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Foto links: Pater Franz Magnis-Suseno SJ Foto rechts: Der Kirchturm über den Dächern der indo- nesischen Hauptstadt verkündet die Präsenz des Christentums in einer muslimisch geprägten Kultur.
Ein Gespräch mit dem Jesuitenpater Franz Magnis-Suseno über Mission, Christentum und Islam in Indonesien: Jedes Jahr lassen sich Zehntausende in Indonesien taufen
Pater Franz Magnis-Suseno SJ, im Jahr 1936 in Schlesien als Franz Graf von Magnis geboren, ist einer der bekanntesten Gelehrten in Indonesien. In den mehr als vierzig Jahren, die er bereits in Indonesien lebt, hat sich der langjährige Rektor der Philosophischen Hochschule Driyarkara, Jakarta, Verdienste im interreligiösen Dialog erworben. Das Gespräch der “Tagespost” führte Michaela Koller. Pater Magnis-Suseno was ist für Sie Mission? Mission ist für mich „Zeugnis geben" für Jesus Christus, für sein Evangelium und „Zeugnis geben” dafür, dass dieser Jesus der Kirche lebt. Das ist ein Auftrag für jeden getauften Christen, wo auch immer er ist. Wir Christen tun dies durch unser Leben, unsere Arbeit, durch unser „dabei sein”. Wie sieht denn Mission nach Ihrem Verständnis in der Praxis aus. Gehen Sie unmittelbar auf Andersgläu- bige zu, etwa mit Schriften oder Predigten über das Evangelium und werben sie so für das Christentum? Zwischen Mission und Werben besteht ein Riesenunterschied. Mission ist in der Sprache des Lukas- evangeliums „Zeugnis geben”. „Zeugnis geben” bedeutet, dass man da ist. Man stellt den Menschen, denen man „Zeugnis” gibt, frei, ob sie einen beachten oder nicht beachten, einfach weggehen, sie können folgen oder nachfragen. Wenn sie dann nachfragen, werden wir ihnen den Grund unserer Freude erklären. Ich glaube aber nicht, dass heutzutage Mission dadurch geschehen sollte, dass man sich ungefragt anderen aufdrängt. Ich glaube, dass es ein Menschenrecht darauf gibt, in seinen religiösen Auf- fassungen nicht einfach belästigt zu werden. Gilt da nicht mehr Matthäus 28,19-20:“Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern;tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes,und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.” Das gilt heute in gleichem Maße, nur kommt es darauf an, wie man das tut. Mir scheint, dass wir dies eben primär durch „Zeugnis geben” tun sollen, dadurch verkünden wir das Evangelium und ermöglichen es Menschen, dass sie zum Glauben an Jesus Christus kommen und sich taufen lassen. Wie kann man denn heutzutage in Indonesien missionarisch tätig werden? Gibt es da Einschränkungen? Wir müssen da mal über die Fakten sprechen. Fakt ist, dass jedes Jahr 40.000 Menschen in Indone- sien sich taufen lassen. Das sind keine Kleinkindertaufen, sondern Taufen von Menschen, die selbst darum gebeten haben. Das geschieht nicht, wie bei einigen evangelikalen Gruppen nach dem Motto „Erst die Seife, dann die Heilige Schrift”. Das geschieht vielmehr durch die Anwesenheit der katholischen Gemeinden, durch die Anwesenheit der Katholiken in der Gesellschaft, ganz besonders etwa im Schul- wesen, aber auch durch Begegnungen in anderen Bereichen. Da sind auch muslimische Javaner darunter. Es gibt ja in Indonesien die Freiheit, die Religion zu wechseln. Wie sieht denn der religiöse Alltag für Christen in Indonesien aus? Was hat es denn mit der im Westen als „Anti-Missions-Gesetz” bekannten Bestimmung auf sich? Das war überhaupt kein Gesetz, sondern eine allgemeine Verordnung für den Bau von religiösen Gebäuden. Da mussten bestimmte Bedingungen erfüllt werden, die ziemlich schwer waren. Das wurde in Gebieten, in denen die Christen nur eine kleine Minderheit sind, oft sehr restriktiv ausgelegt. Es war so, dass man jahrelang warten musste, bis man eine Kirche bauen konnte. Das ist vor zwei Jahren geändert worden! Es gibt seither eine neue Verordnung, die den Bau von Kirchen und Moscheen regelt. Es soll jetzt einfacher sein, eine Erlaubnis zu bekommen. Ob das in der Praxis auch gilt, muss sich erst zeigen. Bislang war die Verordnung einer der Hauptpunkte der Kritik an Indonesien. Es kommt auch immer wieder zu Angriffen auf Kirchen, die ohne Erlaubnis gebaut worden sind. Geschehen solche Übergriffe in den bekannten Konfliktgebieten wie Molukken und Zentralsulawesi, die in den westlichen Schlagzeilen vorkommen? Nein, die nicht. Es sind die vorwiegend muslimischen Gebiete wie Java, Sumatra, Lombok. In den von Ihnen erwähnten Konfliktgebieten sind die Chriten und die Muslime jeweils gleich stark. Die Situation ist dort doch sehr verschieden von der an den Orten, wo die Christen eine kleine Minderheit sind. Wo liegen denn die Ursachen der interreligiösen Konflikte, die hierzulande in den Nachrichten vorkommen, wie etwa in Poso, Zentralsulawesi, oder auf den Molukken? Heizen islamische Fanatiker die Situation auf? Sowohl auf den Molukken als auch in Zentralsulawesi waren zunächst überhaupt keine Extremisten dabei. Das waren Spannungen zwischen einzelnen Wohngebieten, die für Indonesien typisch sind. Wir hatten solche Konflikte auch in Jakarta immer wieder zwischen sogenannten Kampungs, also Wohnge- bieten. Da diese aber nicht religiös identifiziert waren, kam es zu einigen begrenzten Auseinanderset- zungen mit zwei, drei Toten und einigen abgebrannten Häusern. Wenn da aber die Religion hineinspielt, da müssen noch nicht einmal Fanatiker dabei sein, kann das leicht weiter brennen. Was waren denn die Auslöser für die Spannungen in den Molukken und in Zentralsulawesi? Einer der Hintergründe der Konflikte war der Zuzug von Muslimen in den neunziger Jahren, durch die die ursprünglich protestantische Mehrheiten zu einer Minderheit geworden waren. Es bedurfte da nur noch eines Zündholzes, in beiden Fällen eines kleinen Zwischenfalls im alltäglichen Straßenleben, um die Menschen gegeneinander aufzubringen. Erst später sind islamische Extremisten nachgerückt. Das hat alles nur noch viel schwieriger und blutiger gemacht. Die indonesischen Verfassungsprinzipien sichern ja Nichtmuslimen in dem bevölkerungsreichsten Land der Erde relativ viel Religionsfreiheit zu, bis auf die genannten Einschränkungen. Wie zeigt sich aber der Islam in Indonesien jenseits von Verordnungen und jenseits lokaler Konflikte im Alltag? Obwohl es immer wieder, seit den fünfziger Jahren bereits, gewalttätige muslimische Extremisten gegeben hat, ist der Islam in Indonesien moderat und tolerant geblieben. Muslime der Hauptströmung sind allerdings wegen der zunehmenden politischen Bedeutung fundamentalistischer Salafisten besorgt, die zwar gewaltfrei sind, aber eine Gesellschaft wie zu Zeiten Mohammeds anstreben. Wie sieht es denn mit interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen aus? In den letzten elf, zwölf Jahren, während denen es örtliche Konflikte gab, hat sich dieser Dialog zwischen den Kirchen, gerade der katholischen Kirche und den großen islamischen Organisationen enorm verbessert. Wir hatten noch nie so herzliche, vertrauensvolle Beziehungen zu der traditionalistischen der beiden Organisationen unterhalten, wie wir sie jetzt haben. Die Kontakte zu den islamischen Vereini- gungen haben wesentlich dazu beigetragen, dass es während der ganzen Zeit der Bürgerkriege, außerhalb der Krisengebieten in den mehrheitlich islamischen Gebieten, zu keinem einzigen Racheakt an Christen kam. DT0711
Indonesien
Mehrere hundert Menschen haben in Jakarta für die Religionsfreiheit demonstriert. Sie forderten ein härteres Vorgehen der Regierung gegen muslimische Extremisten und einen besseren Schutz für die Angehörigen religiöser Minderheiten. Der Protest fällt in eine Zeit, in der in Indonesien immer häufiger Kirchen oder christliche Gottesdienste angegriffen werden. Die Gewalttaten bedeuten einen Kratzer für das Image Indonesiens, das traditionell als allen Religionen gegenüber tolerant gilt, gleichzeitig aber die größte islamische Gemeinschaft der Welt beherbergt. Etwa 85 Prozent der Indonesier sind Moslems. Die etwa 500 Demonstranten in Jakarta skandierten: „Freiheit des Kultes, Freiheit für alle Religionen“; viele von ihnen trugen indonesische Fahnen mit sich. Die meisten Angriffe auf Christen geschehen in den letzten Monaten in der Peripherie der Hauptstadt, an Orten wie Bekasi, Bogor oder Tangerang. Dort werden extremistische islamische Gruppen immer stärker: Sie fordern u.a. die Einführung der Scharia. RV100815reuter
Malaysia: „Stimmung verschlechtert sich“
Die jüngsten Anschläge auf christliche Kirchen in Malaysia und auf den Philippinen trüben das Bild des sonst friedlichen Zusammenlebens von Christen und Muslimen in Südostasien. Die Stimmung zwischen den beiden Religionsgruppen habe sich in Malaysia in der letzten Zeit verschlechtert, meint der Steyler- Missioar Pater Georg Kirchberger im Interview mit dem Kölner Domradio. Hintergrund der Anschläge auf christliche Kirchen in Malaysia ist wahrscheinlich der Streit um die Begriffsverwendung „Allah“ durch Christen. Ein Gericht in Kuala Lumpur hatte den Christen vor kurzem erlaubt, das Wort „Allah“ für Gott zu verwenden. Pater Kirchberger: „Im Grunde ist Allah das arabische Wort für Gott. Und auch in Indonesien gebrauchen wir in der Nationalsprache Allah für Gott. Nun gibt es aber ein paar muslimische Gruppen, die sagen: Allah ist das Wort für Gott im Koran, das ist der Name für den muslimischen Gott - und die anderen dürfen ihn nicht gebrauchen. Es haben sich größere militante Gruppen gebildet, wie man ja an manchen Bomben- anschlägen sehen kann. Die Stimmung hat sich verschlechtert, und es ist emotionaler geprägt. Auch in Indonesien sind wiederholt Kirchen angezündet worden, und der Bau von Kirchen wird sehr erschwert.“ Nach Ansicht des in Indonesien lebenden Paters Kirchberger könnten sich die Konflikte nun auch auf andere Länder in der Region ausweiten. „Die Beziehung zwischen Muslimen und Christen in Indonesien ist recht gut, aber es haben sich in letzter Zeit größere Spannungen aufgebaut. Und da passiert es dann leicht, wenn irgendwo so ein Konflikt hochkommt, dass die Menschen denken, es müsse bei ihnen auch wichtig sein. Vor allen Dingen: Indonesien ist das Land mit den meisten Muslimen, über 200 Millionen Muslime leben hier. Und die stehen immer ein bisschen unter dem Druck der muslimischen Welt, besser aufpassen zu müssen, dass der Islam hochgehalten wird. Da können solche Konflikte sehr leicht überschwappen.“ rv100112

