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Wir stellen Ihnen auf dieser Seite einige Priester vor:
Heilige - Seelsorger - Verkünder des Evangeliums - Zeugen des Glaubens - Martyrer
Zunächst aber ein Wort des Papstes an die Priester auf seiner Pilgerreise in Fatima
und die Predigt Benedikts XVI. vor 10.000 Priestern zum Abschluss des Priesterjahres in Rom
Unten auf dieser Seite: Benedikt XVI: Wort an die Priesterseminaristen auf dem Weltjugendtag in Madrid 2011

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   Bei seinem Besuch in Fatima feierte Papst Benedikt XVI. eine Vesper mit Priestern, Ordensleuten, gottgeweihten Menschen und Seminaristen. Ihr Ort ist die neue Dreifaltigkeitskirche, ein riesiger Bau ungefähr in der Form eines UFOs, in den Farben Weiß und Gold. Der Grundstein kommt vom Petrusgrab in Rom, ein- geweiht wurde die Kirche vor zweieinhalb Jahren von Kardinal Tarcisio Bertone. Der Vespergottesdienst mit dem Papst schreibt sich in das „Jahr der Priester“ ein, das noch bis Ende Juni andauert. In einem Weihegebet vertraut Benedikt XVI. alle Priester dem Unbefleckten Herzen Mariens an. „Mutter der Kirche, wir Priester wollen Hirten sein, die nicht sich selbst weiden... Deine Gegenwart lasse die Wüste unserer Einsamkeit neu erblühen ... und bringe nach dem Sturm die Ruhe zurück...“
   „Erlaubt mir, euch mein Herz zu öffnen und euch zu sagen, dass die Hauptsorge jedes Christen und besonders der gottgeweihten Menschen und jener, die am Altar ihren Dienst tun, die Treue zur eigenen Berufung sein muss... Seid besonders achtsam, wenn die priesterlichen Ideale manchmal an Kraft verlieren oder wenn jemand Beschäftigungen nachgeht, die nicht ganz mit dem übereinstimmen, was einen Diener Jesu Christi eigentlich ausmacht. Dann ist es Zeit, zusammen mit der mitbrüderlichen Herzlichkeit auch die klare Haltung desjenigen einzunehmen, der seinem Bruder helfen will, „nicht zu
fallen“. RV100513

Predigt des Papstes bei der Vesper in Fatima
   Liebe Brüder und Schwestern! „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau [...] damit wir die Sohnschaft erlangen“
Gal 4,4-5. Die Zeit war erfüllt, als der Ewige in die Zeit eingetreten ist; durch das Wirken und die Gnade des Heiligen Geistes wurde der Sohn des Höchsten empfangen und ist Mensch geworden im Schoß einer Frau: der Jungfrau und Mutter, Typus und klarstes Urbild der glaubenden Kirche. Sie hört nicht auf, neue Söhne im Sohn hervorzubringen, der nach dem Willen des Vaters der Erstgeborene unter vielen Brüdern sein sollte. Jeder von uns ist aufgerufen, mit Maria und wie Maria ein demütiges und schlichtes Zeichen der Kirche zu sein, die sich stets neu als Braut in die Hände ihres Herrn begibt.
   Euch allen, die ihr euer Leben Christus geschenkt habt, möchte ich heute Abend die Wertschätzung und die Anerkennung der Kirche bekunden. Danke für euer oft stilles und keineswegs leichtes Zeugnis; Danke für eure Treue zum Evangelium und zur Kirche. In Jesus, der in der Eucharistie bei uns ist, schließe ich meine hier versammelten Brüder im Priestertum und die Diakone, die gottgeweihten Frauen und Männer, die Seminaristen und die Mitglieder der Bewegungen und der neuen kirchlichen Gemeinschaften in die Arme. Der Herr möge, so wie nur er es kann, all jenen ihre Mühen vergelten, die uns ermöglicht haben, hier bei Christus in der Eucharistie zu sein, besonders der Bischöflichen Kommission für Berufungen und pastorale Dienste mit ihrem Vorsitzenden, Bischof António Santos, dem ich für die freundlichen und brüderlichen Worte zu Beginn der Vesper danke. Hier in Fatima, das ideell ein „Abendmahlssaal“ des Glaubens ist, zeigt uns die Jungfrau Maria den Weg für unsere reinen und heiligen Aufopferung in die Hände des Vaters.
   Erlaubt mir, euch mein Herz zu öffnen und euch zu sagen, dass die Hauptsorge jedes Christen und besonders der gottgeweihten Menschen und jener, die am Altar ihren Dienst tun, die Treue zur eigenen Berufung sein muss, als Jünger, die dem Herrn nachfolgen wollen. Die Treue auf Dauer ist der Name der Liebe, einer konsequenten, authentischen und tiefen Liebe zu Christus, dem Priester. „Wenn die Taufe durch die Einverleibung in Christus und die Einwohnung des Heiligen Geistes ein wahrer Eintritt in die Heiligkeit Gottes ist, dann wäre es widersinnig, sich mit einem mittelmäßigen Leben zufriedenzugeben, das im Zeichen einer minimalistischen Ethik und einer oberflächlichen Religiosität geführt wird“
Papst Johannes Paul II., Aposto- lisches Schreiben Novo millennio ineunte, 31. In diesem zu Ende gehenden Priesterjahr komme eine Gnadenfülle auf euch herab, damit ihr in der Freude der Weihe lebt und die priesterliche Treue bezeugt, die auf der Treue Christi gründet. Das erfordert natürlich eine wahre innige Beziehung zu Christus im Gebet, denn nur die starke und intensive Erfahrung der Liebe des Herrn wird die Priester und die gottgeweihten Frauen und Männer dazu hinführen können, auf seine Liebe in bräutlicher Ganzhingabe zu antworten.
   Dieses Leben der besonderen Weihe an Gott war für das Volk Gottes von Beginn an eine Erinnerung an das Evangelium, eine Erinnerung, die der ganzen Kirche die Radikalität des Evangeliums und das Kommen des Reiches zeigt, bestätigt und verkündet. Liebe gottgeweihte Männer und Frauen, mit eurem Einsatz im Gebet, in der Askese, im Wachstum des geistlichen Lebens, im Apostolat und in der Mission strebt ihr also dem himmlischen Jerusalem entgegen, nehmt ihr die Kirche der Endzeit vorweg, die Gott, der die Liebe ist, fest ergriffen hat und ihn voll Liebe betrachtet. Wie sehr brauchen wir heute dieses Zeugnis! Viele unserer Brüder und Schwestern leben, als ob es kein Jenseits gäbe, ohne sich um ihr ewiges Heil zu kümmern. Die Menschen sind dazu berufen, Gott zu suchen, ihn zu kennen und zu lieben; und die Kirche hat die Aufgabe, ihnen in dieser Berufung zu helfen. Wir wissen wohl, dass Gott über seine Gaben frei verfügt; die Bekehrung der Menschen ist eine Gnade. Aber wir sind für die Verkündigung des Glaubens verantwortlich, des ganzen Glaubens und der Anforderungen, die er mit sich bringt. Liebe Freunde, ahmen wir den Pfarrer von Ars
siehe den folgenden Bericht nach, der so zu Gott gebetet hat: „Gewähre mir die Bekehrung meiner Pfarrgemeinde, und ich bin bereit, für den Rest meines Lebens all das zu erleiden, was du willst.“ Und er ließ nichts ungetan, um die Menschen von ihrer Lauheit loszureißen und zur Liebe zu führen.
   Unter allen Gliedern des Leibes Christi herrscht eine tiefe Solidarität: Es ist nicht möglich, Christus zu lieben, ohne seine Brüder und Schwestern zu lieben. Für ihr Heil wollte der heilige Johannes Maria Vianney Priester sein: „Die Seelen für den guten Gott gewinnen“, das war seine Erklärung, als er mit achtzehn Jahren von seiner Berufung sprach. So wie Paulus schrieb:„Möglichst viele gewinnen“
1 Kor 9, 19. Der Generalvikar hatte zu Johannes Maria Vianney gesagt: „In dieser Pfarrgemeinde gibt es nicht viel Liebe zu Gott; Sie werden die Liebe hineinbringen.“ In seiner priesterlichen Leidenschaft war der heilige Pfarrer wie Jesus in der Begegnung mit jedem Sünder barmherzig. Er betonte lieber das Anziehende der Tugend und das Erbarmen Gottes, vor dessen Angesicht unsere Sünden „Sandkörner“ sind. Er hatte Angst, dass die Priester „unsensibel“ werden und sich mit der Gleichgültigkeit der Gläubigen abfinden könnten: „Wehe euch, Hirten“, ermahnte er, „wenn ihr stumm bleibt, während ihr seht, wie Gott beleidigt wird und die Seelen ins Verderben gehen“.
   Liebe Mitbrüder im Priesteramt, bedenkt es an diesem Ort, dem Maria eine so besondere Bedeutung verliehen hat, und schaut auf ihre Berufung als treue Jüngerin ihres Sohnes Jesus, von der Empfängnis an bis unter das Kreuz und dann auf dem Weg der entstehenden Kirche: welch unglaubliche Gnade ist eure priesterliche Berufung! Die Treue zu seiner Berufung erfordert Mut und Vertrauen, aber der Herr will auch, dass ihr euch gegenseitig stärkt; sorgt füreinander und unterstützt euch brüderlich. Die gemeinsamen Zeiten des Gebets und der Fortbildung sowie das Mittragen der Herausforderungen des priesterlichen Lebens und Wirkens der Mitbrüder sind ein notwendiger Teil eures Lebens. Wie schön ist es, wenn ihr euch gegenseitig in euren Häusern aufnehmt und dabei den Frieden Christi in euren Herzen habt! Wie wichtig ist es, dass ihr einander im Gebet und mit guten Ratschlägen und Unterscheidungshilfen beisteht! Seid besonders achtsam, wenn die priesterlichen Ideale manchmal an Kraft verlieren oder wenn jemand Beschäftigungen nachgeht, die nicht ganz mit dem übereinstimmen, was einen Diener Jesu Christi eigentlich ausmacht. Dann ist es Zeit, zusammen mit der mitbrüderlichen Herzlichkeit auch die klare Haltung desjenigen einzunehmen, der seinem Bruder helfen will, „nicht zu fallen“.
   Das Priestertum Christi ist ewig
vgl. Hebr 5,6, doch das Leben der Priester hat nur eine beschränkte Dauer. Christus will, dass andere das von ihm eingesetzte Weihepriestertum durch die Zeit hindurch fortsetzen. Bewahrt daher – in euch selbst und in eurem Umfeld – die Sehnsucht, unter den Gläubigen neue Priesterbe- rufungen zu wecken, indem ihr dem Wirken der Gnade des Heiligen Geistes zur Seite steht. Das vertrauens- volle und beharrliche Gebet, die freudige Liebe zur eigenen Berufung und der hingebungsvolle Dienst der geistlichen Leitung werden euch erlauben, das Geschenk der Berufung in jenen zu erkennen, die von Gott auserwählt wurden.
   Liebe Seminaristen, ihr habt bereits den ersten Schritt in Richtung auf den Priesterdienst gemacht und bereitet euch in den Priesterseminaren oder in den Ausbildungshäusern eurer Ordensgemeinschaften darauf vor. Der Papst ermutigt euch, euch der großen Verantwortung bewusst zu sein, die euch erwartet: Prüft gut, was ihr erstrebt und was euch bewegt;widmet euch mit Entschlossenheit und Großzügigkeit eurer Ausbildung. Eure Liebe muss in erster Linie der Eucharistie gelten, die der Mittelpunkt des christlichen Lebens und eine Schule der Demut und des Dienstes ist. Die Anbetung, die Verehrung und die Aufmerksamkeit für das Aller- heiligste Sakrament in diesen Jahren werden bewirken, dass ihr später das Opfer des Altares mit erbaulicher und authentischer Ausstrahlung feiern werdet.
   Liebe Priester und Diakone, liebe gottgeweihte Männer und Frauen, liebe Seminaristen und beauftragte Laien, auf diesem Weg der Treue leitet und begleitet uns die selige Jungfrau Maria. Mit ihr und wie sie sind wir frei, um heilig zu sein; frei, um arm, keusch und gehorsam zu sein; frei für alle, weil wir von allem losgelöst sind; frei von uns selbst, damit in jedem Christus wächst, denn er ist wirklich dem Vater geweiht und der wahre Hirte, dem die Priester ihre Stimme und ihre Gesten leihen und ihn so vergegenwärtigen; frei, um den Menschen unserer Zeit den gestorbenen und auferstanden Christus zu bringen, der bis ans Ende der Zeit bei uns bleibt und sich uns in der heiligen Eucharistie schenkt.
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Predigt von Papst Benedikt XVI. vor 10.000 Priestern zum Abschluss des Priesterjahres am 11. 06. 2010

   Das Priesterjahr, das wir 150 Jahre nach dem Tod des heiligen Pfarrers von Ars, dem Vorbild priesterlichen Dienens in unserer Welt, begangen haben, geht zu Ende. Vom Pfarrer von Ars haben wir uns führen lassen, um Größe und Schönheit des priesterlichen Dienstes neu zu verstehen. Der Priester ist nicht einfach ein Amtsträger wie ihn jede Gesellschaft braucht, damit gewisse Funktionen in ihr erfüllt werden können. Er tut vielmehr etwas, das kein Mensch aus sich heraus kann: Er spricht in Christi Namen das Wort der Vergebung für unsere Sünden und ändert so von Gott her den Zustand unseres Lebens. Er spricht über die Gaben von Brot und Wein die Dankesworte Christi, die Wandlungsworte sind – ihn selbst, den Auferstandenen, sein Fleisch und sein Blut gegenwärtig werden lassen und so die Elemente der Welt verändern: Die Welt auf Gott hin aufreißen und mit ihm zusammenfügen. So ist Priestertum nicht einfach „Amt“, sondern Sakrament: Gott bedient sich eines armseligen Menschen, um durch ihn für die Menschen da zu sein und zu handeln. Diese Kühnheit Gottes, der sich Menschen anvertraut, Menschen zutraut, für ihn zu handeln und da zu sein, obwohl er unsere Schwächen kennt – die ist das wirklich Große, das sich im Wort Priestertum verbirgt. Dass Gott uns dies zutraut, dass er Menschen so in seinen Dienst ruft und so sich ihnen von innen her verbindet, das wollten wir in diesem Jahr neu bedenken und verstehen. Wir wollten die Freude neu aufleben lassen, dass Gott uns so nahe ist und die Dankbarkeit dafür, dass er sich unserer Schwachheit anvertraut. Dass er uns führt und hält, Tag um Tag. So wollten wir auch jungen Menschen wieder zeigen, dass es diese Berufung, diese Dienstgemeinschaft für Gott und mit Gott gibt – ja, dass Gott auf unser Ja wartet. Mit der Kirche wollten wir wieder darauf hinweisen, dass wir Gott um diese Berufung bitten müssen. Wir bitten um Arbeiter in der Ernte Gottes, und dieser Ruf an Gott ist zugleich ein Anklopfen Gottes ans Herz junger Menschen, die sich zutrauen, was Gott ihnen zutraut. Es war zu erwarten, dass dem bösen Feind dieses neue Leuchten des Priestertums nicht gefallen würde, das er lieber aussterben sehen möchte, damit letztlich Gott aus der Welt hinausgedrängt wird. So ist es geschehen, dass gerade in diesem Jahr der Freude über das Sakrament des Priestertums die Sünden von Priestern bekannt wurden – vor allem der Missbrauch der Kleinen, in dem das Priestertum als Auftrag der Sorge Gottes um den Menschen in sein Gegenteil verkehrt wird. Auch wir bitten Gott und die betroffenen Menschen inständig um Vergebung und versprechen zugleich, dass wir alles tun wollen, um solchen Missbrauch nicht wieder vorkommen zu lassen; dass wir bei der Zulassung zum priester- lichen Dienst und bei der Formung auf dem Weg dahin alles tun werden, was wir können, um die Rechtheit der Berufung zu prüfen, und dass wir die Priester mehr noch auf ihrem Weg begleiten wollen, damit der Herr sie in Bedrängnissen und Gefahren des Lebens schütze und behüte. Wenn das Priesterjahr eine Rühmung unserer eigenen menschlichen Leistung hätte sein sollen, dann wäre es durch diese Vorgänge zerstört worden. Aber es ging uns gerade um das Gegenteil: Das Dankbar-Werden für die Gabe Gottes, die sich „in irdenen Gefäßen“ birgt und die immer wieder durch alle menschliche Schwachheit hindurch seine Liebe in dieser Welt praktisch werden lässt. So sehen wir das Geschehene als Auftrag zur Reinigung an, der uns in die Zukunft begleitet und der uns erst recht die große Gabe Gottes erkennen und lieben lässt. So wird sie zum Auftrag, dem Mut und der Demut Gottes mit unserem Mut und unserer Demut zu antworten. Das Wort Christi, das wir in der Liturgie des heutigen Tages als Eröffnungsvers gesungen haben, kann uns in dieser Stunde sagen, was es heißt, Priester zu werden und zu sein: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ Mt 11,29.
   Wir feiern das Herz-Jesu-Fest und schauen mit der Liturgie der Kirche gleichsam in das Herz Jesu hinein, das im Tod von der Lanze des römischen Soldaten geöffnet wurde. Ja, sein Herz ist offen für uns und vor uns – und damit das Herz Gottes selbst. Die Liturgie legt uns die Sprache des Herzens Jesu aus, die vor allem von Gott als dem Hirten der Menschen spricht und uns damit das Priestertum Jesu zeigt, das im Innersten seines Herzens verankert ist und den immerwährenden Grund wie den gültigen Maßstab alles priesterlichen Dienstes zeigt, der immer im Herzen Jesu verankert sein und von daher gelebt werden muss. Ich möchte heute vor allem die Texte auslegen, mit denen die betende Kirche auf das in den Lesungen ausgebreitete Wort Gottes antwortet. In diesen Gesängen gehen Wort und Antwort ineinander über. Sie sind einerseits selbst aus Got- tes Wort genommen, sind aber zugleich schon Antwort des Menschen darauf, in der das Wort sich mitteilt und in unser Leben eintritt. Am wichtigsten unter diesen Texten ist in der Liturgie von heute der
Psalm 23 (22): „Der Herr ist mein Hirte“, in dem das betende Israel die Selbstoffenbarung Gottes als Hirten aufgenommen und zur Wegweisung im eigenen Leben gemacht hat. „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“ – in diesem ersten Vers spricht sich Freude und Dankbarkeit dafür aus, dass Gott da ist und sich um den Men- schen sorgt. Die Lesung aus Ezechiel beginnt mit dem gleichen Motiv: „Ich will mich selber um meine Schafe kümmern“ Ez 34,11. Gott kümmert sich persönlich um mich, um uns, um die Menschheit. Ich bin nicht allein gelassen, nicht verloren im Weltall und in einer immer verwirrender werdenden Gesellschaft. ER kümmert sich um mich. Er ist kein ferner Gott, dem mein Leben zu unwichtig wäre. Die Religionen der Welt haben, soweit wir sehen können, immer gewusst, dass es letztlich nur einen Gott gibt. Aber dieser Gott war weit weg. Er überließ allem Anschein nach die Welt anderen Mächten und Gewalten, anderen Gottheiten. Mit ihnen musste man sich arrangieren. Der eine Gott war gut, aber doch fern. Er war nicht gefährlich, aber auch nicht hilfreich. So brauchte man sich mit ihm nicht zu beschäftigen. Er herrschte nicht. In der Aufklärung ist merkwürdiger- weise dieser Gedanke zurückgekehrt. Man verstand noch, dass die Welt einen Schöpfer voraussetzt. Aber dieser Gott hatte die Welt gebaut und sich offensichtlich von ihr zurückgezogen. Nun hatte sie ihre Gesetz- mäßigkeiten, nach denen sie ablief, in die Gott nicht eingriff, nicht eingreifen konnte. Gott war nur ein ferner Anfang. Viele wollten vielleicht auch gar nicht, dass Gott sich um sie kümmere. Sie wollten nicht gestört sein durch Gott. Wo aber Gottes Sorge und Liebe als Störung empfunden wird, da ist der Mensch verkehrt. Es ist schön und tröstlich zu wissen, dass ein Mensch mir gut ist und sich um mich kümmert. Aber noch viel ent- scheidender ist, dass es den Gott gibt, der mich kennt, mich liebt und sich um mich sorgt. „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich“ Joh 10,14, betet die Kirche vor dem Evangelium mit einem Wort des Herrn. Gott kennt mich, sorgt sich um mich. Dieser Gedanke sollte uns richtig froh werden lassen. Lassen wir ihn tief in uns eindringen. Dann begreifen wir auch, was es bedeutet: Gott will, dass wir als Priester seine Sorgen um die Menschen an einem kleinen Punkt der Geschichte mittragen. Wir wollen als Priester Mitsor- gende mit seiner Sorge um die Menschen sein, sie dieses Sich-Kümmern Gottes praktisch erlebbar werden lassen. Und mit dem Herrn sollte der Priester für seinen ihm anvertrauten Bereich sagen können: „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.“ „Kennen“ ist im Sinne der Heiligen Schrift nie bloß ein äußeres Wissen, wie man die Telefonnummer eines Menschen kennt. „Kennen“ heißt: dem anderen innerlich nah sein. Ihm gut sein. Wir sollten versuchen, die Menschen von Gott her und auf Gott hin zu „kennen“, mit ihnen den Weg der Freundschaft Gottes zu gehen.
   Kehren wir zu unserem Psalm zurück. Da heißt es: „Er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil – denn du bist bei mir. Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht“
23 [22],3f. Der Hirte zeigt den ihm Anvertrauten den rechten Weg. Er geht voraus und führt sie. Sagen wir es anders: Der Herr zeigt uns, wie man das Menschsein richtig macht. Er zeigt uns die Kunst, ein Mensch zu sein. Was muss ich tun, damit ich nicht abstürze, im Sinnlosen mein Leben vertue? Das ist doch die Frage, die sich jeder Mensch stellen muss und die zu allen Zeiten des Lebens gilt. Und wieviel Dunkel gibt es zu dieser Frage in unserer Zeit! Immer wieder kommt uns das Wort Jesu in den Sinn, der Mitleid mit den Menschen hatte, weil sie wie Schafe ohne Hirten waren. Herr, hab Mitleid auch mit uns! Zeige uns den Weg! Aus dem Evangelium wissen wir es: Er selbst ist der Weg. Mit Christus leben, ihm nachgehen – das heißt: den richtigen Weg finden, damit unser Leben sinnvoll wird und damit wir einmal sagen können: Ja, es war gut zu leben. Israel war und ist Gott dankbar, dass er in den Geboten den Weg des Lebens gezeigt hat. Der große Psalm 119 (118) ist ein einziger Ausdruck der Freude darüber: Wir tappen nicht im Dunkeln. Gott hat uns gezeigt, was der Weg ist, wie wir recht gehen können. Was die Gebote sagen, ist im Leben Jesu zusammengefasst und zu lebendiger Gestalt geworden. So erkennen wir, dass diese Weisungen Gottes nicht Fesseln sind, sondern Weg, den er uns zeigt. Wir dürfen ihrer froh sein, und wir dürfen uns freuen, dass sie in Christus als gelebte Wirklichkeit vor uns stehen. Er selbst hat uns froh gemacht. Im Mitgehen mit Christus geht uns die Freude der Offenbarung auf, und als Priester sollen wir den Menschen die Freude darüber schenken, dass uns der rechte Weg gezeigt ist.
   Da ist dann das Wort von der „finsteren Schlucht“, durch die der Herr den Menschen geleitet. Unser aller Weg führt uns einmal in die finstere Schlucht des Todes, in der uns niemand begleiten kann. Und ER ist da. Christus ist selbst in die finstere Nacht des Todes hinabgestiegen. Auch dort verlässt er uns nicht. Auch dort führt er uns. „Bette ich mich in der Unterwelt, du bist zugegen“, sagt der
Psalm 139 (138). Ja, du bist zuge- gen auch in der letzten Not, und so kann unser Antwort-Psalm sagen: Auch dort, in finsterer Schlucht, fürchte ich kein Unheil. Bei der Rede von der finsteren Schlucht können wir aber auch an die dunklen Täler der Ver- suchung, der Mutlosigkeit, der Prüfung denken, die jeder Mensch durchschreiten muss. Auch in diesen finste- ren Tälern des Lebens ist ER da. Ja, Herr, zeige mir in den Dunkelheiten der Versuchung, in den Stunden der Verfinsterung, in denen alle Lichter zu erlöschen scheinen, dass du da bist. Hilf uns Priestern, dass wir den uns anvertrauten Menschen in diesen dunklen Nächten beistehen können. Ihnen dein Licht zeigen dürfen.
   „Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht“: Der Hirte braucht den Stock gegen die wilden Tiere, die in die Herde einbrechen möchten; gegen die Räuber, die sich ihre Beute suchen. Neben dem Stock steht der Stab, der Halt schenkt und schwierige Passagen zu durchschreiten hilft. Beides gehört auch zum Dienst der Kirche, zum Dienst des Priesters. Auch die Kirche muss den Stock des Hirten gebrauchen, mit dem sie den Glauben schützt gegen die Verfälscher, gegen die Führungen, die Verführungen sind. Gerade der Gebrauch des Stockes kann ein Dienst der Liebe sein. Heute sehen wir es, dass es keine Liebe ist, wenn ein für das priesterliche Leben unwürdiges Verhalten geduldet wird. So ist es auch nicht Liebe, wenn man die Irrlehre, die Entstellung und Auflösung des Glaubens wuchern lässt, als ob wir den Glauben selbst erfänden. Als ob er nicht mehr Gottes Geschenk, die kostbare Perle wäre, die wir uns nicht nehmen lassen. Zugleich freilich muss der Stock immer wieder Stab des Hirten werden, der den Menschen hilft, auf schwierigen Wegen gehen zu können und dem Herrn nachzufolgen.
   Am Ende des Psalms ist die Rede vom gedeckten Tisch, vom Öl, mit dem das Haupt gesalbt wird, vom über- vollen Becher, vom Wohnen-Dürfen beim Herrn. Im Psalm ist das zunächst Ausblick auf die Festesfreude, mit Gott im Tempel zu sein, von ihm selbst bewirtet zu werden, bei ihm wohnen zu dürfen. Für uns, die wir den Psalm mit Christus und mit seinem Leib, der Kirche, beten, hat dieser Blick der Hoffnung noch eine größere Weite und Tiefe gewonnen. Wir sehen in diesen Worten gleichsam einen prophetischen Vorgriff auf das Geheimnis der Eucharistie, in der Gott selbst uns bewirtet und sich selbst als Speise für uns gibt – als jenes Brot und als jenen köstlichen Wein, der allein die letzte Antwort auf den innersten Hunger und Durst des Menschen sein kann. Wie sollten wir uns da nicht darüber freuen, dass wir täglich zu Gast an Gottes eigenem Tisch sein, bei ihm wohnen dürfen. Wie sollten wir uns nicht freuen, dass er uns aufgetragen hat: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Dass er uns schenkt, Gottes Tisch den Menschen zu decken; ihnen seinen Leib und sein Blut zu reichen, ihnen das kostbare Geschenk seiner eigenen Gegenwart zu geben. Ja, wir können mit gan- zem Herzen die Wort des Psalms mitbeten:„Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang“
23[22], 6.
   Am Ende werfen wir noch einen kurzen Blick auf die beiden Kommunionlieder, die uns die Kirche heute in ihrer Liturgie vorschlägt. Da ist zunächst das Wort, mit dem der heilige Johannes den Bericht von der Kreuzigung Jesu abschliesst: „Ein Soldat stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus“
Joh 19,34. Das Herz Jesu wird von der Lanze durchbohrt. Es wird geöffnet, und es wird zur Quelle: Blut und Wasser, die herausströmen, verweisen auf die beiden Grundsakramente, von denen die Kirche lebt: Taufe und Eucharistie. Aus der geöffneten Seite des Herrn, aus seinem geöffneten Herzen entspringt der lebendige Quell, der die Jahrhunderte hindurch strömt und die Kirche schafft. Das offene Herz ist Quell eines neuen Lebensstroms; Johannes hat dabei gewiss auch an die Prophezeiung des Ezechiel gedacht, der aus dem neuen Tempel einen Strom hervorkommen sieht, der Fruchtbarkeit und Leben schenkt Ez 47: Jesus selbst ist der neue Tempel, und sein offenes Herz ist die Quelle, aus der ein Strom neuen Lebens kommt, das sich uns in der Taufe und in der Eucharistie mitteilt.
   Die Liturgie des Herz-Jesu-Festes sieht aber auch ein anderes verwandtes Wort aus dem Johannes- Evangelium als Kommunionvers vor: Wer Durst hat, komme zu mir. Es trinke, wer an mich glaubt. Die Schrift sagt: „Aus seinem Innern werden Ströme lebendigen Wassers fließen“
Joh 7,37f.
Im Glauben trinken wir gleichsam aus dem lebendigen Wasser von Gottes Wort. Der Glaubende wird so selbst zu einer Quelle, schenkt dem dürstenden Land der Geschichte lebendiges Wasser. Wir sehen es an den Heiligen. Wir sehen es an Maria, die als die große Glaubende und Liebende alle Jahrhunderte hindurch zur Quelle von Glaube, Liebe und Leben geworden ist. Jeder Christ und jeder Priester sollten von Christus her Quelle werden, die anderen Leben mitteilt. Wir sollten einer dürstenden Welt Wasser des Lebens schenken. Herr, wir danken dir, dass du dein Herz für uns aufgetan hast. Dass du in deinem Tod und in deiner Auferstehung Quelle des Lebens wurdest. Lass uns lebende Menschen sein, von deiner Quelle lebend, und schenke uns, dass auch wir Quellen sein dürfen, die dieser unserer Zeit Wasser des Lebens zu schenken vermögen. Wir danken dir für die Gnade des priesterlichen Dienstes. Herr, segne uns und segne alle dürstenden und suchenden Menschen dieser Zeit. Amen. rv100611pr
Zum Ende des „Priesterjahres“ging der Papst in freier Rede auf die Fragen von jungen Geistlichen ein:
   Wie könne denn so eine geplagte Kirche heute noch Anwärter für sich werben? Man könnte natürlich das Priestertum einfach nur noch als Job begreifen und die Kirche könnte sich ihre Angestellten suchen, antwortete der Papst. Aber damit sei das Problem nicht gelöst. Der Papst forderte den Mut, sich „ganz und gar dem Dienst am Nächsten zu schenken". Das Vorbild mache die Berufung deutlich und den Beruf dann auch verlockend.
Wie könne denn ein Priester heute noch bei all den Anfeindungen seiner Aufgabe treu sein?
   Er solle einfach die Liebe leben, die Eucharistie und die Lehre vom Wort Gottes in den Vordergrund stellen, sagte Benedikt. Überdies solle er auch den Mut haben einzugestehen, dass er nur ein Mensch sei, und sich den „Mut zur Muße" bewahren. Der Zölibat sei kein Skandal, sagte der Papst auf eine weitere Frage hin. Er sei ein Zeichen für den Glauben an die Präsenz Gottes in der Welt, „ein Akt des Vertrauens und der Treue zu Gott". Der wirkliche Skandal sei, dass viele die Existenz Gottes ablehnten. Übrigens sei die Frage nach dem Zölibat gerade in einer Zeit seltsam, wo doch die meisten „Singles" seien, sagte der Papst. Freilich seien das Menschen, die nur an sich selbst dächten, während der Priester wie eine verheiratete Person eine eheähn- liche Beziehung zu Gott eingehe und damit Verpflichtungen.
Wo sei denn das rechte Maß zwischen Theologie und Spiritualität, wollte ein anderer Geistlicher wissen.
   Er habe sich nun seit 1946, seit bald drei Generationen, mit Theologie befasst, sagte Benedikt: „Die je neuesten Ideen sind mittlerweile veraltet und ohne Grundlage, manche erscheinen lächerlich." Der Papst wandte sich gegen die „Arroganz der Vernunft" und den „Missbrauch an Theologie", denn die Suche nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit, die ja stets auch zur Theologie gehört habe, bleibe und müsse im Zentrum der Suche nach Gott stehen.  
FAZ100612JörgBremer
Umkehr und Bekräftigung des Zölibats
   „Die beständige Kritik am Zölibat", so Papst Benedikt in seiner Antwort auf die Frage eines slowakischen Priesters zur Ehelosigkeit der Kleriker, „mag gerade in einer Zeit erstaunen, in der es immer mehr in Mode kommt, nicht zu heiraten. Aber der Zölibat der Priester ist etwas grundsätzlich anderes als das Nicht-Heiraten von so vielen heute, die sich nicht binden wollen, um nur für sich selber zu leben." Unser Zölibat, so der Papst weiter, bestehe im Gegensatz dazu darin, sich von Gott an die Hand nehmen zu lassen. Nur dort, wo Gott keine Rolle spiele, sei der Zölibat, das definitive Ja zu Gott, ein Skandal. Die Ehe und die Ehelosigkeit der Priester würden auf eben diesem definitiven Ja gründen. Und wo die Ehe zwischen Mann und Frau ver- schwinden würde, fügte Papst Benedikt an, verschwänden die Wurzeln unserer Kultur.
DT100612GuidoHorst

