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° Papstrede vor Ordensfrauen auf dem Weltjugendtag in Madrid. Im Volltext.

Liebe junge Ordensfrauen!
   Am Weltjugendtag, den wir in Madrid feiern, ist es mir eine große Freude, euch begegnen zu können, die ihr eure Jugend dem Herrn geweiht habt, und ich danke für den liebenswürdigen Gruß, den ihr an mich gerichtet habt. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass der Herr Kardinal, der Erzbischof von Madrid, diese Begegnung an einem so bedeutungsvollen Ort vorgesehen hat wie dem Kloster San Lorenzo de El Escorial. Wie in dessen berühmter Bibliothek wichtige Ausgaben der Heiligen Schrift und der monastischen Regeln verschiedener Ordensfamilien aufbewahrt werden, so ist auch euer Leben der Treue gegenüber der empfangenen Berufung eine wertvolle Weise, das Wort des Herrn zu bewahren, das in den euch eigenen Formen der Spiritualität widerhallt.
   Liebe Schwestern, jedes Charisma ist ein Wort des Evangeliums, an das der Heilige Geist seine Kirche erinnert
vgl. Joh 14,26. Es ist nicht bedeutungslos, dass das geweihte Leben „»aus dem Hören auf das Wort Gottes hervorgeht und das Evangelium als seine Lebensnorm annimmt«. Das Leben in der Nachfolge des keuschen, armen und gehorsamen Christus ist daher eine »lebendige ,Exegese‘ des Wortes Gottes«. Der Heilige Geist, in dessen Kraft die Bibel geschrieben wurde, ist derselbe, der »die Gründer und Gründerinnen das Wort Gottes in einem neuen Licht sehen ließ. Diesem Wort entspringt jedes Charisma, und jede Ordensregel will sein Ausdruck sein«. So entstanden Wege christlichen Lebens, die von der Radikalität des Evangeliums geprägt sind“ Nachsynodales Apostolisches Schreiben Verbum Domini, 83.
  
Die evangelische Radikalität besteht darin, „in Christus verwurzelt und auf ihn gegründet, fest im Glauben“ Kol 2,7 zu bleiben. Im geweihten Leben bedeutet das, mit ungeteiltem Herzen an die Wurzel der Liebe Jesu Christi zu gehen und dieser Liebe nichts vorzuziehen vgl. Benedikt, Regel, IV,21, mit einer bräutlichen Zugehörigkeit, wie sie die Heiligen gelebt haben, so wie Rosa von Lima und Raffael Arnáiz, die jungen Patrone dieses Weltjugendtags. Die persönliche Begegnung mit Christus, die eure Weihe nährt, musds mit aller ihrer verwandelnden Kraft in eurem Leben bezeugt werden; und heute kommt ihr eine besondere Bedeutung zu, insofern „eine Art »Gottesfinsternis« festzustellen ist, ein gewisser Gedächtnisschwund, wenn nicht sogar eine ausgesprochene Ablehnung des Christentums und eine Zurückweisung des empfangenen Glaubensguts, wobei die Gefahr besteht, die eigene tiefere Identität zu verlieren“ Botschaft zum 26. Weltjugendtag 2011,1. Angesichts des Relativismus und der Mittelmäßigkeit erhebt sich die Notwendigkeit dieser Radikalität, die die Weihe als eine Zugehörigkeit zu dem über alles geliebten Gott bezeugt.
   Diese evangelische Radikalität des geweihten Lebens findet ihren Ausdruck in der kindlichen Gemeinschaft mit der Kirche, der von Christus erbauten Heimstatt der Kinder Gottes; in der Gemeinschaft mit den Hirten, die im Namen des Herrn das Glaubensgut verkünden, das sie durch die Apostel, das Lehramt der Kirche und die christliche Überlieferung empfangen haben; in der Gemeinschaft mit eurer Ordensfamilie, indem ihr dankbar ihr geistliches Erbe bewahrt und auch die anderen Charismen schätzt; in der Gemeinschaft mit anderen Gliedern der Kirche, wie den Laien, die berufen sind, von der eigenen spezifischen Berufung her das gleiche Evan- gelium des Herrn zu bezeugen.
   Schließlich drückt sich die evangelische Radikalität in der Sendung aus, die Gott euch anvertraut hat. Vom kontemplativen Leben, das in seinen Klöstern das Wort Gottes im beredten Schweigen aufnimmt und seine Schönheit in der von Ihm bewohnten Einsamkeit anbetet, bis zu den verschiedenen Wegen des apostolischen Lebens, in dessen Furchen der Same des Evangeliums aufgeht: in der Erziehung der Kinder und Jugendlichen, in der Pflege der Kranken und Alten, in der Begleitung der Familien, im Einsatz für das Leben, im Zeugnis für die Wahrheit, in der Verkündigung des Friedens und der Liebe, im missionarischen Einsatz und in der Neuevangelisierung, sowie in vielen anderen Bereichen des kirchlichen Apostolats.
   Liebe Schwestern, dies ist das Zeugnis für die Heiligkeit, zu dem Gott euch ruft und das ihr entfaltet, indem ihr Jesus, dem Christus, in der Weihe, in der Gemeinschaft und in der Sendung eng und absolut bedingungs- los nachfolgt. Die Kirche braucht eure junge Treue, die in Christus verwurzelt und auf ihn gegründet ist. Ich danke euch auch für euer großherziges, völliges und beständiges Ja zum Ruf des Geliebten. Möge die Jungfrau Maria eure geweihte Jugend stützen und begleiten. Zugleich habe ich den tiefen Wunsch, dass sie alle Jugendlichen innerlich anrühre, sie ermutige und sie erleuchte.
   In diesem Sinne bitte ich Gott, den großherzigen Beitrag des geweihten Lebens zu diesem Weltjugendtag reichlich zu belohnen. In seinem Namen segne ich euch aus ganzem Herzen. Danke.
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Frauen des gottgeweihten Lebens im Spiegel der deutschen Presse

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 Nur 150 Kilometer Luftlinie vom Atomkraftwerk in Fukushima entfernt liegt die Kleinstadt Ichinoseki. Dort küm- mert sich Schwester Caelina Mauer Foto, Thuiner Franziskanerin aus Heede im Emsland in einem Heim um Kinder und Jugendliche zwischen zwei und 18 Jahren. Seit dem Unglück lebt sie mit 60 Kindern in einer Turn- halle Foto unten, es fehlt an allem und die Kinder frieren bei Temperaturen, die nachts unter null Grad fallen.

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   “Der Schock durch das Erdbeben und den Tsunami sitzen noch tief. Trotz der drohenden nuklearen Kata- strophe harren sie aus. Weil es so viele Tote und Vermisste auch in der Nachbarpärfektur gibt, hat uns die Regierung gebeten Waisen und obdachlose Kinder aufzunehmen. Wir haben angesichts der hier herrschen- den Not natürlich sofort zugesagt, und werden alle hier unterbringen, auch wenn es sehr eng wird.”
Foto oben: Das Kinderheim der Thuiner Schwestern in Ichinoseki, Japan, vor dem Erdbeben.

   Nur 150 Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima entfernt, in der Präfektur Iwate, liegt die Kleinstadt Ichino- seki. Dort leitet Franziskanerschwester Caelina aus Heede (Emsland) ein Kinderheim. Die 47 Jahre alte ge- lernte Krankenschwester versucht nun, den durch das Erdbeben und den Tsunami traumatisierten Kindern wieder ein wenig Normalität zu geben.
   Wir mussten sofort evakuieren. Wir haben eine Woche in der nebenstehenden Turnhalle verbracht und sind nun wieder in das Kinderheim zurückgegangen, weil die Temperaturen immer noch unter null sind, bis minus drei Grad. Nach wie vor haben wir kein Heizöl, können also nicht die Zimmer heizen, so dass die Kinder ein Bad bekommen können. Damit müssen wir uns noch abfinden für eine gewisse Zeit. Aber ich denke, dass die Kinder wieder in ihren eigenen Räumlichkeiten leben können, dass sie wieder spielen können. Das trägt sicher dazu bei, dass sie sich einigermaßen regenerieren können. Der Bau ist ziemlich lädiert. Wir haben viele Risse in den Wänden, Deckplatten sind abgebrochen, Kacheln sind kaputt, der Fußboden ist total gerissen, ganze Wände, die Tapeten, sind völlig kaputt, Fensterscheiben sind zerstört. Das war ein Durcheinander, als wir wieder in das Heim zurückgegangen sind. Aber so langsam kehrt wieder Ordnung ein, und ich denke, dass wir so nach und nach wieder Ordnung finden und einfach in den alten Lebensumständen wieder leben können. Die Kinder haben von Anfang an durch unsere Psychotherapeuten „mental care" erhalten, und das wird fortgesetzt.
   Natürlich gibt es viele Solidaritätsanrufe. Viele wollen etwas schicken, aber die Infrastruktur ist einfach noch nicht mobil genug, die ist noch lahmgelegt. Aber wir erfahren viel Hilfe vom Ausland, unter anderem aus Deutschland, von den Maltesern, den Franziskanern. Das ist ganz wunderbar.
   Wir haben von unserer Präfektur ein Schreiben bekommen, dass wir gegebenenfalls in Kürze Kinder, die bei der Katastrophe vor einer Woche ihre Familie verloren haben und obdachlos wurden, aufnehmen sollen - beziehungsweise, ob wir das können. Und da haben wir sofort geantwortet, dass wir bereit sind, zusammen- zuarbeiten und auch über unsere Kapazitäten hinaus Kinder aufnehmen werden. Die Räume werden knapp sein, sie entsprechen sicher nicht den Umständen. Aber ich denke, für die erste Zeit ist es einfach vonnöten, dass die Kinder wieder in einer sicheren Umgebung sind, dass sie wieder mit anderen Kindern leben, spielen und sich aussprechen können.
   Wir werden natürlich über die Ereignisse im Atomkraftwerk Fukushima über die Medien informiert. Aber von der Stadt Ichinoseki oder von der Präfektur aus haben wir noch keine Weisungen erhalten. Wir müssen gut hingucken. Ich sehe das noch sehr realistisch. Und wenn ich meine Kinder so sehe - die haben noch mehr damit zu tun, dass sie mit dem Erdbeben und dem Tsunami fertig werden. An eine Flucht mit den Kindern habe ich noch nicht gedacht und denke ich auch zunächst nicht."
FAZ110321JuliaLotz
Mehr Informationen: www.n-joy.de/news_wissen/erdbebenjapan 131htms
Spenden und Fotos:
www.malteser-spenden.de

mis-Japan-HIlfeOS-z

   “Es ist die schlimmste Situation, die ich während meiner vieljährigen Missionsarbeit erlebt habe”, berichtet die indonesische Schwester Magdalena Priharyati Foto Mitte Leiterin der Missionsprokuratur der Thuiner Schwestern. Zwei Osnabrücker Schulen überreichen ihr für den Wiederaufbau des Kinderheims in Japan 4.533 Euro an Spenden. NOZ110625 

OS-Katholikentag Sr.Jordana-OP

Sr. Jordana Foto sprach das Wort zum Sonntag vom Katholikentag in Osnabrück live:
“Vielen Dank, Thomas Hermanns, nach Hamburg! . . .

