|
Blick auf die Glaubensgemeinschaften, die aus der protestantischen Reformation hervorgegangen sind.
„Unser Herz brennt nach mehr“
Nach der Ansprache des Papstes in Erfurt bedankt sich der Ratsvorsitzende der EKD bei Papst Benedikt
Zu Beginn kam Bewegungslust auf. Vor der Tür, durch die der Papst die Erfurter Augustinerkirche betreten sollte, machten Bläser aus dem Kirchenlied „von Gott will ich nicht lassen“ einen kunstvollen Tango. Die gela- denen Gäste in der Kirche des einstigen Klosters von Martin Luther begannen mit den Beinen zu wippen. Doch mit der Bewegung wurde es nichts. Keine der Erwartungen an konkrete Veränderungen im ökume- nischen Verhältnis zwischen katholischer und evangelischer Kirche wurde beim Besuch des Papstes an der Wirkungsstätte des Reformators erfüllt. Keinerlei Entgegenkommen signalisierte Benedikt beim Verständnis des geistlichen Amtes, beim Ringen um ein gemeinsames Abendmahl oder bei dem Problem konfessions- verschiedener Eheleute, nicht gemeinsam zum Abendmahl oder zur Eucharistie gehen zu können. In aller Härte war dieser Stillstand schon am Vormittag bei der vertraulichen Begegnung zweier Delegationen rund um den Papst und den EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider deutlich geworden. Und als sollte die Öffent- lichkeit diese Ergebnislosigkeit auch klar vernehmen können, sagte Benedikt in seiner Predigt während des ökumenischen Gottesdienstes in der Augustinerkirche: „Im Vorfeld des Papstbesuchs war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von diesem Besuch erwarte. Dazu möchte ich sagen, dass dies ein politisches Missverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln." Punkt, Feierabend. „Nichts, gar nichts ist von ihm gekommen", sagte hinterher ein Vertreter der EKD. Die peinliche Situation zu retten versuchte Präses Schneider, indem er fast während des gesamten Gottesdienstes aufrecht sitzend lächelte, während neben ihm der Papst ver- sunken vor sich hin schaute. Ja, Schneider ging nach Benedikts Predigt sogar auf diesen zu und umarmte ihn. Was tut man nicht alles, um Einvernehmen zu demonstrieren. Nach dem Ökumenetreffen aber mahnte Schneider weitere Fortschritte im Dialog der christlichen Kirchen an. „Unser Herz brennt nach mehr. Und das war heute zu spüren", sagte er. Allerdings ist das Bild, das so entstand - die Protestanten bemühen sich, während der Papst aus Glaubensgründen extrem zurückhaltend bleibt - nicht richtig. Gewiss, die evangelische Seite drängt, und sie drängte gerade in Erfurt. Vom Überwinden des „Eigen-Sinns" sprach Schneider und davon, dass es für alle „ein Segen" wäre, den konfessionsverschiedenen Ehepaaren „in absehbarer Zeit eine von Einschränkungen freiere eucharistische Gemeinschaft zu ermöglichen". Auch die Präses der EKD - Synode, Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, sprach mit Verweis auf den anwesenden katholischen Bundespräsidenten Christian Wulff und seine erkrankte evangelische Ehefrau jene Paare an und entwarf gar das Bild der Mahlgemeinschaft: „Zum richtigen Zeitpunkt werden wir am hellsten und besten Ort des Hauses gemeinsam und füreinander den Tisch decken, an den Er uns einlädt." Der Papst wirkte demgegenüber wie ein standhafter Verteidiger des für theologisch richtig Erachteten, wie ein Vorkämpfer eines viel wichtigeren Einsatzes: „Das Notwendigste für die Ökumene", so Benedikt, „ist zunächst einmal, dass wir nicht unter dem Säkularisierungsdruck die großen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen und die uns als Gabe und Auftrag geblieben sind." Nach dem Motto: Wir müssen das Christentum offensiv bekennen, statt Lehrmeinungen in Kompromissformeln aufzuweichen.
Nikolaus Schneider vergleicht die Ökumene mit einer steilen Treppe Bei näherer Betrachtung aber zeigt sich, dass hier keineswegs protestantische Ökumeniker einem glaubens- festen Katholiken gegenüberstanden. Vielmehr fordert auch Benedikt von den Evangelischen Aufweichungen ihrer Positionen im ökumenischen Interesse. So sagte der Papst in seiner Predigt: „Wir leben in einer Zeit, in der die Maßstäbe des Menschseins fraglich geworden sind. Ethik wird durch das Kalkül der Folgen ersetzt. Demgegenüber müssen wir als Christen die unantastbare Würde des Menschen verteidigen, von der Empfängnis bis zum Tod, in Fragen der Präimplantationsdiagnostik bis zur Sterbehilfe." Wenn Benedikt solcherart eine gemeinsame Bioethik der christlichen Kirchen verlangte, dann forderte er von den Protestanten nicht weniger als diese von ihm beim Abendmahl: die Aufgabe einer theologischen Position. Denn bei der Sterbehilfe ist es nach dem evangelischen Verständnis möglich, dass bei Schwerstkranken in Befolgung ihrer Patientenverfügungen lebenserhaltende Maßnahmen auch außerhalb der unmittelbaren Sterbephase beendet werden. Der Papst und die katholische Kirche lehnen dies ab. Warum sollten sich danach die Protestanten richten? Präses Schneider verglich während der Pressekonferenz die Ökumene mit einer steilen Treppe. Einige Stufen habe man bereits erklommen. „Jetzt stehen wir auf einem Treppenabsatz und müssen versuchen, das Niveau zu halten." Das ließ sich als Beschwichtigung nach dem Verpassen einer scheinbar günstigen Gelegenheit interpretieren. Man könnte es auch anders sehen: Auf protestantischer Seite wächst die bei den Katholiken schon vorhandene Einsicht, dass die Kirchen sich im Konkreten nicht weiter annähern können. Dass die Suche nach anderen Möglichkeiten des ökumenischen Austauschs durchaus produktiv und auch notwendig ist, deuteten der Papst und Schneider selbst an. Benedikt bat die Lutherischen und Reformierten indirekt um Hilfe gegenüber den in der Dritten Welt um sich greifenden Pfingstkirchen. Schneider signalisierte im Gegenzug, dass die deutschen Protestanten sich als „westliche Kirche" und somit als Teil jener lateinischen Christenheit sähen, die auf Rom bezogen ist. Zudem sind beide Seiten bereit, sich zum Reformationsjubiläum im Jahr 2017 neu mit Martin Luther zu beschäftigen. Dessen „Frage nach Gott", so Benedikt, „trifft mich immer neu". Schneider lud den Papst in nur geringer Verklausulierung ein, 2017 das Reformationsjubiläum mit der evangelischen Kirche zu begehen. Das Abendmahl aber wird auch dann noch jede Kirche für sich feiern. HA110924MatthiasKamann

Papst-Geschenk bleibt im Augustinerkloster Papst Benedikt XVI. hat bei seinem Besuch im Erfurter Augustinerkloster der Evangelischen Kirche ein wertvolles Buch geschenkt. Dabei handelt es sich um den sogenannten Codex Paul Foto, ein Buch mit Briefen des Apostels Paulus und weiteren biblischen Texten und Kommentaren, das von Benediktinermönchen des römischen Klosters "Sankt-Paul vor den Mauern" im Stil alter klösterlicher Handschriften gestaltet wurde.
Foto: Landesbischof i. R. D. Eduard Lohse: Was uns verbindet, ist stärker als alles, was uns (noch) trennt
Vor einer Woche hat Papst Benedikt XVI. seinen Besuch in unserem Land beendet. Nun wird Bilanz gezogen und nach dem Ertrag dieses Besuches gefragt. Wie soll man urteilen, ohne vorschnell nur auf die eine oder andere überzogene Erwartung zu blicken und dann zu sagen: Papst enttäuscht Hoffnung auf mehr Ökumene - weniger als nichts, das sei das Resultat gewesen? Blickt man auf die römisch-katholische Weltkirche, so bedeutet der Besuch des Papstes mit den großen, im Freien gehaltenen Gottesdiensten ohne Zweifel eine Stärkung der katholischen Christenheit in Deutschland. In genauer Befolgung der liturgischen Ordnung wurde vor aller Öffentlichkeit bezeugt, welche Kraft von recht gefeiertem Gottesdienst ausgeht. Evangelische Christen können mit Überzeugung einstimmen: Wo das Wort Gottes recht gepredigt und die Sakramente ihrer Stiftung gemäß dargereicht werden, da ist Kirche, da ist die eine Christenheit als Gottes Volk versammelt. Es war der ausdrückliche Wunsch des Papstes, er wolle bei seinem Besuch einen stärkeren Akzent auf dem Gebiet der Ökumene setzen. Infolge der Vielzahl der Pflichten, denen Benedikt XVI. in diesen Tagen genügen musste, ist dieser Wunsch nicht recht erfüllt worden. Schaut man jedoch genauer zu, so kommt der Begegnung in Erfurt und dem Wortgottesdienst, der in der Kirche des ehemaligen Augustinerklosters stattfand, hohe und wegweisende Bedeutung zu. Der Papst ist sich ohne Zweifel des Symbolcharakters dieses Ortes bewusst gewesen. Allein die Tatsache, dass man sich dort zusammenfand, wo Luther Mönch geworden und zum Priester geweiht worden ist, sagt mehr als manche Worte. In den Worten, die der Papst während der Begegnung mit dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gesprochen hat, hat er den Namen Martin Luthers mit ausdrücklichem Respekt genannt. Das bedeutet für jeden Betrachter, dass im allgemeinen Bewusstsein aller Christen Martin Luther als ein Lehrer der ganzen Christenheit geachtet ist. Hatten manche gehofft, der einst gegen Luther geschleuderte Bann könnte in aller Form zurückgenommen werden, so will beachtet sein, dass nach Verständnis des Kirchenrechts ein ausgesprochener Bann, der gegen ein Glied der Kirche verhängt worden war, mit dem Tod des Betroffenen erlischt. Es hätte vielleicht wohlgetan, wenn diese Feststellung noch einmal ausdrücklich ausgesprochen worden wäre. Doch das ermutigende Bild prägt sich dem Gedächtnis ein: Der Papst im Augustinerkloster in Erfurt in gottesdienstlicher Gemeinschaft mit evangelischen Christen. Papst Benedikt hat im Gottesdienst in Erfurt gesagt, er bringe kein ökumenisches Gastgeschenk mit, da man in Fragen des Glaubens nicht verhandeln und Kompromisse schließen könne. Diese Bemerkung hat manche Enttäuschung hervorgerufen, aber im Sinn beider Kirchen darf man dagegenstellen: Sein Gastgeschenk war und ist er selbst, der an die Stätte, wo im Ringen eines Augustinermönchs die Reformation ihren Anfang genommen hat, zu gottesdienstlicher Gemeinschaft einkehrt. Nun stellt sich die Frage, von welchem Ergebnis sich im Blick auf künftige ökumenische Gemeinschaft sprechen lässt. Gewiss ist nicht zu bestreiten, dass im Vergleich zu früheren Begegnungen mit Papst Johannes Paul II. kein erkennbarer Fortschritt gewonnen ist. Die alten Fragen nach gottesdienstlicher und eucha- ristischer Gemeinschaft haben auch heute keine schlüssige Antwort gefunden. Doch darf man feststellen, dass zwar ein Stillstand befestigt worden, aber auch kein Rückschritt erfolgt ist. Darum müssen jetzt die in die Zukunft weisenden Aufgaben beschrieben werden. Hierzu seien vier Punkte hervorgehoben. Noch einmal ist zu betonen, dass gemeinsame Gottesdienste im Vordergrund des Zusammenwirkens stehen sollten. Sind nach katholischem Verständnis diese Gottesdienste nur als Wortgottesdienste möglich, so darf ein evangelischer Christ mit aller Zuversicht dagegenstellen, dass dem Wort keine geringere Kraft als dem Sakrament eignet. Darum dürfen evangelische Christen auf den Tag hoffen, an dem endlich Wirklichkeit wird, dass wir am Tisch des Herrn vereint sind. Schon jetzt heißen wir als evangelische Kirche katholische Christen in unserer gottesdienstlichen Gemeinschaft willkommen. Diese Hoffnung - das ist zweitens zu sagen - gründet sich auf das gemeinsame Gut, das uns in beiden Kirchen anvertraut ist. Ist zwischen den (noch) getrennten Kirchen verbindlich vereinbart, dass wir die Taufe, wie sie hier wie dort mit Wasser und auf den Namen des dreieinigen Gottes vollzogen wird, als gültig anerkennen, so dürfen wir sagen: Alle Christen, die auf Christus getauft sind, gehören als Brüder und Schwes- tern in Christus zusammen. Lehrgespräche unter den Kirchen - das wäre als dritter Punkt zu sagen - sind darauf gerichtet, das gemeinsame Erbe des einen Glaubens zu beschreiben und aus dieser Quelle vor aller Öffentlichkeit in Wort und Tat das Evangelium zu bezeugen. Es wäre jedoch eine Überforderung, wenn man in diesem Bemühen nur die eigenen Erwartungen betont, statt zu überlegen, was dem jeweiligen Partner auch von ihm aus möglich und zumutbar ist. Ist der ökumenische Dialog auf das gemeinsame Bekenntnis gerichtet, so kann er im Licht dieser schon vorhandenen Gemeinsamkeit unterschiedliche Ansichten gelten lassen und im Sinn eines differenzierten Konsenses verstehen. Vor mehr als einem Jahrzehnt wurde als verbindliche Überzeugung beider Kirchen ausgesprochen: Lutherische und katholische Christen bekennen gemeinsam: „Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christ nicht aufgrund unseres Verdienstes werden wir von Gott angenommen und empfangen wir den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken." Im Blick auf diese Gemeinsamkeit aber „sind lutherische und römisch-katholische Entfaltung des Rechtfertigungsglaubens in ihrer Verschiedenheit offen aufeinander hin und heben den Konsens in Grundwahrheiten nicht wieder auf". An dem theologischen Dialog, der zu diesen Feststellungen geführt hat, hat der damalige Kardinal Joseph Ratzinger mitgewirkt. Er hat auch zum erfolgreichen Abschluss hilfreich beigetragen. Schließlich zum Vierten: So schmerzlich gerade in unserem Land die Spaltung der Christenheit empfunden und erlitten wird, so deutlich darf auf der anderen Seite gesagt werden, dass unterschiedliche Lehrauffassungen auch dazu beigetragen haben, durch diese Verschiedenheit den jeweiligen Partner nachdenklich zu stimmen und zu der Gestaltung seines kirchlichen Lebens anzuregen. So finden sich heute in katholischen Gottesdiensten viele evangelische Lieder. Überdies werden die Gottesdienste in aller Regel in der Landessprache gehalten. Damit ist ein Wunsch erfüllt, wie ihn die Reformation nachdrücklich ausgesprochen hatte. In den evangelischen Kirchen hat die gottesdienstliche Feier des Sakraments erheblich größere Bedeutung gewonnen, als ihr einst beigemessen wurde. Evangelische Theologie und Kirche haben viele Anregungen, die der ökumenische Dialog gegeben hat, dankbar für die Gestaltung der Gottesdienste auf- genommen. Auf katholischer Seite sind evangelische Kirchenmusik und Aussagen des gemeinsamen christlichen Glaubens fester Bestandteil ihrer Gottesdienste geworden. So war in dem festlichen Gottesdienst in Freiburg evangelischer Glaube positiv aufgenommen: In der Vertonung des 136. Psalms durch Heinrich Schütz und den zugrundeliegenden Bibeltext nach Luthers Übersetzung. Am Ende wurde der evangelische Choral „Nun danket alle Gott" kraftvoll gesungen. Diesen Beispielen ließen sich andere hinzufügen. Sie zeigen, dass die beiden Kirchen zu förderlicher Gemeinschaft aufeinander zugehen und zu vielen Gelegenheiten, in denen ein Wort der Kirche in Gesellschaft und Politik zu sagen ist, einmütig gemeinsam sprechen können. Nach dem Besuch von Papst Benedikt brauchen ökumenischer Dialog und Zusammenarbeit der Kirchen neue Impulse. Dazu wird man noch einmal auf die eindrucksvollen päpstlichen Reden und Worte achten, die er in Deutschland gesprochen hat. Doch wird man auch mit großem Gewinn die reiche theologische Arbeit studieren, deren Ergebnisse Joseph Ratzinger in vielen einschlägigen Veröffentlichungen vorgelegt hat. In einer Vorlesung, die er einst als Professor in Tübingen für Hörer aller Fakultäten gehalten und dann unter dem Titel „Einführung ins Christentum" veröffentlicht hat, heißt es: „Die konkrete Einheit des gemeinsamen, im Wort sich bezeugenden Glaubens gehört wesentlich zu dem Zeichen, welches die Kirche aufrichten soll in der Welt. Nur als ,katholische', das heißt in der Vielheit dennoch sichtbar eine, entspricht sie der Forderung des Bekenntnisses. Sie soll in der zerrissenen Welt Zeichen und Mittel der Einheit sein, Nationen, Rassen und Klassen überschreitend." Im Blick auf diese Bestimmung der Einheit der ganzen Christenheit dürfen evangelische Christen sagen, dass auch wir Teil der einen allgemeinen (d.i. katholischen) und apostolischen Kirche sind - aber eben der Teil, der durch die Reformation geprägt ist und mit aller Bestimmtheit an dem einen christlichen Bekenntnis festhält. Was der Professor Joseph Ratzinger einst gesagt und geschrieben hat, hat dann Papst Benedikt XVI. weitergeführt, indem er in der Enzyklika über die christliche Hoffnung ausführt: „Spe salvi facti sumus - auf Hoffnung hin sind wir gerettet, sagt Paulus zu den Römern und zu uns." Die „Erlösung", das Heil ist nach christlichem Glauben nicht einfach da. Erlösung ist uns in der Weise gegeben, dass uns Hoffnung geschenkt wurde, eine verlässliche Hoffnung, von der her wir unsere Gegenwart bewältigen können: Gegenwart, auch mühsame Gegenwart, kann gelebt und angenommen werden, wenn sie auf ein Ziel zuführt und wenn wir dieses Ziels gewiss sein können und wenn dieses Ziel so groß ist, dass es die Anstrengung des Weges rechtfertigt. Wird Vielfalt, wie sie sich in unterschiedlichen Ausprägungen der verschiedenen Kirchen darstellt, nicht nur als Last, sondern auch als Reichtum verstanden und auch als Reichtum gelebt, so sind für den gemeinsamen Weg in die Zukunft die Aufgaben gestellt, Vielfalt auf Einheit und Einheit auf Vielfalt zu beziehen und beide zu kraftvollem gemeinsamem Bekenntnis und Zeugnis zusammenzufassen. Daraus mag dann versöhnte Verschiedenheit erwachsen, wie es nach der ökumenischen Leitlinie des Lutherischen Weltbundes heißt. Papst Benedikt XVI. hat auch in diesen Tagen mehrfach auf das Vermächtnis seines Vorgängers Papst Johannes Paul II. verwiesen. Darum darf daran erinnert werden, wie dieser am 17. November 1980 die gemeinsame Aufgabe beschrieben hat, die den (noch) getrennten Kirchen verpflichtend gestellt ist. Während der ökumenischen Begegnung in Mainz sagte er: „Alle Dankbarkeit für das uns Verbleibende und Verbindende darf uns nicht blind machen für das, was immer noch trennend zwischen uns steht. Wir müssen es möglichst miteinander ins Auge fassen, nicht um Gräben zu vertiefen, sondern sie zu überbrücken. Miteinander sind wir gerufen, im Dialog der Wahrheit und der Liebe die volle Wahrheit im Glauben anzustreben." Beide Kirchen haben die Vorbereitung des 500. Jubiläums der Reformation im Jahr 2017 ins Auge gefasst. Es gibt erste Überlegungen, wie dieses Fest nicht als Zeichen der Trennung, sondern als Aufruf zu starker Gemeinschaft in der ganzen Christenheit gestaltet werden könnte. Dazu gehört ein gemeinsames Unterneh- men, in dem evangelische und katholische Theologen eine kommentierte Ausgabe von Luthers 95 Thesen miteinander als füreinander gültige Botschaft zu bestimmen suchen. Haben katholische und evangelische Christen im Gottesdienst, der im Augustinerkloster in Erfurt stattfand, das evangelische Lied „Nun singe Lob, du Christenheit" gesungen, so ist dadurch ausgesprochen, was in der Epistellesung aus dem Philipperbrief so lautet: „In Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient." Es eint uns die Überzeugung, wie sie Papst Benedikt XVI. für seinen Besuch in Deutschland ausgesprochen hat: „Wo Gott ist, da ist Zukunft." Darum ist wahr: „Was uns verbindet, ist stärker als alles, was uns (noch) trennt." Der Verfasser war von 1970 bis 1988 Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers. Von 1979 bis 1985 stand er als Vorsitzender an der Spitze des Rates der EKD. FAZ111004
Bischof Gerhard Ludwig Müller, Regensburg
Am 6. 8. 2000 unterstrich die Glaubenskongregation mit der Erklärung Dominus Iesus > Una Sancta die katho- lische Lehre über die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche. Ein Gespräch mit Bischof Gerhard Ludwig Müller, dem Vorsitzenden der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz und Mitglied der römischen Glaubenskongregation [den vollen Wortlaut finden Sie unter: www.die-tagespost.de].