Papst Benedikt XVI und der Großmufti in der Blauen Moschee
Am Fest des Heiligen Andreas besuchte Papst Benedikt XVI. die Blaue Moschee in Istanbul. Er trug das Kreuz von Jesus sichtbar auf seiner Brust. In der Moschee betete er neben dem Groß-Mufti, der die Anfangsworte des Korans zitierte. Das türkische Fernsehen übertrug dieses Ereignis live und berichtete atemlos: “Wir sind zutiefst berührt … märchenhaft … fantastisch … beide beten zusammen … Papst und Mufti beten zusammen … das ist historisch ...” riefen sie begeistert aus. Sie bemerkten auch, dass der Papst seine Schuhe ausgezogen hatte, wie es alle tun, weil es in einer Moschee von allen erwartet wird. Kardinal Roger Etchegeray sieht in dem Besuch Benedikts in der Blauen Moschee in Istanbul ein bedeutendes Zeichen, das mit dem Gebet von Papst Johannes Paul II an der Tempelmauer zu Jerusalem vergleichbar ist. Den Augenblick, wie der Papst in der Moschee zu einem stillen Gebet die Lippen bewegte, wurde von den TV-Kameras in Nahaufnahme eingefangen und per Satellit weltweit direkt verbreitet. Hat Benedikt in der Blauen Moschee gebetet, oder einfach meditiert? War das möglich? Diese Fragen wurden schon bald dem Vatikan-Sprecher Frederico Lombardi SJ gestellt. Zunächst zögert der Jesuitenpater und meint: “der Papst verweilte in der Meditation, und gewiss gingen seine Gedanken zu Gott.” Dann erklärte Pater Lombardi, man könne hierbei von einem ganz persönlichen Gebet ausgehen, ohne alle äußeren Zeichen eines christlichen Gebetes, wie etwa das Kreuzzeichen. Auf diese Weise macht der Papst deutlich, was über alle Trennung Muslime und Christen eint. “In diesem Sinn war es ein persönliches, inniges Gebet zu Gott, in einer Moschee, wo viele Menschen um ihn herum sich einer spirituellen Sammlung hingaben.” Daraus ergibt sich, dass der Papst – wie jeder Christ – kann überall zu Gott beten, nicht nur in einer Kirche, auch unter freiem Himmel, auch in einer Gefängniszelle, auch in einem nichtchristlichen Gebetsraum wie einer Moschee. Zurückgekehrt nach Rom erklärte Benedikt sein Gebet in der Moschee – nach Mekka gewandt -: er hätte gebetet, dass Gott allen Gläubigen helfen möge, einander als Schwestern und Brüder zu er- kennen. Als der Papst in der Generalaudienz im Vatikan auf seine Türkeireise zurückblickte sagte er: "Die göttliche Vorsehung erlaubte mir eine Geste, die nicht geplant war, die sich aber schließlich als sehr bedeutsam erwies.” Wörtlich fügte er hinzu: “Während ich für einige Minuten am Ort des Ge- betes in stiller Sammlung verharrte, wandte ich mich an den Herrn des Himmels und der Erde, den barmherzigen Vater der Menschheit”. Muslime glauben nicht, dass Jesus Gott ist; aber der Islam gehört wie das Judentum zu den drei monotheistischen Religionen. Benedikt und der Groß-Mufti beteten zu demselben einen wahren Gott. Dies war eine große Geste gegenüber dem Islam, aber nicht die erste eines römischen Papstes. Von seinem Vorgänger Johannes Paul II. ist noch ein Foto in Erinnerung, wie er einen Koran küsst, der ihm gereicht wurde. Auch besuchte dieser Papst als erster in der Geschichte eine Moschee. Am 6. Mai 2001 betrat er die Ommajaden-Moschee in Damaskus in Syrien – die viertheiligste Stätte im Islam nach Mekka, Medina und dem Felsendom und El Aksa Moschee in Jerusalem. Die Moschee in Damaskus war in der byzantinischen Zeit einst eine Kathedrale. Johannes Paul II. wollte dort in einer Kapelle innerhalb der Moschee beten, wo nach der Überlieferung Johannes der Täufer bestattet ist. Dieser Besuch war ein Meilenstein in den christlich-moslemischen Beziehungen und ist ein Zeichen für einen tragfähigen Dialog zwischen zwei monotheistischen Glaubensgemeinschaften. Der gebrechliche 81jährige Papst betrat das Heiligtum barfuß und verweilte dort in stillem Gebet und Meditation. Er machte nicht das Kreuzzeichen und auch kein anderes Zeichen wie sie in christlichen Gebeten sonst benutzt werden. Doch dieser Besuch war geplant. Der Groß-Mufti Hamad Kiftaro erwartete, der Papst würde außerhalb der Kapelle mit ihm beten. Dies wäre jedoch ein Gebet auf moslemische Weise gewesen und hätte Irritationen ausgelöst, als ob der Nachfolger des heiligen Petrus den Islam als den einzig wahren Glauben betrachten würde. Deshalb wurde damals nach mehreren Gesprächen mit Hilfe der vatikanischen Diplomatie Überein- stimmung erzielt, dass Johannes Paul II. schweigend und allein in der Kultstätte betete. Das Treffen mit dem Groß-Mufti und die üblichen Reden fanden auf dem Gelände der Moschee im großen Innenhof statt. Der Türkeibesuch von Papst Benedikt wäre ein außerordentlicher Erfolg, wenn er dazu führen würde, Brücken zur islamischen Welt zu bauen – nach der Regensburger Vorlesung. Einen großen Anteil daran hat die Persönlichkeit und das immense theologische Wissen des Papstes. Aber auch der oft im Hintergrund arbeitende diplomatische Dienst des Vatikans hat sich verdient gemacht, nicht zuletzt Erzbischof Mamberti, der vatikanischen “Außenminister” der viel reisen musste, damit diese Reise zum Erfolg wurde. Und natürlich gebührt Johannes Paul II. und seinen Mitarbeitern Dank für die bahn- brechenden ersten Schritte. TimConroyCT061224
Gelehrten-Treffen in Mekka
Mit einer Erklärung, in der Selbstmordattentate und Anschläge auf Muslime zur Sünde erklärt werden, wollen Islamgelehrte das Blutvergießen im Jrak stoppen. Seit Donnerstag diskutieren in der saudi- arabischen Pilgerstadt Mekka sunnitische und schiitische Religionsgelehrte aus dem Irak über einen entsprechenden Erklärungsentwurf der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC).Er gehe davon aus, dass die Religionsführer den Text akzeptieren und verabschieden werden, sagte OIC- Generalsekretär Ekmeleddin Ihsanoglu. Die OIC, der 57 Staaten angehören, bekräftigte, es handle sich um eine religiöse Initiative und nicht um einen politischen Vermittlungsversuch. Das Dokument wird von Schiitenführer Ali al Sistani, dem militanten Schiitenführer Muqtada al Sadr und dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al Maliki unterstützt. dpaFAZ061021
Ayatolla Muhammad Ali Taskhiri
Interview mit dem schiitischen Ayatolla Muhammad Ali Taskhiri. Der „goldene Mittelweg” zum Dialog
“Der iranische Ayatollah Muhammad Ali Taskhiri ist einer der großen spirituellen Führer der schiitischen Weltgemeinschaft.” So stellt Islamica Magazine, die Zeitschrift, die den offenen Brief 38 von 38 führenden muslimischer Gelehrten an den Papst veröffentlichte, ihren Lesern Ali Taskhiri vor. Einen der bedeutendsten Unterzeichner jenes Dokuments, das eine eingehende, detaillierte Antwort auf die Ansprache Benedikts XVI. an der Universität Regensburg sein wollte.