   . . . Hier in Osnabrück auf dem Katholikentag stehe ich jetzt auf der MISEREOR-Bühne im Schlosspark. Und die Stimmung ist super! Wir hatten einen Tag voller angeregter Diskussionen auf Podien und in Workshops, in denen wir uns mit Themen wie Klimawandel, soziale Gerechtigkeit und das Miteinander in der Kirche aus- einandergesetzt haben. Und jetzt wird gefeiert. Natürlich mit viel Musik. Musik, die das zusammenbringt, was vieles Reden oft gar nicht kann. “Osnabrück rockt für Eine Welt”: Eine Welt, in der es gerecht zugeht und wir erkennen, dass wir nur gemeinsam etwas verändern können.
   Das Motto des Katholikentages ist: “Du führst uns hinaus ins Weite”. Weite bedeutet eben genau das: Nicht nur an sich selber denken, den anderen und die Zukunft im Blick haben. Wir feiern hier unseren Glauben an Gott, der uns nicht nur ins Weite führt, sondern der uns auch die Kraft gibt, diese Weite zu füllen, mit krea- tiven Ideen die Zukunft gerecht und friedlich zu gestalten. Und dass wir da nicht allein stehen, das ist hier spürbar.
   Und diesen Wunsch schicken wir jetzt auch nach Belgrad: Dass die gemachte und gehörte Musik verbindet, was getrennt ist und im Unfrieden. Das gemeinsam etwas ins Schwingen, in Bewegung kommt, was zu einem guten Miteinander beiträgt.
   Ein afrikanisches Sprichwort sagt: “Ein Freund ist jemand, der die Melodie deines Herzens kennt und sie dir vorsingt, wenn du sie vergessen hast.” Auf dass Sie diese Freundschaft – die Freundschaft Gottes und anderer Menschen – spüren und in Ihnen etwas anrührt! Hier in Osnabrück und in der ganzen Welt. In diesem Sinne schicken wir Ihnen jetzt musikalische Grüße mit Don Abi!”
ARD080525

OS-Katholikentag-Sign kisSrJordana-xx

... und ein Kommentar dazu von Imre Grimm in der HAZ:

Eine Nonne außer Rand und Band
   Das Klischee will es so: Nonnen sind stille Wesen, die züchtig und gottesfürchtig hinter dicken Kloster- mauern dem Sinn des Lebens nachträumen und sich in tiefer Demut in Arbeit und Gebet ergehen. Amen.
   Denken Sie genauso? Vergessen Sie's. Sie haben Schwester Jordana verpasst. Die Schwester vom Orden der Dominikanerinnen ist 39 Jahre alt und hauptberuflich Erziehungsleiterin im Bethanien Kinder- und Jugend- dorf Schwalmtal-Waldniel. Nebenberuflich darf sie seit Kurzem das „Wort zum Sonntag” in der ARD sprechen, und schon die allererste Ausgabe zeigte: Das tut sie wie niemand sonst. Ihre Premiere ging kurz vor dem Eurovision Song Contest über die Bühne. Jemand bei der ARD hatte die zündende Idee, gegen 20.50 Uhr direkt von der Grand-Prix-Party auf der Hamburger Reeperbahn zum Katholikentag nach Osnabrück zu schal- ten, von Party zu Party quasi. Dass das „Wort zum Sonntag” Jahr für Jahr mitten im Grand-Prix-Count-down zu sehen ist, ist immer wieder ein Quell der Freude. Diesmal aber stand Schwester Jordana auch noch mitten auf der „Schlossparkbühne von Misereor" vor 20.000 entfesselten Jungkatholiken und rockte das Haus. Für einen Moment war unklar, ob die Show in Belgrad schon begonnen hatte.
   „Die Stimmung ist super!”, rief Schwester Jordana, „und jetzt wird gefeiert. Natürlich mit viel Musik. Musik, die das zusammenbringt, was vieles Reden oft gar nicht kann. Das Motto des Katholikentages ist: ,Du führst uns hinaus ins Weite.’ Weite bedeutet eben genau das: nicht nur an sich selber denken, den anderen und die Zukunft im Blick haben. Und diese Weite wünsche ich mir auch für diese Dings, äh, gerechte Welt. Und diesen Wunsch schicken wir jetzt auch nach Belgrad: dass die gemachte und gehörte Musik verbindet, was getrennt ist und im Unfrieden. Dass gemeinsam etwas ins Schwingen, in Bewegung kommt.” Und so weiter und so fort.
Ins Schwingen und in Bewegung kam dabei vor allem Schwester Jordana selbst, die auf sympathische Weise zeigte, dass sie nicht jeden Tag vor 20.000 Menschen auftritt, dies aber unbedingt öfter tun sollte. „Ein afrikanisches Sprichwort sagt: ,Ein Freund ist jemand, der die Melodie deines Herzens kennt und sie dir vorsingt, wenn du sie vergessen hast.’ Wir schicken Ihnen jetzt musikalische Grüße mit Don Abi!”, rief die enthusiasmierte Ordensschwester, und dann kam der Sänger Don Abi und rief, man müsse an die „Kraft der Gemeinsamkeit glauben, we are all one! Party people! Yeah!”, und dazu rockte die Nonne, obwohl noch gar keine Musik zu hören war.
   Gegen Schwester Jordanas Auftritt war die Grand-Prix-Party von der Reeperbahn ein Kaffeenachmittag im Nonnenkloster. Obwohl - „Kaffeenachmittag im Nonnenkloster”? Wieder so ein Wortbild, das in den Papierkorb gehört. Es ist immer gut, wenn man seine Vorurteile regelmäßig überprüft. Und liebe ARD: Wenn's bei „Schmidt & Pocher” mal nicht mehr so läuft - es gäbe da einen Ersatz.

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Mit einer Puppe nachgestellt wie eine Frau ihr Kind in eine Babyklappe legt
Hinter der Babyklappe: Findelkinder - Sr. Bernadetta pflegt abgelegte Säuglinge

„Die Kleider sind der einzige Schatz, den diese Kinder von ihren Eltern haben”
   „Die ersten Stunden des Lebens sind die wichtigsten", sagt Schwester Bernadetta. Die Ordensfrau hat sich ein Tuch gekauft, die Kinder vor die Brust gebunden und sie tagelang herumgetragen, wenn es wieder soweit war. Wenn ein anonymes Baby in der Klappe lag. „Keiner weiß, was es vor und nach der Geburt erlebt hat", sagt sie. „Es wird die Ablehnung und Not der Mutter gefühlt haben. Deshalb muss es den Herzschlag spüren und erkennen: Jemand ist jetzt für dich da."
   Schwester Bernadetta ist ein Engel hinter der Babyklappe. In der Kinderklinik ihres Ordens in Berlin hat sie fünf Jahre lang solche verlorenen Kinder betreut, sie gewickelt, ihnen vorgesungen, bis sich neue Eltern fan- den. Sie hat einige wenige Mütter zu ihren Neugeborenen zurückgebracht und ein Netzwerk zwischen den Adoptiveltern geknüpft. Damit die Kinder andere treffen können, die ihr Schicksal teilen. Von den Eltern wissen sie nichts anderes, als dass sie ihr Baby schnell und ungesehen loswerden wollten. Alle müssen später damit leben, verstoßen worden zu sein.
Nach einer Minute klingelt der Alarm
  Deutschlandweit gibt es 81 solcher Abgabestellen, in die vier Berliner Klappen wurden seit 2001 28 Kinder gelegt. Manche Krankenhäuser denken sich schönere Namen aus, nennen sie „Babynest" oder „Babyfenster". Manche sind aus kaltem Edelstahl, andere sehen aus wie weiße Türen. Wenn jemand ein Baby in die beheizte Kammer legt und die Klappe schließt, gibt es vorerst kein Zurück. Die Tür ist dann verriegelt. Eine Minute später klingelt der Alarm in der Notaufnahme der Kinderklinik, Zeit, die der Mutter bleibt, um wegzugehen.
Schwester Bernadetta holt einen Umschlag hervor, wie ihn die Klinik in die Klappe legt. Ein Brief an die Mutter: „Wir helfen Ihnen gerne und freuen uns, wenn Mutter und Kind zusammenbleiben können", steht da. Als geheimes „Zeichen" gibt es eine gebastelte halbe Postkarte. Die fehlende Hälfte liegt in der Klinik. Mit ihrer Hälfte kann sich die Mutter zu erkennen geben. Zusätzlich sind Gen-Untersuchungen nötig, wenn sie ihr Baby wiederhaben möchte.
   Das wollen nur wenige. Eine 19-Jährige zum Beispiel hatte ihre Tochter allein zu Hause geboren, sieben Stunden lang, und mit der Küchenschere abgenabelt. Der Familie mochte sie sich nicht anvertrauen, bangte um ihre Arbeitsstelle. Im Internet fand sie die Adresse der Babyklappe, gab dort das Neugeborene ab und ging zur Arbeit. Einen Tag später zog die Verzweiflung sie zurück zur Klinik. Mit Hilfe von Schwester Berna- detta konnte der Großvater als familiärer Vermittler eingeschaltet werden. Es ist schwer zu verstehen, aber es geschieht in solchen Fällen oft, dass Familie und Freunde von der Schwangerschaft nichts mitbekommen oder mitbekommen wollen. Obwohl der jungen Frau sogar beim Besuch ihrer Mutter die Fruchtblase geplatzt ist.
   Manche Frauen schicken Briefe an ihr Baby, schildern die Umstände, die Armut, die Angst, als illegale Aus- länderin aktenkundig zu werden. Manche geben dem Kind einen Namen und schreiben, dass sie sich als Verbrecherinnen fühlen. Den meisten Kindern aber bleiben nur die Kleider, die sie auf dem Leib trugen. Schwester Bernadetta hebt sie auf. „Das ist der einzige Schatz, den sie von ihren Eltern haben", sagt sie. Sie macht Fotos, nimmt einen Fußabdruck, gibt ihnen einen kleinen Schutzengel für den Nachttisch und einen Namen aus der Bibel. Zwei für Jungen, zwei für Mädchen liegen in der Notaufnahme immer bereit. So kommt das Findelkind zum Eintrag beim Standesamt.
   In vergangenen Jahrhunderten hat man solche Kinder vor Klöstern durch die Klappe zur Armenspeisung gereicht. Heute liegen die Klappen verborgen an Seiteneingängen der Kinderkliniken, vor allem aber in einer juristischen Grauzone. Denn nach der Verfassung hat jedes Kind ein Recht zu erfahren, wer seine Eltern sind. Im juristischen Gedankengebäude ist nicht vorgesehen, dieses Recht in Frage zu stellen. Derzeit beschäftigt sich der Deutsche Ethikrat mit dem Thema. Die Hoffnung der Betreiber, die Klappen zu legalisieren, weicht der Befürchtung, sie könnten alsbald ausdrücklich verboten werden.
   Um ihren Hals trägt Schwester Bernadetta eine Medaille der Heiligen Elisabeth von Thüringen. Die mittel- alterliche Legende erzählt, Elisabeth sei dabei ertappt worden, wie sie den Armen in der Hungersnot gegen den Willen ihrer gräflichen Familie Brot bringen wollte. Doch in ihrem Korb waren auf wundersame Weise statt Brot nur Rosen zu sehen gewesen. Ein ähnliches Rosenwunder, das die Gegner besänftigen könnte, will sich im Streit um die Babyklappen bislang nicht einstellen. Sie rechnen vor, dass auch neun Jahre nach Eröffnung der ersten Station die Zahl der Kindstötungen stagniert. Sie sagen: Kein Baby werde gerettet, aber viele Kinder durch das anonyme Angebot zu Verstoßenen gemacht.
   In Wahrheit kann wohl niemand sagen, was aus den Klappenkindern ohne Klappe geworden wäre. Schwester Bernadetta zitiert das Gleichnis vom verlorenen Schaf in der Herde der Hundert und wie viel wichtiger die Anstrengung um dieses eine sei, als um die 99 anderen, die der Hilfe nicht bedürfen. Vielleicht geht es bei Babyklappe nicht nur um Lebensrettung. Nebenan in der Jugendpsychiatrie des gleichen Kranken- hauses kennt man viele Fälle von Kindern, die jeden Tag aufs Neue von ihren leiblichen Eltern verstoßen worden sind. „Nicht gewollt zu sein", sagt Bernadetta, „ist für ein Kind das Schlimmste überhaupt."
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   Schwester Bernadetta ist eine von 326 Schwestern, die in Deutschland für die Kongregation der Schwestern von der heiligen Elisabeth arbeiten. Der katholische Orden betreibt hierzulande acht Krankenhäuser. Geboren 1973 in einem polnischen Dorf bei Posen als eines von sieben Geschwistern trat die gelernte Kranken- schwester mit 20 Jahren in den katholischen Orden ein, studierte Theologie und kam 2003 als Kinder- krankenschwester zum St. Joseph-Krankenhaus in Berlin, wo sie unter anderem die Babyklappe betreute. Seit kurzem arbeitet sie als Seelsorgerin in den Krankenhäusern Sankt Elisabeth und Sankt Barbara in Halle.
>>> Babyklappen in Deutschland >>> http://www.babyklappe.info/alle_babyklappen/index.html

Sr. Veronika in Hamburg   HH-SrVeronika   Den Körper und die Seele pflegen

   Schwester Veronika (46) begleitet Menschen gern. Auch Sterbenden hilft sie in den letzten Minuten. Bis zum Schluss wacht die katholische Ordensschwester über diese Menschen. Viele wären ohne sie in diesem Moment wohl sehr einsam. Seit anderthalb Jahren ist die ausgebildete Krankenschwester hauptsächlich in der Seelsorge im Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand tätig. Den Patienten begegnet sie mit charismatischer Offenheit, die schnell Vertrauen aufbaut. „Wenn ich mich mit ihnen über ihr Leben unterhalte, hören das teil- weise Nachbarpatienten. Auch sie wollen dann oft mit mir sprechen.”
   Wie ernst ihr die Arbeit ist, sieht man in ihren Augen. Außerdem ist sie 24 Stunden sieben Tage die Woche auf dem Gelände der Klinik. Sie wohnt in einer kleinen Klausur. Heute gibt es im Wilhelmsburger Krankenhaus neben Veronika nur noch zwei weitere Ordensschwestern. Für Schwester Veronika war es ein innerer Drang, in den Orden der Katharinen-Schwestern einzutreten. „Damit wollte ich meinem Ziel entgegenkommen, den ganzen Menschen zu pflegen - den Körper wie die Seele.” Am glücklichsten sei sie, wenn sie sieht, wie die Patienten nach Gesprächen zu sich finden. Wie sie lernen, das Leben zu akzeptieren.
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Schwester Clemensa, HH-St.Pauli: Alimaus eine warme Stube für den Kiez