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Aufruf an alle Seminaristen: „Seid Gottesmenschen“
Fotos: Priestergruppe bei einer Messe mit dem Papst. Priesterweihe im Dom zu Osnabrück

   Papst Benedikt XVI. hat sich an diesem Montag in einem langen Brief an alle Priesteramtskandidaten der Welt gewandt. Als Grund für den Brief gab der Vatikan an, dass der Papst im zu Ende gegangenen Priester- jahr nicht nur zu den bereits Geweihten sprechen wollte, sondern auch zu den Seminaristen. Das tut er nun in diesem Brief. Es geht um fast alle Bereiche der Ausbildung zum Priester, um Eucharistie und Volksglauben, um Studium und Gebet. Auch die Themen Missbrauch und Zölibat werden angesprochen.
   Benedikt XVI. beginnt mit der persönlichen Erfahrung des jungen Joseph Ratzinger 1944, dem von seinem Kompaniechef entgegengehalten wurde, dass die Welt keine Priester mehr brauche. Auch in einer von 1944 völlig verschiedenen Welt denken viele Menschen heute, dass das Priestertum kein Beruf für die Zukunft sei, so Benedikt. Dagegen wendet der Papst ein:
   „Die Menschen werden immer, auch in der Periode der technischen Beherrschung der Welt und der Globali- sierung, Gott benötigen - den Gott, der sich uns gezeigt hat in Jesus Christus und der uns versammelt in der weltweiten Kirche. Wo der Mensch Gott nicht mehr wahrnimmt, wird das Leben leer. Alles ist zu wenig. Er sucht dann seine Zuflucht im Rausch oder in der Gewalt, von der gerade die Jugend heute zunehmend bedroht wird. Gott lebt.“
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Benedikts Brief an Seminaristen im Volltext
Liebe Seminaristen!
   Als ich im Dezember 1944 zum Soldatendienst eingezogen wurde, fragte der Kompaniechef jeden einzelnen von uns, welchen Beruf er für die Zukunft anstrebe. Ich antwortete, ich wolle katholischer Priester werden. Darauf der Leutnant: Da müssen Sie sich etwas anderes suchen. Im neuen Deutschland werden Priester nicht mehr gebraucht. Ich wusste, dass dieses „neue Deutschland“ bereits am Ende war und dass nach den unge- heuren Verwüstungen, die dieser Wahn über das Land gebracht hatte, erst recht wieder Priester nötig sein würden. Heute ist die Lage ganz anders. Aber in unterschiedlichen Weisen denken auch heute viele Leute, dass das katholische Priestertum kein Beruf für die Zukunft sei, sondern eher der Vergangenheit angehöre. Ihr, liebe Freunde, habt Euch entschieden, ins Priesterseminar einzutreten und habt Euch damit auf den Weg zum Dienst des Priesters in der katholischen Kirche gemacht, gegen solche Vorstellungen und Meinungen. Ihr habt gut daran getan. Denn die Menschen werden immer, auch in der Periode der technischen Beherrschung der Welt und der Globalisierung, Gott benötigen - den Gott, der sich uns gezeigt hat in Jesus Christus und der uns versammelt in der weltweiten Kirche, um mit ihm und durch ihn das rechte Leben zu erlernen und die Maß- stäbe der wahren Menschlichkeit gegenwärtig und wirksam zu halten. Wo der Mensch Gott nicht mehr wahr- nimmt, wird das Leben leer. Alles ist zu wenig. Er sucht dann seine Zuflucht im Rausch oder in der Gewalt, von der gerade die Jugend heute zunehmend bedroht wird. Gott lebt. Er hat jeden von uns geschaffen und kennt daher jeden. Er ist so groß, dass er Zeit hat für unsere Kleinigkeiten: „Alle Haare eures Hauptes sind gezählt.“ Gott lebt, und er braucht Menschen, die für ihn da sind und die ihn zu den anderen Menschen bringen. Ja, es hat Sinn, Priester zu werden:Die Welt braucht Priester, Hirten, heute, morgen und immer, solange sie besteht.
   Das Priesterseminar ist Weggemeinschaft auf den priesterlichen Dienst zu. Damit ist schon etwas sehr Wichtiges gesagt: Priester wird man nicht allein. Es braucht die „Jüngergemeinschaft“, das Miteinander derer, die der gemeinsamen Kirche dienen wollen. In diesem Brief möchte ich – auch rückschauend auf meine eigene Seminarzeit – ein paar Elemente herausstellen, die für diese Jahre des Unterwegsseins wichtig sind.
   1. Wer Priester werden will,  muss  vor  allem ein „Gottesmensch“ sein, wie der heilige Paulus es ausdrückt 1 Tim 6,11. Gott ist für uns nicht eine ferne Hypothese, nicht ein Unbekannter, der sich nach dem Urknall zurückgezogen hat. Gott hat sich gezeigt in Jesus Christus. Im Gesicht Jesu Christi sehen wir das Gesicht Gottes. In seinen Worten hören wir Gott selbst mit uns reden. Deshalb ist das Allerwichtigste auf dem Weg zum Priestertum und das ganze Priesterleben hindurch die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus. Der Priester ist nicht der Verwalter irgendeines Vereins, dessen Mitgliederzahl er zu erhalten und zu vergrö- ßern versucht. Er ist der Bote Gottes unter den Menschen. Er will zu Gott hinführen und so auch die rechte Gemeinschaft der Menschen untereinander wachsen lassen. Deshalb ist es so wichtig, liebe Freunde, dass Ihr im stetigen Kontakt mit Gott zu leben lernt. Wenn der Herr sagt: „Betet allezeit“, dann fordert er uns natürlich nicht dazu auf, dauernd Gebetsworte zu sprechen, sondern dazu, den inneren Kontakt mit Gott nie zu ver- lieren. In ihn uns einzuüben, ist der Sinn unseres Betens. Deshalb ist es wichtig, dass der Tag mit Gebet beginnt und mit Gebet endet. Dass wir in der Schriftlesung ihm zuhören. Dass wir ihm unsere Wünsche und Hoffnungen, unsere Freuden und Leiden, unsere Fehler und unseren Dank für alles Schöne mitteilen und so ihn als Bezugspunkt unseres Lebens immer vor Augen haben. So werden wir sensibel für unsere Fehler und lernen, an uns zu arbeiten; sensibel aber auch für all das Schöne und Gute, das wir wie selbstverständlich Tag um Tag empfangen, und so wächst Dankbarkeit. Mit der Dankbarkeit wächst die Freude, dass Gott uns nahe ist und dass wir ihm dienen dürfen.
   2. Gott ist für uns nicht nur Wort. In den Sakramenten schenkt er sich uns leibhaftig, durch leibliche Dinge hindurch. Mitte unserer Gottesbeziehung und unserer Lebensgestaltung ist die Eucharistie. Sie von innen her mitzufeiern und so Christus leibhaftig zu begegnen, muss Zentrum aller unserer Tage sein. Der heilige Zyprian hat die Evangelienbitte „unser tägliches Brot gib uns heute“ unter anderem so ausgelegt, dass er sagt: „Unser“ Brot, das Brot, das wir als Christen in der Kirche empfangen dürfen, ist der eucharistische Herr selbst. In der Vaterunser-Bitte beten wir demnach darum, dass er uns dieses „unser“ Brot täglich schenkt; dass es immerfort die Nahrung unseres Lebens sei. Dass der auferstandene Christus, der sich uns in der Eucharistie gibt, wirklich unser ganzes Leben durchforme mit dem Glanz seiner göttlichen Liebe. Zur rechten Eucharistie- feier gehört es auch, dass wir die Liturgie der Kirche in ihrer konkreten Gestalt kennen, verstehen und lieben lernen. In der Liturgie beten wir mit den Gläubigen aller Jahrhunderte – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft berühren sich in einem einzigen großen Chor des Gebetes. Allmählich verstehen zu lernen, wie dies alles gewachsen ist, wie viel Erfahrung des Glaubens im Aufbau der Messliturgie liegt, wie viele Generationen sie betend geformt haben, ist etwas Begeisterndes, wie ich von meinem persönlichen Weg her sagen darf.
   3. Auch das Bußsakrament ist wichtig. Es lehrt mich, mich von Gott her anzuschauen und zwingt mich zur Ehrlichkeit mir selbst gegenüber. Es führt mich zur Demut. Der Pfarrer von Ars hat einmal gesagt: Ihr findet es nicht sinnvoll, heute die Lossprechung zu empfangen, da ihr wisst, dass ihr morgen doch wieder die gleichen Sünden tun werdet. Aber – so sagt er: Gott selbst vergisst im Augenblick eure Sünden von morgen, um euch heute seine Gnade zu geben. Auch wenn wir immer wieder mit den gleichen Fehlern zu ringen haben, ist es wichtig, der seelischen Verwilderung entgegenzuwirken; der Gleichgültigkeit, die sich damit abfindet, dass ich nun einmal so bin. Es ist wichtig, auf dem Weg zu bleiben – ohne Skrupulosität, in dem dankbaren Bewusst- sein, dass Gott mir immer neu vergibt. Aber auch ohne Gleichgültigkeit, die nicht mehr um die Heiligkeit und um das Besserwerden ringen würde. Und indem ich mir vergeben lasse, lerne ich auch, den anderen zu vergeben. Indem ich meine eigene Armseligkeit erkenne, werde ich auch toleranter und verständiger mit der Schwäche des Nächsten.
   4. Bewahrt Euch auch den Sinn für die Volksfrömmigkeit, die in allen Kulturen verschieden und doch auch immer wieder ganz ähnlich ist, weil das Herz des Menschen letztlich immer dasselbe ist. Gewiss, die Volks- frömmigkeit tendiert zur Irrationalität, vielleicht auch manchmal zur Äußerlichkeit. Sie zu ächten ist dennoch ganz verkehrt. In ihr ist der Glaube in das Herz der Menschen eingetreten, ist Teil ihres Empfindens, ihrer Gewohnheiten, ihres gemeinsamen Fühlens und Lebens geworden. Deswegen ist die Volksfrömmigkeit ein großer Schatz der Kirche. Der Glaube hat Fleisch und Blut angenommen. Sie muss sicher immer wieder gereinigt, auf die Mitte hin bezogen werden, aber sie verdient unsere Liebe, und sie macht uns selber auf ganz reale Weise zu „Volk Gottes“.
   5. Die Zeit im Seminar ist vor allem auch Zeit des Studiums. Der christliche Glaube hat eine rationale und eine intellektuelle Dimension, die ihm wesentlich ist. Ohne sie wäre er nicht er selber. Paulus spricht von einem „Typus der Lehre“, in den hinein wir in der Taufe übergeben worden sind Röm 6,17. Ihr alle kennt das Wort des heiligen Petrus, das den mittelalterlichen Theologen als Begründung für eine rationale, wissen- schaftlich ausgearbeitete Theologie galt: „Seid stets bereit, jedem Antwort zu geben, der euch nach der ‚Ver- nunft‘ (Logos) eurer Hoffnung fragt“ 1 Petr 3,15. Die Fähigkeit zu solchen Antworten zu lernen, ist eine Hauptaufgabe der Jahre im Priesterseminar. Ich kann Euch nur dringend bitten: Studiert eifrig! Nützt die Jahre des Studiums! Ihr werdet es nicht bereuen. Sicher, oft erscheinen Materien des Studiums weit von der Praxis des christlichen Lebens und des pastoralen Dienstes entfernt. Aber es ist trotzdem ganz verkehrt, immer sogleich die pragmatische Frage zu stellen: Kann ich das einmal brauchen? Hat das praktischen, pastoralen Nutzen? Es geht eben nicht bloß darum, das augenscheinlich Nützliche zu erlernen, sondern darum, das innere Gefüge des Glaubens so in seiner Ganzheit zu kennen und zu verstehen, dass es Antwort auf die Fragen der Menschen wird, die äußerlich gesehen von Generation zu Generation wechseln und doch in ihrem tiefsten Grund dieselben bleiben. Deswegen ist es wichtig, hinter die wechselnden Fragen des Augenblicks zu kommen, um die eigentlichen Fragen zu begreifen und so auch die Antworten als Antworten zu verstehen. Es ist wichtig, die Heilige Schrift als ganze, in ihrer Einheit aus Altem und Neuem Testament gründlich kennen- zulernen – die Gestaltwerdung der Texte, ihre literarische Eigenart, ihr Zusammenwachsen zum Kanon der heiligen Bücher, die dynamische innere Einheit, die nicht auf der Oberfläche liegt, aber doch allen einzelnen Texten erst ihre volle Bedeutung gibt. Es ist wichtig, die Väter und die großen Konzilien kennenzulernen, in denen die Kirche sich die wesentlichen Aussagen der Schrift denkend und glaubend angeeignet hat. So könnte ich fortfahren: Was wir Dogmatik nennen, ist das Verstehen der einzelnen Inhalte des Glaubens in ihrer Einheit, ja, ihrer letzten Einfachheit: Alles Einzelne ist letztlich nur Entfaltung des Glaubens an den einen Gott, der sich uns gezeigt hat und zeigt. Dass es wichtig ist, die wesentlichen Fragen der Moraltheologie und der katholischen Soziallehre zu kennen, brauche ich nicht eigens zu sagen. Wie wichtig heute die ökume- nische Theologie ist, das Kennenlernen der verschiedenen christlichen Gemeinschaften, liegt auf der Hand, desgleichen die Notwendigkeit einer Grundorientierung über die großen Religionen und nicht zuletzt die Philosophie: das Verstehen des menschlichen Suchens und Fragens, auf das der Glaube Antwort sein will. Lernt aber auch, das Kirchenrecht in seiner inneren Notwendigkeit und in seinen praktischen Anwendungs- formen zu verstehen und – ich wage es zu sagen – zu lieben: Eine Gesellschaft ohne Recht wäre eine recht- lose Gesellschaft. Recht ist die Bedingung der Liebe. Ich will nun nicht weiter aufzählen, sondern nur noch einmal sagen: Liebt das Studium der Theologie, und folgt ihm mit dem wachen Sinn für die Verankerung der Theologie in der lebendigen Gemeinschaft der Kirche, die mit ihrer Autorität nicht etwa ein Gegenpol zur theologischen Wissenschaft, sondern ihre Voraussetzung ist. Ohne die glaubende Kirche hört Theologie auf, sie selber zu sein und wird zu einem Bündel verschiedener Disziplinen ohne innere Einheit. 6. Die Jahre im Priesterseminar müssen auch eine Zeit des menschlichen Reifens sein. Für den Priester, der andere auf dem Weg durchs Leben und bis zur Pforte des Todes begleiten soll, ist es wichtig, dass er selbst Herz und Verstand, Vernunft und Gefühl, Leib und Seele ins rechte Gleichgewicht gebracht hat und menschlich „intakt“ ist. Die christliche Überlieferung hat daher immer mit den „göttlichen Tugenden“ auch die von der Erfahrung des Menschseins, von der Philosophie her gefundenen „Kardinaltugenden“ und überhaupt die gesunde ethi- sche Überlieferung der Menschheit verbunden. Paulus sagt das sehr deutlich zu den Philippern: „Schließlich, Brüder: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!“ 4,8 In diesen Zusammenhang gehört auch die Integration der Sexualität ins Ganze der Persönlichkeit. Die Sexualität ist eine Gabe des Schöpfers, aber auch eine Aufgabe an das eigene Menschwerden. Wenn sie nicht in die Person integriert ist, dann wird sie banal und zerstörerisch zugleich. Wir sehen das heute an vielen Beispielen in unserer Gesellschaft. In letzter Zeit haben wir mit großem Bedauern feststellen müssen, dass Priester durch sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ein Zerrbild ihres Amtes abgegeben haben. Statt Menschen zu reifer Menschlichkeit hinzuführen und sie ihnen selbst vorzuleben, haben sie durch ihren Missbrauch Zerstörungen hervorgerufen, die wir mit tiefem Schmerz bedauern. Ob alledem kann bei vielen Menschen, wohl auch bei Euch selber, die Frage aufkommen, ob es gut sei, ein Priester zu werden; ob der Zölibat ein sinnvoller Weg menschlichen Lebens sei. Aber der zutiefst zu missbilligende Missbrauch kann die priesterliche Sendung nicht diskreditieren, die groß und rein bleibt. Gottlob kennen wir alle überzeugende, von ihrem Glauben geformte Priester, an denen uns sichtbar wird, dass man in diesem Stand und gerade auch im Leben des Zölibats zu wirklicher, reiner und reifer Menschlichkeit kommen kann. Das Geschehene muss uns freilich wacher und aufmerksamer machen, gerade auf dem Weg zum Priestertum sich selber vor Gott gründlich zu befragen, ob dies sein Wille für mich ist. Es ist Aufgabe der Beichtväter und Eurer Vorgesetzten, Euch auf dem Weg dieser Entscheidung zu begleiten und zu helfen. Es ist ein grundlegendes Element Eures Weges, im Aufblick zu dem in Christus offenbaren Gott die grund- legenden Tugenden des Menschseins zu üben und von ihm her immer neu reinigen zu lassen.
   7. Die Anfänge priesterlicher Berufung sind heute vielfältiger und unterschiedlicher als in den früheren Jahren. Der Entscheid für das Priestertum bildet sich heute oft in den Erfahrungen eines schon erlernten weltlichen Berufes. Er wächst häufig in Gemeinschaften, besonders in den Movimenti, die einer gemeinsamen Begegnung mit Christus und seiner Kirche, einer spirituellen Erfahrungen und der Freude am Dienst des Glaubens förderlich sind. Er reift auch in ganz persönlichen Begegnungen mit der Größe und der Not des Men- schseins. So leben oft Priesterkandidaten auf ganz verschiedenen spirituellen Kontinenten. Es kann schwer sein, die Gemeinsamkeit des künftigen Auftrags und seines spirituellen Weges zu erkennen. Gerade deshalb ist das Priesterseminar wichtig als Weggemeinschaft über die verschiedenen Formen der Spiritualität hin. Die Movimenti sind eine großartige Sache. Ihr wisst, wie sehr ich sie als Gabe des Heiligen Geistes an die Kirche schätze und liebe. Aber sie müssen daran gemessen werden, wie sie alle auf das gemeinsame Katholische, auf das Leben der gemeinsamen Kirche Christi offen sind, die in aller Vielfalt doch nur eine ist. Das Priester- seminar ist die Zeit, in der Ihr miteinander und voneinander lernt. In dem manchmal vielleicht schwierigen Mit- einander müsst Ihr die Großzügigkeit und Toleranz erlernen, einander nicht nur ertragen, sondern gegenseitig bereichern, so dass jeder seine spezifische Gabe ins Ganze einbringen kann, aber doch alle der gleichen Kirche, dem gleichen Herrn dienen. Diese Schule der Toleranz, mehr: des Sich-Annehmens und des Sich-Ver- stehens in der Einheit des Leibes Christi gehört zu den wichtigen Elementen der Jahre im Priesterseminar.
   Liebe Seminaristen! Mit diesen Zeilen wollte ich Euch zeigen, wie sehr ich mit Euch gerade in diesen schwierigen Zeiten mitdenke und wie sehr ich Euch im Gebet nahe bin. Betet auch für mich, damit ich meinen Dienst recht zu tun vermag, solang der Herr es will. Ich vertraue Euch auf Eurem Weg der Vorbereitung auf das Priestertum dem mütterlichen Schutz Marias an, deren Haus eine Schule des Guten und Stätte der Gnade war. Es segne Euch alle der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Aus dem Vatikan, am 18. Oktober 2010, dem Fest des heiligen Evangelisten Lukas.
Im Herrn Euer
Benedikt PP XVI.
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405.000 Priester verkünden zur Zeit mit dem Papst und den Bischöfen das Evangelium in der Welt.
Jährlich wächst die Kirche um 20 Millionen Mitglieder, schneller als die Weltbevölkerung.
Das Kirchenrecht beschreibt ihre Aufgabe nüchtern und klar:
Can. 756 - § 1. Im Hinblick auf die ganze Kirche ist die Aufgabe, das Evangelium zu verkündigen, vornehmlich dem Papst und dem Bischofskollegium anvertraut.
Can. 757 - Es ist eigene Aufgabe der Priester, die ja Mitarbeiter der Bischöfe sind, das Evangelium Gottes zu verkündigen; vor allem sind dazu verpflichtet, im Hinblick auf das ihnen anvertraute Volk, die Pfarrer und andere, denen Seelsorge übertragen ist; Aufgabe auch der Diakone ist es, im Dienst am Wort dem Gottesvolk in Gemeinschaft mit dem Bischof und seinem Presbyterium zu dienen.
Foto: Plakat der Französischen Bischofskonferenz mit Pater Benoit, 39 Jahre.