Es ist zweifellos tröstlich, dass nach dem Krieg im Libanon gerade Taskhiri bei einem wichtigen Gipfel hoher muslimischer schiitischer Führer in Beirut den Vorsitz führte. Ein kurzer Blick auf seinen Lebens- lauf erklärt, warum: Ayatollah Taskhiri, jahrelanger Vorstand der einflussreichen Organisation "Islamic Culture and Communication" - einer schiitischen Missionsorganisation mit der Aufgabe, diese Religion in der ganzen Welt bekannt zu machen - , ist heute Vorsitzender eines “Weltforums”, das darum bemüht ist, die verschiedenen Schulen der islamischen Lehre auf der ganzen Welt einander anzunähern. Möglich ist ihm das dank seines allgemein anerkannten theologischen Wissens. Als Generalsekretär forderte er - anlässlich der 17. Generalversammlung islamischer Rechtsgelehrter - mehr als hundert, nach Amman gekommene islamische Rechtsdozenten „zum Dialog unter den Religionen und Zivilisationen, gegen Extre- mismus und Verbitterung auf.” In Moskau vertrat Taskhiri den schiitischen Islam beim „Spitzengespräch der Religionsführer Rußlands”. Und auch in Rodi sprach er im Namen des Islam auf der Weltkonferenz „Dialog der Zivilisation.” Diese vor vier Jahren von Wladimir Yakunin - heute Chef des Eisenbahnnetzes der Russischen Föderation - gegründete Einrichtung will einen Dialog zwischen Religionen vorantreiben. Nach der Ansprache des Oberrabbiners von Rußland, Rabbi Berel Lazar, der Taskhiri aufmerksam zugehört hatte - unter den Rednern war auch der russisch-orthodoxe Metropolit Wladimir -, hielt er seinen Vortrag ohne Manuskript. Erst als er das Thema "Gerechtigkeit” ansprach, das ihm besonders am Herzen liegt und dem er zahlreiche Publikationen gewidmet hat, konnte er eine gewisse Erregung nicht verbergen. Tashkiri zeigte sich fröhlich, als einen betagten geistlichen Führer mit großer Menschlichkeit und Weisheit - weit entfernt von dem Stereotyp der „politisch-religiösen Sprecher” aus Nahost, die von den Medien in diesen Tagen oft verbreitet werden.
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Foto oben links: muslimische Frauen zünden an Weihnachten in der St.Gregor-Kirche in Teheran Kerzen an. Foto oben rechts: Benedikt XVI. bei der Audienz für die im Vatikan akkreditieren Botschafter muslimischer Länder.
Interview von Pierluca Azzaro mit dem schiitischen Ayatolla Muhammad Ali Taskhiri
Ayatollah Taskhiri, in Ihrer Ansprache bei der Eröffnungskonferenz des Treffens von Rodi haben Sie die berühmte Passage des Regensburger Papst-Vortrags angesprochen. Können Sie Ihre Ausführungen kurz zusammenfassen? MUHAMMAD ALI TASKHIRI: Ich habe lediglich gesagt, dass Benedikt XVI. diese Passage kurz, außer- halb des vorbereiteten Textes hätte kommentieren sollen. So wie er es beim Angelusgebet in Castel Gandolfo getan hat. Die Muslime haben nicht sofort verstanden, dass die Meinung des Kaisers nicht die Meinung des Papstes war. Wenn man meint, dass die Worte des byzantinischen Kaisers besagen, dass der Islam einzig und allein Krieg und Gewalt ist, dann ist das keine wahre Darstellung des Islam und seiner Sendung. Und genau diese Interpretation des Islam, dieses Stereotyp, hat die Muslime verletzt. Darüber hinaus bekräftigt Manuel II. Paläologos, dass der Islam nichts mit Wissen und Vernunft zu tun hat, und das stimmt nicht. Der Islam ist durchdrungen von Wissen und Vernunft. Wie bereits gesagt, hat der Papst die Passage dann aber kommentiert und klargestellt, dass sie nicht seinem Denken entspricht. Sie sprechen davon, dass für den Dialog ein „goldener Mittelweg” eingeschlagen werden müsse. Können Sie das näher erklären? TASKHIRI: Es gibt einige Dinge, die den Menschen vom Tier unterscheiden: das Denken, die Kon- versation, die Vernunft, das Treffen von Entscheidungen aufgrund der Vernunft, den Dialog. Dann noch die Akzeptanz gewisser ethischer Prinzipien: Gerechtigkeit, Moral, Mitleid. In sehr pragmatischer Weise würde ich sagen, dass der Weg, der für ein friedliches und harmonisches Zusammenleben unter den Menschen eingeschlagen werden muss bedeutet, diese Prinzipien auch umzusetzen, und mit ihnen das Motto: „Leben und leben lassen.” Das ist der rechte, der wahre Weg, dem man folgen muss. Aber es gibt auch einen Weg der Falschheit, des Extremismus, des Konflikts, der Gewalt. Ich nenne Ihnen einige Beispiele: Nazismus, Faschismus, Apartheit sind Abweichungen vom Weg der Gerechtigkeit. Auch der Zionismus ist ein Abkommen vom Weg der Gerechtigkeit. Was verstehen Sie unter Gerechtigkeit? In Rodi haben Sie dieses Thema deutlich angesprochen... TASKHIRI: Die Gerechtigkeit muss beständig sein. Alles, was Gerechtigkeit und Menschenwürde nicht respektiert, muss abgelehnt werden, weil es im Gegensatz zu den authentischen menschlichen Werten steht. Friede, Wahrheit, Ehrlichkeit, sich mit aller Kraft für die rechte Sache einsetzen, den Leidenden und Bedürftigen helfen. All das sind Beispiele für Gerechtigkeit und Gerechtigkeitsliebe. Wenn man gegen die Gerechtigkeit arbeitet, leidet die Welt und wird noch mehr leiden. Aber die Gerechtigkeit hat zwei Aspekte. Der erste betrifft das, was unser Gewissen ablehnt; das, was bewirkt, dass wir uns schuldig fühlen, wenn wir Böses tun: Frauen, Kinder und Wehrlose zu ermorden ist etwas Böses. Frauen und Kindern zu helfen ist recht; es ist recht, den Schwachen zu helfen. Es ist recht, die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen: Nahrung und Wasser zu beschaffen, die Gaben Gottes sind; eine Wohnung, Freiheit. Wenn man diese Bedürfnisse nicht erfüllt, ist man un- gerecht. Der zweite Aspekt der Gerechtigkeit betrifft Ereignisse unseres Lebens oder allgemeine Vorfälle, die wir einfach nicht als gerecht empfinden können. Hier müssen wir uns an Gott wenden, ihm zurufen, der die Quelle der Gerechtigkeit ist, und ihn bitten, uns verstehen zu helfen, warum der ein oder andere Vorfall recht ist. Sie sprechen oft auch von einem goldenen Mittelweg zwischen uferlosem Kapitalismus und Sozialismus. Was meinen Sie damit? TASKHIRI: Ich bin Muslim, und laut meiner Religion gibt es zweifelsohne die unternehmerische Freiheit, die Freiheit, Geschäfte zu machen. Gleichzeitig gibt es aber auch die Notwendigkeit, die menschlichen Grundbedürfnisse der Person zu befriedigen, wie beispielsweise Wohnung und Arbeit. Der Sozialismus, den wir kennengelernt haben, wollte allen diese Güter sichern, leugnete aber die Freiheit. Der Islam versucht, die unternehmerische Freiheit zu geben, will aber auch die Grundbedürfnisse der Person befriedigen. Ich bin sicher, dass alle monotheistischen Religionen in diesem Sinne präzise Empfehlungen zu machen haben. Und doch erscheint das Bild, wenn wir an die heutige Situation denken, sehr verdunkelt. In Regens- burg sprach der Papst von einem reichen, technisch fortschrittlichen Westen, der aber „von einer Art von Vernünftigkeit, die Gott total aus dem Blickfeld des Menschen ausgrenzt” durchdrungen ist. Er sagte auch, dass gerade dieser Aspekt die Völker Asiens erschreckt: teilen Sie diese Ansicht? TASKHIRI: Unbedingt. In unserer Zeit des Konsumdenkens und des uferlosen Kapitalismus sind viele Menschen so sehr in sich selbst verliebt, dass sie Gott ablehnen und geringschätzen. Das ist die Tra- gödie unserer Zeit. Eine letzte Frage, Exzellenz: wie sehen Sie die Zukunft; was erwarten Sie sich von der Zukunft? TASKHIRI: Ich bin Muslim, komme aus dem Iran und lese jeden Tag im Koran. Der Koran ist ein Buch der Inspiration und Hoffnung für die Zukunft. Ich glaube, dass Imam Mahdi und Jesus von Nazaret eines Tages auf diese Welt kommen und Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit verbreiten werden. Und genau aus diesem Grund blicke ich zuversichtlich in die Zukunft. PierlucaAzzaro30Giorno070610
Saudi-Arabien
Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte konnte jetzt ein katholischer Professor im Mutterland des Islam offiziell lehren. Der US-Professor Leonard Swidler von der „Temple University“ in Philadelphia folgte einer Einladung der Islamischen Universität in der Hauptstadt Riad. Dort hielt er etwa vierzig arabischen Wissenschaftlern eine Vortragsreihe über Themen des interreligiösen Gesprächs. Etwa ein Viertel der Zuhörenden waren Frauen. Ein Dozent der Islamischen Universität erklärte: „Vielleicht ist das nicht welt- bewegend, aber für Saudi-Arabien ist das doch ein wichtiger Wandel.“ Vierzehn Dozenten der Riader Universität hatten zuvor ein einwöchiges Seminar am von Swidler gegründeten Dialog-Institut der „Temple University“ in Philadelphia besucht. – König Abdullah von Saudi-Arabien hat nach seinem Ge- spräch mit dem Papst im Jahr 2007 an der Islamischen Universität von Riad ein Institut für den Dialog der Kulturen eingerichtet. or100814
Henri Boulad SJ, Kairo 
Ausgangspunkt für offeneren Dialog. Der Rektor des Jesuitenkollegs in Kairo bezeichnet die Papst-Vorlesung in Regensburg als „Glücksfall”
Der ägyptische Jesuit P. Henri Boulad hat die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. als „Glücks- fall” bezeichnet. Die Worte des Papstes könnten „Ausgangspunkt für einen offeneren Dialog” zwischen Christentum und Islam sein, so Boulad laut der französischen katholischen Tageszeitung „La Croix”. Der Rektor des Jesuitenkollegs in Kairo betonte, es sei Zeit, dass „Klarheit an die Stelle der altbekannten Unbestimmtheit” trete. Wenn auch die von Benedikt XVI. vorgenommene Auswahl eines islamkritischen Zitats Kaiser Manuels II. „unglücklich und bedauerlich” gewesen sei, so habe die gesamte Rede doch das Potenzial, einen „realistischeren Dialog” einzuleiten. Benedikt XVI. kenne die islamische Theologie „sehr gut”, sagte P. Boulad. Seine Kommentare zeigten, was den Islam vom Christentum unterscheide. Kritik übte Boulad am Islamismus, der in Ägypten immer stärker werde. Moderate oder reformistische Muslime würden marginalisiert. Der Islamismus sei ein „totalitäres Denken”, das auf ein „Einfrieren von Regierungsform, Gesellschaft und Gesetzen im Einklang mit der Scharia” ziele. Als Symptom für diesen Totalitarismus bezeichnete Boulad den Schleier. Die Mädchen, denen er aufgezwungen werde, würden „jünger und jünger”. Damit einher gehe „die Radikalisierung der Köpfe”. Wenn erklärt werde, der Islam sei eine „Religion der Toleranz”, dann warte er auf den Beweis, sagte der ägyptische Jesuit. Praktisch gebe es in allen Ländern mit muslimischer Mehrheit einen Mangel an Religionsfreiheit. Boulad nannte Ägypten als Beispiel. Ein Muslim könne hier unmöglich offen zum Christentum konvertieren. Wenn er es tue, dann nur im Geheimen oder im Exil: „Im Gegenzug wird aber ein christlicher Mann, der eine Muslimin heiratet, zur Konversion genötigt”. Der Papst wisse das, betonte der Jesuit: „Er hat ein sehr klares Bild. Er hat keine Illusion über die fehlende religiöse Reziprozität.” DTkap061005
ORF/Ö1, Sendung “Logos” Gestaltung: Johannes Kaup
Der ägyptische Mystiker Henri Boulad zu Gast im Radiokulturhaus Wien: Der Islam zwischen Fundamentalismus, Mystik und Moderne
Der 1931 geborene Jesuit Henri Boulad steht in seiner Heimat Ägypten mit muslimischen Gelehrten in einem kritischen Dialog. Boulad kritisiert die christlichen Fundamentalisten mit ihrem manichäischen Dualismus ebenso wie die gewaltbereiten Fundamentalisten auf Seiten des Islams. Für ihn gibt es nur dann eine friedliche Zukunft der Religionen, wenn sie ihre mystische Tiefendimension erschließen. “Der Islam zwischen Fundamentalismus, Mystik und Moderne” - zu diesem weltpolitisch höchst brisanten Thema war Boulad im Radiokulturhaus in Wien zu Gast, in einer Veranstaltung der ORF-Abteilung Religion im Hörfunk, in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk Wien und der Buchhandlung Herder. Zusammenfassung von “Logos”
Boulad: Es ist schwierig für einen Christen, objektiv über den Islam zu sprechen. Ich bemühe mich aber grundsätzlich, für den Islam Sympathie zu zeigen, obwohl ich ihm gegenüber oft gemischte, ambi- valente Gefühle habe, und sage gleich, warum das so ist. Meine Familie ist syrischen Ursprungs. Im Jahre 1860 wurden große Teile der Familie bei einem türkischen Massaker ausgerottet. Zehntausende Christen wurden damals in Syrien getötet, und ich trage diese Wunde einer Gruppe, die verfolgt worden ist, in mir. Gleichzeitig ist aber die Tatsache, dass ich heute lebe und dass mein Großvater überlebte gemeinsam mit Tausenden weiteren Christen, das Verdienst von Emir Abdel Kader, der ein Muslim war. Ihm ist es zu verdanken, dass meine Familie verschont wurde und ich jetzt am Leben bin. Ich habe also eine ambivalente Haltung, die sich durch mein ganzes Leben durchgezogen hat. Abado: ich bin der Sohn des Südens. Mein Name ist Geduld. Auf meiner Stirn zeichnet sich ein Traum, auf meinen Lippen liegen Tau und Blumen. J.K.: Ein Sohn des Südens aus der umkämpften Region Israel-Palästina ist der in Wien lebende Musiker Marwan Abado. Auf seiner Oud, einer arabischen Form der Laute, und mit seiner Stimme hat Marwan Abado im Radiokulturhaus Wien einen spannenden Vortragsabend mit einem anderen Sohn des Südens eingeleitet, dem ägyptischen Mystiker und Jesuiten Henri Boulad. Derzeit macht keine Religion so viele Schlagzeilen wie der Islam. Erst wenige Tage vor dem Vortrag ist in Graz eine hochkarätige Konferenz der muslimischen Imame in Europa zu Ende gegangen. Auf dieser haben die Imame, die immerhin bereits 10 Prozent der europäischen Gesamtbevölkerung vertreten, jeglichem Fanatismus, Extremismus und Fatalismus eine klare Absage erteilt. So wichtig diese Aussagen sind: In der medialen Wahrnehmung werden voraussichtlich weiterhin die muslimischen Fundamentalisten den Ton angeben, die religiöse Überzeugung auch mit Gewalt durch- setzen wollen. Womit hat das zu tun? Liegen die Gründe im Islam selbst? Sind Islam und moderne, freie und pluralistische Gesellschaften überhaupt miteinander vereinbar?
Henri Boulad SJ, Kairo
Der Islam befindet sich weltweit gesehen in einer tiefgreifenden Orientierungskrise. Henri Boulad kennt den Islam in seinen positiven wie auch in seinen negativen Erscheinungsformen aus erster Hand. Geboren wurde er in Alexandria.Der Religion nach ist er griechisch-katholischer Christ. Er ließ sich in Frankreich und in den USA in Theologie, Philosophie und Psychologe ausbilden und wurde Jesuit. Zwölf Jahre lang war er Präsident der Caritas für Afrika und Arabien. Henri Boulad ist also prädestiniert dazu, zu diesem auch weltpolitisch brisanten Thema zu sprechen. Boulad: Das Christentum und der Islam liegen seit vielen Jahrhunderten miteinander im Streit, und dieser Streit ist keineswegs zu Ende. Ein sehr wesentlicher Grund liegt darin, dass beide Religionen einen universalen Geltungsanspruch haben. Jede der beiden Religionen will in gutem Glauben ihren eigenen Glauben verbreiten, und zwar auf der ganzen Welt. Da ist es unvermeidlich, dass die Religionen aufeinander prallen. Das war immer so im Laufe der Geschichte. Rufen wir uns einige der wichtigsten geschichtlichen Fakten in Erinnerung: Die arabische Eroberung ab 640, wo ganz Nordafrika, das vorher christlich geworden war, wieder unter arabische Herrschaft gelangte und den Islam annahm. Dann die Schlacht von Poitiers 732, wo der Islam aufgehalten wurde, weiter nach Europa vorzudringen. Dann die Kreuzzüge, als Europa versuchte, das Heilige Land zu erobern, im 11. und 12. Jahrhundert. Dann die Schlacht von Lepanto 1571, bei der die türkische Flotte vernichtet wurde. Schließlich Wien, wo die Türken im Jahr 1683 endgültig aufgehalten worden sind. Das sind nur einige der wichtigsten Daten, die diese beiden Welten voneinander abgrenzen: Europa, das unter Anführungszeichen “christlich” ist, und die muslimische Welt. J.K.: Ist der Islam tolerant oder intolerant? - Diese Frage wird sehr oft gestellt. Eine Antwort da- rauf kann nach Ansicht Boulads nur gefunden werden, wenn man den Islam in seiner historischen Mani- festation beurteilt. Historisch gesehen - denkt man beispielsweise an die Kreuzzüge im Mittelalter oder die Reconquista in Spanien, wo Juden und Muslime massenweise ermordet und vertrieben wurden - sei das Christentum, insbesondere der Katholizismus, wesentlich intoleranter gewesen als der Islam, sagt Henri Boulad. Das hat sich allerdings heute geändert. Boulad beginnt seine historische Analyse nicht mit Fundamentalismus,sondern mit Mystik. Boulad: Die muslimische Mystik, der Sufismus, ist etwas ganz Wunderbares. Es ist ein Gipfel an Spiritualität, und meiner Ansicht nach ist die islamische Mystik wesentlich systematischer und aus- gefeilter als die christliche Mystik. Man kann sie wirklich als die Blüte der Mystik bezeichnen. Es geht darum, dass der Mensch die Erfahrung Gottes macht in einem Dialog der Liebe, und Christen und Muslime treffen hier miteinander zusammen. Das ist eine bevorzugte Dialogmöglichkeit. Es gibt beim Sufismus nur ein Problem: dass der Islam ihn offiziell ablehnt und ihn als Häresie be- trachtet. Das vergessen viele Europäer, die den Sufismus lieben. Alle Mystiker sind von den jeweiligen religiösen und politischen Machthabern mit dem Bannfluch belegt, abgelehnt, verfolgt oder sogar umgebracht worden. Und die Frage stellt sich, ob der Sufismus für den Islam repräsentativ ist - ich kann darauf keine Antwort geben. Die muslimischen Mystiker stellen nämlich die Wahrheit dem Gesetz gegenüber, die Wahrheit des Herzens, das Gott spürt - dem Gesetz der Scharia, das den Menschen von außen aufgezwungen worden ist, so wie es für jede Institution typisch ist. Es gibt im Koran nur einen einzigen Text - und das ist etwas ganz Erstaunliches -, wo die Nähe Gottes zum Menschen ausgedrückt wird. Dort heißt es sinngemäß: “Ich bin dir näher als deine Halsschlagader”.
J.K.: Der zweite Schwerpunkt der Ausführungen Henri Boulads dreht sich um das Spannungsfeld zwischen Islam und Modernität. Die Moderne ist ein Phänomen des christlichen Abendlands, ein Phänomen, das in Europa im 15. Jahrhundert seinen Anfang genommen und von da an weitergewirkt hat, über die Renaissance, die Reformation und die Revolution. Auf die Französische Revolution folgte die Aufklärung. Nicht mehr die Kirche und der Papst, sondern der Mensch ist zum letzten Referenzpunkt geworden für die Wirklichkeit. Er wird zum Maß aller Dinge. Er ist die Instanz, die mit der kritischen Vernunft und mit seiner Erfahrung die Dinge erkennen kann. In dieser Moderne fühlt sich die Kirche in ihrer Existenz und ihrem Wesen bedroht, sie tritt dagegen auf und verkrampft sich dabei. Bis weit in das 20. Jahrhundert dauert es, bis die Kirche die Ablehnung der Moderne schrittweise zurücknimmt. Im Zweiten Vatikanischen Konzil manifestiert sich diese historisch entscheidende Wende. Diese Moderne ist mittlerweile nicht mehr auf die westliche Welt beschränkt, sondern wurde zu einem universellen Phänomen. Weder im Lebensstil, noch in der Denkweise, noch in der Mentalität gibt es heute hinter die Moderne ein Zurück. Das ist die gewaltige Herausforderung für den Islam, sagt Henri Boulad. Boulad: Die ersten Jahrhunderte des Islam sind charakterisiert von einer Haltung der Offenheit gegenüber allem Neuen. Das führte zu den großen islamischen Zivilisationen in Damaskus, in Bagdad, in Ägypten, in Córdoba und Andalusien. Das waren Gipfelpunkte islamischer Zivilisation, Höhepunkte in allen Bereichen von Wissenschaft, Kunst und Kultur ganz außergewöhnlich. Wenn der Islam heute mit großem Stolz auf diese ruhmreiche Zeit zurückblickt, dann sollte er sich gleichzeitig die Frage stellen: Ist eine Erneuerung des Islam möglich? Gelingt das, indem man sich abschottet nach außen, oder besteht die Herausforderung nicht eher in einer Öffnung und einem Dialog? J.K.: Wenn man die Moderne als eine Öffnung gegenüber der Vernunft bezeichnen kann, dann muss man festhalten, dass es schon in den ersten Jahrhunderten des Islam auch Rationalisten gab. In Persien Avicenna und in Córdoba Averroes. Allerdings wurden diese von der orthodoxen islamischen Macht systematisch bekämpft, sagt Henri Boulad. Jahrhunderte des Rückschritts folgten. Anfang des 19. Jahr- hunderts kam es wieder zu Jahren des Aufschwungs. Es begann in Ägypten mit Mohamed AlÃ, der den Westen neu entdeckte. Viele Wissenschaftler aus England und Frankreich kamen nach Ägypten, und die eigenen Leute wurden zur Ausbildung nach Europa geschickt. Eine Zeit der kulturellen Begegnung zwischen Ägypten und Europa, erzählt Henri Boulad.Das dauerte bis 1952, bis zur Revolution von Nasser. Boulad: Dann kam es zu einem Gegenschlag. Denn die arabisch-muslimische Seite der Identität war fast verloren gegangen. Ab dann zeigte sich die Gegenbewegung. AfghanÃ, Mohammed Abdou, Rashid Redda - die versuchten den Islam zu modernisieren, haben dabei aber Schiffbruch erlitten. Ein wichtiges Datum in diesem Zusammenhang: 1924 hat Kemal Atatürk in der Türkei das Kalifat abgeschafft. Die Kalifen waren die Nachfolger des Propheten, die ab sofort als nicht mehr existent erklärt wurden. Es gab keine Kalifen mehr. Das ist vergleichbar damit, als ob man den Papst in Rom abschaffen würde. Das hat die Krise des Islam noch verstärkt - man fühlte, dass seine Führungs- spitze, der Kopf verloren gegangen war. Dazu kam dann noch die Okkupation Palästinas durch die Zionisten, die von der muslimischen Welt als tiefe Ungerechtigkeit empfunden wird.
J.K.: Im dritten Teil seines Vortrags widmet sich Henri Boulad dem Phänomen Fundamentalismus im Islam. Fundamentalismus ist für Boulad - egal ob islamistisch oder christlich - eine Sackgasse. Denn Fundamentalismus behauptet starr den alleinigen Besitz der Wahrheit und spricht sie zugleich den anderen ab. Er ist vor allem eine Reaktion auf eine tief verunsicherte Identität: Boulad: Der Fundamentalismus, mit dem wir heute über weite Strecken konfrontiert sind, ist größtenteils eine Reaktion, eine Abwehrhaltung und der Ausdruck der eigenen Identitätsvergewisserung, die sich als Reaktion auf die Ungerechtigkeit äußert. Nach den Ereignissen des 11. September 2001 habe ich in der Schweiz, in Frankreich und in Bel- gien eine Vortragsreihe gehalten, und ich habe dabei immer eine Geschichte erzählt: Stellen Sie sich vor, ich fahre mit dem Autobus und mein Nachbar steigt mir auf den Fuß. Ich sage zu ihm: “Entschuldigen Sie bitte, Sie stehen auf meinem Fuß.” Der andere sagt darauf: “Das tut mir Leid”, und bleibt weiter darauf stehen. Ich fordere ihn wieder auf von meinem Fuß herunterzusteigen, aber er bleibt ungerührt stehen. Nach vier-, fünf erfolglosen Aufforderungen schlage ich ihn mit der Faust ins Gesicht. Daraufhin schreien alle im Bus: “Achtung, ein Terrorist!” Denn sie haben den Faustschlag wahrgenommen, aber nicht, dass er die ganze Zeit auf meinem Fuß stand. Um das Phänomen des Terrorismus zu verstehen, muss man den Kontext mit einbeziehen. Es gibt auf Seiten der Araber eine riesengroße Frustration in Bezug auf Israel, die USA, den Westen insgesamt, aber auch sich selbst gegenüber. Denn die arabische Welt fühlt sich als minderwertig gegenüber einem Westen, der als Westen der Stärke und der Eroberung auftritt. Das schafft viele Ressentiments. Das ist ein sehr komplexes Phänomen, das nicht nur religiös oder politisch betrachtet werden darf. Es ist vor allem ein psychologisches Problem. Zunächst: Was ist Fundamentalismus überhaupt? Der Fundamentalismus ist eigentlich ein protes- tantisch-amerikanisches Konzept, das bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann. Es ist eng mit dem Textverständnis beziehungsweise der Buchstabentreue verbunden: dass man einen Text an sich als etwas an sich Unveränderbares, als etwas Heiliges, Unantastbares ansieht. Das führt zur Versteinerung von Religion. Das war auch beim Christentum in den letzten Jahrhunderten der Fall. Aber auch der Koran und seine zahlreichen Kommentare werden als sakrale Texte angesehen, die Gott dem Mohammed wirklich Wort für Wort und Buchstabe für Buchstabe so diktiert haben soll. Texte also, die seit mehr als zehn Jahrhunderten nicht mehr adaptiert beziehungsweise geändert wurden. J.K.: Für Henri Boulad stellt sich hier die Frage: Wie kann man mit einander in ein echtes Gespräch kommen, wenn dem Islam ein historisch-kritischer Umgang mit den eigenen Offenbarungstexten fehlt? Boulad: Im Arabischen gibt es das Wort “Isch-Dschihad”. “Isch-Dschihad” heißt so viel wie intellek- tueller Kampf und geistige Anstrengung. Im Islam war es so, dass der Koran und die Kommentatoren des Korans so sehr als etwas Sakrales angesehen wurden, dass den einzelnen Menschen das Recht zu denken abgesprochen wurde. Jeder Mensch, der etwas Eigenes gedacht hatte, wurde im Namen einer orthodoxen Anschauung verurteilt, die auf eine lange Tradition zurückblickt. Im 9. Jahrhundert der Begründer des Fundamentalismus war Ibn Hambal, der die Sekte der Ham- baliten gegründet hat. Dann fünf Jahrhunderte später sein Schüler Ibn Tajimija, der auch für die heutigen Fundamentalisten eine wichtige Referenzperson ist. Und ab dem 17. Jahrhundert entsteht in Saudiarabien der Wahabismus, der dort zur Gründung der theokratischen Gesellschaft führte, die die Scharia zur Grundlage hat. Im 20. Jahrhundert gibt es ein Wiedererwachen der Fundamentalisten im Islam: in Pakistan Maududi, in Indien Ekbal, im Iran tritt Khomenei auf, in Ägypten Hassan El Banna und sein radikaler Schüler Sayed Kot'b, auf den sich der Großteil der islamistischen Fundamentalisten heute beruft. Parallel mit dem Aufschwung der radikal-islamischen Bewegung entwickelten sich die politischen Bewegungen: Hamas, Hizbollah, Dschihad, die sich vor allem dem Krieg gegen Israel verschrieben haben. Aber diese verschiedenen Bewegungen sind eng miteinander verbunden und unterstützen sich gegen. seitig. Das Problem Israel ist der politische Faktor, der diesen Kampf am Leben erhält. Der Kampf richtet sich auch gegen die USA, insofern sie den Staat und die Politik Israels bedingungslos unterstützen. Wenn ich George W. Bush einen Rat geben könnte, wäre es dieser: Der direkte Kampf gegen die Ter- roristen selbst wird diese langfristig stärken. Wenn man den Terrorismus wirksam bekämpfen will, muss man die wahren Gründe dafür kennen und diese aus der Weit räumen, statt Menschen zu töten. J.K.: Der Islam stehe heute vor folgender Alternative: Entweder er lehnt die Moderne ab. Dann werden politische und kulturelle Konfrontationen ausbrechen, die enorm viel Blutvergießen nach sich ziehen. Oder dem Islam gelingt es, die Moderne einzubinden,aber wird er dann noch der Islam sein, fragt Henri Boulad? Und er versucht abschließend darauf Antworten zu geben, die er bewusst offen halten will. Boulad: Ich möchte nur zwei Sätze des alten Königs von Marokko, Hassan II., zitieren. Vor etwa fünf Jahren hat er im französischen Fernsehen TV5 Folgendes gesagt: “Franzosen, macht euch keine Illusionen. Unsere jungen Marokkaner werden sich niemals in eure französische Gesellschaft integrieren. Sie werden immer Fremde in eurem Land bleiben.” Und ein weiterer Satz: “Islam und Laizismus sind inkompatibel.” Das sind Aussagen, die daran zweifeln lassen, ob der Islam eines Tages einen modernen pluralistischen Staat akzeptiert. Eine weitere Überlegung in diesem Zusammenhang: Ein junger Franzose algerischer Herkunft wurde von der Polizei in Lyon verhört und nach seiner Identität gefragt: “Bist du ein Franzose oder ein Araber?” Er hat darauf geantwortet “Weder Franzose, noch Araber, sondern ein Muslim.” Die Frage ist hier schon, ob der Islam eine übergeordnete Identität vermittelt. Eine dritte Frage: Dazu eine Aussage Ayatollah Khomeinis, der gesagt hat: “Der Islam ist politisch oder er ist nicht.” Diese enge Verbindung zwischen Politik und Religion scheint im Islam etwas ganz Wesentliches zu sein. Ich glaube: Seit Mohammed Mekka verlassen hat und sich 622 in Medina nieder- ließ, hat der Islam nicht mehr aufgehört politisch zu sein. Drei Viertel der Suren des Koran verweisen auf eine religiös-theokratische Gesellschaft, die von Koran und Scharia dominiert wird. Ist es vor- stellbar und zu hoffen, dass Politik und Religion jemals getrennt fortbestehen können? Eine weitere Frage: Wird es eines Tages gelingen, dass der Islam wirklich religiöse Freiheit zugesteht? Nicht nur, dass es möglich ist, seinen eigenen Kult zu praktizieren, was ja der Fall ist, sondern dass er den Menschen ermöglicht, wirklich ihre Religion frei auszuwählen, dass ein Muslim beispielsweise Christ werden kann, ohne dass er mit dem Leben bedroht wird. Ich kenne kein einziges muslimisches Land, nicht einmal die laizistischen Länder Türkei und Tunesien, wo diese Glaubensfreiheit tatsächlich existiert. Der Islam ist gewissermaßen eine Religion ohne Rückfahrkarte: Man kann eintreten, aber man kann nicht wieder austreten. Dann noch eine letzte Frage: Werden die Muslime in Europa, die der Moderne offen gegenüberstehen, die in demokratische Systeme integriert sind, in der Lage sein, einen Islam hervorzubringen, der kompa- tibel ist mit der Moderne? Als Christ in einem muslimisch-arabischen Land ist es nicht meine Aufgabe, darauf eine Antwort zu finden. Ich möchte nur noch eine allerletzte Frage stellen: Was sagt der Islam über sich selbst? Wer kann im Namen des Islam darauf eine Antwort geben? Denn es gibt keine höchste Autorität, die im Namen aller sprechen könnte. Das ist die große Schwierigkeit, die wir heute haben.
Henri Boulad SJ, Kairo
Gott bleibt nicht im vollklimatisierten Himmel! Ein Vortrag des Jesuitenpaters Henri Boulad zum Thema: “Christophobie in Europa: Jesus Christus als Stein des Anstoßes”. Der Mystiker aus Kairo sprach in seinem Vortrag von anti-katholischen Strömungen, sprach sich für ein drittes Vatikanisches Konzil aus und erklärte, warum Jesus der eingeborene Sohn Gottes sein müsse.
Europa anti-christlich?
P.Henri Boulad ortet im heutigen Europa eine anti-christliche Stimmung. Andere Religionen werden sanfter und mit mehr Sensibilität behandelt als das Christentum. Die „political correctness” verbietet, Islam, Buddhismus oder andere Geistesrichtungen zu kritisieren, das Christentum aber wird in Parodien lächerlich gemacht oder heftig kritisiert. Dem Christentum und der katholischen Kirche im besonderen schlägt heftige Ablehnung entgegen. Doch woher kommt diese Entwicklung? Koloss Kirche Boulad bietet mehrere Erklärungsversuche an: Die katholische Kirche gilt nach wie vor als morali- sche Autorität. Sie hat Einfluss und wird gehört. Das könnte womöglich Angst vor diesem „Koloss” auslösen. Ein weiteres Erklärungsmodell geht auf die „Vatermord”-Theorie von Freud zurück. Der Mensch will die töten, von denen er abhängig ist, da deren Autorität seiner Entfaltung im Weg steht. Christlicher Angstkomplex vor Gott Der Jesuitenpater hält aber auch fest, dass die Kirche selbst durchaus Anteil an der Ablehnung hat. Gott wurde beispielsweise lange als unerbittlicher Herrscher und Richter dargestellt. Das habe bei Christen teilweise eine Psychose, einen Angstkomplex vor diesem Gott ausgelöst. Die Kirche hat ver- sucht, Menschen mit Hilfe von Furcht und Schuldgefühlen auf dem rechten Weg zu halten.Dieser Gottes- vorstellung wird durch die aktuellen Entwicklungen der Prozess gemacht. So wandelte sich auch in katholischen Ländern wie Frankreich oder Spanien die Einstellung gegenüber der Kirche ins Gegenteil. Diese Veränderungen lassen sich auch in Holland, Italien, Deutschland, Österreich, Kanada usw. fest- stellen. Bevormundet Mutter Kirche das großjährige Europa? Boulad zeichnet eine interessante Analogie: Europa ist unter dem Einfluss der Kirche entstanden. Damals gab die Kirche autoritär vor, wie man sich zu verhalten hatte. Doch die anfangs schützende Fruchtblase wurde später zum Gefängnis. Wenn man die 20 Jahrhunderte des Christentums als Menschenjahre betrachtet, kam Europa im 14./15. Jahrhundert in die Pubertät. Das war die Zeit von Reformation, französischer Revolution und Aufklärung. Mittlerweile ist Europa großjährig, Standpunkte werden vertreten, Wissenschaft und Vernunft regieren. Aber die Seele von Europa ist christlich geprägt. Viele Werte wurden übernommen. Für Demokratie, Menschenrechte, Ökologie, Integration und vieles mehr hat die Kirche die Samen ausgesät. Aber jetzt stellt sich die Frage: Wie gestaltet man die Beziehung zwischen Mutter und erwachsenem Kind? Europa gleichberechtigter Partner Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab sich die Kirche als alleinige Hüterin der Wahrheit. Im Zweiten Vatikanum wurden dann die Weichen gestellt, mit den Menschen nicht mehr als Autorität, sondern als gleichberechtigter Partner zu kommunizieren. Ein Dialog wurde begonnen, bei dem die Kirche auch zuhört, was die Menschen zu sagen haben. Boulad sieht dieses Konzil als großes Zeichen der Hoffnung. Er betont, dass trotz konservativer Strömungen Papst Benedikt XVI. zu großer Hoffnung berechtigt, dass der Weg des Konzils wie auch unter Johannes Paul II. weiter beschritten wird. Drittes Vatikanisches Konzil? Er selbst würde empfehlen, die Kirche für einige Jahre in einen synodalen Zustand zu versetzen, und in Gesprächen mit Katholiken, Evangelischen und Orthodoxen Impulse zu sammeln. Danach würde er ein Drittes Vatikanisches Konzil begrüßen, in dem die Resultate verarbeitet werden. Jesus Christus als Stein des Anstoßes Aber nicht nur das Verhältnis der heutigen Gesellschaft zur Kirche, sondern auch das zu Jesus sieht P. Boulad problematisch. Wenn Jesus ein Prophet oder ein besonders weiser Mann gewesen wäre, gäbe es viele Probleme nicht. Aber Jesus war der eingeborene Sohn Gottes, dieser Punkt ist nicht verhandelbar. Wer Christ ist, glaubt, dass Jesus wahrer Gott und Mensch ist und Brücke zwischen Mensch und Gott. Trotz Toleranz und Dialog ist dieser Punkt als Christ fundamental. Jesus selbst fragte seine Jünger einmal Mt 16,15-18: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?” Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Gott in einer Blutprobe Aber wie kann man diesen Anspruch in einem rationalen und wissenschaftlichen Jahrhundert bewei- sen? Mit einer Computertomographie oder einer Blutprobe lässt sich die Präsenz Gottes in Jesus kaum nachweisen. Auch mit den gewirkten Wundern wird man nicht weit kommen, die haben auch Paulus, sogar Yogis und Gurus heutzutage in Indien zustande gebracht. Gott zu Ausschwitz: „traurig, traurig“ Henri Boulad sieht für sich selbst eine andere Beweismöglichkeit. Er geht vom Absurden aus. Ange- nommen Christus wäre nicht Gott, es wäre nur eine Legende, eine Fabel, ein Kindermärchen. Gott dagegen würde in seinem klimatisierten Himmel an einer festlich gedeckten Tafel sitzen und hinter ihm hinge ein Schild „Gott ist die Liebe”. Während er da so säße würde er auf der Erde das KZ in Ausschwitz sehen und sich denken: „traurig, traurig”. Er würde den Irakkrieg sehen und sich denken: „schlimme Sache”. Oder er würde die Hungersnot im Sudan betrachten, bei der 2 Millionen Menschen starben und leise flüstern: „Sachen gibts ...” Er könnte natürlich Mose schicken und andere Propheten. Auch die 10 Gebote würde er den Menschen zukommen lassen. Und wenn das alles nicht helfen würde, würde er zu den Menschen sagen: „Nur Mut, alles geht vorbei. Eines Tages werdet ihr bei mir sein!” Dann würde er weiterspeisen. Gott kann nicht heruntersteigen, „noblesse oblige” Diese Theorie ist für P. Boulad inakzeptabel. Natürlich kann Gott nicht heruntersteigen, er ist schließ- lich Gott, „noblesse oblige”. Aber Gott, der die Liebe ist, kann aufspringen, Zepter und Mantel wegwer- fen und sagen: „Ich muss zu meinen Kindern, sie leiden.” Und das ergibt zwingend die Notwendigkeit der Inkarnation. Boulad betont, dass es so zwingend ist, wie dass 2 + 2 = 4 ergibt. Wenn Gott die Liebe ist, steigt er zu uns herunter. Was wäre das für ein Vater? Natürlich ist das für andere Religionen ein Ärgernis. Gott in einem Menschen, ... schwer zu verstehen. Aber was wäre das für ein Vater, der aus dem ersten Stock Ratschläge gibt und zusieht, wie sein Sohn unten zu Tode geprügelt wird. P. Boulad erwähnt einen Fall aus Alexandria, wo wirklich ein Vater seinem Jungen zu Hilfe eilte, und deswegen schwere Verletzungen davontrug. Und wenn das schon ein Mensch schafft, so wird es Gott auf alle Fälle schaffen. Gott wäre nicht glaubwürdig Hätte deshalb das alles nicht stattgefunden, wären Kreuz, Menschwerdung und Christentum ein Mythos, dann wäre Gott nicht glaubwürdig. Traurig für die Menscheit. Jesus Christus in Zeit und Raum von Beginn bis zum Ende Das Drama von Jesus sieht der Jesuitenpater darin, dass er eingeschrieben ist in Raum und Zeit vom Beginn bis zuletzt. Er selbst sieht dieses Kind von Betlehem, den Mann der Schmerzen, den nackten Menschen am Kreuz, der tiefste Not erlebt hat, als einzigen Gott, den er anbeten kann, als größte Offenbarung der Liebe. Es braucht einen radikalen Schritt Glaube ist der Sprung, von dieser These auszugehen. Gottes Gesicht zeigt sich dann in Jesus Christus, man versteht das Christentum von innen. Glaube ist nicht offensichtlich, er erklärt sich nicht von alleine. Es braucht einen radikalen Schritt, ob man hineingeht oder draussen bleibt. „Das ist der einzige Beweis, den ich liefern kann.“ schließt P. Henri Boulad seinen Vortrag. Zum Schluss sprach P. Henri Boulad aus Kairo gemeinsam mit den Versammelten noch folgendes Gebet:
Jesus, heute wie damals bist du ein Ärgernis, ein Stein des Anstoßes. Wie kann man das akzeptieren, dass Du, ein Mann auf der Straße, der isst, der trinkt, der müde wird, der leidet, dass Du die Offenbarung Gottes bist? Gott in einem Menschen? Wie denn? Gott in der Geschichte? Wie denn? Gott in Zeit und Raum? Wie denn? Du reichst über Zeit und Raum hinaus. Und doch: Hättest Du diesen verrückten Schritt, diesen unverständlichen, nicht getan, wie könntest Du glaubwürdig sagen, dass Gott die Liebe ist? Hier in Europa will man Beweise, Argumente hören. Ich habe keine anderen Argumente - DU hast keine anderen Argumente – als die fünf Wunden an Deinem Körper, dein geöffnetes Herz, die Spuren der Dornenkrone auf deiner Stirn. Du hast kein anderes Argument als das nackte Kreuz, an dem Du hingst, selbst ganz entblößt. Wir nehmen die Kreuze ab, von der Brust und von den Wänden, als ob wir uns Deiner schämten. Das Kreuz ist für mich der unschlagbare Beweis Deiner Liebe. Das Zeichen, dass Du nicht von weitem, nicht von einem fernen Himmel aus, sondern in der alltäglichen Not, im Leid und im Tod mit uns bist. So ein Gott ist die Antwort auf die Fragen der Menschen von heute. Amen Übersetzung aus dem Französischen von Christine Hofinger