   Jens Meyer-Odewald fragt spontan für das Hamburger Abendblatt Menschen, was sie gerade bewegt, lädt sie auf einen Kaffee ein und lässt sie erzählen.
   Bitterkalt ist es auf der Reeperbahn. So und so. Inmitten des pulsierenden Feierabendbetriebs geht eine Ordensschwester zielstrebig Richtung Nobistor, vorbei an allen möglichen Spelunken. Kaffee möchte die Franziskanerin Clemensa nicht trinken, einen heißen Kakao um so lieber. Also auf zum Café Möller am Beatles- Platz.
   Wohin des Weges, Schwester? „Von meiner Kirchenwohnung in der Großen Freiheit zu Alimaus", antwortet sie nach einem erwärmenden Schluck. Fragende Blicke erwidert sie mit der Erklärung: Gemeinsam mit vier anderen Schwestern und 200 ehrenamtlichen Helfern werden in der Sozialeinrichtung am Rande des Kiezes Frühstück und Mittagessen an Obdachlose und Bedürftige ausgegeben. „300 bis 400 Gäste haben wir", sagt die gelernte Erzieherin. Tag für Tag, finanziert durch Spenden. Hinzu kommen eine Kleiderkammer, medizi- nische Versorgung sowie eine Beratungsstelle. Im Mai wechselte die Ordensschwester von der „Wärmestube" in Osnabrück als Leiterin zu „Alimaus".
   Schwester Clemensa blickt auf die Uhr. Eile ist geboten. Seit gestern wird auch Abendbrot ausgeteilt - der Winter naht. Was noch mehr Arbeit bedeutet.
    Doch über Mühe und Plage redet die couragierte Wohltäterin gar nicht gerne. Schon eher über ihr Hobby: Ohne Krimi geht sie selten ins Bett.
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Mein Vorbild, Mutter Teresa. Ihr Leben widmet Schwester Clemensa Gott und den Mitmenschen.
Auf dem Kiez ist sie für die Menschen da, die am Rande der Gesellschaft stehen.

  Der Kiez in St. Pauli ist nicht Kalkutta. Auf der Reeperbahn liegen keine Leprakranken am Bürgersteig, und zu trinken gibt es auch genug. Doch auch hier zwischen den Spelunken, Tabledance-Bars und Dönerläden gibt es Menschen, die Hilfe benötigen. Die jemanden brauchen wie Schwester Clemensa - die Mutter Teresa von St. Pauli. Mit forschem Schritt geht die Franziskanerin die Große Freiheit entlang. Die bunteste Straße auf dem Kiez, wie die Ordensfrau sie nennt. Die Straße, die sich jede Nacht zur Partymeile verwandelt und in der Schwester Clemensa wohnt. Direkt gegenüber dem Musikklub Große Freiheit 36.
Rund 350 Menschen kommen täglich, um zu essen und sich aufzuwärmen
   „Moin, Schwester", ruft ihr ein Mann in abgewetzter Kleidung zu. Der unrasierte Mittfünfziger lehnt an einer Hauswand. Zum Gruß hebt er seine Bierdose. Es ist nicht das erste Bier, das er an diesem Morgen trinkt. Die 69-Jährige, unter deren Kopfbedeckung weiße Haarsträhnen hervorragen, kennt ihn. Er ist jeden Tag Gast in der Alimaus Foto oben, einer Sozialeinrichtung für Obdachlose und Bedürftige am Nobistor. Schwester Clemensa leitet das Haus seit Mai 2009, das mit seiner roten Holzfassade und dem Grasdach wie ein schwedisches Ferienhaus aussieht. Gemütlich, warm, offen für jeden. 300 bis 400 Menschen kommen täglich, um zu essen und sich aufzuwärmen - mit Kaffee, aber auch durch ein bisschen Zuneigung.
   „Wir müssen zwar nicht wie Mutter Teresa sterbenskranke Menschen von der Straße auflesen", sagt Schwester Clemensa. „Aber wir arbeiten in ihrem Sinne." Dem Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, zu helfen, das Leben Gott und seinen Mitmenschen zu widmen, das ist auch ihre Mission. Sie bewundere die Arbeit von Mutter Teresa, die jetzt 100 Jahre alt geworden wäre. „Sie ist ein Vorbild für mich", sagt die Ordensfrau und lächelt sanft. Dabei kräuseln sich viele kleine Lachfalten um ihre hellblauen wachen Augen. Und sie sagt, es sei ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden.
   So wie hier auf dem Kiez. Ein Ort, an dem die Franziskaner-Schwester auffällt. Durch ihre hochgeschlossene schwarze Tracht und ihre aufgeschlossene Art. Auch an diesem Morgen zieht sie die Blicke auf sich. Touristen drehen sich nach ihr um. Frauen in knappen Miniröcken, die vermutlich gerade von der Arbeit kommen, nicken ihr freundlich zu. Zwielichtig aussehende Kerle mit breiten Schultern grüßen die Schwester in respektvollem Tonfall. „Gerade die Türsteher sind immer sehr höflich", sagt sie. Und so manche Gestalten, die vermutlich im Kiezmilieu  zu Hause sind, stecken der Ordensfrau mit einem knappen „Für die Kaffeekasse" schon mal Geld zu. Es ist ihre ganz eigene Art zu helfen. Ohne viel Aufsehen. „Sie wissen, dass ich in der Alimaus arbeite", sagt Schwester Clemensa. So wie die meisten, die täglich auf der Reeperbahn anzutreffen sind.
   Ja, diese Leute pflegten schon einen anderen Lebensstil. „Aber deshalb sind es ja keine schlechten Men- schen. Sie sind nur anders", sagt die zierliche Frau, die auch schon der Kultkneipe Zum Silbersack einen Besuch abstatte. Interessant sei es, in diese anderen Welten einzutauchen. „Jeder lässt jeden nach seinem Stil leben."
Als Teenager träumte sie davon, später zu heiraten und Kinder zu kriegen
  
Ablehnung bekomme sie nicht zu spüren auf Hamburgs Amüsiermeile. Umgekehrt begegnet sie jedem mit Respekt. Egal, ob oder womit er sein Geld verdient. „Es ist eine sehr tolerante Gegend hier", sagt Schwester Clemensa, während sie am Cafe Möller am Beatles-Platz vorbeigeht („Hier trinke ich ab und zu einen Kaffee"). Um hier glücklich zu werden, sei es wichtig, jedem unvoreingenommen gegenüberzutreten. „Man muss sich für die Menschen hier interessieren - und sie ein Stück weit lieben."
   Weniger geliebt hat sie das Bauernhofleben in niedersächsischen 4.000-Einwohner-Ort Merzen, in dem Clemensa Möller 1941 zur Welt kam. „Das war nicht mein Ding", sagt sie und rümpft für einen kurzen Augen- blick die Nase. „Ich hatte keinen Draht zum Bauernhof." Groß geworden ist sie fernab von grell blinkender Leuchtreklame in einem katholischen Elternhaus. Zusammen mit drei Brüdern und einer Schwester. „Gottesdienstbesuche gehörten für uns dazu wie das Essen und Trinken."

  Mit Ordensschwestern kam sie das erste Mal in Kontakt, als sie auf ein Internat im Emsland kam, wo sie ihre mittlere Reife machte. „Aber eine Ordensschwester wollte ich damals noch nicht werden", sagt sie und lacht. Als Teenager träumte sie noch vom Heiraten und Kinderkriegen. „Das Leben der Schwestern war mir fremd." Aber sehr geschätzt habe sie diese Frauen. Und sie beobachtet. „Mit der Zeit wuchs der Wunsch, denselben Weg einzuschlagen."
   Mit 20 stand ihr Entschluss fest, ins Kloster zu gehen. Eine Entscheidung, die ihre Familie wenig begeisterte. „Meine Geschwister fanden es sogar unmöglich", erinnert sich die Frau mit dem hübschen Lächeln. Ihre Mutter habe es akzeptiert. „Sie hat es hingenommen, weil sie wusste, dass es wenig Sinn macht, mich davon abzubringen." So sei sie schon als Kind gewesen. „Wenn ich mir etwas fest vorgenommen habe, habe ich es auch gemacht."
   Schwester Clemensa schmunzelt, und für eine Sekunde scheint das kleine, dickköpfige Mädchen von früher vor einem zu stehen. Dass sie in dem Franziskanerkloster in Thuine bleiben wollte, sei ihr eigentlich von An- fang an klar gewesen. „Ich hatte dieses Gefühl: Hier gehöre ich hin. Die Gemeinschaft zu erleben war schön. Und wir hatten viel Spaß - wir waren ja alle noch sehr jung damals", sagt Schwester Clemensa, die im Laufe der Jahre unter anderem in verschiedenen Kinderheimen als Erzieherin tätig war und vor ihrer Hamburger Zeit in der „Wärmestube" in Osnabrück gearbeitet hat.
   Eines haben all ihre Stationen gemeinsam: die Nächstenliebe, die für Schwester Clemensa wesentlicher Bestandteil ihres Selbstverständnisses ist. „An Nächstenliebe fehlt es immer", sagt sie und geht zielstrebig Richtung Nobistor. „Man bemüht sich, das zu geben, was jeder braucht - aber erfüllen kann man es nicht." Entmutigt klingt sie dabei nicht. Eher bescheiden.
   Den Gästen in dem Haus Alimaus, das durch Spenden finanziert wird, hat sie gemeinsam mit vier anderen Schwestern und 200 ehrenamtlichen Helfern viel zu geben. Mehr als nur Frühstück und Mittagessen. Hier können die Mittellosen auch die Seele auftanken. „Manchmal hilft es schon, wenn sich jemand ihre Sorgen und Nöte anhört und man einfach nur zuhört", sagt Schwester Clemensa. Sie steuert den Eingang der Sozialeinrichtung an.
Berührungsängste kennt Schwester Ciemensa nicht
   Sie wird bereits erwartet. Rund ein Dutzend Bedürftiger steht vor der Tür. Die Männer schenken der Ordens- frau ein Lächeln, das sie erwidert. Berührungsängste hat sie nicht. Es sind keine Leprakranken, die dort auf sie warten. Aber Menschen, die zum Teil schon längere Zeit nicht mehr geduscht haben. Die ihre Alkoholsucht nicht im Griff haben. Ebenso wenig wie ihr Leben. Schwester Clemensa gibt ihnen ein Stück ihrer Würde zurück.
HA100826FranziskaBehring Spendenkonto: Hilfsverein St. Ansgar, Hamburger Sparkasse, Konto- nummer 103 824 60 60 BLZ 200 505 50 Stichwort: „Alimaus”.

St-MutterTeresa-z St-MutterTeresaPost-x Sr. Clemensa: Mutter Teresa - Mein Vorbild

Mutter Teresa [1910-1997] - „Engel der Armen“ wurde vor 100 Jahren geboren.
Mutter Teresa stellte ihr Leben in den Dienst der Nächstenliebe.

   Den Ärmsten der Armen in den Slums von Kalkutta zu helfen war ihre Mission. Jetzt wäre Mutter Teresa, der „Engel der Armen", 100 Jahre alt geworden. Mutter Teresa kam in Skopje, der Hauptstadt des heutigen Mazedoniens, zur Welt. Ihr bürgerlicher Name war Agnes Gonxha („Knospe“) Bojaxhiu. Ihre Eltern erzogen sie und ihre beiden Geschwister im katholischen Glauben. Bereits im Alter von 18 Jahren entschloss sich Mutter Teresa dazu, in den Orden der irischen Loreto-Schwestern einzutreten, wo sie unter anderem Englisch lernte. Nach einem kurzen Aufenthalt in Irland ging sie nach Indien und arbeitete 17 Jahre lang an der St. Mary's School in Kalkutta.
1979 erhielt Mutter Teresa den Friedensnobelpreis
  
Auf einer Zugfahrt nach Darjeeling im Jahr 1946 vernahm sie „Gottes zweiten Ruf", den Ärmsten der Armen zu helfen. Zwei Jahre später verließ sie die Loreto-Schwestern und gründete den Orden der „Missionarinnen der Nächstenliebe". Mutter Teresa, die sich ins Gewand der Armen in Bengalen kleidete - einem weißen Sari mit blauer Borte -, stellte ihr Leben fortan in den Dienst der Nächstenliebe und kümmerte sich um die Men- schen in den Slums von Kalkutta. 1950 wurden die „Missionarinnen der Nächstenliebe" vom Vatikan anerkannt und dem Erzbischof von Kalkutta unterstellt.
  Mutter Teresa, die am 1997 in Kalkutta an einem Herzstillstand starb, erhielt im Laufe ihres Lebens viele Aus- zeichnungen, darunter den Friedensnobelpreis (1979) und den Unesco-Friedenspreis (1993). Im Jahr 2003 spach Papst Johannes Paul II. sie vor rund 300.000 Gläubigen heilig.
   Dem von Mutter Teresa gegründeten Frauenorden der „Missionarinnen der Nächstenliebe" gehören heute rund 4.500 Schwestern in 133 Ländern an, der Orden unterhält 710 Häuser. Darunter sind Heime für Sterbende, Lepra- oder Aidskranke, Obdachlose und Kinder.
   In Hamburg kümmern sich sechs Missionarinnen im Haus Bethlehem auf St. Pauli um Obdachlose. Insgesamt leben im Erzbistum Hamburg 250 Ordensschwestern, darunter Franziskanerinnen, Clarissinnen und Dominika- nerinnen.
HA100826fbe Mehr über Mutter Teresa > Heilige - ?