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Besuch im Pfarrhaus des heiligen Jean-Marie Vianney, Pfarrer von Ars
Das Wirken des Heiligen Geistes in der Lektüre
Foto: Eine Darstellung des heiligen Pfarrers von Ars, der ins Gebet vertieft ist

   Die Volksfrömmigkeit umgibt die Heiligen oft mit einer »legenda aurea«, einer »Goldenen Legende«. Die Gläubigen bringen so ihre Liebe zu ihnen und ihre Dankbarkeit gegenüber Gott zum Ausdruck, der diese vorbildlichen Jünger Christi mit überreichen Gnadengaben beschenkt hat. Oft werden dabei die natürlichen Begabungen der Heiligen heruntergespielt, um die Auswirkungen des göttlichen Eingreifens in ihr Leben besser herauszustellen. Der heilige Pfarrer von Ars ist da keine Ausnahme: Es fehlt nicht an populären Schriften, die ihn mit der lobenswerten Absicht, seine Heiligkeit hervorzuheben, dennoch zu Unrecht so darstellen, als habe ihm fast jegliche Intelligenz gefehlt.

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   Oft ist der Pilger, der das Pfarrhaus von Johannes Maria Vianney besucht Fotos oben, ergriffen von der Einfachheit, ja der Armut dieses Hauses. Normalerweise bemerkt er die reiche, 252 Bücher umfassende Bibliothek gar nicht, obwohl dies für einen französischen Gemeindepfarrer am Beginn des 19. Jahrhunderts und auch für viele seiner Zeitgenossen beachtenswert ist. Gerade in ihrer Gesamtheit sind die Bücher sehr interessant, denn ihr Besitzer hat nie einen Katechismus veröffentlicht noch geschrieben. Wir kennen seinen Katechismusunterricht nur durch die Mitschriften seiner treuen Schüler. Deshalb ist diese Bibliothek praktisch das einzige Mittel, um die Persönlichkeit des Pfarrers von Ars aus der Nähe kennenzulernen. Er selbst be- zeichnete sich gerne als ungebildet, während er im Rahmen seiner Möglichkeiten sicher das Studium und die Beschäftigung mit den Büchern liebte.
   Rufen wir uns kurz in Erinnerung, dass Johannes Maria am 8. Mai 1786 in Dardilly in der Nähe von Lyon geboren wurde, als Junge auf den Feldern arbeitete und Schafe hütete. Er hatte also nicht die Gelegenheit, regelmäßig die Schule zu besuchen. Die erste heilige Kommunion empfing er 1799 im Rahmen einer insgeheim gefeierten heiligen Messe in Ecully. Erst 1803, als er bereits 18 Jahre alt war, besuchte er die Grundschule in Dardilly. Als er 1806 im Priesterseminar »Saint-Irenee« von Lyon vorgestellt wurde, machte er sofort die bittere Erfahrung, auf eine Mauer offensichtlich unüberwindlicher Ignoranz zu stoßen. Der Unterricht im Seminar fand ausschließlich in Kursen in lateinischer Sprache statt, die für den Jungen vom Land vollkommen unverständlich waren. Nach Meinung seiner Professoren war er »debolissimus«, und ihn möglicherweise in seine Familie zurückzuschicken schien für sie die beste Lösung zu sein.
   Seine Berufung wurde 1807 von dem Kanoniker Charles Balley „gerettet“. Dieser war vor der Französischen Revolution Regularkanoniker von Saint-Geneviéve und Novizenmeister gewesen und hatte glücklicherweise noch die solide Ausbildung der Priester des „Ancien Régime“ erhalten. Der Kanoniker Balley verband eine präzise intellektuelle Aktivität mit einem streng asketischen Leben. Nach der Revolution wurde er zum Pfarrer von Ecully in der Nähe von Lyon ernannt und sammelte einige Jugendliche um sich, die er auf das Priestertum vorbereitete. Johannes-Maria war sein treuester Schüler auch in Bezug auf die Askese. Aber er sah als Lehrer sofort, dass es unmöglich war, ihn in lateinischer Sprache in Theologie zu unterrichten. Deshalb beschloss er, ihm die verschiedenen theologischen Traktate auf französisch zu erklären. Er selbst machte sich auch gegen- über den Autoritäten der Diözese zum Gewährsmann für die Echtheit der Berufung des Jungen. So empfing Johannes Maria Vianney am 13. August 1815 die Priesterweihe.
   Er wurde zum Vikar des Kanonikers in Ecully ernannt und empfing von seinem Lehrer die erste Einführung in den priesterlichen Dienst, bis dieser zweieinhalb Jahre später, am 16. Dezember 1817, starb. Der Kanoniker Balley hatte von seinem Pariser Konvent einen strengen, vom Jansenismus beeinflussten Rigorismus mit- gebracht. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Pfarrer von Ars in den ersten Jahren seines Amtes seine Pfarrkinder mit übertriebenem Rigorismus als »schlechte Katholiken« tadelte. Der junge Priester hatte große Mühe, seine Predigten vorzubereiten. Viele Stunden des Tages, und der Nacht arbeitete er hart daran, indem er Zitate aus den Büchern seines Lehrers abschrieb, um diese „sauer erarbeiteten Seiten“ Seiten« dann auswendig zu lernen.
   Beim Tod Balleys erbte Vianney die Bücher seines Lehrers, ungefähr 70 an der Zahl, die er mit nach Ars nahm, nachdem er am 11. Februar 1818 zum dortigen Pfarrer ernannt worden war. Aber in der Bibliothek von Ars gibt es insgesamt 151 vor 1818 gedruckte Bücher, das heißt über 80 Bücher stammen aus Käufen nach seiner Ankunft in Ars. Auch nach 1818 wächst die Bibliothek weiter. Insgesamt 103 Titel des Bestandes wurden zwischen 1818 und 1859, dem Todesjahr des heiligen Pfarrers von Ars, veröffentlicht. Jährlich wuchs die Bibliothek um ein bis sechs Bücher.
   Da Johannes Maria Vianney Ars nach seiner 1823 unternommenen Wallfahrt zur Muttergottes von Fourviere Lyon nicht mehr verlassen hatte, stellt man sich die Frage, auf welche Weise er diese vielen Bücher erworben hat. Das Rätsel ist bis heute ungelöst. Wie dem auch sei, die Bibliothek besteht ausschließlich aus religiöser Literatur, ihr Bestand ähnelt dem der kirchlichen Bibliotheken jener Zeit. So ist zu vermuten, dass diese Sammlung von Büchern und anderen Dokumenten wie Pastoralbriefen oder frommen Schriften das Ergebnis der persönlichen Auswahl des Pfarrers von Ars ist und nicht zufällig entstand.
  Wie seine Zeitgenossen zogen auch den Pfarrer von Ars die Heiligenleben an, in denen er konkrete Vorbilder suchte, um sie seinen Gläubigen vorzustellen. Aus dem Bücherverzeichnis seiner Bibliothek geht hervor, dass alle die Kirche betreffenden Fragen ihn interessierten. Unter anderem hat er sich genauestens über die Missi- onen informiert und sprach auch zu seinen Gläubigen häufig über die Missionare. Insbesondere dank der Theologie morale von Kardinal Thomas-Marie Joseph Gousset (1845) entdeckte er die Lehre des heiligen Alfons von Liguori, so dass er sich von seinem anfänglichen Rigorismus abwandte und mit dem Denken der Kirche seiner Zeit in Einklang trat. Im Gegensatz zu den Katalogen der Buchhändler waren in seiner Bibliothek die Autoren aus dem Ordensstand in der Minderheit; die meisten von ihnen waren Jesuiten.
   Untersucht man die vom Leser in den Büchern hinterlassenen Spuren - Exlibris, handschriftliche Randbemer- kungen oder Hinweiszeichen, geknickte oder herausgeschnittene Seiten, kleine Essensreste zwischen den Seiten (denn er las während der Mahlzeiten) -, kann man sagen, dass Vianney sicher 192 der in seiner Biblio- thek vorhandenen Bücher gelesen hat.
   Bemerkenswert ist das Fehlen einiger Bücher: Er besaß weder die “Nachfolge Christi” noch die Werke des heiligen Franz von Sales, die in dieser Zeit gewöhnlich in allen kirchlichen Bibliotheken Frankreichs zu finden waren. Liest man die Manuskripte seiner Predigten, so fällt auf, dass er, der ein schlechtes Gedächtnis hatte, nur häufig gelesene Zitate abschrieb, die er sich zudem in der Meditation angeeignet hatte und die er in an- nähernder, aber überzeugender Weise wiedergab.
   Kurz gesagt, Vianney benutzte seine Bibliothek als Quelle für seinen priesterlichen Dienst, im Bewusstsein, dass sich Gebet und Studium verbinden müssen, um das christliche Volk zu unterweisen und es auf den Weg der Heiligkeit zu führen. Stundenlang in seinen Beichtstuhl eingeschlossen, in direktem Kontakt mit der menschlichen Schwäche und dem Werk des Bösen, den er »Grappin« [»Greifer«] nannte, verstand er es dank seiner Liebe zu Christus, die er im Heiligsten Herzen verehrte, sich den Inhalt seiner Bücher anzueignen und in der Sprache der Liebe und der göttlichen Barmherzigkeit die großartige Heilsbotschaft des Evangeliums zum Ausdruck zu bringen.
   Vianney befolgte den Rat seines Bischofs Alexandre Devie, der 1848 gesagt hatte: »Die zweite Pflicht [der Priester, um den Weg der Heiligkeit zu gehen] besteht im Studium der kirchlichen Themen« und »vielleicht hatte es der Klerus noch nie so nötig, sich zu bilden, wie im unglücklichen Jahrhundert, das wir jetzt erleben«. In Bezug auf den Pfarrer von Ars hat er ein unbestreitbares Zeugnis für dessen Liebe zu den Büchern und zum Studium abgelegt, auch wenn letzterer außer seinen Predigtmanuskripten keinerlei Schriften hinterlassen hat.
   Jean-Baptiste-Henri Lacordaire, der den Dominikanerorden in Frankreich wiederhergestellt hat, sagte bei einer Pilgerfahrt in Ars, wo er am 4. Mai 1845 predigte: »Die Literatur ist zusammen mit dem Christentum der Ursprung jeder Zivilisation«, und er betonte, dass man es nie bedauere, Wissen erworben zu haben, weil das Ergebnis einer gewissenhaften Arbeit immer von Nutzen sei. Der große Prediger von Notre-Dame in Paris schüttete sein Herz aus, nachdem er Vianney hatte predigen hören: »Ich möchte predigen wie er.«
   Der Pfarrer von Ars ist sicher kein Gelehrter geworden, der hätte Bücher schreiben oder an der Universität unterrichten können, aber seine Bibliothek beweist, dass er nie auf die persönliche intellektuelle und spiri- tuelle Bildung durch das Studium verzichtet hat, wie er es vom Kanonikus Balley gelernt hatte. Die Wahl seiner Lektüre - in Übereinstimmung mit der geistlichen Orientierung und den Sorgen der Kirche und ganz ausgerichtet auf die Nöte seiner Zeitgenossen - zeigt die Richtigkeit seiner intellektuellen Unterscheidungs- gabe, die von seinem Glaubensleben und seiner apostolischen Nächstenliebe erleuchtet wurde. Seine spiri- tuelle Entwicklung vom Rigorismus hin zum Vertrauen in die barmherzige Liebe des Erlösers ist zweifellos die Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes in seinem Herzen, aber auch seiner Lektüre.
   Ein aufmerksamer Blick auf die Bibliothek des heiligen Pfarrers von Ars zeigt uns, dass er sie den Vor- schriften seines Bischofs entsprechend besitzen wollte, um besser seine pastoralen Pflichten zu erfüllen. So erwies er sich als intelligenter, gewissenhafter und eifrig um das Seelenheil seiner Gläubigen besorgter Priester. 
OR100109 Bernard Ardura Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften

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Foto links: Jean-Maria Vianney - Heiliger Pfarrer von Ars
Foto rechts: Pfaarhaus in Ars - Schlafzimmer

   Leidenschaftlich, mit großer Geduld, übergroßem Eifer und langmütiger Güte wirkte er in seiner Gemeinde. Im seelsorglichen Zuspruch im Beichtstuhl wurde seine Größe offenbar. Die Gabe der Krankenheilung und Prophezeiung brachte ihm Anerkennung, bald Bewunderung ein. Immer mehr verwandelte sich die Bevöl- kerung von Ars, keiner konnte sich diesem Einfluss entziehen. Aus ganz Frankreich pilgerten schließlich Men- schen zu ihm, zogen sogar mit ihren Familien nach Ars. Tag und Nacht saß der asketische Jean-Marie im Beichtstuhl.
   Jean-Marie wurde in Anerkennung seines Wirkens schließlich zum Ehrendomherrn ernannt, 1855 zum Ritter der Ehrenlegion in Frankreich. Er starb an Entkräftung und innerer Auszehrung. Über der alten Pfarrkirche von Ars wurde ihm zu Ehren eine Basilika erbaut, in der nun Jean-Maries Gebeine ruhen.
Hunderttausende pilgern zum heiligen Pfarrer Jean-Marie Vianney nach Ars
   Die Kommune wird jährlich von rund 450.000 Besuchern angesteuert. Ein ungeheurer Strom angesichts der nur 1.200 Einwohner. Der Pfarrer von Ars, 1925 heiliggesprochen, wirkte hier: Jean-Marie Vianney, der sich im 19. Jahrhundert einen Ruf als Prediger und Beichtvater erwarb, der ihn weit über die Grenzen seiner Gemeinde hinaus bekannt machte. Mit dem höchsten Orden der französischen Ehrenlegion ausgezeichnet, starb Vianney 1859. Sein bescheidenes Pfarrhaus blieb im Originalzustand erhalten und zieht wie die von ihm bereits geplante und später weiter vergrößerte Basilika mit 2.300 Plätzen die Massen an.
   Erhalten ist die Kirche, in der der Pfarrer von Ars von der Kanzel predigte, der Beichtstuhl, in dem er bis zu vierzehn Stunden jeden Tages verbracht hat. Die Kirche blieb, wie er sie verlassen hat - größer allerdings, als er selbst sie antraf, denn aus dem einschiffigen, kleinen Gebäude ließ Vianney selbst schon eine immer noch bescheidene dreischiffige Kirche errichten. Zwischen der Basilika und der alten Kirche ruht in einem Verbin- dungsstück das Ziel vieler Wallfahrer, der unverweste Leichnam des Pfarrers von Ars in seinem gläsernen Schrein:
Foto unten.  
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    Bemerkenswert war seine Präsenz während des Kölner Weltjugendtags 2005 Fotos oben: Im Zentrum für Geistliche Berufe wurde in einem Reliquiar das Herz des Pfarrers von Ars zur Verehrung ausgestellt. Es war ein eindrucksvolles Zeugnis für die Seminaristen aus aller Welt, die in dieses Zentrum pilgerten. Über allem stand für die angehenden Priester das Wort des Pfarrers von Ars: „Der Priester ist nicht Priester für sich selbst, sondern für euch."

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Der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler Foto links erhält für seinen lebenslangen Einsatz für
die Rechte der indigenen Völker und für sein unermüdliches Engagement gegen die Zerstörung des
Amazonas-Gebiets
Foto rechts den Alternativen Nobelpreises 2010