Dominus lesus ist nach der Auffassung von Bischof Walter Kasper keine „umfassende Darlegung der katholischen Auffassung zu den Fragen der Ökumene" gewesen. Hat dieser Umstand eine Rolle gespielt, dass 2007 die Glaubenskongregation Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche veröffentlichte? Eine umfassende Darstellung des Katholischen Ökumenismus findet sich in Lumen gentium, Unitatis redinte- gratio und in der Enzyklika Ut unum sint. Dominus Iesus dient nur der Abgrenzung von einigen Fehlent- wicklungen - vor allem der Meinung, der Relativismus und der Indifferentismus könnten die ökumenische Bewegung zur vollen Einheit aller Christen in der Einen Kirche des Herrn fördern. Wenn die Leidenschaft zur Wahrheit und Fülle der geoffenbarten Wahrheit und die Liebe zur Kirche Gottes verloren gehen, würde die ökumenische Bewegung zu einem Jahrmarkt der Selbstdarsteller und Publikumsmagneten degenerieren. An Dominus Iesus wurde nicht nur der Inhalt, sondern auch der Stil bemängelt. Der christologische Teil ist von allen Christen, die auf dem Boden der Offenbarung stehen, anerkannt worden. Der ekklesiologische Teil ist weniger umfänglich und muss darum im Licht der großen lehramtlichen Aussagen zu Sein und Sendung der Kirche gelesen werden. Der eine Halbsatz, dass die Konfessions- gemeinschaften, die aus den protestantischen Reformationen hervorgegangen sind, wohl zur einen Kirche Christi gehören und wegen der vielfältigen ekklesialen Strukturelemente der Wahrheit und der Heiligung in ihrer sichtbaren Vergemeinschaftung „kirchliche Gemeinschaften" sind, aber „nicht Kirchen im eigentlichen Sinn", hätte durchaus weiter erklärt werden können. Denn in protestantischen Ohren klingt dies abwertend, weil man naturgemäß diese Aussage im Kontext des reformatorischen und eben nicht des katholischen Kirchenverständnisses auffasst. Was Kirche im „eigentlichen Sinne" ist und woran man sie erkennt, das war der Kern des Streites im sechzehnten Jahrhundert. Deshalb können die Protestanten vom eigenen normativen Kirchenbegriff ausgehend, die katholische Kirche, die vom Papst und den Bischöfen in Einheit mit ihm geleitet und repräsentiert wird, nicht als die Kirche im eigentlichen und wahren Sinne ansehen, denn sonst hätten sie keinen Widerspruch zur katholischen Glaubenslehre eingelegt und müssten sich sofort wieder der katholi- schen Kirche anschließen vgl. Confessio Augustana 7; 8. Nur auf den ersten Blick sind die Protestanten toleranter und weitherziger als die Katholiken. Sie erkennen die katholische Kirche heute an als eine unter vielen möglichen Manifestationen der eigentlich, das heißt, dem Wesen nach unsichtbaren, verborgenen Kirche als Gemeinschaft aller Gerechtfertigten, die allein Gott kennt, aber eben nicht als die eine Kirche Christi, die Kraft der Fülle der Wahrheit und der Heilsmittel in der katholischen Kirche verwirklicht ist Lumen gentium 8. Sie verneinen in ihrem Bekenntnis immer noch die für den katholischen Glauben konstitutiven Lehren von der Sakramentalität der Kirche, von den sieben Sakramenten, vom sakramentalen Ordo des Bischofs- und Pries- teramtes, vom Petrusdienst im Sinne des I. und II. Vatikanums und anderen. Wie würden Sie die Grenzen der „ökumenischen Höflichkeit“ definieren? Worin sehen Sie eindeutige Verstöße? Wir wollen als Christen tiefergehend im Geist der Nächstenliebe und im Respekt vor dem Gewissen des An- deren brüderlich miteinander umgehen. Wer wirklich von seinem katholischen beziehungsweise evangelisch- reformierten Glauben überzeugt ist, der kann es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, die gegenteilige Position als intellektuell minderwertig oder ihren Vertreter als moralisch verkommen hinzustellen. Deshalb kann man auch die Unterschiede oder Gegensätze dem Partner von den eigenen Voraussetzungen her verständlich machen, ohne ihm persönlich böse zu sein, wenn dieser etwa im Verständnis des Abendmahls oder der Eucharistie zu anderen Überzeugungen gelangt, die er in seinem Wahrheitsgewissen allein vor Gott zu verantworten hat. Dies gilt etwa für den Bezug von Kirchengemeinschaft und Eucharistie beziehungsweise Abendmahlsgemeinschaft, der unterschiedlich gesehen wird und folglich andere Bedingungen für die Zulas- sung mit sich bringt. Welche Denkanstöße gibt der Diskurs über Dominus Iesus für die grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Wahrheitsfrage? Das Lehramt ist mit Dominus Iesus seiner Pflicht nachgekommen. Es hat auf die Aushöhlung des Christus- glaubens durch die pluralistische und relativistische Religionstheorie von der bloß moralischen Bedeutung aller Religionen aufmerksam gemacht. Wer den Menschen für wahrheitsunfähig erklärt, setzt ihn herab und erklärt die Vollendung des menschlichen Geistes in der Erkenntnis und Liebe des dreieinigen Gottes für unmöglich. Der Preis, den wir für die Diktatur des Relativismus zu bezahlen haben, ist das Scheitern des Menschen in seiner geistig-moralischen Existenz und am Ende eine politische oder mediale Herrschaft von Menschen über Menschen. Der Glaube an Gott bewahrt uns vor allen Totalitarismen. Gottes Wahrheit allein macht uns frei. In der Tat ist es nur ein genialer Propagandatrick, wenn den Gläubigen Gewalttaten im Namen der Religion als notwendige Folge der Anerkennung des einen und wahren Gottes in Jesus Christus zur Last gelegt wird. Wie viel mehr Gewalt gab und gibt es im Namen des polytheistischen oder des relativistischen Agnostizismus, wenn er mit politischen Zwangsmitteln und der modernen Taktik eines medialen mainstreaming durchgeführt wird und damit „die wahre und volle Befreiung der Menschheit" Gaudium et spes 22 zur Erkenntnis Gottes negiert wird? Die Geschichtsbücher des 19. und 20. Jahrhunderts sind voll mit Belegen für das Scheitern jeder Form von Atheismus und des Humanismus ohne Gott (Henri de Lubac). Der Relativismus ist nichts weiter als eine Spielart des offenbarungsfeindlichen Naturalismus. Wo Gott ignoriert oder negiert wird, bleibt die furchtbare Wahrheit übrig: homo homini lupus Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Im Licht der Liebe Gottes, der seinen eigenen Sohn für uns dahingegeben hat, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat Joh 3,16, trägt diese Erkenntnis den Sieg davon: homo homini amicus. Der Mensch ist dem Menschen ein Freund, weil Gott sich mit seiner Güte dem Menschen freundlich zuwendet: in Jesus Christus, in dem wir das ewige Leben erhoffen vgl. Tit 3,7.

Streitbarer Präsident: Bischof Munib A. Younan mit seiner Frau Suad Yacoub. Der palästinensische Bischof Younan wurde in Stuttgart an die Spitze des Lutherischen Weltbundes gewählt
Der Palästinenser Munib A. Younan ist seit 1998 Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land. Er wurde auf der in Stuttgart tagenden 11. Vollversammlung des Lutherischen Welt- bundes (LWB) zum neuen Präsidenten des rund 70 Millionen Christen umfassenden konfessionellen Dach- verbandes gewählt. Er ist Nachfolger des US-amerikanischen Bischofs Mark Hanson (63). Younan, der im Herbst seinen 60. Geburtstag feiert, stammt aus einer palästinensischen Familie. Während des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948 floh sein Vater aus Beerscheba nach Jerusalem. Younan wuchs in der Altstadt von Jerusalem auf und besuchte die evangelische Schule. Nach dem Studium der Theologie in Finnland und den USA und bis zur Übernahme des Bischofsamts war er Pfarrer in Beit Jalla und Ramallah im besetzten Westjordanland. Die Kirchen müssen sich Younan zufolge mehr engagieren gegen Fremdenfeind- lichkeit, Antisemitismus, Islamophopie und im Kampf gegen Aids. Zur Konfliktregion Nahost sagte er, durch interreligiösen Dialog sei auch eine Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern möglich. HA100726epd
„Dialog mit Lutheranern geht voran“ Im Dialog zwischen Katholiken und Lutheraner geht es nach Ansicht von Papst Benedikt XVI. vorwärts. Die Gespräche der letzten Jahrzehnte hätten „viele bedeutende Früchte“ getragen, sagte der Papst dem Präsi- denten des lutherischen Weltbundes, Bischof Munib Younan im Vatikan. Praktische Kooperation und theo- logischer Dialog hätten ermöglicht, bilateral Hindernisse abzubauen und sichtbare Zeichen der Einheit zu schaffen, führte der Papst weiter aus. Weiter würdigte der Papst die Unterzeichnung der Gemeinsamen Rechtfertigungslehre, deren zehnjähriges Jubiläum im Jahr 2009 begangen wurde; sie sei „bedeutender Schritt“ hin zu voller Einheit der Christen und Anregung zu weiterem Dialog. 101216rv

Die sichtbaren Bande der Einheit festigen. Ansprache von Benedikt XVI. Foto: Bischof Munib Younan überreichte dem Heiligen Vater als Geschenk eine originelle Krippe.
Lieber Bischof Younan, liebe lutherische Freunde! Ich freue mich, Sie, die Vertreter des Lutherischen Weltbundes, anlässlich Ihres offiziellen Besuches in Rom zu begrüßen. Bischof Munib Younan und Pfarrer Martin Junge spreche ich zu ihrer Wahl zum Präsidenten bzw. Generalsekretär meine herzlichen und besten Wünsche aus zusammen mit meinen Gebeten für ihren Auftrag. Vor fünf Jahren, zu Beginn meines Pontifikats, konnte ich zu meiner Freude Ihre Vorgänger empfangen und meiner Hoffnung Ausdruck geben, daß die engen Kontakte und der intensive Dialog, welche die ökumenischen Beziehungen zwischen Katholiken und Lutheranern gekennzeichnet haben, weiter reiche Früchte tragen mögen. Wir können dankbar Bilanz ziehen über die bedeutsamen Ergebnisse, die in diesen Jahrzehnten bila- teraler Diskussionen erzielt wurden. Mit Gottes Hilfe ist es möglich gewesen, dank des theologischen Dialogs und praktischer Zusammenarbeit, besonders auf der Ebene der Ortsgemeinden, langsam und geduldig Barrieren abzubauen und die sichtbaren Bande der Einheit zu festigen. Im letzten Jahr wurde der 10. Jahrestag der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfer- tigungslehre begangen, die sich als ein bedeutsamer Schritt auf dem schwierigen Weg zur Wiederherstellung der vollen Einheit zwischen Christen und als ein Ansporn zur weiteren ökumenischen Diskussion erwiesen hat. In diesen Jahren, die zum 500. Jahrestag der Ereignisse von 1517 hinführen, sind Katholiken und Lutheraner dazu aufgerufen, erneut darüber nachzudenken, wohin uns unser Weg zur Einheit geführt hat, und den Herrn inständig um seine Leitung und Hilfe für die Zukunft zu bitten. Mit Freude nehme ich zur Kenntnis, dass aus diesem Anlass die Internationale Lutherisch/Römisch-katholische Einheitskommission einen gemeinsamen Text vorbereitet, der dokumentieren wird, was Lutheraner und Katholiken an diesem Punkt in Bezug auf unsere engeren Beziehungen nach nunmehr fünf Jahrhunderten der Trennung gemeinsam sagen können. Zur weite- ren Klärung des Kirchenverständnisses, das heute der Hauptschwerpunkt des ökumenischen Dialogs ist, studiert die Kommission das Thema Taufe und wachsende kirchliche Gemeinschaft. Ich hoffe, dass diese öku- menischen Aktivitäten Katholiken und Lutheranern neue Gelegenheiten bieten werden dadurch zu wachsen, dass sie im Leben, im Zeugnis des Evangeliums und in ihren Bemühungen, das Licht Christi in alle Bereiche der Gesellschaft zu tragen, einander näher kommen. In diesen Tagen der freudigen Vorbereitung auf das Weihnachtsfest wollen wir einander Vertrauen schenken und unsere gemeinsame Suche nach Einheit dem Herrn anvertrauen, der selbst die echte Neuigkeit ist, die alle unsere menschlichen Erwartungen übertrifft vgl. Irenäus, Adv. Haer.,IV, 34,1. Der Friede und die Freude dieser weihnachtlichen Zeit sei mit Ihnen allen! OR110107

Ökumene ist in Rom selbstverständlich geworden, aber noch immer nicht ohne Irritationen
Mit einer Feier, an der auch das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche, der Erzbischof von Canter- bury Rowan Williams, teilnahm Foto links, hat unlängst der „Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen" auf fünfzig Jahre Geschichte zurückgeblickt. Aus einer in Deutschland geborenen Idee, die Papst Jo- hannes XXIII. aufgriff, während viele in der Kurie schon bei Nennung des Begriffes „Ökumene" aufschreckten, ist im Lauf der Zeit eine der wichtigsten Institutionen der Kurie geworden. Ökumene ist heute so selbst- verständlich, dass der Nachfolger des deutschen Kurienkardinals Walter Kasper auf dem Foto oben 3.v.l. nach nur wenigen Monaten in Rom auch mit der Kardinalswürde ausgezeichnet wurde: Kurt Koch, der 1950 im Kanton Luzern geborene frühere Bischof und Noch-Administrator des Bistums Basel Foto rechts. Benedikt XVI. habe auf seinen Wechsel nach Rom gedrungen, weil er einen Mann suchte, „der die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen aus eigener Erfahrung kennt", sagte der Schüler des protestantischen Theologen Wolfhart Pannenberg dieser Zeitung. In der Schweiz pflegte Koch einen unverkrampften Umgang mit den evangelischen Christen aus den verschiedenen Traditionen von Luther über Zwingli bis Calvin. Wie sein Vorgänger Kasper möchte er jetzt in Rom dem Verdacht entgegenwirken, seine Kirche behindere Ökumene. „Dabei gehen doch viele Strömungen gerade in der evangelischen Kirche weit hinter das zurück, was wir gemeinsam erarbeitet haben", sagt der Kardinal. So sei er über ein Papier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) über das Amtsverständnis er- schrocken. Nach seiner Lesart gebe es dort einen Begriff von Ordination, der sich nicht aus theologischen, sondern aus arbeitssoziologischen Quellen speist: Wer nur als Teilzeitpastor arbeite, werde nicht ordiniert. „In Anbetracht dieses Amtsverständnisses scheinen dreißig Jahre ökumenischen Dialogs spurlos an der evangeli- schen Kirche vorübergegangen zu sein", meint Koch. Ein EKD-Papier über Kirchengemeinschaft nach evan- gelischem Verständnis kommt ihm schroff vor. „Die Kirchengemeinschaft setzt eine Gemeinschaft des Bekennt- nisses voraus und nicht umgekehrt", argumentiert der schweizer Kardinal. Das ökumenische Ziel einer „ver- söhnten Verschiedenheit" werde in der EKD mit verschiedenen Inhalten gefüllt. Es gebe Diskussionsbedarf, doch sei unklar, „wer mein Adressat ist, von wem ich verbindlich hören kann, was die Kirche verbindlich denkt". Johannes Paul II. hatte 1995 in seiner Enzyklika „Ut unum sint" formuliert, das ökumenische Bemühen sei „unumkehrbar und unwiderruflich". Und schon in seiner ersten Botschaft nach seiner Wahl 2005 äußerte Benedikt XVI., es sei seine „vorrangige Pflicht, unermüdlich daran zu arbeiten, die volle und sichtbare Einheit aller Jünger Jesu zu erreichen", auch „wenn man sich nicht auf dem kleinsten Nenner" einige solle, wie er unlängst sagte. FAZ101220JörgBremer
 
USA: Neue Kirche der konservativen Lutheraner - Konflikt um Homosexualität
In der größten lutherischen Gemeinde der USA, der Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika, haben sich im Konflikt um Homosexualität und Bibelauslegung die Fronten verhärtet - wie bei der Episcopalen Ge- meinschaft > Anglikaner: Konservative „bekennende" Theologen und lutherische Gemeinden wollen in jetzt eine neue Organisation gründen, die Nordamerikanische Lutherische Gemeinde. Auslöser für diese Abspaltung ist ein Beschluss der US-Lutheraner, mit dem offen lesbisch und schwul lebenden Theologen der Weg ins Pfarramt geöffnet werden soll. Dadurch sei der Schritt zu einer Trennung unvermeidbar geworden, sagte Pastor Mark Chavez, einer der Koordinatoren der Gründungsversammlung in Grove City im US-Staat Ohio. Motor hinter der neuen aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaft ist die „Koalition für Erneuerung", ein Verband konservativer lutherischer Geistlicher und Gemeinden. Die Nord- amerikanische Lutherische Gemeinschaft versteht sich als Gegengewicht zu der angeblich zu liberalen und bibelfernen Evangelischen Lutherischen Gruppen in Amerika, die 1988 aus der Fusion von drei lutherisch- kirchlichen Gemeinschaften hervorging. HAZ100826
Ehrenprimat des Papstes 
Ungewöhnlicher Vorstoß eines deutschen evangelischen Kirchenmannes: Der Bischof der Evangelischen Lan- deskirche in Baden, Ulrich Fischer Foto oben, hat sich für die Anerkennung eines Ehrenprimats des Papstes auch unter den evangelischen Bischöfen ausgesprochen. In einem Festgottesdienst zum 450. Todestag des Reformators Philipp Melanchthon erinnerte er in Wittenberg daran, dass auch Melanchthon erklärt habe, dass er „den päpstlichen Primat über die Bischöfe nach menschlichem Recht anzuerkennen bereit wäre.“ Das habe dem Reformator seinerzeit viel Ärger eingebracht. „Die Anerkennung eines Ehrenprimats des Papstes ist übrigens bis heute ein höchst anstößiger, aber für die weitere ökumenische Debatte fruchtbarer Gedanke“, sagte das Ratsmitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wörtlich. Vor etwa 15 Jahren habe Papst Johannes Paul II. den Vorschlag eines Ehrenprimats des Papstes erneut in die ökumenische Debatte eingebracht. „Zu Unrecht“, so Fischer, habe dieser Vorschlag auf evangelischer Seite kaum positive Reaktionen hervorgerufen. Badens Landesbischof Ulrich Fischer ist auch Vorsitzender der Union Evangelischer Kirchen, des Dachverbandes der unierten und reformierten Landeskirchen in der EKD. rv100418kipa
Eine Neubewertung des Papstamtes durch die lutherischen Kirchen ist nach Auffassung einer Experten- gruppe unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Es werde allerdings lange dauern, bis evangelische Kir- chen das Vertrauen gewonnen hätten, dass der Papst von seiner Gewalt nur subsidiär und in Ausnahmefällen Gebrauch machen werde, sagte der evangelische Theologe Theodor Dieter in Erfurt. Der Leiter des Straß- burger Instituts für Ökumenische Forschung äußerte sich bei der Vorstellung des Dokuments einer nach dem Tagungsort benannten „Gruppe von Farfa Sabina“ mit dem Titel: „Gemeinschaft der Kirchen und Petrusamt. Lutherisch-katholische Annäherungen“. Der Erfurter katholische Bischof Joachim Wanke und der Catholica- Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Friedrich Weber, begrüßten das Dokument. Beide hoben hervor, dass die Frage des Papstamtes entscheidend mit dem jeweiligen Selbstverständnis der Kirchen zusammenhänge. RV110106kna
Hochkirchler gründen internationales ökumenisches Netzwerk. Zielvorstellung: Aussöhnung mit dem Bischof und der Kirche von Rom - Zehn evangelisch-lutherische Gemeinschaften erarbeiten Statut
Mitglieder hochkirchlicher evangelisch-lutherischer Gemeinschaften haben ein neues internationales ökumenisches Netzwerk gegründet. Bei einem vom Bund für evangelisch-katholische Einheit veranstal- teten theologischen Kolloquium kürzlich in Bamberg erarbeiteten sie das Statut einer „Evangelisch- Katholischen Gemeinschaft Augustana (EKGA) Evangelical-Catholic Communion Augustana (ECCA)". Die Gemeinschaft hat das „Ziel der Versöhnung mit dem Bischof und der Kirche von Rom", wie die Veran- stalter mitteilten. Im Hintergrund der Bemühungen steht die Konstitution Anglicanorum coetibus, mit der Papst Benedikt XVI. im ver- gangenen November die Möglichkeit für anglikanische Christen geschaffen hatte, mit eigenen Kirchen- strukturen und unter Wahrung ihrer liturgischen Tradition in die katholische Kirche zu wechseln. Kirchen und Gemeinschaften können demnach „entweder korporativ als Mitglieder beitreten oder einen Verbindungsmann als ihren Sprecher bestimmen, der als persönliches Mitglied eintritt". Die Mitglieder müssten als notwendige Bestandteile ihres Glaubens anerkennen: „Die Bibel einschließlich der deuterokanonischen Bücher als das Wort Gottes im Verständnis der authentischen katholischen Tradition, durch das alle Dogmen und kirchlichen Traditionen beurteilt werden norma normans non normata; die Ge- meinsame katholisch-lutherische Erklärung und Gemeinsame Feststellung über die Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre; den Katechismus der Katholischen Kirche; die unveränderte Augsburger Konfession, Luthers Kleinen Katechismus und die anderen Erklärungen im lutherischen Konkordienbuch, soweit sie in Übereinstimmung mit dem Evangelium und der authentischen katholischen Tradition stehen." Organe der Gemeinschaft sind die Mitgliederversammlung und ein Vorsitzender. Auf dieser Basis könnte später auch ein von katholischer Seite anerkannter „kanonischer Verein" Can. 298ff CIC entstehen. An den Beratungen waren Mitglieder folgender Gemeinschaften beteiligt: der Bund für christliche Einheit, die St. Jako- busbruderschaft im Bund für evangelisch-katholische Einheit, das Kloster vom Heiligen Kreuz und Propheten Elia in Östanbäck (Schweden), der Bund für Einheit der Christen (Schweden), der Hochkirchliche Apostolat St. Ansgar (HAStA), die Arbeitsgemeinschaft Kirchliche Erneuerung (AKE), die Hochkirchliche Vereinigung Augs- burgischen Bekenntnisses (HV), der Bund für evangelisch-katholische Einheit, die Congregatio Canonicorum Sancti Augustini (CCSA) und das Priorat St. Wigberti. Damit ist aus Sicht der Initiatoren eine internationale Gemeinschaft gegeben, die unmittelbar und offiziell mit den zentralen römischen Autoritäten (Einheitsrat und Glaubenskongregation) Verbindung aufnehmen könnte. Bei der Tagung anwesend waren auch Geistliche der Anglo-Lutheran Catholic Church (ALCC) aus den USA und ihrer deutschen Gründung Anglo-Lutherisch Katholische Kirche (ALKK), die bereits mit der Vatikanischen Glau- benskongregation entsprechend der Konstitution „Anglicanorum coetibus" über ihren Eintritt in die katholi- sche Kirche unter Bewahrung lutherischer Traditionen sprechen. Für die deutschen und schwedischen Ge- meinschaften sei ein neues Modell, das möglicherweise eine Übergangslösung darstellt, im Gespräch: Ver- bleiben in ihrer Landeskirche bei Zuordnung zu einem römisch-katholischen Bischof in liturgischer und dogmatischer Hinsicht. DT100622kna
Für einen Ausstieg der evangelischen Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung nach staatlichen Vor- gaben plädiert der Stuttgarter Ethik-Professor Rainer Mayer. Dass staatlich anerkannte Beratungsstellen eine Bescheinigung ausstellen müssen, die Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung ist, sei weder mit dem christlichen Glauben noch mit dem Grundgesetz vereinbar, sagte er bei einem Studientag der württembergi- schen Pfarrer-Arbeitsgemeinschaft „Confessio“ in Stuttgart. Kirchliche Stellen, die in das staatliche Pflicht- beratungssystem eingebunden seien, beteiligten sich „an der Korrumpierung des Rechtssystems zum Schaden der gesamten Gesellschaft“. Der Theologe forderte die evangelische Kirche auf, nach anderen We- gen zu suchen, um Frauen in schwieriger Situation soziale und materielle Hilfen anzubieten. - Die katholische Kirche in Deutschland war im Januar 2001 aus dem Beratungssystem ausgestiegen, nachdem Papst Johannes Paul II. 1999 die Anweisung dazu gegeben hatte. RV100812idea
„Ihr seid mir von Herzen nah." 