Gäste im Kloster auf Finkenwerder     SrTeresaFinkenwerder-x     mit Schwester Teresa

   Wer eine Auszeit von der Hektik des Alltags sucht, ist bei den drei Karmelitinnen in Hamburg auf Finken- werder willkommen. Schweigen und Stille sind wichtige Elemente des katholischen Ordens, den die Heiligen Teresa von Avila im 16. Jahrhundert erneuerte. Dass Gäste am geistlichen Leben der Schwestern teilhaben können, ist eine Besonderheit der kleinen „Karmelzelle von der Menschwerdung” auf der Elbinsel. Als klausurierte Schwestern leben wir normalerweise im Verborgenen”, erläutert Schwester Teresa. Viele Gäste haben seit der Klostergründung 1999 die Möglichkeit genutzt zum gemeinsamen Schweigen und Meditieren, etwa bei den regelmäßigen „Tagen der Stille”. Anmeldung: 040 – 74 21 43 75. MishaLeuschenHA070313

EsterwegenLxx Lager Esterwegen

Mauritz-Schwestern  EsterwegenSt.Mauritz.xx

   Die Ordensfrauen sollen dort im Gebet und Gespräch den Besuchern der Gedenkstätte Esterwegen zur Verfügung stehen, die vom Landkreis Emsland derzeit aufgebaut wurde. Außerdem sind sie in der Gemeinde- arbeit aktiv.
   Der Osnabrücker Generalvikar Theo Paul habe mit seiner Anfrage bei ihr “offene Türen eingelaufen”, berichtet Schwester Birgitte Hermann, Provinzoberin der Mauritzer Schwestern im Mutterhaus in Münster: “Mein Herz fing sofort an zu brennen, als ich den Brief las.” Für den Orden, der eigentlich in Krankenhäusern, Altenheimen und Sozial-Stationen im medizinisch-pflegerischen Bereich tätig ist, sei dies eine Chance, “einen heilenden Dienst auf andere Weise” zu leisten.
   Schwester Birgitte berichtet, dass ihre Anfrage an die etwa 800 Schwestern der deutschen Provinz, ein positives Echo erhalten habe. Viele der Schwestern hätten den Schrecken des Nationalsozialismus noch unmittelbar selbst erlebt und spürten noch heute die Nachwirkungen. “Aber wir haben nie darüber geredet”, sagt Schwester Angelinis Lübbers, eine jener Schwestern, die sich dazu bereit erklärte, nach Esterwegen zu gehen.
   Die Franziskanerinnen kommen an einen Ort, an dem Menschen unbeschreibliches Leid erfahren haben: “Ich habe den Wunsch, dass wir an diesem Ort mit unserem geschwisterlichen Zusammensein etwas entgegen- setzen”, sagt Schwester Jacintha Altenburg. “Wir wollen im Gebet anwesend sein, ohne uns anderen aufzudrängen – damit können wir ein neues Fundament schaffen.” Sie könnten zeigen, dass an einem Ort, an dem einmal viel Unheil geschehen sei, Heil sein könne: “Wir wollen den Menschen Christi heilende Gegenwart bringen.” Wie genau ihr Engagement aussehen wird, wollen sie erst festlegen, wenn sie im neuen Kloster angekommen sind.
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EsterwegenMauritzSxx Kloster Esterwegen

Mauritzer Franziskanerinnen beziehen Kloster neben dem ehemaligen Lager Esterwegen

   Vier Mauritzer Franziskanerinnen haben ihr neues Kloster am ehemaligen Lager in Esterwegen bezogen. Dort wollen sie mit Gebet und Gespräch die Erinnerungsarbeit der Gedenkstätte mittragen. Auf diese Aufgabe freuen sich Schwester Jacintha Altenburg, Schwester Annegret Budde, Schwester Angelinis Lübbers und Schwester Veronika Bothe sichtlich. „Das ist wie ein Geschenk von oben”, sagt Schwester Veronika mit zupackender Begeisterung.
   Gern führen sie erste Besucher herum, lassen sie einen Blick ins Wohnzimmer und das Gäste-Appartement werfen und auch in die kleine Kapelle mit dem wuchtigen Altar aus 450 Jahre altem Eichenholz. „Wir haben schon Priester gefunden, die mit uns Gottesdienst feiern”, sagt Schwester Angelinis lächelnd. Zu dieser Messe und zu einigen Gebetszeiten werden die Besucher eingeladen. Diese Offenheit ist den Franziskanerinnen wichtig. Man spürt, wie überzeugt alle vier Frauen von ihrer Aufgabe sind, an diesem Ort gemeinsam etwas Neues aufzubauen. „Das ist wie ein Geschenk von oben”, sagt Schwester Jacintha.
   Denn ein Kloster direkt neben einer Gedenkstätte für ein ehemaliges Konzentrationslager, das ist auch für den Münsteraner Orden ein neuer Weg. Freiwillig hatten sich die Schwestern dafür gemeldet. Mit Praktika in Dachau oder Ravensbrück und mit intensiver Lektüre zur deutschen Vergangenheit haben sie sich auf Ester- wegen vorbereitet. „Ich wusste vorher nicht viel über die Emslandlager”, gibt Schwester Veronika zu. Aber je näher der Einzugstermin rückte, desto mehr spürten sie bei vielen Begegnungen, wie Geschichte die Gegen- wart prägt. Sogar bei Eltern und im eigenen Orden: „Auf einmal darf darüber geredet werden”, sagt Schwester Jacintha. Für sie, eine gebürtige Niederländerin, mag der Dienst in Esterwegen ein besonderer Schritt sein. Ihre Familie hatte im Krieg sehr gelitten. „Diesen Schmerz möchte ich in Versöhnung verwandeln.”
   Nicht mit Seminaren oder Führungen über das Lagergelände wollen sie das erreichen. Das wird Aufgabe des Landkreises Emsland und des Dokumentationszentrums (DIZ) sein, die die Gedenkstätte aufbauen. Die Ordensfrauen wollen durch ihre bloße Präsenz helfen und heilen. „Wir wollen einfach da sein”, sagt Schwester Veronika: ohne sich aufzudrängen und damit diesem verwundeten Ort ein neues Gesicht geben.
   Oft genug werden sie genau hinhören, werden feinfühlig erspüren müssen, was ihren Gast bewegt. Wer mag, kann darüber mit einer der Franziskanerinnen sprechen. Oder sich still in den „Raum der Sprachlosig- keit”, nach draußen oder in die Kapelle setzen. Helfen wird dabei die Anbindung an St. Johannes in Ester- wegen. Schwester Annegret und Schwester Angelinis arbeiten dort weiter mit: im Krankenbesuchs- und Küsterdienst. Schwester Veronika denkt daran, Exerzitien im Alltag, Bibel-Teilen oder Fastenwochen anzubie- ten - gerade für Mitglieder des Gemeindeverbundes.
   Wie groß das Interesse der Esterweger an ihrem ersten Kloster ist, haben die Ordensfrauen erfahren. Sie berichten von freundlichen Zaungästen, von lieben Geschenken und einem warmen Willkommen in der Ge- meinde. Das hat über die anfängliche Angst an diesem abgelegenen, stillen Ort und die erste schlaflose Nacht hinweggeholfen. „Das ist vorbei”, sagt Schwester Jacintha und schaut ihre Gefährtinnen an. „Wir fühlen uns wohl hier.”
Petra-DiekMünchowKiBo070610

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Foto: Das neue Kloster auf dem ehemaligen KZ-Gelände in Esterwegen ist eingeweiht.
Die Schwestern Veronika
links
, Angelinis Mitte und Jacintha kümmern sich um die Menschen,
die nach dem Rundgang durch die Gedenkstätte einen Ort der Ruhe suchen.

   Wie ein Kloster sieht das gar nicht aus: ein nüchternes Backsteinhaus, der Garten ganz ohne Mauer. Doch in die einstige Verwaltungsstelle der Bundeswehr sind Mauritzer Ordensfrauen eingezogen. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode hat jetzt das neue Refugium der vier Franziskanerinnen ein. Noch ungewöhnlicher als der Bau ist der Standort des Klosters: Es liegt auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Esterwegen. Gleich neben der dort entstehenden Gedenkstätte soll es an die Leiden der damaligen Häftlinge erinnern.
   Die Geschichte der 15 Emslandlager, zu denen Esterwegen gehörte, ist in der Region lange verdrängt worden. „Das kannten eher die von außerhalb”, erzählt Klosternachbar und Gemeinderat Hermann Memering. „Hier im Dorf war das kein Thema.” Fast 30.000 Gefangene, die von den Nationalsozialisten unter unmensch- lichen Bedingungen zur Kultivierung der Moore gezwungen wurden, starben dort insgesamt, darunter in Esterwegen nach 1933 zahlreiche Widerstandskämpfer.
   Der 56-jährige Memering hat mehr als 30 Jahre lang als Hausmeister der Bundeswehr auf dem Gelände ge- arbeitet. Den meisten aus dem Ort dagegen ist das umzäunte Gebiet nie zugänglich gewesen. Nach der Auf- lösung des Militärdepots entschied der Landkreis Emsland vor zwei Jahren, Esterwegen zur zentralen Stätte der Erinnerung an die Konzentrations- und Gefangenenlager der Nazis im Emsland auszubauen. Und der Osnabrücker Generalvikar Theo Paul hatte die Idee mit dem Kloster, wo Besucher das Erlebte ein Stück weit verarbeiten können.
   Mit dem Einzug der Schwestern Jacintha, Veronika, Angelinis und Annegret aus Münster öffneten sich im Mai buchstäblich die Türen. Das Rolltor an der „Lagereinfahrt” wurde aufgezogen. Ein Spitzbogen aus Lärchenholz weist den Weg in das Kloster. Freundlich blicken die Frauen in den grauen Ordenstrachten Besuchern in die Augen, die - derzeit nur nach Anmeldung - den Rundgang durch die noch provisorische Gedenkstätte hinter sich haben und die Klosterpforte passieren. 5.000 waren vor der offiziellen Klostereinweihung schon da, allein 2.000 am Tag der offenen Tür. „Die Begegnung mit Schikane, Folter und Todesqualen kann sprachlos ma- chen”, sagt die aus Holland stammende Schwester Jacintha. Ein „Raum der Sprachlosigkeit” lade deshalb zum Nachdenken ein.
   Stahlgitter versperren dort seit dem Umbau die Fenster. Überall im Kloster weisen der Architekt Ulrich Tilgner und der Bildhauer Klaus Simon anrührend auf die leidvolle Lagergeschichte hin. Da zeigen die Eichenbänke und das Kreuz in der Kapelle Risse und Granatensplitter als Bilder der Verletzlichkeit. Da wird die Lore, einst Fahrzeug beim zwangsweisen Torfabbau, im Gottesdienst zum Altar. Betonstelen symbolisieren Standhaftig- keit, dahinter schaffen Torfstücke und das „Lied der Moorsoldaten”, 1933 von Lagerinsassen geschrieben, ein bleibendes Vermächtnis. „Das ist ihr Testament”, betont Schwester Jacintha beim Blick auf den Text an der Wand. „Wir haben die Häftlinge hier mit hereingenommen.” Nicht wenige Besucher trauten sich sogar, die bekannte Melodie anzustimmen und ihre Eindrücke so zu verarbeiten.

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Foto: Erinnerungen im Halbdunkel: Die Franziskanerinnen Jacintha und Veronika im “Raum der Sprachlosigkeit”. Die Lore aus Holz soll an die schwere Arbeit der Gefangenen im Moor erinnern.

