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Sonntag - Tag des Herrn    -     Predigt des Papstes im Wiener Stephansdom

B-WSt03x B-WSt02x

Predigt von Papst Benedikt XVI. bei der Sonntagsmesse im Wiener Stephansdom   

B-Wien-19xx

Liebe Brüder und Schwestern!
 
“Sine dominico non possumus!” “Ohne die Gabe des Herrn, ohne den Tag des Herrn können wir nicht leben”: So antworteten im Jahr 304 Christen aus Abitene im heutigen Tunesien, die bei der verbotenen sonntäglichen Eucharistiefeier ertappt und vor den Richter geführt wurden. Sie wurden gefragt, wieso sie den christlichen Sonntagsgottesdienst hielten, obgleich sie wussten dass darauf die Todesstrafe stand. “Sine dominico non possumus”: In dem Wort dominico sind zwei Bedeutungen unlöslich mit- einander verflochten, deren Einheit wir wieder wahrzunehmen lernen müssen. Da ist zunächst die Gabe des Herrn - diese Gabe ist er selbst: der Auferstandene, dessen Berührung und Nähe die Christen ein- fach brauchen, um sie selbst zu sein. Aber dies ist eben nicht nur eine seelische, inwendige, subjek- tive Berührung: die Begegnung mit dem Herrn schreibt sich in die Zeit ein mit einem bestimmten Tag. Und so schreibt sie sich in unser konkretes, leibhaftiges und gemeinschaftliches Dasein ein, das Zeit- lichkeit ist. Sie gibt unserer Zeit und so unserem Leben als ganzem eine Mitte, eine innere Ordnung. Für diese Christen war die sonntägliche Eucharistiefeier nicht ein Gebot, sondern eine innere Notwendigkeit. Ohne den, der unser Leben trägt, ist das Leben selbst leer. Diese Mitte auszulassen oder zu verraten, würde dem Leben selbst seinen Grund nehmen, seine innere Würde und seine Schönheit.
   Geht diese Haltung der Christen von damals auch uns Christen von heute an? Ja, auch für uns gilt, dass wir eine Beziehung brauchen, die uns trägt, unserem Leben Richtung und Inhalt gibt. Auch wir brauchen die Berührung mit dem Auferstandenen, die durch den Tod hindurch uns trägt. Wir brauchen diese Begegnung, die uns zusammenführt, die uns einen Raum der Freiheit schenkt, uns über das Getriebe des Alltags hinausschauen lässt auf die schöpferische Liebe Gottes, aus der wir kommen und zu der wir gehen.
   Wenn wir nun freilich auf das heutige Evangelium hören, auf den Herrn, der uns da anredet, dann erschrecken wir. “Wer nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet und nicht auch alle Familienbin- dungen lässt kann mein Jünger nicht sein.” Wir möchten dagegenhalten: Was sagst du denn da, Herr? Braucht die Welt nicht gerade die Familie? Braucht sie nicht die Liebe von Vater und Mutter, die Liebe zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau? Brauchen wir nicht die Liebe zum Leben, die Freude am Leben? Und brauchen wir nicht auch Menschen, die in die Güter dieser Welt investieren und die uns gegebene Erde aufbauen, sodass alle an deren Gaben teilhaben können? Ist uns denn nicht auch die Entwicklung der Erde und ihrer Güter aufgetragen? Wenn wir dem Herrn genauer zuhören und ihm vor allem zuhören im ganzen dessen, was er sagt, dann verstehen wir, dass Jesus nicht von allen Menschen das Gleiche verlangt. Jeder hat seinen eigenen Auftrag und die ihm zugedachte Weise der Nachfolge.  Im heutigen Evangelium spricht Jesus unmittelbar von dem, was nicht Auftrag der vielen ist, die sich auf dem Pilgerweg ihm nach Jerusalem angeschlossen hatten, sondern die besondere Beru- fung der Zwölf. Die müssen zunächst den Skandal des Kreuzes bestehen, und sie müssen dann bereit sein, wirklich alles zu lassen, den scheinbar absurden Auftrag anzunehmen, bis an die Enden der Erde zu gehen und mit ihrer geringen Bildung einer Welt voll von Wissensdünkel und scheinbarer oder auch wirklicher Bildung - und natürlich auch besonders den Armen und Einfachen - das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Sie müssen bereit sein, auf ihrem Weg in die weite Welt selbst das Martyrium zu erleiden, um so das Evangelium vom Gekreuzigten und Auferstandenen zu bezeugen. Wenn Jesu Wort auf dieser Pilgerschaft nach Jerusalem, in der eine Masse mit ihm geht, zunächst die Zwölf trifft, so reicht sein Ruf natürlich über den historischen Augenblick in alle Jahrhunderte hinein. In allen Zeiten ruft er Menschen, alles auf ihn zu setzen, alles andere zu lassen, ganz für ihn und so ganz für die anderen da zu sein: Oasen der selbstlosen Liebe in einer Welt zu bauen, in der so oft nur Macht und Geld zu zählen scheinen. Danken wir dem Herrn, dass er uns in allen Jahrhunderten Männer und Frauen geschenkt hat, die seinetwegen alles andere gelassen haben und zu Leuchtzeichen seiner Liebe geworden sind. Denken wir nur an Menschen wie Benedikt und Scholastika, wie Franz und Klara von Assisi, Elisabeth von Thüringen und Hedwig von Schlesien, wie Ignatius von Loyola, Teresa von Avila bis herauf zu Mutter Teresa und Pater Pio. Diese Menschen sind mit ihrem ganzen Leben Auslegung von Jesu Wort geworden, das in ihnen uns nah und verständlich wird. Bitten wir den Herrn, dass er auch in unserer Zeit Menschen den Mut schenkt, alles zu lassen und so für alle da zu sein.
 Wenn wir uns aber nun von neuem dem Evangelium zuwenden, können wir wahrnehmen, dass der Herr darin doch nicht nur von einigen wenigen und ihrem besonderen Auftrag spricht; der Kern dessen, was er meint, gilt für alle. Worum es letztlich geht, drückt er ein anderes Mal so aus: “Wer sein Leben ret- ten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber an seiner Seele Schaden leidet?” Wer sein Leben nur haben, es nur für sich selber nehmen will, der verliert es. Nur wer sich gibt, empfängt sein Leben. Anders gesagt: Nur der Liebende findet das Leben. Und Liebe verlangt immer das Weg- gehen aus sich selbst, verlangt immer sich selber zu verlassen. Wer umschaut nach sich selbst, den anderen nur für sich haben will, der gerade verliert sich und den anderen.  Ohne dieses tiefste Sich- Verlieren gibt es kein Leben. Die rastlose Gier nach Leben, die die Menschen heute umtreibt, endet in der Öde des verlorenen Lebens. “Wer sein Leben um meinetwillen verliert...”, sagt der Herr: Ein letztes Loslassen unserer Selbst ist nur möglich, wenn wir dabei am Ende nicht ins Leere fallen, sondern in die Hände der ewigen Liebe hinein. Erst die Liebe Gottes, der sich selbst für uns und an uns verloren hat, ermöglicht auch uns, frei zu werden, loszulassen und so das Leben wirklich zu finden. Das ist die Mitte dessen, was uns der Herr in dem scheinbar so harten Evangelium dieses Sonntags sagen will. Mit seinem Wort schenkt er uns die Gewissheit dass wir auf seine Liebe, die Liebe des menschgewordenen Gottes, bauen können. Dies zu erkennen ist die Weis- heit, von der die erste Lesung gesprochen hat. Wiederum gilt, dass alles Wissen der Erde uns nichts nützt, wenn wir nicht zu leben lernen, wenn wir nicht erlernen, worauf es im Leben wahrhaft ankommt.
  “Sine dominico non possumus!” Ohne den Herrn und ohne den Tag, der ihm gehört, gerät das Leben nicht. Der Sonntag hat sich in unseren westlichen Gesellschaften gewandelt zum Wochenende, zur freien Zeit. Die freie Zeit ist gerade in der Hetze der modernen Welt gewiss etwas Schönes und Not- wendiges. Jeder von uns weiß das. Aber wenn die freie Zeit nicht eine innere Mitte hat, von der Orientierung fürs Ganze ausgeht, dann wird sie schließlich zur leeren Zeit, die uns nicht stärkt und nicht aufhilft. Die freie Zeit braucht eine Mitte - die Begegnung mit dem, der unser Ursprung und Ziel ist. Mein großer Vorgänger auf dem Bischofsstuhl von München und Freising, Kardinal Faulhaber, hat das einmal so ausgedrückt: “Gib der Seele ihren Sonntag, gib dem Sonntag seine Seele.”
   Gerade weil es am Sonntag zutiefst um die Begegnung mit dem auferstandenen Christus in Wort und Sakrament geht, umspannt sein Radius die ganze Wirklichkeit. Die frühen Christen haben den ersten Tag der Woche als Herrentag begangen, weil er der Tag der Auferstehung war. Aber sehr bald ist der Kirche auch bewusst geworden dass der erste Tag der Woche der Tag des Schöpfungsmorgens ist, der Tag, an dem Gott sprach: “Es werde Licht”
Gen 1,3.
   Deshalb ist der Sonntag auch das wöchentliche Schöpfungsfest der Kirche - das Fest der Dankbar- keit für Gottes Schöpfung und der Freude über sie. In einer Zeit, in der die Schöpfung durch unser Menschenwerk vielfältig gefährdet scheint, sollten wir gerade auch diese Dimension des Sonntags bewusst aufnehmen. Für die frühe Kirche ist dann auch immer mehr in den ersten Tag das Erbe des siebten Tages, des Sabbats, eingegangen. Wir nehmen teil an der Ruhe Gottes, die alle Menschen umfasst. So spüren wir an diesem Tag etwas von der Freiheit und Gleichheit aller Geschöpfe Gottes.
   Im Tagesgebet des heutigen Sonntags erinnern wir uns zunächst daran, dass Gott uns durch seinen Sohn erlöst und als seine geliebten Kinder angenommen hat. Wir bitten ihn dann, dass er voll Güte auf die christgläubigen Menschen schaue und dass er uns die wahre Freiheit und das ewige Leben schenken wolle. Wir bitten um den Blick der Güte Gottes. Wir selber brauchen diesen Blick der Güte über den Sonntag hinaus in den Alltag hinein. Bittend wissen wir, dass dieser Blick uns schon ge- schenkt ist. Mehr noch, wir wissen, dass Gott uns als seine Kinder adoptiert, uns wirklich in die Gemeinschaft mit sich selbst aufgenommen hat. Kindsein bedeutet - das wusste die alte Kirche - ein Freier sein, kein Knecht, sondern selbst der Familie zugehörig. Und es bedeutet Erbe sein. Wenn wir dem Gott zugehören, der die Macht über alle Mächte ist, dann sind wir furchtlos und frei. Und dann sind wir Erben. Das Erbe, das er uns vermacht hat, ist er selbst, seine Liebe. Ja, Herr, gib uns, dass uns dies tief in die Seele dringt und dass wir so die Freude der Erlösten erlernen. Amen.