Der Besuch von Papst Benedikt XVI. bei den deutschsprachigen Protestanten in Rom wird zu einer Botschaft für die Ökumene. Foto: Der Papst hört der Predigt von Pastor Jens-Martin Kruse zu.

Von vielen Seiten wegen des Skandals um sexuelle Übergriffe auf Minderjährige kritisiert, fand Papst Bene- dikt XVI. ausgerechnet in der lutherischen Christuskirche von Rom eine Stunde der Zuwendung. Während des gemeinsamen Abendgebetes, der Vesper, beklagt das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, dass die Trennung der Kirchen „die eine Botschaft von Gottes Offenbarung verdunkelt". Schon bei der Planung des Papstbesuches hatte es keine Misshelligkeiten zwischen den deutschen Protes- tanten und dem „Bischof von Rom" gegeben; eher das Bedauern, dass die Freundschaft nicht tiefer gehen kann. Es ist zwar erst das zweite Mal, dass überhaupt ein Papst eine evangelische Kirche besucht. Johannes Paul II. hatte dasselbe Gotteshaus im Jahr 1983 aus Anlass des 500. Geburtstages des Reformators Martin Luther besucht. Aber schon heißt es: Jeder Papst besucht die deutschen Protestanten in seinem Rom. „Es entspricht ja auch nur dem Geist guter Nachbarschaft, wenn der Papst in diese Kirche seines Bistums kommt", hatte Kurienkardinal Walter Kasper vorab der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gesagt. Dabei gibt es in Gestalt der Waldenser und anderer evangelischer Gruppen mitgliederstärkere Kirchen der Reformation in Italien. „Aber mit der ältesten Gruppe, den Waldensern, ist das schwierig", sagte Kardinal Kasper. „Ihr Selbstverständnis ist bis heute weitgehend geprägt von der Verfolgung durch die katholische Kirche. Ihre Theologie ist von unserer weiter entfernt als die deutscher Protestanten. Aber sollten sie uns einladen, dann wird sich der Papst das gewiss überlegen." Es gibt in Italien annähernd 50.000 Waldenser; die deutsche Gemeinde in Rom zählt 350 Mitglieder. Mithin entscheidet nicht die Zahl, sondern die theologische Nähe, die schon der polnische Papst hatte spüren können und die der jetzige Papst erkennen lässt, wenn er sich in seinen Schriften mit dem Protestantismus Schulter an Schulter reibt. Die deutschen Protestanten und den Papst verbindet zudem persönliche Zuneigung. 1998 hatte Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation die Kirche erst- mals offiziell besucht, um an einem Podiumsgespräch mit dem Berliner EKD-Vorsitzenden Wolfgang Huber teilzunehmen. Aber vor der Wahl zum Papst kam Ratzinger manchmal in die deutsche Kirche, um ohne Aufsehen ein Konzert zu hören. Dann traf er auf seine Übersetzerin, ein Mitglied der Gemeinde, und andere Bekannte. An diesem Sonntag ist es nicht anders. Der Papst scheint sich wohl zu fühlen, weil ihn die Gemeinde zwar als „Heiligen Vater" begrüßt, aber damit keine Distanz schafft, sondern ihn selbstbewusst auch als ihren Hirten aufnimmt. Die Vorsitzende des Ge- meinderats verweist auf die Taufschale der Kirche, in die die Inschrift des Baptisteriums der Lateransbasilika graviert ist: „Eine Taufe, ein Geist, ein Glaube" - heißt es dort auf Lateinisch. Das soll erklären, dass sich der Protestantismus nicht nur auf die Reformation bezieht, sondern auch auf das Verständnis der Taufe von Petrus und Paulus. Ein Foto der Taufschale, die zunächst in der Kapelle der kaiserlichen Gesandtschaft, der Vorgängerkirche, stand, als die Päpste dem Protestantismus noch eine eigene Kirche in Rom verboten, wird Benedikt XVI. als Gastgeschenk mit in den Vatikan nehmen. Der Papst nimmt diese Assoziation auf und schenkt die Kopie des Christus-Mosaiks aus dem 9. Jahrhundert aus der „Pallien-Nische" unter dem Hauptaltar von St. Peter über dem Petrusgrab zurück, als wolle er sagen: „Ihr seid mir als dem Nachfolger Petri von Herzen nah." Aber das ist nur ein Herzenswunsch. Denn sein theologischer Verstand sieht das Trennende. So ist trotz heiterer Chorwerke von Mozart und Bach Wehmut spürbar, als der Papst predigt. Seid dankbar, dass „es so viel Einheit" in der Ökumene gibt, sagt der Papst. Denkt er bei diesen Worten an die bisherige EKD-Ratsvorsitzende Käßmann, die gesagt hatte, von diesem Papst sei in Bezug auf Ökumene nichts zu erwarten? „Dass wir nicht den gleichen Kelch trinken können, nicht am gleichen Altar stehen, muss uns mit Trauer darüber erfüllen, weil wir Schuld auf uns laden und die Botschaft verdunkeln", so fährt er in seiner weitgehend frei gehaltenen Predigt fort. Aber die Christenheit wisse, dass nur Gott selbst Einheit schenken kann: „Eine Einheit, die wir aushandeln würden, wäre vom Menschen gemacht und so brüchig wie alles, was Menschen machen." In der Gemeinde heißt es später, diese Ehrlichkeit sei bewundernswert: „So kann nur sprechen, wer sich zu Hause fühlt." In der Wohnung von Pastor Jens-Martin Kruse segnet der Papst später wie ein Hausvater des Pfarrers kleine Kinder: „Vielleicht konnte die kleine evangelische Schwester ihrem großen katholischen Bruder etwas bei seiner Glaubenskraft helfen", resümiert Kruse, oder auch nur „eine deutsche Atempause" für den gehetzten Papst geben. FAZ100316JörgBremer

"Wir hören heute viele Klagen, dass die Ökumene zum Stillstand gekommen ist", gestand der Papst offen ein. Die Spaltung verdunkle das gemeinsame Zeugnis der Christen. Sie sollten "traurig" darüber sein, dass sie nicht gemeinsam Eucharistie feiern könnten. Katholiken und Protestanten forderte der Papst in der neo- byzantinischen Kirche aus dem Jahr 1914 jedoch zugleich auf, froh darüber zu sein, "dass wir heute ge- meinsam beten und miteinander singen". Nach außen hin sollten sie weniger "Zank" zeigen und mehr von den bereits erreichten Fortschritten. "Zu allererst sollten wir dankbar sein, dass es so viel Einheit gibt." Schwierigkeiten in Italien unbekannt Unabhängig von mittlerweile zum Alltag der Ökumene gehörenden Klagen über mangelnde Fortschritte im Dialog zwischen den Kirchen forderte auch der Pfarrer der Christuskirche dazu auf "die Einheit, von der wir leben, sichtbarer und wirksamer werden lassen". Italienische Teilnehmer der abendlichen Vesper hielten den Dialog mit der Katholischen Kirche für eine Selbstverständlichkeit. Schwierigkeiten bei der Ökumene sind ihnen unbekannt. web-ev100316
Eiszeit oder Tauwetter, Dialog oder neuer Konfessionalismus zwischen katholischen und evangelischen Christen? Wir bringen hier drei Interviews mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen Walter Kardinal Kasper. Mit dem Kardinal sprach Daniel Deckers für die FAZ und Johannes Schidelko von der KNA und Guido Horst für Die Tagespost.

Foto links: EKD-Ratsvorsitzender Wolfgang Huber mit Georg Kardinal Sterzinsky, Berlin Foto rechts: Papst Benedikt XVI. mit Walter Kardinal Kasper, Rom
In der westeuropäischen, vor allem deutschen Öffentlichkeit ist immer wieder die Einschätzung zu hören, die intensive Beschäftigung des Vatikans mit den Kirchen des Ostens habe den Dialog mit den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchengemeinschaften in den Hintergrund treten lassen. Dieser Eindruck ist falsch. Schon gar nicht kann von einer ökumenischen Eiszeit die Rede sein. Aus der Sicht des Vatikans könnte Deutschland mit 24 Millionen Protestanten und 25 Millionen Katholiken (von 1,4 Milliar- den weltweit) nur ein Land unter vielen sein. Die deutsche Situation ist in weltweiter Perspektive nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Deutschland ist das Ursprungsland der Reformation; das bringt sowohl historische Belastungen wie die Verpflichtung mit sich, in besonderer Weise auf die Überwindung der Probleme hinzuwirken. Auf Weltebene hat es der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen nicht nur mit „historischen” Kirchen der Reformation zu tun, son- dern mit einer Vielzahl von zum Teil ebenfalls schon historischen Freikirchen. Insgesamt führt der Päpstliche Einheitsrat gegenwärtig 14 bilaterale Dialoge, mehr als jede andere Kirche. Von einer Eiszeit kann somit wirklich nicht die Rede sein. Realistischerweise muss aber doch von einer Ernüch- terung gesprochen werden. Der bisherige Höhepunkt, die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung (1999), wird zugleich zum Wende- punkt. Die Differenzen im Kirchen- und Amtsverständnis mit ihren Konsequenzen für das Abendmahls- und Eucharistieverständnis erweisen sich als kurzfristig nicht überwindbar. Wir können, wie die Dialogpapiere eindeutig zeigen, über die Frage nach dem Wesen der Kirche heute viel Gemeinsames sagen, was wir so in der Vergangenheit meist nicht getan haben. Die offene Frage ist: Wo ist diese Kirche Christi? Wo ist sie konkret verwirklicht und auffindbar? Die evan- gelischen Christen sagen mit dem Augsburger Bekenntnis: Kirche ist überall dort, wo das Evangelium rein verkündet und die Sakramente evangeliumsgemäß verwaltet werden. Die Glaubenskongregation hat in der Erklärung Dominus Jesus (2000) Text siehe > Una Sancta und mit ihren „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich bezüglich der Lehre über die Kirche” (2007) diese Aussage nicht verneint. Aber sie hat sie ergänzt und auf die Aussage des Konzils verwiesen, wonach die Kirche Christi in der Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Petrus und der Bischöfe in Gemeinschaft mit ihm „subsistiert”. Dieses „subsistiert” ist nicht einfach zu interpretieren. Es macht eine doppelte Aussage. Es sagt zunächst, dass die Kirche Christi in der katholischen Kirche bleibend da ist. Gleichzeitig stellt das „subsistit” eine Art Öffnungsklausel dar; es schließt nämlich ein, dass es auch außerhalb der institutionellen Grenzen der katholischen Kirche Elemente der wahren Kirche gibt, Elemente, durch die Jesus Christus in diesen Gemeinschaften heilswirksam gegenwärtig ist. Das „subsistit” nimmt also das Positive des evangelischen Kirchenverständnisses, die heilswirksame Gegen- wart Christi durch Wort und Sakrament, auf; es vertritt keinen exklusiven Heilsanspruch. Die evan- gelischen Christen gehören zum Leib Christi. Die evangelischen Kirchen sind aber nicht in dem Sinn Kirche, wie die katholische Kirche ihr eigenes Kirchesein versteht, und sie wollen es bewusst auch nicht sein. Das wurde durch den Text bestätigt, den die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) als Antwort auf „Dominus Jesus” veröffentlicht hat: „Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis. Ein Votum zum geordneten Miteinander bekenntnisverschiedener Kirchen” (2001). Dieser Text ist nicht weniger schroff formuliert; im Vergleich mit ihm ist „Dominus Jesus” sogar ein ökumenisch geradezu freundliches Dokument. Die Unterschiede im Kirchenverständnis haben Folgen für das Abendmahls- und Eucharistieverständ- nis. Sowohl nach katholischem als auch nach traditionell lutherischem Verständnis gehören Kirchen- und Abendmahlsgemeinschaft untrennbar zusammen. Der Zusammenhang wird schon bei Paulus hergestellt, der sagt, dass die Teilnahme am einen Leib Christi in der Eucharistie auch Teilnahme an dem einen Leib Christi bedeutet, der die Kirche ist. Ein rein individualistisches Verständnis ist darum unseren beiden Traditionen fremd. Es gilt die Regel: Man gehört zu der Kirche, bei der man zur Eucharistie geht, und man geht in der Kirche zur Eucharistie, zu der man gehört. Die Ära eucharistischer Gastfreundschaft oder gar einer allgemeinen offenen Einladung zur Eucharistie ist daher aus Sicht der katholischen Kirche noch nicht angebrochen. Das ist - ich habe es oft genug erfahren, und es ist mir oft mit tiefem Schmerz, manchmal auch mit großer Bitterkeit gesagt worden - für viele, besonders für konfessionsverschiedene Familien, enttäuschend. Ich habe nicht das Recht und sehe auch gar nicht die Möglichkeit, andere Regeln aufzustellen, als es meine Kirche tut. Aber ich weiß ebenso, dass man die persönliche Situation eines Einzelnen nie nur unter allgemeinen Regeln betrachten kann. Was soll man hoffen? Der entscheidende Maßstab muss sein: Die Eucharistie ist ein Sakrament des Glaubens - nicht des indivi- duellen, sondern des gemeinsamen Glaubens der Kirche. Eine allgemeine, unterschiedslose Einladung zur Kommunion ist darum nicht möglich, und wo sie ausgesprochen wird, ist sie nicht zu verantworten. Es kann aber Einzelsituationen geben, in denen evangelische Christen persönlich den Eucharistieglauben der katholischen Kirche teilen, bei der Doxologie am Ende des eucharistischen Hochgebets mit Überzeugung „Amen” sagen können zu dem, was in der eucharistischen Feier gesagt worden und geschehen ist, und die, etwa wenn die Kinder katholisch getauft wurden, praktisch in der katholischen Gemeinde zu Hause sind. Ich konnte als Bischof nie eine pastorale Praxis tadeln, die in solchen Einzelsituationen den Zugang zur Kommunion nicht verweigert. Aus solchen Einzelsituationen kann und darf man jedoch keine allgemeine, alle Unterschiede des Glaubens einebnende Praxis machen und allgemein zur Kommunion einladen. Man kann sich vielmehr fragen, warum bei uns die in vielen anderen Ländern übliche Praxis nicht angenom- men wird, wonach nichtkatholische Christen zwar bei der Austeilung der Kommunion hinzutreten, durch über der Brust verschränkte Hände ihren Status deutlich machen und um den Segen bitten. Sie nehmen in der Weise an der Eucharistie teil, wie es in ihrer Situation angemessen ist. Ich halte dies für die ehrlichere Praxis. Warum will man bei uns immerzu nur und partout auf einem Alles- oder-nichts-Standpunkt bestehen? Gemeinsame Stellungnahmen von Bischofskonferenz und EKD sind mittlerweile seltener als in den neunzi- ger Jahren. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, ein „Gemeinsames Wort”, in dem es um lebensethische Fragen wie Abtreibung, Patientenverfügung oder Embryonenschutz ginge, käme heute nicht mehr zustande. Über Jahrhunderte, ja bis in die jüngste Vergangenheit hinein gab es zwischen Katholiken und Protestanten keine signifikanten Unterschiede in den moralischen Überzeugungen. In der Zwischenzeit haben sich die ka- tholische Kirche und die meisten protestantischen Kirchen in diesen Fragen leider auseinanderentwickelt. Bei der anglikanischen Gemeinschaft ist das gegenwärtig ganz offenkundig; es zeigt sich aber auch bei den traditionell konservativen Lutheranern. Die beliebte Rede von dem „christlichen Menschenbild” wird dadurch nicht plausibler. Die Fragen, um die es geht, sind im eigentlichen Sinn das Wortes Lebens-Fragen: Empfängnisregelung, Abtreibung, aktive Sterbehilfe, die ethische Bewertung der Embryonenforschung, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und manches andere. In allen diesen Fragen ist das Spektrum der Meinungen auf evangelischer Seite erheblich und die Differenz zur katholischen Position deutlich. Das biblische Zeugnis scheint uns in den meisten dieser Fragen eindeutig zu sein. Deshalb muss man die evangelischen Partner fragen, wie ernst sie es mit der Verbindlichkeit der Schrift und dem Sola-Scriptura-Prin- zip nehmen. Während die westlich geprägten traditionellen „Großkirchen” in Europa wie in den Vereinigten Staaten dramatisch schrumpfen und klassische Freikirchen wie die Baptisten eine erstaunliche Stabilität aufweisen, schießen vor allem in Lateinamerika, aber auch in Afrika wie in Asien sogenannte „pentecostal and charismatic churches” wie Pilze aus dem Boden. Mittlerweile werden sie als dritte Welle der Christentumsgeschichte bezeichnet - nach den Kirchen des ersten Jahrhunderts, Katholiken und Orthodoxen, sowie den Gemeinschaften, die im zweiten Jahrtausend direkt oder indirekt aus der Reformation hervorgegangen sind. Die klassischen Pfingstkirchen haben einen festen Lehrbestand, bei dem die Geisttaufe eine zentrale Rolle spielt; mit vielen von ihnen ist inzwischen ein seriöser Dialog möglich geworden. Dagegen haben die neueren Pfingstkirchen (Neopentecostals) keine verbindlichen Lehren, sie sind oft synkretistisch und neigen zu einem Evangelium innerweltlicher Prosperität. Sie finden sich - in den Großstädten oft in riesigen Megachurches - zu Gottesdiensten mit ekstatischen Elementen, mit Heilungen und Segnungen zusammen. Ein eigentlicher Dia- log, außer einem Dialog des Lebens, ist hier kaum möglich. Die Religiosität der meisten neopentekostalen Gruppen mag westlichen Beobachtern seltsam irrational vorkommen. Aber mit - nach einigermaßen seriösen Schätzungen - gut 400 Millionen Mitgliedern weltweit haben sie nicht nur die etablierten evangelischen Groß- und Freikirchen hinter sich gelassen. Sie finden auch in katholisch geprägten Ländern Lateinamerikas viele Anhänger. Für westlich-europäisch geprägte Christen pflegen diese Gruppen eine wenig rationale Form der Religiosität. Sie versuchen, Menschen für sich einzunehmen, indem sie Emotionen wecken, in den großen Megachurches ein neues Gefühl der Zugehörigkeit wecken, innerweltliche Prosperität verheißen. Manchmal werden die Armen mit solchen Verheißungen auch einfach „abgezockt”, sie wandern dann enttäuscht von einer Gemeinde zur anderen. In anderen Fällen geht die „Bekehrung” mit einem anderen, ja besseren Leben einher: Männer schlagen ihre Frauen nicht mehr und bleiben auch bei ihren Frauen, schwören dem Alkohol ab, die Kinder profitieren von den stabileren Familienverhältnissen - sozialer Aufstieg