   Den christlichen Glauben wollen die Franziskanerinnen keinem aufdrängen. Sie haben offene Ohren für jeden, der ihnen seine Geschichte erzählen mag. Zum Beispiel für den über 70-Jährigen, der als kleiner Junge einem gefesselten Häftling helfen wollte, aber vom ängstlichen Vater gleich weggezogen wurde. Oder für die Anwohner, die die Schmerzensschreie der Lagerbewohner hörten und darunter litten, sowie auch für jene, die nichts gewusst haben wollen. Ein früherer Häftling aus Belgien, der das Lager besichtigte, wollte nicht sprechen. „Er hat sich ganz erschüttert und stumm zum Auto zurückführen lassen”, erzählt Schwester Veronika.
   Von den einstigen Aufsehern des Lagers hat sich bisher keiner an den Orden gewandt. Freuen können sich die Schwestern über die gar nicht wenigen Esterwegener, die damals aus Mitleid den ausgehungerten Häftlingen Brot oder Kartoffeln über den Zäun warfen. Manche von ihnen, und auch ihre Kinder und Enkel, bringen heute den Ordensschwestern Gemüse aus dem Garten, Marmelade und Eingemachtes als Spende vorbei. Seit es das Kloster gibt, ist das Lager im Dorf zum Gesprächsstoff geworden.
HAZGabrieleSchulte071119

Nächstenliebe. In der Innenstadt von Hamburg ist sie der Anlaufpunkt für Menschen in Not:
Die “Mutter Teresa” vom Gerhart-Hauptmann-Platz - Liebfrauenschwester Petra Schulte.

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Mit ihrem Volkswagen steht Ordensschwester Petra regelmäßig vor Karstadt und hilft Obdachlosen und anderen Bedürftigen. Die gute Seele vom Gerhart-Hauptmann-Platz feierte jetzt ihren 70. Geburtstag

Schwester Petra verteilt Brötchen,Kaffee und Tee, Jacken, Pullover und Schlafsäcke an Obdachlose.
 
Eisig braust der Wind durch die Hamburger Innenstadt. In der Mönckebergstraße müssen sich die Passanten hüten, nicht zu straucheln. Frostige Zeiten ganz besonders für Obdachlose und andere Bedürftige. Welch Segen, dass es Schwester Petra gibt. Unerschütterlich steht sie ihre Frau - stabil, das gesamte Jahr über. Grundsätzlich an der gleichen Stelle, am Gerhart-Hauptmann-Platz vor Karstadt. Seit 1998 gilt ihr weißer VW Caddy dort als Bastion der Nächstenliebe, als Anlaufpunkt für Menschen in Not. Zweimal täglich verteilt die 70 Jahre alte Ordensschwester heiße Getränke, selbst geschmierte Brote, warme Kleidung und manches auf- munternde Wort an jene, die es bitter nötig haben.
   So wie Helmut. Der Frührentner verbringt die Nächte derzeit in einem Wohnheim in der Nähe des Haupt- bahnhofs. Der Fußweg zu Schwester Petra zählt seit Jahren zu den Konstanten in seinem Leben. Beide kennen sich (auch mit Namen) und klönen vertraut. Mit einem Pappbecher Kaffee, einem belegten Rundstück und einem Stück Kuchen zieht der Mann von dannen. „Ohne Schwester Petra wäre das Leben ärmer", sagt er. „Gott sei Dank, dass es diese Einrichtung der mobilen Hilfe gibt." Die paar Minuten am Heck des Mini- Lieferwagens haben ihm ein bisschen Wärme gebracht. So und so.
   Derweil hat sich Schwester Petra, von den umliegenden Geschäftsleuten auch „Hamburgs Mutter Teresa" genannt, anderen zugewandt. In diesen Wintertagen stehen morgens zwischen zehn und elf Uhr meist 25 Personen am helfenden Mobil; nachmittags sind es etwas weniger. Viele sind Stammkunden und kennen sich untereinander. Neulingen hilft die rüstige Ordensschwester nicht nur mit Jacken, Pullovern, Schlafsäcken, Schals und Socken, sondern auch mit handfesten Tipps. Wo sind Sozialarbeiter oder Seelsorger zu finden? Was bringt das Winternotprogramm? Wo gibt es die schnelle Unterkunft?
   „Manchmal sind ein liebes Wort und ein offenes Ohr ebenso wichtig wie Tee oder Brötchen", sagt Schwester Petra Schulte während einer kurzen Verschnaufpause. Sie selbst sei so kuschelig gekleidet, dass sie der Frost nicht störe. Mehr schon die Gleichgültigkeit, mit der mancher Passant auf das Schicksal der Notleidenden reagiere. Dennoch überwiegen Verständnis und Anteilnahme bei weitem. Zuspruch, Komplimente, aber auch Zuschüsse in die Spendenbüchse gehören dazu. Eine Bekleidungsfirma stiftete einen Satz Handschuhe, und jüngst übergab ein Mann spontan seine Pelzjacke.
   Wie gut, dass die Caritas ihrem Namen alle Ehre macht und Schwester Petras anpackenden Dienst er- möglicht. Das speziell ausgerüstete Auto wurde 1997 vom Erlös eines Benefizkonzerts im Michel gekauft, das 22.000 Euro einbrachte. Wenige Monate später ging's los. Seitdem startet die gebürtige Meppenerin aus dem Liebfrauenorden in Beim bei Osnabrück werktäglich um 6.30 Uhr mit ihrem Projekt, welches zur Herzenssache wurde. Nach dem Gebet in ihrer Wohnung im Generalvikariat des Erzbistums Hamburg auf St. Georg werden Dutzende Brötchen geschmiert, 15 Liter Kaffee gebrüht und vier Liter Wasser für Tee aufgesetzt. Zeitgleich liefern Zivildienstleistende von der Bahnhofsmission Kuchenspenden an.Um 9.30 Uhr setzt sich die Ordens- schwester in ihren Volkswagen und braust Richtung Einsatzort.
   Dass Helmut, Dieter und andere Stammkunden diesmal mit Blumen kamen, hat guten Grund: Schwester Petra feierte ihren 70. Geburtstag. Mit Gottesdienst und Dank des Weihbischofs. Zeit zum Aufhören? „Eine Ordensschwester geht nie in Rente", entgegnet sie. „Solange mir der Herrgott die Kräfte gibt, bleibe ich hier stehen."
HA100204JensMeyerOdewald
So hilft die Caritas Obdachlosen
 Unter dem Motto „Not sehen und handeln" setzt sich der Caritasverband Hamburg für schwache und benach- teiligte Menschen ein. Seit 1995 ist die Mobile Hilfe mit einem Kleinbus unterwegs, um eine medizinische Erstversorgung anzubieten. Hinzu kommt ein „Zahnmobil". Im ehemaligen Hafenkrankenhaus gibt es eine „Krankenstube" mit 14 Betten für Notleidende, und in der Innenstadt befindet sich ein „Stützpunkt" für Obdachlose. Die Caritas ist zusammen mit der Stadtmission und dem Kirchenkreisverband auch Träger der Bahnhofsmission. Im Rahmen des Winternotprogramms fahren Ehrenamtliche der Kirchengemeinden jeden Abend Menschen von der Bahnhofsmission zu der Notunterkunft in die Sportallee. In der Caritas-Zentrale in der Danziger Straße gibt es eine Kleiderkammer und eine Sozialberatung.
HA100204JensMeyerOdewald
  
Die Ordensgemeinschaft der Liebfrauenschwestern hat ihr Mutterhaus in Belm bei Osnabrück. 31 Schwes- tern haben hier ihr “zuhause”, erhalten hier ihre Ausbildung und übernehmen dann als Frauen des gott- geweihten Lebens Aufgaben im Dienst des Evangeliums wie Schwester Petra. Es ist mehr als ein Beruf. Es ist eine Berufung zu einem sinnerfüllten Leben. > eMail: haus.st-marien@t-online.de

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Es kommt auf die Kleinigkeiten an. Ein Leben in Gottes Hand: „Ich habe nie viel besessen, vermisse nichts.'
Morgendliche Routine: Frühstückstische decken

Sr. Lucilla Fotos oben ist für die Bewohner des Marienhauses Hannover in der Gellertstraße eine wichtige seelische Stütze. Die 80-Jährige weiß das und denkt noch lange nicht daran, ihre Arbeit niederzulegen

   Schwester Lucilla hat einen straff organisierten Arbeitstag. Jeden Tag steht die 80-jährige Ordensschwester um 5 Uhr morgens auf. Wenn die meisten Bewohner des Marienhauses noch schlafen und es noch ruhig auf den langen Gängen und in den Zimmern ist, deckt Schwester Lucilla die Tische ein. Alles hat seinen Platz und seine Ordnung, wenn die Ordensschwester am Werk ist: Sie streicht den gelben Tischläufer sorgfältig über einer weißen Decke glatt, bestückt den Tisch mit gelben Servietten, Kerzen und frischen Blumen. Mit derselben Sorgfalt richtet sie dann das Frühstück an. „Ich möchte dazu beitragen, dass die Bewohner sich hier heimisch und geborgen fühlen", sagt die Ordensschwester. „Da kommt es auf die Kleinigkeiten an."
   Eigentlich ist Schwester Lucilla gelernte Hauswirtschafterin. Doch ihr Engagement geht weit über diesen Be- reich hinaus. Seit 30 Jahren steht sie den schwer kranken Bewohnern des Marienhauses und ihren Ange- hörigen den ganzen Tag zur Verfügung - sie hört zu, spendet Trost und ist eine Stütze in Glaubensfragen.
   Kraft tankt sie immer, wenn sie die Zeit findet, sich im Garten des Hauses zurückzuziehen. Die grüne Oase hinter dem Altenpflegeheim trägt die Handschrift der Schwester, die vor mehr als 60 Jahren in den Orden der Vinzentinerinnen eingetreten ist. Im Sommer blühen hier Hyazinthen, Rosen und Rhododendren; religiöse Figuren säumen die Wege. „Die Bewohner sollen sich hier wohlfühlen, die Natur genießen und entspannen", wünscht sich die bescheidene Frau. Wenn sie dann auf einer der kleinen Bänke Platz nimmt und betet, ist sie ganz bei Gott.
   Energie für ihre tägliche Arbeit holt sich die Ordensschwester in der sogenannten Woche der Stille, die dem Gebet und der Andacht gewidmet ist. Während der Exerzitien spricht die sonst so muntere Frau kein einziges Wort. Stattdessen betet, studiert und ruht Schwester Lucilla. „Das ist unglaublich heilsam", sagt sie.
   Schwester Lucilla hat ihr Leben in Gottes Hände gelegt. Alles, was sie macht, vollbringt sie für andere. Und damit steht ihr Leben ganz im Zeichen des Ordens, der sich der Nächstenliebe verschrieben hat. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich den richtigen Lebensweg eingeschlagen habe", sagt sie. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass ihre Eltern sie streng katholisch erzogen haben. „Die jungen Leute von heute müssen viel mehr zurücklassen als wir damals", sagt sie. „Ich hingegen habe nie viel besessen und daher in meinem Amt kaum etwas vermisst."
   Die 80-Jährige erinnert sich noch genau an den Tag, als ihre Familie ihr gesamtes Hab und Gut in Schlesien verloren hat. Damals war sie ein 16-jähriges Mädchen - das älteste von zehn Geschwistern. Wenn Schwester Lucilla von der Vertreibung spricht, erzählt sie von Nachbarn, die nach und nach verschwunden sind, von der permanent herrschenden Angst und Unruhe und davon, wie ihre Eltern vorsorglich Kleidung und Geschirr im Hühnerstall versteckt hatten, um das Wichtigste schnell zusammenpacken zu können. Doch dafür blieb schließlich keine Zeit. Die Familie musste aufbrechen - ohne die Habseligkeiten.
   Es begannen Monate der Ungewissheit in Auffanglagern. Schließlich landete die Familie in Braunschweig. Lucilla arbeitete - bevor sie dem Orden beitrat - in einer Fabrik, dann bei einem Bauern und schließlich als Küchenhilfe. „Ich habe mein Leben damals genossen", sagt sie und ihre blauen Augen blinzeln dabei. „Und ich bin auch viel tanzen gegangen", fugt sie hinzu. Die Freude am Feiern hat sie sich bewahrt. „Wenn wir Fasching feiern, ist Schwester Lucilla immer die Letzte auf der Tanzfläche", verrät eine Kollegin augen- zwinkernd.
HAZ100916StefanieNickel

Schwester Bernarda ist wiederauferstanden kis-SrMariaBernada-z

   In Argentinien und anderen lateinamerikanischen Ländern ist Schwester Bernarda als Fernsehköchin unge- fähr so populär wie Sarah Wiener in Deutschland. Sie zeigt in ihrer Ordenstracht der Schwestern vom Heiligen Kreuz vor der Kamera, wie man selbst aus einfachsten Zutaten Kunstwerke zaubert. Als jetzt die Nachricht vom Ableben der 84 Jahre alten Nonne getwittert wurde, reagierten ihre Fans bestürzt. Doch die Trauer währte nicht lange. Schnell meldete sich die einer Familie von Wolgadeutschen entstammende Schwester Maria Bernarda Seitz bei einem Radiosender und bemerkte, dass sie selbst am meisten von der Todes- nachricht überrascht wurde. „Es geht mir sehr gut. Ich bin wiederauferstanden", sagte sie. Die Erfahrung zu sterben habe sie zur Gewissenserforschung angeregt - schließlich werde Ostern die Auferstehung Jesu gefeiert. FAZ110415oe

Schwester Bernarda wurde als TV-Köchin in ganz Lateinamerika zum Star.
Was Gott und die Liebe mit gutem Hefegebäck zu tun haben