Biblische Forschung AlfonsDeissler  Prof. Alfons Deissler zur Heiligung des Sabbats

Deut. 5,12-15 Halte den Sabbattag, um ihn zu heiligen, wie Jahwe, dein Gott, dir geboten hat. 13 Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk verrichten. 14 Am siebten Tag ist „Ruhe” schabat für Jahwe, deinen Gott. Da wirst du keinerlei Werk tun, weder du noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Ochs, noch dein Esel, noch dein Vieh, auch nicht der Fremde, der in deinen Toren weilt, damit  dein Knecht und deine Magd ruhen können wie du. 15 Denke daran, dass du Knecht warst im Land Ägypten, und dass Jahwe, dein Gott, dich her- ausgeführt hat mit starker Hand und ausgestrecktem Arm. Darum gebietet dir Jahwe, dein Gott, den Sabbattag zu halten.

1. WORT AN ISRAEL
   Diese deuteronomische Formulierung verweist auf das Sabbatgebot

Ex 20,8-11   Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!  Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat.  Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.
Ex 23,12   Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen.
Ex 34,21 Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tag sollst du ruhen; selbst zur Zeit des Pflügens und des Erntens sollst du ruhen.

    Der Ursprung der typisch hebräischen Feier des je siebten Tages des Zeitablaufs liegt immer noch im Dunkeln. Wahrscheinlich haben schon die Nomaden, die ursprünglich vorab Mondgottverehrer waren, nach dem Rhythmus der Mondphasen (4x7 Tage - „Mond” - Monat!) ihren Lebensablauf „gegliedert”.
    Israel hat auch nach der Landnahme den alten Brauch beibehalten, ja noch „profiliert”, allerdings, wie gerade unser Text zeigt, in einer mehr sozialen als kultischen Ausprägung. Es handelt sich dabei um eine Art „Zeitbrache für Jahwe”, aber für Jahwe als Befreiergott. Deshalb muss dieser Tag Mensch und Vieh „freisetzen” aus  der  Gebundenheit  an  Arbeit  und  Erwerb während der übrigen sechs Tage (- Werktage!). Darum finden wir in
Mk 2,27 das erstaunliche Wort Jesu:

„Der Sabbat ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch um des Sabbats willen."

   In der Tat ist Jahwe nicht ein Gott eines abstrakten Ordnungs- und Wertgefüges, in das sich der Mensch, sich selbst verkürzend, „einzubeugen” hat, sondern ein Gott des „Menschseins des Men- schen”, wie gerade die Begründung des Sabbatgebotes so instruktiv dartut.

2. WORT AN UNS
  Das Christentum hat (unter Abwehr eines rigorosen „Sabbatismus”) das Wochenschema Israels über- nommen, dabei aber in Erinnerung an das Auferstehungsereignis den Sonntag (erster Tag der Woche!) an die Stelle des Sabbats gesetzt. Der Akzent rückte hiermit anscheinend mehr auf das kultische Moment - entsprechend den sabbatlichen Synagogengottesdiensten des Spätjudentums. Aber diese Akzentverschiebung, welche das „Feiern” im Sinne einer Arbeitsruhe in den Hintergrund drängte (am meisten bei den romanischen Völkern der Römischen Kirche!), war eine fragwürdige Art von „Befreiung vom Gesetz”. Die Arbeit hat ja ein Janus-Gesicht: sie kann ebenso der Selbstverwirklichung des Menschen wie auch seiner Selbstentfremdung und Versklavung dienen. Und dieses zweite war selbst in der früheren Epoche des Ackerbaus und Handwerks zu oft Realität; erst recht gilt dies für viel zu viele Menschen im Industriezeitalter. Die Entwicklung der Technik und vorab die aus der Forderung nach Wirtschaftlichkeit erfließende technische Rationalisierung führen in vielen Bereichen der Arbeitswelt zu Formen, die den arbeitenden Menschen nicht „erfüllen”, sondern „auslaugen”. Von da aus gewinnt die „Freizeit” einen geradezu qualitativen Rang für das Menschsein des Menschen; sie ist also keineswegs nur Erholungspause zum Sammeln neuer Kräfte für die Arbeit.
   Das Sabbatgebot Israels hat bereits diese Dimension des authentisch Humanen. Unsere deutero- nomische Begründung mit der Vergegenwärtigung der Herausführung aus der ägyptischen Sklaverei stellt damit den Sabbat unter den Gedanken des „befreiten Daseins”. Aber auch die mit dem Hinweis auf
Genesis 1 operierende Deutung des Sabbats von Ex 20,11 führt zu ähnlicher Sicht.

Ex 20,11 Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.

   Diese Sicht verbindet den Sabbat mit der Vorstellung vom ewigen Schöpfungssabbat Gottes mit seinem eschatologischen Horizont. So wird das sabbatliche „Aufatmen” des Menschen Ex 23,12 zu einem Nachbild des „Aufatmens Gottes” Ex 31,17 und damit zu einem Vorausbild ewiger Fülle in Selbst- habe.

Ex 23,12   Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen. Ex 31,17 Für alle Zeiten wird er ein Zeichen zwischen mir und den Israeliten sein. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht; am siebten Tag ruhte er und atmete auf.

  Daran wird Israel auch dadurch erinnert, dass die sechs Werktage gleichsam hinauflaufen zum Sabbat als dem siebten Tag und damit als dem „Tag der Fülle”. Er hatte, wie aus Hos 2,13 und Jes 1,13 hervorgeht, deshalb auch einen ausgesprochen festlich-frohen Charakter.

Hos 2,13 Ich mache all ihren Freuden ein Ende, ihren Feiern und Neumondfesten, ihren Sabbaten und den anderen festlichen Tagen. Jes 1,13 Bringt mir nicht länger sinnlose Gaben, Rauchopfer, die mir ein Greuel sind. Neumond und Sabbat und Festversammlung Frevel und Feste ertrage ich nicht.