   Das hat die „Right Livelihood Award Foundation“ bekanntgegeben. Der 71-jährige Kräutler hat in den ver- gangenen Monaten u.a. an der Spitze des Widerstandes gegen das Mega-Wasserkraftwerk Belo Monte im Amazonasgebiet gestanden. Er steht seit vier Jahren unter Polizeischutz. - Der von dem deutsch-schwe- dischen Journalisten Jakob Carl von Uexküll begründete Preis wurde bislang an rund 140 Personen aus fast 60 Ländern verliehen, die beispielhaft auf die dringlichsten Herausforderungen der Menschheit antworten. Er ist mit umgerechnet rund 220.000 Euro dotiert und wird seit 1980 verliehen.
   Kräutler wurde am 12. Juli 1939 in Vorarlberg geboren; nach der Matura (er war ein Schulkollege des früheren Feldkircher und nunmehrigen St. Pöltner Bischofs Klaus Küng) trat er in die Kongregation der Missio- nare vom Kostbaren Blut ein und studierte in Salzburg Theologe und Philosophie. Am 3. Juli 1965 wurde er zum Priester geweiht. Noch im selben Jahr ging er als Missionar ins brasilianische Amazonasgebiet. Am 7. November 1980 wurde er von Johannes Paul II. zum Bischof-Koadjutor für die Prälatur Xingu im Bundesstaat Para ernannt, deren Bischof damals sein Onkel Erich Kräutler war. Am 25. Jänner 1981 wurde er zum Bischof geweiht, am 2. September 1981 trat er die Nachfolge seines Onkels an. Die Prälatur Xingu ist mit 350.000 Quadratkilometern und 400.000 Einwohnern (davon nur 3.500 Indianer) die flächenmäßig größte Diözese Brasiliens. Von 1983 bis 1991 (und wieder seit 2006) wirkte Kräutler auch als Präsident des Indianer- Missionsrates (CIMI) der Brasilianischen Bischofskonferenz. Sein Einsatz galt und gilt der „Option für die Armen“. 1983 wurde Kräutler wegen Teilnahme an einer Solidaritätsaktion von der Militärpolizei festge- nommen und verprügelt. 1987 wurde der Bischof durch einen inszenierten Unfall schwer verletzt: Ein Klein- lastwagen hatte frontal sein Auto gerammt.
   Die Sorge des Bischofs gilt sowohl den Indios als auch den Hunderttausenden marginalisierten Klein- bauern und Landarbeitern seiner Diözese, deren Rechte er gegen die großen agro-industriellen Konzerne verteidigt. Bischof Kräutler ist Träger zahlreicher österreichischer und internationaler Auszeichnungen. In seinen 840 Gemeinden ist der meist leger gekleidete Bischof überaus beliebt. Ob am Flughafen oder im Regenwald - er wird erkannt und mit einem „Oi, bispo“ (Hallo, Bischof) begrüßt. Wenn bei Pfarrvisitationen und sonstigen Gemeindebesuchen Plakate hochgehalten werden mit Botschaften wie „Dein Leid ist auch unser Leid, Bischof Erwin, wir lieben Dich“, dann sei er sich sicher, dass das Reich Gottes hier und jetzt beginne. Mit diesem Rückhalt hält er es auch aus, rund um die Uhr von Sicherheitsleuten beschützt zu werden: „Allein bin ich nur in meinem Zimmer und in meinem Büro“.
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Bischof Erwin Kräutler: “Mein Leben ist wie der Amazonas”.
   “Der Amazonas ist längst ein Symbol für mein Leben. Er fließt stundenlang ruhig dahin. Plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, ein schrecklicher Sturm, der die Wellen haushoch emporpeitscht. Dann jeden Tag, Ebbe und Flut. Die Gezeiten des Meeres überwältigen den wasserreichsten Strom der Erde und noch Hunderte Kilo- meter von seiner Mündung in den Atlantischen Ozean entfernt sind sie zu spüren, bis hinauf in die unzähligen Nebenflüsse.
   Ich bin Bischof im Amazonasgebiet und das Bistum ist nach dem Xingu benannt, einem der größten Neben- flüsse des "Rio-Mar", wie der Amazonas auch im Volksmund genannt wird. Kurz vor Weihnachten 1965 bin ich in Altamira angekommen. Seit 1980 stehe ich dem flächenmäßig größten Bistum Brasiliens vor, jede der zehn Pfarren im Diözesangebiet hat zwischen dreißig und neunzig Basisgemeinden. In Europa entsprächen die meisten dieser Pfarren einer Diözese. In den zwanzig Indianerdörfern wohnt die Urbevölkerung des Xingu- Tales: Kaiapó, Asurini, Araweté, Parakaná, Xikrin, Arara.
   Als Bischof habe ich "keine bleibende Stätte". Ich bin viel unterwegs, ziehe von Ort zu Ort, besuche die Ge- meinden, höre mich heiser, versuche die pastorale Arbeit zu koordinieren, sorge mich um die Verwaltung, bemühe mich um das geschwisterliche Gespräch, mache Mut, gebe Denkanstöße und ziehe Schlussfolge- rungen. Ich bin unterwegs, mit dem pilgernden Volk Gottes am Xingu und Amazonas. Ich leide, glaube und hoffe mit diesen Menschen. Ich liebe dieses Volk.
Aber wie geht es mir dabei?
   Mein Leben kann ich mit dem Amazonas vergleichen: Ruhe und Sturm, Ebbe und Flut. Ich bin traurig und fröhlich, bedrückt und dann wieder glücklich über so manche Veränderung. Wenn auch kleine Erfolge, sind es immer Lichtblicke. Ich spüre die Ohnmacht angesichts so vieler Ungerechtigkeit und bin empört über all die Ausbeutung und Plünderung der Menschen und ihrer Mit-Welt. Dann wieder begeistert mich diese und jene Initiative, die bezeugt: Das Reich Gottes beginnt hier und jetzt! Alle diese Eindrücke überwältigen mich. Kein Tag gleicht dem anderen. Immer wieder stoße ich auf neue Erfahrungen und auf meine Grenzen.
   Inmitten der Armen hat mich im Juni 1983 die Militärpolizei herausgegriffen, zu Boden geschlagen und verhaftet, weil ich mich den Protesten der Zuckerrohrpflanzer angeschlossen habe. Neun Monate wurde den Arbeitern die Bezahlung ihrer Ernte verweigert. Die Blockade der Transamazônica war der letzte Ausdruck ihrer allgemeinen Empörung über die Missstände. Es gab keine andere Möglichkeit mehr, die Forderungen einzuklagen. Fotos von meiner Festnahme gingen damals durch viele Medien. Die Welt wurde auf die Situation am Xingu aufmerksam.
   Wenige Wochen später wählte mich die Generalversammlung des Indianermissionsrates (CIMI) der Brasilia- nischen Bischofskonferenz zum Präsidenten der Organisation. Noch stärker erfuhr ich die Bedeutung der mit- leidenden Dimension der Solidarität und spürte hautnah, was es heißt, sich für die Armen und die kulturell Anderen einzusetzen.
   Gefälschte Protokolle und Unterschriften, Lügen und Unterstellungen in den Medien waren die Spitze einer großangelegten Verleumdungskampagne. Den Hetzartikeln in den Zeitungen folgte ein inszenierter Verkehrs- unfall. Nur knapp entging ich 1987 einem Zusammenstoß mit einem Lastwagen. Man erwischte den Falschen! Ein Mitbruder starb für mich, an meiner Seite. Das Unfallprotokoll vermodert längst in den Schubladen.
   Mit dem heiligen Paulus kann ich ausrufen: "Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet"
2 Kor 4,8-9. Ich habe Leid am eigenen Leib erfahren. Viel mehr aber bin ich tagtäglich mit dem Schmerz, der Not, dem Elend, der Unter- drückung und Ausbeutung meines Volkes konfrontiert. Ich kann und darf nicht länger schweigen und es drängt mich, all dieses Unrecht beim Namen zu nennen, den Protest und die Anklagen über die Grenzen Brasiliens hinauszuschreien.
   Im Rampenlicht zu stehen, behagte mir nie! Es ist mir bewusst, dass mein Einsatz immer Kritik auslöst. Wer mich jedoch kennt, weiß, dass ich meine Ansichten, die aus Erfahrung und Schmerz gewachsen sind, mit Überzeugung vertrete. Auch noch so harte Anfeindungen oder Urteile, ich sei ein "Revolutionär aus der Buschhütte" oder naiver Träumer, können mich nicht einschüchtern.” 
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   Für seinen jahrzehntelangen Kampf für die Rechte der Armen in Brasilien erhält Bischof Erwin Kräutler den „Alternativen Nobelpreis“. Die „Right Livelihood Award Foundation“, die diese Auszeichnung alljährlich vergibt, hat ihre Entscheidung drei Tage vor den Präsidentschaftswahlen in Brasilien getroffen. Erwin Kräutler ist als „Amazonas-Bischof“ bekannt geworden; er leitet das Bistum Xingu, die größte Diözese Brasiliens. Verfolgung, Festnahmen, Gewalt, gar die Ermordung enger Mitarbeiter gehörten zu seinem Alltag; seit Jahren steht Kräut- ler unter Personenschutz, weil er bei seinem Einsatz für Arme und den Amazonas-Urwald die Interessen der Großgrundbesitzer durchkreuzt. Im Gespräch mit Radio Vatikan sagte Bischof Kräutler vor kurzem:
   „Unfrieden und Terror verunsichern die Welt. Die Verwüstung der Mitwelt schreitet voran. Soziale Ungleich- heit vergrößert die Kluft zwischen Menschen und Nationen. Es ist die Stunde für uns alle, ein klares Bekennt- nis für die Gewaltlosigkeit, Versöhnung und Frieden abzugeben... Gerechtigkeit bedeutet in der Bibel mehr als nur angemessene Verteilung der Güter. Gerechtigkeit erschöpft sich nicht in ihrer ausgleichenden und aus- teilenden Dimension. Gerechtigkeit im biblischen Sinne heißt: Den Armen helfen. Sich für die Benachteiligten einsetzen. Die Wahrheit gegen die Lüge verteidigen. Und mit Ehrlichkeit gegen die Korruption auftreten.“
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   Die Brasilianische Bischofskonferenz gratuliert ihrem Mitbruder Erwin Kräutler zum Alternativen Nobelpreis. In einem Statement schließt sie sich auch der angelaufenen Kampagne zu dessen Friedensnobelpreis-Nomi- nierung an. Die Nominierung drücke aus, dass Kräutlers Wirken „prophetisch“ sei; er stehe in seiner pasto- ralen Arbeit „an der Seite der am meisten Verwundbaren der Gesellschaft und an der Seite der indigenen Völker“, heißt es in dem Text. Kräutler selbst, der das Amazonas-Bistum Xingu leitet, sieht in seiner Auszeich- nung auch eine Rückendeckung in seiner Kritik an der Indianerpolitik von Brasiliens Noch-Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva. Der Bischof sagte in einem ORF-Radiointerview, der scheidende Präsident habe für die indigenen Völker „nicht viel übrig gehabt“. RV101001kap

   In Österreich gibt es anhaltenden Protest gegen die Beteiligung des steirischen Anlagenbauers Andritz am Bau des Mega-Kraftwerks Belo Monte am Amazonas-Nebenfluss Xingu. Mehr als 3.000 Menschen haben das österreichische Unternehmen bisher zu einem Rückzug aus dem Projekt aufgefordert; die Protestaktion wurde von den Hilfswerken Südwind und der Dreikönigsaktion gestartet. Mit Belo Monte soll das weltweit drittgrößte Wasserkraftwerk im brasilianischen Regenwald gebaut werden. Die geplante Anlage ist sowohl in ökologi- scher als auch wirtschaftlicher Hinsicht äußerst umstritten: Menschenrechtler, Umweltschützer, indigene Grup- pen und die katholische Kirche kritisieren sie seit Jahren. Zur Sicherung der Energieversorgung hält die Re- gierung in Brasilia das Wasserkraftwerk dennoch für notwendig. Anfang Juni erteilte sie die endgültige Bau- genehmigung für das Kraftwerk, das rund 40 Kilometer von der Stadt Altamira entfernt entstehen soll.
RV110712kap

Brasilien: Wieder Baustopp am Xingu - Bischof Kräutler vorsichtig optimistisch
   Der Widerstand gegen den Bau des Megastaudammes von Belo Monte in Brasilien schöpft neue Hoffnung: Erneut hat ein Gericht den Baustopp verfügt. Dieses Mal geht es um Fische: Das Baukonsortium Norte Energia dürfe keine Infrastrukturmaßnahmen vornehmen, die den natürlichen Fluss des Xingu und damit den Fischbestand und das Fischen der Ureinwohner beeinträchtigten, urteilte das Gericht. In erster Reihe dabei beim Einsatz gegen das Projekt ist der Bischof der Region, Erwin Kräutler, der dafür im letzten Jahr den Alternativen Nobelpreis erhielt. Er wundert sich in unserem Interview darüber, dass „kleine Fischchen den Ausschlag gegeben haben“. „Wir haben das eigentlich nicht mehr erwartet“, so Kräutler. Immerhin sei es ein „Teilerfolg“ – weitere Prozesse liefen noch. Rv111005div

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Kardinal Angelo Scola – Erzbischof von Mailand

   Die italienischen Lastwagenfahrer freuen sich: „Sein Vater war einer der Unsrigen", schrieben sie auf ihrer Internetseite und beglückwünschten den neuen Erzbischof von Mailand. Papst Benedikt XVI. hat den bisherigen Patriarchen von Venedig, Angelo Kardinal Scola, auf den traditionell zweitwichtigsten Bischofssitz Italiens berufen. Mit Mailand sind Leben und Wirken von Kirchenvater Ambrosius im 4. Jahrhundert verbunden. Augustinus ließ sich von diesem Bischof und „Kirchenpolitiker" taufen. Im 16. Jahrhundert trieb der heilige Carlo Borromeo als Erzbischof von dort aus die Gegenreformation voran. Im 20. Jahrhundert waren die Päpste Pius XI. und Paul VI. zunächst Erzbischöfe in der Lombardei. Die Kardinäle Carlo Martini und Dionigi Tettamanzi galten in ihren aktiven Bischofszeiten als „papabile".
   Als Sohn eines Lastwagenfahrers wurde Scola 1941 in Malgrate bei Lecco in ärmliche Verhältnisse hinein- geboren. Wohnzimmer und Küche seien eins gewesen, erinnerte sich Scola. Als Student an der katholischen Herz-Jesu-Universität Mailands geriet er in den sechziger Jahren in den Bannkreis der konservativen Gruppe „Kommunion und Freiheit", die sich als Gegenbewegung zum „progressiven Kurs" des damaligen Mailänder Erzbischofs Montini, des späteren Pauls VI., begriff. An der Universität Fribourg lernte er dann die Gegenseite kennen, mit Henri Kardinal de Lubac, einem Vater der „nouvelle théologie"; aber auch ihre selbstkritische Aus- einandersetzung mit dem II. Vatikanischen Konzil. Bei den Gesprächen mit dem schweizerischen Theologen Urs von Balthasar kam es zum ersten Kontakt mit dem deutschen Theologen Josef Ratzinger, aber auch den späteren Kardinälen Kasper und Lehmann. 1970 wurde der in Theologie und Philosophie promovierte Scola Priester.
   Scola gründete die internationale theologische Zeitschrift „Rivista Internazionale Communio" mit, die sich als Antwort auf die liberalere „Concilium" verstand. Seit 1982 arbeitete er als Professor für Theologische Anthropologie am Päpstlichen Institut für Ehe- und Familienstudien, das die katholische Lehre zu Scheidung, Abtreibung oder Homosexualität erklären soll. Ende der achtziger Jahre holte Ratzinger Scola als Berater in die Glaubenskongregation, deren Präsident er war. 1991 wurde Scola Bischof von Grosseto in der Toskana, 1995 Rektor der Lateran-Universität in Rom. Seit Januar 2002 war Scola Patriarch von Venedig, das im vergangenen Jahrhundert immerhin drei Päpste hervorbrachte: Pius X., Johannes XXIII. und Johannes Paul I. 2003 wurde Scola Kardinal. Er war einer der Motoren des im vergangenen November gegründeten
                                               
Päpstlichen Rats für die Neuevangelisierung.
Anders als bei vielen Kirchenführern Italiens kann Scola auf einen anspruchsvollen theologischem Lebensweg verweisen, oft parallel zu Benedikt XVI. Aber Scola ist auch ein effizienter Kirchenverwalter. Mit dem Papst teilt er seine Beliebtheit bei den Massen, die die eindrückliche Predigtsprache beider Theologen schätzen; und das gilt nicht nur für Italiens Lastwagenfahrer.
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Von Papst Johannes Paul II am 09. 05. 2001 seliggesprochen: Gorg Preca - ein Priester unserer Zeit:

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Leben und Wirken des ersten Heiligen von Malta. Am 03. Juni 2007 waren 5.000 Malteser auf dem Petersplatz in Rom. Sie wollten miterleben, wie Pater Gorg Preca zur Ehre der Altäre erhoben wurde.

   Johannes Paul II. schrieb Geschichte, als er bei seinem Pastoralbesuch in Malta am 9. Mai 2001 drei Malteser selig sprach, einer von ihnen war Dun Gorg Preca. Schon 2002 rief der Papst ein Jahr des Rosenkranzes aus. Dabei erweiterte er das Rosenkranzgebet um fünf weitere “Geheimnisse”: den “Lichtreichen Rosenkranz”, den Gorg Preca seit 1957 mit seinen Katecheten betete. Und jetzt – es sind gerade erst sechs Jahre ver- gangen – wurde dieser maltesische Priester von Papst Benedikt XVI. heiliggesprochen.  Mehr zum Licht- reichen Rosenkranz > Rosenkranz

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Foto links: Der heilige Dun Gorg Preca Foto rechts: Papst Benedikt XVI. reicht nach der Heiligsprechung
dem sechsjährigen Eric und seinen Eltern die Heilige Kommunion 

  Der heilige Gorg Preca gründete eine Bewegung von Laien-Katechisten in Malta, die unter dem Namen “Orden der christlichen Lehre” bekannt geworden ist. Jeder Malteser kennt den Priester unter dem Namen “Dun Gorg”. Sein Lebenswerk lebt weiter in der Arbeit und im Lebensstil seiner Katechisten. Das Leitmotiv dieses Ordens lautet: “Meister, möge doch die ganze Welt dem Evangelium folgen!”
   Dun Gorg war Priester der Erzdiözese Malta. 1962 starb er kurz vor der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils. Als junger Priester zu Beginn des vorigen Jahrhunderts hörte er in einer Kirche von Malta zufällig, wie ein Küster in guter Absicht, aber nur unzureichend ausgebildet, einigen Kindern Erstkommunionunterricht gab. Die Diskussion ging über Gott und die Schöpfung. “Und wer hat Gott geschaffen?” fragte ein Junge vor ihm in der Bank. Die Antwort des Küsters: “Gott erschuf sich selbst …” Dun Gorg hatte gerade sein Theologiestudium beendet. Diese Antwort ließ er nicht gelten. “Gott ist nicht geschaffen. Gott ist ewig. Gott hat keinen Anfang und kein Ende.”
 Dieses Schlüsselerlebnis drängte ihn, junge Menschen zu suchen, die er zu Katecheten ausbilden wollte. Zum Patron dieser jungen Gemeinschaft wählte er Johannes den Täufer – den ehelos lebenden Laien und Sohn eines alttestamentlichen Priesters. Der “Orden der christlichen Lehre” übernahm den Zölibat, um ganz frei zu sein für die religiöse Bildungsarbeit. Ohne Priesterweihe wollten sie in dieser Welt leben und arbeiten, aber mit einer gewissen geistlichen Distanz. Die Katecheten übernahmen das tägliche Breviergebet der Kirche. Nach dem Willen ihres Gründers sollten die Ordensmitglieder Männer und Frauen des Gebetes sein, sie sollten leben im Wissen um die ständige Gegenwart Gottes. Dazu gab Dun Gorg ihnen “Stoßgebete”, die sie aus- wendig lernten, damit sie in allen Lebenssituationen abrufbar waren. Den Kindern gab Dun Gorg noch einfachere kleine Gebete. Nach alter Tradition besonders der frühen griechischen Kirche suchten sich alle Katecheten einen Laien als geistlichen Leiter, nicht einen Priester oder Ordensmann (und das schon weit vor dem II. Vatikanischen Konzil!).  Dun Gorg schrieb 140 Bücher mit  Bibelversen zur Meditation und zum Ein- prägen. Die Verse des Evangeliums nannte er “Stimme des Geliebten”.
   In der Liturgie zu seiner Seligsprechung pries Johannes Paul II. Dun Gorg als “Pionier auf dem Feld der Katechese”. In der Förderung des Laien-Apostolates war Dun Gorg dem II. Vatikanischen Konzil weit voraus. Der Papst nannte ihn “Maltas zweiten Vater des Glaubens”.    
   Doch der Beginn seiner Katecheten-Ausbildung blieb nicht ohne Schwierigkeiten. Im Jahre 1915 ernannte der Papst den Benediktinerpater Maurus Caruana, der damals in dem Kloster Fort Augustus in Schottland lebte, zum Bischof von Malta. Schon bald hörte Bischof Caruana herabsetzende Geschichten über Pater Preca und seine junge Gemeinschaft. Darum wollte er mehr über diesen Priester erfahren und lud ihn zu sich ein. Doch Dun Gorg meinte:  “Der Bischof will mich sprechen. Er wird es bald vergessen, denn er hat sicher wichti- gere Dinge zu tun. Daher werde ich nicht hingehen.” Doch Bischof Caruana verlangte Gehorsam, deshalb ließ er mit seinem Wagen Dun Gorg ins Haus des Bischofs bringen. Pater Preca: “Der Bischof wartete auf mich – sah mich sehr freundlich an und sagte: ‘Sie sind also das Haupt, der Leiter dieser Gemeinschaft’.” Die Antwort des Priesters: “Ich bin weder Haupt noch Leiter. Ich bin ein einfacher Diener in Ihrer Diözese.” Der Priester erinnert sich: “Darauf verschwand der Ärger aus dem Gesicht des Bischofs und er wurde wie ein Lamm!” Gleichwohl dauerte es noch bis 1932 bis der Bischof von Malta diese junge Gemeinschaft von der christlichen Lehre kirchlich anerkannte. 
   Heute sind in ganz Malta und Gozo die Katecheten von Dun Gorg mit der Sakramentskatechese für Tausende Kinder der Inseln betreut. Sie tun das ehrenamtlich, nach Feierabend, abends. Auch holen sie in Kleinbussen Kinder zu Katechismusklassen zusammen, manchmal auch zu Tageskursen. Abends treffen sich die Katechisten dann zum Studium der Heiligen Schrift und der Theologie. So werden sie gut ausgebildet und sind bereit, andere zu führen. Aus diesen Kreisen sind viele Priester und Ordensleute hervorgegangen.

Preca.Dr.UgoMifsudBonnici  Dr. Ugo Mifsud Bonnici, Ministerpräsident von Malta a.D. 

   Vor einigen Jahren sagte der Präsident von Malta, Dr. Ugo Mifsud Bonnici, der in seiner Jugend selbst die Arbeit der Katechisten von Dun Gorg kennengelernt hatte bei einem Besuch im Vatikan: “Die Arbeiterklasse hat sich in Malta nicht von der Kirche abgewandt wegen dieser Bildungsarbeit der Gemeinschaft von Pater Preca.” Hunderte von Dun Gorg's Katechisten arbeiten nicht nur auf Malta und Gozo, sondern auch in Australien und Afrika, eine kleine Gruppe auch in England. Die Katecheten tragen auf ihrer Kleidung eine kleine Plakette mit der Aufschrift: Verbum Dei Carum Factum est. (Das Wort Gottes ist Fleisch geworden). Neben der hohen Ausbildung, ihrer gewissen Distanz zur Welt, der Einfachheit ihres Lebens und ihrem Gebet, unterscheiden sie sich am meisten von anderen durch ihr Gelöbnis der Demut, das sie täglich erneuern. Sein Brief über die Demut bleibt ein Meisterstück und bestseller unter allen Werken von Dun Gorg. Dieses Gelöbnis der Mitglieder im Angesicht Gottes gibt ihnen die Kraft, niemals Rache oder Vergeltung zu üben und stets allen zu vergeben, die ihnen unrecht tun. Am meisten aber wird Dun Gorg wohl in Erinnerung bleiben wegen seiner Betrachtungen über das öffentliche Leben Jesu: die “lichtreichen” Geheimnisse des Rosenkranzes hat er zusammengestellt. In einem kleinen Büchlein gab er diese Gedanken den Katechisten zur täglichen Erbauung. Er selbst betonte des öfteren, wie viel Freude ihm die lichtreichen Geheimnisse schenkten: Sie führen uns mit Jesus in die Wüste nach der Taufe im Jordan, zur Hochzeit zu Kana, wo Jesus sein erstes Zeichen wirkte, zur Predigt auf dem Berg Tabor, zur Verklärung und zum Letzten Abendmahl. Diese “Mysterien des Lichtes” sind zweifellos sein Geschenk an die universale Kirche. Papst Johannes Paul II. hat sie 2002 übernommen. PeterGreenValetteCT070603 Mehr über den “lichtreichen” Rosenkranz des Heiligen Gorg Preca > Rosenkranz

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Die einfachen Gebete des Heiligen Dun Gorg:
"Herr, du bist hier und ich bin in dir.”
"Herr, ich brauche dich.”
"Gott allein die Ehre und Ruhm.”
"Vater im Himmel, gib mir den Geist deines Sohnes Jesus.”
"Alles kommt von dir, alles ist deine Gabe, alles ist für dich.”
"Guter Vater des gesegneten Christus.”
"Du allein bist Gott und hast alles geschaffen.”
"Gott, Vater, schau nicht auf das Böse dieser Welt!”
"Herr und Gott, halte mich immer in deinen Händen.”
"Die Welt ist erfüllt von deinem Erbarmen”
"Herr Gott, ich bin dein Sohn und du bist mein Vater.”
"Gedenke, Gott, dass mich deine Hände geformt und geschaffen haben.”
"Ich bin auf dem rechten Weg, Jesus, danke.”
"Jesus, sei mir nicht Richter, sondern Erlöser.”
"Gesegnet sei Jesus Christus.”

PrecaDr.Vincent(Censu)Tabon  Dr. Vincent (Census) Tabone, Augenarzt und Ministerpäsident

Ein Heilungswunder führte zur Heiligsprechung von Pater Gorg Preca, Malta

   Die wunderbare Heilung des Jungen Eric Catania, dem die Ärzte seit der Geburt im Jahre 2001 eine Leber- disfunktion attestierten, machte den Weg frei für die Heiligsprechung des maltesischen Priesters Gorge Preca. Seinem Arzt Dr.Anil Dhawan, einem Hindu, bleibt die Heilung des Kindes unerklärlich. Im Dezember 2006 erklärte Papst Benedikt XVI.die Heilung sei ein übernatürliches Zeichen von Gott dafür, dass er selige Priester Gorge Preca ein Heiliger ist. Dr. Dhawan und auch Eric mit seinen Eltern und Familienmitgliedern waren bei der Heiligsprechung des maltesischen Priesters  Dun Gorg am 03. Juni 2007 in Rom dabei. In der festlichen Eucha- ristiefeier empfing der sechsjährige Eric aus der Hand des Papstes die Erste Heilige Kommunion. Die Voraus- setzung zur Heiligsprechung ist – so sieht es die Kirche – ein Wunder auf die Fürbitte des Seligen.
   Das erste Heilungswunder, das zur Seligsprechung führte, erfolgte am 03. Februar 1964 an Charles Endrich, der an Netzhautablösung litt und in akuter Gefahr war zu erblinden. Sein Augenarzt Dr. Census Tabone (der spätere Präsident der Republik Malta) bereitete die Operation an der Netzhaut des linken Auges vor. Inzwi- schen flehte die Ehefrau des Patienten, Zammit Endrich, zu Gott, er möge auf die Fürsprache von Dun Gorg gnädig das Augenlicht ihres Mannes retten. Ein Freund der Familie, ein Katechist von Dun Gorg, besuchte den Kranken und ermutigte ihn, auf die Kraft des fürbittenden Gebetes von Dun Gorg zu vertrauen. Dabei legte er eine Reliquie (einen Schürsenkel) von Dun Gorg unter sein Kopfkissen, während sie weiter beteten. Als am folgenden Tag Dr. Tabone erneut den Zustand der Retina bei Charles Endrich untersuchen wollte, konnte er kaum fassen, was er sah: Der Patient war am lesen. Der Arzt konnte das nicht erklären, aber die Unter- suchung zeigte, dass die Retina geheilt war. Die römische Kongregation für Heiligsprechungen untersuchte diese wissenschaftlich nicht erklärbare Heilung und erkannte das Heilungswunder auf die Fürbitte von Dun George Preca an. Am 09. Mai 2001 erfolgte die Seligsprechung dieses Priesters durch Papst Johannes Paul II.