ist möglich. Es genügt nicht, die Pfingstkirchen als Sekten zu kritisieren. Man muss nicht nur fragen, was bei ihnen falsch ist, sondern vor allem, wo es bei uns fehlt. Warum verlassen so viele Christen unsere Kirche? Was erwarten sie dort, was bei uns fehlt? Was kön- nen wir pastoral ändern und besser machen? In mancher Hinsicht ist die Attraktivität der neopentekostalen Gruppen ein Spiegel der Defizite der katholischen Kirche. Als sich ein Bischof bei Johannes Paul II. beklagte und sagte: “Wenn irgendwo eine Notsituation ist, sind die Sekten zur Stelle”, bekam er zur Antwort: “Warum sind Sie nicht da?” “Sie”, das meint nicht den Bischof per- sönlich, sondern Basisgruppen und Basisgemeinden, die - zumal bei dem dort herrschenden Priestermangel - von dafür geschulten Laien „moderiert” werden. In der katholisch-lutherischen Ökumene gibt es derzeit nicht einmal einen allseits anerkannten Begriff für das Ziel. Es ist verständlich, dass die verschiedenen Kirchen je nach ihrem Kirchenverständnis unterschiedliche Ziel- vorstellungen haben. Die katholische Antwort lautet: volle Kirchengemeinschaft in Einheit in Verschiedenheit im einen Glauben, denselben Sakramenten und in einem apostolischen Amt. Die evangelischen Kirchen berufen sich dagegen meist auf das Augsburger Bekenntnis, das sagt, es genüge satis est zur Einheit Über- einstimmung in der Predigt des Evangeliums und in der evangeliumsgemäßen Verwaltung der Sakramente. Viele leiten daraus ab, dass es nicht nur in der Frage der Ämter, sondern auch in dogmatischen Formulie- rungen (etwa in der Abendmahlslehre) unterschiedliche Ausgestaltungen geben kann. In diesem Sinn ist auf evangelischer Seite in Europa ein Modell maßgebend geworden, das auf die „Leuen- berger Konkordie” aus dem Jahr 1973 zurückgeht. Danach ist zwischen dem verbindlichen gemeinsamen Grund des Glaubens und der kirchlichen Gestalt zu unterscheiden; bei der kirchlichen Gestalt kann es einen Pluralismus in der Ausgestaltung der Ämter, aber auch in dogmatischen Auffassungen geben. So konnten die traditionellen Unterschiede zwischen Lutheranern und Reformierten in der Abendmahlsfrage als nicht mehr länger kirchentrennend bezeichnet werden. Im Grunde ist dies auch die Grundlage der EKD, zu der Kirchen lutherischen, reformierten Bekenntnisses und unierte Kirchen gehören. Im Rückblick muss man sagen, dass die Leuenberger Konkordie den Protestanten geholfen hat, viele Gräben untereinander zu überwinden. Sie hat freilich auch neue Gräben geschaffen, denn nicht alle lutherischen Kirchen anerkennen Leuenberg; manche Skandinavier etwa bevorzugen die Porvoo-Erklärung (1992), welche in der Amtsfrage eine eindeutigere Stellung bezieht zugunsten der bischöflichen Verfassung. Alles hat seinen Preis, auch Leuenberg. Das spezifisch lutherische und reformierte Profil verschwimmt immer mehr zugunsten eines gemeinsamen, aber oft unscharfen protestantischen Selbstverständnisses. Um diese Gefahr des Substanzverlustes zu entgehen, aber wohl auch, um neben der katholischen Kirche einen eigenen Stand zu gewinnen, hat der Ratsvorsitzende der EKD, der Berliner Landesbischof Wolfgang Huber, das Programmwort von einer Ökumene der Profile in die Debatte geworfen. Dagegen ist so lange nichts einzuwenden, wie beide Konfessionen sich ihrer je eigenen Identität bewusst sind beziehungsweise diese sich wieder in Erinnerung rufen. Jeder Dialog setzt Partner mit eigenem Profil und eigener Identität voraus. Mit einer Schummelökumene und mit einem Wischiwaschi-Christentum ist nieman- dem gedient. Schwierig wird es freilich, wenn aus Profil Profilierung wird und Abgrenzung an die Stelle von Austausch der Gaben und Reichtümer tritt. Kirche der Freiheit - ein großes Wort, ein hehrer Anspruch. Wenn das evangelische Eigenprofil „Kirche der Freiheit” lautet, dann ist das gut, sofern man Freiheit im pau- linischen Sinn versteht - Bindung an das Christusbekenntnis und Dasein für andere eingeschlossen. Zur Ab- grenzung gegen einen angeblich autoritätsfixierten Katholizismus eignet sich der Begriff ganz und gar nicht. Ehrlicherweise wird man nämlich sagen müssen, dass sich der Protestantismus bis ins neunzehnte Jahr- hundert gegenüber Katholiken gar nicht so freiheitlich verhalten hat und bis in die erste Hälfte des ver- gangenen Jahrhunderts mit dem Staat „verbandelt” war. Es wäre deshalb fatal, wenn heute an die Stelle des paulinischen Freiheitsverständnisses Freiheit als Beliebigkeit treten würde. So ist es nicht gemeint, aber so kann es verstanden werden. Im Jahr 2017 wollen die Protestanten des Beginns der Reformation vor fünfhundert Jahren gedenken. Die Vorbereitungen sind in Gestalt einer „Reformationsdekade" in vollem Gange. Man darf gespannt sein, in welcher Weise, sich der Protestantismus beim bevorstehenden Reformations- jubiläum 2017 präsentieren wird. Lässt man die Geschichte der Reformationsjubiläen Revue passieren, dann stellt man fest, dass sie meist recht „zeitgeistlastig” waren. Eine Rückbesinnung auf den Glauben des Refor- mators Martin Luther, der allen heutigen liberalen Tendenzen zutiefst abhold wäre, kann man dem Protestan- tismus nur wünschen. Es wäre dagegen schlimm, wenn daraus am Ende ein neuer Konfessionalismus würde. Das Reformationsjubiläum sollte nicht nur für die evangelische Kirche ein Anlass sein, sich auf ihre Wurzeln zu besinnen... ... auch für uns könnte es eine Gelegenheit sein, Luther besser kennenzulernen und ihn nicht nur von seinen polemischen Schriften her oder gar einigen herausgerissenen Sätzen zu verstehen - sie machen dem katholischen Leser verständlicherweise und zu Recht Beschwer. Man sollte vor allem Luthers große und reiche Schriftkommentare lesen und an seine glaubensstarken geistlichen Lieder erinnern, die sich inzwischen teilweise auch in unseren katholischen Gesangbüchern finden. Dann entdeckt man einen Luther voller Glaubenskraft, den man zwar nicht einfach katholisch machen kann, der uns in vielem provoziert und fremd ist, von dem aber auch Katholiken lernen können. Wir sollten uns also gemeinsam fragen: Was bedeutet die Reformation heute für uns? Wo haben wir ge- meinsam Schuld zu bekennen? Wo stehen wir heute als katholische und evangelische Christen? Wir sollten uns auf unsere gemeinsame Herkunft und auf unsere gemeinsame Verantwortung für die Zukunft besinnen. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn es bei diesem Jubiläum auch zu gemeinsamer gottesdienstlicher Besinnung käme, so wie wir dies mit dem Lutherischen Weltbund besprochen haben.

Auszug aus dem jüngst beim Herder Verlag, Freiburg, erschienenen Buch: Walter Kardinal Kasper / Daniel Deckers – Wo das Herz des Glaubens schlägt Er kennt die globale religiöse Situation wie wenige andere. Weltweit ist der Ökumenekardinal - neben dem Papst - das Gesicht der Kirche. Er ist Gelehrter, aber immer am Puls der Zeit und nah bei den Menschen. Ob »vor Ort« in den gefährlichen Slums von Nairobi oder als Gesprächspartner in Moskau oder Istanbul, in Genf, New York oder Lateinamerika - Kardinal Kasper ist überall dort, wo nach Wegen gesucht wird, die Einheit der Christen voranzubringen. Im Rückblick auf sein Leben wird klar: Die Gestalt des Christentums wandelt sich, bei uns in Europa und weltweit. Wie wird das Verhältnis der Kirchen untereinander bestimmt sein? Kardinal Kasper spielt nicht den Propheten, aber er formuliert im Gespräch mit Dr. theol. Daniel Deckers das Besondere des Christentums in geistig dürftigen Zeiten. Verlag Herder, Aufl./Jahr: 1. Aufl.2008, Format: 13,9 x 21,4 cm, ca. 320 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-451-29873-8, €[D] 19,95 / sFr 35.90
„Dialog funktioniert nur, wo Vertrauen besteht!” Der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kasper, über die gegenwärtige Situation der Ökumene. ein Interview mit Johannes Schidelko von KNA im Auszug.
Seit zehn Jahren prägen Sie in Rom die Ökumene. Wo steht sie heute im Zeitalter der „Ökumene der Profile”? Mir ist, glaube ich, zweierlei gelungen. Zunächst konnten wir den Dialog mit den altorientalischen Christen wieder auf den Weg bringen, der bei meiner Ankunft praktisch nicht mehr existierte - mit den Kopten, den Syrern, den Armeniern. Das zweite sind Fortschritte im Dialog mit den orthodoxen Christen. Zwar wird das in Deutschland nicht besonders beachtet, ist aber von großer Bedeutung für die Integration von Ost- und West- europa. Bei meinem Amtsantritt lag dieser Dialog praktisch am Boden, die Theologengespräche waren unter- brochen, im Kontakt zum Moskauer Patriarchat herrschte Eiszeit. Hier konnten wir in der Zwischenzeit schöne Fortschritte erzielen und viele Freundschaften aufbauen. Im Dialog mit den traditionellen evangelischen Kirchen läuft es im allgemeinen auf der Ebene der Gemeinden und Diözesen ordentlich. Aber es hat keine großen Durchbrüche, teilweise eher Rückschläge gegeben. Nach der Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 meinten wir, einen sehr großen Schritt vorangekommen zu sein. Das war in der Tat der Fall, aber wir sind in der Frage der ekklesiologischen Konsequenzen kaum weitergekommen. Derzeit gibt es innere Umbrüche und theologische Bewegungen, die den Dialog nicht sehr viel weiterbringen. Vor allem wenn Sie die „Ökumene der Profile” ansprechen: Ich halte das für keine gute Formulierung, das klingt nach Profilierung. Derartiges gibt es zweifellos auch in der katholischen Kirche. Wir müssen von dem größeren Gemeinsamen ausgehen, das wir haben, und das neu vertiefen. Ich habe den Eindruck, dass die gemeinsame Basis, das Bekenntnis des Credo und der Taufe, etwas zerbröselt - und dann bricht die Ökumene in sich zusammen. Was ethische Werte an- geht, haben wir heute mit gewissen evangelikalen Gemeinschaften fast eine bessere Zusammenarbeit als mit manchen traditionellen protestantischen Kirchen. Ich bedauere diese Entwicklung überaus. Heißt das, dass Sie nicht erreicht haben, was Sie erreichen wollten? Sicher nicht, denn Ziel ist die volle Kirchengemeinschaft, und von der sind wir noch weit entfernt. Aber es gibt viele Annäherungen. Ebenso wichtig wie Dokumente war mir ein Netz von persönlicher Begegnung und Freundschaften. Der theologische Dialog funktioniert nur dort, wo auch Vertrauen besteht, wo man einander kennt und schätzt. Da ist vieles in diesen neun Jahren gewachsen. Der Stuhl Petri ist heute ein Bezugspunkt für alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Es ist selbstverständlich geworden, dass Kirchenvertreter nach Rom kommen und mit dem Papst Kontakt haben wollen. Dazu haben wir unseren Beitrag erbracht, und das gehört auch zu den „Erfolgen” der letzten Jahre. Was ist für die Ökumene im jetzigen Pontifikat anders als früher? Zunächst möchte ich sagen, was gleich ist: die grundsätzliche ökumenische Option. Daran lässt der gegen- wärtige Papst keinerlei Zweifel. Ökumene ist nicht eine Option, die man haben kann oder nicht, sondern eine heilige Verpflichtung aufgrund des Auftrags Jesu Christi. Es ist richtig, dass es heute weniger Gesten und spektakuläre Ereignisse gibt, dafür aber eine Vertiefung im Theologischen, eine Besinnung auf das Gemein- same: dass wir das festhalten und vertiefen, damit es nicht zerbröselt. Ich würde das nicht als kleinteilig bezeichnen, es geht vielmehr um eine Verwesentlichung der Ökumene und vor allem um die spirituelle Öku- mene, die freilich nicht spektakulär ist. Ökumene war seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine Gebets- bewegung. Darauf legt der Papst großen Wert und ich denke, dass das etwas ganz Wesentliches und Zukunftsweisendes ist. Wie ist der Stellenwert der Ökumene innerhalb des Vatikan? Ökumene war für die Kurie nach dem Konzil etwas Neues, das man mit Samthandschuhen, auch mit man- chen Ängsten anging. Aber im Laufe der Jahre hat sich die Ökumene im Vatikan fest etabliert. Beim Konsisto- rium wurde ein ganzer Tag lang über die Ökumene gesprochen. Viele Kardinäle habe mir ihre Zustimmung sig- nalisiert für meine Darstellung der ökumenischen Situation und Aufgaben. Daran muss man weiter arbeiten. Es wird auch in Zukunft nicht immer ohne Konflikte abgehen. Da muss man seine Position verteidigen, sich ge- gebenenfalls aber auch korrigieren lassen. Sie sind auch für den Kontakt zum Judentum zuständig. Wie entwickelt er sich? Hier hat das Konzil eine neue Seite aufgeschlagen, indem es die jüdischen Wurzeln der Kirche wieder- entdeckte. Der Papst hat immer wieder betont: Wir sind gemeinsam Kinder Abrahams, die Juden sind unsere älteren Brüder. Hier sind wichtige Dinge passiert. Zu Beginn des Dialogs ging es neben theologischen Vertiefungen natürlich um die Probleme der Geschichte. Vor allem der Holocaust musste aufgearbeitet werden - soweit das menschlich überhaupt möglich ist. Das ist, glaube ich, mit großer Ehrlichkeit geschehen. In den letzten Jahren haben wir uns auf Initiative der jüdischen Partner neuen Aufgaben und Themen zugewandt. Neben dem Rückblick auf die Vergangenheit - die wir nie vergessen dürfen und die eine Warnung für die Zukunft bleiben muss erörtern wir unsere gemeinsame Verpflichtung für Zukunftsfragen der Menschheit wie Frieden, Menschenrechte, Erziehung. Zu vielen Themen haben wir gleiche oder ähnliche Wertvorstellungen. Natürlich wird das Verhältnis zwischen Juden und Christen nie einfach, konfliktlos oder spannungsfrei sein. Zum Teil hängt das mit dem Nahost-Konflikt zusammen, auch wenn wir immer klar zwischen religiöser Be- ziehung und politischen Fragen unterscheiden. Aber in den vergangenen Jahren ist mit führenden Vertretern der religiösen Juden eine Freundschaft entstanden - und das gehört für mich mit zu dem Schönsten, was ich hier erfahren durfte. Solche Beziehungen tragen dann auch über schwierige Situationen hinweg. In Deutschland bereitet man sich auf die 500-Jahr-Feiern der Reformation 2017 vor. Wie nimmt der Vatikan diese Termine wahr? Das sind Ereignisse in Deutschland, die in erster Linie in der Verantwortung der Deutschen Bischofs- konferenz liegen. Für 2017 stehen wir im Gespräch mit dem Lutherischen Weltbund wie mit der EKD. Denn die Frage, was die Reformation damals wie heute bedeutet, ist ein bleibendes Anliegen für beide Konfessionen. Damit verbunden ist, wie wir heute das frühere Gegeneinander durch ein neues Miteinander überwinden kön- nen. Ich hoffe, dass das Reformationsjubiläum uns nicht in einen neuen Konfessionalismus zurückführt, son- dern eine kritische und konstruktive Besinnung auf die ökumenische und gesellschaftliche Situation schafft. Und der ökumenische Kirchentag? Vom Ökumenischen Kirchentag, zu dem ich nach München fahren möchte, erhoffe ich mir, dass es nicht wieder zu solchen Akten kommt wie am Rande des letzten Treffens in Berlin 2003. Das hatte damals den guten Eindruck im Nachhinein weitgehend verdunkelt, wenn nicht zerstört. Ich hoffe, dass man sich an das Thema hält, wie wir als Christen heute in einer weithin säkularisierten Welt gemeinsam Zeugnis geben können. Es wird immer wieder über ökumenische Highlights spekuliert, etwa über ein Treffen mit dem Moskauer Patriarchen. Wie steht es damit? Wir würden eine solche Begegnung sehr begrüßen, sie wäre ein wichtiges Zeichen nach innen und nach außen. Aber im Augenblick steht da nichts auf der Agenda. Das heißt nicht, dass wir schlechte Beziehungen zum Moskauer Patriarchat hätten, im Gegenteil. Wir konnten die Kontakte in den letzten Jahren erheblich verbessern und manche Polemik kleinhalten oder abstellen. Auf beiden Seiten besteht der Wille zur Zusam- menarbeit. Allerdings hat die Orthodoxie manche inneren Probleme, der Patriarch muss Rücksicht auf Gruppie- rungen in Russland nehmen, die der Ökumene kritisch gegenüberstehen, er will keine inneren Spannungen riskieren. Das respektieren wir - und benutzen derweil die anderen Kanäle, die wir reichlich haben. DT080227
Kardinal Walter Kasper im Dienst der Ökumene
„Die Einheit kann man nicht machen”. Nach dem Konzil gab es eine gewisse „Naherwartung” - Heute hinge- gen muss man erkennen, dass der Weg der Ökumene doch länger sein wird. Ein Gespräch mit Kurienkardinal Walter Kasper
Sowohl Johannes Paul II. als auch Benedikt XVI. haben die Ökumene zu den wichtigsten Aufgaben ihrer Pontifikate erklärt. Hierfür zuständig ist im Vatikan der Päpstliche Rat für die Einheit der Christen. An seiner Spitze stand der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper über 10 Jahre, der zuvor bereits zwei Jahre Sekretär und damit zweiter Mann dieses Rates war. „Die Tagespost” hat ihn gebeten, in einem Exklusiv-Interview einen Überblick über den Stand der ökumenischen Beziehungen zu den anderen christlichen Konfessionen zu geben. Die Fragen stellte Guido Horst. Das gekürzte Interview finden Sie im vollen Wortlaut in der Tagespost: www.die-tagespost.com