   Ist es aber kein Widerspruch, wenn ein solcher „Tag des Menschen” in unserem Text 5,14 „Tag für Jahwe” genannt wird? Keineswegs. Denn Jahwe (als Jahwe!) ist der Gott der Zuwendung zu Welt und Mensch, und so wird sein Sabbat zu einem „Tag um des Menschen willen” Mk 2,27.

 Deut 5,14 Am siebten Tag ist „Ruhe” schabat für Jahwe, deinen Gott. Da wirst du  keinerlei Werk tun, weder du noch dein Sohn,  noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Ochs, noch dein Esel, noch dein Vieh, auch nicht der Fremde,  der in deinen Toren weilt, damit  dein Knecht und deine Magd ruhen können wie du.  Mk 2,27 Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.

   Wir Christen müssten unseren Sonntag vom alttestamentlichen Sabbat her neu überdenken. Auf den Kirchgang allein hin sollte er nicht begriffen werden, sondern auch auf seinen verheißenden Charakter eines „befreiten Daseins” hin. Glorie und Glück unseres auferweckten „erstgeborenen Bruders” vgl. Röm 8,29 Jesus Christus kommen dann wie von selbst in den Blick.

Röm 8,28-29  Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind;  denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei.

   Nach solch neuem Bedenken würde aber auch der sonntägliche „Gottesdienst” ein neues Profil gewinnen können, das in ihm selbst bereits prinzipiell enthalten ist. „Gottesdienst” ist biblisch ja immer auch ein Ereignis, in welchem Gott sich „dienend” der Gemeinde und damit dem Menschen zuwendet. Die Eucharistiefeier führt in dieser Hinsicht das altbundliche Pesach-Mahl und die Communio-Opfer am Tempel (Schlachtopfer, Friedopfer) in ihre Vollendung. Denn die dominanten Worte der eucharistischen Feier lauten: „Nehmet hin und esset!” - „Nehmet hin und trinket!” Hier wird bereits Luk 12,37 erste Wirklichkeit:

Luk 12,37 „Wohl jenen Knechten, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet! Wahrlich ich sage euch: Er umgürtet sich und heißt sie, sich zu Tisch zu setzen, und er tritt hinzu und bedient sie."

   Das „Humanum” kommt also in der (vom Sonntagsgebot der katholischen Kirche als Verpflichtung auferlegten) Eucharistiefeier in einer Weise zum Zuge, dass der Teilnehmer „mehr Mensch” wird in ihr, weil er das „Du” Gottes und Jesu und das „Wir” der Mitfeiernden so erfahren kann, wie es kein Alltag zu schenken vermag. Freilich müsste dann auch die neubundliche Liturgie in ihrer konkreten Gestaltung „ein Fröhlichsein vor Jahwe” sein - so nennt das Deuteronomium die Tempelfeiern, vgl. Deut. 12,12. 18 u.a.

Deut 12,12 Dort sollt ihr vor dem Herrn, eurem Gott, fröhlich sein, ihr, eure Söhne und Töchter, eure Sklaven und Sklavinnen sowie die Leviten, die in euren Stadtbereichen Wohnrecht haben; denn der Levit hat nicht wie ihr Landanteil und Erbbesitz. Deut 12,18 Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du sie [den Zehnten von Korn, Wein und Öl verzehren, die Erstlinge von Rindern, Schafen und Ziegen, alle Gaben, die du dem Herrn gelobt hast, die freiwilligen Gaben und deine Handerhebungsopfer] verzehren, an der Stätte, die der Herr, dein Gott, auswählen wird - du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin sowie die Leviten, die in deinen Stadtbereichen Wohnrecht haben -, und du sollst vor dem Herrn, deinem Gott, fröhlich sein und dich freuen über alles, was deine Hände geschafft haben.        
Aus: Alfons Deissler: Ich bin dein Gott, der dich befreit hat. ISBN 3-451-17187-2

Kaufhof-x  Der Mensch ist keine Maschine

Warum der Staat den Sonntag vor dem Zugriff des Kapitals schützen muss

   Wer in Rom die Basilika San Giovanni in Laterano betritt, der sieht im rechten Seitenschiff - hoch oben an der Wand und leicht zu übersehen - ein kleines Fresko von Giotto. Es stammt noch aus dem Vorgängerbau der jetzigen Basilika und wurde aus Ehrfurcht bei der barocken Neugestaltung des Inneren übernommen. Man sieht einen Papst auf dem Balkon der alten Lateranbasilika, segnend. Es ist Bonifaz VIII., der im Jahre 1300 das erste Heilige Jahr der Christenheit feierlich eröffnet. Seitdem werden solche „Jubel-Jahre” gefeiert, zunächst nach der ursprünglichen Bestimmung Bonifaz VIII. alle hundert Jahre, dann bald auf alle fünfzig Jahre vermindert, schließlich noch einmal verkürzt auf einen Zeitabstand von 25 Jahren - damit jeder Christ wenigstens einmal in seinem Leben Gelegenheit habe, zum Heiligen Jahr eine Pilgerfahrt nach Rom zu unternehmen und den Jubiläumsablass zu gewinnen.
Hinweis auf das Ziel des ewigen Lebens
   So ist es bis heute. Und wer nach Rom im Heiligen Jahr pilgert, der macht die Sieben-Kirchen- Wallfahrt, schreitet durch die Heiligen Pforten der großen Basiliken, die nur in einem Heiligen Jahr geöffnet sind, und betet an den Gräbern der Apostel und Märtyrer. Und der Pilger denkt, wie Werner Bergengruen es unübertroffen schön im letzten Kapitel seines „Römischen Erinnerungsbuches” aus- drückt, darüber nach, dass jedem Pilger eine Heimkehr verheißen ist und dass diese Heimkehr gut vorbereitet sein will.
   Was dies alles mit dem Sonntag und der Feiertagsruhe zu tun hat? Sehr viel! Das „Kompendium der Soziallehre der Kirche” unterstreicht unter Nr. 285 in wünschenswerter Klarheit: „Der Tag des Herrn soll stets als Tag der Befreiung gelebt werden, der uns an ,einer festlichen Versammlung' und an der ,Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind” Hebr 12,22-23, teilnehmen lässt und die Feier des ewigen Pascha in der Herrlichkeit des Himmels vorwegnimmt.” Und etwas vorher heißt es: „Die Feiertagsruhe ist ein Recht, denn Gott ,ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte' Gen 2,2”.
   Das genau ist der Spannungsbogen der irdischen Pilgerschaft, den der Sonntag vor Augen stellt: Der Christ ist ein Mensch sowohl des ersten wie auch des achten Tages, wie Augustinus dies einmal in seinem großen Werk „Vom Gottesstaat” ausdrückt. Und Papst Johannes Paul II. unterstreicht dies ähnlich in seinem Apostolischen Schreiben Dies Domini von 1998: „Die Feier des Sonntags, des ersten und zugleich achten Tages, verweist den Christen auf das Ziel des ewigen Lebens.”
 