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   Ein zweites Heilungswunder erfolgte zwei Monate später auf die Fürsprache von George Preca. Bei einem Jungen auf Malta wurde wenige Tage nach seiner Geburt eine ernste Leberkomplikationen festgestellt. Das St. Lukas Hospital auf Malta überwies das Kind zur weiteren Behandlung nach London in das King College Hospital, der führenden Kinderspezialklink. Am 14. Juli 2001 diagnostizierten die Ärzte, dem Jungen müsse eine Leber transplantiert werden, damit er überlebe. Ein Termin für die Transplantation wurde festgelegt, aber die Spenderleber war nicht kompatibel. Innig flehte die Familie Gott an, Eric auf die Fürsprache des seligen Dun Gorg zu heilen. Dabei legten sie einen Handschuh, der bei der Exhumierung von Dun Gorg gebraucht war, auf den Körper des Kindes. Am 20. Juli 2001 begann die Leber des Jungen normal zu arbeiten und nach vier weiteren Tagen diagnostizierten die Ärzte dass eine Lebertranplantation nicht mehr erforderlich sei. Der Junge Eric Catania ist jetzt sechs Jahre alt und völlig gesund. Ein Arzt bestätigte das Heilungswunder an einem Jungen in einem englischen Hospital und erklärte, die Genesung des Kindes bleibe ihm unerklärlich. Dieses Wunder hat den Weg freigemacht für die Heiligsprechung des ersten Heiligen der Insel Malta am 03. Juni 2007 in Rom. Foto weiter oben!  Foto unten: Heiligsprechung in Rom.

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 PrecaProfDrAniDhawan01      Prof. Dr. Anil Dhawan, King’s College Hospital, London

   Prof. Dr. Anil Dhawan, Kinderarzt und Experte für Lebertransplantationen am King's College Hospital in London hat “keine wissenschaftliche Erklärung” für die volle Gesundung des sechsjährigen Jungen aus Malta, der an einer schweren Leberdisfunktion litt. Die katholische Kirche hat das Heilungswunder dieses Jungen auf die Fürsprache des Seligen Pater George Preca anerkannt. Dr. Anil Dhawan, 45, trat als Zeuge vor einem kirchlichen Untersuchungsgericht in Malta auf. Der Arzt hatte bei dem Jungen eine “fulminante Leber- disfunktion” diagnostiziert. “90 Prozent dieser Erkrankungen verlaufen tödlich, wenn nicht eine Lebertrans- plantation vorgenommen wird.” Der Junge überlebte. Aus eigener Kraft. “Eine akute Leberdisfunktion bei Kindern ist eine verheerende Krankheit”, sagte Dr. Anil Dhawan. “Die meisten von ihnen sterben. Wissen- schaftlich habe ich keine Erklärung für die Gesundung des Kindes”.
   Im Juli 2002 setzte die Kirche von Malta ein Untersuchungsgericht ein, um den Fall zu überprüfen. Prof. Dr. Anil Dhawan war einer von 38 geladenen Zeugen. Der Prozess in Malta endete 2004. Danach wurden die Dokumente nach Rom gesandt, wo sechs Monate später die Kongregation für die Heiligsprechung das Heilungswunder anerkannte. In einem weiteren Schritt überprüften Mediziner und Theologen diesen Fall im Jahre 2006 und kamen zu einem positiven Urteil.
   Dr. Dhawan, Hindu, nahm an der Heiligsprechung auf dem Petersplatz in Rom am 3. Juni 2007 teil. “Ich hatte mit diesem Prozess, der zur Heiligsprechung führte, zu tun und wollte für mich wissen, wie dieser Vorgang abgeschlossen wurde”, sagte er. “Man kann immer von anderen Religionen lernen”. Dr. Dhawan anerkannte, dass es in der Medizin gelegentlich Spontanheilungen gebe, wissenschaftlich erklären könne er das nicht. “Wir sagen: ‘Ja, wir können nichts mehr tun, einem Patienten zu helfen, doch es könnte ein anderer sein, der ihm hilft’. Schließlich sind wir einem solchen gegenüber dankbar.”
  “Ich selbst respektiere alle Religionen, und ich kann eine Menge von jeder Religion lernen, und ich bin sicher, dass auch meine Hindu-Religion Zeichen wie diese kennt. Einige lassen sich menschlich nicht erklären.” Als Wissenschaftler hat man gelernt, Dinge schwarz und weiß zu sehen, aber das Leben ist anders.” Dhawan sagte, dass er vor dem Heilungswunder von Eric nur wenig darüber wusste, wie die katholische Kirche Heilige anerkennt. Aber seither habe er sehr viel über die Heiligsprechungsverfahren gelesen, und besonders über Mutter Teresa, die von Papst Johannes Paul II. im Jahre 2003 seliggesprochen wurde. Dr. Dhawan war sehr erfreut und fühlte sich geehrt, dass er an der Heiligsprechung des seligen Gorg Preca in Rom teilnehmen konnte. 
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Foto oben links:   Am 03. Juni 2007 waren 5.000 Malteser auf dem Petersplatz in Rom.  Sie wollten miterleben, wie Pater Gorg Preca – der erste Heilige Maltas – zur Ehre der Altäre erhoben wurde.
Foto oben rechts: Rückkehr der Reliquien in Malta am 07. Juni 2007

Ein Priester im Dienst der vatikanischen Diplomatie: Msgr. Tanya-anan

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Msgr. Tanya-anan schafft gern Kontakte –
er hat sein Charisma in all den Jahren für den vatikanischen diplomatischen Dienst eingesetzt

   Um Harmonie zwischen den Religionen zu schaffen, muss man nicht reden; zuhören ist wichtig. Msgr. Andrew Tanya-anan sagt dies dem Reporter der Catholic Times. Msgr. R. Andrew Tanya-anan unterhält sich fröhlich mit den Menschen oben an der Tafel bis sich die verschiedenen Delegaten zur Konferenz versammelt haben; dann beginnt er mit seinem Vortrag über „Mission und interreligiösen Dialog“.
   Er setzt ein breites Lächeln auf und sagt, dass er über den „Dialog“ nicht wirklich sprechen könnte, indem er seine sorgsam vorbereitete Rede ablesen würde. So legt er die Rede beiseite und beginnt zu sprechen. „Dialog muss von Angesicht zu Angesicht geschehen“, sagt er, und beginnt mit einem Erlebnis in Russland, wo bei seiner Einreise die Grenzbeamten mit seinem vatikanischen Diplomatenpass, der in Latein ausgestellt war, nichts anfangen konnten. „So wie ich aussehe, könnte ich ein Filipino oder Chinese sein, oder was auch immer! Der russische Beamte meinte, dass mein Gesicht nicht aussehe als käme ich aus dem Vatikan. Dann zögerte er. Auf dem Pass steht nicht Vatikan, sondern Holy See [Heiliger Stuhl]. Dann blickte er mich an und wollte wissen, woher ich käme: ‚Mediterranean Sea, Red Sea – oder?‘ Schließlich durfte ich einreisen.”
   Im diplomatischen Dienst des Vatikans wurde Msgr. Tanya-anan im Sudan, in Marokko, Griechenland, Indien, Japan, Irland und schließlich in Indonesien eingesetzt, bevor er im Jahr 2008 nach Rom zurückgerufen wurde. Der weltgewandte Priester stammt aus Thailand, wo 90 Prozent der Bevölkerung Buddhisten sind, auch seine Mutter war dem Buddhismus sehr verbunden. Sein Vater ist katholischer Christ und später schloss sich seine Mutter auch der Kirche an.
   Dem Diplomaten der Kirche fiel es leicht, sich in seine Aufgaben einzuarbeiten, dazu half ihm sein Charisma als begnadeter Kommunikator. Er fördert die Beziehungen zwischen Christen verschiedener Konfessionen, aber sein wesentlicher Auftrag besteht darin, Beziehungen zu anderen Religionen herzustellen. „Der Dialog mit den anderen Religionen ist keine Option – dieser Dialog muss geschehen, er ist unsere Pflicht.“
Der Priester unterscheidet einen vierfachen Dialog:
   „1. Der Dialog des Lebens. Wir sind im Gespräch mit anderen im täglichen Leben. Als ich in Indonesien war, in Jakarta, gab es dort 240 Millionen Muslime und eine Million Katholiken. Gegenüber der katholischen Kathe- drale steht eine wunderschöne Moschee. Sie wurde von einem katholischen Christen entworfen. Fanatismus unter Christen und Muslime ist schlimm. Der Dialog im täglichen Leben zwischen Menschen, die zusammen- eben, schafft Freunde. Wir müssen die Ortskirche stärken, damit die Menschen miteinander leben.
   2. Der Dialog des Handelns. Das schließt ein, dass wir Aufgaben gemeinsam übernehmen, die Lebensein- stellung der Menschen kennenlernen, kurz: zusammenarbeiten.
   3. Der Dialog der Experten. Für manche Aufgaben sind wirkliche Fachleute auf diesem Gebiet gefragt, be- sonders in theologischen Glaubensfragen. Wer in dieses Gespräch eintreten will, muss sich seines Glaubens sicher sein, bevor er darüber redet. Wir sprechen mit Experten für den Islam, z.B. in Libyen, Ägypten, Jor- danien über den Koran und die Bibel. Es gibt zwei Millionen Christen in Saudi Arabien, aber es gibt dort keinen einzigen Platz für sie zum Beten. Bevor wir dort mit dem Dialog beginnen konnten, wurden wir gebeten, uns für den Bau einer Moschee in Brescia einzusetzen, wo es 80.000 Muslime gibt. Doch dann kamen sie und sagten: ‚Wir würden wirklich gern mit euch sprechen, doch Allah ist unzufrieden darüber!‘  Bei einer anderen Gelegenheit sagte jemand: sie wollten keinen Umgang mit Christen, weil sie drei Götter verehren.
   4. Der Dialog der Erfahrung. Einmal besuchte ich ein buddhistisches Kloster, um das Leben dort kennen- zulernen. Ich ließ meinen Kopf scheren und nahm am Klosterleben teil. Die Mönche standen um 4 Uhr morgens auf und zogen in den Ort, um Nahrungsmittel zu erbetteln. Auf dem Weg beobachten die Mönche 270 Vorschriften. Ich zog mit ihnen auf diesem Weg. Dann kehrten wir zurück ins Kloster und gaben die ge- spendeten Nahrungsmittel ab. Nur einmal am Tag essen die Mönche. Ich bin fast gestorben! Die Mönche wussten, dass ich ein Christ bin, katholisch und Priester. Eines Tages bat mich der Abt des Klosters vor allen Mönchen die Lehre vom Kreuz zu erklären. Nach einer Stunde Theologie bemerkte ich, dass mich die Mönche anstarrten mit offenem Mund, sie hatten absolut nichts verstanden.
   Der Abt erklärte mir dann, dass in Thailand jeder Christ wie ein Ausländer angesehen werde, weil sie das Christentum mit den USA und Europa verbinden. Nun wurde ein gerader Stock geschnitzt. ‚Er sieht aus wie ein „I“ [engl.: ich]‘, sagte der Abt. ‚Das ist deine Religion, du denkst nur an dich!‘ Dann nahm er einen anderen Stock und legte ihn quer zum ersten Stock und formte somit ein Kreuz. Der Abt sprach: ‚Dein Kreuz ist wie dieses, so denkst du auch an die anderen. Dafür musst du nicht Buddhist werden. Mach deine Sache weiter gut und das ist o.k.!‘“
   Für Msgr. Tanya-anan ist klar, dass der Dialog nicht eine aufgedrängte Konversion zum Ziel haben kann und betont, es gäbe viele Religionen, viele Glaubensrichtungen, aber die Würde eines jeden menschlichen Wesens sei vorrangig und müsse respektiert werden.
   Dann spricht der Diplomat des Vatikans über die Risiken der interreligiösen Glaubensgespräche: „Der Rela- tivismus hält alle Religionen für gleich-gültig, und somit verlieren die Menschen ihre Identität. Der Synkre- tismus herrscht dort, wo sich Menschen sich in ihre Wohnung verschiedene religiöse Bilder von Buddha bis zur Jungfrau Maria aufstellen und das kann zum Skeptizismus führen. Man fragt sich dann: Ist das alles wahr? Wissen wir das wirklich? ’”Dann erwähnt er noch kurz den Indifferentismus, dass Menschen schließlich an nichts mehr glauben.„Wir müssen sehr sorgfältig mit unserer Identität umgehen. Jesus ist unsere Identität. Ich muss wirklich wissen, wer Jesus ist! Die Herausforderung für uns heute ist diese: wir müssen unseren eigenen Glauben besser kennenlernen.
   Der Päpstliche Rat für die Religionen arbeitet mit dem Weltrat der Kirchen zusammen. Wenn Christen nicht miteinander reden, wie können sie dann mit den anderen Religionen sprechen? Wir arbeiten zur Zeit an einem gemeinsamen Leitfaden für den Dialog der Christen mit den anderen Religionen, denn von den anderen Reli- gionen werden die Christen als eine Einheit gesehen. Der interreligiöse Dialog besteht nicht aus Argumenten und Debatten mit dem Ziel: ‚du siehst das falsch, und ich sehe das richtig‘, sondern dieser Dialog stellt innige Beziehungen zwischen menschlichen Wesen her. Er ist ein demütiges Lauschen, ein gegenseitiger Respekt für die menschliche Würde des anderen.“
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Als Priester im KZ-Dachau

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Staatsfeind in beiden deutschen Diktaturen
Foto rechts: Der 97jährige Priester Hermann Scheipers ist der letzte Überlebende aus dem Priesterblock des KZ Dachau.
Foto links: Eucharistiefeier im Dachauer Priesterblock.

   Weil er den Staat durch „freundschaftlichen Verkehr mit Angehörigen feindlichen Volkstums" gefährdete, kam Hermann Scheipers im Oktober 1940 in das Polizeigefängnis von Leipzig. Die Angehörigen „feindlichen Volks- tums" waren polnische Zwangsarbeiter. Aus Sicht des jungen Geistlichen gehörten auch sie zu den „Söhnen und Töchtern Gottes, denen meine Liebe und Fürsorge als Priester und Seelsorger galt". Aus Sicht der Natio- nalsozialisten aber handelte es sich um „Untermenschen", für die Scheipers Gottesdienst gefeiert hatte. Sechs Monate war er im Polizeigefängnis inhaftiert. In dieser Zeit gelang es ihm aufgrund eines günstigen Umstands, einen Blick in seine Akte werfen zu können. Dabei stellte er fest, dass sein seelsorgerischer Einsatz für die polnischen Zwangsarbeiter nur der äußere Anlass für seine Verhaftung durch die Gestapo gewesen war. Der eigentliche Grund lautete: „Scheipers ist ein fanatischer Verfechter der katholischen Kirche und deswegen geeignet, Unruhe in die Bevölkerung zu bringen." Die Empfehlung zur Behandlung dieses Glaubenszeugens war eindeutig: „Daher weitere Schutzhaft im KZ Dachau."
   Vor der möglichen Einlieferung in ein Konzentrationslager habe er immer große Angst gehabt, berichtet der heute 97 Jahre alte Scheipers über seine größte Sorge während seiner Leipziger Haft. „Doch ich bin Gott dank- bar, dass ich durch den zufälligen Blick die klaren Aussagen der Gestapo erfahren konnte und nun wusste, woran ich bin." Vielleicht sei es dieser Moment gewesen, in dem ihm sein Priesterberuf zum inneren Besitz geworden ist - für sein ganzes Leben. Denn seitdem habe er in sich jene Gelassenheit wachsen gespürt, von der Romano Guardini einmal sagte: „Geborgenheit im Letzten gibt Gelassenheit im Vorletzten."
   Dass Scheipers, der seit vielen Jahren wieder in seinem westfälischen Geburtsort Ochtrup bei Münster lebt, heute immer noch so klar, eindrucksvoll und authentisch als Zeit- und Glaubenszeuge eines Jahrhunderts berichten kann, ist aus seiner Sicht den greifbaren Fügungen Gottes zu verdanken, die er selbst immer wieder erfahren durfte. Bei seinen Auftritten trägt er nicht nur jenes Signum am Revers, das ihn als Träger des Bun- desverdienstkreuzes auszeichnet. Darunter hat er auch einen handtellergroßen Stoffausschnitt seiner Häft- lingskleidung aus Dachau geheftet. „24255" lautet die darin eingewobene Gefangenennummer, die zusätzlich auch noch mit auffälligen roten Dreieck unterlegt ist - das Zeichen für die politischen Häftlinge, wie in erster Linie Kommunisten und Sozialdemokraten es tragen mussten und dadurch im Lager sofort als „Staatsfeinde" der nationalsozialistischen Machthaber identifizierbar waren. „Das irrational Böse, das unausrottbar im Men- schen ist, war meine prägendste Erfahrung in Dachau", sagt Hermann Scheipers nachdenklich und fügt hinzu: „Und das irrational Gute." Ein entspanntes Lächeln macht sich bei diesem Zusatz auf seinem Gesicht breit und er nimmt den Gesprächspartner mit seinen wachen Augen hinter der randlosen Brille fest in den Blick.
   Während seiner fast viereinhalb Jahre im KZ Dachau war Scheipers im Priesterblock inhaftiert. In diesen Ba- racken hatte man die Geistlichen verschiedener Nationalität und Konfession inhaftiert. Viele von ihnen, die heute als Märtyrer ihres Glaubens im Martyriologium des 20. Jahrhunderts verzeichnet sind, hat Scheipers ge- kannt, ihnen bei ihrem Abmarsch in die Gaskammer noch gewunken oder sie auch sterben gesehen. Scheipers selbst entging dem gewaltsamen Tod mehrmals nur äußerst knapp, und auf dem Todesmarsch, der ihn zwei Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers in die Gaskammer führen sollte, gelang ihm auf abenteuer- liche Weise die Flucht. „Von guten Mächten wunderbar Ein geborgen", zitiert der Westfale den Titel des be- rühmten Liedes des evangelischen Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer auf die Frage, wie er die Zeit in Dachau habe überstehen können. Viele seiner geistlichen Mithäftlinge jedoch mussten für ihre Glaubenstreue und -stärke ihr Leben lassen. Einer der Bekanntesten unter diesen war der selige Karl Leisner. Der vom Niederrhein stammende Diakon wurde im KZ Dachau von einem ebenfalls hier inhaftierten französischen Bischof zum Priester geweiht. „Ich war bei der ersten und einzigen Messe dabei, die Karl Leisner selbst ge- feiert hat", erinnert sich Scheipers an den Mitbruder im geistlichen Amt, der wenige Wochen nach der Be- freiung des Konzentrationslagers an den Folgen der Haft verstarb.
   Scheipers hat überlebt, und an das mutige Zeugnis der mit ihm bekannten Märtyrer zu erinnern, ist ihm seither eines seiner wichtigsten Anliegen. Dieser Tage tat er das in Köln als die nunmehr fünfte und um über 70 weitere Lebensbilder erweiterte Auflage des zweibändigen Werks „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyriologium des 20. Jahrhunderts" im Beisein des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner vorgestellt wurde. Im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz wird es vom Kölner Prälaten Professor Helmut Moll herausgegeben. Seit fast 15 Jahren trägt der Geistliche, der 1973 beim heutigen Papst Benedikt XVI. seine Doktorarbeit verfasst hat, mit rund 150 Fachleuten in allen deutschen Bistümern die katholischen Märtyrer des vergangenen Jahrhunderts nach vier Kategorien zusammen. Rund 900 Frauen und Männer sind verzeichnet als Opfer des Nationalsozialismus, als Blutzeugen aus Missionsgebieten, zudem die Schicksale von Mädchen und Ordensschwestern sowie die Opfer aus der Zeit des Kommunismus. Unter ihnen beispielsweise der Kölner Pfarrer Joseph Marxen, der 1946 in Albanien erschossen wurde und für den die albanische Bischofskonferenz im kommenden Jahr ein Seligsprechungsverfahren in Rom einleiten lassen will.
   Opfer des Kommunismus ist der geistig und körperlich bemerkenswert frische und in seiner Haltung un- beugsame Prälat Hermann Scheipers zwar nicht geworden, doch unter der zweiten deutschen Diktatur mit dem „teuflischen System" der Staatssicherheit, die ihn mehrfach als „Geheimen Informanten" anzuwerben suchte, hat er jahrelang gelitten. Auch in der DDR avancierte Scheipers - obwohl anfangs durch das staatlich verordnete Attribut eines „Opfers des Faschismus" besser gestellt - zum Staatsfeind. Aus seinen umfang- reichen Stasi-Akten erfuhr er später, dass ihm mehrfach eine Verurteilung wegen „staatsfeindlicher Hetze" gedroht hatte. Den Mauerfall erlebte er als „phantastisch", denn zu DDR-Zeiten war dieses Szenario nicht zuletzt aufgrund der ständigen Präsenz von Soldaten und der vermeintlichen Stärke des Systems schlicht unvorstellbar. Die umfangreichen Erfahrungen in beiden deutschen Diktaturen machen Scheipers wahrlich zu einem Zeugen des Jahrhunderts. 1946 war er aus Westfalen in sein Heimatbistum Dresden-Meißen zurück- gekehrt, das er sich als junger Priester wegen des dortigen Priestermangels erwählt hatte. „Fünf Jahre haben wir um dich gezittert, und jetzt gehst du zu den Russen", erinnert sich der vitale Seelsorger noch lebhaft an den Kern der damaligen innerfamiliären Debatten. Doch mit Blick auf die vielen katholischen Heimatvertrie- benen, die nun in der sächsischen Diaspora gestrandet waren, stand für ihn fest: „Ich werde dort noch mehr als vor dem Krieg gebraucht." Erst 1983 trat der Geistliche, unter anderem Ehrenbürger der sächsischen Gemeinden Hubertusburg/ Wernsdorf sowie Schirgiswalde, in den Ruhestand.
   Mit Zuversicht und Gelassenheit und einer Bitte, die zugleich als Ermahnung verstanden werden kann, entlässt der seit 73 Jahren im priesterlichen Dienst stehende Hermann Scheipers seine Zuhörer: „Gott schenke uns wirklich hörende Ohren und in schwierigen Situationen die Bereitschaft, das Richtige zu tun. Unsere Mitmenschen warten darauf, und Gott auch."

„Zeugen für Christus. Das deutsche Martyriologium des 20. Jahrhunderts", herausgegeben von Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 5. erweiterte und aktualisierte Auflage, zwei Bände, 1732 Seiten, Verlag Ferdinand Schöningh, 88 Euro, ISBN: 978-3-506-75778-4.