Die Tagespost: Eminenz, die Ökumene gehört zu den vordringlichsten Aufgaben der katholischen Kirche. Auch Papst Benedikt XVI. misst ihr in seinem Pontifikat eine besondere Priorität bei. Dementsprechend gibt es zahl- reiche Gesten: Rom empfängt führende Vertreter anderer Konfessionen; man tauscht Grußbotschaften und besucht sich an großen Festen. Es gibt viel „ökumenisches Protokoll” - aber wie steht es mit den Inhalten? Wie würden Sie - bevor wir uns den einzelnen Gesprächsfeldern zuwenden - den allgemeinen Stand der Ökumene charakterisieren? Kardinal Walter Kasper: Zweifellos haben wir in den letzten vierzig Jahren, das heißt seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, erhebliche Fortschritte gemacht. Bedenken Sie nur, dass alle evangelischen, protes- tantischen Kirchen die harten Verurteilungen von früher - Messe als Abgötterei, der Papst als Antichrist - heute offiziell als nicht mehr angemessen bezeichnen. Denken Sie weiter an die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung, eine Lehre, die im sechzehnten Jahrhundert besonders umstritten war. Aber wichtiger als die Dokumente ist der neue Geist. Das hat Papst Johannes Paul II. ausdrücklich gesagt. Vor allem vor Ort ist es zu einer neuen Brüderlichkeit, zu praktischer Zusammenarbeit, zu gemeinsamem Beten gekommen. Das scheint mir wichtiger zu sein als die Dokumente. Mit den orthodoxen Kirchen haben wir den Dialog erst später aufnehmen können; dabei haben wir große Gemeinsamkeiten entdecken können: Gemeinsamkeiten im Glau- ben, in den Sakramenten, besonders in der Eucharistie, und im Bischofsamt in apostolischer Sukzession. Es gibt im Grunde nur eine wirklich schwerwiegende, aber für uns wichtige trennende Frage: der Primat des Papstes. Bei den evangelischen Christen trennen uns dagegen neben anderem leider die Amtsfrage ganz allgemein, die Frage der apostolischen Sukzession im Bischofsamt und das sakramentale Verständnis des Priesteramtes. An welchem Punkt ist die Ökumene angelangt? Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir derzeit in der Ökumene einen Transformationsprozess durchlaufen. Es gibt weitergehende Fragmentierungen in den protestantischen Kirchen. Vor allem in ethischen Fragen geht es teilweise sehr auseinander, auch dort, wo wir bisher einen weitgehenden Konsens hatten: in den Fragen des Schutzes des Lebens, der Euthanasie, der Homosexualität, der Ehescheidung, und ähnliches; in Deutschland sind wir in diesen Fragen Gott sei Dank noch einigermaßen beisammen geblieben. Dann müs- sen wir das Aufkommen der pentekostalen und evangelikalen Bewegungen sehen, deren Zahl sprunghaft zu- nimmt Das ist ebenfalls eine neue Situation für die Ökumene. Es gibt auch eine Ernüchterung. Unmittelbar nach dem Konzil gab es eine gewisse „Naherwartung”. Heute sieht man nüchterner, dass der Weg nach menschlichem Ermessen vermutlich länger und auch schwieriger sein wird. Der Heilige Geist ist zwar immer für Überraschungen gut, aber wir müssen uns doch realistisch darauf einstellen, dass wir hoch länger auf dem Weg zur vollen Einheit sein werden. Wichtig ist, dass wir gemeinsam auf diesem Weg sind, denn für alle Kirchen gibt es keine verantwortbare Alternative zum ökumenischen Zusammenrücken im Sinn eines geist- lichen Prozesses. Oft ist von einer „versöhnten Verschiedenheit” als Ziel des ökumenischen Dialogs die Rede. Ist das nicht etwas zu kurz gegriffen: Man ist versöhnt, aber bleibt verschieden... Der Begriff „versöhnte Verschiedenheit” ist vieldeutig. Er wird auch verschieden verstanden. Man muss also darauf achten, wie der Begriff „versöhnte Verschiedenheit” jeweils verstanden wird. Er kann katholischerseits aufgegriffen werden, wenn man etwa sagt: Versöhntheit in legitimer Verschiedenheit. Das legitime Unter- schiede bleiben können, ist klar; niemand denkt an eine Einheit bis auf Punkt und Komma. Es geht um eine Einheit in der Vielfalt. Aber es kann nicht eine Versöhntheit in Gegensätzen im Glaubensbekenntnis geben. Es geht um eine Einheit in der Wahrheit; hier muss es ein klares Ja oder Nein geben. Alles andere ist, wie Jesus gesagt hat, vom Übel. Deutschland ist ein Land der Ökumene. Als Bischof von Rottenburg-Stuttgart waren Ihnen Gespräch und Be- gegnungen mit Christen anderer Konfessionen vertraut. Wie war das aber, als Sie dann an die oberste Stabsstelle der katholischen Kirche für die Ökumene wechselten, an den Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen? Welche neuen Eindrücke und Erfahrungen konnten Sie sammeln? Es war eine große Horizonterweiterung. In Deutschland ist Ökumene mehr oder weniger begrenzt auf die katholisch-evangelische Ökumene, und dabei evangelisch in einer ganz bestimmten Ausprägung. Hier in Rom musste ich mich in das Verhältnis zu den Ostkirchen, das in Deutschland traditionell keine so große Rolle spielt, einarbeiten. Dann musste ich mich in dem Gebiet der Freikirchen, die auf Weltebene sehr wichtig sind, kundig machen: Methodisten, Baptisten, Mennoniten und andere. Schließlich kamen die neuen Bewegungen, die Pentekostalen und die Evangelikalen hinzu. Das waren viele positive Erfahrungen. Fast jeden Tag treffe ich mit Vertretern anderer Kirchen zusammen, mit Bischöfen, Pfarrern, Theologen, Laien, Journalisten, Jugendlichen und anderen. Dabei spürt man etwas vom Drängen des Heiligen Geistes auch außerhalb unserer Kirche. Das ist das Schöne und Faszinierende, wenngleich auch das Fordernde an dieser Aufgabe. Sind die Glaubenskongregation und das vatikanische Staatssekretariat in die ökumenischen Bemühungen des Vatikans eingebunden? Selbstverständlich ja. Nach den Regeln für die Arbeitsabläufe in der Kurie muss der Einheitsrat in Glaubens- fragen eng mit der Glaubenskongregation zusammenarbeiten. Man kann ja in Glaubensfragen nicht mit ver- schiedener Stimme sprechen.Über alle wichtigen Vorgänge macht man einen Bericht an das Staatssekretariat, wie das auch die anderen vatikanischen Dikasterien tun. Auch der normale Verkehr mit dem Papst läuft über das Staatsekretariat. Dazu kommen Kontakte mit „ver- wandten” Dikasterien, der Kongregation für die orientalischen Kirchen, dem Rat für den interreligiösen Dialog und anderen. Das alles ist mehr oder weniger eingespielt. Wie arbeitet der „Ökumene-Minister” des Vatikans mit dem Papst zusammen? Wir arbeiten sehr gut zusammen. Ich treffe den Papst ungefähr jeden Monat zu einem persönlichen Ge- spräch. Daneben kann ich ihm, wenn ich will und es nützlich ist, auch einen Brief schreiben, von dem ich weiß. dass er direkt auf dem Schreibtisch des Papstes landet. Auf diese Weise informiere ich ihn - oft auch vertrau- lich - über bestimmte Vorgänge. Daneben begegnen wir uns oft bei Gottesdiensten, bei Gruppenaudienzen. Wenn Patriarchen oder ähnliche hochrangige Delegationen kommen, dann ist oft ein kurzes Gespräch sozu- sagen zwischen Tür und Angel möglich. Die Zusammenarbeit ist sehr angenehm, ja freundschaftlich. Dabei spielt natürlich eine Rolle, dass wir uns schon sehr viele Jahre gut kennen und miteinander vertraut sind. Ein historisches Ereignis war die Verabschiedung der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre” in Augsburg 1999. Das Treffen regte auch eine Vertiefung des Wissens um die theologische Bedeutung des Begriffs „Rechtfertigung” unter den Gläubigen an. Ist das geschehen? Teilweise ja. Doch es gibt eine Grundschwierigkeit, das gilt für Evangelische wie für Katholiken. Viele Men- schen wissen heute nicht mehr, wer Gott ist, was Sünde und was Erlösung ist; wenn das der Fall ist, bleibt die Rechtfertigungslehre gleichsam ein Buch mit sieben Siegeln. In dieser neuen missionarischen Situation müssen wir deshalb fundamentaler ansetzen und erst die Grundwahrheiten des Glaubens wieder verdolmet- schen. Das Zweite: Wir haben in der Tat einiges getan, um den Begriff Rechtfertigung bibeltheologisch zu vertiefen, wir haben über Ablässe gesprochen, die ja der unmittelbare Anlass zur Reformation waren, wir haben auch über verschiedene andere Punkte gesprochen, die in dem Dokument von 1999 als noch klärungsbedürftig angesehen wurden. Wir haben außerdem versucht, Vorschläge zu erarbeiten, wie die Rechtfertigungslehre in eine Sprache übersetzt werden kann, die dem heutigen Menschen zugänglich ist. Dabei muss man wissen, dass Rechtfertigung kein leitender Begriff in normalen katholischen Katechismen ist, wie das bei den Luthera- nern gewöhnlich der Fall ist; wir haben andere Begriffe wie Erlösung, Begnadung und ähnliches. Aber wie gesagt: Die Grundfragen sind uns heute gemeinsam und müssen gemeinsam in den Vordergrund gestellt werden. Wir müssen über Gott, über Jesus Christus, über Sünde und Erlösung reden. Der eigentliche Fortschritt der Erklärung besteht in einer merklichen Verbesserung des Klimas zwischen Lutheranern und Katholiken. Wir haben zu den Lutheranern heute ein Verhältnis, wie wir es zu keiner anderen evangelischen Kirche haben. Das hängt mit dieser Erklärung zusammen und ist ein spürbarer Fortschritt. So konnten wir uns in der Zwischenzeit der Kirchenfrage, besonders der Amtsfrage zuwenden. Ein Dokument über die Apostolizität der Kirche wird schon in den nächsten Wochen erscheinen. Rückschläge und Ernüchterung gibt es freilich auch. Es ist in der evangelischen Theologie ein theologischer Gezeitenwechsel festzustellen: weg von der Wort-Gottes-Theologie von Karl Barth und von der Luther-Re- naissance der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und hin zu Schleiermacher, dem Vater des moder- nen Protestantismus, zu Harnack und Troeltsch. Dadurch hat das ökumenische Interesse bei vielen evange- lischen Theologen nachgelassen. Dazu kommen die schon erwähnten Unterschiede in ethischen Fragen. Das sind neue Probleme, die den Dialog nicht immer leichter machen. Es gibt aber hinreichend gewachsene Ge- meinschaft und auch Freundschaft, die halten und über solche „Durchhänger” hinweghelfen werden. Man hat den Eindruck, dass die internen Spannungen innerhalb der anglikanischen Gemeinschaft, wie sie et- wa in der Frage der Weihe von homosexuellen Geistlichen zu Bischöfen sichtbar werden, ein zunehmendes Hindernis zumindest für eine anglikanisch-katholische Wiederannäherung werden. Ist das so? Das ist zweifellos so. Wir haben mit den Anglikanern in den letzten vierzig Jahren große Fortschritte ge- macht, gute Dokumente zustande gebracht, zuletzt ein Dokument über Maria, und wir haben deshalb große Hoffnungen gehabt. Nun sind in der anglikanischen Gemeinschaft interne Probleme hinsichtlich des genannten Problems, aber auch der Ordination von Frauen zum Bischofsamt aufgetreten. Wir haben den Dialog bewusst nicht unterbrochen, aber im Augenblick gibt es einen gewissen Stillstand. Wir müssen erst einmal abwarten, wie sich die Dinge in der anglikanischen Gemeinschaft weiterentwickeln. Wir hoffen, dass es zu keiner Spal- tung kommt, aber die Spannungen sind enorm und Lösungen sind, wenn überhaupt, nicht einfach zu errei- chen. Soweit wir können und es gewünscht wird, versuchen wir den Erzbischof von Canterbury, zu dem wir nach wie vor vorzügliche Beziehungen haben, etwas zu unterstützen - auch das gehört zur Ökumene. Lesen Sie dazu mehr unter: Anglikaner Wenden wir uns den Kirchen des Ostens zu. Da gibt es zunächst die Abspaltungen der Kirchen, die sich nicht zum Konzil von Chalcedon des Jahres 451 bekennen. Gibt es da überhaupt noch einen ökumenischen Dialog und wenn ja, mit wem wird er geführt? Die orientalischen Kirchen gibt es und auch den Dialog mit ihnen gibt es. Da sind die Kopten in Ägypten, eine sehr lebendige Kirche. Sie machen gute pastorale und soziale Arbeit. Die Wüstenklöster sind voll mit jungen und akademisch ausgebildeten Leuten. Da sind weiter die Syrer, die Armenier, die Thomaschristen in der Malankara-Kirche in Indien und andere. Der Dialog hat große Fortschritte gebracht. Wir haben zunächst die christologischen Fragen, die schon in der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends zur Spaltung geführt haben, durch Abkommen zwischen dem Papst und den jeweiligen Patriarchen überwinden können. Inzwi- schen haben wir uns im internationalen Dialog den Fragen der Kirchengemeinschaft zugewandt. Dabei muss man freilich wissen: Mit Kirchen, die seit anderthalb tausend Jahren getrennt sind, kann man keine Sprünge machen, da geht der Dialog nur langsam voran, langsam aber gut. Eine Schwierigkeit ist, dass diesen Kirchen spätere Entwicklungen, die sowohl die Orthodoxen und noch mehr die westlichen Kirchen durchlaufen haben, fremd geblieben sind. Es gibt außerdem große kulturelle und mentalitätsmäßige Unter- schiede. Dennoch konnten wir gute und freundschaftliche Beziehungen aufbauen. Im vergangenen Jahr wurde in Belgrad der katholisch-orthodoxe Dialog wieder aufgenommen. Er hatte über anderthalb Jahrzehnte brachgelegen, weil in der Frage der mit Rom unierten Kirchen des byzantinischen Ritus und des römischen Primats zu große Schwierigkeiten aufgetreten waren. Zum ersten Konfliktpunkt, den soge- nannten „Unierten”: Halten Sie hier Annäherungen für möglich? Wir haben in der Zwischenzeit mit den Orthodoxen die so genannte Balamand-Erklärung von 1993 verabschiedet. Diese Erklärung umfasst drei Punkte, die zunehmend auch von den orthodoxen Kirchen rezi- piert werden. Erster Punkt: Die mit Rom in Gemeinschaft stehenden Ostkirchen existieren seit Jahrhunderten und haben ein Recht zu existieren, zu leben und zu wirken. Zweiter Punkt: Der Uniatismus verstanden als Methode, Teile von Ostkirchen loszulösen und sie mit Rom zu verbinden, wird heute und in Zukunft nicht mehr als Methode verstanden, um die Einheit der Kirchen zu erreichen. Heute ist der Dialog die angemessene Methode. Der dritte Punkt betrifft die Religionsfreiheit. Wenn ein einzelner orthodoxer Christ aus Gründen des Gewissens sich der katholischen Kirche anschließen will, oder wenn ein Katholik aus eben diesen Gründen orthodox werden möchte, dann ist das eine Frage der Gewissens- und der Religionsfreiheit, die von beiden Seiten anerkannt werden muss. Aber es ist nicht, oder: nicht mehr die pastorale „Strategie” der katholischen Kirche, möglichst viele orthodoxe Christen in die katholische Kirche herüberziehen zu wollen. Über diese drei Punkte gibt es in der Zwischenzeit einen noch nicht allgemeinen, aber einen weitgehenden und wachsenden Konsens. Der Primat des Bischofs von Rom ist nicht nur für die Orthodoxie ein Problem. Er beschäftigt den Dialog mit allen christlichen Konfessionen. Papst Johannes Paul II. hat dazu aufgerufen, über die Formen der Primats- ausübung erneut nachzudenken. Mit heute greifbaren Ergebnissen? Wir haben sehr viele Zuschriften, teilweise von Kirchen, teilweise von Einzelnen oder Universitätsfakultäten erhalten, die wir, auch mit Hilfe des Johann-Adam-Möhler-Instituts in Paderborn, sorgfältig analysiert haben. Die Analyse wurde dann unserer Vollversammlung vorgelegt, dort diskutiert, und dann allen Kirchen, die geantwortet hatten, zugeschickt. Für manche dieser Kirchen war und ist die Primatsfrage auch eine an sich selbst gerichtete Frage, wie nämlich sie die universale Einheit aller Christen konkret verwirklichen können. Es konnte niemand überraschen, dass wir von einer Einigung noch weit entfernt sind, aber es ist offen- sichtlich, wie sehr sich die ökumenische Situation auch in dieser Frage geändert hat. Der Primat bzw. der Papst wird heute, von wenigen Fanatikern abgesehen, nicht mehr als Gegner oder gar als Antichrist wahr- genommen; im Gegenteil, man betrachtet ihn und begegnet ihm mit Respekt und mit Hochachtung. Viele orthodoxe oder evangelische Christen, Patriarchen, Bischöfe, Theologen kommen nach Rom, wollen dem Papst begegnen. Zu Weihnachten und Ostern tauscht der Papst Grußadressen mit allen „Kirchenführern” aus. Die neue Atmosphäre war besonders offenkundig bei den Trauerfeierlichkeiten für Papst Johannes Paul II. erstmals in der Kirchengeschichte waren praktisch alle Kirchen mit hochrangigen Delegationen auf dem Petersplatz zugegen und haben dem verstorbenen Papst ihren hohen Respekt bezeugt. Das alles heißt nicht, dass nicht noch grundsätzliche Unterschiede bestehen in Hinblick auf die beiden Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils, den Jurisdiktionsprimat und die Unfehlbarkeit des Papstes. Darüber muss noch ernsthaft nachgedacht und diskutiert werden, und das wird nicht einfach sein. Es gibt Annäherungen mit manchen Theologen, aber noch keine Einheit mit den anderen Kirchen. Zurück zur Orthodoxie: Wäre es nicht einfacher, man könnte auf der Ebene der Kirchenführung mit der ortho- doxen Kirche als solcher reden anstatt jeweils getrennt mit Russen und Griechen? Mit dem Ökumenischen Patriarchen in Istanbul pflegt der Papst einen - offensichtlich - herzlichen Kontakt. Warum nicht mit dem von Moskau? Es ist selbstverständlich, dass wir größtes Interesse daran haben, mit dem Patriarchat und dem Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gute Beziehungen zu haben. Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist nicht nur zahlenmäßig die größte orthodoxe Kirche; sie ist auch eine Kirche mit einer reichen spirituellen und kulturellen Tradition. Wir haben unsere Beziehungen in den letzten Jahren wesentlich verbessern können, aber es ist noch zu keiner Begegnung zwischen Papst und Patriarch gekommen. Die Schwierigkeiten liegen auf ortho- doxer Seite. Der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche macht zur Voraussetzung einer Begegnung, dass die Fragen, die er als Proselytismus und Uniatismus bezeichnet, zuvor gelöst werden. Wir mühen uns darum, machen für die genannten Fragen auch Lösungsvorschläge, müssen aber die augenblickliche Moskauer Posi- tion respektieren. Man darf jedoch das Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche nicht allein auf diesen einen Punkt fixieren. Es gibt Spannungen, aber auch freundschaftliche Begegnungen und auch gute Zusammenarbeit auf verschie- densten Ebenen. Vor allem arbeitet die Russisch-Orthodoxe Kirche aktiv beim gemeinsamen internationalen theologischen Dialog mit. Es wäre jedoch nach unserer Auffassung ein gutes Zeichen, das vieles erleichtern und beschleunigen würde, wenn eine Begegnung zwischen Papst und Patriarch stattfinden könnte. Wir arbeiten dran und wir beten auch dafür; konkrete Pläne gibt es jedoch derzeit nicht. In Rom sieht man immer wieder orthodoxe Priester der russischen Kirche. Der Wiener orthodoxe Bischof Hilarion Alfiev hat eine Matthäus-Passion komponiert, die jetzt direkt in der Nähe des Vatikans zur Aufführung kam. Zeichen der Verachtung und Ablehnung Roms sind das nicht... Gewiss kein Zeichen der Verachtung und der Ablehnung, sondern im Gegenteil ein Zeichen der Wert- schätzung und der Zusammenarbeit auf kulturellem Gebiet. Besonders Musik verbindet. Die Russisch-Ortho- doxe Kirche möchte mit der katholischen Kirche vor allem auf diesem Gebiet zusammenarbeiten. Sie hat Sorgen wegen der fortgeschrittenen Säkularisierung in Westeuropa, teilweise auch in Russland, und möchte, da wir dieselben Werte, was die christlichen Wurzeln, die christlichen Werte Europas angeht vertreten, auf dem Gebiet der Kultur zusammenarbeiten. Das kann durchaus ein Schritt sein auf dem Weg zur vollen Kirchengemeinschaft. Das eine ist das theologische Gespräch zwischen den Konfessionen, das andere ist die geistliche Ökumene, über die Sie immer wieder gesprochen haben. Ist das ein Wunsch oder wächst da im Verborgenen bereits eine neue ökumenische Bewegung heran? Ökumene ist von ihrem Ursprung her ein geistlicher Prozess. Der französische Pater Paul Couturier hat die Gebetswoche für die Einheit der Christen angestoßen, die zu den ältesten Einrichtungen der ökumenischen Bewegung gehört und deren hundertsten Geburtstag wir in diesem Jahr feiern. Die geistliche Ökumene als das Herz der Ökumene in den Vordergrund zu stellen ist uns im Einheitsrat ein besonderes Anliegen. Denn die Einheit kann man nicht „machen”, sie ist ein Geschenk des Heiligen Geistes. Deshalb kann Ökumene nicht nur eine Art Diplomatie an der Spitze der Kirche sein, sie kann sich auch nicht in Aktivitäten oder in akade- mischen Dialogen erschöpfen, an denen wesensgemäß nur wenige teilnehmen können. Sie muss die Basis der Kirche und alle erreichen. Alle Christen können einzeln oder gemeinsam beten, können die Bibel einzeln oder gemeinsam lesen und vieles andere mehr. In einem in diesen Wochen erschienenen Wegweiser haben wir viele Vorschläge zusammengetragen. Da ist viel mehr möglich, als wir gewöhnlich denken und tun. Würden wir nur das heute schon Mögliche tun, wären wir schon einen großen Schritt weiter. Ob die Gemeinschaft von Taizé, die Fokolar-Bewegung oder charismatische Bewegungen: Können neue geistliche Gemeinschaften zum Motor der Ökumene werden? Sie können es nicht nur sein, sie sind schon ein solcher Motor. Taizé ist vor allem für junge Menschen ein wichtiger Bezugs- und Orientierungspunkt geworden, die Fokolar-Bewegung, Sant'Egidio und andere Bewe- gungen tun ebenfalls sehr viel. In den letzten Jahren haben sich lokal, regional wie auch universal Netzwerke von geistlichen Bewegungen und älteren Ordensgemeinschaften mit entsprechenden Bewegungen, Kommuni- täten und sonstigen Gruppierungen auf evangelischer, anglikanischer und orthodoxer Seite herausgebildet. Vor ein paar Jahren haben sie ein großes und erfolgreiches Treffen in Stuttgart veranstaltet; am 12. Mai hat ein Stuttgart II zum Thema Europa stattgefunden, zu dem etwa zehntausend Teilnehmer gekommen waren. Der Motor ist also schon ganz schön in Fahrt gekommen, und ich setze große Hoffnung, dass er uns weiter- bringt. Ökumene ist ein weites Feld mit unterschiedlichen Gesprächspartnern und Dialogprozessen. Was ist derzeit Ihre größte Baustelle, wo hoffen Sie auf wirkliche Fortschritte oder auch Durchbrüche? Die eben genannten Netzwerke sind eine solche Baustelle. Es sind überkonfessionelle Bewegungen nicht auf institutioneller Ebene, sondern auf der Ebene der Freundschaft und der Spiritualität. Davon verspreche ich mir viel. Eine weitere wichtige Baustelle ist der jetzt wieder aufgenommene Dialog mit den orthodoxen Kirchen. Er spielt auch im Zusammenhang der Integration von West- und Ost-Europa eine wichtige Rolle. Dabei können wir vieles von den orthodoxen Kirchen lernen, etwa den Sinn für das Geheimnis in der Liturgie. Es handelt sich um ein gegenseitiges Geben und Nehmen, bei dem wir hoffen, bald einen wichtigen Schritt voranzukommen. Wann, wo, wie dann die volle Einheit kommen wird, müssen wir dem Heiligen Geist über- lassen, und wir können es ihm auch getrost überlassen - uns muss es genügen, mit Gottes Hilfe das hier und heute Mögliche zu tun. GuidoHorstDT070407
Christen und Rechtfertigung - Es geht um die Würde des Menschen
Zum Interview mit Frau Professor Dorothea Wendebourg „Kein Grund zum Feiern" in der Frankfurter Allge- meinen Zeitung schreibt Pfarrer Bodo Windolf Foto oben: “Im Zuge der Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre vor zehn Jahren wurde angemahnt, diese Lehre zu erklären und in heu- tige Sprache und Denkformen zu übersetzen. Gewissermaßen in Mode gekommen ist evangelischerseits eine Erklärung, die meiner Meinung nach einen guten Anknüpfungspunkt bietet, um aus katholischer Sicht das zentrale Problem deutlich zu machen. Sie lautet kurz zusammengefasst: Die Rechtfertigungslehre wolle die Würde jedes Menschen betonen, die er unabhängig von jeder ethischen Leistung besitze. Frau Professor Wendebourg drückt den evangelisch-katholischen Gegensatz folgendermaßen aus: „Die Frage wird gegensätzlich beantwortet, ob das Geschöpf Mensch seinen Wert in dem hat, was es selbst ist und tut - die römisch-katholische Position -, oder darin, dass Gott es für wertvoll hält - die evangelische Position." Es sei mir erlaubt festzustellen, dass dieser Satz den Sachverhalt in jeder Hinsicht verfehlt, da er weder die ka- tholische Anthropologie korrekt wiedergibt noch die Intention Martin Luthers trifft. Zum einen ist die Person- würde eines jeden Menschen eine Schöpfungsaussage, die in der Erschaffung des Menschen als Ebenbild Gottes ihren Grund hat. Demgegenüber betrifft das Rechtfertigungsgeschehen den sündig gewordenen, aber unverlierbar von Gott mit Würde immer schon begabten Menschen. Zum anderen ist bekannt, dass die konfessionelle Auseinandersetzung um die Rechtfertigungslehre ihren Ursprung in der Biographie Martin Luthers hat. Auf seine Frage: „Wie finde ich einen gnädigen Gott?" fand er für sich Antwort beim Lesen des Römerbriefs: Du kannst und du brauchst dich nicht selbst und durch eigene Anstrengung zu einem Gerechten machen. Gottes Gerechtigkeit ist nicht die, die Er von dir verlangt, sondern die, die Er dir ohne jegliches Zutun von deiner Seite schenkt.Gott allein handelt an dir. Allein der Glaube an die Gerechtmachung, an die Rechtfertigung durch Gott allein, bewirkt Heil und inneren Frieden. Dieses „Allein" war es nun, das zum Kernpunkt der konfessionellen Auseinandersetzung wurde. Dass kein Mensch sich das Heil selbst zu verdienen vermag, dass alle Bemühungen des Menschen getragen ist von der sie ermöglichenden Gnade Gottes, dass insofern alles, wirklich restlos alles Gnade und ungeschuldetes Geschenk Gottes ist, war immer schon, auch zur Zeit Martin Luthers, gut katholische Lehre, wiewohl man zugeben muss, dass das Bewusstsein dafür bisweilen durch eine bestimmte religiöse Praxis verdeckt wurde. Kontrovers war und ist also nicht, dass alles Gnade ist, sondern nur, dass es Gott allein ist, der des Menschen Heil wirkt. Und hier geht es nun in der Tat um die Würde des Menschen. Die Frage ist nämlich: Bezieht Gott den Menschen mit ein in den Prozess seiner Rechtfertigung, seines Heil- und Heiligwerdens? Ist der Mensch mit- beteiligt, mitwirkend mit der Gnade Gottes, oder ist er nur passives Objekt des Wirkens Gottes, gleichsam wie ein Stein, den Gott zu sich erhebt ohne alle Eigenbeteiligung? Wenn es so wäre, würde dies tatsächlich der Würde des Menschen widersprechen, die darin besteht, frei zu sein, zustimmen oder ablehnen zu können, nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt in Gottes Gnadenhandeln zu sein, ein Mitwirkender mit der Gnade Gottes, wie es Paulus unübertroffen exakt formuliert hat. Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als alle habe ich mich abgemüht - nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir. 1 Kor 15,10. Auf diesem „die Gnade Gottes, aber nicht allein ohne mich, sondern mit mir" muss eine katholische Recht- fertigungslehre bestehen, wie gesagt, um der Würde des Menschen willen. Martin Luther hat wohl zu sehr gemeint, Gottes Gnadenhandeln sei um so größer, je kleiner des Menschen Beteiligung sei, und am größten dann, wenn der Mensch gar nichts beitrage. Das Gegenteil ist der Fall: Die Gnade Gottes erweist sich gerade darin als groß, dass sie dem Menschen aufhilft, ihn einbezieht, ihn ganz und gar mitbeteiligt am Prozess des Heil- und Ganzwerdens, denn nichts anderes meint Rechtfertigung. FAZ091113PfrBodoWindolfGarching
Dialog mit Baptisten
Papst Benedikt XVI. hat seine Hoffnung auf einen Fortschritt im Dialog mit den Baptisten bekundet. Die gemeinsame Arbeitsgruppe der Baptistischen Weltallianz und Vertretern des Vatikans könne viel zu einem wachsenden Verständnis und mehr Kooperation beitragen, sagte der Papst bei einer Audienz für die Mit- glieder der internationalen Kommission. Der Papst rief dazu auf, kontroversen Themen nicht auszuweichen. Nur wenn solche Fragen in einem Geist der Offenheit und des gegenseitigen Respekts angegangen würden, könne es Versöhnung und größere Gemeinschaft zwischen Baptisten und Katholiken geben.
Audienz für eine Delegation der Mennonitischen Weltkonferenz Bemühen um die Einheit der Jünger des Herrn - Ansprache von Papst Benedikt XVI
Liebe Freunde! »Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus« 2 Kor 1,2. Mit Freude heiße ich euch in Rom willkommen, wo Petrus und Paulus Christus bezeugt und ihr Blut für das Evangelium vergossen haben. Im ökumenischen Geist der gegenwärtigen Zeit haben wir nach jahrhundertelanger Isolation wieder begonnen, Kontakt zueinander aufzunehmen. Ich weiß, dass die Verantwortlichen der Mennonitischen Weltkonferenz die Einladung meines geliebten Vorgängers, Papst Johannes Paul II., angenommen haben, um gemeinsam mit ihm sowohl 1986 wie auch 2002 bei den großen Treffen der Führer der Kirchen, der kirchlichen Gemeinschaften und der anderen Weltreligionen in Assisi für den Frieden zu beten. Und es freut mich, dass die Verantwortlichen des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen euren Einladungen zur Teilnahme an euren Weltkonferenzen von 1997 und 2003 gefolgt sind. Da Christus selbst uns auffordert, nach der Einheit der Christen zu streben, ist es völlig richtig und angebracht, dass Mennoniten und Katholiken einen Dialog angebahnt haben, um den im 16. Jahr- hundert zwischen uns entstandenen Konflikt zu ergründen. Verstehen ist der erste Schritt zur Heilung. Ich weiß, dass in dem 2003 veröffentlichten und gegenwärtig in verschiedenen Ländern analysierten Bericht über diesen Dialog die Heilung der Erinnerung ganz besonders betont wird. Mennoniten sind bekannt für ihr starkes christliches Zeugnis für den Frieden im Namen des Evangeliums, und hier, trotz jahrhundertelanger Spaltung, hat das Dialogdokument »Called Together to be Peacemakers« [Für den Aufbau des Friedens zusammengerufen] gezeigt, dass wir zahlreiche Überzeugungen teilen. Beide betonen wir, dass unsere Arbeit für den Frieden in Jesus Christus verwurzelt ist, »denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile ... Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib« Eph 2,14-16 / Bericht Nr.174. Wir wissen beide, dass »Versöhnung, Gewaltlosigkeit und der aktive Aufbau des Friedens Kernpunkte des Evangeliums sind vgl. Mt 5,9; Rom 12,14-21; Eph 6,15 - Nr. 179. Unser unablässiges Bemühen um die Einheit der Jünger des Herrn ist von größter Bedeutung. Unser Zeugnis wird beeinträchtigt sein, solange die Welt Zeuge unserer Spaltung ist. Das, was uns drängt, nach christlicher Einheit zu streben, ist vor allem die an den Vater gerichtete Fürbitte unseres Herrn: »Alle sollen eins sein... damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast« Joh 17,21. Möge euer Besuch ein weiterer Schritt zu gegenseitigem Verständnis und Versöhnung sein. Der Friede und die Freude Christi sei mit euch allen und den euch Nahestehenden. OR071007 Mennoniten: Die Gesamtzahl der Mennoniten (getaufte Erwachsene) wird heute mit 973.000 angegeben (davon 408.000 in Nordamerika und 49.000 in Europa). Die »Arbeitsgemeinschaft Mennonitische Gemeinden in Deutschland« zählt 6.875 Gemeindemitglieder in 50 Gemeinden mit 24 Pastoren/-innen. In der Schweiz leben 3.000 Menno- niten, in Österreich 350. Neuerdings erfolgt in Deutschland ein starker Zuzug deutschstämmiger Mennoniten aus Russland, die in eigenen Gemeinden leben. Schriftauslegung und Theologie der Mennoniten ist weitgehend deckungsgleich mit der reformatorischen Exegese calvinistischer Prägung. Abweichend davon ist jedoch ihre Praxis der Gläubigentaufe (Erwachsenen- taufe). Bei Konversionen wird meist die in anderen Kirchen vollzogene Säuglingstaufe anerkannt und von der Wiedertaufe abgesehen. Die grundlegende Organisationsform ist die einzelne Gemeinde, welche alle Verant- wortung für Lehre und Leben trägt. Die Mennoniten gehören zu den klassischen »Friedenskirchen«, die Kriegsdienst und Eid ablehnen. Mennonitischer Grundsatz ist tätige Nächstenliebe und einfache Lebens- führung. LThK
Methodisten in Rom
Grußadresse des Papstes: “Lieber Bischof Mbang, liebe Freunde in Christus! Mit großer Freude begrüße ich euch, die Vertreter des Weltrates der Methodisten, und danke euch für euren Besuch. Meine tiefe Dankbarkeit gilt den Vertretern der Methodisten für ihre Anwesenheit und Unterstützung im Gebet beim Begräbnis von Papst Johannes Paul II. und beim feierlichen Gottesdienst zu Beginn meines Pontifikats. In dieser Woche ist es genau 40 Jahre her, dass sich Papst Paul VI. am Ende des II. Vatikanischen Konzils an die ökumenischen Beobachter wandte. Bei dieser Begegnung brachte er seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die Unterschiede zwischen den Christen »langsam, schrittweise, mit Offenheit und Hochherzigkeit« überwunden werden könnten. Nun dürfen wir über die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Katholiken und Methodisten und über den geduldigen und beständigen Dialog, den wir führen, nachdenken. In der Tat gibt es vieles, für das wir heute danken können. Seit 1967 hat sich unser Dialog mit grundlegenden theologischen Themen wie Offenbarung und Glaube, Tradition und Lehramt in der Kirche auseinandergesetzt. Aspekte, in denen wir uns voneinander unterschei- den, sind aufrichtig und offen behandelt worden. Unsere Bemühungen zeigten auch ein hohes Maß an Über- einstimmung und sind der Reflexion und des eingehenden Studiums wert. Unser Dialog und die zahlreichen Wege, auf denen Katholiken und Methodisten sich besser kennen gelernt haben, erlaubten uns, gemeinsam das »wertvolle Erbe des Christentums« zu erkennen. Diese Erkenntnis hat uns verschiedentlich ermöglicht, in einer zunehmend säkularisierten Welt mit gemeinsamer Stimme über soziale und ethische Fragen zu spre- chen. Ermutigend ist die Initiative, die zur Zustimmung der Mitgliedskirchen des Weltrates der Methodisten zu der 1999 von der katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund unterzeichneten Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre führen könnte. Sollte der Weltrat der Methodisten seine Absicht zum Ausdruck brin- gen, sich der Gemeinsamen Erklärung anzuschließen, würde er zu jener Heilung und Versöhnung beitragen, die wir aufrichtig wünschen, und somit einen bedeutenden Schritt in Richtung des erklärten Ziels der vollen und sichtbaren Einheit im Glauben unternehmen.” Zum Abschluss wünschte Benedikt XVI. “Gottes reichen Segen für euch wie für alle Methodisten in der ganzen Welt”. OR051210

Bibel in gerechter Sprache – auf dem Kirchentag in Köln
Der stellvertretende Vorsitzende des Rates der EKD, Christoph Kahler, bekräftigte die Empfehlung des Rates, die „Bibel in gerechter Sprache” nicht in Gottesdiensten zu verwenden. Kahler sagte auf der erst nachträglich ins Programm des Kirchentages aufgenommenen Veranstaltung „Allein die Schrift - aber welche?”, die „Bibel in gerechter Sprache” „verfälsche” an zahlreichen Stellen den Sinn des Urtextes. Das Ziel, das sich die Herausgeberinnen und Herausgeber für das neue Jahrtausend gesetzt haben, ist kein geringeres als eine grundlegende Neuübersetzung der Bibel.” So lautet der erste Satz der Programmschrift, mit der 2005 das Projekt einer „Bibel in gerechter Sprache" vorgestellt wurde.