Jordanien: Kleine Wunder zwischen den Schulbänken. Katholischen Schulen im haschemitischen Königreich. Geschichte und Gegenwart einer christlichen Präsenz, die auch bei der muslimischen Mehrheit stets sozialen Konsens gefunden hat.
Wie jeden lieben Tag, Punkt acht Uhr, stellen sich die Jungen und Mädchen des „Heilig Land”- College unter dem gestrengen Blick von Rektor Abuna Rashid nach Klassen getrennt in Reih und Glied auf. So stillschweigend und diszipliniert, dass man kaum glauben kann, dass sie eben, in Erwartung der Schulglocke, noch lärmend über den Schulhof tobten. Während der kleine Khalid eine jordanische Fahne im Kleinformat hochzieht, rufen alle Kinder - Christen und Muslime - den einen Gott und Vater aller an („Herr, segne uns, unser Land und unsere Schule. Erleuchte unseren Geist und schenke uns Frieden”). Als die Musik einsetzt stimmen die einen beherzt, die anderen ein wenig lustlos die Nationalhymne an: „Long live the King! His position is sublime! His banners waving in glory supreme!”. Danach laufen sie fröhlich plappernd die Korridore entlang in ihre Klassen, wo sich zu den Kruzifixen und Bildern von König Abdullah II. nun noch Krippen, Nikolause und andere Weihnachtsdekorationen gesellt haben. Was weder die verschleierten Mütter gestört zu haben scheint noch die Väter, die in die Moschee gleich nebenan gehen. An einem der Seiteneingänge steht „1948” geschrieben. Damals, als das haschemitische Königreich Jordanien auf dem Minenfeld Nahost seine ersten unsicheren Gehversuche unternahm, gründeten die Patres der Kustodie des Heiligen Landes auf dem Habdale- Hügel gerade ihre Schule. Noch heute eine der anerkanntesten des Landes - ja, des gesamten Nahen Ostens. Ihr Gründer, der heilige Franziskus von Assisi hatte schon 1221 in seiner ersten Regel klargestellt: die Patres sollten nicht zu den Muslimen gehen und dort „streiten und debattieren”. Ihre Aufgabe war es, allen zu Diensten sein. Und diese Aufgabe erfüllen die Patres ganz im Sinne der Franziskusregel noch heute. An den Wänden hängen Fotos aus der „Gründerzeit”. Darauf kann man einen blutjungen König Hussein, Prinz Hasan und andere Mitglieder der königlichen Familie erkennen, die die Patres bei offiziellen Anlässen mit ihrem Besuch beehrten. Eine Art „Danksagung” einer jungen islamischen Nation, deren Könige sich der Abstammung von Mohammed rühmen: die Muslime wissen schließlich, wieviel die Franziskaner und andere christliche Schulen für die arabische Jugend jenseits des Jordans tun. „Wir sind stolz auf unsere christlichen Schulen, auf den wertvollen Dienst, den sie unserer Gesellschaft erweisen. Wir haben keine Probleme mit ihnen. Die staatlichen Auflagen in Sachen Schülerzahl pro Klasse, Stundenplan und Schulbücher halten sie immer ein,” berichtet Abd al-Majid al- Abbady, hoher Beamter der Abteilung für Privatschulen des Erziehungsministeriums, sichtlich zufrieden.