Als Märtyrer im GULAG in Sibirien: Erzbischof Sigitas Tamkevicius

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Bild oben links: Messe unter freiem Himmel - 250 junge Leute werden vor der Kirche “vom Guten Hirten” in Kaunas/Litauen gefirmt. Bild oben rechtes: Palmsonntag in Vilnius (Litauen). Bilder darüber: Die Akte und die Polizei-Fotos vom Erzbischof Tamkevicius beim russischen Geheimdienst KGB

   “Gefängnis ist für einen Bischof besser als Exerzitien” - das sagt Erzbischof Sigitas Tamkevicius dem Be- sucher in Kaunas, Litauen. Am 06. Mai 1983 wurde der Priester Sigitas Tamkevicius zu sechs Jahren Arbeits- lager und zu vier Jahren Exil verurteilt. Daraus wurden fünf Jahre in vier sowjetischen Gulags (darunter die Lager Perms 37, 36 und 35) und ein halbes Jahr Landesverweis. Er wurde nach USSR Artikel 70 / Litauischer Artikel 68 verurteilt “wegen antisowjetischer Agitation und Taten.” Der Priester hatte gewagt in der Unter- grundzeitung Samizdat (Chronik der katholischen Kirche in Litauen) über die Verfolgung der Christen zu berichten. Außerdem war er Mitbegründer des Komitees zur Verteidigung der Rechte für die Gläubigen. Nun leitet dieser unbeugsame Priester, der in diesem Jahr sein 78. Lebensjahr vollendet, als Bischof die Erzdiözese Kaunas und begeistert dort Jung und Alt.
    Erzbischof Tamkevicius leistete Zwangsarbeit in den Gulags in der Krankenstation und auch in der Küche, wurde aber auch in den Sümpfen beim Kanalbau eingesetzt, dabei haben seine Beine im harten Klima Sibiriens schweren Schaden genommen. Sein Glaube wurde gefestigt durch sein Gebet und die Arbeit im Straflager. Das Neue Testament wurde ihm gelassen, und den Kanon der Messe kannte er auswendig. Um die heilige Messe feiern zu können fehlte ihm nur Wein. Doch er sagt: “Ich hatte die Erlaubnis, monatlich ein 5-kg-Paket zu erhalten; so bat ich um Rosinen. Im Seminar hatten wir gelernt, wie man daraus in extremer Notlage Wein herstellt. Mit Wasser fermentieren die Rosinen innerhalb von drei Tagen. So konnte ich in der Gefangenschaft während der ganzen Zeit die heilige Messe darbringen - natürlich geheim, und mit dem Rücken zur Tür. Wenn irgend möglich konnten Mitgefangene daran teilhaben. Kleine Gefäße hatte ich im Brillen-Etui verborgen.”
   So berichtet der Erzbischof. Der KGB gestattete ihm nicht, seinen Rosenkranz zu behalten. Aber ein Zellengenosse - ein Seemann - fertigte aus Brot einen Rosenkranz für ihn an. Der KGB erhielt davon Kenntnis und spottete in einer Sowjetzeitung: der Gefangene halte in einer Hand einen Rosenkranz und in der anderen den Hammer.
   Der Erzbischof erklärt dazu: “Dieser Rosenkranz war im Lager für mich außerordentlich wichtig. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wer zum Untergang der Sowjet-Union beigetragen hat; aber ein großer Dank gilt der Gottesmutter. Nie habe ich Zeit gehabt, so innig zu beten, wie im Straflager. Nach der Zwangsarbeit des Tages gab es freie Zeit - und so konnte ich täglich drei Stunden beten - auch den Rosenkranz.”
   Im geistlichen Rückblick auf seine Gefangenschaft meinte Erzbischof Tamkevicius: “Ich denke es war die De- mut und die Demütigung - das war das Größte - und das Gefühl, dass ich aus mir selbst überhaupt nichts tun konnte. Das Wort Jesu: ‘Was sorgt ihr euch? Betrachtet die Lilien des Feldes’ - wurde wirklich wahr für mich in meinem Herzen. Das Zellenfenster mit vier Stangen und das Gitter in der Tür machte mir klar, dass ich total abhängig war von äußerer Gewalt. Und die Zellengenossen waren sehr oft ‘Informanten’ die mich aushorchen sollten.”
    Aber mitten im Terror und der Kälte der Gulags Sibiriens ermutigte dieser Priester andere und brachte ihnen den Glauben: “Ja, im Bereich des Lagers fand ich die Gelegenheit, andere Christen zu treffen und ich gab einem russischen Arzt Unterricht - mit lateinischen Gebeten - und taufte ihn im Gulag. Und dann war da noch ein junger Mann von  Balkar im Kaukasus mit dem Namen Kitencijew, der zur Einzelhaft verurteilt war. “Kitencijew sah eines Tages ein kleines Kreuz, das in den Rahmen des Zellenfensters eingeritzt war und sah in ihm ein Zeichen, sich taufen zu lassen. Später konnte ich ihn unterweisen und taufen. 1995 in Washington war ich überrascht, Kitencijew vor der Kathedrale wieder zu treffen, nachdem ich in der litauischen Kapelle die heilige Messe gefeiert hatte.”
    Als die Behörden überlegten, ihn zu entlassen, zugleich aber äußerst interessiert waren, Informationen zu erhalten, brachten sie ihn im Februar 1987 nach Vilnius zurück. Ein junger KGB-Oberst lud den Priester zum Tee - das war sehr ungewöhnlich - und nach dem Tee konnte er sich von 14 bis 22 Uhr an nichts mehr erinnern. Es waren Drogen im Tee; und im Verhör versuchten sie an Informationen über die Veröffentlichungen der Untergrundkirche zu kommen.
    Der Erzbischof sagte: “Ich denke nicht, dass sie irgend etwas von mir erfahren haben;  denn als ich nach acht Stunden wieder zum Bewusstsein kam, erkannte ich, was hier vor sich ging und ich sah das Gesicht des Oberst dunkelrot und zornig.”
    Im Blick auf diesen starken und aufrechten Bischof wird ein Zeuge des Glaubens sichtbar, der auch in den dunkelsten Zeiten aufleuchtet. Sein Glaube wurde gehärtet im Schmelzofen des Leidens und er war und ist ein treuer Zeuge der Liebe Gottes. Mehr als 20 Millionen Gefangene starben im letzten Jahrhundert in den Zwangslagern, den Gulags der Sowjets. Helden wie Erzbischof Tamkevicius müssen in Erinnerung bleiben, und man muss darüber schreiben; wir brauchen diese Kraft, Stärke und Vision - gerade heute.
  Er sagte als einfacher Bischof der Kirche: “Heute bin ich glücklich die einfachsten Arbeiten machen zu dürfen - anders als manche junge Leute, die ihre Wohnung weder reinigen noch aufräumen wollen. Ich reinige meine Toilette jeden Tag, dabei hilft mir meine Erfahrung im Gefängnis sehr. Ohne diese Erfahrung würde ich die Säuberung der Toilette für einen Bischof für unangemessen halten. Unter heutigen Bedingungen - in der postkommunistischen Gesellschaft - ist es nicht leicht, die verschiedenen Ebenen der Menschen zu erreichen. Als Bischöfe sehen wir uns harter Kritik gegenüber - ob wir nun sprechen oder schweigen - das betrifft auch die Europäische Union. Ich habe gelernt, dass man konsequent seiner Linie folgen muss, wie ein Panzer, und man darf sich dabei nicht verunsichern lassen von allem, was immer die Menschen auch sagen.”
    In einem Stadtteil in Kaunas mit typischen Wohnblöcken in Sowjet-Architektur feierte dann der Erzbischof die Eucharistie und firmte 250 junge Leuten in der Gemeinde “vom Guten Hirten”, Dainavy, am Sonntag vom Guten Hirten. Und dieser gute Hirt, Erzbischof Tamkevicius musste den Gottesdienst wegen der großen Teilnehmerzahl draußen vor der Kirche halten. In dieser Gemeinde nehmen in jeder Woche mehr als 2.000 Gläubige an der Sonntagsmesse  teil, 300 bis 400 Kinder kommen hier jährlich zur Erstkommunion. “Kirche in Not” hat diese Gebäude vor einigen Jahren finanziert, doch schon jetzt müssen die Räume erweitert werden. Hier in der Gemeinde kann man die Früchte des Glaubens von denen, die für Christus Leiden auf sich genommen haben, erleben.
    Es wäre falsch zu sagen, hier sei nur Ostern und kein Kreuz; denn man kann nicht das eine ohne das andere haben. Aber das Zeugnis treuer Priester wie das Beispiel des Erzbischofs Tamkevicius, hilft den Glauben in Litauen neu einzupflanzen, in einem Land, das sich den Herausforderungen des materialistischen Westens stellt. Die litauische Kirche ist lebendig. Das zeigen die die Berufungen im Priesterseminar, neue Glaubenszentren, der katholische Rundfunk, Bildungshäuser, neue Gruppen zur Evangelisierung, neue Bewe- gungen und lebendige pastorale und soziale Aktionen.
   Wenn man auf dem “Kalvarienberg” bei Siauliai steht, kann man die Solidarität und das Gebet des litauischen Volkes erleben. Die Botschaft des Papstes bei seinem Besuch ist in ein Kreuz eingraviert: “Ein Dank gebührt den Litauern für diesen Hügel der Kreuze, der den Nationen Europas und der ganzen Welt den Glauben des Volkes dieses Landes bezeugt. 07. 09. 93 Papst Johannes Paul II.” Von diesem tiefen und lebendigen Glauben des litauischen Volkes können wir das Gebet und die Solidarität lernen. Der Erzbischof sagt: “In Sibirien war ich ergriffen von der Solidarität der europäischen Katholiken - wir wussten, dass wir nicht allein waren und dass sich für uns Menschen einsetzten in Solidarität und Gebet. Nicht, dass wir Geld erhalten konnten, wichtiger noch: wir waren eine Familie im Gebet und Solidarität - das war sehr wichtig. Ich lade Sie ein, diese Solidarität im Gebet und moralische Unterstützung zu bewahren so lange die Welt besteht; denn in der heutigen Welt ist es sehr schwierig  ohne diese Unterstützung Christ und Zeuge Christi zu sein.

NevilleKyrke-Smith,NationalDirector der ‘Kirche in Not’/CT 030706

Heroischer Zeuge des Glaubens: Pater Andrea Santoro in Trabzon, Türkei

kip-AndreaSantoro-xxx   Pater Andrea Santoro, Martyrer, + 2006

    „Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind.“  Diese Worte von Papst Paul VI. zitierte Benedikt XVI. in seiner Enzyklia zur Eröffnung des „Jahres für die Priester“. Beide Päpste haben erkannt, dass Worte bedeutungslos sind, wenn sie uns nicht durch das lebendige Beispiel be- eindrucken. Glaube erweist sich nur durch Werke – wie der heilige Jakobus schrieb: Der Glaube ist tot ohne Werke. Jakobus 226  
    Als Papst Benedikt von der Notwendigkeit des Zeugnisses sprach, mag er an Priester wie Pater Andrea Santoro gedacht haben, den mutigen Zeugen des Evangeliums der Liebe. Dieser Priester lebte zur Zeit seines Todes schon mehr als zehn Jahre in der Türkei. Pater Andrea war ein Mann des Gebetes und der Tat. Er sah es als seine Pflicht an, den Dialog zwischen Christen und Muslime zu fördern. Er war den Menschen am Rand der Gesellschaft nahe, in einem Land, in dem man manchmal Christen intolerant gegenübersteht. Aber Pater Andreas Zeugnis wurde in der Gemeinde, in der er lebte, durch den entsetzlichen Mord eines Jugendlichen aus der islamisch-fundamentalistischen Szene beendet.
   1970 wurde der Geistliche in Rom zum Priester geweiht. Mitte der 90er Jahre begann er seinen Dienst in Urfa, im Südosten der Türkei, an der Grenze zu Syrien. In Urfa leben praktisch keine Christen, gleichwohl suchte Pater Andrea mit seiner interreligiösen Arbeit einen ehrlichen und respektvollen Dialog zwischen Christentum und Islam zu ermutigen. Die Katechetin Mariagrazia Zambon berichtet über seine Zeit in Urfa: „Drei Jahre lebte er in dieser Stadt ohne Christen in der Stille und im Gebet. Alle hatten ihn gern, auch der Imam von der nahen Moschee.“ Dann wurde er gebeten, nach Trabzon am Schwarzen Meer zu gehen. Dort sollte er als Pfarrer in der Marienkirche Dienst tun, in der seit über drei Jahren kein Priester mehr lebte. Bei seiner Ankunft nahmen nur 15 Gläubige an der heiligen Messe teil. Der Priester übernahm diese Aufgabe gern, um so Zeugnis zu geben von der Liebe Jesu Christi.
   In Trabzon gibt es eine Reihe von Problemen; eins davon ist die Prostitution. Eines Tages ging Pater Andrea zusammen mit einer Ordensschwester durch die Stadt. Sie beteten zusammen. Eine junge Frau bemerkte plötzlich, dass die Schwester ein Kreuz trug, und kam eilig zu ihr und küsste das Kreuz und ihre Hände. Es stellte sich heraus, dass die Frau der Prostitution nachging, und sofort trat ihr Zuhälter dazwischen und führte sie weg. 
   Pater Andrea versuchte nun in Kontakt zu treten mit den Prostituierten, die aus dem Kaukasus verschleppt waren. Er sagte: „Es gibt viele Frauen in den örtlichen Clubs; oft sind sie noch sehr jung. Was kann man tun? Jeden Tag bete ich, dass der Herr uns eine Tür für uns öffnen und das Herz einiger Zuhälter anrühren möge, um einige Frauen aus diesem Leben herauszuholen.“ Um alles ihm Mögliche zu tun, reiste Pater Andrea nach Georgien, um im Zusammenarbeit mit der Ortskirche den in die Türkei verschleppten Frauen zu helfen. Sein Interesse am interreligiösen und interkulturellen Dialog wurde noch stärker. 2003 suchte er von Trabzon aus die Kontakte zu Gebets- und Studiengruppen zwischen Christen und Muslime, und zwischen dem Westen und Nahen Osten. Sein umsichtiges und freundliches Zeugnis wurde jäh unterbrochen durch seinen frühen Tod am 5. Februar 2006. Pater Andrea kniete kurz vor Beginn der heiligen Messe im Gebet in seiner Marienkirche, als ein Jugendlicher mit einem 9mm-Revolver in die Kirche kam und den 60jährigen Priester mit zwei Schüssen in den Kopf und in den Rücken von hinten erschoss. Die türkischen Zeitungen schrieben, dass der 16jährige Mörder in Kreisen der islamischen Fundamentalisten verkehrte und in extremistischen Gruppen einem Redner zugehört hatte, der Priester anklagte, sie versuchten Muslime zu bekehren. Dazu gehöre auch Pater Andrea. Am selben Nachmittag noch erschoss dieser Junge den Priester.
   Bevor Pater Andrea in die Türkei ging, war er Pfarrer einer Gemeinde in Rom. Sein Leichnam wurde nach Italien überführt. Viele Mitglieder seiner italienischen Gemeinde nahmen an der Trauerfeier teil. Kardinal Camillo Ruini sah in ihm einen Martyrer, der in der langen Tradition der römischen Martyrer sein Blut für den Glauben vergossen hat. Der Kardinal fügte noch hinzu: „Auch inmitten der Schmerzes sind wir stolz auf ihn. Wir danken dem Herrn für das leuchtende Beispiel seines Zeugnisses in der demütigen Gewissheit, dass von diesem Zeugnis neues christliches Leben geboren wird.“
   Papst Benedikt XVI. erwähnte Pater Andrea in einer Audienz vor 8.000 Pilgern, die sich von ihren Plätzen erhoben und den ermordeten Priester mit „standing ovations“ ehrten. Der Papst sagte: „Wir gedenken heute an Pater Andrea Santoro“. Dann sprach der Papst von „der Hingabe und Liebe zu Christus“ des Priesters, „der seinen Dienst in der Türkei mit großherzigem und apostolischem Einsatz für die Frohe Botschaft versah – für die Bedürftigen und Ausgegrenzten.“
  Im Brief an die Priester zur Eröffnung des Jahres für die Priester schreibt Benedikt: die Priester sollten da- nach steben, den Menschen in ihrem Dienst ganz nahe zu sein wie es Jesus war, Person und Sendung müssten übereinstimmen in der liebenden Unterwerfung unter dem Willen Gottes, des Vaters.
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Bericht aus Trabzon:
   Der Geistliche, der Italiener Andrea Santoro, kniete zu einem Gebet in der ersten Bank der katholischen Santa-Maria-Kirche im türkischen Trabzon an der Schwarzmeerküste. Da schlich sich von hinten sein Mörder heran. Zwei Schüsse fielen, Santoro sackte zusammen. Bevor der Täter davon rannte, rief er nach Aussage von Augenzeugen „Allahu Akbar”-Allah ist groß. Für den Priester kam jede ärztliche Hilfe zu spät: Leber und Herz waren von Kugeln durchschlagen.
   Was war das für ein Mord? War es ein muslimisches Hass-Verbrechen im Zusammenhang mit dem aktuellen Karikaturenstreit? Ging ein Geistesgestörter zu Werk? Oder hat, wie einige in Trabzon vermuten, die Mafia ihre Hand im Spiel? Es kursierten erste Phantomzeichnungen
Foto unten Mitte des Flüchtigen.  Danach ist nicht einmal sicher,  ob der Täter überhaupt volljährig war. Es könnte sich auch um einen Jugendlichen handeln.
   Sicher ist nur, dass Santoro selbst den Mörder nicht kommen sah. Ein Abgesandter von Papst Benedikt XVI., Monsignore Antonio Lucibello, sprach dem Mailänder Corriere della Sera zufolge mit der Augenzeugin Loredana P. Die italienische Mitarbeiterin des Priesters erklärte, Santoro sei getötet worden, als er in der ersten Reihe der Kirche kniete und betete. „Er hat seinem Angreifer nicht ins Gesicht gesehen.” Die Frau bestätigte, dass der Mörder „Allahu Akbar” rief, bevor er flüchtete.
  Die türkische Regierung nannte den Mord „eine Einzeltat”. Man hoffe, dass der Fall „keinen Schaden für das Klima der Toleranz hat, die in unserem Land herrscht”, hieß es in Ankara. „Einen Priester zu töten, noch dazu an einem Ort des Gebetes, ist inakzeptabel, und wir verurteilen dies aufs Schärfste”, erklärte der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan
Foto unten rechts in Ankara. Gerade nach den  jüngsten Entwicklungen in Dänemark und Frankreich sei dies ausgesprochen „entmutigend”.
   Trabzons Gouverneur Hussein Yavuzdemir sagte: „Ob der Mord mit den antiislamischen Karikaturen in Zu- sammenhang steht, wird sich herausstellen, wenn der Schuldige gefunden wurde.” Ausschließen wollte er dies nicht. Bereits in der Vergangenheit habe es Drohungen gegen Santoro gegeben, weil dieser missionarisch tätig gewesen sei. Darin liegt aus türkischer Sicht ein Vorwurf - traditionell sind die religiösen Minderheiten in der Türkei nur geduldet; das am sunnitischen Islam ausgerichtete Land hat bis vor kurzem Missionierung unter Strafe gestellt.
   Die türkische Polizei ermittelt in zwei Richtungen: Es könnte sich um einen Einzeltäter handeln, einen religiösen Fanatiker, der ohne Anbindung an eine extremistische Gruppierung tötete, hieß es. Andererseits gilt es als ebenso wahrscheinlich, dass der Mord im Zusammenhang mit dem Kampf Santoros gegen den orga- nisierten Menschenhandel steht: Seit zwei Jahren engagierte sich der katholische Priester für Frauen, die aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion verschleppt und zur Prostitution gezwungen werden. Zweimal in der Woche öffnete der Priester in Trabzon seine Kirche für muslimische Gläubige. „Mein Bruder war ein Missionar im wahrsten Sinne des Wortes”, erklärte Maddalena Santoro, Schwester des Priesters. „Er wollte zeigen, dass die Religionen sich gleichen: Die Christen beten zu der einen Zeit, die Muslime zu einer anderen. Aber ein Zusammentreffen ist möglich.” Santoro sei nicht eingeschüchtert gewesen, wenn die Jungen des Viertels in die Kirche gerannt kamen und „auf den Boden spuckten” oder abends ein Stein oder eine mit Wasser gefüllte Flasche gegen seine Haustür geworfen wurde. „Es sind gute Leute”, soll er Besuchern gesagt haben. „Hier zu leben ist schwierig, aber es ist Evangelium.”
   Der Papst nannte den Tod des Geistlichen einen schweren Verlust. Er werde für Santoro beten. Im Vatikan hieß es, die Tat mache sprachlos. Zugleich aber gebe es eine zu unterdrückende Hoffnung. Santoro habe gezeigt, dass Menschen bereit sind,  „ihr Leben für den Versuch einzusetzen, Brücken zwischen entfernten Ufern zu schlagen”. 
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   Zwei Tage nach dem Mord an einem italienischen Geistlichen in der Türkei ist der mutmaßliche Täter in Trebzon am Schwarzen Meer festgenommen worden Phantombild oben Mitte. Der 16jährige Schüler habe bereits gestanden, den katholischen Priester aus Wut über die umstrittenen Mohammed-Karikaturen in westlichen Zeitungen getötet zu haben, berichtete der türkische Nachrichtensender NTV, Nach ballistischen Untersuchungen handele es sich bei einer Pistole, die im Haus der Familie des Schülers gefunden worden sei, um die Tatwaffe. Von offizieller Seite wurde dies zunächst nicht bestätigt. Der 60 Jahre alte Priester Andrea Santoro Foto oben links war am Sonntag beim Gebet in der Kirche Santa Maria in der Stadt Trabzon erschossen worden. Augenzeugen berichteten, der Verdächtige habe bei der Flucht aus der Kirche „Allahu Akbar” (Allah ist groß) gerufen. Die türkische Regierung und Papst Benedikt XVI. hatten mit Bestürzung auf die Bluttat reagiert.   HA060208
Anwältin des Priestermörders bestreitet Gerüchte
 Die Anwältin des 16-jährigen Priestermörders von Trabzon hat Spekulationen über Kontakte ihres Mandanten zu islamistischen Kreisen zurückgewiesen. Solche Gerüchte seien „komplett falsch”, sagte die Juristin Mahya Usta der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera”. Es handle sich um die Einzeltat eines Jungen, der seit zwei Jahren wegen psychischer Probleme in Behandlung sei. Der Schüler hatte den italienischen Missionar Andrea Santoro in der türkischen Schwarzmeerstadt mit zwei Schüssen getötet.  Die Anwältin äußerte auch Zweifel an religiösen Motiven. Es sei nicht klar, ob der 16-Jährige nach dem Abfeuern der Schüsse „Allah akhbar” gerufen habe und ob die Mohammed-Karikaturen der Auslöser für den Mord gewesen seien. Presse- berichten zufolge hatte der Schüler selbst diese Verbindung hergestellt. Über den Tathergang werde sich ihr Mandant erst vor Gericht äußern, sagte Usta dem „Corriere”.
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Foto: Sie wollen eine Botschaft des Friedens senden: Zahlreiche Priester verabschiedeten sich in der römischen Lateran-Basilika von ihrem Bruder Don Andrea Santoro

Ein Märtyrer, der nicht nach Rache ruft. Rom feiert den in der Türkei ermordeten Priester als neuen Heiligen