Im Hintergrund steht zunächst der biblische Schöpfungsbericht: Gott erschafft die Welt im Sieben- Tage-Werk. Am siebten Tag ruht er, nachdem er alles sehr gut erschaffen hat. Hier ist natürlich kein Polizeiprotokoll der Weltschöpfung gemeint, vielmehr wird mit der Zahl „Sieben” die Vollkommenheit und Gutheit der Schöpfung zum Ausdruck gebracht. Denn die „Vier” ist in den alten Kulturen die Zahl der begrenzten Welt (vier Himmelsrichtungen, vier Elemente), eine Zahl weniger aber, nämlich „Drei”, ist die Zahl der Nicht-Welt, also die Zahl Gottes.  Drei und Vier, Gott und seine Schöpfung, ergeben Sieben, die vollkommene Einheit von Schöpfer und Schöpfung.
   Und daher ist das „Ausruhen Gottes” am siebten Tag, das die Juden bis heute durch den Sabbat und seine Ruhe nachahmen, auch kein Ausruhen in Müdigkeit, sondern eine ruhige Freude über das gelun- gene Werk. Jeder Sabbat war und ist daher in jüdischem Verständnis ein Tag der Befreiung, der zugleich auf die große Befreiung am Ende der Zeit hinweist und vor Augen stellt: Welt und Mensch gehören nicht sich selbst, sondern letztlich Gott, dem Schöpfer. Der Mensch verwaltet die Welt und sein eigenes Leben im Auftrag Gottes und in Verantwortung vor ihm. Und er hat dereinst Rechenschaft dafür abzulegen.
   Deswegen gab es in der jüdischen Tradition nicht nur den Sabbat, sondern alle sieben Jahre auch das „Jobel-Jahr” und ein großes „Jobel-Jahr” nach sieben mal sieben Jahren, im 50. Jahr - ein großer Sabbat gleichsam, benannt nach dem Widderhorn (jobel), mit dem solche Jahre feierlich verkündet wurden. Wie der Sabbat, so stellte auch das Jubeljahr deutlich vor Augen: Der Mensch ist Verwalter Gottes, Welt und Mensch gehören Gott. Daher endeten in Jubeljahren alle Pacht- und Besitzverhält- nisse, alles fiel zurück in Gottes Hände, alles auf der Erde wurde gleichsam auf den Punkt Null zurückgedreht, wo es bei Gott seinen Anfang genommen hatte und wohin es auch zurückkehren wird.
   Die Christen übernahmen diesen jüdischen Gedanken des Sabbat und seiner Ruhe und verbanden ihn jetzt deutlicher noch als vorher mit dem ersten Tag der neuen Schöpfung, gleichsam als Überbietung der irdischen Sieben-Tage-Ordnung: Daher ist der Sonntag in christlichem Verständnis sowohl erster wie auch achter Tag, Schöpfungstag und Erlösungstag, guter Anfang und beste Vollendung. Und die Jubeljahre, die Papst Bonifaz VIII. im Jahre 1300 in Erinnerung an die jüdische Sitte einführte, sind dann wie große Sonntage: nicht einfach Gelegenheit zum Ausruhen,  sondern Zeit für die Ewigkeit! Zeit, um zu pilgern, auf die bisherige Lebenszeit zurückzublicken, zu beten und nachdenklich zu wer- den, Wesentliches vom Unwesentlichen zu trennen.
   Und genau so der Sonntag: Er ist nicht einfach ein Tag der Arbeitsruhe, wie die Französische Revolution es gründlich missverstand und daher praktischerweise die Zehn-Tage-Woche einführte in dem Gedanken, neun Tage Arbeiten am Stück sei wohl zumutbar. Nein: Der Sonntag ist Erinnerung an den Anfang der Welt und zugleich des eigenen Lebens, und dass es sehr gut ist, dass es die Welt gibt und auch mein eigenes Leben. Er ist Erinnerung an die eigene Verantwortung und die Aufgabe, im Auftrag Gottes in dieser Welt und im eigenen Leben zu wirken. Und Erinnerung an die enge Pforte des Todes,  die  jeder  von uns am Ende des Lebens durchschreiten muss und an den,  der dahinter auf uns wartet und die ganze Welt in seinen Händen hält: Gott. Und daher ist der Sonntag Tag der Eucharistie, der Heiligen Messe, von der Georges Bernanos sagt: „Für den Moment der Messe sind wir in die Ewigkeit Gottes versetzt!”
   Das könnte man mit Fug und Recht vom ganzen Sonntag sagen: An jenem Tag, wie auch an jedem Feiertag und in jedem Jubeljahr, sind wir geradezu in die Ewigkeit Gottes versetzt. Und wenn unsere Taufe deutlich machte, dass wir seitdem mit einem Bein schon im Himmel stehen, so führt uns dies der Sonntag regelmäßig vor Augen, tröstlich und anfordernd zugleich.
Ein Tag der Ruhe und der Besinnung für jeden
   Wenn aber doch jeder Mensch zur Ewigkeit Gottes berufen ist, wenn doch jeder Verantwortung für sein Leben trägt, wenn jeder einst Rechenschaft ablegen muss von der Verwaltung seiner Talente, dann ist es eben aus christlicher Sicht wichtig, dass der Sonntag nach Möglichkeit nicht einfach nur ein christlich spezieller Feiertag ist, sondern ein allgemeingültiger Tag der Ruhe und Besinnung für jeden Menschen. Denn jeder Mensch trägt in sich das Verlangen, über den letzten Sinn seines Lebens nachzudenken, der sich nicht erschöpft in bienenfleißiger Emsigkeit und selbstverliebtem Kaufrausch. „Man kann doch nicht mehr von Kühlschränken, Kreuzworträtseln und Bilanzen leben!”, schreibt Antoine de Saint-Exupery in einem seiner letzten Briefe.
   Genau dies verdeutlicht der Sonntag: Der Mensch lebt nicht von Brot und Bilanzen allein, er lebt vielmehr von der Liebe Gottes, die er im eigenen Leben zu erwidern versucht. Und insofern ist der Sonntag für jeden Menschen ein Ruhe- und Angelpunkt, von wo aus jede Woche das eigene Leben und das eigene Mühen angeschaut werden soll. Das ist der letzte und tiefe Sinn des Sonntags - und der Staat tut gut daran, ihn gegen alle Versuchungen des bloßen Konsumismus und gedankenverlorenen Zeitvertreibs zu schützen und den Menschen nicht schleichend und gegen seine Würde auf eine konsumierende Arbeitsbiene zu reduzieren! Denn der Mensch ist keine Maschine, und er soll die Zeit nicht vertreiben, er soll sie erfüllen!
Der Autor Professor Peter Schallenberg ist Professor für Moraltheologie und Christliche Gesell- schaftslehre an der Theologischen Fakultät Fulda. 

aepDrWernerThissen-xx Erzbischof Thissen: Sonntagsschutz

Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen betonte die Wichtigkeit des Sonntagsschutzes.
  â€žWer den Sonntag zum Arbeitstag macht, stiehlt uns nicht nur das Wochenende, sondern auch den Rhythmus des Lebens und den Tag des Herrn", sagte Thissen vor dem Hintergrund der zwei Klagen zum Schutz des Sonntags, die von den evangelisch-lutherischen Gemeinden und der katholischen Kirche in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein eingereicht wurden. Der Sonntag müsse als ein Weltkulturerbe geschützt werden. Er sei für die Menschen ein Entschleuniger in einem Zeitalter der Beschleunigung und als Kitt in der Gesellschaft unentbehrlich, weil sich das Lebensrad nicht immer schneller drehen könne. HA100201dpa 

EU-MartinKastler-MdEP Martin Kastler MdEP

Der CSU-Europaparlamentarier startet die erste EU-Bürgerinitiative für den freien Sonntag

Die Europäische Bürgerinitiative zum Sonntag
   Am 1. Dezember 2009 ist der Lissabon-Vertrag in Kraft getreten. Er gibt den Bürgern Europas erstmals die Möglichkeit, eine Bürgerinitiative auf europäischer Ebene zu starten. Eine Million Unionsbürger aus einer erheblichen Zahl der Mitgliedsstaaten können die Europäische Kommission auffordern, einen Rechtsakt in ihrem Sinne auf den Weg zu bringen. Dies ist eine einmalige Chance für die Bürger der EU, direkte Demokratie auszuüben!
    Artikel 11, Absatz 4 der „Konsolidierten Fassung des Vertrags über die Europäische Union" besagt: "Unionsbürgerinnen und Unionsbürger, deren Anzahl mindestens eine Million betragen und bei denen es sich um Staatsangehörige einer erheblichen Anzahl von Mitgliedstaaten handeln muss, können die Initiative ergreifen und die Europäische Kommission auffordern, im Rahmen ihrer Befugnisse geeignete Vorschläge zu Themen zu unterbreiten, zu denen es nach Ansicht jener Bürgerinnen und Bürger eines Rechtsakts der Union bedarf, um die Verträge umzusetzen."
  Die Europäische Bürgerinitiative existiert somit formal bereits seit dem Inkrafttreten des Lissabon- Vertrages am 1. Dezember 2009. Derzeit läuft jedoch noch ein Verfahren, in dem die genaue juristische Ausgestaltung der Europäischen Bürgerinitiative festgelegt wird. So muss etwa geklärt werden, aus wie vielen Ländern die Unterschriften kommen müssen oder wie lange der Zeitraum zur Unterschriften- sammlung bemessen sein wird. Sobald dieser Prozess abgeschlossen ist, fällt der offizielle Startschuss für unsere erste europäische Bürgerinitiative.
   Für den Erfolg der Initiative ist es wichtig, dass wir rechtzeitig alle Vorbereitungen getroffen haben, um schnell und unkompliziert starten zu können. Registrieren Sie sich deshalb schon heute als Unterstützer der Ersten Europäischen Bürgerinitiative für den freien Sonntag in Europa!

