, das unheilbar lahm geworden ist. Sie sind wie eine Kuh, die nicht mehr Milch gibt. Was tut man mit solch alter Maschine? Sie wird verschrottet. Was tut man mit einem lahmen Pferd, mit solch einem unproduktiven Stück Vieh? Nein, ich will den Vergleich nicht zu Ende führen, so furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft ... Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, >unproduktive< Mitmenschen zu töten - und wenn es jetzt auch nur arme, wehrlose Geisteskranke trifft -, dann ist grundsätzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also den unheilbar Kranken, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben.«
    Diese Predigten des Bischofs erregten weithin Aufsehen. Sie wurden geheim vervielfältigt und weitergegeben bis über die Grenzen Deutschlands hinaus. Der Bischof rechnete damit, dass die Gestapo ihn nach diesen Predigten verhaften würde. Der damalige Reichsleiter Bormann schlug Hitler vor, den Bischof von Münster zu verhaften und zu erhängen. Die nationalsozialistische Führung fürchtete jedoch, dass in einem solchen Fall die Bevölkerung des Bistums Münster für die Dauer des Krieges abzuschreiben sei. Es bedrückte den Bischof, dass an seiner statt 24 Weltpriester und 13 Ordensgeistliche aus der Diözese Münster ins Konzentrationslager gebracht wurden und zehn von ihnen ums Leben gekommen sind.

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Tröster nach dem Krieg
   Der Krieg zerstörte den Dom und die Wohnung des Bischofs. In der brennenden Stadt Münster suchte er die Menschen zu trösten. In den schweren Monaten der Nachkriegszeit war Bischof Clemens August eine Persönlichkeit, an der sich viele aufrichteten. Mit Freimut trat er auch den Besatzungsbehörden entgegen, wenn es galt, Not und Unrecht zu beseitigen oder zu verhindern. Entschieden widersprach er der damals umgehenden Meinung von der Kollektivschuld der Deutschen.
   Papst Pius XII. berief Bischof Clemens August am 21. Februar 1946 in das Kardinalskollegium. Es war eine Anerkennung und Ehrung für seine unerschrockene Haltung in der Zeit des National- sozialismus. Der überfüllte Petersdom jubelte ihm, dem »Löwen von Münster«, zu, als er aus der Hand des Papstes die Kardinalswürde entgegennahm. Am 16. März wurde Kardinal von Galen bei seiner Rückkehr nach Münster von einer großen Volksmenge begeistert empfangen. Vor den Trümmern des Domes hielt er vor 50.000 Gläubigen seine letzte Predigt. Am Tag darauf erkrankte er schwer. Eine Operation konnte keine Hilfe mehr bringen. Er starb am 22. März 1946 und fand sein Grab in der Ludgeruskapelle des zerstörten Domes.  Anlässlich seiner zweiten Deutschlandreise besuchte Papst Johannes Paul II. am 1. Mai 1987 den Dom zu Münster, um die Persönlichkeit des Kardinals zu ehren und an seinem Grab zu beten.
   Was bedeutet die Seligsprechung des Kardinals für uns heute? Seine tiefe persönliche Frömmig- keit, seine Treue zu Jesus Christus und sein Einsatz für Leben und Recht der Menschen aus dem Glauben sind uns ein Vermächtnis im Einsatz gegen alle um sich greifenden Gedanken, sich als Herren des Lebens aufzuspielen und vor allem, den Beginn und das Ende des menschlichen Lebens zu manipulieren.
   Die Seligsprechung stellt uns in Kardinal von Galen ein Vorbild vor Augen, unsere eigene Glaubenstreue neu zu festigen und in kritischer Zeitgenossenschaft unsere christlichen Über- zeugungen vom Wert des menschlichen Lebens unerschrocken und profiliert in den gesell- schaftlichen Diskurs mit einzubringen.
   Das II. Vatikanische Konzil spricht von der Teilnahme der Gläubigen am prophetischen Amt Christi Dogmatische Konstitution über die Kirche, Nr.12. Hat Clemens August Kardinal von Galen sich als Prophet verstanden? Sicher nicht.
    Und doch steht er in der Linie der Propheten. Was macht das Wesen des Propheten des Alten Bundes aus? Propheten schauen nicht gleichgültig zu. Sie mischen sich ein, vor allem da, wo Unrecht geschieht.  Propheten sind Anwälte derer, die zu schwach sind, ihre eigene Sache zu vertreten. Propheten verkünden, dass Gott das Böse nicht gleichgültig ist. Propheten haben den Mut, Götzen zu entlarven und zu stürzen.
    Gehen wir von diesem Begriff des Propheten aus, können wir sagen: Kardinal von Galen war eine prophetische Persönlichkeit.  Er erkannte früh, dass die Ideologie des Nationalsozialismus an die Stelle Gottes neue Götter setzte.
   Anstelle des Menschen, der sich von seinem Gewissen leiten lässt, wollte der Nationalsozialismus Hörige und Höflinge.  An die Stelle der Menschenrechte, die Gott dem Menschen mit dem Menschsein gegeben hat, setzte der Nationalsozialismus sein eigenes Recht. Er maßte sich sogar an zu definieren, wer Mensch ist und wer nicht.
    Diese prophetische Dimension der Persönlichkeit Clemens August Kardinal von Galens kann auch uns Vorbild und Beispiel sein.

tn_cardvGStud_psd     als Student an der Uni Innsbruck 1899

   Die New York Times bezeichnete Bischof von Galen am 08. Juni 1942 als „erbittertsten Gegner des antichristlichen nationalsozialistischen Programms.” Seine furchtlosen Predigten gegen Hitler gingen von der Kanzel der Stadt- und Marktkirche St. Lamberti zu Münster um die ganze Welt. Wie auch der Ruf seines beispielhaften Mutes. Und Papst Pius XII. versicherte ihn in seinen Briefen seiner vollen Unterstützung und Dankbarkeit.

tn_cardvGconfirm_psd   mit Firmlingen

 Zwei dieser Schreiben, auch den Brief an von Preysing, können Sie unten auf dieser Seite lesen.

   Und die Bedeutung dieser Briefe wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, in welchem Kontext sie enthalten sind.  Die Briefe an von Galen sind nämlich Teil eines corpus von 124, im Zeitraum von 1939-1944 von Pius XII. an die deutschen Bischöfe geschriebenen Briefen. Den Grund für diese Korrespondenz erläuterte Pius XII. den vier deutschsprachigen Kardinälen gegenüber, die im März 1939 zum Konklave nach Rom gekommen waren, das ihn zum Papst wählte. Nach dem Konklave verlängerten die Kardinale ihren Aufenthalt in der Ewigen Stadt, um mit dem neuen Papst die Situation der Kirche in Deutschland zu besprechen, eine Situation, die der Papst aus nächster Nähe verfolgt hatte, zuerst als Nuntius und dann als Staatssekretär. Er sagte zu ihnen: „Die deutsche Frage ist für mich die wichtigste. Ich behalte mir vor, mich selbst darum zu kümmern”. Pacelli hatte also - ausnahmsweise - die Kardinale, und, durch sie, den Episkopat, aufgefordert, direkt an ihn zu schreiben. In seinem ersten Brief an den deutschen Episkopat vom 20. Juli 1939 erinnerte sich Pius XII. voller Rührung an die in Deutschland verbrachten Jahre und die Kontakte, die er dort noch hatte: „... denn das hat es Uns ermöglicht, heute von der Situation, dem Leid, den Aufgaben, den Bedürfnissen der Katholiken Deutschlands jene tiefe Kenntnis zu haben, die nur aus der direkten persönlichen, in langen Jahren gemachten Erfahrung erwachsen kann”. Mit Beginn des Krieges sollten sich diese direkten Beziehungen als noch wertvoller erweisen.  Mit der Aufforderung, ihm zu schreiben, hatte ihnen der Papst gezeigt, dass die Nuntiatur in Berlin über einen sicheren Korres- pondenzkanal zu Rom verfügte. Die Korrespondenz, die bis zum letzten Kriegsjahr aufrecht erhalten werden konnte, zeigt, wie ausführlich die Bischöfe von der außergewöhnlichen Möglichkeit Gebrauch machten, mit dem Oberhaupt der Kirche zu kommunizieren. Sie schickten ihm regelmäßig alle nur möglichen Informationen und legten dieser auch die Kopien der wichtigsten Dokumente bei.
    Die Lettres de Pie XII aux eveques allemands sind jedoch nach wie vor - von den Gelehrten einmal abgesehen - den meisten unbekannt. Und das, obwohl die in ihnen enthaltenen Erklärungen von großer Bedeutung dafür sind, nicht nur den katholischen Widerstand in Deutschland, die Verfolgung unter den Nazis und die Haltung des deutschen Episkopats zu verstehen, den man zu Unrecht oft als nazifreundlich betrachtete: Wie Pierre Biet in seinem Pio XII e la Seconda guerra mondiale negli Archivi  vaticani erklärte,  „stellen sie auch  ein außergewöhnliches Dokument des Denkens von Pius XII. dar, seiner Absichten und seines Wirkens”. Dieselbe Absicht und dasselbe Wirken wie das jenes Kirchenmannes, der es gewagt hatte, den Nazis unerschrocken ins Gesicht zu schreien: „Ich kann nichts mehr gemeinsam haben mit Menschen, die sich anmaßen sich zum Herrn zu machen über Leben und Tod der Mitmenschen : Ihr Gott ist der Bauch.”

     tn_cardvGconsecr._psd   bei seiner Bischofsweihe 1933    

   Lesen Sie hier im vollständigen Wortlaut drei Briefe, die Pius XII. auf deutsch an die Bischöfe von Berlin und Münster geschrieben hat. Die Briefe, die zeigen, wie sehr Pius XII. von Galen schätzte, stammen aus dem II. Band der Actes et documents du Saint Siege relatifs à la Seconde guerre mondiale mit dem Titel Les lettres de PieXII aux eveques allemands, 1939-1944.