  „Allahu akbar!” soll jener 16-Jährige gerufen haben, als er den betenden Priester in dessen Kirche an der türkischen Schwarzmeerküste erschossen hat. Ob der Mörder wirklich von religiösem Hass gegen das Christentum oder gegen die westliche Kultur erfüllt war, ob er gegen die Mohammed-Karikaturen protestieren wollte, ob er „einfach” ein Krimineller war, ob er allein vorging oder einer radikalen Gruppe angehörte - all das ist bisher offen.
   Die Gläubigen, die zu Tausenden in die Lateran-Basilika strömen, um Pater Andrea Santoro die letzte Ehre zu erweisen, äußern Trauer und Bestürzung über den „sinnlosen Mord” an einem „vorbildlichen Priester und Brückenbauer zwischen den Religionen”. Viele beklagen die aufgeheizte Weltlage und raten zu „Vorsicht”, „Zurückhaltung”, „allein deshalb, weil die Weltlage so unübersichtlich ist”. Oder sie meinen - im Einklang mit dem Papst - gar: „Das einzig Sinnvolle ist, weiterhin Botschaften des Friedens und der Ruhe zu verbreiten.”
  Kardinal Camillo Ruini, als Vertreter des Papstes Bischof von Rom, legt in seiner Predigt den Schwerpunkt auf die individuellen moralischen, vorbildhaften Qualitäten Santoros und auf jenen „wahren christlichen Mut, der es nicht auf Schlagen und Töten anlegt, sondern auf Verständnis, Freundschaft und Frieden.” Eine mögliche Konfrontation mit dem Islam erwähnt Ruini nicht, dafür verliest er unter Tränen jenen Brief, in dem die Mutter des Ermordeten „dem Täter aus ganzem Herzen verzeiht”. Ruini sagt, Santoros Tod als Zeugnis für den Glauben weise „alle Kriterien eines wahren christlichen Martyriums auf”: „Ich will deshalb einen Selig- sprechungsprozess für ihn eröffnen.” Und drei Minuten lang hört man in der Kirche lautstarken Beifall.
   Nach einem dreißigjährigen Wirken als Pfarrer in römischen Rand- und Problemvierteln war Pater Andrea Santoro im Jahr 2000, 55-jährig, in die Türkei gezogen. In der Schwarzmeerstadt Trabzon, wo die katholische Gemeinde nur wenige Mitglieder zählt, wollte er als Seelsorger und als eine Art stiller Botschafter des christ- lichen Glaubens leben. Dass er - wie türkische Medien erzählen - junge Muslime mit Geld bekehren wollte, weist Kardinal Ruini in seiner Predigt „mit aller Entrüstung“ als Verleumdung zurück.
  Santoros Ermordung hat wohl auch das Eis zwischen dem Vatikanstaat und der Türkei tauen lassen. Nachdem Benedikt XVI. bei der Generalaudienz die Hoffnung geäußert hatte, dieser Tod werde „zum Dialog der Religionen und zum Frieden zwischen den Völkern beitragen”, erhielt und akzeptierte er von Staats- präsident Ahmet Nected Sezer die formelle Einladung zu einem Besuch in der Türkei Ende November. Bereits im vergangenen Herbst wollte der Papst auf eine Einladung des griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartho- lomaios nach Istanbul reisen; die türkische Regierung legte sich jedoch quer. Sie monierte, der formelle diplo- matische Dienstweg über Ankara sei nicht eingehalten worden, ein Besuch Benedikts XVI.sei „nicht opportun”.
   Dahinter stand auch die Verärgerung Ankaras über frühere Aussagen Joseph Ratzingers. Anders als die offizielle Vatikandiplomatie, die sich zu einem EU-Beitritt der Türkei nie klar hatte äußern wollen, hatte der damalige Chef der Glaubenskongregation eindeutig Stellung bezogen: Die muslimisch geprägte Türkei habe „im Kontrast zu Europa” immer einen Sonderweg verfolgt; ein Beitritt zum christlich geprägten Westen sei nicht angeraten. Als Papst hat sich Ratzinger zu dieser Frage nicht mehr geäußert. 
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Papst Benedikt XVI.: Zeugnis der Liebe und Treue zu Christus

   “Wie könnten wir heute nicht an Don Andrea Santoro erinnern Priester der Diözese Rom, der in der Türkei ermordet wurde, während er sich, ins Gebet vertieft, in der Kirche befand. Erst jetzt mich ein schöner Brief von ihm erreicht, den er zusammen mit der kleinen christlichen Gemeinde der Pfarrei »Sancta Maria« von Trabzon geschrieben hat. Tief bewegt habe ich diesen Brief gelesen, der ein Spiegel seiner priesterlichen Seele, seiner Liebe zu Christus und zu den Menschen, seines Einsatzes für die Kleinen ist, ganz im Zeichen des Psalms, den wir vorhin gehört haben. Dem Brief liegt eine Botschaft von Frauen seiner Pfarrei bei, die mich dorthin einla- den. Und auch in dem Brief dieser Frauen spiegeln sich der Eifer, der Glaube und die Liebe wider, die im Herzen von Don Andrea Santoro lebendig waren.
   Möge der Herr die Seele dieses stillen und mutigen Dieners des Evangeliums aufnehmen und gewähren, dass das Opfer seines Lebens zum Anliegen des Dialogs zwischen den Religionen und des Friedens zwischen den Völkern beitrage.

Der Brief von Don Andrea Santoro an Papst Benedikt XVI. im Wortlaut:

Heiliger Vater,
   ich schreibe Ihnen im Namen einiger georgischer Frauen meiner Pfarrei »Sancta Maria« in Trabzon am Schwarzen Meer in der Türkei. Sie haben mir den Brief auf türkisch diktiert; ich übersetze ihre Worte, so wie sie aus ihrem Mund gekommen sind, und lasse Ihnen den Brief anlässlich meines Rombesuches zugehen. Ich bin Don Andrea Santoro, »Fidei-donum«-Priester der Kirche von Rom in der Türkei, in der Diözese Anatolien; ich lebe hier seit fünf Jahren. Meine Herde besteht aus 9 Katholiken; die vielen Orthodoxen der Stadt und die Muslime machen 99 Prozent der Bevölkerung aus. Sie, Heiliger Vater, sind sowohl der Bischof meiner Heimat- diözese Rom als auch meiner türkischen Diözese, da es sich um ein »Apostolisches Vikariat« handelt. In dieser zweifachen Eigenschaft leite ich den Brief der drei Georgierinnen an Sie weiter.
»Lieber Heiliger Vater, im Namen aller Georgier grüßen wir Sie.
   Von Gott erbitten wir für Dich Gesundheit im Namen Jesu. Wir sind sehr zufrieden, dass Gott Dich zum Papst erwählt hat. Bete für uns, für die Armen, für die Elenden der ganzen Welt, für die Kinder. Wir glauben, dass deine Gebete direkt bei Gott ankommen. Die Georgier sind sehr arm, haben Schulden, sind ohne Haus, ohne Arbeit. Wir haben keine Kraft mehr.
   Augenblicklich leben wir in Trabzon und arbeiten. Bete, dass Gott uns segne und in uns ein neues und reines Herz schaffe. Wir vergessen das christliche Leben nicht und versuchen, für die Türken ein gutes Beispiel im Namen Gottes zu sein, damit sie durch uns Gott sehen und verherrlichen.
   Wir haben viel zu sagen und zu erzählen, aber, inschallah, wenn Du nach Trabzon kämest, könnten wir von Angesicht zu Angesicht sprechen. Dein Kommen wird ein glückliches Fest sein. Wir bitten Gott und wünschen für Dich Gesundheit und Frieden und christliches Leben. Wir küssen Deine Hände. Wir werden uns freuen, wenn Du uns antwortest und ein Foto mit Deiner Unterschrift sendest.
   Als Vater aller bete Du für Don Andrea und Loredana, damit Gott ihnen Kraft schenke und durch sie die Kirche in Trabzon wachse und sich vermehre.
   Maria, Marina und Maria
   Im Namen aller georgischen Christen laden wir Dich nach Trabzon ein, wenn Du im nächsten November in die Türkei kommst.«
Heiliger Vater,
   ich schließe mich diesen drei Frauen an, um Sie tatsächlich zu uns einzuladen. Es ist eine kleine Herde, wie Jesus sagte, die versucht, auf dieser Erde Salz, Sauerteig und Licht zu sein. Ein wenn auch nur kurzer Besuch von Ihnen wäre Trost und Ermutigung. Wenn Gott will ... für Gott ist nichts unmöglich.
   Ich grüße Sie und danke Ihnen für alles. Ihre Bücher waren für mich während meines Theologiestudiums immer Nahrung. Ich bitte um Ihren Segen und dass Gott auch Sie segnen und Ihnen beistehen möge.

                                                                       Don Andrea Santoro
»Fidei-donum«-Priester der Diözese Rom in der Türkei,
Diözese Anatolien, Stadt Trabzon am Schwarzen Meer,
Kirche »Sancta Maria«         
060217OR

B-462xxx

Schreiben von Papst Benedikt XVI. zum Beginn des Priesterjahres
anlässlich des 150. Jahrestages des Geburtstages von Johannes Maria Vianney

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,
   am kommenden Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, Freitag, dem 19. Juni 2009 – dem Tag, der traditions- gemäß dem Gebet um die Heiligung der Priester gewidmet ist – möchte ich anlässlich des 150. Jahrestags des Geburtstages von Johannes Maria Vianney, dem Schutzheiligen aller Pfarrer der Welt, offiziell ein „Jahr der Priester“ ausrufen. Dieses Jahr, das dazu beitragen möchte, das Engagement einer inneren Erneuerung aller Priester für ein noch stärkeres und wirksameres Zeugnis für das Evangelium in der Welt von heute zu fördern, wird 2010 wiederum an diesem Hochfest seinen Abschluss finden. „Das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu“, pflegte der heilige Pfarrer von Ars zu sagen. Diese be- wegende Formulierung veranlasst uns vor allem, uns innerlich angerührt und dankbar bewusst zu werden, welch unermessliches Geschenk die Priester nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Menschheit überhaupt sind. Ich denke an all die Priester, die in Demut Tag für Tag den Christgläubigen und der ganzen Welt die Worte und Taten Christi nahebringen, indem sie versuchen, mit ihren Gedanken, ihrem Willen, ihren Gefühlen und ihrem gesamten Lebensstil mit ihm über- einzustimmen. Wie könnte man es versäumen, ihre apostolischen Mühen, ihren unermüdlichen und verbor- genen Dienst und ihre im Grunde allumfassende Liebe zu unterstreichen? Und was soll man zu der mutigen Treue so vieler Priester sagen, die – wenn auch inmitten von Schwierigkeiten und Unverständnis – ihrer Berufung treu bleiben, „Freunde Christi“ zu sein, die von ihm in besonderer Weise gerufen, erwählt und aus- gesandt sind?
   Ich selbst trage noch die Erinnerung an den ersten Pfarrer im Herzen, an dessen Seite ich meinen Dienst als junger Priester ausübte: Er hinterließ mir das Beispiel einer rückhaltlosen Hingabe an seine seelsorgliche Aufgabe bis zu seinem Tod, der ihn ereilte, als er einem Schwerkranken das Sakrament der Wegzehrung brachte. Und dann kommen mir die unzähligen Mitbrüder in den Sinn, denen ich begegnet bin und immer noch begegne, auch während meiner Pastoralreisen in die verschiedenen Nationen – Mitbrüder, die großherzig in der täglichen Ausübung ihres priesterlichen Dienstes aufgehen. Aber die vom heiligen Pfarrer von Ars gebrauchte Formulierung ruft auch die Erinnerung an das durchbohrte Herz Christi und an die Dornenkrone auf seinem Haupt wach. Folglich gehen die Gedanken zu den unzähligen Situationen des Leidens, in die viele Priester hineingezogen sind, sei es weil sie Anteil nehmen an den menschlichen Erfahrungen von Schmerz in der Vielfalt seiner Ausdrucksformen, sei es weil sie bei denjenigen, denen ihr Dienst gilt, auf Unverständnis stoßen: Wie könnte man die vielen Priester vergessen, die in ihrer Würde verletzt, in ihrer Sendung behindert, manchmal sogar bis hin zum extremen Zeugnis der Hingabe des eigenen Lebens verfolgt werden?
  Leider gibt es auch Situationen, die nie genug beklagt werden können, in denen es die Kirche selber ist, die leidet, und zwar wegen der Untreue einiger ihrer Diener. Die Welt findet dann darin Grund zu Anstoß und Ablehnung. Was in solchen Fällen der Kirche am hilfreichsten sein kann, ist weniger die eigensinnige Auf- deckung der Schwächen ihrer Diener, als vielmehr das erneute und frohe Bewusstsein der Größe des Ge- schenkes Gottes, das in leuchtender Weise Gestalt angenommen hat in großherzigen Hirten, in von bren- nender Liebe zu Gott und den Menschen erfüllten Ordensleuten, in erleuchteten und geduldigen geistlichen Führern. In diesem Zusammenhang können die Lehren und die Beispiele des heiligen Johannes Maria Vianney allen einen bedeutsamen Anhaltspunkt bieten: Der Pfarrer von Ars war äußerst demütig, doch er wusste, dass er als Priester ein unermessliches Geschenk für seine Leute war: „Ein guter Hirte, ein Hirte nach dem Herzen Gottes, ist der größte Schatz, den der liebe Gott einer Pfarrei gewähren kann, und eines der wert- vollsten Geschenke der göttlichen Barmherzigkeit.“ Er sprach vom Priestertum, als könne er die Größe der dem Geschöpf Mensch anvertrauten Gabe und Aufgabe einfach nicht fassen: „Oh, wie groß ist der Priester! … Wenn er sich selbst verstünde, würde er sterben … Gott gehorcht ihm: Er spricht zwei Sätze aus, und auf sein Wort hin steigt der Herr vom Himmel herab und schließt sich in eine kleine Hostie ein…“ Und als er seinen Gläubigen die Bedeutsamkeit der Sakramente erklärte, sagte er: „Ohne das Sakrament der Weihe hätten wir den Herrn nicht. Wer hat ihn da in den Tabernakel gesetzt? Der Priester. Wer hat Eure Seele beim ersten Eintritt in das Leben aufgenommen? Der Priester. Wer nährt sie, um ihr die Kraft zu geben, ihre Pilgerschaft zu vollenden? Der Priester. Wer wird sie darauf vorbereiten, vor Gott zu erscheinen, indem er sie zum letzten Mal im Blut Jesu Christi wäscht? Der Priester, immer der Priester. Und wenn diese Seele [durch die Sünde] stirbt, wer wird sie auferwecken, wer wird ihr die Ruhe und den Frieden geben? Wieder der Priester … Nach Gott ist der Priester alles! … Erst im Himmel wird er sich selbst recht verstehen.“ Diese Aussagen, die aus dem priesterlichen Herzen eines heiligen Priesters hervorgegangen sind, mögen übertrieben erscheinen. Doch in ihnen offenbart sich die außerordentliche Achtung, die er dem Sakrament des Priestertums entgegenbrachte. Er schien überwältigt von einem grenzenlosen Verantwortungsbewusstsein: „Wenn wir recht begreifen würden, was ein Priester auf Erden ist, würden wir sterben: nicht vor Schreck, sondern aus Liebe … Ohne den Priester würden der Tod und das Leiden unseres Herrn zu nichts nützen. Der Priester ist es, der das Werk der Erlösung auf Erden fortführt … Was nützte uns ein Haus voller Gold, wenn es niemanden gäbe, der uns die Tür dazu öffnet? Der Priester besitzt den Schlüssel zu den himmlischen Schätzen: Er ist es, der die Tür öffnet; er ist der Haushälter des lieben Gottes; der Verwalter seiner Güter … Lasst eine Pfarrei zwanzig Jahre lang ohne Priester, und man wird dort die Tiere anbeten … Der Priester ist nicht Priester für sich selbst, er ist es für euch.“
   Als er nach Ars, einem kleinen Dorf mit 230 Einwohnern, kam, war er vom Bischof bereits vorgewarnt wor- den, dass er eine religiös prekäre Situation vorfinden werde: „Es gibt in dieser Pfarrei nicht viel Liebe zu Gott; Sie werden sie dort einführen.“ Folglich war er sich völlig bewusst, dass er dorthin gehen musste, um die Gegenwart Christi zu verkörpern, indem er dessen heilbringende Sanftmut bezeugte. „[Mein Gott,] gewährt mir die Bekehrung meiner Pfarrei; ich will dafür alles erleiden, was Ihr wollt, mein ganzes Leben lang!“ – mit diesem Gebet begann er seine Mission. Der Bekehrung seiner Pfarrei widmete sich der heilige Pfarrer mit all seinen Kräften und stellte die christliche Bildung des ihm anvertrauten Volkes in all seinem Denken an erste Stelle. Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, erbitten wir vom Herrn Jesus die Gnade, dass auch wir die pastorale Methode des Johannes Maria Vianney erlernen können! Was wir als erstes lernen müssen, ist die völlige Identifizierung mit der eigenen Aufgabe. In Jesus fallen Person und Sendung im Grunde zusammen: Sein gesamtes Heilshandeln war und ist Ausdruck seines „Sohn-Ich“, das von Ewigkeit her vor dem Vater steht in einer Haltung liebevoller Unterwerfung unter dessen Willen. In bescheidener und doch wahrer Ana- logie muss auch der Priester diese Identifizierung anstreben. Natürlich geht es nicht darum zu vergessen, dass die substanzielle Wirksamkeit des Dienstes von der Heiligkeit des Priesters unabhängig bleibt; doch man darf auch die außerordentliche Fruchtbarkeit nicht außer Acht lassen, die aus dem Zusammentreffen der objektiven Heiligkeit des Dienstes und der subjektiven des Priesters hervorgeht. Der Pfarrer von Ars begann sofort mit dieser demütigen und geduldigen Arbeit, sein Leben als Priester mit der Heiligkeit des ihm anvertrauten Dienstes in Einklang zu bringen und sagte, dass er sogar materiell in seiner Pfarrkirche „wohne“: „Kaum war er angekommen, wählte er die Kirche zu seinem Wohnsitz … Vor dem Morgenrot betrat er die Kirche und kam erst nach dem abendlichen Angelus wieder heraus. Dort musste man ihn suchen, wenn man ihn brauchte“, heißt es in seiner ersten Biographie.
  Die fromme Übertreibung des ehrfurchtsvollen Hagiographen darf uns nicht veranlassen zu übersehen, dass der heilige Pfarrer auch aktiv im gesamten Gebiet seiner Pfarrei zu „wohnen“ verstand: Er besuchte syste- matisch die Kranken und die Familien; er organisierte Volksmissionen und Patronatsfeste; er sammelte und verwaltete Geld für seine karitativen und missionarischen Werke; er verschönerte seine Kirche und stattete sie mit Kirchengerät aus; er kümmerte sich um die Waisenmädchen der „Providence“ (einer von ihm gegrün- deten Einrichtung) und ihre Erzieherinnen; er kümmerte sich um die Schulausbildung der Kinder; er gründete Bruderschaften und forderte die Laien zur Zusammenarbeit mit ihm auf.
   Sein Beispiel veranlasst mich, das Feld der Zusammenarbeit zu betonen, das immer mehr auf die gläubigen Laien auszudehnen ist, mit denen die Priester das eine priesterliche Volk bilden und in deren Mitte sie leben, um kraft des Weihepriestertums „alle zur Einheit in der Liebe zu führen, 'indem sie in Bruderliebe einander herzlich zugetan sind, in Ehrerbietung einander übertreffen'
Röm 12,10“. In diesem Zusammenhang ist an die lebhafte Aufforderung zu erinnern, mit der das Zweite Vatikanische Konzil die Priester ermutigt, „die Würde der Laien und die bestimmte Funktion, die den Laien für die Sendung der Kirche zukommt, wahrhaft [zu] erkennen und [zu] fördern … Sie sollen gern auf die Laien hören, ihre Wünsche brüderlich erwägen und ihre Erfahrung und Zuständigkeit in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Wirkens anerkennen, damit sie gemeinsam mit ihnen die Zeichen der Zeit erkennen können.“
   Seine Pfarreimitglieder belehrte der heilige Pfarrer vor allem mit dem Zeugnis seines Lebens. Durch sein Vor- bild lernten die Gläubigen zu beten und für einen Besuch beim eucharistischen Jesus gern vor dem Tabernakel zu verharren. „Es ist nicht nötig, viel zu sprechen, um gut zu beten“, erklärte ihnen der Pfarrer. „Man weiß, dass Jesus dort ist, im heiligen Tabernakel: Öffnen wir ihm unser Herz, freuen wir uns über seine heilige Gegenwart. Das ist das beste Gebet.“ Und er ermunterte sie: „Kommt zur Kommunion, meine Brüder, kommt zu Jesus. Kommt, um von ihm zu leben, damit ihr mit ihm leben könnt…“ „Es stimmt, dass ihr dessen nicht würdig seid, aber ihr habt es nötig!“ Diese Erziehung der Gläubigen zur eucharistischen Gegenwart und zum Kommunionempfang wurde besonders wirkkräftig, wenn die Gläubigen ihn das heilige Messopfer zelebrieren sahen. Wer ihm beiwohnte, sagte, dass „es nicht möglich war, eine Gestalt zu finden, welche die Anbetung besser ausgedrückt hätte … Er betrachtete die Hostie liebevoll“. „Alle guten Werke zusammen wiegen das Messopfer nicht auf, denn sie sind Werke von Menschen, während die heilige Messe Werk Gottes ist“, sagte er. Er war überzeugt, dass von der Messe der ganze Eifer eines Priesterlebens abhängt: „Die Ursache der Erschlaffung des Priesters liegt darin, dass er bei der Messe nicht aufmerksam ist! Mein Gott, wie ist ein Priester zu beklagen, der so zelebriert, als ob er etwas Gewöhnliches täte!“ Und er hatte es sich zur Ge- wohnheit gemacht, bei der Zelebration immer auch das eigene Leben aufzuopfern: „Wie gut tut ein Priester, wenn er Gott allmorgendlich sich selbst als Opfer darbringt!“
   Dieses persönliche Sicheinfühlen in das Kreuzesopfer führte ihn – in einer einzigen inneren Bewegung – vom Altar zum Beichtstuhl. Die Priester dürften niemals resignieren, wenn sie ihre Beichtstühle verlassen sehen, noch sich darauf beschränken, die Abneigung der Gläubigen gegenüber diesem Sakrament festzustellen. Zur Zeit des heiligen Pfarrers war in Frankreich die Beichte weder einfacher, noch häufiger als in unseren Tagen, da der eisige Sturm der Revolution die religiöse Praxis auf lange Zeit erstickt hatte. Doch er versuchte auf alle Arten, durch Predigt und überzeugenden Ratschlag, die Mitglieder seiner Pfarrei die Bedeutung und die Schön- heit der sakramentalen Buße neu entdecken zu lassen, indem er sie als eine mit der eucharistischen Ge- genwart innerlich verbundene Notwendigkeit darstellte. Auf diese Weise verstand er, einen Kreislauf der Tugend in Gang zu setzen. Durch seine langen Aufenthalte in der Kirche vor dem Tabernakel erreichte er, dass die Gläubigen begannen, es ihm nachzutun; sie begaben sich dorthin, um Jesus zu besuchen, und waren zu- gleich sicher, den Pfarrer anzutreffen, der bereit war zum Hören und zum Vergeben. Später war es dann die wachsende Menge der Bußfertigen aus ganz Frankreich, die ihn bis zu 16 Stunden täglich im Beichtstuhl hielt. Man sagte damals, Ars sei „das große Krankenhaus der Seelen“ geworden. „Die Gnade, die er empfing [für die Bekehrung der Sünder], war so stark, dass sie ihnen nachging,ohne ihnen einen Moment der Ruhe zu lassen“, sagt der erste Biograph. Der heilige Pfarrer sah das nicht anders, wenn er sagte: „Nicht der Sünder ist es, der zu Gott zurückkehrt, um ihn um Vergebung zu bitten, sondern Gott selbst läuft dem Sünder nach und lässt ihn zu sich zurückkehren.“ „Dieser gute Heiland ist so von Liebe erfüllt, dass er uns überall sucht.“
   Wir Priester müssten alle spüren, dass jene Worte, die er Christus in den Mund legte, uns persönlich an- gehen: „Ich beauftrage meine Diener, den Sündern zu verkünden, dass ich immer bereit bin, sie zu empfangen, dass meine Barmherzigkeit unbegrenzt ist.“ Vom heiligen Pfarrer von Ars können wir Priester nicht nur ein unerschöpfliches Vertrauen in das Bußsakrament lernen, das uns drängt, es wieder ins Zentrum unserer pastoralen Sorge zu setzen, sondern auch die Methode des „Dialogs des Heils“, der sich darin voll- ziehen muss. Der Pfarrer von Ars hatte gegenüber den verschiedenen Büßern eine jeweils unterschiedliche Verhaltensweise. Wer zu seinem Beichtstuhl kam, weil er von einem inneren und demütigen Bedürfnis nach der Vergebung Gottes angezogen war, fand bei ihm die Ermutigung, in den „Strom der göttlichen Barm- herzigkeit“ einzutauchen, der in seiner Wucht alles mit sich fortreißt. Und wenn jemand niedergeschlagen war beim Gedanken an seine Schwäche und Unbeständigkeit und sich vor zukünftigen Rückfällen fürchtete, offenbarte der Pfarrer ihm das Geheimnis Gottes mit einem Ausspruch von rührender Schönheit: „Der liebe Gott weiß alles. Noch bevor ihr sündigt, weiß er schon, dass ihr wieder sündigen werdet, und trotzdem vergibt er euch. Wie groß ist die Liebe unseres Gottes, der so weit geht, freiwillig die Zukunft zu vergessen, nur damit er uns vergeben kann!“ Wer sich dagegen lau und fast gleichgültig anklagte, dem bot er durch seine eigenen Tränen die ernste und erlittene deutliche Einsicht, wie „abscheulich“ diese Haltung sei: „Ich weine, weil ihr nicht weint“, sagte er. „Wenn der Herr bloß nicht so gut wäre! Aber er ist so gut! Man muss ein Barbar sei, um sich einem so guten Vater gegenüber so zu verhalten!“ Er ließ die Reue im Herzen der Lauen aufkommen, indem er sie zwang, das im Gesicht des Beichtvaters gleichsam „verkörperte“ Leiden Gottes wegen der Sünden mit eigenen Augen zu sehen. Wer sich dagegen voll Verlangen und fähig zu einem tieferen geistlichen Leben zeigte, dem öffnete er weit die Tiefen der Liebe, indem er ihm erklärte, wie unbeschreiblich schön es ist, mit Gott vereint und in seiner Gegenwart zu leben: „Alles unter den Augen Gottes, alles mit Gott, alles, um Gott zu gefallen … Wie schön ist das!“ Und er lehrte sie zu beten: „Mein Gott, erweise mir die Gnade, dich so sehr wie nur möglich zu lieben.“
   Der Pfarrer von Ars hat in seiner Zeit das Herz und das Leben so vieler Menschen zu verwandeln vermocht, weil es ihm gelungen ist, sie die barmherzige Liebe des Herrn wahrnehmen zu lassen. Auch in unserer Zeit ist eine solche Verkündigung und ein solches Zeugnis der Wahrheit der Liebe dringend: Deus caritas est Gott ist die Liebe
1 Joh 4,8. Mit dem Wort und den Sakramenten seines Jesus wusste Johannes Maria Vianney sein Volk aufzubauen, auch wenn er, überzeugt von seiner persönlichen Unzulänglichkeit, oft schauderte, so dass er mehrmals wünschte, sich der Verantwortung des Dienstes in der Pfarrei zu entziehen, dessen er sich unwürdig fühlte. Trotzdem blieb er in vorbildlichem Gehorsam stets an seinem Posten, denn die apostolische Leidenschaft für das Heil der Seelen verzehrte ihn. Durch eine strenge Askese versuchte er, seiner Berufung völlig nachzukommen: „Das große Unglück für uns Pfarrer“, beklagte der Heilige, „besteht darin, dass die Seele abstumpft“, und er meinte damit ein gefährliches Sich-Gewöhnen des Hirten an den Zustand der Sünde oder der Gleichgültigkeit, in der viele seiner Schafe leben. Mit Wachen und Fasten zügelte er den Leib, um zu vermeiden, dass dieser sich seiner priesterlichen Seele widersetzte. Und er schreckte nicht davor zurück, sich selbst zu kasteien zum Wohl der ihm anvertrauten Seelen und um zur Sühne all der Sünden beizutragen, die er in der Beichte gehört hatte. Einem priesterlichen Mitbruder erklärte er: „Ich verrate Euch mein Rezept: Ich gebe den Sündern eine kleine Buße auf, und den Rest tue ich an ihrer Stelle.“ Jenseits der konkreten Bußübungen, denen der Pfarrer von Ars sich unterzog, bleibt in jedem Fall der Kern seiner Lehre für alle gültig: die Seelen sind mit dem Blut Jesu erkauft, und der Priester kann sich nicht ihrer Rettung widmen, wenn er sich weigert, sich persönlich an dem „teuren Preis“ ihrer Erlösung zu beteiligen.
   In der Welt von heute ist es ebenso nötig wie in den schwierigen Zeiten des Pfarrers von Ars, dass die Priester sich in ihrem Leben und Handeln durch ein starkes Zeugnis für das Evangelium auszeichnen. Paul VI. hat zu Recht bemerkt: „Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind.“ Damit in uns nicht eine existenzielle Leere entsteht und die Wirk- samkeit unseres Dienstes nicht gefährdet wird, müssen wir uns immer neu fragen: „Sind wir wirklich durch- tränkt vom Wort Gottes? Ist es wirklich die Nahrung, von der wir leben, mehr als vom Brot und von den Dingen dieser Welt? Kennen wir es wirklich? Lieben wir es? Gehen wir innerlich damit um, so dass es wirklich unser Leben prägt, unser Denken formt?“ Wie Jesus die Zwölf rief, damit sie bei ihm sein sollten vgl. Mk 3,14, und sie erst danach zum Predigen aussandte, so sind auch in unseren Tagen die Priester berufen, jenen „neuen Lebensstil“ anzunehmen, den Jesus, der Herr, eingeführt hat und den die Apostel sich zu eigen gemacht haben.
   Gerade die rückhaltlose Annahme dieses „neuen Lebensstils“ war ein Merkmal des priesterlichen Einsatzes des Pfarrers von Ars. In der Enzyklika
Sacerdotii nostri primordia, die 1959, hundert Jahre nach dem Tod von Johannes Maria Vianney, publiziert wurde, stellte Johannes XXIII. dessen asketische Wesensart unter besonderer Bezugnahme auf das Thema der „drei evangelischen Räte“ dar, die er auch für die Priester als notwendig erachtete: „Auch wenn dem Priester zur Erlangung dieser Heiligkeit des Lebens die Verwirklichung der evangelischen Räte nicht aufgrund seines klerikalen Standes auferlegt ist, bietet sie sich ihm wie allen Jüngern des Herrn doch als der normale Weg der christlichen Heiligung an.“ Der Pfarrer von Ars verstand es, die „evangelischen Räte“ in der seiner Situation als Priester angemessenen Weise zu leben. Seine Armut war nämlich nicht die eines Ordensmannes bzw. eines Mönches, sondern die, welche von einem Weltpriester er- wartet wird: Obwohl er mit viel Geld wirtschaftete (da die wohlhabenderen Pilger nicht versäumten, sich seiner karitativen Werke anzunehmen), wusste er, dass alles seiner Kirche, seinen Armen, seinen Waisen, den Mädchen seiner „Providence“, den am meisten notleidenden Familien zugedacht war.Darum war e „reich, um den anderen zu geben, und sehr arm für sich selbst“. Er erklärte: „Mein Geheimnis ist einfach: Alles geben und nichts behalten.“ Wenn er mit leeren Händen dastand, sagte er zufrieden zu den Armen, die sich an ihn wendeten: „Heute bin ich arm wie ihr, bin einer von euch.“ So konnte er am Ende seines Lebens in aller Ruhe sagen: „Ich habe nichts mehr. Nun kann der liebe Gott mich rufen, wann er will!“ Auch seine Keuschheit war so, wie sie für den Dienst eines Priesters nötig ist. Man kann sagen, es war die angemessene Keuschheit dessen, der gewöhnlich die Eucharistie berühren muss und der sie gewöhnlich mit der ganzen Begeisterung seines Herzens betrachtet und sie mit derselben Begeisterung seinen Gläubigen reicht. Man sagte von ihm, „die Keuschheit strahle in seinem Blick“, und die Gläubigen bemerkten es, wenn er mit den Augen eines Verliebten zum Tabernakel schaute. Auch der Gehorsam von Johannes Maria Vianney war ganz und gar verkörpert in der leidvoll errungenen inneren Einwilligung in die täglichen Anforderungen seines Amtes. Es ist bekannt, wie sehr ihn der Gedanke an seine Unzulänglichkeit für den Dienst des Pfarrers quälte und wie sehr ihn der Wunsch umtrieb, zu fliehen „um in Einsamkeit sein armes Leben zu beweinen“. Nur der Gehorsam und seine Leidenschaft für die Seelen konnten ihn überzeugen, an seinem Platz zu bleiben. Sich selbst und seinen Gläubigen erklärte er: „Es gibt nicht zwei gute Arten, Gott zu dienen. Es gibt nur eine einzige: ihm so zu dienen, wie er es will.“ Die goldene Regel für ein Leben im Gehorsam schien ihm diese zu sein: „Nur das tun, was dem lieben Gott dargebracht werden kann.“
   Im Zusammenhang mit der Spiritualität, die durch die Übung der evangelischen Räte gefördert wird, möchte ich die Priester in diesem ihnen gewidmeten Jahr gern ganz besonders dazu aufrufen, den neuen Frühling zu nutzen, den der Geist in unseren Tagen in der Kirche hervorbringt, nicht zuletzt durch die kirchlichen Bewe- gungen und die neuen Gemeinschaften. „Der Geist ist vielfältig in seinen Gaben … Er weht, wo er will. Er tut es auf unerwartete Weise, an unerwarteten Orten und in vorher nicht ausgedachten Formen … aber er zeigt uns auch, dass er auf den einen Leib hin und in der Einheit des einen Leibes wirkt.“ In diesem Zusammen- hang gilt die Anweisung des Dekretes Presbyterorum ordinis: „Sie [die Priester] sollen die Geister prüfen, ob sie aus Gott sind,und die vielfältigen Charismen der Laien, schlichte und bedeutendere, mit Glaubenssinn aufspüren, freudig anerkennen und mit Sorgfalt hegen.“ Diese Gaben, die viele zu einem höheren geistlichen Leben drängen, können nicht nur den gläubigen Laien, sondern den Priestern selbst hilfreich sein. Aus dem Miteinander von geweihten Amtsträgern und Charismen kann nämlich „ein gesunder Impuls für ein neues Engagement der Kirche in der Verkündigung und im Zeugnis des Evangeliums der Hoffnung und der Liebe in allen Teilen der Welt“ entspringen. Außerdem möchte ich in Bezugnahme auf das Apostolische Schreiben
Pastores dabo vobis von Papst Johannes Paul II. ergänzen, dass das geweihte Amt eine radikale „Gemein- schaftsform“ hat und nur in der Gemeinschaft der Presbyter mit ihrem Bischof erfüllt werden kann. Es ist nötig, das diese im Weihesakrament begründete und in der Konzelebration ausgedrückte Gemeinschaft der Priester untereinander und mit ihrem Bischof sich in den verschiedenen konkreten Formen einer effektiven und affektiven priesterlichen Brüderlichkeit verwirklicht. Nur so können die Priester die Gabe des Zölibats vollends leben und sind fähig, christliche Gemeinschaften aufblühen zu lassen, in denen sich die Wunder der ersten Verkündigung des Evangeliums wiederholen.
   Das Paulusjahr, das sich seinem Ende zuneigt, richtet unsere Gedanken auch auf den Völkerapostel, in dem vor unseren Augen ein glänzendes Beispiel eines ganz und gar seinem Dienst „hingegebenen“ Priesters aufleuchtet. „Die Liebe Christi hat uns in Besitz genommen“, schreibt er, „da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben“
vgl. 2 Kor 5,14. Und er fügt hinzu: „Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde“ 2 Kor 5,15. Gibt es ein besseres Programm, das man einem Priester vorschlagen könnte, der damit beschäftigt ist, auf dem Weg der christlichen Vollkommenheit voranzuschreiten?
   Liebe Priester, die Feier des 150. Todestags des heiligen Johannes Maria Vianney (1859) schließt sich unmit- telbar an die kaum abgeschlossenen Feiern zum 150. Jahrestag der Erscheinungen von Lourdes (1858) an. Schon 1959 hatte der selige Papst Johannes XXIII. bemerkt: „Kurz bevor der Pfarrer von Ars seine lange verdienstvolle Laufbahn beendet hatte, war in einem anderen Teil Franreichs die Unbefleckte Jungfrau einem demütigen und reinen Mädchen erschienen, um ihm eine Botschaft des Gebetes und der Buße zu übermitteln, deren enorme geistliche Resonanz seit einem Jahrhundert wohlbekannt ist. Tatsächlich war das Leben des heiligen Priesters, dessen Gedenken wir feiern, im voraus eine lebendige Darstellung der großen übernatür- lichen Wahrheiten, die der Seherin von Massabielle vermittelt wurden. Er selbst hegte für die Unbefleckte Empfängnis der Allerseligsten Jungfrau eine glühende Verehrung – er, der 1836 seine Pfarrei der ohne Sünde empfangenen Maria ge- weiht hatte und dann die dogmatische Definition von 1854 mit so viel Glauben und Freude aufnehmen sollte.“ Der heilige Pfarrer erinnerte seine Gläubigen immer daran, dass „Jesus Christus, nachdem er uns alles gegeben hatte, was er uns geben konnte, uns noch das Wertvollste als Erbe hinter- lassen wollte, das er besitzt, nämlich seine Mutter“.
   Der Allerseligsten Jungfrau vertraue ich dieses Jahr der Priester an und bitte sie, im Innern jedes Priesters eine großherzige Wiederbelebung jener Ideale der völligen Hingabe an Christus und an die Kirche auszulösen, die das Denken und Handeln des heiligen Pfarrers von Ars bestimmten. Mit seinem eifrigen Gebetsleben und seiner leidenschaftlichen Liebe zum gekreuzigten Jesus nährte Johannes Maria Vianney seine tägliche rück- haltlose Hingabe an Gott und an die Kirche. Möge sein Beispiel die Priester zu jenem Zeugnis der Einheit mit dem Bischof, untereinander und mit den Laien bewegen, das heute wie immer so notwendig ist. Trotz des Übels, das es in der Welt gibt, sind die Worte Christi an seine Apostel im Abendmahlssaal stets aktuell: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ Joh 16,33. Der Glaube an den göttlichen Meister gibt uns die Kraft, vertrauensvoll in die Zukunft zu schauen. Liebe Priester, Christus rechnet mit euch. Nach dem Beispiel des heiligen Pfarrers von Ars lasst euch von ihm vereinnahmen, dann seid in der Welt von heute auch ihr Boten der Hoffnung, der Versöhnung und des Friedens!
Von Herzen erteile ich euch meinen Segen.
Aus dem Vatikan, am 16. Juni 2009
                          Benedictus PP. XVI.