Dennoch laufen die fleißigen Christengemeinschaften in vielen nahöstlichen Gesellschaften Gefahr, zu einem langsam aber sicher vom Aussterben bedrohten Fremdkörper zu werden. Nicht so in Jordanien: dort findet die Vitalität und soziale Integration der christlichen Schulen ipso facto immer mehr Interesse. Für alle eine gute Sache.

In Karak, 130km südlich von Amman, in einer Wüstenlandschaft, die weder über noch unter der Erde Ressourcen zu bieten hat, kann man schon von weitem die Umrisse des Kreuzfahrerschlosses erkennen. Von der Burg, auf der der blutrünstige christliche Fürst von Antiochia, Rainald de Chatillon wütete, sind nur Ruinen geblieben. Im krassen Gegensatz zu dieser düsteren Erinnerung steht die kleine Schule des lateinischen Patriarchats. Voller Leben und fröhlichem Stimmengewirr ist sie noch heute hier, wo sie Don Alessandro Macagno 1876 gegründet hat. Der sagenumwobene Abuna Skandar predigte den christlichen Beduinenstämmen einst im Jordanraum das Evangelium und lebte mit ihnen in Zelten. Für die Eucha- ristiefeier hatte er immer einen tragbaren Altar dabei. Der osmanische Gouverneur wollte dem Schulbau zunächst nicht zustimmen, mit vereinten Kräften gelang es Christen und Muslimen dann aber doch, seinen Widerstand zu brechen. Die muslimischen Beduinen wussten, dass sie von diesem demütigen und frommen Mann nur Gutes zu erwarten hatten. Er brachte ihnen lesen und schreiben bei - ganz anders als die Beamten des osmanichen Regierungsapparats, die sich nur für Pfründe und Bestechungsgelder zu interessieren schienen. Die ersten Schulen jenseits des Jordans waren die der Priester des neu errichteten lateinischen Patriarchats Jerusalem. Damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wirklich kein leichtes Unter- fangen in dieser wenig aufgeschlossenen Welt, die vollkommen von den kleinlichen Gesetzen des Triba- lismus beherrscht wurde. Die Unwissenden lehren ist ein Werk der geistigen Barmherzigkeit. Und der Unterricht für alle - Christen und Muslime, Arme und Reiche, Stämme aus Nord und Süd - war letztendlich eine Art passepartout für das apostolische Zeugnis, das nun auch auf dürrem Boden Wurzel fassen konnte. In ländlichen Gebieten ebenso wie in Wüstenzonen, die Jahrhunderte lang keine katholische Pastoralaktivität gesehen hatten. Noch heute sind die Pfarrschulen in Karak, Salt, Hoson, Ajlun, Ader und Anjara im selben Gebäude wie die Kirche untergebracht. Für die gesamte Schulaktivität ist letztendlich der jeweilige Pfarrer verantwortlich. Dank ihrer bahnbrechenden plantatio sind die katholischen Schulen in Jordanien bereits seit geraumer Zeit vollkommen im Land integriert. Als das haschemitische Königreich Jordanien errichtet wurde, war das Schulnetz des lateinischen Patriarchats - das schon bald in Amman durch große Kollegien katholischer Kongregationen „Verstärkung” erhielt - noch immer das einzige „autochthone” Bildungssystem.

Heute, in einem Jordanien voller undurchschaubarer sozio-ökonomischer Prozesse, an denen auch die Konflikte in den Nachbarländern nicht unschuldig sind, ist sogar die Bildung zum Business geworden. Der Konkurrenzkampf wird immer härter. In den wohlhabenden Vororten der Hauptstadt schießen neue private Handelsschulen wie Pilze aus dem Boden. Mit so hochtrabenden Namen wie: Modern American School, Cambridge School, Islamic College, al-Shweifat School ... Gute Arbeit zu leisten ist für die Professoren und das Personal der katholischen Schulen längst mehr als ein ganz persönliches christliches Zeugnis:es ist heute die Garantie für eine gesicherte Existenzgrundlage. Im Innenhof der Schule, die in dem christlichen Dorf Fuheis, gleich neben der Pfarrei Herz Mariä, entstehen konnte, wird der Eintretende von einem Gemälde der Jungfrau Maria empfangen. Mit mütter- licher Neugier scheint sie das Plakat zu mustern, das man neben ihr aufgestellt hat: die Liste der „Klassenbesten” eines jeden Schuljahres. Die kontinuierliche Überprüfung der schulischen Leistungen der kleinen Jordanier mag von außen als übertriebener Leistungsdruck erscheinen. Ein „Ansporn”, der einen unerbittichen Konkurrenzkampf unter den Schülern auslöst und nicht selten zu Frustrationen führt. Aber nur, wenn sie bei diesem Spiel mitmachen, zeigen die christlichen Schu- len, dass sie noch immer einen hohen Unterrichtsstandard bieten können. Gerade das macht schließlich die Haupt- anziehungskraft aus, die sie noch heute auf muslimische Familien ausüben. Jedes Jahr erstellt das jordanische Erziehungs- ministerium eine Liste der 10 Schüler, die in den einzelnen Fächern am besten abgeschnitten haben. Und jedes Jahr sind unter den begehrten „Top ten” auch Schüler christlicher Schulen, was sich auf den Ruf der jeweiligen Schule natürlich entsprechend positiv auswirkt. Die Schule von Fuheis hat die Namen ihrer kleinen „Genies” sogar auf eine Marmorplatte am Eingang der Schule meißeln lassen: ein kostbares „Denkmal”, das hier ohne falsche Bescheidenheit zur Schau gestellt wird.

Forschen Schrittes eilt Abuna Bashir mit wehender Kutte durch die sonnendurchfluteten Korridore der Pfarrschule von Ader. Er scherzt mit den Kindern, zeigt Bilder von den Schulausflügen, das Zimmer, das eigens für den Nähkurs eingerichtet wurde, und die Klasse, wo eine verschleierte Lehrerin die musli- mischen Kinder zum Koranunterricht versammelt hat. „Sie halten gerade ihren Katechismusunterricht ...”, meint der junge Pfarrer verschmitzt. „Wir wissen seit Jahrhunderten, dass man Streit mit den Muslimen am besten aus dem Weg gehen kann, wenn man Diskussionen über die Glaubenslehre oder religiöse Themen vermeidet. Die muslimischen Eltern schicken ihre Kinder gern auf unsere Schulen. Sie wissen, dass sie hier kein alltägliches Ambiente vorfinden, ihre Kinder gut erzogen werden und niemandem etwas aufgedrängt wird.” Ein altbewährtes Motto, das nicht alle verstehen. „Vor einiger Zeit wollte ein protes- tantischer Missionar aus Amerika wissen, wie viele Muslime ich im letzten Jahr getauft hätte. Ich antwortete ihm, dass es nicht meine Sorge wäre, die Muslime zu taufen. Und als er wissen wollte, was denn dann meine Sorge wäre, sagte ich, dass ich den Christen dabei helfen will, dass sie gerne Christen sind. Das ist alles.” Die jüngsten Statistiken zeigen, dass im Schuljahr 2005-2006 knapp die Hälfte der mehr als 23.000 Schüler katholischer Schulen aus muslimischen Familien stammten. Mehr als ein Viertel der knapp 1900 Angestellten der christlichen Schulen Jordaniens - Lehrkörper und Verwaltungspersonal - sind ebenfalls Jünger des Propheten Mohammed. Die stillschweigende Regel, jeder „Religions”-Diskussion aus dem Weg zu gehen, ist den christlichen Schulen in Fleisch und Blut übergegangen. Und das ist auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die christlichen und islamischen Stämme jenseits des Jordans in Jahrhunderte langem Zusammenleben erprobt sind, was bestimmt nicht immer einfach war. Der Wunsch nach einer Vermeidung von „Glaubenskonflikten” bedeutet aber nicht, dass man religiös „sterile” Bereiche schaffen will. Gesetzt wird hier vielmehr auf Methoden, die der gesunde christliche Menschenverstand in jahr- zehntelanger Erfahrung entwickelt hat. So beispielsweise die, jede direkte oder unterschwellige Pro- selytenmacherei zu vermeiden, einen getrennten Unterricht für Christen und Muslime anzubieten, sowie gemeinsame Gebete, mit denen alle die Barmherzigkeit Allahs, Herr aller, erflehen können. Eine Mischung aus Diskretion und Takt im Namen des täglichen Zusammenlebens, und ein Mittel, die Spirale des Miss- trauens, die im Alltag immer wieder durchscheinen kann, zu unterbrechen. In der Hoffnung, der Intole- ranz auch außerhalb der Klassenzimmer entgegenzuwirken. „Unser Motto lautet: Freunde in der Schule, Freunde in der Gesellschaft” sagt Abuna Rifat Bader stolz. Der Verantwortliche der Schule von Wassieh - eine der jüngsten Schulen des lateinischen Patriarchats - hat auch eine gut besuchte Internetseite in arabischer Sprache eingerichtet, wo man Informationen über die Kirche erhalten kann www.abouna.org.