DER BRIEF VON PIUS XII. AN DEN BISCHOF VON MÜNSTER

Aus dem Vatikan, den 16. Februar 1941 
              Unserem ehrwürdigen Bruder
              Clemens August von Galen, Bischof von Münster
Wir entbieten dir, ehrwürdiger Bruder, Unseren im Drang der sich häufenden Arbeiten und Lasten etwas späten, dafür aber um so innigeren Dank für deine treuen Wünsche zum laufenden Jahre. Von Herzen erwidern Wir sie für dich, deinen Klerus und deine Gläubigen. Wir beten und opfern täglich für euch, dass dieses Jahr, dessen noch dunkle Schicksale alle mit angstvoller Erwartung erfüllen, sich euch zu einem Gnadenjahr wende, in dem Gott seine Erbarmungen über euch ausschütte (cf. Buch der Weisheit 18,9).
          Die Schreiben, die Uns in den letzten Monaten aus dem deutschen Episkopat zugegangen sind, wecken zwar den Eindruck, dass das Jahr 1941 auch der katholischen Kirche in eurem Vaterland neue harte Prüfungen zu bringen drohe. Dein Bericht (mit Anlagen), den Wir mitfühlend zur Kenntnis genommen haben, hebt besonders die Not der katholischen Jugend hervor. Sie ist eure und Unsere größte Sorge, um so größer, als die Entchristlichung der Jugend unter einem Zwang vor sich geht, gegen den das Elternhaus und die Kirche oft auch beim besten Willen fast wehrlos sind. Um so mehr erkennen Wir lobend an, was ihr zur Bewahrung des Glaubens in der Jugend durch den besonderen kirchlichen Religionsunterricht getan habt. Auch anderswo haben Wir viel Erhebendes über den Erfolg der „Glaubensstunde“ gehört. Aber selbst wenn er spärlich sein sollte, tut weiter was in euren Kräften steht, und stützt, soviel ihr nur könnt, das religiöse Leben in der Familie.
    Deiner Beurteilung des Vorgehens gegen das kirchliche Eigentum in Oldenburg stimmen Wir zu. Die betreffende Maßnahme liegt in der Richtung jener einseitigen staatlichen Eingriffe, durch welche die wirtschaftlichen Verhältnisse der Kirche in Österreich, im Sudetenland, im so genannten Warthegau sowie in Elsass-Lothringen schwer geschädigt worden sind. Dabei ist es im Falle Oldenburg unbezweifelbar, dass das Vorgehen der staatlichen Stellen gegen einwandfreie Kon- kordatsverpflichtungen verstößt.
    Der Eifer, mit dem du, ehrwürdiger Bruder, das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur Gesamtkirche und der Verbindung mit dem Stellvertreter Christi in deinen Gläubigen lebendig erhältst, tut Uns wohl, und zwar im euretwillen. Es wäre verhängnisvoll, wenn die Bestrebungen, die deutschen Katholiken abzuschließen und dem Papste zu entfremden, Boden gewännen.Unsere Liebe gehört ge- wiss gleicherweise allen Kindern der Kirche, ohne Unterschied von Land und Volk, auf beiden Seiten der Kriegsfronten. Das hat aber Unsere Liebe zu euch nicht verringert. Wir sind euch so nahe wie in den Jahren, da Wir euch von Stadt zu Stadt und  von Gau zu Gau besuchen konnten, ja noch näher, wo Wir euch in schwerem Ringen um die Rettung eures heiligen Glaubens stehen sehen. Sage deinen Gläubigen, dass Wir in dem gewaltigen Geschehen des Augenblicks nur daran denken und dafür arbeiten, die Verheerungen des Krieges, vor allem die seelischen: Gottentfremdung, Hass und Grausamkeit zu vermindern und dem Frieden die Wege zu bahnen; einem Frieden, der das Gesetz Gottes und die Freiheit seiner hl. Kirche achtet, einem Frieden, der mit der Ehre, den Rechten und den Lebensnotwendigkeiten aller beteiligten Völker vereinbar ist, so wie Wir es in Unseren Weihnachtsbotschaften der beiden letzten Jahre verkündet haben.
    Als Unterpfand reichster Gnade Gottes, durch die der Allmächtige den katholischen Glauben, die christliche Tugend, den kirchlichen Sinn in euch lebendig und unverletzt erhalten möge, erteilen Wir dir, ehrwürdiger Bruder, allen deinen Mitarbeitern im Priestertum und Laienstand und allen dir anvertrauten Gläubigen aus der Fülle des Herzens den erbetenen Apostolischen Segen. 

 tn_cardvGcreat._psd   zum Kardinal gewählt: in Telgte

DER BRIEF VON PIUS XII. AN DEN BISCHOF VON BERLIN    

Aus dem Vatikan, den 30. September 1941
          Unserem ehrwürdigen Bruder
          Konrad von Preysing, Bischof von Berlin
   Nimm Unseren herzlichen Dank entgegen, ehrwürdiger Bruder, für deine Schreiben vom 28. Juni, 16. August, 28. August, 4., 11.und 12.September.
     Über die diesjährige Fuldaer Bischofskonferenz und den aus ihr hervorgegangenen gemeinsamen Hirtenbrief hat Uns der Bischof von Innsbruck, dem es hierher zu kommen gelang, ausführlich Bericht erstatten können. Es ist richtig, dass manche gewünscht hätten, der Hirtenbrief verriete noch etwas mehr von dem katholischen Selbstbewusstsein, das aus den drei Predigten des Bischofs von Münster atmet. Aber auch sie geben zu, was Wir von allen Seiten hören, dass der Hirtenbrief im Volke sehr gut gewirkt habe.
     Die drei Predigten des Bischofs von Galen bereiten auch Uns einen Trost und eine Genugtuung, wie Wir sie auf dem Leidensweg, den Wir mit den Katholiken Deutschlands gehen, schon lange nicht mehr empfunden haben. Der Bischof hat den Augenblick für sein mutvolles Hervortreten günstig gewählt, das hohe Ansehen, das sein Name und seine Persönlichkeit schon im vornherein genossen, mag zu dem Erfolg beigetragen haben. Aber diese Umstände allein erklären die tiefe Wirkung seines Schrittes nicht. Sie ist, wenn Wir richtig sehen, darin begründet, dass der sittliche Ernst und der Stärkegrad seiner Verwahrung als gerade im richtigen Verhältnis stehend empfunden wurde zu dem Unrecht, das die katholische Kirche in Deutschland hat erleiden müssen, wie zu der verletzenden Form, in der es ihr angetan worden ist; sodann hat der Bischof in sehr offenmütiger, aber edler Art den Finger auf Wunden und Schäden gelegt, die, wie Wir es so oft hören, jeder noch rechtlich denkende Deutsche schmerzvoll und bitter empfindet.
     Wenn als Ergebnis der mutigen Tat des Bischofs von Galen die Einstellung der Maßnahmen gegen die Kirche gefolgt ist, mag sie auch vielleicht nur vorübergehend sein und vor allem das angetane Unrecht noch lange nicht wieder gutmachen, so sind die drei Predigten des Bischofs von Münster und der Hirtenbrief des Gesamtepiskopats ein Beweis dafür, wie viel sich durch offenes und mannhaftes Auftreten innerhalb des Reiches immer noch erreichen lässt. Wir betonen das, weil die Kirche in Deutschland auf euer öffentliches Handeln um so mehr angewiesen ist, als die allgemeine politische Lage in ihrer schwierigen und oft widerspruchsvollen Eigenart, dem Oberhaupt der Gesamtkirche in seinen öffentlichen Kundgebungen pflichtmäßige Zurückhaltung auferlegt. Dass aber die Bischöfe, die mit solchem Mut und dabei in so untadeliger Form wie Bischof von Galen für die Sache Gottes und der heiligen Kirche ein- treten, an Uns immer Rückhalt finden werden, das brauchen Wir dir und deinen Mitbrüdern nicht eigens zu versichern.
 Was deine Anregung angeht, der Heilige Stuhl möge zur Stärkung der Bischöfe seinerseits über die Deutsche Botschaft einen Schritt bei der Reichsregierung unternehmen, so ist er deinem Wunsch sozusagen zuvorgekommen, nicht nur einmal, sondern öfters in den letzten Jahren. Freilich mit so geringem Erfolg, dass auf seine Schreiben bis heute noch nicht einmal eine Antwort eingelaufen ist. Gleichwohl wird hier auch weiterhin sorgsam darauf gesehen werden, keine wenn auch nur irgendein schwaches Ergebnis versprechende Gelegenheit vorübergehen zu lassen, um schriftlich oder mündlich die Sache der deutschen Katholiken zu vertreten.
    Du berichtest Uns im letzten Schreiben über die Zusammenkunft von drei Bischöfen mit Vertretern der so hart geprüften Ordensfamilien in Frankfurt. Wir loben solche Beratungen und würden es begrüßen, wenn die auf der Fuldaer Konferenz  erfolgte Anregung zur Ausführung gelangte, durch häufigere Sonderberatungen der Bischöfe der einzelnen Kirchenprovinzen und sodann der Metropoliten untereinander die Gesinnungseinheit des Episkopats zu lebendiger Tateinheit werden zu lassen, soweit diese Tateinheit jeweils von der augenblicklichen Lage gefordert wird. Es hieße das nichts anderes als die durch die Kirchenverfassung und die hierarchische Ordnung bereit gestellten Kräfte altem kirchlichem Brauch folgend wirksam auszunützen. Mit den Konferenzen der westdeutschen Bischöfe ist ja in freier Form schon lange ein glücklicher Anfang gemacht.
   Wir benützen die Gelegenheit, um Dir, ehrwürdiger Bruder, streng vertraulich noch zwei Fragen vorzulegen ...Dich und deine Diözese innigst den Erbarmungen der göttlichen Vorsehung empfehlend, mit der gleichen Innigkeit aber auch um euer Gebet für den Fährmann des in tobendem Sturm stehenden Schiffleins Petri bittend, erteilen Wir dir, ehrwürdiger Bruder, und allen deiner Hirtensorge Anvertrauten von ganzem Herzen den erbetenen Apostolischen Segen.  