Hans-Gerd PötteringEU-MartinKastler-xxPött Martin Kastler

Kastler startet Kampagne für erstes europäisches Bürgerbegehren
„Sonntags gehören Mami und Papi uns" -Europäische Online-Kampagne will freien Sonntag retten
   Der CSU-Europaabgeordnete Martin Kastler will mit dem ersten europäischen Bürgerbegehren den Sonntag europaweit als Ruhetag schützen. Dazu hat er jetzt im Straßburger Europaparlament das Online-Kampagnenportal "Sonntags gehören Mami und Papi uns!" vorgestellt.
   Die EU-Kommission hat vor kurzem die Konsultation zur Ausgestaltung der europäischen Bürgerinitiative beendet. Kastler betont: "Dies ist unser Zeitfenster, um öffentlich zu zeigen, dass wir Bürger uns öfter einbringen wollen als nur zur Europawahl". Er fordert die Kommission deshalb auf, die Verordnung zur Bürgerinitiative schnell voranzubringen.
Mehr Demokratie wagen
   "Diese Aktion wird die direkte Demokratie in der EU stärken", ist Kastler überzeugt. Er stellt fest: "Der Lissabon-Vertrag gibt uns durch die Einführung der Europäischen Bürgerinitiative erstmals die Möglichkeit, als europäische Bürger für ein Anliegen einzutreten. Diese Chance werden wir für den freien Sonntag nutzen!"
   Unterstützer können sich ab sofort unter www.freiersonntag.eu registrieren. Kastler lädt ein: „Jeder, dem ein freier Sonntag und mehr direkte Demokratie wichtig sind, sollte sich schon jetzt eintragen." Es gehe darum, die Bürger besser einzubinden und mehr Demokratie zu wagen. Kastler hofft: "Bis zum offiziellen Startschuss soll die Kampagne so viel öffentlichen Druck aufbauen, dass uns keiner mehr ignorieren kann“.

EU-MartinKastlerMdEPxxx Martin Kastler im Plenarsaal

   Das Ziel der Bürgerinitiative ist durchaus ehrgeizig: Eine Million Unterschriften von Bürgern mehrerer EU-Mitgliedstaaten braucht, wer der EU-Kommission auf diesem Weg einen Rechtskt nahebringen möchte. Wörtlich heißt es im nun geltenden, neuen EU-Vertrag: „Unionsbürgerinnen und Unionsbürger, deren Anzahl mindestens eine Million betragen und bei denen es sich um Staatsangehörige einer erheblichen Anzahl von Mitgliedstaaten handeln muss, können die Initiative ergreifen und die Europäi- sche Kommission auffordern, im Rahmen ihrer Befugnisse geeignete Vorschläge zu Themen zu unter- breiten, zu denen es nach Ansicht jener Bürgerinnen und Bürger eines Rechtsakts der Union bedarf, um die Verträge umzusetzen."
   Im Gespräch mit der Würzburger “Tagespost“ meint Kastler: „Wenn wir diese Stimmenzahl be- kommen, muss die Kommission die Zulässigkeit prüfen. So konnten die Bürger Europas auf eine rechtliche Sicherung des Sonntags drängen." Reichlich vage ist der Rechtstext bisher dennoch. Ungeklärt ist bis zur Stunde, ob „eine erhebliche Anzahl" ein Drittel der EU-Staaten oder mehr bedeutet, also aus wie vielen Mitgliedstaaten die Unterschriften kommen müssen. Auch der Zeitraum für das Sammeln der Unterschriften ist bisher nicht definiert. Martin Kastler will aber nicht länger warten, sondern hat die erste EU-Bürgerinitiative in der Vorwoche im Europäischen Parlament in Straßburg gestartet. Das erste Instrument der direkten Demokratie auf europäischer Ebene will der christlichsoziale Europaparlamentarier sogleich in den Dienst des freien Sonntags stellen.
   Zunächst geht es ihm nach eigenem Bekunden darum, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und möglichst viele Mitstreiter für den Sonntagsschutz zu gewinnen.
DT100216StephanBaier

Der erste „Internationale Tag des freien Sonntags"

   Für den 1. „Internationalen Tag des freien Sonntags", der künftig am 3. März jeden Jahres etabliert werden soll, fordern Vertreter und Vertreterinnen der „Allianz für den freien Sonntag" in Deutschland und anderen europäischen Ländern einen besseren Schutz des arbeitsfreien siebten Tages. Träger dieser Allianz sind die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), die katholische Betriebsseelsorge, der kirchliche Dienst in der Arbeitswelt der evangelischen Kirche, der Bundesverband evangelischer Arbeitnehmerorganisationen und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Mit dem historischen Bezug auf den ersten staatlichen Sonntagsschutz unter Kaiser Konstantin 321 n. Chr. werden in diesem Jahr vielerorts öffentliche Aktionen und thematische Gottesdienste stattfinden. Die Initiative, die 2006 gegründet wurde, wird demnächst in fünf Bundesländern verankert sein. Zu den bestehenden Sonntagsallianzen in Bayern, Baden-Württemberg und dem Saarland sind am 3. März Neugründungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hinzugekommen.
   Seit mehr als 4.000 Jahren prägt die Sieben-Tage-Woche in vielen Völkern den menschlichen Lebensrhythmus zwischen Arbeit und Ruhe; letztlich ist der Mensch schutzwürdig, nicht das Kapital, nicht der Umsatz oder das Profitdenken gieriger Unternehmen. Daher gilt der Sonntag als Tag mit hoher menschlicher Qualität, als sinnstiftende Errungenschaft und als „lebendiges Kulturgut" des christlichen Abendlandes.
   Der Gesetzgeber hat diesem Umstand zum Teil Rechnung getragen: Das Grundgesetz schützt die Sonntage und die staatlich anerkannten, Feiertage als Tage der Arbeitsruhe und„seelischen Erhebung". Doch wurden mit der zu¬nehmenden schleichenden Aushöhlung der Feiertagsruhe wirtschaftliche Interessen und Betrachtungsweisen absolut gesetzt. Mit der Novellierung des Arbeitsrechts 1994 werden Möglichkeiten zur Sonntagsarbeit im Bereich des produzierenden Gewerbes, des Handels, der Banken, der Versicherungen und sonstiger Dienstleistungen erheblich erweitert. Die Neuregelung des Ladenschlussgesetzes hat das Arbeitszeitgesetz so geändert, dass Sonntagsarbeit sich verstärkt breitgemacht hat. Mit der Liberalisierung des Ladenschlusses haben verkaufsoffene Sonntage in- flationsartig zugenommen; im Zuge der Föderalismusreform im September 2006 wurde die Gesetzg ebungskompetenz in der Frage der Sonntagsöffnungen auf die Bundesländer übertragen, die mit Ausnahme von Bayern eigenständige Regelungen erlassen haben.
   Konsequenz: Weitere Ausdehnungen der Ladenöffnungszeiten an Sonn- und Feiertagen erfolgten in den Bundesländern, die als Ausnahmeregelungen für einen eingegrenzten Bereich bagatellisiert wurden. Nun müssen gesellschaftliche Kräfte im Land gebündelt werden, um den Liberalisierungstendenzen des Sonn- und Feiertagsschutzes ein Ende zu setzen.
   Der Sonntag als Tag der körperlichen wie seelischen Erholung ist ein zentrales Moment in unserer gesellschaftlichen Zeitorganisation, ein Bestandteil unserer kulturellen Identität und drückt ein natürliches Bedürfnis für die persönliche wie gemeinschaftliche, unter anderem religiöse, familiäre oder sportliche Lebensgestaltung aus. Er schafft einen verbindlichen Ordnungsrahmen für einen kollektiven Zeitrhythmus in allen Lebensbereichen wie Familien, Vereinen oder am Arbeitsplatz und hat einen hohen kirchlichen Anspruch.
   Überdies ist der Sonntag nach europäischem Recht der wöchentliche Ruhetag für Kinder und Heranwachsende. Er verkörpert damit eine stabilisierende Position für die innere wie äußere Freiheit des Menschen vor einer rein ökonomisch orientierten Lebensweise und befreit von Sachzwängen sowie Fremdbestimmungen. Als hohes menschliches Kulturgut dient der Sonntag zur „seelischen Erhebung", zum Schutz der Menschlichkeit und dient unersetzbar der Gesundheit der Arbeitnehmer und der Völker in Deutschland und Europa. Das zeigen Erhebungen verschiedener Institute. Dagegen stört das ständige Unterlaufen der Sonntagsruhe und der Ladenöffnungszeiten die „humane Qualität" unserer Gesellschaft, macht sie krank und führt zur Auflösung von gewachsenen Gemeinschaften und Strukturen.
   Flexible Arbeitszeiten haben das Alltagsleben der Beschäftigten und deren Familien nachhaltig verändert, weil sich immer mehr Menschen den strikten Wünschen verantwortungsloser, profit- hungriger Arbeitgeber, der Auftragslage und des Umsatzes anpassen müssen. Auf der Grundlage des Urteils des Bundesverfassungsgerichtes zum Sonntagsschutz vom 1. Dezember vergangenen Jahres ergibt sich, dass gesetzliche Schutzkonzepte für die Gewährleistung der Sonntags- und Feiertagsruhe erkennbar diese Tage als Tage der Arbeitsruhe zur Regel erheben müssen, dass anstehende Laden- öffnungszeiten in ihrem Umfang neu bedacht werden müssen und dass bloßes wirtschaftliches Umsatzinteresse der Unternehmen und ein alltägliches Erwerbsinteresse potenzieller Käufer nicht genügen, um Ausnahmen zu rechtfertigen.
   Deshalb forderten am 3. März bundesweit die Trägerorganisationen der Sonntagsallianzen:
- eine/n konsequentere/n Schutz/ Einhaltung der arbeitsfreien Sonn- und Feiertage und Laden- öffnungszeiten;
- effektivere Kontrollen und bundeseinheitliche Regelungen und eine erneuerte Sonn- und Feiertags- kultur, die bewusst die Wertordnung einer gesunden Gesellschaft widerspiegelt, das heißt, die Beachtung der Menschenrechte und -würde in Sozialverträglichkeit, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl, wie es die Sonntagsallianzen fordern. Denn Konsum, Umsatz und Kommerz sind nicht die primären deutschen Kulturgüter, schon gar nicht die zentralen Werte unserer Gesellschaft oder eines weitgehend christlich geprägten Abendlandes.
Der habilitierte Autor ist stellvertretender Diözesanvorsitzender der KAB im Bistum Würzburg und arbeitet bei der „Sonntagsallianz Aschaffenburg" mit.  DT100304 IGeorgSchütz