bu-epBodePriester-z Aktuell: Priester. Wurzeln und Visionen einer spannenden Berufung

Bischof Franz-Josef Bode legt hiermit eine Sammlung von Beiträgen vor, die zeigt, dass die Fragen um das Priestersein und das Priesterwerden zu seinen zentralen Anliegen gehören. Mit Beiträgen von Felix Genn und Franz Kamphaus. ISBN: 978-3-925164-46-0, 173 Seiten €14,90 Verlag Dom Buchhandlung Osnabrück.  bestellservice@dom-buchhandlung.de       www.dom-buchhdndlung.de

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Auf dem Weltjugendtag in Madrid: Predigt des Papstes an die Priester-Seminaristen

Herr Kardinalerzbischof von Madrid! Verehrte Brüder im Bischofsamt!
Liebe Priester und Ordensleute! Liebe Rektoren und Ausbilder!
Liebe Seminaristen! Liebe Freunde alle!
  Ich freue mich zutiefst, mit euch allen, die ihr Priester Christi zum Dienst an der Kirche und an den Menschen werden wollt, die heilige Messe zu feiern, und danke für die freundlichen Begrüßungsworte, mit denen ihr mich empfangen habt. Diese ehrwürdige Kathedralkirche Santa María La Real de la Almudena Foto ist heute gleich- sam ein riesiger Abendmahlssaal, wo der Herr mit brennendem Verlangen sein Paschamahl mit denen hält, die sich danach sehnen, eines Tages in seinem Namen die Geheimnisse der Erlösung zu feiern. Wenn ich euch sehe, stelle ich neuerlich fest, daß Christus weiterhin junge Jünger beruft, um sie zu seinen Aposteln zu machen, und auf diese Weise die Sendung der Kirche und das Angebot des Evangeliums an die Welt lebendig bleibt. Als Seminaristen seid ihr auf dem Weg zu einem heiligen Ziel: den Auftrag, den Christus vom Vater erhielt, weiterzuführen. Von ihm berufen, seid ihr seiner Stimme gefolgt, und angezogen von seinem liebe- vollen Blick geht ihr auf das heilige Amt zu. Richtet eure Augen auf ihn, der durch seine Menschwerdung der höchste Offenbarer Gottes und durch seine Auferstehung der getreue Erfüller seiner Verheißung ist. Dankt ihm für dieses Zeichen seiner besonderen Liebe, die er einem jeden von euch entgegenbringt.
   Die erste Lesung, die wir gehört haben, zeigt uns Christus als den neuen und endgültigen Priester, der sein Leben ganz aufgeopfert hat. Die Antiphon des Psalms lässt sich vollkommen auf ihn anwenden, der bei sei- nem Eintritt in die Welt an seinen Vater gewandt sagte: „Ja, ich komme, deinen Willen zu tun“ vgl. Ps 40,8-9. In allem suchte er, dem Vater zu gefallen: in seinem Reden und Tun, im Umherziehen und in der Aufnahme der Sünder. Sein Leben war ein Dienst und sein Sich-Verzehren eine immerwährende Fürsprache, wenn er im Na- men aller als Erstgeborener vieler Brüder vor den Vater trat. Er hat – so versichert der Verfasser des Hebräer- briefes – durch diese Hingabe uns, die wir zur Teilhabe an seiner Sohnschaft berufen sind, zur ewigen Vollendung geführt vgl. Hebr 10,14.
   Die Eucharistie, von deren Einsetzung das vorhin verkündete Evangelium spricht vgl. Lk 22,14-20, ist der tatsächliche Ausdruck dieser bedingungslosen Hingabe Jesu für alle, auch für jene, die ihn verrieten. Hingabe seines Leibes und Blutes für das Leben der Menschen und zur Vergebung ihrer Sünden. Das Blut, Zeichen des Lebens, wurde uns von Gott zum Bund gegeben, damit wir dort, wo wegen unserer Sünde der Tod herrscht, die Kraft des Lebens einsetzen und so die Sünde zerstören können. Der gebrochene Leib und das vergos- sene Blut Christi, das heißt seine hingegebene Freiheit, wurden durch die eucharistischen Zeichen zur neuen Quelle der erlösten Freiheit der Menschen. In Ihm erhalten wir die Verheißung einer endgültigen Erlösung und die sichere Hoffnung auf die künftigen Güter. Durch Christus wissen wir, dass wir nicht auf dem Weg in den Abgrund, in das Schweigen des Nichts und des Todes sind, sondern Pilger unterwegs zu einem verheißenen Land, zu Ihm, der unser Ziel und auch unser Ursprung ist.
   Liebe Freunde, bereitet euch darauf vor, Apostel mit Christus und wie Christus zu sein, um Weggefährten und Diener der Menschen zu sein! Wie können diese Jahre der Vorbereitung gelebt werden? Vor allem sollen es Jahre innerer Stille, beständigen Gebets, ausdauernden Studiums und der schrittweisen Einbindung in die pastoralen Tätigkeiten und Strukturen der Kirche sein. Kirche ist Gemeinschaft und Institution, Familie und Sendung, Schöpfung Christi durch seinen Heiligen Geist und zugleich Ergebnis all derer, die wir sie mit unserer Heiligkeit und mit unseren Sünden gestalten. So hat es Gott gewollt, der keine Bedenken hat, Arme und Sünder zu seinen Freunden und Werkzeugen für die Erlösung des Menschengeschlechts zu machen. Die Heiligkeit der Kirche ist vor allem die objektive Heiligkeit der Person Christi selbst, seines Evangeliums und seiner Sakramente, die Heiligkeit jener Kraft von oben, welche sie beseelt und anspornt. Wir müssen heiligmäßig sein, um nicht einen Widerspruch zu erzeugen zwischen dem Zeichen, das wir sind, und der Wirk- lichkeit, die wir zum Ausdruck bringen wollen.
   Denkt eingehend über dieses Geheimnis der Kirche nach, während ihr die Jahre eurer Ausbildung mit tiefer Freude, mit Lernbereitschaft, in Klarheit und radikaler Treue zum Evangelium sowie in liebevoller Beziehung zur Zeit und zu den Personen, unter denen ihr lebt, verbringt. Keiner wählt den Rahmen noch die Zielper- sonen seiner Sendung aus. Jede Zeit hat ihre Probleme, doch Gott gewährt in jeder Zeit die erforderliche Gnade, um sie mit Liebe und Realismus anzunehmen und zu bewältigen. Deshalb muss der Priester in jeder Situation, in der er sich befindet – so schwierig sie auch sein mag –, in jeder Art von guten Werken Frucht bringen, während er dafür in seinem Inneren die Worte des Tages seiner Weihe immer lebendig bewahrt, mit denen er aufgefordert wurde, sein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes des Herrn zu stellen.
   Sich unter Christi Geheimnis zu stellen, liebe Seminaristen, schließt ein, dass man sich immer mehr mit demjenigen identifiziert, der für uns zum Diener, Priester und Opfer geworden ist. Ihm gleichförmig zu werden ist in Wirklichkeit die Aufgabe, für welche sich der Priester sein ganzes Leben lang verzehren muss. Wir wissen natürlich, dass sie uns übersteigt und es uns nie gelingen wird, sie vollkommen zu erfüllen, doch, wie der heilige Paulus sagt, streben wir dennoch das Ziel an in der Hoffnung, es zu erreichen vgl. Phil 3,12-14.
   Doch Christus, der Hohepriester, ist auch der Gute Hirt, der sich um seine Schafe kümmert bis zur Hingabe seines Lebens für sie vgl. Joh 10,11. Um auch darin den Herrn nachzuahmen, wird euer Herz im Seminar dadurch reifen müssen, dass ihr euch dem Meister völlig zur Verfügung stellt. Diese Verfügbarkeit, die Gabe des Heiligen Geistes ist, inspiriert zu der Entscheidung, den Zölibat um des Himmelreiches willen, die Abkehr von den irdischen Gütern, die Anspruchslosigkeit und den aufrichtigen, ungeheuchelten Gehorsam zu leben.
   Bittet ihn also darum, dass er euch gewähre, ihn in seiner Liebe zu allen bis zum äußersten nachzuahmen, ohne die Fernstehenden und Sünder abzulehnen, so dass sie sich mit eurer Hilfe bekehren und den richtigen Weg einschlagen. Bittet ihn, daß er euch lehre, den Kranken und den Armen einfach und großherzig ganz nahe zu sein. Stellt euch dieser Herausforderung unvoreingenommen und mit voller Kraft. Sie sei euch viel- mehr eine bedeutungsvolle Weise, das menschliche Leben in Selbstlosigkeit und Dienst zu verwirklichen, und zwar als Zeugen des menschgewordenen Gottes, als Botschafter der höchsten Würde des Menschen und folglich seine bedingungslosen Verteidiger. Auf seine Liebe gestützt, lassat euch nicht von einer Umgebung einschüchtern, in der man Gott ausschließen will und in der Macht, Besitz oder Vergnügen oft die Haupt- kriterien sind, nach denen sich das Dasein richtet. Es kann sein, dass man euch verachtet, wie es gewöhnlich denen widerfährt, die sich auf höhere Ziele berufen oder die Idole entlarven, vor denen heute viele auf den Knien liegen. Das wird dann der Fall sein, wenn ein Leben, das tief in Christus verwurzelt ist, sich denen, die Gott, die Wahrheit und die Gerechtigkeit echt suchen, wirklich als eine Neuheit offenbart und sie nachdrücklich anzieht.
   Ermutigt von euren Ausbildern, öffnet eure Seele dem Licht des Herrn, um zu sehen, ob dieser Weg, der Mut und Glaubwürdigkeit erfordert, euer Weg ist. Und so schreitet nur dann auf dem Weg zum Priestertum voran, wenn ihr fest davon überzeugt seid, dass Gott euch dazu beruft, seine Diener zu sein, und ihr voll dazu ent- schlossen seid, es im Gehorsam gegenüber den Weisungen der Kirche auszuüben.
   In diesem Vertrauen lernt von dem, der sich selber als gütig und von Herzen demütig bezeichnet hat. Dabei macht euch von allen menschlichen Wünschen frei dadurch, dass ihr nicht euch selbst sucht, sondern durch eure Haltung eure Brüder aufbaut, wie es der Schutzpatron des spanischen Weltklerus, der heiligen Johannes von Ávila, getan hat. Angeregt von seinem Beispiel, blickt vor allem auf die Jungfrau Maria, die Mutter der Priester. Sie wird nach dem Vorbild Christi, ihres göttlichen Sohnes, eure Seele zu formen wissen und euch lehren, immer die Güter zu hüten, die er auf Golgota für die Rettung der Welt erworben hat. Amen.
rv110820mch Foto unten: Auf dem Weltjugendtag in Madrid 2011: Priester aus 192 Ländern der Weltr

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