tn_cardvGMS_psd   Prozession 1933 in Münster

 DER BRIEF VON PIUS XII. AN DEN BISCHOF VON MÜNSTER

Aus dem Vatikan, den 24. Februar 1943 
              Unserem ehrwürdigen Bruder
             Clemens August von Galen, Bischof von Münster
     Die Glückwünsche, die du, ehrwürdiger Bruder, Uns zum Gedächtnistag Unserer Wahl und Krönung im eigenen Namen wie im Namen deiner Diözesanen entboten hast, nehmen Wir mit Dank und Freude entgegen. Kommen sie doch von einem Hirten, in dem durch die katholischen Über- lieferungen seines Hauses und erst recht durch die glaubensvolle Erfassung seines bischöflichen Amtes das Bewusstsein der Verbundenheit mit dem Stellvertreter Christi besonders lebendig ist, und von einer Herde, die sich immer durch kirchliche Treue ausgezeichnet hat. Wir danken vor allem für euer Gebet; für das Gebet, das ihr anlässlich Unseres Bischofsjubiläums für Uns zu Gott empor gesandt habt, wie für das Gebet, mit dem ihr am Sonntag „Invocabit” Gottes Segen auf das fünfte Jahr Unseres Pontifikats herabflehen wollt. Wir können euch nur ermuntern, in der Fürbitte für den Nachfolger Petri auszuharren, da es schwer hält zu entscheiden, was größer ist: die Nöte und Gefahren, in denen die heilige Kirche steht und die ihr noch drohen, oder die gewaltigen Aufgaben und weltweiten Hoffnungen, die sich in nächster und fernerer Zukunft für sie auftun. Wir brauchen nicht beizufügen, dass Wir Unsererseits eurer und euer Anliegen — Wir wissen, wie viele und sorgenvolle es sind - im Gebet und beim hl. Opfer täglich gedenken.
    Wir danken dir sodann für die beiden Anlagen, das Hirtenwort vom 22. März 1942, das in West- deutschland und fast gleich lautend in Bayern zur Verlesung kam, und den bei euch im Westen ver- lesenen Adventshirtenbrief. Beide Kundgebungen haben Unsere ungeteilte Zustimmung gefunden, weil sie so mutvoll für die Rechte der Kirche, der Familie und des Einzelmenschen eintreten. Selten, vielleicht niemals in der neueren Kirchengeschichte ist die Schicksalsverbundenheit dieser drei: der Menschenwürde, der Familie und der Kirche so greifbar zutage getreten wie heute. Uns ist es jedes Mal ein Trost, wenn Wir Kenntnis erhalten von einem offenen und mutigen Wort eines deutschen Bischofs oder der deutschen Bischöfe. Weit schauende Überlegung wird euch auch davon über- zeugen, dass ihr durch mannhaftes Eintreten für Wahrheit und Recht, gegen Härte und Unrecht dem Ruf eures Volkes im Ausland nicht schadet, sondern eher nützt, mögen vielleicht auch augenblicklich andere in bedauerlicher Verkennung der Sachlage den gegenteiligen Vorwurf gegen euch erheben. Du, ehrwürdiger Bruder, bist übrigens der letzte, dem gegenüber Wir dies eigens zu erwähnen brauchen.
   Die beiden von dir übersandten Hirtenbriefe haben Unserer Weihnachtsbotschaft vom 24. Dezem- ber 1942 gleichsam den Boden bei euch bereitet. Wir hören gerne, dass du den Inhalt Unserer Botschaft auf den Dekanatskonferenzen behandeln lässt. Das bestärkt die seelische Verbindung zwischen Uns und eurem Klerus, zwischen euch und der weiten katholischen Welt. Unsere Worte haben über die ganze Erde hin, in den Krieg führenden und den wenigen vom Krieg noch nicht unmittelbar berührten Ländern, tiefen Widerhall gefunden. Unseren Kundgebungen, vor allem den Weihnachtsbotschaften seit 1939 lag nicht die Annahme zugrunde, dadurch das Kriegsgeschehen an sich wesentlich beeinflussen zu können. Wir folgten nur unserer Pflicht als Stellvertreter Christi, für die jetzt vor bedeutsamen Neugestaltungen stehenden zwischenstaatlichen und innerstaatlichen Ordnungen dem Naturrecht und dem Gesetz Christi die Wege zu bahnen, der Gefahr unchristlichen Denkens und eines übertriebenen Nationalismus bei Unseren Gläubigen entgegenzutreten, endlich, wenn es Gott so gefallen und er seinen Segen dazu geben wollte, wegweisend, klärend und versöhnend die Lösung der überwältigend schweren Aufgaben gesinnungsmäßig vorzubereiten, die mit Kriegsende in Angriff zu nehmen sein werden.
    Die leidvollen Sorgen, die du aus deiner Diözese anführst: Priester um des Glaubens willen in der Verbannung oder in Konzentrationslagern (den Pfarreien und Angehörigen der dort Verstorbenen gilt Unser besonderer Segen); die Wegnahme des um Priesterberufe und führendes katholisches Laientum so verdienten bischöflichen Kollegs in Gaesdonck, der Priestermangel infolge des Ausfalls der Kriegsjahrgänge und Einziehung junger Priester zur Wehrmacht - diese Sorgen berühren allgemeine  Nöte der katholischen Kirche in Deutschland, die Wir lebendig und innig mit euch Bischöfen teilen. Der Priestermangel ist im Begriff, zu einer europäischen Kirchennot zu werden, die sich zudem auch für die Missionsgebiete verhängnisvoll auswirken wird. Immerhin wird die Kirche den Priestermangel noch als das mindere Übel hinnehmen und mit Gottes Hilfe allmählich über- winden, wenn nur der verbleibende Klerus, besonders der jüngere und der aus dem Feld heim- kehrende, übernatürlich, kirchentreu, unter sich einig und in ehrlichem Vertrauen mit Bischof und Papst verbunden, demütig, opferbereit und seeleneifrig dasteht, mit offenen Augen für zwei vordringliche priesterliche Aufgaben: die überzeugende Verkündigung und Verteidigung des katholischen Glaubens und der gesamten katholischen Weltanschauung bis in ihre letzten Folgerungen für den Einzelnen und die Gemeinschaft, und die Erneuerung oder Neuschaffung christlicher Lebensformen. Wir können es in Worten nicht ausdrücken, wie viel Wir Uns darum sorgen, dass der Klerus seiner Verantwortung, besonders in der treuen, gewissenhaften Verwaltung des Predigtamtes und Bußsakraments, sich bewusst und seiner Aufgabe gewachsen sei. Was Uns in Unseren Sorgen stärkt und tröstet, sind Nachrichten wie die in deinem Schreiben über den Besuch der Marienwallfahrtsorte deiner Diözese im vergangenen Jahr. Solange die Gradmesser des religiösen Lebens so hoch stehen, braucht ihr und brauchen Wir um euch trotz der Stürme der vergangenen Jahre und trotz des Dunkels der Zukunft nicht zu bangen. Wir glauben auch nicht daran zweifeln zu dürfen, dass nach Gottes Willen der Welt in unseren düsteren Tagen gerade durch die Fürbitte der Gottesmutter Rettung, Segen und Friede werden soll.
     Dein Wunsch, ehrwürdiger Bruder, wieder einmal zum Heiligen Vater nach Rom zu kommen, kann nicht stärker sein als Unser Verlangen, dich und die anderen deutschen Bischöfe in Unserem Haus begrüßen und mit euch die Anliegen der katholischen Kirche in Deutschland besprechen zu können. Es ist jetzt schon lange her, dass Wir deutsche Oberhirten hier sahen. Trotzdem würdigen und billigen Wir deinen Plan, die „Visitatio liminum Apostolorum“ vorerst aufzuschieben; Wir hoffen nur, dass die Ereignisse euch baldigst den Weg nach Rom freigeben mögen.
    Sage deinen Diözesanen, dass Wir beten, opfern und arbeiten für einen Frieden, der allen Völkern ohne Ausnahme erträgliche Verhältnisse schafft; dass Uns wenige Dinge so am Herzen liegen wie die „Freiheit und Erhöhung“ der katholischen Kirche und des gesamten religiösen Lebens in eurer Heimat; dass Wir Gott danken für die Glaubensfestigkeit der deutschen Katholiken und sie väterlich mahnen, in Starkmut, Geduld und ungebrochenem Vertrauen auf die göttliche Vorsehung Christus die Treue zu wahren. Als Unterpfand seines unbesieglichen Beistandes und seiner alles über- windenden Gnade erteilen Wir dir, ehrwürdiger Bruder, deinem Klerus und deinen Gläubigen, besonders den an der Front stehenden und der Jugend, aus der Fülle des Herzens den erbetenen Apostolischen Segen.

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 Foto links oben: Der Bischof von Berlin Konrad  von Preysing.
Foto rechts:
Papst Pius XII. (Eugenio Pacelli) StefaniaFalascaTrentaGiorni

tn_cardvGGöringGoebbels_psd             Joseph Göbbels, Hermann Göring

Brief des nationalsozialistischen Gauleiters Weser-Ems,
Carl Röver, an die Reichskanzlei Berlin vom 06. April 1934

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Adolf Hitler in München 1925 - ganz links auf dem Foto: Alfred Rosenberg

   Der Löwe von Münster, bzw. der „unerschrockenste Gegner des Nazismus”, wie ihn die New York Times 1942 definierte, beklagt die schrecklichen Bombenangriffe der Alliierten, die die deut- schen Städte in ein Trümmerfeld verwandelten. Lesen Sie hier, was der Bischof von Münster in den Kriegsjahren an Pius XII. geschrieben hat.