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  Papst Benedikt XVI. hat in seinem Motu proprio Summorum pontificum erklärt, die alte römische Liturgie und der Novus Ordo missae seien zwei legitime Varianten ein und desselben römischen Ritus.

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Diskussionsbeitrag von Prof. Robert Spaemann Foto oben links: Gedanken eines Laien zur Reform
der Reform der Heiligen Messe
Foto oben rechts: “Tridentinische Messe” in Regensburg

   Papst Benedikt XVI. hat in seinem Motu proprio Summorum pontificum  [> Liturgie] erklärt, die alte römische Liturgie und der Novus Ordo missae seien zwei legitime Varianten ein und desselben römischen Ritus. Diese Erklärung ist nicht einfach eine Tatsachenfeststellung, sondern sie enthält ein dezisionistisches Moment. Papst Johannes Paul II., der der «Alten Messe» persönlich weit weniger verbunden war als der gegenwärtige Papst, hatte es, wie mir scheint, anders gesehen, wenn er in einer Ansprache vor den Mönchen der Abtei in Le Barroux erklärte, der Konzilstext über die Rechte aller katholischen Riten und über die Ehrfurcht, die die Kirche ihnen schuldet, beziehe sich auch auf den alten lateinischen Ritus. Und tatsächlich ist es ja so: Phäno-typisch ist der Unterschied zwischen einer durchschnittlichen Sonntagsmesse in der alten und einer in der neuen Form weit größer als der Unterschied zwischen der alten römischen Liturgie und beispielsweise dem alten Ritus der Dominikaner oder dem Ambrosianischen Ritus in Mailand, die doch immer als eigene Riten anerkannt waren. Warum soll es sich in unserem Fall anders verhalten? Deshalb, weil eigenständige Riten Lebensformen eigenständiger hierarchisch verfasster Ritengemeinschaften sind. Da der Papst entschieden hat, die Feier der alten Messe ohne bischöfliche Genehmigung jedem römisch-katholischen Priester zu erlauben, und jeder römisch-katholischen Gruppe einen Anspruch auf regelmäßige Messfeier in der «außer- ordentlichen Form» zuzuerkennen, bedeutet das, dass diese Gläubigen keine eigene Ritengemeinschaft bilden, was nicht ausschließt, dass sie (analog zu anderen geistlichen Gemeinschaften) aus einer spezifischen Spiritualität leben.
   Im Übrigen aber hat die Erklärung des Papstes eine normative Seite. Alte und neue Messe sollen ein Ritus bleiben. Das aber heißt, dass die phänotypische Erscheinung der «neuen Messe» sich von der der alten nicht so weit entfernen darf, dass die Identität des Ritus unsichtbar wird und nur noch gegen den Augenschein verbal versichert werden kann. Da dieser Zustand aber bereits seit langem ein- getreten ist, bedarf es einer Reform der Reform, wie sie Kardinal Ratzinger wiederholt gefordert hatte. Ich möchte im Folgenden diese Idee einer Reform der Reform durch einige Beispiele bzw. Vorschläge konkretisieren.
1. Die Gebetsrichtung des Priesters
   Von deren Umkehrung ist in den Konzilstexten nirgendwo die Rede. Im Gegenteil, es heißt in der Liturgiekonstitution, dass der Priester «an der Spitze der Gemeinde des wandernden Gottesvolkes» «in persona Christi» dem Vater gegenübertritt. Inzwischen tritt in der neuen Messe fast überall der Priester der Gemeinde gegenüber. Früher, so sagt man abfällig, wandte der Priester der Gemeinde den Rücken zu. Diese Redeweise offenbart ein tiefes Missverständnis. Sie entspringt einer bis dahin unbekannten Priesterzentriertheit. In einer großen Kirche wenden die Gläubigen all denen, die hinter ihnen stehen, den Rücken zu. Und bei einer Prozession kann es gar nicht anders sein. Aber «den Rücken zuwenden» ist ja nur eine verquere und absurde Weise auszudrücken, dass wir alle, der Priester inbegriffen, in die gleiche Richtung schauen: Obviam Christo, dem wiederkommenden Herrn entgegen. Es ist überhaupt die Frage, wieso wir unbedingt dem Priestor ins Gesicht sehen müssen. Und die Gebete, die der Priester spricht, werden gewiss nicht inständiger dadurch, dass der Priester währenddessen den Gläubigen ins Gesicht schaut.
   Wo man aber die Änderung der Gebetsrichtung des Priesters nicht unmittelbar rückgängig machen will oder kann, da sollte wenigstens überall einer Forderung des Papstes Genüge getan und ein nicht zu kleines Kreuz auf den Altar gestellt werden, als gemeinsames Zentrum der Blickrichtung von Priester und Gläubigen. Und das Corpus sollte dabei dem Priester zugewandt sein. Es muss alles vermieden werden, was den Eindruck erweckt, die Gebete, die der Priester formuliert, seien eine pädagogische Veranstaltung. Es müsse darauf ankommen, die Gläubigen zum Beten zu bringen. Die sicherste Weise, die Gläubigen zum Beten zu bringen, ist, dass der Priester selbst 'wirklich betet, während er die Gebete der Kirche spricht.
2. Der Bußritus
   Dass der Bußritus sich nicht mehr nur zwischen Priester und Ministrant abspielt, ist zweifellos eine Errungenschaft des neuen Ritus, die nicht wieder preisgegeben werden sollte. Eine Änderung allerdings drängt sich auf: Im Unterschied zur alten wird in der neuen Liturgie das Confiteor nicht mehr erst vom Priester, dann von der Gemeinde, sondern nur einmal von beiden gemeinsam gesprochen. Dabei ergibt sich eine tiefe Sinnwidrigkeit. Am Ende des Conßteor sprechen nämlich alle Gläubigen zusammen mit dem Priester: «Ich bitte alle Engel und Heiligen und Euch, Brüder und Schwestern, für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn.» In dem Augenblick, wo ich dies spreche, suche ich allerdings vergeblich nach einem Adressaten dieser Bitte. Es ist niemand mehr da, der dieser Bitte zuhört und dieser Bitte entspricht, weil nämlich die Brüder und Schwestern ihrerseits gerade damit beschäftigt sind, mich zu bitten, für sie zu beten bei Gott unserm Herrn. Ich kann aber ihre Bitte auch nicht anhören, weil ich gleichzeitig dieselbe Bitte an sie richte. Das heißt, die ganze Bitte geht ins Leere. Irgendjemand muss schweigen, um diese Bitte anhören und erfüllen zu können. Um dieses ganze Gebet überhaupt mitvollziehbar zu machen, muss zurückgegangen werden auf ein zweimaliges Confiteor: Zunächst bittet der Priester die Gemeinde, für ihn zu beten, und dann die Gemeinde den Priester. Nur so wird das Confiteor wieder ernsthaft und psychologisch mitvollziehbar.
3. Das Kyrie
   Wünschenswert wäre eine Rückkehr vom sechsmaligen zum neunmaligen Kyrie. Erstens kehrt damit der Novus ordo missae zurück in den gemeinsamen Usus aller katholischen Riten, zweitens aber wird damit dem gregorianischen Gesang Rechnung getragen. In vielen der gregorianischen Messen unterscheidet sich das neunte Kyrie von den anderen. Vor allem aber in den vielen mehrstimmigen Messen aller großen Komponisten muss das Kyrie ohnehin neunmal gesungen werden.
4. Problematische Kürzungen