„Jemand, der an unserer Schule war und sich hier wohlgefühlt hat, wird kaum schlecht über die Christen reden ...” Eine Annahme, die von den vielen kleinen Wundern bestätigt wird, die sich tag- täglich in den Klassenzimmern, im Schulhof und den Korridoren dieser schönen Schule ereignen, die im Heiligen Jahr 2000 in der Wüste entstehen konnte. Während wir uns unterhalten, kann man im Hintergrund den Schulchor hören, der gerade für die Weihnachtsfeier probt. All diese Theaterszenen, Reime und Weihnachtslieder in arabischer, englischer und italienischer Sprache verweisen auch auf eine Geschichte, die sich vor 2000 Jahren ereignete; ein Kind, das in einer kalten Nacht geboren wurde und in einer Krippe lag, nicht weit von hier. Der Chor besteht aus ca.30 Kindern. Fast die Hälfte davon Muslime. Der Hymnus von Pater Emile Am Eingang des namhaften „De La Salle”-Kollegs der Brüder der christlichen Schulen hängt das Foto von Papst Benedikt XVI. gleich neben dem von König Hussein und König Abdullah. Pater Emile, kreativer Direktor des Kollegs, hat zu Ehren des Haschemiten-Monarchen sogar einen Hymnus verfasst. Der Ordensmann libanesischer Abstammung erläutert uns, wie positiv sich das Zusammenleben von Christen und Muslimen auch auf die Bildung auswirkt („entzündet euer Gehirn am Gehirn anderer, und hell wird die Flamme auflodern”). Aus seiner Ergebenheit der zivilen Macht gegenüber macht er kein Hehl: „Wir können ein ruhiges Leben führen, weil der König, die königliche Familie und die Regierung auf unserer Seite sind. Der ehemalige Ministerpräsident und viele andere Minister haben bei uns die Schulbank gedrückt. Die Kinder des jetzigen Ministerpräsidenten gehen bei uns zur Schule. Solange wir den König haben, machen wir uns keine Sorgen.” Auch Sr. Emilia erwähnt die Prinzessinnen Alia, Aisha und Zayn - Töchter von König Hussein: sie sind bei den Schwestern vom Rosenkranz groß geworden, in der Schule, die Sr. Emilia heute leitet.Dass sie ihre christliche Berufung in den Dienst der muslimischen Mädchen Jordaniens stellte, hat sie nie bereut. Zufrieden blättert sie in den Alben mit den Artikeln und Fotos, auf denen Mitglieder der königlichen Familie und Obrigkeiten des Landes bei den graduation days der Schule zu sehen sind. Darüber, dass der Westen immer verbohrter zu sein scheint, einfach nicht verstehen will, welche Fak- toren die delikate Beziehung zwischen islamischer Mehrheit und christlicher arabischer Minderheit in Nah- ost beeinflussen, kann sie nur den Kopf schütteln. „Die Probleme sind von außen gekommen,” sagt sie. „Aber zum Glück weiß das Königshaus, was man dagegen tun kann.” Das Wohlwollen der Haschemiten den christlichen Schulen gegenüber zeigt sich aber nicht nur in der großzügigen Bereitschaft, die Schulabschlussfeiern mit ihrer Anwesenheit zu beehren. Als die Musli- mischen Brüder, die in Jordanien schon immer absolute Handlungsfreiheit hatten, im Namen der militanten Islamisierung der Gesellschaft den Bildungssektor kontrollieren wollten, zögerte das Königshaus nicht, konkrete Gegenmaßnahmen zu ergreifen: Ende der Neunzigerjahre, als ausgerechnet am 25. Dezember Prüfungen abgehalten werden sollten, machte König Abdullah Weihnachten und Neujahr auf den Protest der Christen hin zu gesetzlichen Feiertagen. An den christlichen Schulen wird freitags und sonntags kein Unterricht gehalten, dasselbe gilt auch für den Festtag des Schutzpatrons der einzelnen Schulen. Die Sympathie, die die christlichen Schulen dagegen für die Haschemiten empfinden, zeigt sich in der treuen Einhaltung der staatlichen Schulprogramme. Jadun Salameh, seit 28 Jahren Arabisch-Lehrer an christlichen Schulen, ist das beste Beispiel für diesen erfrischenden Respekt vor den gegebenen Um- ständen. Ein Leben lang hat er mit größter Selbstverständlichkeit ein Fach unterrichtet, das ein Muss ist für alle Schulen,deren Stundenplan zum Großteil auf dem Koran und den Schriften des Propheten basiert. Immerhin sind sie die religiösen Wurzeln jener islamischen Zivilisation, in deren Mitte er und alle anderen arabischen Christen leben. Dank der respektvollen Vertrautheit, die er inzwischen mit den heiligen Schriften und religiösen Vorstellungen der Muslime hat („manchmal glaubt man mir gar nicht, dass ich Christ bin”), durchschaut er auch die komplizierte Schachpartie, die noch heute um die koranische Inspi- ration der Bücher und Schulprogramme gespielt wird. Als die Militanten des „Islamischen Wiedererwa- chens” zwischen 1989 und 1990 - wenn auch nur für wenige Monate - in Jordanien die Leitung des Erziehungsministeriums übernehmen konnten, wähnten sich die Muslimischen Brüder am Ziel ihrer Wünsche. Die Einführung einer großzügigen „Dosis” Koran in die Schultexte und das dauernde Ein- hämmern „islamischer Eroberungsslogans” kam schon seit geraumer Zeit den Klischees der islamistischen Propaganda entgegen, die nicht müde wurde, den Dschihad gegen die Ungläubigen anzupreisen. Dann aber - seit dem Friedensabkommen mit Israel (1994) und mehr noch seit dem 11. September - scheint der islamistischen Abdrift der Schulprogramme brüsk Einhalt geboten worden zu sein. Ein „Umschwung”, der zweifellos vom Königshaus diktiert wurde. Im November 2004, ein Jahr vor den Attentaten in der jordanischen Hauptstadt, stellte König Ab- dullah in seiner berühmten „Botschaft aus Amman” klar, „was der wahre Islam ist und was nicht.” Mit dieser Initiative wollte die Haschemiten-Dynastie ihre Rolle als Mittler und Garant des „rechten Verständ- nisses” des islamischen Glaubens bekräftigen, der als „eine Botschaft der Brüderlichkeit und Mensc- lichkeit” beschrieben wird, „also das unterstützt, was gut ist und das verbietet, was falsch ist; die anderen akzeptiert und ein jedes menschliches Wesen ehrt.” Dank der Umsetzung dieses Ansatzes auf den schulischen Bereich sind aus den Schulbüchern allmählich alle Texte und Koranzitate, die sich zur fundamentalistischen Instrumentalisierung eignen, verschwunden. Keine Spur mehr von Propaganda- treiberei: „Heute enthalten die Bücher nur Koranverse, die eine versöhnende Botschaft haben, die Schönheit der Schöpfung und des friedlichen Zusammenlebens unter den Völkern herausstellen,” meint Jadun Salameh. „Da ist keine Rede mehr davon, die Ungläubigen dem Islam zu unterwerfen, keine Spur mehr von heiligen Kriegen ...”.

Eine diskrete Hilfe Im praktischen Zusammenleben von Christen und Muslimen setzt man in den christlichen Schulen auf das, was sich in Jahrhunderten gemeinsamen Lebens bereits bewähren konnte. Dennoch laufen diese positiven Erfahrungen Gefahr, im jordanischen Alltag als vereinzelte „Überreste” einer Vergangenheit zu erscheinen, der man nur nachtrauern kann. Es muss gar nicht erst betont werden, dass man auch hier in den letzten Jahrzehnten versucht hat, die Brunnen der Toleranz zu vergiften, aus denen eine seit mehr als tausend Jahren dauernde Koexistenz Nahrung zog. Nichts ist mehr wie zuvor. Die antike Praxis des „Aneinandergewöhnens”, die die Beziehungen zwischen christlichen und muslimischen Stämmen jenseits des Jordans regelte, hat immer weniger Bestand. Wenn die Schüler der christlichen Schulen an die staatlichen Universitäten wechseln, müssen sie die Einschüchterungsversuche engstirniger militanter Professoren und Kollegen über sich ergehen lassen, die meinen, diese „törichten” Kinder der jordanischen Nation belehren zu müssen, die wirklich glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Die islamistischen Bewegungen und eine das öffentliche Leben kontrollierende religiöse Militanz, die vor nichts Halt macht, wird für viele zu einer erdrückenden spirituellen Form von „Mobbing.” Gerade angesichts dieser Evolution ist den katholischen Schulen klar, dass sie ihre Mission immer mehr im Verborgenen erfüllen, dass es darum geht, die ersten Schritte im gesellschaftlichen Leben vieler christlicher Kinder und Jugendlicher einfach, heiter und ohne Komplexe zu gestalten. Ohne Abwehr- haltung, in einem offenen Ambiente, in dem sie Seite an Seite mit ihren muslimischen Altersgenossen heranwachsen können. Es muss ihnen ermöglicht werden, fast schon unmerklich in den Genuss der Früchte jener Unentgeltlichkeit zu kommen, die die christliche Liebe in den alltäglichsten Beschäftigungen erwachsen lässt - bevor auch für sie die Zeit der Prüfungen kommt. Pater Hanna Kildani, Verantwortlicher der Schulen des lateinischen Patriarchats jenseits des Jordans, muss jeden Tag mit zunehmend roten Zahlen kämpfen. Eine der negativen wirtschaftlichen Aus- wirkungen der Nahostkrise ist nämlich auch die deutliche Kürzung der Löhne jener christlichen Mittel- schicht, deren Kinder die Schulen des Patriarchats besuchen. Immer mehr Eltern suchen um teilweise oder vollkommene Befreiung von den Schulgebühren an, die ohnehin nicht einmal annähernd die Un- kosten der Schulverwaltung decken. Aber auch die großzügige finanzielle Unterstützung der all- gegenwärtigen Ritter vom Heiligen Grab kann die Bilanzdefizite nicht mehr stoppen. „Das Jahresdefizit der Schulen des Patriarchats steigt immer mehr an. Allein in Jordanien liegt es schon bei zwei Millionen Dollar. Unser Patriarch Michel Sabbah will aber unbedingt die Ausbildung der christlichen Kinder garantieren, damit die Christen nicht auch von hier auswandern. Wir wollen um jeden Preis vermeiden dass die christ- lichen Familien ihre Kinder von unseren Schulen nehmen, weil sie es sich nicht mehr leisten können,” erklärt Nader Twal, Pressesprecher der Bildungsabteilung des lateinischen Patriarchats. Manche Eltern nützen das aus, andere wieder tun alles in ihrer Macht Stehende; bezahlen manchmal sogar wie früher „in Naturalien”, in Unzen von Olivenöl. Pater Hanna und seine Mitarbeiter sehen diesen Notstand gelassen. Wie ihre Vorfahren, die an das prekäre Leben in den Beduinenzelten gewöhnt waren, wissen auch sie, dass die Dinge - so Allah will - schon wieder ins Lot kommen.

Jordanien: Mehr Einschreibungen in Schulen – zusehends rote Zahlen. Fallstudie

Ein Phänomen in Zahlen. In Jordanien gibt es 93 christliche Erziehungs- und Bildungsinstitute: 44 Kindergärten und 49 Schulen. 44 davon sind katholische Schulen: 24 Schulen des lateinischen Patri- archats Jerusalem (dessen Jurisdiktion auch Israel, Palästina und Jordanien umfasst), 10 des melchiti- schen Patriarchats, eine der katholischen Armenier, 8 werden von lateinischen Kongregationen geleitet (Franziskaner, Lasallianer, Schwestern vom Heiligen Josef und Schwestern vom Rosenkranz, jener in Palästina entstandene Frauenorden, der 5 Bildungsinstitute leitet). Die älteste Schule Jordaniens wurde 1869 von Jean Moretain, Priester des lateinischen Patriarchats, in einem verlassenen Haus in Salt ge- gründet. Die jüngste Schule ist die 2000 in Wassieh gegründete Schule der Mittelstufe im struktur- schwachen Süden des Landes: 36 Klassenzimmer, Werkräume, Besprechungszimmer, Theater,Turnhallen. Im Schuljahr 2005-2006 gingen 23.670 Schüler auf katholische Schulen, 12.502 davon Christen (52% der Gesamtzahl), 11.168 Muslime. Lehrkörper und Verwaltungspersonal setzten sich laut letzter Daten vom Jahr 2002 in den christlichen Schulen aus insgesamt 1.842 Angestellten zusammen - 1.280 davon Christen, 562 Muslime. Dazu kommen noch Priester, Ordensfrauen und -männer. Die einzelnen Institute haben bei der Auswahl ihres Personals vollkommen freie Hand - vorausgesetzt natürlich, die Bewerber erfüllen die beruflichen Voraussetzungen. 40 der 58 Erziehungsinstitute des lateinischen Patriarchats - Schulen und Kindergärten - befinden sich in Jordanien (13 in Palästina und 5 in Israel). Wenn man ganz Nahost und Nordafrika betrachtet, hält der Vergleich mit anderen arabischen Ländern Überraschungen bereit. In Jordanien gibt es 93 christliche Bildungsinstitute, im Libanon sogar 341, in Ägypten 130. Aber es handelt sich hier um Länder, in denen autochthone christliche Gemeinschaften mit Millionen von Gläubigen le- ben. In Jordanien liegt die Zahl der Getauften bei knapp 120.000, weniger als 4% der Bevölkerung. Die Schüler der katholischen Schulen Jordaniens sind laut Daten des Jahres 2006 nahezu gleichmäßig verteilt: 11.944 Jungen und 11.726 Mädchen. Nach Altersklassen eingeteilt, ist festzustellen, dass der Großteil der Schüler (12.537) im Grundschulalter ist (zwischen 6 und 14 Jahren), 5.911 Schüler besuchen die Mittelstufe (7. bis 10. Klasse), 2.249 dagegen die 11. und 12 Oberstufenklasse; am Ende des letzten Jahres (tawjihi) steht dann ein Abschluss, der unserer Abiturprüfung entspricht, die mittels Numerus clausus auch als Selektionsverfahren für den Zugang zu den einzelnen Studiengängen fungiert. 90% der Schüler der katholischen Schulen absolvieren diese Prüfung, um an der Universität studieren zu können. Berufungen zwischen den Schulbänken. Ein Großteil der Priesterberufungen der Kirchen des Heiligen Landes entsteht in den jordanischen Schulen. 38 der 51 Studenten des Knabenseminars des lateini- schen Patriarchats Jerusalem kommen aus Jordanien. 28 davon waren auf katholischen Schulen, 10 auf staatlichen Schulen. Am Priesterseminar dagegen sind derzeit 16 der insgesamt 23 Seminaristen Jordanier. 12 davon haben die katholischen Schulen des haschemitischen Königreichs besucht. Beziehungen zur Regierung. Laut Abkommen zwischen Erziehungsministerium und Generalsekretariat für die christlichen Bildungseinrichtungen in Jordanien haben alle christlichen Schulen folgende Feiertage: Weihnachten, Hochfest der Erscheinung des Herrn, Ostern und Christi Himmelfahrt. Die christlichen Schulen (einschließlich der islamischen) erhalten von der Regierung keine direkten Wirtschaftshilfen. Die Möglichkeit, den christlichen Religionsunterricht an staatlichen Schulen einzuführen, was die Regierung 1996 prinzipiell bestätigt hat, konnte bisher verwaltungstechnisch noch nicht umgesetzt werden. Begleiterscheinungen. Das irakische Chaos und die israelisch-palästinensische Krise stellen auch die Existenz der christlichen Schulen Jordaniens auf eine harte Probe. Der Preis für das Benzin (das vorher fast gratis aus dem Irak kam) ist allein im vergangen Jahr ums Dreifache gestiegen. Auch der Immobi- lienmarkt (finanziert von den massiven Investitionen, die die irakische Elite nach Jordanien fließen lässt) erlebt einen wahren „Höhenflug.” Das alles sind nur einige der Faktoren, die der Mittelschicht der Angestellten - traditionelle „Nutznießer” der christlichen Schulen - allmählich den Garaus machen. Die Jahresgebühren für die Schulen des lateinischen Patriarchats - die niedrigsten überhaupt - liegen bei 150 bis 200 Dinar, was der Hälfte der Kosten entspricht, die für die Schule pro Schüler anfallen. Die Zahl der Familien, die nicht einmal diesen Beitrag zur Schulbilanz aufbringen können, der ohnehin nur einen kleinen Teil der Unkosten deckt, wird immer größer. Das steigende Defizit der jordanischen Schulen (2 Millionen Dollar im Jahr 2006) stellt die Hälfte des Gesamtdefizits der Schulen des Patriarchats dar. Ein Defizit, das Jahr für Jahr nur dank der Hilfe der Ritter vom Heiligen Grab und anderer Sponsoren eingedämmt werden kann. Sponsoren wie der Heilig Land Ecumenical Foundation, dem Cambridge Nazareth Trust und nicht zuletzt auch Kardinal Carlo Maria Martini, der 2003 ein Solidaritätsnetz einrichtete, das 64.000 Dollar in die Kassen der Schulen des Patriarchats fließen ließ. Trotz dieser Schwierigkeiten gelang es dem Sekre- tariat für die christlichen Bildungseinrichtungen in Jordanien, für ihre Angestellten auch eine Kranken- versicherung abzuschließen.