  cd.v.Galen.MS.2x  Münster im Krieg

   In der Geschichte der im 2. Weltkrieg von den Alliierten bombardierten deutschen Städte gibt es einen Tag, den die Stadt Münster wohl nie vergessen wird: den 10. Oktober 1943. Einen Sonntag. Unter einem strahlend klaren Herbsthimmel hatten sich die katholischen Gläubigen in den frühen Nachmittagsstunden vor den Pforten des alten Doms zu Münster eingefunden. Es war der Tag, an dem man das Fest der Mutterschaft Mariens beging. Der Hochaltar der majestätischen, gotischen Kathedrale war in warmes Kerzenlicht getaucht. Die Domkapitulare des Doms hatten gerade in den Chorstühlen Platz genommen, als plötzlich die Sirenen zu heulen begannen: Bombenalarm! Es war 14 Uhr 55.
   „Man hatte uns um 22 Uhr eines Samstag Abend, mitten auf einer Party, Bescheid gegeben, uns bereit zu halten,” steht in dem Bericht von Major Ellis B. Scripture, US-Navigator des 95. Bombengeschwaders, zu lesen. „Der Befehl für den Luftangriff ging per Fernschreiber ein. Man teilte uns mit, dass unser Ziel der Eingang des Doms zu Münster sei. Ich war entsetzt - zum ers- ten Mal seit Kriegsanfang sollten Zivilisten bombardiert werden! Ich begab mich sofort zu Oberst Gerhart und sagte ihm, dass ich einen solchen Befehl unmöglich ausführen könnte. Er aber reagierte genau so, wie ich mir das von einem dienstbeflissenen Karriereoffizier erwarten musste: „Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Herr Major,” wies er mich zurecht: „Wir haben Krieg! Haben Sie das verstanden?? K-R-I-E-G! Das ist eine Schlacht mit allen Mitteln, töten die Deutschen etwa nicht seit Jahren unschuldige Menschen in ganz Europa? Unsere Aufgabe ist es, sie in Stücke zu reißen. Und genau das werden wir auch tun! Ich bin der Leiter dieser Mission, und Sie sind mein Navigator, Sie werden also genau das tun, was ich Ihnen sage! Noch irgendwelche Fragen?“„Nein, Sir!“ antwortete ich. Und damit war die Sache erledigt. Die erste Sprengbombe traf ihr Ziel mit unglaublicher Präzision: das viereckige Gewölbe des Doms zu Münster. Der von stattlichen roma- nischen Türmen eingefasste Ost-Eingang des Doms war wirklich auch nur schwer zu verfehlen. Die Überlebenden ergriffen panikartig die Flucht, suchten unter den Mauern der Türme Zuflucht, die - solide wie das Firmament - siebenhundert Jahre überdauert hatten. Doch schon die zweite Sprengbombe traf sie mit voller Wucht, brachte sie zum Einstürzen: ein Trümmerregen ergoss sich auf die schutzsuchenden Menschen. Und nach den Sprengbomben kamen die Brandbomben. Die getroffenen Gebäude fingen sofort Feuer. Die Altstadt glich einer einzigen Fackel. Dichte, gelb- schwarze Rauchschwaden stiegen kilometerhoch in den Himmel. Nur wenige Minuten hatten genügt, um die schöne, altehrwürdige Bischofsstadt Münster - im wahrsten Sinn des Wortes - in Schutt und Asche zu legen. Um 16 Uhr 30 erklärte Oberst Gerhart die „Operation Münster” für abgeschlossen.
    So endet die detaillierte Rekonstruktion jener Bombardierung. Zu verdanken haben wir sie dem Historiker Jörg Friedrich. Die Geschichte ist aus Geschichten gemacht, und um diese zu erzählen, fügte Friedrich in den Anmerkungen noch eine Randbemerkung an. Ein Detail, zu dem sich jeder Kommentar erübrigt. „Oberst Gerhart musste allerdings zugeben, dass doch nicht alles nach Plan gelaufen war. Die Mission war nicht ganz zu Ende geführt worden. „Es ist uns ein Fehler unter- laufen”, heißt es in der Kommunikation: „Das 305. Bombengeschwader hat nicht Münster, sondern Enschede, in Holland, angepeilt. Da man es mit der deutschen Stadt verwechselte, wurde die gesamte Bombenladung über Enschede abgeworfen. Sorry. Tut uns leid!”.
    Doch auch die Bewohner von Münster fragten sich, ob sie nicht Opfer eines Irrtums geworden waren. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass die Bomben ihr wahres Ziel verfehlten. In der Nacht vom 15. auf den 16. Mai 1941 waren bereits 6 Bomben auf Münster abgeworfen worden. Die englischen Flugzeuge hatten den Rhein überquert, nachdem die Deutschen Rotterdam bom- bardiert hatten. Sie hatten zwar 16 konkrete Objekte zwischen Köln und Dortmund im Visier gehabt, letztendlich aber überall dort Bomben abgeworfen, wo Lichter auf irgendeine Ansiedlung hingewiesen hatten.  Ein Detail. Auch das. Und derer hat es viele gegeben. Wie in den Berichten der Überlebenden jenes 10. Oktober, den Zeugenberichten jener, in deren entsetzten Blicken sich die verkohlten, zerfetzten Menschenleiber spiegelten, die man in den Trümmern der Groitgasse, auf dem Marienplatz, aufgehäuft hatte ... In den Berichten jener, die dort, in diesem einzigen Trümmerfeld, zwischen all den Toten, noch nach Lebenden suchten und denen sich das grauen- hafte Bild von Frauen- und Kinderleichen bot - grausam erstickte Menschen, denen ihr Zufluchts- ort zum tödlichen Gefängnis geworden war. Details. Wie jene, die dort erzählt werden, wo noch andere Erinnerungen lebendig werden: die der Zeugen, die beim Seligsprechungsprozess von Clemens August von Galen, Bischof von Münster, ausgesagt haben.
    Als die Sirenen Bombenalarm gaben, legte der Bischof gerade die Paramente an, um in die Kathedrale hinunterzugehen.  Er schaffte es nicht, rechtzeitig in den Luftschutzkeller zu kommen, berichtet Kanoniker Alois Schröer: seine Residenz wurde von Sprengbomben getroffen und zer- stört. Er hielt sich an der einzigen Mauer fest, die stehen geblieben war. Und genau dort fand ihn sein Sekretär Heinrich Portmann: „Während die Flugzeuge noch die Stadt überflogen, sah ich den ehrenwerten Monsignore dort oben stehen, unter freiem Himmel, zwischen den rauchenden Trümmern ... wie durch ein Wunder war er unversehrt geblieben. Unter großen Schwierigkeiten half ich ihm herunter .... Später, im Kolleg Ludgerianum, informierte ich ihn über die Todesopfer unter den Gläubigen ... Vikar Emmerich und die 59 Clemensschwestern, deren Kloster von einer Brandbombe getroffen worden war, was sie alle das Leben gekostet hatte. Nachts bat er mich, ihn zum Dom zu begleiten. Und dort stand er dann, bewegungslos, vor diesem Trümmerfeld, das ein Raub der Flammen geworden war, und weinte lautlos”.
   War es nicht genau hier gewesen, in Münster, wo der „Löwe von Münster“ seine uner- schrockenen Anklagen gegen die schrecklichen Verbrechen der Nazis erhoben, es gewagt hatte, Hitler die Stirn zu bieten - wie niemand zuvor im Dritten Reich? So dass ihn - erst ein Jahr zuvor - sogar die New York Times wegen seines ungebrochenen Mutes, seiner Furchtlosigkeit, als „un- erschrockensten Gegner des Nazionalsozialismus” bezeichnet hatte. Der vor Wut schäumende Hitler hatte zwar geschworen, mit ihm abzurechnen, aber auch erkannt, dass er damit ganz Westfalen gegen sich aufgebracht hätte. Und hatte sich wohl oder übel damit abfinden müssen, dass die „Abrechnung“ bis Kriegsende warten musste. Aber das gehört ja inzwischen alles der Vergangenheit an.
   Am 4. November 1943 schrieb Bischof von Galen an Pius XII. und berichtete ihm von dem katastrophalen Zustand der Stadt Münster und dem Schmerz über die Opfer der Bomben der Alliierten. „Doch außer dem Schmerz über das Leid der Bevölkerung war er auch über die Zer- störung der zweihundert Kirchen der Diözese zutiefst betrübt,  vor allem des Doms, und er konnte einfach nicht verstehen, warum die Alliierten das getan hatten”, gab Priester Theodor Holling beim Seligsprechungsprozess zu Protokoll. Was Hitler nicht geschafft hatte, das schaffte das moral bombing - wie Churchill die Strategie des „gerechten Luftkrieges“ definiert hatte, der das Ziel hatte, „durch systematisches Brechen des moralischen Widerstands der Deutschen die Moral wiederherzustellen“. Im Jahr 1943 wurde Münster von 49 Luftangriffen „befreit“, dazu kamen noch 53 weitere bis Kriegsende: die schlimmsten waren die vom 30. September und vom 22. Oktober 1944. Insgesamt 5.000 Sprengbomben und 200.000 Brandbomben wurden auf eine Stadt mit 66000 Einwohnern abgeworfen.
    Ein Schicksal, das Münster mit vielen anderen deutschen Städten teilte, in dieser „thera- peutischen Versteifung” auf den Feuertod, die zur gänzlichen Zerstörung des Landes führte”. Münster gehörte jedoch nicht zu den von den alliierten Bomberstaffeln vorgezogenen Städten. Jenen also, an denen so ausgeklügelte Techniken wie „maximum use of fire”, mit Spezialeffekten à la „Feuersturm” „ausprobiert” wurden und die Deutschland in Ödland verwandelten: Städte wie Potsdam, Lübeck, Hamburg, Dresden ... die „Lieblingskinder” von Arthur Harris, „Kopf” des moral bombing, der die verzeichneten „Vernichtungserfolge” als „Operation Gomorra“ bezeichnete.