   Im Novus Ordo Missae sind einige Evangelien- und Lesungstexte gekürzt worden. Einige dieser Kürzungen sind sinnwidrig oder nicht akzeptabel. Ich beschränke mich auf zwei. Das eine ist der Abendmahlsbericht des Apostels Paulus, der an Gründonnerstag und an Fronleichnam gelesen wird. Der Bericht von Paulus ist eingebettet in eine Strafpredigt an die Korinther. Der Bericht mündet in die Worte: «Darum prüfe sich der Mensch, ehe er von diesem Brot isst und von diesem Kelch trinkt, denn wer unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht unterscheidet.» Diese Pointe des ganzen Textes ist sowohl am Gründonnerstag als auch an Fronleichnam gestrichen. Das Motiv ist wohl gewesen, die Festlichkeit der Feier der Einsetzung der Eucharistie nicht durch eine solche Warnung zu beeinträchtigen. Aber diese Warnung gehört nun einmal wesentlich zu dem Text hinzu. Vor allem aber: Niemals in den letzten tausend Jahren ist diese Warnung so aktuell gewesen wie heute, wo es üblich geworden ist, dass Menschen ohne jede Rücksicht auf ihre Disposition den Leib des Herrn empfangen. Das gilt besonders bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Wenn dieser warnende Hinweis nicht im Brief des Apostels stünde, müsste man ihn heute erfinden, um die sakrilegische Praxis einzudämmen, eine Praxis, die z.B. Mutter Teresa auf die Frage eines Journalisten als «das schlimmste Übel in der Welt» bezeichnete.
   Die andere Kürzung betrifft die Lesung am Fest Allerheiligen. Es geht um die Anbetung des Lammes. Der Seher spricht von 144.000 Bezeichneten aus dem Volk Israel und anschließend von der «großen Schar, die niemand zählen konnte» aus den Völkern. Die Zahl 144.000 erscheint an dieser Stelle vollkommen willkürlich, wenn man nicht weiß, wie sie zustande kommt, nämlich dadurch, dass aus jedem der 12 Stämme Israels 12.000 Bezeichnete auserwählt werden. So wird die Zahl 144.000 zu einer symbolischen Zahl von tiefer Bedeutung. Die Aufzählung der einzelnen Stämme Israels mit der ständigen Wiederholung «12.000 Bezeichnete, 12.000 Bezeichnete ...» hat gerade in ihrer feierlichen Eintönigkeit etwas Ergreifendes. Es gibt wenige Texte der Heiligen Schrift, die mich bei ihrer Verlesung als Kind schon so beeindruckt haben wie dieser Text. Man sollte diese Kürzung rückgängig machen.
5. Die Karfreitagsfürbitte
   Der Papst hat das Gebet der alten Liturgie für die Juden am Karfreitag durch einen neuen Text ersetzt, der die eschatologische Dimension der Erwählung Israels herausstellt und im Übrigen jeden Anschein einer polemischen oder überheblichen Kritik an den Juden vermeidet. Man hat diesen Text in der Öffentlichkeit sehr polemisch aufgegriffen und verrissen. Dabei hat man ihn unfairerweise mit der Karfreitagsfürbitte des Novus Ordo und nicht mit der der alten Messe verglichen. Und was man an ihm auszusetzen findet, ist, dass im Unterschied zu der Karfreitagsbitte des Novus Ordo von einer zu erbittenden Erkenntnis Jesu als des Christus durch die Juden die Rede ist. Gerade im Verzicht auf diese Bitte aber liegt das große Defizit der Karfreitagsbitte in der neuen Liturgie. In ihr wird der Name Jesus überhaupt nicht erwähnt. Hinter diesem Text steht eine häretische Sicht, die sich inzwischen sehr ausgebreitet hat, nämlich die Meinung, die Juden hätten ihren Sonderweg zu Gott und bedürften der Erlösung durch Jesus Christus nicht. Diese Meinung ist angesichts der Texte des Neuen Testamentes natürlich absurd. Das Volk Israel ist der primäre Adressat der Verkündigung Jesu, und der Apostel Paulus schreibt, er möchte gebannt und von Christus getrennt sein, wenn er dadurch einige seiner jüdischen Brüder retten könnte. Statt in allen Kirchen beim sonntäglichen Gottesdienst die vorderste Bank ostentativ freizuhalten für den älteren Bruder, falls er dann schließlich doch zur Feier der Rückkehr des verlorenen Sohnes kommt, will man die Juden überhaupt nicht mehr dabei haben. Aber ein Christentum, das für die Juden keinen Platz reserviert hat, wäre kein Christentum mehr. Dass es den nichtchristlichen Juden nicht gefällt, dass Christen für sie und ihre Erleuchtung beten, ist natür- lich, kann aber für uns kein Grund sein, auf dieses Gebet zu verzichten. Das hat der angesehene Rabbi Neusner in New York sehr deutlich gesagt. Er findet in dem neuen Karfreitagsgebet überhaupt nichts Anstößiges. Wir Juden, so schrieb er, beten schließlich auch für die Bekehrung der Christen. Lesen Sie dazu unsere ausführlichen Berichte > Juden
   Aus all dem ergibt sich, dass es sich dringend nahe legt, die von Benedikt XVI. formulierte Karfreitagsbitte für die Juden auch in die neue Liturgie aufzunehmen. Die bisherige Fassung ist weit anstößiger als die der alten Liturgie. Und es wäre ein schönes Zeichen, wenn die beiden Feiern der römischen Liturgie gerade an diesem Punkt, der das Zentrum des christlichen Glaubens betrifft, den gleichen Text hätten. Eine Kirche, die zur bloßen Heidenkirche geworden und nicht mehr Kirche aus Juden und Heiden ist, ist nicht die christliche Kirche.
6. Das Glaubensbekenntnis
   In den deutschsprachigen Ländern ist das Nizänische Glaubensbekenntnis fast vollständig durch das Apostolische Glaubensbekenntnis verdrängt worden. Auch damit schert der Novus Ordo aus der Gemeinschaft der Riten der Kirche aus. In allen Liturgien des Ostens wird nur das Nizänische Glaubensbekenntnis gesprochen. In den deutschsprachigen Ländern aber ist es inzwischen fast in Vergessenheit geraten, während z.B. die evangelischen Konfirmanden es noch auswendig lernen müssen. Dass ausgerechnet in unserer Zeit die Gottheit Christi, die im Nizänischen Glaubensbekenntnis so eindrucksvoll bekannt wird, einer Erwähnung nicht mehr bedürfe, wird doch wohl niemand be- haupten wollen. Man könnte im Novus Ordo das apostolische Glaubensbekenntnis für Werktage reservieren. An Sonntagen aber sollten wir doch alle wieder in die große Gemeinschaft von Ost- und Westkirche zurückkehren.
7. Knien beim Credo
   Welcher große geistliche Nutzen sich daraus ergeben soll, dass bei dem «Et incarnatus est» nicht mehr niedergekniet wird, außer an Weihnachten und am Fest Maria Verkündigung, hat mir noch niemand erklären können. Was das Mysterium der Menschwerdung Gottes bedeutet, wird durch nichts so augenfällig gemacht wie durch das Niederfallen der ganzen Gemeinde bei diesen Worten. Im aposto- lischen Glaubensbekenntnis ist allerdings dafür kaum Zeit. «Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria» ist so kurz, dass für das Niederknien kaum Zeit bleibt.
8. Der Canon Romanus als Regelfall