Interview mit Khalid Touqan, jordanischer Minister für Erziehung und wissenschaftliche Forschung. Erinnerung an eine schöne Schulzeit. Foto oben: Khalid Touqan mit Pater Rashid Mistrrih, Leiter des Heilig-Land-Collegs “Collegium Terrae Sanctae”.
Der 52jährige Ingenieur und dreifache Vater Khalid Touqan leitete bis zum Jahr 2000 das Erzie- hungsministerium. Ein einzigartiger Fall politischer Langlebigkeit in den jordanischen Regierungsetagen. 2005 war er auch Minister für höhere Bildung und wissen schaftliche Forschung. In seinem mehr als ansehnlichen Lebenslauf (er ist auch Präsident der jordanischen Atomenergiekommission) sind auch Doktortitel und Spezialisierungen in wissenschaftlichen Disziplinen an namhaften amerikanischen Universi- täten aufgelistet. Auch sein bemerkenswerter menschlicher und beruflicher Werdegang begann in den christlichen Schulen Jordaniens: als Kind hat er - der angeblich ein gewisses Interesse für den Sufismus hegt - am „Heilig Land”-College der Franziskaner die Schulbank gedrückt. Der jordanische Erziehungs- minister Khalid Touqan mit Pater Rashid Mistrih Leiter des „Heilig Land-College. Sie sind heute Biidungsminister für alle Schulen Jordaniens. Ihre Schulzeit haben Sie bei den Franziskanern verbracht ... KHALID TOUQAN: Das „Heilig Land”-College ist eine Schule mit einem ausgezeichneten Ruf. Man geht dort mit der Zeit. Es ist nach wie vor eine der seriösesten und namhaftesten Schulen Jordaniens, mit einem Niveau, das internationalen Standards in nichts nachsteht. Aber seine Bildungstradition ist auch in unserer Gesellschaft, deren Werten, Tradition und Kultur verwurzelt. Der Lehrkörper hat ein beacht- liches Niveau und ist sehr darum bemüht, dass die Schüler optimale Resultate erzielen. Die Beziehungen der Schüler untereinander sind freundschaftlich, von gegenseitigem Respekt und Sympathie geprägt. Ich erinnere mich noch heute gern an dieses positive Klima. Lehrer und Schüler ver- trauten und respektierten einander und waren sich ihrer gemeinsamen Verantwortung bewusst. Die Lehrer hielten die Schüler stets dazu an, sich gut zu benehmen, die moralischen Werte hochzuhalten und gute schulische Leistungen zu bringen. An meine Schulzeit - und ganz besonders diese Schule - denke ich noch heute gerne zurück. Wie beurteilen Sie die Rolle der christlichen Schulen in der jordanischen Gesellschaft? Die christlichen Schulen sind wesentlicher Bestandteil der Privatschulen unseres Landes. Sie sind in die Bildungsphilosophie Jordaniens vollkommen integriert. Alle Schulen des haschemitischen Königreichs Jordanien richten sich natürlich nach dem jordanischen Bildungsprogramm, das den Bildungsinstituten auch die Möglichkeit gibt, zusätzliche Schulbücher einzuführen. Welche Texte in den Schulen ge- braucht werden, wird vom Bildungs- und Unterrichtsrat festgelegt. Und das gilt sowohl für die christ- lichen Schulen als auch für die anderen jordanischen Schulen. Die christlichen Schulen sind die respektvollsten und diszipliniertesten; sie leisten einen überaus positiven Beitrag. Sie tragen nicht nur die Verantwortung für die Ausbildung der Schüler, sondern gewährleisten auch eine moderne gesell- schaftliche Ausbildung, verwurzelt in den Werten des Wohlergehens aller Menschen und der Liebe gemäß der Botschaft Christi - der Friede sei mit Ihm - und aller Propheten der Menschheit. Wie beurteilen Sie die Lage der christlichen Minderheiten in Jordanien? Unsere Christen sind Kinder Jordaniens und tragen dieselbe Verantwortung der gemeinsamen Bürgerschaft wie alle anderen Jordanier auch. Die wertvolle Bildung, die sie erhalten, hat ihnen er- möglicht, Identität und Tradition ihres Heimatlandes zu assimilieren, auf das sie stolz sind und mit dem sie sich verbunden fühlen. Die Tatsache, dass sie eine Minderheit sind, schmälert nicht die Rechte, die die Verfassung ihnen wie auch allen anderen Mitbürgern garantiert. Wie Sie wissen, beinhaltet die christliche Religion einen auf die Transzendenz hin offenen Blick, den Edelmut der Seele, Werte wie Vergebung und gegenseitigen Respekt. Und all das spiegelt sich im Geist und im Wirken der Bildungseinrichtungen der christlichen Schulen wieder, sowohl unter den Lehrern als auch unter den Schülern. Man ist darum bemüht, die vielen Gemeinsamkeiten zwischen muslimischer Religion und Christentum herauszustellen, und das gewährleistet ein Zusammenleben in Frieden, Liebe und Brüderlichkeit. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich in der Geschichte des Islam immer wieder gezeigt, wie wichtig uns Begegnung, Frieden und Kollaboration sind. Im Dialog versucht man, eventuell strittige Fragen zu klären und Meinungen auszutauschen. Das alles stets höflich und weit davon entfernt, auf den eigenen Meinungen zu beharren, im gegenseitigen Respekt für die Überzeugungen des anderen und in der geteil- ten Sorge um das Wohl des Vaterlandes. Die Christen des Orients haben schon immer mit Völkern der Region zusammengelebt, konnten in den Genuss von deren religiösen und bürgerlichen Rechten gekommen. Sie sind Kinder dieses Teils der Erde, haben dieselben Probleme und vertreten dieselben Interessen wie ihre Heimatländer. Warum schicken so viele muslimische Eltern ihre Kinder auf christliche Schulen? Normalerweise wählen Eltern, die ihre Kinder einschulen lassen wollen, die Schule nach deren akademischem Niveau und Bildungssystem aus. Die christlichen Schulen in Jordanien haben einen guten Ruf und ein hohes Bildungsniveau. Und deshalb sind sie natürlich auch dementsprechend gefragt, unabhängig von der Religion der Antragsteller. Eltern, die ihre Kinder auf christliche Schulen schicken, tun das wegen des guten Rufs der Schule und wegen des Vertrauens, das diese Schulen bei den Familien genießen. Für die christlichen Eltern ist vielleicht auch die religiöse Bildung, die die christliche Schule gibt, ein entscheidender Faktor. Ihnen ist an einer traditionell christlichen Erziehung gelegen, weil sie wollen, dass ihre Kinder Gläu- bige sind. 30GiorniGianniValente0612

Ein Lob auf die gute Arbeit - Interview mit Bischof Salim Sayegh Foto: Bischof Salim Sayegh bei einer Zeremonie in Wadi Karrar, jenem Ort, wo laut jordanischer Archäologen Jesus getauft wurde.
“Hier bei uns versteht der Herr nicht nur arabisch, er spricht es auch.” Für Salim Sayegh, Patri- archaler Vikar des lateinischen Patriarchats für Jordanien, sind die christlichen Schulen in seinem Land der Beweis dafür, dass die guten Werke immer willkommen sind, unweigerlich jegliches Misstrauen ausräumen. In seinen Augen steckt hinter dem Erfolg der christlichen Schulen kein Geheimnis. „Sie werden offensichtlich von allen geschätzt, weil sie ganz einfach gute Arbeit leisten,” meint er verschmitzt. Die christlichen Schulen jenseits des Jordans sind wesentlicher Bestandteil der Geschichte dieses Landes ... SALIM SAYEGH: Das lateinische Patriarchat war in Jordanien Pionier auf dem Bildungssektor. Seit der Zeit der Türken haben die Priester des lateinischen Patriarchats immer zuerst Schulen gegründet. Die Menschen lesen und schreiben gelehrt. Heute liegen die Dinge anders. Das Bildungsministerium ist gut organisiert, in ganz Jordanien gibt es Schulen, auch viele Privatschulen,die hervorragend funktionieren. Welche Sendung erfüllen die christlichen Schulen in diesem neuen Kontext? Vor allem können sie den Menschen hier, Muslimen und Christen, dabei helfen, sich nicht in einem Ghetto zu verschließen. Für Christen und Muslime ist es eine Bereicherung, die ersten Schuljahre und später dann auch die weiterführenden Schulen miteinander erleben zu dürfen. Es ist eine „Vermischung”, die dem gesellschaftlichen Leben gut tut. Nicht mehr? Die Schulen sind vor allem das wichtigste Mittel, das uns für die Erziehung unserer Kinder zum christlichen Glauben zur Verfügung steht. Dafür, sie in das Leben der Pfarrei und in das liturgische Leben einzuführen. Viele heutige Seminaristen von Beit Jala [Patriarchatsseminar] sind als Kinder und Jugendliche auf die katholischen Schulen Jordaniens gegangen. Die christlichen Schulen wurden schon von der Haschemiten-Monarchie unterstützt. Könnte sich das ändern, wenn die politische Situation im Land umkippen würde? Ich glaube nicht. Wir leben im Orient, und der Orient ist traditionalistisch. Unsere Schulen zu haben gehört sozusagen zu unseren erworbenen Rechten, die niemand anfechten würde. Auch als die Minister mit den Muslimischen Brüdern sympathisierten, stand niemals zur Debatte, die Rolle der christlichen Schulen in Frage zu stellen. Um bei der Wahrheit zu bleiben: Jordanien ist ein armes Land, und wenn sich die christlichen Schulen verpflichten, mehr als 20.000 Schüler zu unterrichten und zu erziehen und das die staatlichen Einrichtungen keinen Dinar kostet, dann wird damit auch der Regierung eine große Last abgenommen. Vor einigen Jahren haben Sie gesagt, dass die Muslimischen Brüder in Jordanien keine Gefahr waren. Denken Sie das noch immer? Die muslimischen Brüder haben nie auf Gewalt zurückgegriffen. Viele von denen, die man als Fun- damentalisten bezeichnet, sind anständige Leute, die nur ihren Glauben leben wollen. Ich kenne viele davon, mit einigen bin ich auch befreundet, wir besuchen uns gegenseitig, respektieren einander, ohne Probleme. Natürlich gibt es unter ihnen aber auch den ein oder anderen, der um jeden Preis Karriere machen will, aber das interessiert uns nicht. Und unter denen, die verroht und nicht besonders gebildet sind, ist vielleicht auch der ein oder andere, der zu Aggressivität neigt. Das kann vorkommen. Es ist normal. So ist das Leben. Aber ein aggressives, feindseliges Verhalten den Christen gegenüber ist nicht die Regel, sondern eine Ausnahme. Und deshalb gibt es ja auch Gefängnisse: sie sind für die Menschen, die die Gesetze nicht respektieren wollen. In Europa sind viele der Meinung, dass das Islamische Wiedererwachen unterdrückt werden muss. Man muss objektiv sein. Wir arabischen Christen sind in der Minderheit. Hier haben die Muslime das Sagen. Wenn die Muslime nach Europa kommen, haben dort andere das Sagen. Aber in unserem Land haben die, die das Sagen haben, die Dinge sehr ausgewogen eingerichtet. Ein Beispiel, das in Europa undenkbar wäre: hier in Jordanien müssen laut Gesetz neun von 120 Parlamentssitzen auf Christen ent- fallen, andere dagegen wieder auf die Zirkassier, die Beduinen und andere Minderhei- ten, damit die Rechte aller gewährleistet sind. Sie zeichnen da ein sehr idyllisches Bild. Die Probleme entstehen dort, wo Christen und Muslime untereinander heiraten. Denn hier kommt die Religion ins Spiel. Wenn eine Christin einen Muslim heiratet und nicht zum Islam konvertiert,hat sie kein Erbrecht und kann ihre Kinder nicht erziehen, wie sie will, ja, darf ihre Kinder, wenn ihr Mann stirbt, nicht einmal bei sich behalten. Aber so ist das Gesetz. Es gibt dem muslimischen Ehepartner immer mehr Rechte. Und das ist auch der Grund, warum wir bei derartigen Mischehen nie die Dispens erteilen. In der Zwischenzeit steht der Nahe Osten an euren Grenzen in Flammen. Und im Westen macht man nicht selten den Islam zum Prellbock. Der Westen hat nie verstanden, was der Islam ist, was die Muslime sind. Sonst hätte er in der Palästinenser-Frage anders reagiert, die sich seit fast einem Jahrhundert dahinschleppt. Und er hätte auch in Sachen Irak anders reagiert und nicht versucht, die Menschen mit Füßen zu treten, wie es im Irak oder in Palästina geschehen ist. 30GiorniGianniValente0612

Die Strategie der Diskretion. Das Leben der Christen jenseits des Jordans hing schon seit der Zeit der Apostel von ihrer Diskretion und Anpassungsfähigkeit ab. Eine kluge Nachgiebigkeit, die sich bisher immer bewährt hat. Jetzt aber ... Foto: Seelenmesse in der orthodoxen Kirche von Amman für die 57 Opfer der Attentate in der jordanischen Hauptstadt
Im Innenhof der Schule von Anjara, im Norden Jordaniens, zeigt eine naive Wandmalerei den Knaben Jesus an der Hand Marias und Josefs vor ihrem Haus in Galiläa. Daneben steht ein Bibelzitat in arabischen Lettern. Es bezieht sich auf je ne Stelle des Lukas-Evangeliums, wo die Muttergottes ihren Sohn zurechtweist, der ohne ein Wort zu sagen bei den Lehrern im Tempel von Jerusalem zurückgeblieben war: „Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam.” Ein Beispiel für kindlichen Gehorsam, das auch den lebhaften Schülern nahegelegt wird, die lärmend über den Schulhof toben. Aber auch ein Bild der klugen Anpassungsfähigkeit an historische Gegebenheiten und wechselnde weltliche Mächte, die schon seit jeher aus der Geschichte des Christentums in Jordanien herausscheint.