cd.v.Galen.Harris.xx General Arthur Harris

   Und doch: kaum hatte die Zahl der Opfer dieser Operationen eine vierstellige Größenordnung erreicht, hörte man in England - während die Militärköpfe die „Hamburgisierung” Deutschlands planten - damit auf, diese Zahlen öffentlich bekannt zu geben. Die Engländer, die die feindlichen Luftangriffe auf London über sich ergehen hatten lassen müssen, wussten nur allzu gut, was die „gezielten Säuberungsaktionen durch die Bomber Commands” bedeuteten. Und als die Strategie der Flächenbombardierung intensiviert wurde, musste der anglikanische Erzbischof von York, Cyril Forster Garbett, einschreiten und wieder einmal die Augustinus-Definition vom „gerechten Krieg“ ausgraben, um diesen ungeheuren Aufwand an menschlichen und wirtschaftlichen Ressourcen der öffentlichen Meinung gegenüber zu rechtfertigen. Ein anderer namhafter Vertreter der anglikanischen Kirche, der Bischof von Chichester, George Bell, wagte es jedoch, öffentlich eine andere Frage zu stellen: „Wer verkörpert das ,kriegliebende Deutschland”, und wer ist dagegen einfach nur Opfer des gerechten Krieges', mit dem diesem Krieg ein Ende gesetzt werden soll?” Und vor einem House of Lords in Aufruhr erklärte Bell: „Die Alliierten dürfen sich nicht zu Gott- heiten aufschwingen, die den Feind vom Himmel aus in Rauch und Flammen aufgehen lassen. Ein Gott kann alle Plagen schicken, die er will, weil er keinem Gesetz unterworfen ist, ja, selbst das Gesetz repräsentiert. Das auf unserem Banner geschriebene Schlüsselwort heißt Recht. Wir, die wir zusammen mit unseren Alliierten die Befreier Europas sind, müssen unsere Kraft in den Dienst des Rechtes stellen. Und das Recht ist gegen die Bombardierung der Feindesstädte, vor allem gegen Flächen-Bombardierungen!”. „Und daher fordere ich,” schloss er, „dass von der Regierung die Rechtfertigung ihrer Politik der derzeit erfolgenden Bombardierungen von Feindesstädten ve- rlangt wird, vor allem der Aktionen gegen Zivilisten, Nicht-Kämpfende sowie nicht-militärische und nicht-industrielle Ziele“. Das war am 11. Februar 1943. Ein Jahr später, am 9. Februar 1944, zog Bell im House of Lords erneut unerbittlich gegen eine Praxis ins Feld, die sich als wahres Desaster erwiesen hatte: „Die eingesetzten Mittel und das erreichte Ziel müssen im rechten Verhältnis zueinander stehen. Eine ganze Stadt auszulöschen, hat damit gewiss nichts mehr zu tun. Die Frage der Bombardierungen ohne Maß und Ziel ist von entscheidender Bedeutung für Politik und Handeln der Regierung! Die Nazi-Mörder und das deutsche Volk, dem von ersteren alles Mögliche angetan wurde, auf eine Stufe zu stellen, bedeutet, der Barbarei Tor und Tür zu öffnen”. Dieselben weitblickenden und mutigen Feststellungen also, die, auf der anderen Seite, im vom moral bombing verwüsteten Deutschland, schon Bischof von Galen getroffen hatte!
     Als die Bevölkerung von Münster nach dem Krieg, am 1. Juli 1945, zum ersten Mal wieder zum Marienheiligtum von Telgte wallfahrtete, protestierte von Galen öffentlich gegen das Verhalten der alliierten Militärregierung. Dagegen, dass sie nicht dafür sorgte, dass die Rechte des deutschen Volkes gewahrt wurden. Den Gläubigen - so berichtete Heinrich Portmann -, zu deren Sprachrohr sich von Galen inmitten all dieser Widrigkeiten, all dieses Leides machte - war das ein großer Trost. Die Befehlshaber der Besatzungsmächte dagegen waren wenig begeistert, und so wurde der Bischof prompt zum Militärkommandanten von Warendorf zitiert. Eine Begegnung, die in der Aussage von Priester Friedrich Sühling so dokumentiert ist: „Kommandant Jackson verlangte von dem Bischof Klärung hinsichtlich des von ihm Gesagten, doch dieser gab nicht klein bei, sondern wies darauf hin, dass sie als Besatzungsmächte auch Pflichten hätten, und er - sollten sie diese nicht erfüllen - nicht zögern werde, sich genauso zu verhalten, wie er es im Falle der Ungerechtigkeiten und der Barbarei des Nationalsozialismus getan hatte. Dann führte er einige Beispiele an, die ihm besonders am Herzen lagen: die Übergriffe seitens ausländischer Arbeiter, vor allem Russen und Polen, sowie das gewalttätige Vorgehen der Besatzungstruppen gegen Zivilisten. Besonders letzteres brachte den Bischof sichtlich in Rage: Er schlug mit der Faust auf den Tisch und forderte den anwesenden Dolmetscher auf, alles von ihm Gesagte auch wirklich wortwörtlich zu übersetzen. Nach langer Diskussion konnten die Wogen geglättet werden, aber der Bischof nahm nicht ein Wort von seiner Predigt zurück“. Und gerade in Münster kam es dann, im Oktober 1945, im Sitz der Militärregierung, zu einer Begegnung zwischen von Galen und dem anglikanischen Bischof von Chichester, in Anwesenheit von Brigadegeneral Chadwick. Bell, der sich als Repräsen- tant der anglikanischen Kirche in Deutschland aufhielt, machte aus seiner Wertschätzung und Sympathie für den deutschen Bischof kein Hehl. Er betonte, mit welch „glühender pastoralen Liebe er sich für den Schutz der ihm anvertrauten Herde eingesetzt“, sich nicht gescheut hatte „zur Verteidigung des Rechtes Gottes und der mit Füßen getretenen Menschenwürde kein Blatt vor den Mund zu nehmen, auch jetzt nicht, wo Chaos und Barbarei durch die mit dem Einmarsch der alliierten Truppen einhergehenden Übergriffe, Plünderungen und Gewaltakte Tor und Tür geöffnet waren”.
     Am 20. August 1945 hatte von Galen an Papst Pacelli geschrieben: „Müssen doch sogar die von den Besatzungsmächten dirigierten neuen deutschen Zeitungen immer wieder Äußerungen veröffentlichen, die dem gesamten deutschen Volke, auch jenen, die den Irrlehren des National- sozialismus niemals gehuldigt und nach Vermögen ihnen Widerstand geleistet haben, eine Kollek- tivschuld und Verantwortung für alle Verbrechen der früheren Machthaber andichten wollen.” Und voller Bitterkeit hatte er danach festgestellt: „Es scheint, dass diese Gesinnung die Grundlage für die ...rücksichtslose Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Heimat und Besitz ... ist.” Und weiter: „Wahrhaft erschreckend ist es, wie der im Rassekult des Nationalismus kulminierende übertriebene Nationalsozialismus jetzt auch bei den Siegern derartig herrschend geworden ist, dass man in Potsdam beschlossen hat, die gesamte deutsche Bevölkerung aus den an Polen und die Tschechoslowakei fallenden Gebieten auszuweisen und in die jetzt schon überbevölkerten deutschen Westgebiete zusammenzudrängen”.
    In seinem Brief vom 25. September 1945 beschrieb er Papst Pacelli erneut den schrecklichen Zustand der besetzten Gebiete und bat ihn, „dem gedemütigten und niedergetretenen deutschen Volke zu Hilfe zu kommen, sei es durch direkte Unterstützung, sei es durch Vorstellungen bei den Siegermächten!.
   Am 6. Januar 1946 schrieb Bischof von Galen den letzten Brief an Pius XII. - bevor er nach Rom reiste, wo er das Kardinalsbirett erhielt. An jenem Tag wollte er in den Trümmern des Marien- heiligtums von Telgte das Dreikönigsfest feiern. Seine Homilie schloss er mit folgenden Worten: „Unter dem Nazismus habe ich folgendes öffentlich gesagt - und das Hitler 1939, als keine Macht eingreifen wollte, um seinem Expansionstreben Einhalt zu gebieten, auch geschrieben: Die Ge- rechtigkeit ist das Fundament des Staates; wenn die Gerechtigkeit nicht wieder hergestellt wird, wird unser Volk von innen her verwesen. Und heute muss ich sagen: wenn unter den Völkern das Recht nicht respektiert wird, wird es niemals Frieden und Harmonie zwischen den Völkern geben”.

Brief vom 4. November 1943 an Pius XII.
Heiliger Vater!
   Zu den Füßen Eurer Heiligkeit im Geiste niederkniend, bitte ich demütig, meinen unendlichen Dank darbringen zu dürfen für die gnädige Berufung zum Thronassistenten Eurer Heiligkeit, wovon Seine Eminenz der Kardinalstaatssekretär dem Domkapitel unserer Kathedralkirche unter dem 8. September 1943 Mitteilung gemacht hat. Dass ich nunmehr die Ehre habe, in die engste „päpstliche Familie” aufgenommen zu sein, ist ein unverdienter Vorzug, der um so mehr mein Herz erfreut und beglückt, weil mich durch Gottes Gnade und durch die Erziehung meines Elternhauses von Jugend auf die innigsten Bande der Ehrfurcht, der Liebe und der Unterwürfigkeit mit dem Stellvertreter Christi auf Erden verbinden; eine Gesinnung, die durch die väterliche Herablassung und Güte Eurer Heiligkeit für meine Person noch gesteigert worden ist. Ich bitte Gott, dass Er meinem schwachen Willen helfe, in unwandelbarer Treue zu Rom, zum Felsen Petri und zum erhabenen Nachfolger des Apostelführers bis ans Ende auszuharren und auch meinen Klerus und die mir anvertrauten Gläubigen in der Treue zum Heiligen Vater zu bewahren und zu befestigen. Er wolle es gnädig fügen, dass es mir bald vergönnt sein möge, Eurer Heiligkeit persönlich mich zu nahen, um meinen Gefühlen der Ehrfurcht, Liebe und Dankbarkeit mündlichen Ausdruck zu geben.
    Euer Heiligkeit drängt es mich, ganz besonders zu danken für das väterlich liebevolle Hand- schreiben vom 24. Februar 1943, das mir im Mai durch Seine Exzellenz den Apostolischen Nuntius zugestellt worden ist. Die väterlichen und weisen Lehren und Mahnungen desselben habe ich voll Freude meinem Klerus und meinen Gläubigen mitgeteilt. Sie sollen uns Ermutigung und Wegweisung sein der vielfach so sehr erschwerten Seelsorge, besonders aber auch im Ringen um die eigene Heiligung.
   Eurer Heiligkeit würde ich gern mit anderen Zeitdokumenten den Text von zwei Predigten vorlegen, die ich am 29. Juni und am 19. September in unserer Domkirche gehalten habe, in denen ich die Gläubigen mit den belehrenden und ermunternden Worten Eurer Heiligkeit bekannt gemacht und zugleich die abscheulichen Verleumdungen, die im Stillen gegen den Heiligen Vater ausgestreut werden, energisch zurückgewiesen habe. Leider sind diese Texte, wie auch alle anderen für die Versendung nach Rom zurückgelegten Berichte und Zeitdokumente am 10. Oktober bei der Zerstörung der bischöflichen Residenz und des Ordinariatsgebäudes durch feindlichen Fliegerangriff verbrannt.
    Im Laufe des letzten Jahres sind vor allem unsere Industriestädte Bottrop, Bocholt, Sterkrade, Gladbeck und besonders Duisburg-Hamborn oftmals durch feindliche Flieger angegriffen und be- schädigt worden.  Dabei haben auch zahlreiche Kirchen und kirchliche Gebäude, mehrere Kranken- häuser schweren Schaden erlitten.  Auch auf Münster war am 10. Juni ein schwerer Angriff, der u.a. mehrere Kirchen zeitweise, die Herz-Jesu-Kirche für lange Zeit, unbrauchbar machte. Jetzt hat ein kurzer, aber ungemein brutaler Angriff feindlicher Bomber am Sonntag, 10. Oktober, große Teile, besonders der altehrwürdigen Innenstadt von Münster, zu einem Trümmerfeld gemacht. Sehr schmerzlich sind die Todesopfer: neben einer großen Anzahl Laien starben vier Priester: zwei Mitglieder unseres Domkapitels, die Prälaten Prof.Dr.Emmerich und Prof.Dr. Diekamp, ferner Prof. i.R. Dr. Vrede und Studienrat Dr.Hautkappe. Im Mutterhaus unserer „Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern von der Allerseligsten Jungfrau und Schmerzhaften Mutter Maria (Clemensschwestern)” wurde die Generaloberin getötet mit den beiden Provinzialoberinnen der zwei bestehenden Ordens- provinzen, außerdem 56 Schwestern, zum großen Teil Filialoberinnen, die gerade zur Teilnahme an Exerzitien ins Mutterhaus berufen waren. Auch noch andere Ordens- häuser in der Stadt wurden, ebenso das Priesterseminar und das Theologenkonvikt, schwer beschädigt.
   Vor allem beklagen wir die Zerstörung an den alten großen Kirchen der Stadt Münster. Der nördliche Turm der Kathedrale wurde von einer Sprengbombe getroffen und in Brand gesteckt; das herabfallende Gestein hat zwei Gewölbe des Hauptbaues eingeschlagen, mehrere beschädigt und im Innern vieles zerstört; das ganze Dach ist durch Feuer vernichtet. Bei der Liebfrauen- und der Lambertipfarrkirche sind die Gewölbe des Chores eingestürzt, die Martini-, die Clemens-, die Petri- Kirche sind so stark beschädigt, dass die Möglichkeit der Wiederherstellung zweifelhaft ist.
   Am Domplatz sind die Kurien des Dompropstes, Domdechanten und die Wohnungen von drei weiteren Domkapitularen völlig zerstört und ausgebrannt, so dass die Hochwürdigen Herren außer etwas Kleidung fast nichts gerettet haben; unter den Geschädigten ist auch Herr Domkapitular Franz Vorwerk, der immer noch unschuldig in der Verbannung weilt.
   Persönlich bin ich durch Gottes gnädigen Schutz in dem durch drei Sprengbomben getroffenen, teilweise stürzenden bischöflichen Hofe bis auf einige leichte Wunden unverletzt geblieben, habe freilich dann durch den nachfolgenden Brand mein gesamtes Mobiliar,alle Bücher, Schriften, Akten, darunter auch, was mir besonders schmerzlich ist, die gütigen Handschreiben Eurer Heiligkeit ver- loren; die meisten Pontifikalparamente und Ausrüstungsgegenstände sind vernichtet; doch konnten die notwendigsten Kleidungsstücke gerettet werden.
    Noch schlimmer und von unabsehbaren Folgen ist es, dass auch das Dienstgebäude des Gene- ralvikariats und des Ofifizialats mit sämtlichen Akten aus der Zeit seit etwa 1820 völlig zerstört und ausgebrannt ist. Seine Exzellenz den Apostolischen Nuntius habe ich bereits gebeten, mir diesmal Dispens zu erwirken von der Anfertigung der in diesem Jahre fälligen „Relatio de statu dioecesis”, da uns auch hierfür alle Vorlagen, Unterlagen und Vorarbeiten verloren gegangen sind.
    Heiliger Vater! Schwerer als diese äußeren Verluste bedrückt mich die Sorge um das Seelenheil der mir anvertrauten Gläubigen und die Erhaltung der christlichen Religion in unserem Lande. Wohl stehen noch Tausende aus allen Lebens- und Berufsständen, auch aus der Jugend, treu zu Christus und seiner heiligen Kirche, und ich darf mit Dank gegen Gott es feststellen, dass die Bewohner der seit alters her überwiegend katholischen Teile unseres Bistums sich durchweg bewähren in der Prüfung, und die Leiden der Kriegszeit in Ergebung und Starkmut ertragen und Gott aufopfern. Ich habe auch in diesem Jahr bei Firmungsreisen und bei Wallfahrten mich vielfach erbauen und erfreuen können an der im Rahmen des Möglichen ungemein lebhaften Bekundung treukatholischer Gesinnung und der Ergebenheit gegen den von Gott bestellten Oberhirten des Bistums. Aber es ist doch nicht zu leugnen, dass im Großen gesehen, ganz erhebliche Teile des deutschen Volkes dem Christentum, ja, dem wahren Gottesglauben gleichgültig, sogar ablehnend gegenüberstehen und immer mehr die bisherigen sittlichen Bindungen der christlichen Vergangenheit beiseite setzen. Wir müssen wohl in dem Vernichtungskrieg, der große Teile des nichtchristlichen Europa zur Trümmerstätte und Einöde zu machen droht, ein gerechtes Strafgericht über jene sehen, die „den Quell lebendigen Wassers verlassen und sich Brunnen gegraben haben, die kein Wasser halten.” Ihnen den Weg der Rückkehr zu zeigen zu den „fontes Salvatoris” ist unsere große und drückend schwere Aufgabe. Einstweilen wird es das Nötigste sein, dass wir mit allen Treugebliebenen dem Beispiel und den oftmaligen Mahnungen Eurer Heiligkeit folgend, die Leiden und Verluste willig und dankbar aus Gottes Hand annehmen und als Beitrag der Buße und Sühne der göttlichen Majestät aufopfern. Euer Heiligkeit für alle Belehrungen und Ermahnungen, die zu uns gekommen sind, innigen Dank zu sagen, möge mir zum Schluss dieser Zeilen gestattet sein. Der Inhalt besonders des Rundschreibens „Mystici Corporis Christi”, und vor allem der Hin- weis auf das „tremendum sane mysterium, ac satis nunquam meditatum: multorum salutem a mystici Iesu Christi Corporis mem-brorum precibus voluntariisque afflictionibus pendere“, war mir in diesen letzten Wochen Trost und Stärkung, indem ich daraus die Hoffnung schöpfe, dass unsere Opfer und Leiden in Vereinigung mit dem Kreuze Christi Gottes Erbarmen für uns und unser Volk und alle Völker erwirken und beschleunigen werden.
   In der Hoffnung, dass unsere Gebete und Opfer beitragen dürfen, Eurer Heiligkeit alle göttlichen Gaben und Freiheit und Gesundheit zu erflehen, bitte ich demütig um den Apostolischen Segen für meine Diözesanen, Laien und Priester, besonders für die an der Kriegsfront stehenden, und für unsere Jugend, und verbleibe in tiefster Verehrung Eurer Heiligkeit ergebenster und gehorsamster Sohn und Diener
+ CA