  Wenn der Regieassistent die Karte mit dem pfeildurchbohrten Herzen hochhielt, dann wusste Schwester Bernarda, TV-Köchin beim argentinischen Sender „elgourmet“, dass es Zeit war für ihre Liebesbotschaft. Sie hielt kurz inne, im Hefeteigkneten zum Beispiel, und sagte etwas wie: „Das Reich Gottes ist in uns, aber wir müssen es rauslassen, durch kleine Zeugnisse der Liebe wie diesen Kuchen.“ Oder sie dekorierte den Teller mit einer Blume: „Diese Rose ist ein wenig blass, aber Gott hat sie uns so gegeben, und die Natur erfreut das Herz“. Wenn man Essen mit Liebe zubereitet, so ihre Botschaft, dann kann gar nichts schiefgehen. Voraus- gesetzt, man hat vorher die Backform gut eingefettet.
   Ein halbes Jahrhundert zuvor, am 4. Mai 1949, hatte Padre Daniel ihr einen Ring geschenkt und einen neuen Namen: „Die Novizin Florentina Seitz heißt von heute an Schwester Maria Bernarda“ sprach er und überreichte ihr eine Kerze. Das Licht solle sie in die Welt bringen, trug er ihr auf. Also suchte sich Maria Bernarda, 22, Schwester vom Heiligen Kreuz, ihre Aufgabe. Sie dachte an die Worte von Paulus: „Gott hat jedem von uns durch seinen Heiligen Geist unterschiedliche Gaben geschenkt.“Fragte sich: Welche Gabe hat er mir gegeben? Manche reden, manche pflegen Kranke, manche predigen. Sie, beschloss Schwester Bernarda, würde kochen. Mit Spiritualität und Pragmatismus.
   Und das tat sie. Kochte Ravioli mit Spinat und Ricotta, Kartoffelauflauf, Schinkenkipfel. Lehrte an Hauswirt- schaftsschulen, jahrzehntelang, über 3.000 Schülerinnen. Kochte Spätzle, gefüllte Tomaten, Gulasch. Fuhr nach Deutschland und in die Schweiz, um Rezepte zu sammeln. Buk Apfeltorte, Frankfurter Kranz, Oster- tauben aus Hefe. Übersetzte deutsche Kochbücher ins Spanische. Mischte Kartoffelsalat, Hähnchensalat, Reissalat. Bis irgendwann jemand vom Fernsehen von der kochenden Nonne hörte. Und sich dachte: Mit der machen wir eine Sendung.
   So wurde aus Florentina Seitz erst Schwester Bernarda und dann die bekannteste Fernsehköchin Latein- amerikas. „Süße und salzige Versuchungen“ hieß ihre Kochsendung, die bis vor wenigen Jahren im Sender „elgourmet“ lief, den man sogar in den USA und in Spanien sehen kann. Im vergangenen Sommer gab sie noch Kochkurse, mit mittlerweile 84 Jahren, jetzt erscheint ihr neuestes Kochbuch: „Recetas naturales“, Gerichte mit viel Gemüse. Ihr erstes Kochbuch ist in Argentinien ein Klassiker: 120.000 Exemplare von „100 Recetas“ wurden verkauft, in 26 Auflagen.
   Schwester Bernarda lebt in Quilmes, eine halbe Stunde außerhalb von Buenos Aires, in einem Haus des Ordens, das zur spirituellen Einkehr und Meditation dient und umgeben ist von einem Garten mit mächtigen Bäumen. Sie hat Kaffee gekocht und Basler Leckerli gebacken, in der Schweiz haben sie ihr mal gesagt, erzählt sie mit dunkler Stimme, ihre Leckerlis seien besser als das Original.
   Vor Kurzem, jetzt klingt Schwester Bernardas Stimme entrüstet, habe sie sich eine Kochshow im Fernsehen angeschaut. An den Unterarmen klebte dem Koch der Teig, sie schüttelt den Kopf, und wie der das Ei aufgeschlagen habe, so grob! Sellerie schnitt er, die Blätter warf er einfach weg! Statt zu sagen, dass man daraus einen köstlichen Salat bereiten kann! Was für eine Verschwendung.
   Bei ihr wäre so etwas niemals vorgekommen, ihr Kochen ist mehr Schule als Show. Während andere Fern- sehköche auf „elgourmet“ um die Welt fliegen und Exotisches zubereiten, stand Schwester Bernarda in grauer Tracht, mit weißer Schürze und Ärmelschonern immer in der gleichen einfachen weißgekachelten Schulküche, in der sie auch unterrichtete. Ihre Töpfe glänzten nicht, ihr Ofen bräunte nicht gleichmäßig, ihr roter Mixer hatte schon einige Feiertags-Kuchenteige durchquirlt. Ab und an zeigte die Kamera in Großaufnahme, was ihre Hände kneteten und hackten und schnitten, aber meist stand die Kamera einfach still. Im Hintergrund lief leise mittelalterlich anmutende Musik. Wer beim Zappen inmitten der immer lauten, meist dramatischen und selten botoxfreien argentinischen Fernsehwelt ihre Sendung entdeckte, musste glauben, auf einer entlegenen Insel der Ruhe gestrandet zu sein.
   Ihre Fans drücken es so aus: „Diese Ordensschwester gibt mir Ruhe, ich entspanne mich, wenn ich ihr und ihrer einfachen kulinarischen Kochkunst zuschaue“, schreibt einer auf Youtube. Oder: „Die Schwester ist ein wunderbares Wesen und sie kocht wie ein Engel.“
   Man könnte sagen: Es war die neue Einfachheit, die Schwester Bernarda so populär machte. Dabei ist es tatsächlich immer die alte Einfachheit gewesen, sie kennt es ja nicht anders. Denn einfach war ihre Kindheit in der Pampa, die sieben Geschwister, Eltern und Großeltern versorgten Kühe, Schweine und Hühner. Wenn der Schatten die Wand erreicht hat, sagte die Mutter ihr, als sie noch nicht die Uhr lesen konnte, dann stellst du den Topf aufs Feuer. Außer Salz, Zucker, Reis und Kräutern für den Mate-Tee wurde alles selbst gemacht, gekäst, geschlachtet, gewurstet, „Leberwurst, Blutwurst, alles“! Gekaufte Wurst aß sie zum ersten Mal im Konvent, 16 war sie da, eklig schmeckte ihr die, „ich bekam sie kaum runter“.
   Die Liebe zu Gott und zum Essen, sagt Schwester Bernarda, gehörte für sie seit ihrer Kindheit zusammen. Bestimmte doch beides den Tagesablauf, morgens früh melkte der wolgadeutsche Großvater die Kühe, in einer Hand den Rosenkranz, „Heilige Mareia, Muttergottes“. Die Mutter brachte den Kindern den Katechismus bei, gebetet wurde vor jedem Essen. Die Kirche war weit, einmal im Jahr kam der deutsche Missionar. Dann war Messe, und später spielte Bernarda, damals noch Florentina, mit ihren Geschwistern alles nach, warf sich einen Umhang um, denn im Spiel war sie immer die Religiöse. „Glücklich war ich“, sagt sie, auch wenn die Mutter schimpfte: „Die Heilige Messe spielt man nicht nach!“
   Die Familie, sie hat Schwester Bernarda geprägt, äußerlich ist ihr der leichte deutsche Akzent geblieben und die Vorliebe für deutsches Essen, innerlich die Überzeugung, dass es glücklich macht, etwas für die Familie zu tun. Dass dem Ring von Padre Daniel kein anderer folgen durfte, bekümmerte sie nicht, konnte sie so doch vielen Familien weitergeben, was sie bis heute glaubt: Dass es ein Zeichen der Liebe ist, für jemanden zu kochen.
    Ein Zeichen, das in der Welt der Schwester Bernarda die Frauen geben sollen. Kochende Männer kommen bei ihr nicht vor, sie begrüßte ihre Zuschauerinnen mit „liebe Freundinnen“ und redet von den Hausfrauen, denen sie zeigen will, wie man durch perfekte Organisation des Haushalts Zeit spart.
   Wo bleibt da die Emanzipation? könnte man fragen, ihr ein antiquiertes Weltbild vorwerfen – aber in Wahrheit ist es doch genau das, wofür sie geliebt wird: Für die Verkörperung einer Zeit, in der die Rollen klar verteilt waren, die Familie eng zusammenlebte, die Natur den Alltag bestimmte und alles seinen festen Platz hatte. Eine Zeit, die oft die gute alte genannt wird, und die man doch nicht wiederhaben will. Aber die halbe Stunde, in der Schwester Bernarda kocht, ist ein kleiner Fluchtpunkt aus einem Alltag, in dem alles möglich ist und deshalb alles infrage gestellt wird. Eben eine Insel der Ruhe, die Konzentration auf das Wesentliche.
   Nur wenn es um die Dekoration geht, wird Schwester Bernarda übermütig. Dann wird Sahne gespritzt und Schokolade gestreut, werden Blumen in den Zuckerguss gesteckt und Kiwis auf den Kuchen gestapelt. Schön muss es aussehen, sagt sie, damit die Liebe sichtbar wird. In ihrer Sendung strahlte sie dann, schaute von ihrem Werk in die Kamera und warf ihren Freundinnen einen Handkuss zu. Und schwebte aus dem Bild, mit fast übernatürlicher Leichtigkeit.
Tagesspiegel110415

LaOP1xx Johanniterkommende

Dominikanerinnen in Lage-Rieste

   Vor zehn Jahren kamen 14 Dominikanerinnen nach Lage Rieste. Der Bischof von Osnabrück Dr. Franz Josef Bode hatte sie eingeladen. Das Gebet und die Zeit des Schweigens sind Kennzeichen dieser Gemeinschaft, die vor 800 Jahren vom heiligen Dominikus gegründet wurde. Heute gehören 4.500 Ordensschwestern in 250 Klöstern diesem Orden an. Neben Regensburg und Bamberg steht in Lage-Rieste das dritte Kloster der Domi- nikanerinnen in Deutschland. 070109NOZ

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ARD-Serie: Um Himmels willen. Auszug aus einem Interview der NOZ mit Janina Hartwig

Frau Hartwig, die Dominikanerin Susanna Mander siehe Bericht unten ist ganz begeistert von Ihnen. Hätten Sie damit gerechnet?
   Ich habe es gehofft. Natürlich habe ich mich im Vorfeld der Dreharbeiten viel mit Nonnen und einem Karmelitenpater unterhalten, der zu den besten Freunden unserer Familie zählt. Insofern war mir das Thema überhaupt nicht fremd. Wenn ich dann noch von einer Nonne, die sozusagen im Stoff steht, so eingeschätzt werde, freut mich das natürlich um so mehr.
Wer ist Ihre engste Beraterin in Nonnenfragen?
   Ich habe hier in München meine Schwester Rita, die kann ich mit Fragen jeglicher Art anrufen. Und sie ist zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen. Sie sagt: Natürlich ist das eine Komödie, ganz so läuft das bei uns nicht ab, aber es gefällt mir. Da ist das beste Kompliment, das sie mir machen konnte - wir drehen ja schließ- lich keinen Dokumentarfilm über das Klosterleben, sondern spielen eine Komödie. Und so etwas ist immer dramaturgisch überhöht.
Hat es eigentlich vonseiten der Kirche mal Versuche gegeben, die atheistische Fernseh-Nonne ein- zugemeinden?
   Überhaupt nicht, warum auch? Ich bin ja Schauspielerin, Ich habe mal eine Selbstmörderin gespielt und sitze jetzt ganz lebendig vor Ihnen. Außerdem ist mir das Thema überhaupt nicht fremd gewesen. Meine Eltern haben immer darauf geachtet, dass es neben dem sozialistischen System der DDR noch etwas anderes gibt. Meine Mutter war viel mit uns Kindern in der Kirche, und in meiner Dresdner Zeit hatte ich auch viel Kontakt zu Kirchenleuten. Gerade in der Wendezeit hat die Kirche ja eine große Rolle gespielt. Und die Familie meines Mannes besteht ohnehin aus praktizierenden Katholiken. Mein Mann als Cellist spielt oft Kammerkonzerte in Kirchen, da begleite ich ihn häufig und gern.
Gehen Sie Ostern eigentlich in die Kirche?
   Ganz bestimmt. Fast mit der ganzen Familie - mit meinem Mann, meinem kleinen Sohn und einer der beiden Töchter, die andere hat selbst Besuch. Das hat Tradition bei uns: Erst gehen wir in die Kirche, dann noch ein bisschen spazieren. Einer geht dann schon mal vor, und wenn wir heimkommen, ist der Osterhase da ge- wesen und hat überall die Eier verteilt.
Sie sind doch gar nicht in der Kirche, warum gehen Sie dann rein?
   Mein Mann ist katholisch, dem ist es ein Bedürfnis, und ich gehe gerne mit.
JoachimSchmitzNOZ070407