Die Zahl der Getauften im haschemitischen Königreich beläuft sich heute auf wenige Zehntausend. Doch in dem Land jenseits des Flusses, wo Jesus von Johannes dem Täufer getauft wurde, war der Glaube niemals „Fremder”. In Gadara, dessen Ruinen sich nahe dem heutigen Umm Qays befinden, hat Jesus, wie das Matthäus-Evangelium berichtet, die beiden Besessenen geheilt. Paulus dagegen soll das Land bei seiner Reise nach Arabien durchquert haben (Brief an die Galater). In einer Grotte, die man in Ader, in der St.-Josefs-Pfarrei entdeckte, sind noch heute an die Wand gezeichnete Kreuze zu erkennen: Laut Meinung der Experten des Studium biblicum franciscanum Zeichen dafür, dass diese kleine Grotte schon im 1. Jahrhundert ein Treffpunkt für Christen war. Aber vor allem die Ruinen vieler Kirchen aus dem 4. und 5. Jahrhunderts bezeugen, dass das Christentum damals in den hellenisierten städtischen Zentren ganz Jordaniens erblühen konnte. Damals nahmen Bischöfe von Städten wie Philadelphia (heute Amman), Esbus und Aila (heute Aqaba) am Konzil von Nikäa teil. Der Glaube an Jesus konnte auch bei dem ehemaligen Volk der Nabateier Verbreitung finden, dessen antike Hauptstadt Petra seit 447 eine Kathedrale hat. Außerhalb der Stadtgebiete wurden auch einige arabische Nomaden- oder Halbnomadenstämme der Wüste christlich. In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts, als die Einfälle der arabischen Reiterhorden den islamischen Eroberungszug einleiteten, verbündeten sich einige dieser Stämme mit ihren blutsverwandten Invasoren und sicherten sich durch Zahlung von Tributen deren Schutz. Besonders der immer noch einflussreiche Stamm der al-Azeizat („die Verstärkung”) kämpfte an der Seite der Krieger des Propheten und erwarb sich so Ruhm und den anhaltenden Respekt der neuen Herren. In den darauf folgenden Jahrhunderten, während die hellenisierten Städte immer mehr verödeten, konnte dank dieser unbedeutenden Stämme jenseits des Jordans eine kleine Präsenz von Christen in einem Gebiet über- leben, das nach der Verlagerung des Kalifen nach Bagdad ebenfalls unbedeutend geworden war. Die erzwungene Errichtung der Kreuzfahrerfürstentümer jenseits des Jordans änderte nichts an der Situation vor Ort. Erst mit Ankunft der Osmanen gab es dort wieder eine Art politisch-territorialer Administration, die die Rechte der religiösen Minderheiten garantierte, wenn auch auf einer untergeordneten Basis. Die Christen in Transjordanien - unter der Regierung von Soliman II. sollen es weniger als dreitausend gewesen sein - wurden fast alle der Jurisdiktion des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem unterstellt, der ihnen jedoch keinerlei pastoralen Dienst zukommen ließ. In der Anarchie, von der die Region nach wie vor ge- prägt war, hielten die christlichen Stämme eigentlich nur deshalb an ihrer Zugehörigkeit zum Christentum fest, um sich von den anderen Stammes-Clans islamischen Glaubens zu unterscheiden. „Die christlichen Beduinen Jordaniens, die nicht weniger kämpferisch waren als ihre Nachbarn, wussten, wie man sich Respekt verschafft. Für die schwäche- ren Stämme dagegen war es naheliegend, sich unter den Schutz stärkerer muslimischer Stämme zu stellen, indem sie Tribute zahlten” „Gesegnete” Bestechungsgelder Mitte des 19. Jahrhunderts wagten sich die christlichen Kirchen Palästinas - Lateiner, Griechisch-Ortho- doxe, Anglikaner - auf der Suche nach ihren autochthonen Gläubigen mit Zustimmung der Hohen Pforte in die Gebiete jenseits des Jordans vor. Das Patriarchat Jerusalem erwies sich schon bald als dynami- schste pastorale Realität. Dank der Gründung der ersten Schulen konnten fromme und findige Missionare mit langen Rauschebärten - darunter Jean Moretain, Giuseppe Gatti, Alessandro Macagno - ein einzig- artiges und aufregendes apostolisches Abenteuer erleben. In dem geschlossenen Ambiente, das nun ihre Heimat war, hatten sie nicht nur mit korrupten Politikern und barbarischen Tribalismen zu kämpfen, son- dern auch mit religiösen Fanatismen. „Ich sagte das Dominus vobiscum und predigte meinen Pfarrkindern, und wenn ich nach unten blickte, konnte ich mehr Hörner und Tierköpfe sehen als Gläubige,” berichtet Pater Moretain über seine erste Messe in Salt in einem christlichen Haus, das auch als Stall fungierte. Wenn man Kirchen, Schulen und andere Einrichtungen bauen wollte, musste man sich nicht selten auch mit der Korruption und Geldgier der türkischen Obrigkeiten arrangieren. „Es war allgemein üblich,” schreibt Pierre Medebielle in seiner Geschichte der Mission von Salt, „sich die Freundschaft von Scheichen und türkischen Beamten mit Geschenken zu erkaufen. Das ,Können bestand darin, diese,Großzügigkeit’ in einem vernünftigen Rahmen zu halten.” Schon damals bestand in den Beziehungen zur muslimischen Mehrheit auf beiden Seiten ein Tabu, das eine religiöse Abschottung bedeutete. So weiß Medebielle von einem Christen zu berichten, der 1882 seine eigene Tochter enthauptete, weil sie sich einem Muslim hingegeben hatte. Das Verbot, sich in Konversionen zu versuchen einmal dahingestellt, verlief das Zusammenleben normalerweise relativ problemlos, war manchmal sogar von gegenseitigem Entgegenkommen geprägt: wie damals, als der Scheich von Karak an den Patriarchen von Jerusalem schrieb und ihn bat, für die Seelsorge seiner christlichen Mitbürger einen Priester zu schicken. Dann und wann geriet die zerbrechliche religiöse pax jedoch auch ins Wanken: wenn es z.B. zum Ausbruch von Stammesfehden kam oder der Fanatismus mancher muslimischer Leader die Oberhand gewinnen konnte. Aber die christlichen Gemeinschaften mussten vor allem die Konsequenzen der westlichen Nahost-Politik bezahlen. Im ersten Weltkrieg kam es in der Region zu gewalttätigen Repressalien: die Türken wiegelten die Muslime zu Razzien auf, und ein Großteil der Christen war gezwungen, mit den im Rückzug begriffenen englischen Truppen zu fliehen. Bei ihrer Rückkehr nach Kriegsende bot sich ihnen ein verheerendes Bild: zu Ställen umfunktionierte Kirchen, zerstörte Ordenshäuser und Schulen. Ein Brief von Bishara Farwagi, damals Pfarrer von Salt, vermittelt einen Eindruck der desolaten Situation: „Salt bietet einen bedauernswerten Anblick. Fuheis brennt noch immer: wie mir der Gouverneur berichtet, ist es ein einziger Trümmerhaufen. [...] Es gibt viel zu tun.” Zwischen König Hussein und PLO Das heutige Jordanien gilt als „gemäßigtes” islamisches Land. Das haschemitische Königreich, das aus dem unter britischer Mandatsverwaltung stehenden Emirat Transjordanien entstanden war, hat nie ein Hehl daraus gemacht, ein muslimischer Staat zu sein. Seine Macht legitimiert es mit der direkten Abstammung seiner Dynastie von Mohammed. Die verweltlichenden und progressistischen Theorien des panarabischen Nationalismus, die bis Ende der Siebzigerjahre in den Nachbarländern um sich griffen - von Syrien, über Ägypten bis in den Irak - konnten in Jordanien nie Fuß fassen. Und während andere arabische Länder Polizeikampagnen gegen die Muslimischen Brüder anzettelten, genossen die Militanten des Islamischen Wiedererwachens und die salafitischen Hardliner in Jordanien volle Handlungs- und Pro- pagandafreiheit. Islamische Religion und staatliche Institutionen stehen in einer vorbehaltslos akzep- tierten Wechselwirkung. Der Großmufti und die Imam der Moscheen werden von der bürgerlichen Macht ernannt, die deren Aktivitäten überwacht. Und um die Konformität der Regierungsbeschlüsse mit den Koranvorschriften zu beurteilen, konsultiert man hohe islamische Würdenträger. Die Christen Jordaniens haben diese islamische Legitimierung der staatlichen Institutionen grund- sätzlich nie beanstandet und sich mit der moderaten Anwendung der Koran-Gesetze durch die Regierenden zufriedengegeben. Der Islam ist Staatsreligion, aber die Verfassung von 1952 sanktioniert die Gleichheit aller Jordanier vor dem Recht ohne Diskriminierung basierend „auf Rasse, Observanz und Religion”. Garantiert sind „freie Kult- und Religionsausübung, im Einklang mit dem in Jordanien üblichen Brauchtum”, und auch die Bildungsfreiheit („die Kongregationen haben das Recht, eigene Schulen für die Ausbildung ihrer Mitglieder zu haben”, heißt es in Artikel 19). In all den Krisen und Stürmen, die Jordanien in den letzten 10 Jahren durchmachen musste, brachten die christlichen Minderheiten der Haschemiten-Dynastie stets Loyalität und Dankbarkeit entgegen. Die Massen palästinensischer Flüchtlinge, die ihre von Israel besetzten Gebiete verlassen mussten, haben das ethnisch-demographische Profil des Landes langsam aber unwider- ruflich verändert. In den Sech- zigerjahren waren einige palästinensische Christen (wie der aus Salt stammende Marxist Nayef Ha- watmeh) in den Führungsspitzen der PLO und anderen Palästinenserorganisationen vertreten - Staat im Staate -, die König Hussein nach den Aufständen von 1970 im Rahmen des berühmten „Schwarzen September” des Landes verweisen ließ. Aber das war der einzige Moment, in dem einige christliche Untertanen palästinensischer Abstammung zwischen der Sympathie für die muslimische Dynastie, die sie „beschützt”, und der Attraktion für die revolutionäre politische Militanz hin und herschwankten, die den Sturz der Monarchie im Auge zu haben schien.

Foto: König Abdullah II., Prinzessin Ranja mit den Oberhäuptern der Christen in Jordanien. Der erste von links ist Georges El-Murr, Erzbischof von Petra und Philadelfia der Melkiten.
Die Geigen von Anjara Die Flexibilität der jordanischen Christen den historischen Gegebenheiten gegenüber hat ihnen para- doxerweise dabei geholfen, im öffentlichen Leben, in Politik und Gesellschaft einen Platz einzunehmen, der sicher um einiges bedeutender ist, als die geringe Zahl der Getauften in der jordanischen Bevölkerung vermuten lassen würde. Neun von 110 Parlamentssitzen sind Christen vorbehalten. Der derzeitige Arbeitsminister Bassem al- Salem ist Christ, und vorherige Regierungen hatten bis zu drei Minister christlichen Glaubens. In den hohen Rängen des Militärs sind Christen vertreten, am königlichen Hof, in der Verwaltung der Gerichts- barkeit, in den Führungsspitzen von Unternehmen und jordanischen Banken. Die Journalisten Fahed Alfanek, Tarek Masarwa und Salwa Amarin - drei der einflussreichsten des Landes - sind Christen. Und doch, auch das ein Paradox, gerade dieser gesellschaftliche Status, der mühelos erworben wurde, ohne die eigene Identität verteidigen zu müssen, hat bei manchen Christen den Eindruck entstehen lassen, sie wären eine Elite, die von den alarmierenden Phänomen „bedroht” wird, die in der Gesellschaft zusehends Form anzunehmen beginnen: Frustration und Ressentiment, endemische Arbeitslosigkeit und unbefriedig- tes Konsumverhalten. Phänomene, die in den heruntergekommenen Peripherie-Zonen der Stadtzentren die alten Traditionen der Beduinenstämme zerschlagen und den Slogans der islamistischen Ideologie den Weg ebnen. Abu Musab al-Zarqawi, der angebliche Verbindungsmann zu Al Qaeda und zum iraki- schen Regime Saddam Husseins, den die US-Strategie zum Medienmythos machte, soll in Zarqa geboren und in jenen Jahren dort aufgewachsen sein, in denen die Peripherie des „jordanischen Chicago” vor palästinensischen Flüchtlingslagern aus den Nähten zu platzen drohte. Es ist also nicht weiter verwunderlich, wenn viele reiche christliche Familien Jordaniens ihre unsichere Zukunft als unerträglich empfinden und ihre Kinder ins Ausland schicken. So trägt auch die Emigration der jordanischen Christen zur langsamen Auslöschung der christlichen Gemeinschaften in den arabischen Ländern bei: eine weitere „Begleiterscheinung” unüberlegter westlicher Geopolitik in Nahost. Aber nicht alle können weggehen. Und manche denken gar nicht daran: Die Kinder der Schule von Anjara beispielsweise. Gerade jetzt, wo Pater Hugo zwei Geigen auftreiben konnte und den Leiter der Militärkapelle als „Geigenlehrer” angeworben hat, würden sie sich am liebsten jeden Nachmittag als Geigenvirtuosen versuchen. 30GiorniGianniValente0612

Foto oben rechts: Irakische katholische Mädchen bei der heiligen Messe in der Christkönigspfarrei in Misdar, im Zentrum von Amman
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