Brief vom 20. August 1945 an Pius XII.
Heiliger Vater!
  In tiefster Ehrfurcht und kindlicher Liebe knie ich im Geiste an den Stufen des päpstlichen Thrones, um den erhabenen Stellvertreter Jesu Christi, den gemeinsamen Vater der Christenheit zu begrüßen. Schon vor Monaten habe ich bei der britischen Militärregierung den Antrag gestellt, uns den freien Briefverkehr mit Rom und einen persönlichen Besuch bei Eurer Heiligkeit zu gestatten und zu ermöglichen.  Bisher leider ohne Erfolg! Jetzt hoffe ich, bei der bevorstehenden Konferenz der Bischöfe in Fulda Gelegenheit zu haben, wenigstens diese kurzen Zeilen durch Vermittlung Seiner Exzellenz des bisherigen Apostolischen Nuntius Eurer Heiligkeit unterbreiten zu können.
   Euer Heiligkeit zuerst Dank zu sagen, auch in Namen meiner Diözesanen, ist mir Pflicht und Herzenssache. Die monatelange Absperrung von Rom und die Unmöglichkeit,  von Eurer Heiligkeit Lage, Worten und Taten Kunde zu erhalten, haben unsere Liebe zum Heiligen Vater und unseren Eifer im Gebet für Ihn nicht vermindert, noch auch unser Verlangen, Belehrung, Weisung und Tröstung von Ihm zu empfangen. Die ersten Worte Eurer Heiligkeit, die wir seit langer Zeit empfangen, waren jene der Ansprache an die Versammlung der Kardinäle vom 2. Juni 1945, die uns vor kurzem der Apostolische Nuntius zusandte, und mir dann auch der endlich heimgekehrte Staatssekretär Dr. Pünder überbrachte. Der echte Wortlaut mit der unwiderleglich klaren Darstellung der Vergangenheit und der jetzigen Lage und ihrer Gefahren zeigt uns darüber hinaus erneut Eurer Heiligkeit gütiges Verstehen und unveränderte Liebe für uns und unser armes Volk und Vaterland, für die fast die gesamte übrige Welt nur Hass, Abscheu, Vergeltungssucht zu haben scheint. Müssen doch sogar die von den Besatzungsmächten dirigierten neuen deutschen Zeitungen immer wieder Äußerungen veröffentlichen, die dem gesamten deutschen Volke, auch jenen, die den Irrlehren des Nationalsozialismus niemals gehuldigt und nach Vermögen ihnen Widerstand geleistet haben, eine Kollektivschuld und Verantwortung für alle Verbrechen der früheren Machthaber andichten wollen. Es scheint, dass diese Gesinnung die Grundlage ist für die der Genfer Konvention widersprechende Behandlung der kriegsgefangenen deutschen Soldaten (von den in russische Gefangenschaft gefallenen fehlt noch jegliche Nachricht), für die Zulassung der Raub- und Plünderungszüge der seinerzeit nach Deutschland verschleppten ausländischen Arbeiter, besonders der Russen und Polen, mit ihren Brandstiftungen, Mordtaten, Vergewaltigungen ehrenhafter Frauen und Jungfrauen, für die rücksichtslose Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Heimat und Besitz, wie sie teils schon durchgeführt, teils für die Zukunft beschlossen ist. Wahrhaft erschreckend ist es, wie der im Rassekult des Nationalsozialismus kulminierende übertriebene Nationalismus jetzt auch bei den Siegern derartig herrschend geworden ist, dass man in Potsdam beschlossen hat, die gesamte deutsche Bevölkerung aus den an Polen und die Tschechoslowakei fallenden Gebieten (Ostpreußen, Pommern, Ostbrandenburg, Schlesien, Böhmen usw.) auszuweisen und in die jetzt schon über- bevölkerten deutschen Westgebiete zu- sammenzudrängen. Andererseits geht man z.B. in Holland so weit, sogar jenen deutschen Männern, die früher jahrelang in Holland gelebt und gewohnt haben, dort mit Holländerinnen verheiratet waren, und deren Familien dort sind  und nach der Heimkehr des Vaters verlangen, die Rückkehr, ja, sogar den Besuch ihrer Frauen und Kinder zu verweigern. Eine solche gewaltsame Trennung der Familien erinnert ebenfalls an die Rassenlehren des National- sozialismus, die in der Judenverfolgung und gewaltsamen Trennung auch christlicher Ehen mit ge- tauften Juden ihren Ausdruck fanden.
   Wie dankbar sind wir bei solcher Haltung der Welt für die gütigen, verstehenden, tröstenden und ermunternden Worte Eurer Heiligkeit am 2. Juni 1945. Wir empfinden sie als Worte des Stell- vertreters dessen, der in die Welt gekommen ist, „non ut iudicet mundum, sed ut salvetur mundus per ipsum.“
   Euer Heiligkeit schreibe ich aus den Ruinen der Stadt Münster, die noch in den letzten Kriegs- tagen, am 23. und 25. März 1945, erneut mit Spreng- und Brandbomben überschüttet wurde. Mit dem Dom sind damals die alten Teile der Stadt fast völlig zerstört und ausgebrannt; von den alten Kirchen kann nur noch eine einzige, die St. Mauritz-Kirche außerhalb der Stadt benutzt werden. Die Arbeiten zur Wiederherstellung, ja, zum Schutz und zur Erhaltung der wieder verwendbaren Reste finden bei den Besatzungsmächten keine Förderung und müssen auch wohl zurückbleiben angesichts der bestehenden Wohnungsnot.
   Mit größter Sorge sehen wir der Zukunft entgegen. Unzählige haben durch den Bombenkrieg Wohnung, Werkstatt und Geschäft verloren. Unzählige im Westen und Osten sind vor der her- annahenden Kriegsfront aus der Heimat geflohen und können nicht wieder heimkehren: das gilt vor allem von den vor den russischen Truppen Geflüchteten, die weder zurückkehren können, noch irgendeine Nachricht von ihren zurückgebliebenen Angehörigen erhalten.
  Unsere christliche Landbevölkerung hat in großer Weitherzigkeit die Flüchtlinge aus den Städten, von den Grenzen, aus dem Kriegsgebiet aufgenommen, sich vielfach selbst aufs äußerste ein- geschränkt, um den Fremden Obdach und Beköstigung zu gewähren. Aber mit der Länge der Zeit wird das enge Zusammenleben früher selbstständiger Familien in beschränkten und untrennbaren Wohnungen, die Gemeinsamkeit der Räume, Möbel und Kochgeschirre zu einer schweren Gedulds- probe und Belastung, und eine Gefährdung nicht nur der Liebe, sondern auch der guten Sitten. Dazu kommt die Aussichts- und Hoffnungslosigkeit unserer wirtschaftlichen Lage und die drohende Gefahr der Proletarisierung, ja, völligen Verarmung großer, bisher auskömmlich versorgter und wohlhabender Familien, auch aus den gebildeten Schichten. Wie schwer wird es sein, die zahlreichen Menschen, die das „Proletarierschicksal der Daseinsunsicherheit“ werden tragen müssen, im Glauben an Gottes Vatergüte und in der treuen Erfüllung der Gebote der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe zu erhalten! Schon jetzt entfalten Apostel des gottlosen Kommunismus eine rege Agitationstätigkeit, besonders im Industriegebiet: wir fürchten, dass der Siegeszug der bolschewistischen Ideen weit über die Grenzen der russischen Besatzungszone hinausgehen wird. Leider scheinen die Besatzungsmächte im Westen, England und Amerika, diese Gefahr nicht zu sehen oder nicht den Mut zu haben, die notwendigen Gegenmaßnahmen zu treffen, dass sie der Gefahr der Proletarisierung des deutschen Volkes entgegenwirken.
   Heiliger Vater! Ich bitte demütigst um Verzeihung, dass ich mit dieser Darlegung unserer schweren Lage  das Vaterherz  Eurer Heiligkeit betrübe. Ich darf auch andererseits versichern, dass unser gläubiges Volk bisher treu ausharrt im Glauben, dass die heimkehrenden Krieger zum großen Teil sogleich wieder zur katholischen Tradition der Heimat zurückfinden, dass die aus dem Kriege zurück- kehrenden Priestersoldaten und Seminaristen durchweg den Eindruck machen, dass sie ihren heiligen Beruf in Ehren gehalten und unbefleckt durch alle Gefahren getragen haben. Gott sei Dank für so viele wirksame Gnaden und für den Trost, den solche Beobachtungen bereiten. Sie sollen mir Ansporn sein zu unbegrenztem Gottvertrauen und frohem Optimismus in der Arbeit und Sorge für Christi Reich.    
     Ich muss weiter um Verzeihung bitten, dass ich es wage, Euer Heiligkeit in dieser nach Form, Papier und Schrift mangelhaften und wenig würdigen Weise zu schreiben. Ich bitte demütigst, das meiner Armut zugute zu halten, da ich tatsächlich mit dem Vorhandenen fürlieb nehmen muss. Ich wage es, indem ich dem kindlichen Verlangen meines Herzens folge, dem gütigen Vaterherzen auf dem Stuhle Petri meine Ehrfurcht darzubringen und meine Sorgen vorzutragen. Im Vertrauen auf die von Eurer Heiligkeit meiner geringen Person so oft erwiesene Güte erlaube ich mir auch noch die Mitteilung beizufügen, dass mein Euer Heiligkeit bekannter jüngerer Bruder Franz, Geheimkämmerer Eurer Heiligkeit, der im August 1944 von der Gestapo ohne erkennbaren Grund verhaftet und abgeführt war, im April aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg  befreit und im Juli zu seiner Familie zurückgekehrt ist, lebend, aber entkräftet und an der Gesundheit schwer geschädigt.
   In dem ich mir erlaube, den Text einer Predigt, die ich am 1. Juli 1945 im Wallfahrtsort Telgte bei Münster gehalten habe, beizulegen, bitte ich demütig um den Apostolischen Segen für mich, meine Diözese, meine Priester, die heimkehrenden Soldaten, die vielfach bedrängten und getrennten Familien, die gefährdete Jugend und verbleibe in kindlicher Ehrfurcht
Euer Heiligkeit gehorsamster Sohn und Diener
Bischof von Münster
+ CA.