   Der Novus Ordo kennt mehrere Hochgebete. Das erste darunter ist nach wie vor das alte römische Hochgebet, das auf die Kirche der Antike zurückgeht. Es hat neben vielen anderen den Vorzug, das Messopfer als Ziel und Erfüllung aller großen Opfer der Menschheitsgeschichte darzustellen, das Opfer Abels, das Opfer Abrahams und die Gaben Brot und Wein des, Hohenpriesters Melchisedech. Vor allem aber: Es ist dieses Hochgebet, das die Einheit des römischen Ritus, die der Papst gewahrt wissen möchte, sichtbar macht und garantiert. Ausgerechnet dieses Hochgebet aber ist aus dem Gebrauch der Pfarrkirchen fast gänzlich verschwunden. Wenn von einer Einheit des römischen Ritus nach wie vor gesprochen werden soll, dann darf dies nicht so bleiben. Es muss durch geeignete Regelungen sichergestellt werden, dass dieses Hochgebet den Regelfall bildet, und dass die anderen Hochgebete aufgegebene Anlässe beschränkt bleiben.
9. Gesang des Hochgebets
   In gesungenen Ämtern sollte es obligatorisch sein, von der Möglichkeit im Novus Ordo Gebrauch zu machen, das Hochgebet zu singen, so wie es auch in der Ostkirche geschieht. Die Ostkirche hat über- dies die Ikonostase, die das heilige Geschehen sich unsichtbar vollziehen lässt. Der alte lateinische Messritus hat stattdessen die Stille, in der sich alles vollzieht. Aber auch der Gesang dieses Gebetes entzieht es auf erfahrbare Weise der Profanität.  Er entzieht es auch der Willkür des jeweiligen Priesters, der die Wandlungsworte entweder durch Verzicht auf jede Hervorhebung nivellieren oder aber durch betorit feierliches Sprechen herausheben kann. Aber auch das Letztere hat einen zu subjektiven Charakter. Der Gesang ist die natürlichste Weise der Abhebung.
10. Friedensgruß
   Dass der Friedensgruß nicht nur zwischen den Zelebrierenden am Altar ausgetauscht, sondern dass auch die feiernde Gemeinde sichtbar einbezogen wird, war bisher nur bei Mönchsgemeinschaften der Fall. Die neue Liturgie knüpft daran an und bezieht die ganze Gemeinde mit ein. Das ist eine deutliche positive Errungenschaft. Sie wird aber heute gleich wieder verdorben durch die Weise, wie der Friedensgruß ausgetauscht wird. Plötzlich befindet man sich sozusagen wieder vor der Kirchentür und tauscht mehr oder weniger enthusiastisch Freundlichkeiten aus, der eine gibt die Hand nur seinem Nachbarn, andere können sich gar nicht genug tun mit Händeschütteln ringsherum. Und manchmal verlässt der Priester sogar den Altar mit den konsekrierten Gaben, um an den Bänken entlang Hände zu schütteln. Das rituelle Geschehen wird einfach durch ein bürgerliches Zeremonial unterbrochen. Daraus resultiert der verständliche Wunsch, den Friedensgruß vor die Gabenbereitung zu verlegen. Das Missverständnis des Friedensgrußes wird aber schon vorher deutlich durch die Übersetzung des «Date vobis pacem» «Gebt euch den Frieden» durch die Worte «Gebt einander ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung». Das mit der Versöhnung sollte man sowieso weglassen, denn wer steht schon in der Messe ausgerechnet neben dem Menschen, mit dem er sich versöhnen müsste? Wichtiger aber ist, dass in dieser Übersetzung der Friede ersetzt wird durch das «Zeichen des Friedens». Der Friede, das ist eine reale Gabe. Jesus sagt zu den 72 Jüngern, sie sollen, wenn sie in ein Haus kommen, sagen: «Friede diesem Hause», und dann fährt er fort: «Wenn in dem Haus ein Kind des Friedens ist, wird euer Friede auf ihm ruhen bleiben, wenn nicht, dann kehrt er zu euch zurück.» Hier ist also der Friede als eine ganz reale und konkrete Gabe verstanden. Was ist diese Gabe? Die Antwort kann nur lauten: der Heilige Geist. Diese Gabe geht vom Altar aus. Der Priester küsst den Altar, der für Christus steht. Und dann sollten, wie es bei den Mönchen üblich ist, zwei Gläubige zum Altar gehen und dort vom Priester den Friedensgruß entgegennehmen. Dann sollten sie diesen Frieden von Bank zu Bank weitergeben, dort sollte ihn der, der ihn empfangen hat, jeweils an seinen Nachbarn weitergeben. Es ist ähnlich wie mit dem Osterlicht, das an der Osterkerze entzündet und dann von den Gläubigen weitergegeben wird. Nur was man empfangen hat, kann man weitergeben. Das muss in der ganzen Zeremonie deutlich werden. Und dann kann und sollte der Friedensgruß auch an der Stelle bleiben, wo er jetzt ist. Er ist dann nämlich der Beginn der Kommunion.
11. Kommunionempfang
   Was den Ritus der Kommunionausteilung betrifft, so haben wir heute die missliche Lage, dass ausgerechnet im Augenblick des gemeinsamen Herrenmahles die Kommunizierenden sich in zwei Gruppen teilen, die Praktikanten der Mundkommunion und die der Handkommunion. Es gibt zur Zeit im Ritus Ordinarius der römischen Liturgie keinen gemeinsamen Ritus des Kommunionempfangs. Zwar hat der Weltepiskopat ebenso wie Papst Paul VI. sich gegen die Handkommunion ausgesprochen. Sie wurde dennoch in der Weise des ausnahmsweisen Indults eingeführt. Die Mundkommunion ist, wie der Sekretär der Gottesdienstkongregation betonte, nach wie vor der Ritus Ordinarius des Kommunion- empfangs. Dass dieser wieder zur Regel wird, sollte das Ziel sein. Begonnen werden könnte damit, dass die Kinder bei der Erstkommunion nur in dieser Weise kommunizieren. Die Handkommunion kann in kleinen Gemeinschaften würdig praktiziert werden. Allerdings findet auch hier keine Handwaschung danach statt. Die des Priesters wird so zur Farce. Aber zuweilen ist es ein unwürdiges Schauspiel, wie Kommunizierende sich im Weggehen die Hostie achtlos in den Mund schieben.
12. Latein
  Die Sprache der römischen Liturgie ist die lateinische, wie das Zweite Vatikanum ausdrücklich erklärt. Das Konzil erlaubt auch die Einführung der Volkssprache in Teilen der Messe. Gedacht war damals an den Wortgottesdienst. Es würde der vom Papst erklärten Identität des römischen Ritus in zwei Formen dienen, wenn auch in der neuen Messe eine Rückkehr zu der Intention des Zweiten Vatikanischen Konzils stattfände. Dass das Lateinische einer Actuosa participatio der Gläubigen im Wege stünde, ist eine Behauptung, die durch häufige Wiederholung nicht wahrer wird. Das Konzil selbst hat erklärt, wie diese Actuosa participatio zu verstehen ist, nämlich vor allem so, dass die Gläubigen «die ihnen zukommenden Teile» der Messe mitsprechen und in der gregorianischen Weise mitsingen können. Der gregorianische Gesang ist der Gesang der römischen Kirche und sollte es auch in der neuen Liturgie sein. Wer, wie ich, als Kind und als Jugendlicher die Heilige Messe mitgefeiert hat, sei es in der Stadt Köln oder irgendwo auf dem Dorf im Münsterland, der kann nur den Kopf schütteln über eine solche Behauptung. Die ganze Kirche sang, die Kinder sangen, vor allem die achte Messe, aber keineswegs nur diese. Die Actuosa participatio ist inzwischen auf ein sehr viel bescheideneres Niveau abgesunken, als sie es damals war. Und niemand kann sagen, die Leute hätten damals nicht gewusst, was sie singen.
Robert Spaemann, Prof. em.fiir Philosophie. 1921 in Berlin geboren, lehrte ab 1962 an der Technischen Hochschule Hannover, ab 1968 an der Universität Heidelberg und ab 1972 an der Universität München. AusCommunio0902
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