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Dominikanerin Susanna Mander, Kloster Lage-Rieste Foto: ARD-Sr.Hanna

Aus anfänglichem Kopfschütteln wurde Anerkennung für die Fernseh-Nonne
  
Ahnungslos habe ich mich auf etwas eingelassen, das nicht zu meinem Tagesprogramm gehört: TV-Unter- haltungssendungen anzuschauen. „Um Himmels Willen!” musste ich spontan denken, als ich die ersten Folgen der gleichnamigen Reihe gesehen hatte. Denn bei kritischer Betrachtung kann ich nur schmunzeln und den Kopf schütteln über die skurrilen Figuren wie die Nonnen, den Bischof und den Bürgermeister, der sich von einer Nonne die Leviten lesen lässt (was ich toll fände, wenn es so was in der Realität gäbe). Es belustigt mich auch das Drumherum, das Hightech-Büro der Ordensoberin zum Beispiel im Gegensatz zu dem einfachen Kloster in Kaltental. Kurzum: Mit der klösterlichen Realität hat das Ganze wenig zu tun.
  Was ist es aber, das dieser Serie so hohe Einschaltquoten beschert? Zweifellos ist es die Ordensschwester Hanna, dargestellt von Janina Hartwig. Als „echte” Nonne nahm ich sie, zugegeben, ziemlich skeptisch aufs Korn. Doch ich muss anerkennen: Sie spielt ihre Rolle erstaunlich gut und verstellt das Bild einer Ordensfrau nicht. Warum? Unbefangen und auch natürlich hat sie sich in diese Rolle eingelebt. Sie trifft immer den richti- gen Ton, ist ganz bei der Sache und immer anwesend, wenn und wo es brennt. Sie scheut sich nicht, den Menschen die Wahrheit zu sagen, und zwingt sie geradezu, ihre „Machenschaften” zu beenden. Sie ist bei alledem nicht rechthaberisch, ehr- oder selbstsüchtig, sondern setzt sich ein für jene, die in Not und hilfs- bedürftig sind, denen Unrecht geschieht. Beispielhaft!
   Damit verkörpert sie genau das Gegenteil des Bürgermeisters, der rechthaberisch, eitel und berechnend stets auf seinen Vorteil bedacht ist. Interessant ist, dass von den beiden Hauptrollen nur die Person des Bürgermeisters völlig überzogen und karikiert ist, die der Nonne aber nicht. Von der Spannung zwischen diesen beiden Personen, zwischen Nonne und Bürgermeister, zwischen „Kirche und Welt”, zwischen Gut und Böse, ja, auch zwischen Frau und Mann, lebt die Serie. Eine ähnliche Konstellation war schon bei „Don Camillo und Peppone” erfolgreich. Trotz der zum Teil überzeichneten Charaktere zeigt diese Fernsehreihe zumindest im Hinblick auf die Hauptdarstellerin kein negatives Nonnenbild (was auf ihre Mitschwestern allerdings nicht durchweg zutrifft).
   Was vermittelt diese Serie? Sicher nicht das wirkliche Ordensleben in einem Kloster - aber doch, in der Person von Schwester Hanna, das Bild einer Ordensfrau, die couragiert, engagiert und aufrichtig ihren Weg geht - und davon gibt es in der Realität ganz viele. Das lieben die Zuschauer wohl auch an dieser Fernseh- Nonne. Mal sehen, wie es mit meiner „Mitschwester” Hanna weitergeht.
   Schwester Susanna Mander gehört seit 1962 dem Dominikanerinnen-Orden an. Seit dem Jahr 2000 lebt sie mit zehn weiteren Schwestern im Dominikanerinnenkloster „Zum gekreuzigten Erlöser”, das das Bistum Osnabrück vor sieben Jahren in der ehemaligen Kommende Lage in Rieste, Landkreis Osnabrück errichtet hat.
NOZ070407 Mehr > Lage

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Das gute Ende einer langen Suche: Sehnsucht Kloster: Eine Neurobiologin wird Ordensfrau
Von Hermann Queckenstedt (Text) und Hermann Pentermann (Fotos)               NOZ120120

 Der 8. Dezember spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte des Dominikanerinnenklosters „Zum gekreuzig- ten Erlöser"in Lage-Rieste (Landkreis Osnabrück): Am 8. Dezember 2000 weihte der Osnabrücker Bischof Dr. Franz-Josef Bode die neue Ordensniederlassung in der alten Johanniter-Kommende Lage, und auf den Tag genau elf Jahre später gab es für die neun Ordensfrauen erneut einen großen Grund zur Freude: die erste Einkleidung einer Novizin oder - wie man außerhalb des Klosters formulieren würde - die erste Neuaufnahme, freilich zunächst auf Zeit und zur Probe.
   Rund anderthalb Jahre zuvor hatte Joanna Maria Otto im April 2010 erstmals Lager Klosterluft geschnup- pert: „Ich erinnere mich noch gut daran. Als sie den Klosterhof betrat, blitzte und donnerte es aus heiterem Himmel", beschreibt Priorin Susanna Mander jenen denkwürdigen Tag, an dem sie den Gast - sicherlich mit einem schelmenhaften Lächeln um die Lippen - nach der Bedeutung dieser Himmelszeichen fragte. Eine Erklä- rung hatten beide jedenfalls nicht.
   Die 35-jährige Neurobiologin Joanna Maria Otto bog damals auf die vorläufige Zielgerade eines Weges ein, den ihr sicherlich dreieinhalb Jahrzehnte zuvor kaum jemand prophezeit hätte. In Berlin geboren, wuchs sie zunächst ohne den christlichen Glauben auf: Getauft wurde sie erst im Jahre 2006.
   Die Suche nach dem Leben und seinem Sinn führte sie nach dem Abitur nach Freiburg, wo sie - fasziniert von der Natur - Biologie studierte. Um dem Wesen des Menschen nachzuspüren, spezialisierte sie sich auf das Fachgebiet der Neurobiologie und erforschte die menschlichen Sinne. Die junge Wissenschaftlerin promovierte 2004 mit einer Arbeit über das menschliche Gleichgewicht zur Doktorin der Naturwissenschaften und arbeitete zuletzt in der Augenklinik der Universität, um das Sehen zu erforschen.
   „Die Arbeit war zwar spannend, aber nicht erfüllend, und sie hat mich nicht glücklich gemacht", bilanziert sie heute. In dieser Zeit ihres Suchens begegnete sie den Dominikanern, die gerade die Freiburger Pfarrei St. Martin übernommen hatten.
   Die Seelsorger im Ordensgewand verwiesen Joanna Maria Otto später auf die Schwestern im Kloster Lage, die als kontemplative Gemeinschaft ganz auf das Gebet und die Besinnung ausgerichtet sind. Drei Aufenthalte im Konvent weckten ein so nachhaltiges Interesse, dass die Mittdreißigerin sich um die Aufnahme ins Kloster bewarb.
   Die Zustimmung zu einem solchen Schritt ist keinesfalls die einsame Entscheidung von Priorin Susanna Mander und ihrer Steilvertreterin Maria Magdalena Dörtelmann, sondern sie erfolgt nach intensiver Absprache im Kapitel - also in der Abstimmung aller Schwestern. Im Fall von Joanna Maria Otto neigte sich die Waag- schale schnell zugunsten der angehenden Novizin: „Schwester Joanna Maria hatte sich ja bereits länger mit Sinnfragen beschäftigt, die auch unser Leben bestimmen. Ihr Schritt war keine Weltflucht, sondern die bewusste Entscheidung für unseren alternativen Weg", erläutert die Priorin.
   Das Leben in Gebet und Besinnung hinter Klostermauern erfordere starke Persönlichkeiten, die, selbst- bewusst und doch auf die Gemeinschaft ausgerichtet, ihren Beitrag im Konvent leisteten. Wer mit Schwester Joanna Maria ins Gespräch kommt, erlebt sie als eine solche starke, ruhige und reflektierte Persönlichkeit. Ihr Umfeld reagierte zunächst überrascht, habe die Konsequenz ihres Weges aber akzeptiert und ihrer „Sehn- sucht" sowie ihrer „Berufung" Respekt gezollt: „Alle konnten die Klarheit in mir spüren und sehen, dass ich glücklich bin."
   Schwester Joanna Maria, die nicht von Kindesbeinen an in den katholischen Glauben hineingewachsen ist, geht in einer zusehends entchristlichten Welt einen sicherlich künftig häufiger anzutreffenden Weg.
   Doch wie steht die neue Ordensfrau dazu, dass ihr Weg Gegenstand der Berichterstattung wird? Sie dränge sich nicht danach, gibt Joanna Maria unumwunden zu. Und doch sei es künftig auch ihre Aufgabe, Zeugnis zu geben.
   Mit Blitz und Donner hatte sich Joanna Maria Otto im April 2010 in Lage vorgestellt. Als Priorin Susanna ihr am Fest der unbefleckten Empfängnis Mariens zwischen 11.40 und 11.48 Uhr den Ordenshabit als neues Kleid überreicht, regt sich der Himmel erneut: Die Wolken brechen auf, und durch die großen Fenster der Kloster- kapelle sendet die Sonne ihre Strahlen - auf die Novizin, aber auch auf ihre neue Lebensgemeinschaft.
   „Ich lasse viel zurück. Ich lebe künftig die Armut und bin doch unglaublich reich. Nun schließt sich der Kreis meiner Suche nach dem Mehr und dem Sinn, denn ich finde Reichtum und Fülle in der Stille bei Gott."
Schwester Joanna Maria OP.

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Mit dem Wollpullover den alten Menschen ablegen
Joanna ina Maria Otto gibt Mitschwestern das Gefühl, „dass es ,auf Lage' weitergeht"
Als Novizenmeisterin ist Schwester Anna (links) Ansprechpartnerin für den klösterlichen Nachwuchs. Gemeinsam mit der Priorin Schwester Susanna (rechts) übergibt sie das Ordensgewand an Joanna Maria Otto.

Einkleidung „auf Lage" - für Schwester Joanna Maria ist das mehr als der einfache Wechsel der Garderobe. Mit ihrem weißen Wollpullover und dem roten Rock legt sie an diesem Vormittag auch ihr altes Leben ab. Sie folgt damit ihrer Berufung in den Dominikanerorden, dessen weißen Habit sie von nun an täglich tragen wird.
   „Ablegen sollt ihr den alten Menschen eures früheren Lebens. Zieht an den neuen Menschen": Priorin Susanna Mander zitiert aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser, als sie der neuen Mitschwester die dominikanischen Gewänder überreicht: die weiße Tunika, die Ordensgründer Dominikus als Kleiderfarbe der Armen auswählte; das Skapulier - den Schulterüberwurf also - als Symbol für das „sanfte Joch Christi"; den Gürtel als Ausdruck der Gotteshingabe; den Rosenkranz als Zeichen der Nähe zur Gottesmutter sowie den weißen Schleier als Bild der Treue.
   Gemeinsam geleiten Schwester Susanna sowie die Novizenmeisterin, Schwester Anna Kunos, Joanna Maria Otto in einen Nebenraum der Kapelle, wo sie nun tatsächlich die alten Kleider und symbolisch den „alten Menschen" ablegt. Ihr neuer Dominikanerhabit wurde eigens im Osnabrücker Land geschneidert und weist kleine „Lager" Nuancen auf.
   Ihren „alten" Namen wird die Novizin dagegen behalten, denn nach dem Segen durch den Kreuzherrenpater Bernhard Leisenheimer und den Dominikanerpater Thomas Gabriel Brogl erhält sie „Joanna Maria" auch als Klosternamen.
   „Früher wäre das nicht möglich gewesen", erläutert die Priorin später im Gespräch. Als sie selbst vor 52 Jahren in den Orden aufgenommen wurde, teilte die Klosterleitung ihr den Namen Susanna zu: „Ich war danach ehrlich erleichtert, denn oft wurden ausgesprochen unübliche Patrone für die neuen Schwestern ausgesucht.
   Am Fest der heiligen Katharina von Siena - dem 29. April - war Joanna Maria Otto von Freiburg nach Lage umgezogen, um sich mit einem siebenmonatigen Postulat auf ihren Eintritt ins Kloster vorzubereiten.
   Auf die Einkleidung folgt das einjährige Noviziat, an das sich das erste, zeitliche Ordensgelübde anschließt. Dann dauert es noch einmal drei Jahre, bis mit der feierlichen Profess die endgültige Aufnahme ins Kloster er folgt. Bis dahin können sowohl der Konvent als auch die neue Schwester von ihrem gegenseitigen Ver- sprechen zurücktreten.
   Von diesem Schritt ist nach dem feierlichen Gottesdienst während der herzlichen Gratulation durch die Mitschwestern aber keine Rede. „Uns gibt die Einkleidung von Joanna Maria das gute Gefühl, dass junge Menschen nachkommen und es damit weitergeht", freut sich Priorin Susanna und mit ihr die ganze Gemeinschaft des Klosters „Zum gekreuzigten Erlöser".