Der Brief vom 6. Januar 1946 an Papst Pius XII.
Heiliger Vater!
   Mit kindlicher Ehrfurcht im Geiste zu Eurer Heiligkeit Füßen kniend, suche ich vergeblich nach Worten, die ausdrücken, was mein Herz bewegt. - Der Rundfunk und dann die Zeitung haben es bekannt gemacht, dass Eure Heiligkeit geruht haben, das Heilige Collegium der Kardinäle durch die Berufung einer großen Anzahl neuer Mitglieder zu ergänzen. Eure Heiligkeit haben dabei die Übernationalität der heiligen katholischen Kirche und ihre den Völkerhass beschämenden Einheit und Einigkeit in unübertrefflicher Weise vor der ganzen Welt erwiesen und zur Darstellung gebracht, indem Männer aus allen Erdteilen, Völkern und Nationen in den höchsten Senat und Beirat des Ober- hauptes der Kirche berufen wurden. Dass dabei auch unser armes, durch den Krieg verwüstetes, durch die Niederlage gedemütigtes, heute von allen Seiten durch Hass und Rachgier zertretenes deutsches Volk nicht übergangen, sondern durch die Berufung von drei deutschen Bischöfen in das Kardinalskollegium ausgezeichnet wurde, dafür danken die deutschen Katholiken mit ihren Bischöfen und Priestern, dafür danken auch viele nichtkatholische Deutsche dem Stellvertreter Christi auf Erden aus tief gerührtem Herzen.
   Wenn aber Eure Heiligkeit bestimmt haben, dass auch meine geringe Person zu diesen gehören und in das Collegium der Kardinäle eintreten soll, so kann ich nur sagen, dass diese unerwartete und unverdiente Auszeichnung und Berufung mich tief erschüttert hat, mich beschämt und bedrückt, so dass ich mit dem heiligen Petrus sprechen möchte: „Exi a me, quia homo peccator sum, Domine.” Nur der in meinem ganzen bisherigen Leben nach Kräften hochgehaltene Grundsatz, jeden Wunsch des Papstes als ein Gebot dessen zu betrachten, der ihn zum Hirten der ganzen Herde bestellt hat, bestimmt mich, in Demut, wie einst am Tage der Priesterweihe, mein „Adsum“ zu sprechen, und die übertragene Würde und Ehre hinzunehmen. Dabei tröstet mich, dass ich darin eine Anerkennung sehen darf der tapferen Haltung der Mehrzahl der Katholiken des mir anvertrauten Bistums Münster, die in den Jahren der Verfolgung und Bedrückung die Treue zu Christus, zu seiner heiligen Kirche, zum Heiligen Vater bewahrt haben und es mir durch ihre Gesinnung und Haltung möglich gemacht haben, auch in der Öffentlichkeit für die Rechte Gottes und der Kirche, für die von Gott gegebenen Rechte der menschlichen Persönlichkeit einzutreten. Die nicht zu hemmenden Freudenbezeugungen meiner Diözesanen bei Bekanntwerden der Nach- richt meiner Berufung, die unzähligen Glückwünsche aus der Diözese und aus allen Teilen Deutschlands geben mir das Recht, den Gnadenerweis Eurer Heiligkeit in diesem Sinne zu deuten und anzunehmen.
    Eurer Heiligkeit spreche ich daher im Namen meiner Diözesanen und gleichzeitig der deutschen Katholiken in kindlicher Hingabe den ehrerbietigsten Dank aus für diesen erneuten unverdienten Erweis der Huld und der väterlichen Liebe. Ich erneuere dabei das Gelöbnis unwandelbarer Treue, steten Gehorsams und kindlicher Liebe zum Oberhaupt der Kirche, dem Stellvertreter Christi auf Erden, und zu Eurer Heiligkeit erhabenen Person, für den wir täglich in unseren armen Gebeten Gottes Gnade, Schutz und Beistand herabzuflehen uns bemühen.
   In der frohen Hoffnung, bald zu den Füßen Eurer Heiligkeit knien zu dürfen und mit der demütigen Bitte um den Apostolischen Segen für mich und meine Diözesanen verbleibe ich in tiefster Ehrerbietung Eurer Heiligkeit gehorsamer Sohn und Diener
C.A.