Als Schlüsselkategorie des Projekts wurde von Anfang an die „gerechte Sprache” ausgegeben: „geschlechter- gerechte Sprache”, „soziale Gerechtigkeit” und „Gerechtigkeit im Hinblick auf den jüdischchristlichen Dialog”. In der Einleitung wird behauptet: „Die genannten Kriterien können und sollen eine Hilfe sein, den Text in seiner Fremdheit neu zu entdecken.” Aber das Gegenteil trifft zu. Textbeispiele Eigenwillig ist die an zahlreichen Stellen vorgenommene Deutung des Titels „Menschensohn”. Ein eklatantes Beispiel ist dabei die Übersetzung von Markus 2,28. Der Vers beschließt die Geschichte vom Ährenabreißen am Sabbat. Voran geht die ausdrücklich als Wort Jesu eingeführte Aussage: „Der Sabbat ist für die Menschen da und nicht die Menschen für den Sabbat.” Die „Bibel in gerechter Sprache” fährt dann fort: „Die Menschen sind wichtiger als der Sabbat.” Tatsächlich steht im Urtext da: „So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.” Ist es sachgemäß, in scheinbarer Gleichordnung von „Hirtinnen und Hirten”, „Pharisäerinnen und Phari- säern” , „Apostelinnen und Aposteln” zu sprechen? Sie tendiert auch zu einer schematischen, text- und sinn- widrigen Anwendung. Das ist zum Beispiel der Fall in Markus 6,30. Mit den „Aposteln” sind hier „die Zwölf” 6, 7-12 gemeint; bei der Schaffung des Zwölferkreises werden die Zwölf aufgezählt 3,13-19, und es sind nur Männer. Darum ist es gänzlich unbegründet, in Markus 6,30 die Angabe „Apostelinnen und” gegen den Urtext hinzuzufügen. Zur Orientierung am Maßstab der „Gerechtigkeit im Hinblick auf den christlich-jüdischen Dialog” wird auf die in den vergangenen Jahrzehnten gewachsene Einsicht verwiesen, wie sehr das auf jüdischem Boden ent- standene Neue Testament „antijüdisch und damit verzerrt gelesen und entsprechend übersetzt wurde”. Die Rede des Johannesevangeliums von „den Juden” ist anstößig und auslegungsbedürftig etwa in 2,18; 5,10.16; 7,1.13; 19,7.12. Die „Bibel in gerechter Sprache” macht es sich zu einfach, wenn sie gegen den biblischen Text „die Juden” ersetzt durch: „die jüdische Obrigkeit” oder „andere jüdische Menschen” oder „Menschen aus Judäa” oder „die Hohenpriester und ihre Leute”. Im Umgang mit den Namen und Bezeichnungen Gottes werden von der „Bibel in gerechter Sprache” folgen- reiche Vorentscheidungen getroffen: Sie zielen darauf, „Gott nicht einseitig mit grammatisch männlichen Be- zeichnungen zu benennen”, bedeuten den Bruch mit der Tradition, die „den biblischen Namen Gottes mit ,Herr’ wiedergibt”, und schließen das Bekenntnis zu der Überzeugung ein,„Gottes Name” sei „unübersetzbar”, ja, Gott übersteige „die Möglichkeiten der Sprache” so sehr, dass jedes menschliche Reden über Gott und zu Gott „ein immer wieder neuer Versuch der Annäherung” sei und vorzugsweise eine Vielfalt von Namen und Bezeichnungen gebrauche. Es gehört zu den gemeinsamen theologischen Grundsätzen, dass Gott „jenseits der Gechlechterpolarität” steht. Die Frage ist aber, welcher Sprachgebrauch dieser Einsicht am besten gerecht wird. Der zum Prinzip gemachte ständige Wechsel zwischen maskulinen und femininen Formen - wie der Ewige/die Ewige oder Er/Sie - führt über die Geschlechterpolarität gerade nicht hinaus, sondern verstärkt sie. Durch ihren Umgang mit den Namen und Bezeichnungen Gottes trägt die „Bibel in gerechter Sprache” dazu bei, dass Gott für den Menschen zu einer undeutlichen und unfassbaren Größe, gewissermaßen zu einem Vexierbild wird. Die vertrauten Anreden - „Vater”, „Herr” - werden gemieden. Stattdessen werden neue Be- zeichnungen - „ha-Schem”, „ha-Makom”, „Schechina”, das Nebeneinander von „ErSie” und „SieEr” - ein- geführt. Auf jeder Doppelseite begegnet dem Leser links oben eine Kopfzeile mit einem Angebot von Gottes- bezeichnungen in wechselnder Reihenfolge. Beides, die Einführung neuer und die Verabschiedung vertrauter Bezeichnungen sowie das Nebeneinander eines großen Angebots möglicher Bezeichnungen, geschieht wohl- überlegt. „Was Menschen über Gott und zu Gott sagen, ist [so wird man ergänzen dürfen: nur] ein immer wieder neuer Versuch der Annäherung.” Das Bilderverbot wird als Begründung dafür in Anspruch genommen, dass Gott nicht in einem Namen und festen Bezeichnungen fassbar werden dürfe. Diese Intention lässt sich jedoch dem Bilderverbot keineswegs entnehmen. Die Bibel weiß vielmehr sehr genau um die Relevanz des Namens für die Geschöpfe und die Menschen. Nicht anders ist es im Blick auf Gott. Jesus lehrt seine Jünger das Vaterunser. „Wenn ihr betet, so sprecht: Vater!...” Lukas 11,2. Die „Bibel in gerechter Sprache” nimmt die Gottesbezeichnung „Vater” ausschließlich als Problem wahr: In der Geschichte der Kirche sei „mit der Rede von Gott als Vater oft patriarchale Herrschaft begründet” und zugleich „oft vergessen worden, dass es sich hier um eine bildliche Redeweise für den bild- losen Gott handelt”. Die Konsequenz ist, dass der Gottesanrede „Vater”, bis hin sogar zum Vater-unser, der Abschied gegeben wird und Strategien zu ihrer Vermeidung angeboten werden - und zwar „um dem Miss- verständnis vorzubeugen, dass Gott in der Bibel eine patriarchale oder Patriarchat rechtfertigende Größe wäre, und um eine bis heute dominierende androzentrische Festlegung Gottes aufzubrechen”. Jesus nimmt mit dem Vaterunser seine Jünger mit hinein in die Intimität seiner Gottesbeziehung. Dem korrespondiert seine Rede davon, dass wir im Verhältnis zu Gott werden sollen wie die Kinder Matthäus 5,45; 18,3. Wohl wahr - es gibt gestörte und missglückte Kind-Vater-Beziehungen. Aber das rechtfertigt es nicht, die Perspektive der vielen gar nicht erst zuzulassen, die die Wahrheit der Rede von Gott als Vater entdeckt und noch längst nicht ausgeschöpft haben. Als Beispiel für den Umgang der „Bibel in gerechter Sprache” mit dem Gottesnamen „Vater” diene Lukas 11, 13. In der Lutherbibel lautet der Vers: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten.” Daraus macht die „Bibel in gerechter Sprache”: „Wenn ihr, die ihr doch nichts Besonderes (!) seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird die himmlische Quelle denen die heilige Geistkraft geben, die (!) bitten.” Aber kann es mit einer „himmlischen Quelle” Zwiesprache im Gebet geben? Der Dekalog wird im Alten Testament in zwei, auf weite Strecken übereinstimmenden Fassungen überliefert: Exodus 20,1-17 und Deuteronomium 5,6-21. Dazu kommen Zitate wie zum Beispiel in Matthäus 19,18f oder Römer 13,9. Unbefriedigend ist es, dass die Übersetzung wörtlich identischer Stellen voneinander abweicht; die Arbeit der unterschiedlichen Übersetzerinnen und Übersetzer ist auch nachträglich nicht ausgeglichen worden. Besonders auffallend ist dies bei dem Gebot, die Ehe nicht zu brechen. Nahezu jede Belegstelle ist hier anders übersetzt: „Geh nicht fremd” Exodus 20,14. „Verletze keine Lebenspartnerschaft” Deutero- nomium 5,18. „Du sollst in Ehen nicht das Recht Gottes verletzen” Matthäus 19,18. „Du sollst nicht ehe- brechen” Lukas 18,20. „Du darfst die Ehe nicht brechen” Römer 13,9. Während bei der Übersetzung der Zitate im Neuen Testament der Bezug zur Ehe hergestellt wird, wird er in Exodus 20 und Deuteronomium 5 - wohl nicht zufällig - vermieden. Dafür wird in Deuteronomium 5,18 ein Bezug zur „Lebenspartnerschaft” hergestellt, einem Ausdruck, bei dem das Institut der „Eingetragenen Lebenspartnerschaft” mit anklingt. Das ist aber nicht mehr Übersetzung, sondern Auslegung und Anwendung in einem modernen Kontext. Die Aussage, dass Gott den Sabbattag „heiligte” Exodus 20,11, wird eigentümlicherweise so wiedergegeben: Er hat den siebenten Tag „für unantastbar erklärt” - und dies, obwohl davor 20,8 übersetzt wird: „Denke an den Sabbat, er sei dir heilig”. Ist „für unantastbar erklären” deckungsgleich mit „heiligen”? Wohl kaum. FelGrigatFAZ070611
„Weniger an, aber mehr drauf”. Über das aktuelle Übersetzungsprojekt „Bibel in gerechter Sprache”
Mit einer neuen Bibelübersetzung in „gerechter Sprache” entfernen sich einige Protestanten zusehends vom reformatorischen Schriftprinzip sola scriptura, wonach die Bibel allein Richtschnur für kirchliche Lehre und Tradition ist. Bei einer von vielen evangelischen Gruppen getragenen und von den Bischöfinnen Margot Käßmann und Bärbel Wartenberg-Potter, Bischof Ulrich Fischer, den Kirchenpräsidenten Eberhard Cherdron und Peter Steinacker sowie der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland geförderten Bibel- übersetzung „Die Bibel in gerechter Sprache” werden neben dem griechischen und hebräischen Urtext sola scriptura zusätzliche Kriterien und Traditionen anerkannt. So haben sich die 52 Übersetzer der „Bibel in ge- rechter Sprache” darauf verpflichtet, neben der historisch-kritischen und literaturwissenschaftlichen Exegese Einsichten der feministischen Theologie und der Befreiungstheologie, des christlich-jüdischen Dialogs sowie „Wahrnehmungen aus der Sicht von gesellschaftlichen Minderheiten” zu berücksichtigen. Ein Hauptanliegen sei, die in den biblischen Texten genannten oder „mit- gemeinten” Frauen „sichtbar” und Frauen als „heute angesprochen” erkennbar zu machen. Die Bibel in gerechter Sprache sei die „erste christliche Übersetzung, die die jüdische Abfolge der alttestamentlichen Bücher” respektiere. Damit werde schon äußerlich sichtbar, dass der erste Teil der christlichen Bibel kein „pseudochristliches Buch” sei, sondern die Geschichte Gottes mit Israel, wie sie in Israel selbst, also in der jüdischen Bibel bezeugt sei. Seine Wurzeln hat das Projekt in amerikanischen Bibelübersetzungen der politisch-korrekten „inclusive language” und deren Aufnahme beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Finanziert wurde die Über- setzung durch private Spenden. Peter Steinacker, Präsident der Hessen-Nassauischen Landeskirche und Vorsitzender des Beirates, begründet die Neuübersetzung in gerechte Sprache damit, dass es “in Christus keine Diskriminierung nach Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit oder sozialer Schicht” gebe. Diese „Über- windung der Diskriminierung” müsse sich auch in der Übersetzung der Bibel widerspiegeln und deshalb die in der Bibel gebrauchte Sprache „kritisch” überprüft werden. Die Sprache der Bibelübersetzungen sei „nicht gottgegeben”. Die heutige Aufgabe bestehe in der „sachgemäßen Übersetzung in die heutige Sprach- und Denkform”. Vor dem geplanten Erscheinen der „Bibel in gerechter Sprache” zum Reformationstag 2006 haben Exe- geten auf der Grundlage bekannt gewordener Texte der Übersetzung kritisiert, dass Grundsätze der klassischen Philologie hermeneutischen Interessen untergeordnet würden. Der Präsident der Cansteinschen Bibelanstalt und Professor für Neues Testament, Andreas Lindemann, sagte, einige der bisher bekannt gewordenen Übersetzungen verfälschten den biblischen Text. Es würden Auslegungen vorweg genommen, die in dieser Form nicht in den Texten selbst zu finden seien. Es sei ein Unterschied, ob Diskriminierungen durch die Übersetzung zustande kämen oder ob sie bereits im Text ent- halten seien. Es dürfe nicht versucht werden, einen nicht als „korrekt” eingeschätzten Text durch die Übersetzung inhaltlich zu korrigieren. Wenn im Matthäusevangelium gegen Pharisäer polemisiert werde, dann sei es unzulässig, dies mittels einer „gerechten Übersetzung” richtig stellen zu wollen. Es sei nicht ange- messen, den Matthäustext durch die Übersetzung so umzuformen, dass er den heutigen Ansprüchen und Einsichten genüge. So werde der Evangelienvers in Matthäus 23,2, die Luther mit „Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer” wiedergibt, in der „Bibel in gerechter Sprache” übersetzt mit: „Auf dem Stuhl des Moses sitzen Toragelehrte und pharisäische Männer und Frauen.” Pharisäische Frauen auf dem Lehrstuhl des Mose habe es aber „sicherlich nicht” gegeben, wie es bis heute auch keine orthodoxen Rabbi- nerinnen gebe. Der Tübinger Alttestamentler Bernd Janowski sagte, die Neuübersetzung liefere sich an den Zeitgeist aus und sei ein „Dokument des sich selbst aushöhlenden Protestantismus”. Es sei „beschämend”, dass es über- haupt von kirchenleitender Stelle aus protegiert werde. Problematisch sei insbesondere der Anschluss an jüdische Auslegungstraditionen. So sei die derzeit vorliegende Übersetzung der Antithesen der Bergpredigt mit „Ich lege euch das heute so aus ...” statt „Ich aber sage euch ...” eine „schlichte Verbiegung des griechischen Originals” und nicht „textgerecht”. Denn im griechischen Text steht zwar das nicht übersetzte Wort „aber”, nicht aber das übersetzte Wort „heute”. Die Neuübersetzer ver- suchten, dem Judentum „Gerechtigkeit” widerfahren zu lassen und sich gegen die Möglichkeit einer „antijüdischen Deutung Jesus, der etwas ,Neues’” bringe, zu wenden. Nach den Worten der Übersetzerin des Matthäusevangeliums gehe es „um eine aktuelle Auslegung durch den Toralehrer Jesus”, der Gottes Wort in der Schrift hört und in seine Zeit übersetzt - ohne den Anspruch auf überzeitliche Gültigkeit seiner Auslegung”. Dem Anliegen der Übersetzer, das Neue Testament „neu auch als jüdisches Buch” erkennbar zu machen, soll auch die Vielfalt von Übersetzungen des Gottesnamens dienen. Anstelle des von Luther für das von Juden nicht ausgesprochene Tetragramm gewählte „der HERR” sollen in Kopfzeilen für die ersten beiden Kapitel der Bibel angeboten werden: „die Ewige/Schechina - GOTT/Adonaj - haSchem/der Lebendige”. Diese Zeile wechselt auf jeder zweiten Seite und enthält aus der begrenzten Zahl von Übersetzungsmöglichkeiten des Tetragramms eine „zufällige Auswahl”. Dies soll auch auf das Neue Testament Übertragen werden, wo etwa für Kapitel im Römerbrief des Paulus vorgesehen ist: „der Name /der Lebendige/SIE ER/der Heilige”. An diesen Stellen steht allerdings im griechischen Urtext des Römer- briefes durchweg „kyrios”, was aber in deutscher Übersetzung nur „Herr” zulässt. Ein Beispiel für eine umgangssprachliche Übersetzung ist Genesis 3,1. Luther übersetzt den Beginn der Sündenfallgeschichte mit „Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde ...” In der Bibel in ge- rechter Sprache steht: „Die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf als alle anderen Tiere des Feldes ...” Damit solle das hebräische Wortspiel zwischen „nackt” Gen 2,25 und „klug”Gen. 3,1 wiedergegeben werden. Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Klaus Reichert, sagte, es gehe nicht an, den Text mit seinen für Leser aller Jahrhunderte schwierigen und dunklen Stellen in ein „Alltagsdeutsch” zu übersetzen. Der Text müsse auch sein Geheimnis und seinen Zauber wahren - eben alles, was nicht ge- wöhnlich sei. Auch sei es mehr als problematisch, das „angeblich Mitgemeinte” auch mit zu übersetzen. Die Sprache der Neuübersetzung sei nicht angemessen. Die Herausgeber der Bibel in gerechter Sprache streben nach eigener Aussage „keinen liturgischen Gebrauch dieser Übersetzung” an. Gleichwohl liegt bereits ein mehrbändiges Gottesdienstbuch in gerechter Sprache vor. FelixGrigatFAZ060216 Ist der der bekannteste Psalm wieder zu erkennen? Psalm 23 ist fast jedem von Kindheit an vertraut - sein eingängiger Wortlaut: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.” In der 'gerechten' Übersetzung heißt das nun: „Adonaj weidet mich, mir fehlt es an nichts. Auf grüner Wiese lässt Gott mich lagern, zu Wassern der Ruhe leitet Gott mich sanft.” Doch: Wo ist der Hirte geblieben, wo der Herr?
Politisch korrekt statt Luther. „Die Bibel in gerechter Sprache“ soll niemanden mehr kränken
Die neue Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache”, die nach fünf Jahren Arbeit auf der Buchmesse vorgestellt wurde, will nach Auskunft der Projektleiterin allen Gerechtigkeit widerfahren lassen: den Frauen, den Juden, den sozial Schwachen. Will sie auch dem biblischen Text selbst Gerechtigkeit widerfahren lassen? Daran zu zweifeln, gab die Vorstellung mit Kostproben des Textes durchaus Anlass. Denn ausreden lassen die Übersetzer dieser Bibel die biblischen Texte nicht. So mancher wird vertraute Texte nur schwer wieder erkennen. Das Johannes-Evangelium beginnt nicht mit dem bekannten und in der Literatur mehrfach zitierten Satz „Im Anfang war das Wort”, sondern „Am Anfang war die Weisheit” - um auf die Weisheitstradition, die hinter dem Johannes-Prolog steht, hinzuweisen. Noch augenfälliger ist die Übersetzung von Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue” (Luther) in der neuen Übersetzung, an der mehr als 50 Übersetzer beiderlei Geschlechts und beider Konfessionen ehrenamtlich gearbeitet haben: „Adonaj weidet mich, mir fehlt es an nichts. Auf grüner Wiese lässt Gott mich lagern.” In liturgischen Zusammenhängen werde er immer Luthers Übersetzung den Vorzug geben, gab der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), gleichzeitig Vorsitzender des Beirats, Steinacker, nicht gerade zur Freude seiner Kollegen zum besten. Denn in der Liturgie komme das kollektive Gedächtnis der Kirche zum Ausdruck, und ersetzen könne diese Bibel Luthers Text ohnehin nicht. Bei Gemeindevorträgen und seinen eigenen Predigten werde er die Übersetzung aber künftig zu Rate ziehen. Die EKHN, die fünf Jahre lang die Projektstelle mit einer vollen Pfarrstelle finanziert hat, finanzierte den größten Anteil der 400.000 Euro Spendengelder, die zur Verwirklichung nötig waren. Sie werde die Texte künftig testen. Auch wenn kirchliche Basisgruppen schon während der Übersetzung mit den Texten gearbeitet haben, dürfte Luther kaum seine Freude daran haben, wie Steinacker meinte. Denn dem Volk haben die Übersetzer nicht aufs Maul geschaut, sie haben sich vielmehr leiten lassen von feministischen oder befreiungstheolo- gischen Interessengruppen, die den Texten vor allem politisch korrekte Formulierungen angedeihen ließen. Als Entgegenkommen für jüdische Gläubige gaben die Übersetzer das Tetragramm (Jahwe), das Juden nicht aussprechen, sondern durch „Adonaj” (= Herr) ersetzen, ebenfalls mit „Adonaj” wieder. Gott habe in der Bibel einen unübersetzbaren Eigennamen, entziehe sich sprachlicher Festlegungen, hieß es erläuternd bei der Vorstellung. Beim Personalpronomen wird dann zwischen „Er“ und „Sie” gewechselt, aber auch zwischen „die Ewige” und „der Ewige”. Vom „Geist Gottes” ist wegen der angeblich autoritären Sprache nicht die Rede, statt des- sen von der „Geistkraft”. Das hebräische Ursprungswort (ruach) steht am Rand - nur den Sprachkundigen wird sich aber erschließen, dass ruach immer feminin ist. „Die einen kamen von der Geschlechtergerechtigkeit, die anderen vom christlich-jüdischen Dialog und wollten ihre Anliegen in der Übersetzung unterbringen”, verriet die Projektleiterin das jeweilige Vorverständnis der Übersetzer der im Gütersloher Verlagshaus er- schienenen Bibel. Diese hingegen machen es wie der Alttestamentler an der Kirchlichen Hochschule in Bethel Frank Crüsemann zum System, anderen Vorurteile, antijudaistische, frauenfeindliche und sozial diskriminie- rende Voreingenommenheit vorzuwerfen. Sie sehen den Splitter im Auge des anderen, den Balken im eigenen jedoch nicht. Crüsemann meint, diese Übersetzung lege durch ihr Glossar am Rand offen, was im Griechischen oder Hebräischen stehe. Er bezweifelte, dass Luthers Texte von Jugendlichen oder Strafgefangenen noch verstanden würden. Aber wäre es nicht Aufgabe der Theologen und Exegeten, sie zu erklären? Philologie, die sich noch nie in reiner Semantik erschöpfte, und Herme- neutik spielen hier ganz offenkundig keine große Rolle, vielmehr ein fast missionarisches Bemühen, es allen recht zu machen. Der Preis dafür ist hoch: Diese Texte wird sich niemand merken, weil sie keinen Rhythmus haben. HeikeSchmollFAZ061006
Foto: Verleger Ralf Markmeier, Peter Steinacker „Gerecht“ soll es zugehen in einer neuen Bibel - vor allem gendergerecht