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“Karmel von der Menschwerdung” Finkenwerder.  Wo nichts alles ist
Foto: Die Karmelitinnen Teresa, Katharina und Miriam (l-r) in der katholischen Kirche St. Petrus auf Finkenwerder

   Im Kloster der Karmelitinnen auf Finkenwerder gibt es etwas, nach dem sich viele Menschen sehnen: Ruhe und Selbstfindung - nicht nur in der Fastenzeit 
   Am Norderkirchenweg ist Endstation für die Linie 251. Der Bus kommt alle halbe Stunde vom Elbanleger herüber ins Finkenwerder Dorf, an den Rand der Metropole, 8,8 Kilometer Luftlinie vom Hamburger Rathaus entfernt. Er kommt aus einer Welt, in der das Leben laut, bunt, zuweilen schrill, vor allem aber hektisch und schnell verläuft. Einer Welt des Konsums und der Genüsse, voller Verheißungen, voller Versuchungen. Einer Welt, der immer mehr Menschen immer seltener gewachsen sind. Weshalb für einige von ihnen am Norder- kirchenweg in doppeltem Wortsinn Endstation ist. Wenigstens für ein Weile.
   Von der Haltestelle bis zur St.-Petrus-Kirche auf der ehemaligen Apfelwiese nahe dem Deich sind es nur ein paar Schritte. Über dem Portal zeigt eine Stahldrahtskulptur, wie Jesus den ertrinkenden Petrus aus den Fluten rettet. Mehr Symbolik geht kaum. Und das nicht nur, weil die drei Stahlglocken des Kirchturms in jener schicksalhaften Sturmflutnacht vor 50 Jahren die Menschen der umliegenden Häuser warnend aus dem Schlaf gerissen haben. Jenseits der patinaüber- zogenen Pforte kann der erschöpfte Mensch heute finden, was ihm der Alltag oft nicht lässt: Ruhe. Und Zeit.
Manche kommen nur fürs Wochenende, andere bleiben zehn Tage und länger
  
Denn St. Petrus ist Teil einer Karmelzelle, die zum hessischen Karmelitinnen-Kloster Hainburg bei Frankfurt gehört. Am 1. Advent 1999 übernahmen drei Nonnen das verwaiste Pfarrhaus gleich nebenan. Damit haben sie St. Petrus nicht nur vor dem drohenden Abriss gerettet, nachdem die katholische Gemeinde auf unter 500 Mitglieder geschrumpft war. Sie bieten temporären Aussteigern seitdem auch eine Zufluchtsstätte der be- sonderen Art.

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   „Angefangen hat alles mit einer kleinen Wohnung und drei Schlafplätzen in einem ehemaligen Werft- arbeiterhaus  Fotos oben auf der anderen Seite der Kirche", berichtet Schwester Teresa, mit 74 Jahren die Älteste der Karmelitinnen. Heute sind es bereits vier Gästewohnungen mit je drei Zimmern, Küche und Bad, die ausschließlich durch Spenden von Besuchern finanziert werden.
   Die Nachfrage ist gewaltig. Es kommen Junge und Alte, 50 Prozent sind evangelisch. Es kommen Ärzte und Manager. Es kommen Frauen, viele zwischen 30 und 40 Jahre alt. Es kommen Menschen mit Bindungs- problemen und Menschen, die eine Auszeit brauchen. Manche Besucher bleiben nur für ein Wochenende. Andere nehmen sich Auszeiten zwischen fünf und zehn Tagen. Eine Frau war schon zehnmal zu Gast, eine andere blieb ein ganzes Jahr.
    „Der Rückzug im Kloster ist vollständig, weil es praktisch keine Ablenkung gibt. Die äußere Ruhe ermöglicht innere Einkehr", sagt eine Besucherin, die als Coach für Führungskräfte arbeitet und anonym bleiben will. Für einige Zeit mit den Karmelitinnen zu leben, zu beten, sich aber auch mit ihnen auszutauschen, eröffne die Chance, sich grundsätzlichen Fragen des Seins zu stellen und das eigene Leben zu reflektieren.
   Das hat auch Andrea Rösch und Marie Kuschel jüngst für jeweils eine Woche auf die Elbinsel Finkenwerder geführt. Andrea Rösch, 52, eine Gemeindereferendarin aus Solingen, beschreibt es als Auszeit vom permanenten Termindruck. Und als Gelegenheit, Körper und Geist wieder in Einklang zu bringen. Marie Kuschel, 53, eine Arztsekretärin aus Hannover, bezeichnet es als Flucht aus dem Alltag, als „Zeit nur für mich".
Sich befreien vom Zwang permanenter Erreichbarkeit. Von der Vereinnahmung durch die schicken und hippen neuen Kommunikationsmittel wie Smartphones, Notebooks und Tablet-PC. Sich dem überbordenden Erwar- tungsdruck in Beruf und Familie entziehen. Eine lange Weile nichts tun als in sich hineinhorchen. Reduziert auf das Wesentliche: auf sich selbst. Das ist es, was immer mehr Menschen auch den Weg ins Kloster auf Finken- werder finden lässt.

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Das Leiden an Hektik und Burn-out hat zugenommen
  
Einer Studie des Karriereportals Stepstone zufolge zeigt deutschlandweit im Schnitt schon rund ein Drittel, in manchen Branchen gar bis zu 50 Prozent der Beschäftigten Symptome des Burn-outs. Einer Studie der Krankenkasse DAK zufolge schlucken 800.000 Menschen in Deutschland regelmäßig Tabletten, um Stress und Konflikte auszuhalten.
   „Es gibt da eine große Sehnsucht, die nicht erfüllt wird", sagt Schwester Teresa, gerade bei Menschen, die glauben, alles zu haben. „Vieler Dinge bedarf es doch gar nicht. Wer aufhört, seine vordergründigen Bedürfnisse zu stillen, wer entsagen kann, gewinnt viel. Der findet sich selbst und vielleicht auch Gott." Diese Erfahrung habe sie selbst gemacht, bevor sie sich als 22-Jährige entschloss, Nonne zu werden.
   Bei Novizin Katharina, mit 44 Jahren die Jüngste im Bunde, ist es ganz ähnlich gewesen. Als Einzelhandelskauffrau im Naturkostbereich hatte die Buxtehuderin ein gutes Auskommen. Sie ging gern ins Kino, zum Shoppen und zum Tanzen. „Doch irgendwann habe ich in meinem perfekten Wohnzimmer gesessen und fühlte trotz allem eine große Leere." Wer alles habe und alles dürfe, für den werde Freiheit zur Plage. „Außerdem ist das weltliche Leben geprägt von vielfältigen Abhängigkeiten", sagt Schwester Katharina.
   Als sie Ostern 2008 das erste Mal zu Gast bei den Karmelitinnen auf Finkenwerder war, wusste sie sofort: „Das ist es." Der gesamte Tagesablauf wird von Gebeten strukturiert, vom Dialog mit Gott. Die kontemplative Glaubensgemeinschaft verzichtet auf soziale und karitative Arbeit, betreibt keinen Kindergarten, keine Krankenpflege, keine Katechese. Sie missioniert nicht, wirbt nicht. Stattdessen legt sie größten Wert auf Stille, Einsamkeit und Anspruchslosigkeit. „So habe ich Atem auch bei ganz normalen Arbeiten. Ich habe Zeit, Ruhe und Luft, ganz bei mir selbst und Gott sein zu können", beschreibt Katharina ihre neu gewonnene Freiheit.
   Ende der 90er-Jahre sind die Karmelitinnen gen Norden gezogen, um ihren Glauben transparent zu leben. Zuerst nach Neumünster, dann nach Ahrensburg und in Hamburgs Stadtteil St. Georg, bis sie schließlich auf Finkenwerder Wurzeln schlugen. Weil sie die Trennung von der Welt, ein Leben hinter dicken Mauern und vergitterten Fenstern nicht mehr für zeitgemäß hielten. „Eine Kirche, von der sich immer mehr Menschen abwenden und die mit einem gravierenden Nachwuchsproblem zu kämpfen hat, muss neue Wege gehen, neue Antworten geben", sagt Schwester Teresa.
   Diese Art der Öffnung, die Aufnahme von Fremden, sei lange ignoriert und als Experiment argwöhnisch beäugt worden, weiß Schwester Immaculata, 50, die kürzlich zur neuen Priorin im Karmelitinnen-Kloster Hainburg (Hessen) gewählt wurde. Doch schon Papst Benedikt XVI. habe gesagt: „Wenn die Menschen nicht mehr zu uns kommen, müssen wir zu den Menschen gehen."

„Karmel von der Menschwerdung" haben die Nonnen ihr Kloster genannt
So lädt die Karmelzelle per Homepage und Flyern, die Schwester Immaculata selbst gestaltet hat, zu speziellen „Stille-Tagen" ein, einer Schweigemeditation mit Anleitung zum inneren Gebet - „dem persönlichen, inneren Gebet, der wichtigsten und schönsten Art des Betens", wie es Schwester Miriam, 48, beschreibt. So darf der Männerverein in der Kirche singen, weil die für ihre exzellente Akustik bekannt ist. Und so ist Teresa seit fünf Jahren auch regelmäßig dabei, wenn auf der traditionsreichen Finkwarder Karkmess das erste Bierfass angestochen wird - zuletzt an der Seite von HSV-Kultmasseur Hermann Rieger.
Die Transparenz im Kloster Finkenwerder hat aber auch Schattenseiten. Seit Jahresbeginn wurde der Opferstock in der St.-Petrus-Kirche schon zweimal aufgebrochen. Nun hat sich Schwester Teresa schweren Herzens entschlossen, das Gotteshaus, das zuvor allen 24 Stunden am Tag offen stand, weitgehend abzuschließen.
   „Karmel von der Menschwerdung" haben die Nonnen von Finkenwerder ihr Kloster genannt. In der tiefen Überzeugung, dass sich der Wertekanon in der modernen Gesellschaft sehr verändert hat. Dass es viele Menschen gibt, die ihre innere Mitte verloren haben, die ein orientierungsloses und zuweilen auch maßloses Leben führen. Denen kann ein Ort wie St. Petrus auf Finkenwerder helfen, sich wiederzufinden.
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Kloster auf Zeit
Die Benediktiner in Niederaltaich
waren die Ersten, die 1962 „Kloster auf Zeit" angeboten haben.
267 verschiedene Klöster bieten heute deutschlandweit die Möglichkeit des temporären Rückzugs an. Kirchenzugehörigkeit oder Konfession spielen bei der Aufnahme keine Rolle. 15 Prozent aller Besucher nutzen die Gelegenheit, sich über eine Berufung zum dauerhaften Klosterleben klar zu werden.
Ihre Blütezeit erlebten Klöster in Deutschland im Mittelalter. Im Zuge der Reformation und der Säkularisierung erfolgte ein Niedergang. Seit 2008 verzeichnen die meisten deutschen Orden wachsende Besucherzahlen. Die Internetplattform www.orden.de listet insgesamt 107 Männerund 327 Frauen-Orden auf.
Im Norden bieten auch das Benediktiner-Kloster Nütschau in Travenbrück, die Mauritzer Franziskanerinnen in Kiel und die Steyler Missionsschwestern in Harsefeld „Kloster auf Zeit" an.
Der Karmeliterorden
Im Karmelgebirge bei Haifa
lebten bis ins 13. Jahrhundert hinein Mönche als Einsiedler nach dem Ideal des Propheten Elias. 1242 wurden sie vom Bischof von Jerusalem aufgefordert, eine Gemeinschaft zu bilden. Während der Kreuzzüge verschlug es sie weit gen Westen, wo sie nur als Bettelorden existieren konnten.
Im 14. Jahrhundert schlossen sich auch Frauen an. Der Orden der „Unbeschuhten Karmeliten" wurde 1562 von der heiligen Teresa von Avila, die allein 16 Klöster gründete, reformiert. Um eine familiäre Atmosphäre und geistlichen Austausch zu gewährleisten, sollten die Karmel nur noch von maximal 13 Schwestern bewohnt werden.
Oberster Repräsentant des Teresianischen Karmel ist Padre Generale Saverio Cannistrà, ein Italiener, der in Rom residiert. Teresa von Avila war übrigens immer gegen einen Mann als Spiritual.
Das älteste deutsche Karmelitinnen-Kloster wurde 1637 in Köln gegründet. Insgesamt gibt es 22, darunter fünf, die auch von insgesamt 31 Mönchen bewohnt werden. Das nördlichste befindet sich in Berlin. Die einzelnen Klöster sind autonom, unterstehen keiner zentralen Leitung.
Die Karmelzelle auf Finkenwerder
ist noch kein autonomes Kloster, da ihr bislang nur drei Nonnen angehören. Rechtlich gehört sie zum Karmelitinnen-Kloster Hainburg in Hessen, bis sich dauerhaft sechs Schwestern auf der Elbinsel niedergelassen habenInternet: www.karmelzelle.de  luka

 

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