Die letzte Predigt Kardinal von Galens
Bitter beklagen wir . . .
Auszüge aus der Ansprache, die von Galen am 16. März 1946 in Münster hielt, nachdem er von Papst Pius XII. in Rom den Kardinalspurpur erhalten hatte.
   Meine lieben hier versammelten Diözesanen, ... Ich danke Euch, dass Ihr mich begrüßt, heute, wo ich als Kardinal der Heiligen Römischen Kirche zurückkehre in diese unsere liebe Stadt, ja, in meine liebe Heimat. Der Heilige Vater hat mir diese Würde verliehen, und ich kann Euch versichern, ich bin überwältigt geradezu von der Güte und Liebenswürdigkeit herablassenden Gnade, die der Stell- vertreter Christi, der Nachfolger des heiligen Petrus, mir persönlich erwiesen hat durch diese Ehrung und durch die Liebe, mit der er mich aufgenommen hat. Aber wenn das Oberhaupt der Kirche einen solchen Akt vollzieht, dann handelt es sich nicht darum, irgendeine Person zu ehren ...
    Er hat mir eine Stellung gegeben, die mich zum Führer und verantwortlichen Leiter von Hun- derten und Tausenden machte, die gleich mir es schwer empfanden ...wie Gottes Wahrheit und Recht, wie Menschenwürde und Menschenrecht beiseite gesetzt, getreten, zu Boden geworfen wurden. Die mit mir und gleich mir es empfanden als ein bitteres Unrecht auch am wahren Wohl unseres Volkes, wenn Christi Religion und Wahrheit immer mehr eingeengt und beiseite geschoben wurden ... Ich wusste, dass viele Schweres, viel Schwereres als ich persönlich zu leiden hatten unter den Verfolgungen der Wahrheit und des Rechtes, die wir erlebt haben.
    Sie konnten nicht sprechen. Sie konnten nur leiden. Vielleicht haben sie vor Gottes Augen, in denen das Leiden, ja, vielleicht das Leiden trotzdem viel mehr wiegt wie das Handeln und Sprechen, vielleicht haben viele auch von denen, die hier stehen, in Wirklichkeit vor Gottes heiligen Augen mehr geleistet, weil sie mehr gelitten haben als ich.
    Aber mein Recht und meine Aufgabe war es zu sprechen, und ich habe gesprochen für Euch, für Unzählige, die hier versammelt sind, für Unzählige in unserem lieben deutschen Vaterlande, und Gott hat es gesegnet, und Eure Liebe und Treue, meine lieben Diözesanen, haben auch das von mir ferngehalten, was vielleicht mein Verhängnis, aber vielleicht auch mein schönster Lohn gewesen wäre, dass sie die Macht der Krone des Martyriums ...[undeutlich, mit stark bewegter Stimme gesprochen].
   Eure Treue hat es verhindert. Dass Ihr hinter mir standet, und dass die damaligen Machthaber wussten, dass Volk und Bischof in der Diözese Münster eine unzertrennliche Einheit waren und dass, wenn sie den Bischof schlugen, das ganze Volk sich geschlagen gefühlt hätte.
     ... Der Heilige Vater hat drei deutsche Bischöfe ins Kardinalskollegium berufen und hat damit vor einer Welt, die zum großen Teil, wenigstens nach den Äußerungen der öffentlichen Meinung in vielen anderen Ländern zu rechnen, geneigt ist, in Deutschland nur das Ende eines verbrecherischen und widerchristlichen Systems zu sehen, ..., das ganze deutsche Volk für eine Gesellschaft von Verbrechern zu halten. Vor dieser ganzen Welt hat der Heilige Vater durch die Berufung dreier deutscher Kardinäle gezeigt, dass er nicht so denkt. Er hat vor der ganzen Welt es gezeigt, dass er Deutschland besser kennt wie jene, die so uns beurteilen und so uns verurteilen und so uns verdammen wollen.
     Er hat gezeigt, dass trotz des Unrechts und der Verbrechen vieler Deutscher, die wir bitter beklagen, deren Folgen wir tragen müssen in der Zerstörung unserer Städte und in anderen Kriegsfolgen, dass ein großer Teil unseres Volkes diesen verderblichen, heidnischen Grundsätzen nicht gehuldigt hat, und dass es zahlreiche, Tausende, Millionen von Deutschen gibt, die es als ehrenwerte Menschen wahrhaft verdienen, dass auch ihnen wieder Freiheit und Recht zuteil werde wie allen anderen Völkern auf der Welt, allen anderen Kindern Gottes auf dieser Erde ....

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Seligsprechung vor dem Petersdom in Rom durch Papst Benedikt XVI.

Hörbuch über Kardinal von Galen   -    O-Ton eines Seligen

   Über den als „Löwe von Münster” verehrten Bischof ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel publiziert worden: nicht zuletzt im Vorfeld der Seligsprechung im Herbst 2005. Das Hörbuch des LWL- Medienzentrums versucht einen neuen Zugang, indem es Bischof von Galen gewissermaßen selbst zu Wort kommen lässt und „nachfragt”. Dazu wurde bewusst ein dialo- gisches Format gewählt: Sprecher Rudolf Guckelsberger rezitiert ausgewählte Textdokumente aus der galenschen Vita. Markus Köster, Leiter des Medienzentrums, bündelt die angesprochenen Themen zu Fragen, und Professor Hubert Wolf, Kirchenhistoriker an der Universität Münster und Leibnitzpreisträger, bettet die jeweiligen Tonzeugnisse in ihren historischen Kontext ein und vertieft so Aussagekraft und Wirkung der Quellen. Die Texte spannen einen weiten Bogen: Persönliche Zeugnisse machen die starke familiäre und adelige Prägung des Kirchenmannes aus dem Oldenburger Münsterland deutlich. Sein durchaus kritisches Verhältnis zur Weimarer Parteien- demokratie wird an Hand von Texten aus Galens Zeit als Großstadtpfarrer in Berlin zum Thema. Weitere Predigten und Hirtenbriefe stehen für das mühevolle Ringen um die rechte Balance zwischen Gehorsam und Gewissen in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Eindrucksvoll dokumentieren die auf den CD's eingesprochenen Texte Galens großen Mut und vor allem sein „Über-sich-Hinauswachsen” in den großen Predigten des Sommers 1941, in denen er scharf gegen das Euthanasieprogramm des nationalsozialistischen Regimes Front machte. Zum Schluss der Doppel-CD wird Clemens August Graf von Galen selbst hörbar. Das einzige bekannte Original-Tondokument - seine Ansprache beim Kardinalsempfang in Münster am 16. März 1946, sechs Tage vor seinem Tod - macht seine Persönlichkeit in ganz besonderer Weise lebendig. DTpbm071215
Die Doppel-CD „Nachgehört und nachgefragt” mit Booklet kostet 14,90 Euro

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Wo der Löwe laufen lernte
Foto: Das Denkmal für Graf Kardinal Clemens von Galen in Dinklage

   Ein Besuch in Dinklage, dem Geburtsort von Clemens Kardinal Graf von Galen, der öffentlich gegen Hitlers Euthanasie-Politik protestierte. An die Widerständigkeit katholischer Milieus erinnerte jetzt eine Tagung in Vechta.
   „Als Kind habe ich in der lieben Heimat niemals schlechte Beispiele und Verführungen zur Sünde gesehen, sondern nur Vorbilder unerschütterlich festen Glaubens, treuen katholischen Lebens, festen Gottvertrauens, aufrichtiger Frömmigkeit und inniger Liebe zur Kirche", schrieb 1933 der neue Bischof von Münster, Clemens August von Galen, in einem Brief nach Dinklage, seinen Geburtsort.
   12.844 Einwohner, davon 4.344 Jugendliche unter 25 Jahren, zählt heute das Städtchen im Oldenburger Münsterland. Diese katholische Ecke in Niedersachsen, die die Landkreise Vechta und Cloppenburg umfasst, verzeichnet die höchste Geburtenrate in ganz Deutschland. Zugleich meldete die wirtschaftlich blühende Gegend bei der jüngsten Bundestagswahl das beste Ergebnis für die Unionsparteien, sogar recht deutlich vor den Hochburgen der CDU in Baden-Württemberg oder der CSU in Bayern.
   Professor Joachim Kuropka versammelte jetzt in dem, wie er sagt, „schwärzesten Wahlkreis" der Republik renommierte Wissenschaftler auch aus Israel, Polen und den USA, um die Stabilität katholischer Milieus in der Endphase der Weimarer Demokratie und in der Hitlerzeit zu analysieren. Wie widerstandsfähig, wie resistent blieben die konfessionell geprägten Lebenswelten gegenüber dem Aufstieg des Nationalsozialismus? Historiker, Theologen, Ökonomen und Politologen verglichen ein Dutzend Regionen und Städte miteinander: vom Emsland über das thüringische Eichsfeld bis zum Ermland im alten Ostpreußen, von der linksrheinischen Pfalz über Passau bis ins heutige Polen, nach Gleiwitz in Oberschlesien und zur Grafschaft Glatz, an der einstigen Grenze des Reichs zur Tschecho- slowakei.
   Kuropka, aus Schlesien gebürtig und mittlerweile emeritiert, hat an der kleinen Universität Vechta die Arbeitsstelle für Katholizismus- und Widerstandsforschung geleitet. Er kennzeichnete das Oldenburger Münsterland als eine der dichtesten konfessionellen Lebenswelten und daraus folgend als eine Hochburg des politischen Katholizismus, also der 1933 untergegangenen Deutschen Zentrumspartei. Zwar sei bereits in der Weimarer Phase eine gewisse Erosion festzustellen, doch auch die NS-Gleichschaltung habe den „Milieuzusammenhang" letztlich nicht gefährden können.
   Für die Identität der unterschiedlichen Regionen spielte übrigens die damals außerordentlich vielfältige katholische Presse eine Hauptrolle, die noch näher zu erforschen wäre. Einen Band mit allen Beiträgen der dreitägigen Konferenz unter dem Titel „Die Grenzen des Milieus" will Kuropka im kommenden Jahr herausgeben.
   Derweil erinnert im Oldenburger Münsterland noch viel an Bischof Galen, der die Lehre des Christentums als wirkungsvolls¬ten Damm gegen die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus ver- trat. Weit über Westfalen hinaus wurden 1941 seine mutigen Predigten gegen die Ermordung von Geisteskranken bekannt. Die Burg Dinklage, wo er 1878 zur Welt kam, ist seit 1949 ein Kloster. Vor dem Eingang stehen noch zwei Linden siehe Foto oben, die Clemens August und sein Bruder Franz am Tag ihrer Kommunion gemeinsam mit dem Vater gepflanzt haben. Die Benediktinerinnen im Kloster pflegen das Erbe, betreiben in der ruhigen Waldlage auch einen Klosterladen mit Cafe. Bald wollen sie ein anderes Nebengebäude zu einer Gedenkstätte für den 2005 seliggesprochenen Oberhirten umgestalten.
   Mitten im Milieu lernte der spätere „Löwe von Münster" das Laufen. Sein Vater war Reichs- tagsabgeordneter der Zentrumspartei, und vom Großonkel Wilhelm Emanuel von Ketteler, dem berühmten Mainzer Bischof, bewahrte er ein kostbares Buch als Geschenk auf, das heute in einer Vitrine in der Pfarrkirche Sankt Catharina ausgestellt ist.
   Clemens August von Galen, kurz vor seinem Tod 1946 zum Kardinal erhoben, kehrte zeitlebens immer wieder nach Dinklage zurück und sprach einmal davon, dass ihn das „Verlangen nach katholischer Luft" in die alte Heimat seiner Familie ziehe. Seinerzeit 1934, als sich der konservative Kirchenfürst bereits gegen das NS-Regime wandte, scholl bei seinem Besuch ein Lied aus der Epoche des Kulturkampfes mächtig durch die Reihen: „Fest soll mein Taufbund immer stehen." Das alte Kampflied war nun wieder als Bekenntnis gegen den unchristlichen Zeitgeist zu verstehen.
   Zwei Jahre später, 1936, tobte der Oldenburger Kreuzkampf, an den ein eigenes Denkmal in Dinklage erinnert. Das Kirchenvolk, von Galen unterstützt, setzte sich gegen das Hitlerregime erfolgreich für den Verbleib der Kreuze - und Lutherbilder - in den Schulen ein. Das Motto des Bischofs lautete: Nec laudibus, nec timore (Weder durch Lob noch durch Drohung weiche ich von Gottes Wegen ab). Nicht nur für das Oldenburger Münsterland scheint Galen heute noch oder heute wieder als eine Identifikationsfigur zu taugen. DT091119
Der Autor Dr. Theo Schwarzmüller ist Historiker und schrieb zuletzt das Buch „Hauenstein gegen Hitler".

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