Kann Gottes Wort übersetzt werden? Gott hat keine Muttersprache. Er war vor aller Sprache, ja vor aller Welt, die er schließlich vor Anfang aller Zeiten erschuf, indem er Sinn und Struktur, Sein und Zeit einführte. Die Bibel aber, ganz profan, muss übersetzt werden. Anders als für den Islam sind die Heiligen Schriften von Judentum und Christentum zwar göttlich inspiriert, aber ihr Text gilt nicht als göttlicher „O-Ton” wie der Koran, den der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed im edelsten Hocharabisch diktiert haben soll. Für Juden und Christen war die Offenbarung immer eine Übersetzungsfrage. Gottes Gesetz zu verkündigen bedeutete, die Bibel zu übersetzen. Auch die unterschiedlichen Kataloge und Kanones für das Buch der Bücher sind entstanden im Zusam- menhang mit Übersetzungen:der hebräischen und der griechischen, dann der lateinischen Bibel, Vulgata, also Volksbibel genannt, weil sie fürs Weströmische Reich die Volks- und Verwaltungssprache übernahm. Und wie stellt man nun fest, was eine gute Übersetzung ist? Als der hellenistische Diadochenkönig Ägyptens Ptolemaios Soter die berühmte Septuaginta-Übersetzung anfertigen ließ, die griechische Version des Alten Testaments, ließ er 72 jüdische Schriftgelehrte kommen, sechs aus jedem der zwölf Stämme Israels. Jedes Buch wurde daraufhin in der griechischsprachigen jüdi- schen Gemeinde Alexandrias vorgelesen. Und wie beim Bundesschluss des Gottesvolkes am Berge Sinai antwortete die Gemeinde einmütig: Ja, die Übersetzung sei „gut, fromm, und völlig genau”, das rechte Wort für den Gottesdienst. Wie eine Karikatur der alexandrinischen Übersetzerversammlung wirken heute Heraus- geberinnen und Herausgeber, Beraterinnen und Berater, Begleiterinnen und Unterstützer, Übersetzerinnen und Übersetzer, die Geschäftsführerin und die Spendenbeauftragte der „Bibel in gerechter Sprache” des Gü- tersloher Verlagshauses, die auf der Frankfurter Buchmesse vor- gestellt wurde. Sie entstand im progressiv- protestantischen Milieu, ist aber auch für den ökumenischen und für den jüdischchristlichen Dialog gemeint. Gut gemeint, aber völlig unleserlich, bildet sie die textliche Travestie eines Kommentars. „Gerecht” soll hier heißen: geschlechtergerecht. Zwar sagen auch die Übersetzerinnen, dass es die gerechte, einzig richtige Übersetzung gar nicht gebe. Man/frau wolle nicht behaupten, andere Übersetzungen seien ungerecht. Aber dieses Buch sei weniger ungerecht als andere. Gottes heiliger Eigenname im jüdischen Tetragramm, der liebe Gott der christlichen Hausbibel, der zürnende HERR im Himmel,der Abba-Vater des jüdischen Dissidenten Jesus von Nazareth und seiner Jünger werden nämlich gendergerecht ausbuchstabiert. Bei der Erschaffung der Menschen zu Gottes Ebenbilde heißt es: „Männlich und weiblich hat er, hat sie, hat Gott sie geschaffen.” Wer? Ist diese Gottheit in Wahrheit weiblich, obwohl sie bisher in den Bibeln aller Sprachen grammatisch männlich angesprochen wurde? Nein, nein - so werden wir in Einleitung und Kommentar und Anmerkungen der „Bibel in gerechter Sprache” gewarnt: „Sie-Er, die Lebendige, die Eine/der Eine, DU, die Heilige” sei eben weder männlich noch weiblich. Die meisten Leserinnen und Leser seien nur daran gewöhnt, „sich Gott in inneren und äußeren Bildern männlich vorzustellen”. Und deshalb muss nun gegengesteuert werden. Darum also wird der grammatisch plurale Gottesname Adonai zwar ehrfürchtig typographisch GESPERRT, aber durch eine Inflation an weiblichen Eigennamen Gottes konterkariert. So aber wird das jüdische Gebot, der Mensch solle sich von Gott kein Bild machen, eher verballhornt: Anstelle des HERRgottes läuft jedesmal eine gendergerechte Namensversammlung als Fußnote oder Kopfzeile mit. Das Bemühen um eine feministisch anschlussfähige Heilige Schrift widerspricht dem jüdischen und christlichen Wissen, dass der HERR in seiner Schechina zwar anwesend, aber zugleich verborgen ist. Denn JAHWE ist eben nicht „Dasein, Mitsein und Eintreten für etwas und jemand”, wie das Übersetzerkollektiv meint. Dasein tun nur unsere Mitmenschen. DER, DER IST, ist größer als alle Kommentare. OttoKallscheuerFAS061015
„Gott als stillende Mutter”
Nach der Veröffentlichung der „Bibel in gerechter Sprache” haben die evangelischen Christen im Rheinland nun auch eine Handreichung für den „gerechten Sprachgebrauch in Gottesdienst und Liturgie” heraus- gegeben. Das heiße zum Beispiel. „dass die Bibel Gott nicht nur als Mann beschreibt, sondern auch als gebärende Frau, als stillende Mutter, als Geburtshelferin und Haushälterin, als Bäckerin, Henne und als Gott der Weisheit”. Mit gerechtem Sprachgebrauch solle aber nicht nur die Dominanz männlicher Sprachformen durchbrochen werden. Auch im Blick auf Israel als das Volk Gottes sei der neue Sprachgebrauch um Ge- rechtigkeit bemüht; er spricht statt von „den Juden” von „jüdischen Autoritäten”. Die Handreichung wurde den 797 evangelischen Gemeinden im Rheinland zur Verfügung gestellt. Im Anhang finden sich Beispiele für Gebete, die anhand der „Bibel in gerechter Sprache” formuliert wurden. Sektenbildung Es war zu erwarten, dass der Virus der sogenannten „gerechten Sprache” in den Evangelischen Gemein- den weiter um sich greift. Nun sind den 797 evangelischen Gemeinden im Rheinland Vorschläge für den Gottesdienst unterbreitet und darin erläutert, wie die politisch korrekten Wendungen auch in Gebet und Liturgie eingehen könnten. Das Ergebnis ist so aberwitzig wie die„Bibel in gerechter Sprache”. Demnächst soll immer von „Väter und Mutter”, „Bruder und Schwester”, „Abraham und Sara” die Rede sein. Doch die weibliche Metaphorik sei kein Ziel an sich, sondern setze ein Bewusstsein in Gang, das Neues über Gott er- fahren lasse. Der sogenannte gerechte Sprachgebrauch wird vor lauter Gerechtigkeitsimpetus gegenüber allen (Mädchen und Jungen, Behinderten, Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, dem Volk Israel) niemandem gerecht, schon gar nicht Texten und Inhalten. Es handelt sich um eine ideologische Textmanipulation, deren Folgen theologisch nicht leichtzunehmen sind. Während die EKD von der Bedeutung der Rituale und sprachlicher Beheimatung spricht, schreitet die Sektenbildung etwa im Rheinland voran. Aber das hatte dem Protestantismus Troeltsch schon vor hundert Jahren ins Stammbuch geschrieben. ollFAZ070209 Über fünfzig meist evangelische Theologinnen und wenige Theologen haben eine Bibelübersetzung mit dem Titel „Bibel in gerechter Sprache” erstellt. Ein theologischer Beirat unter dem Vorsitz des Präsidenten der evangelischen Christen von Hessen-Nassau, Peter Steinacker, hat das Übersetzungsprojekt über fünf Jahre begleitet und finanziell und organisatorisch unterstützt. Die Alttestamentlerin der Universität Graz, Irmtraud Fischer, stimmt ein Loblied auf die neue Übersetzung an. Ziel der Übersetzung sei es „Diskriminierungen zu vermeiden.” Dies geschieht etwa durch eine „geschlechtergerechte Sprache”, die etwa den hebräischen Be- griff „benej” nicht allein mit Söhne sondern mit Kinder übersetzt, oder die griechischen „adelphoi” nicht nur mit Brüder, sondern mit Geschwister oder Brüder und Schwestern wiedergibt. Daneben richtet sich die neue Übertragung gegen eine „Verschleierung von ungerechten Herrschafts- verhältnissen”. die man in der Übersetzung „Knecht und Magd” statt „Sklave und Sklavin” gegeben sieht. Problematisch wird es bei den Gottesbezeichnungen: Wegen „männlicher Engführung” wird etwa „der Herr” als Ersatz für den Gottesnamen Jahwe ausdrücklich abgelehnt. Als Alternative werden zum Beispiel „der Ewige, die Ewige, die Lebendige, der Lebendige, die Heilige, der Heilige” verwendet. Die schwerwiegenden Eingriffe der neuen Übersetzung in das Neue Testament werden von Fischer gutgeheißen: Die Vater- beziehung Jesu dominiert die Gottesvorstellung und hat im Laufe der Christentumsgeschichte zu einer männ- lichen Engführung geführt.” Darum überträgt die „Bibel in gerechter Sprache” „die Rede vom „Vater” mit „Gott, Vater und Mutter”. Aus dem vertrauten „Vater unser im Himmel” Mt 6,9 wird nun die Anrede: „Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel”. Das wird für manche gewöhnungsbedürftig sein. Ludger Schwienhorst-Schönberger, Alttestamentler in Passau, kritisiert die „geschlechtergerechte Sprache”. Eine Feminisierung liegt zum Beispiel vor, wenn „Schriftgelehrte” mit „toragelehrte Frauen und Männer” über- setzt wird. Eine Neutralisierung liegt vor, wenn „ein Aussätziger” Mk 1,40 mit „eine schwerkranke Person” wiedergegeben wird. Ein Beispiel dafür, wie sehr diese Eingriffe in den Schrifttext auch den Sinn verändern ist die Übersetzung „Bauersleute gingen hinaus, um zu säen” wo es bei Markus nach der Einheitsübersetzung heißt „Ein Sämann ging aufs Feld”. Wesentlich schwerwiegender sind Fehlübersetzungen, die christologische Aussagen verschwinden lassen, etwa wenn es heißt „Du bist mein geliebtes Kind, über dich freue ich mich” statt „Du bist mein geliebter Sohn” Mk 1,11. So werden in den ausschließlich aus Männern bestehenden Apostelkreis durch das Mittel der Feminisierung Frauen eingeschleust: „Die Apostelinnen und Apostel versammelten sich um Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten” Mk 6,30. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott” – der Anfang des Johannes-Evangeliums – heißt jetzt: „Im Anfang war die Weisheit und die Weisheit war bei Gott” Joh 1,14. Sowohl der Bezug zur Schöpfung durch das Wort wie die Logos-Christologie bleiben dabei auf der Strecke. „Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzig geborenen Sohnes vom Vater” wird in „gerechter Sprache” zu: „Und wir sahen ihren Glanz, einen Glanz wie den eines einzig geborenen Kindes von Mutter und Vater”. Schwienhorst-Schönberger kritisiert vor allem die Übersetzung des Gottesnamens Jahwe mit verschiedenen aus dem Judentum übernommenen Namen, wobei „ausgerechnet diejenige jüdische Tradition übergangen wird, die für die christliche Tradition bestimmend wurde: die Wiedergabe des Gottesnamens JHWH mit Kyrios ,Herr’ in der Septuaginta. In dieser Tradition steht auch das Neue Testament. Konsequent wird auch Jesus nicht mehr ,Herr’ genannt: Maria Magdalena sagt nicht mehr „Ich habe den Herrn (ton kyrion) gesehen” sondern „Ich habe Jesus den Lebendigen gesehen”. Der Passauer Alttestamentler beurteilt die „Bibel in ge- rechter Sprache” als eine Fortschreibung der Heiligen Schrift und nicht als eine Übersetzung. Die Probleme, die sie lösen will, gehören für ihn zum Bereich der Kommentierung und Auslegung der Schrift. Die Über- setzungsleistung hält der Alttestamentler „alles in allem gesehen für nicht akzeptabel”. MichaelKargerDT070227 Das 1998 in Auftrag gegebene Papier zum „gerechten Sprachgebrauch” soll wegen der innerkirchlichen Diskussion überarbeitet werden. Der lutherische Konvent im Rheinland hatte kritisiert, dass ein Gottesdienst, in dem das Phantom einer dreieinen Göttin angebetet werde, eine „häretische Kultveranstaltung” sei. Der für die Handreichung verantwortliche bekräftigte hingegen: „Wir halten an dem Anliegen des vielfältigen Redens von Gott fest.” ollFAZ070309 Die „Bibel in gerechter Sprache” reizt viele Theologen zum Widerspruch - insbesondere wegen ihrer Glättungen, die das eigentlich Gemeinte zurechtbiegen - im Sinne der Gerechtigkeit. Ein Beispiel liefern hier die berühmten Antithesen, die Jesus in der Bergpredigt im Matthäus-Evangelium verkündet: „Ihr habt gehört, dass da gesagt ist: ,Auge um Auge, Zahn um Zahn'. Ich aber sage Euch ...” Mt 5,38.39 So setzte die Luther- Übersetzung Jesus in Widerspruch zur jüdischen Tradition, während die „gerechte” Bibel lapidar Jesus sagen lässt: „Ich lege euch das heute so aus.” Als eine Meinung unter vielen. cfMichaelMBergerHAZ070309
Tango am Altar
57 Gotteshäuser in Hannover bieten eine Lange Nacht für Tanz, Kultur, Gespräche und mehr
Garantiert anders als der Gottesdienst am Sonntag: Die Kirchen der Stadt laden wieder zur „Langen Nacht" ein. Zum fünften Mal laden sie ein mit Kulturangeboten, Gesprächsrunden oder besonderen Formen der Andacht überraschen. 350 Veranstaltungen an 57 Orten wird es bei der „Langen Nacht der Kirchen" geben, die um 18 Uhr beginnt und mancherorts bis nach Mitternacht dauert. Das Motto lautet dieses Mal „Licht und Schatten", womit die Veranstalter auf die besondere Stimmung der abendlichen Veranstaltung ebenso anspielen wie auf die Licht- und Schattenseiten des Lebens. Organisiert wird die alle zwei Jahre stattfindende Kirchennacht vom evangelisch-lutherischen Stadtkirchen- verband. Die Veranstaltung sei auch insgesamt „ein gemeinsames Projekt mit vielen eigenen Ausprägungen", wie Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemannn bei der Vorstellung des Programms in der Lister Matthäus- kirche meinte. Der Theologe, der seit Juni im Amt ist, erlebt seine erste hannoversche Kirchennacht. Bisher kennt er eine vergleichbare Veranstaltung von seinem früheren Wirkungsort Wiesbaden. „Jetzt bin ich neu- gierig auf den Abend in Hannover." Schon der Ort der Programmpräsentation steht stellvertretend für die ungewöhnlichen Erlebnisse, die in den Kirchen möglich sein werden: Die Matthäuskirche lockt dann als Tango“kirche" Foto oben, sie wird zum Tanzsaal mit Vorführungen, aber auch genug Gelegenheit zum Mittanzen. „Wir wollen Weltliches und Spirituelles zusammenbringen", sagt Manfred Büsing, der den Abend konzipiert hat. Das gilt auch für die Programmgestalter in der Christuskirche, die zum Themenabend „Alles Fußball...?" einladen.Stefan Kiefer, Referent im Haus Kirchlicher Dienste und bei Hannover 96 mitverantwortlich für das ehrenamtliche „Volunteer- Projekt". Tanz vorm Altar: In der Matthäuskirche treten Manfred Büsing und Sandra Deike bei der Kirchennacht mit Tangovorführungen auf. Dröse ist es gelungen, unter anderem Klubchef Martin Kind, Sportdirektor Jörg Schmadtke und Torwart Florian Fromlowitz sowie die hannoversche FIFA-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus für Talkrunden zu gewinnen. Insgesamt bieten die Kirchen 22 Themenabende an - dazu gehören auch die bereits bewährte „Brasilianische Nacht" in der St.-Thomas-Kirche, Gospels in der Erlöserkirche, Kabarett in der Matthäikirche oder das „Candlelight-Krimidinner" der Bodelschwinghkirche. Die Gotteshäuser, die ihre Ange- bote unter kein Motto stellen, haben gemischte Programme vorbereitet, bei denen sich Konzerte, Lesungen, Theater, bildende Kunst und Meditation abwechseln. Prinzip der Veranstaltung sei das „Kommen und Gehen", erläutert Insa Becker-Wook vom Stadtkirchen- verband. Die Angebote seien mit kurzen Programmpunkten bewusst so gestaltet, dass die Besucher sich von Kirche zu Kirche bewegen und stets neue Eindrücke sammeln können. Einzige Ausnahme: das „Candlelight- Dinner", für das eine Anmeldung unter der Adresse krimidinner.kirche@t-online.de erforderlich ist. Mehr Infor- mationen gibt es im Internet unter www.langenachtderkirchen.de. Die Programmhefte liegen zudem in allen teilnehmenden Kirchen aus. HAZ100826StefanieKaune
Pfarrer Fliege macht Reibach im Esoterik-Business
Umtriebiger Unternehmer: Jürgen Fliege, Erfinder der „Fliege-Essenz"
Er ist Deutschlands bekanntester TV-Pfarrer, 2009 erhielt Jürgen Fliege das Bundesverdienstkreuz. Doch jetzt gerät der 64-Jährige ins Visier der Hamburger Sektenexpertin Ursula Caberta. In ihrem „Schwarzbuch Esoterik" erhebt die Autorin schwere Vorwürfe gegen den Moderator. „Er scheint seine Prominenz zu nutzen, um Esoterik-Scharlatane hoffähig zu machen." Tatsächlich ist Fliege laut „Bild am Sonntag" im Esoterik-Geschäft sehr aktiv. Auf seiner Homepage verkauft er „Fliege-Essenz", von der er sagt: „Ich habe über sie gebetet wie über Weihwasser. Ich habe immer wieder meine Hände aufgelegt, um den Trost und die Kraft in die Essenz zu geben." 39,95 Euro kosten 95 ml. Zudem veranstaltet Flieges Verlag jährlich den Fünf-Tage-Esoterik-Kongress Wörishofener Herbst. Preis pro Ticket: 210,45 Euro. Als besonders brisant gilt Flieges Einsatz für Aquapol, einen Raumtrockner, der angeblich Feucht- moleküle im Mauerwerk umpolen und ins Erdreich zurückschicken kann - für 4.000 Euro das Stück. Chef der Herstellerfirma ist der Österreicher Wilhelm Mohorn, ein Scientology-Mitglied. Fliege macht hierfür Anzeigenwerbung und hat das Produkt laut „BamS" in seinen Shows mehrfach empfohlen. HA110808 In einem Interview mit der “Evangelischen Zeitung” sagte der ehemalige Pfarrer Jürgen Fliege, er habe “durch diesen spirituellen Versuch” (mit der Fliege-Essenz) “nicht einen Cent verdient”. Eine Flasche, 95 ml, kostet 39,95 Euro. Er habe bisher 136 Flaschen verkauft von denen er “irgendwas unter fünf Euro” erhalte. HA110811gen
Pfarrermangel droht
Deutschlands Protestanten droht ein Pfarrermangel. „Wir sehen mit großer Sorge, dass die pastorale Versorgung in 15 Jahren nicht mehr gewährleistet ist", erklärte der Vorsitzende des Verbandes Evange- lischer Pfarrer, Klaus Weber, in Rostock. In allen Landeskirchen gingen deutlich mehr Geistliche in den Ruhestand, als es Theologiestudierende gebe. Während 1992 noch 8.500 junge Menschen Theologie mit dem Berufsziel des Pfarrers studiert hätten, seien es heute nur noch 2.300, so Weber. HAZ100915kna Von 2020 an würden starke Pfarrer-Jahrgänge in der Ruhestand treten. Als Beispiel nannte Weber Bayern, wo dann von derzeit 2.600 Pfarrern rund 1.000 ausschieden. Jährlich sei mit etwa 50 Neueinstellungen zu rechnen. Schätzungen zufolge werden die evangelischen Kirchen in Deutschland 2030 ein Drittel weniger Mitglieder haben als heute, sagte er. Schon jetzt seien etwa in Mecklenburg-Vorpommern Pfarrer für Dutzende Gemeinden zuständig, der wichtige persönliche Kontakt reiße ab. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an die Pfarrer, wie Weber sagte. dpa100918NFP Künftig werde es immer größere Gemeinden geben, in denen Gottesdienste nur noch mit Hilfe von ehren- amtlichen Predigern durchführbar seien. "Kann das wirklich der Weg der Zukunft sein?", sagte Weber. "Ich glaube es nicht." Praktische Erfahrungen in einer Großgemeinde sammelt bereits der Vorsitzende des Vereins mecklenburgischer Pastoren, Jochen Meyer-Bothling. In der Nähe von Wismar ist er für die seelsorgerliche Betreuung von 1.700 Menschen in 60 Dörfern zuständig. Persönliche Kontakte seien da fast unmöglich. "Sie müssen aber ein Bild von den Menschen vor Augen haben, wenn sie mit ihnen reden", sagte Meyer- Bothling. Auch in Mecklenburg werde es mit der Zahl der Pfarrer in den nächsten Jahren "bannig bergab" gehen.
S Präses Nikolaus Schneider
Nach einem turbulenten Jahr wählte die EKD ihren Ratsvorsitzenden als Nachfolger für Margot Käßmann. Präses Nikolaus Schneider will offensiver als bisher auftreten. FAZ101106
Mehr Gemeinsamkeiten
Die katholische Kirche habe mehr Gemeinsamkeiten mit den protestantischen als mit den orthodoxen Kirchen. Das sagte der Augsburger evangelische Theologe Bernd Oberdorfer bei einer zweitägigen inter- nationalen Konferenz mit dem Titel „Katholizismus heute: Ökumenische Perspektiven“ in Rom. Die Lutherstadt Wittenberg sei Rom theologisch näher als Konstantinopel oder Moskau, betonte der Theologe. Der Vernunft- begriff Papst Benedikts XVI. sei spezifisch abendländisch geprägt. Schwierig sei Benedikts Auffassung, Kirche im eigentlichen Sinne sei nur die katholische Kirche, so Oberdorfer. Der Papst vertrete jedoch eine „dynamische Ekklesiologie“, wonach Kirche sich auch in der Glaubensverkündigung anderer christlicher Konfessionen „ereignen“ könne. Die Konferenz fand im protestantischen Melachthon Zentrum für Ökumene in Rom statt. RV101106kipa "Denken des Papstes bietet Perspektiven" In seinem Vortrag über "Die Ökumenische Theologie Joseph Ratzingers" legte der evangelische Theologe Thorsten Maßen dar, dass das Gespräch mit den anderen christlichen Konfessionen und das Bemühen um eine Einheit der Kirche ein wichtiger Bestandteil im Denken des heutigen Papstes sei. Dieser werde oft zu Unrecht als Kronzeuge von jenen Kräften angeführt, die der Auffassung seien, die katholische Kirche genüge sich selbst und bedürfe des Gesprächs mit anderen Konfessionen nicht. KathWeb
|