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sterben in Würde

Sie lesen auf dieser Seite:
1. Rainer Maria Woelki: Nicht in Verzweiflung sterben, sondern in Geborgenhgeit
2. Rainer Maria Woelki: Wir brauchen keine gesetzlich geregelte “Erlaubnis” zur “aktiven Sterbehilfe”
3. Kardinal Reinhard Marx: “Gebt uns die Sterbenden!”
4. Reinhad Maria Kardinal Woelki: Es ist eine Perversion des Arztberufes,wenn Ärzte töten
5. Prof. Manfred Spieker: Logik des assistierten Suizids
6. Daniel Deckers in der FAZ: Sterben in Würde
7.  Wie wollen Sie sterben? - Eine Umfrage
8. Bundestag: Lebensrecht - aber keine Lebenspflicht?
9. Sterbehilforganisation “Dignitatis” - Sterbebegrleitung auf Abwegen
10. § 217 StGB: Verbot der kommerziellen Sterbehilfe
11. Alemannische Bischöfe: “Die Herausforderung des Sterbens annehmen”
12. Prof. Jörg-Dietrich Hoppe: “Beihilfe zum Selbstmord ist keine ärztliche Aufgabe”
13. Bischof Heinz-Josef Algermissen: Gegen eine Kultur des Todes
14. Joachim Kardinal Meisner: “Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung widerspricht ärztlichem Ethos”
15. Erzbischof Fernand Franck, Luxemburg, fordert Bedenkzeit für Euthanasie-Gesetz
16. Benedikt XVI. in der Wiener Hochburg: Menschenrecht - Leben - Sterben
17. Prof. Dr. Manfred Spieker: Die Sprache der Kultur des Todes
18. Prof . Dr. Manfred Spieker: Beihilfe zum Selbstmord?
Ärztliche Sterbehilfe und Selbstbestimmung des Patienten

18. Spes Viva - barrierefrei im Internet
19. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Bundesverfassungsrichter a.D.: Zulassung der aktiven Sterbehilf - Dammbruch
20. Prof. Gian Domenico Borasio: Wann dürfen Menschen sterben?
21. Dr. Maj Falckenberg, Hamburg: Die Angst vor den Schmerzen nehmen
22. Juristentag in Stuttgart: “Politik muss Klarheit schaffen”
23. Der Gesunde weiß nichts vom Sterben
24. Prof. Dr. Manfred Spieker: Tödliche Fallen der Selbstbestimmung
25. Schweiz: Kirchliches Nein zur Sterbehilfe bekräftigt
26. Streit in der Koalition überSterbehilfe
27. Angela Merkel / Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Suizid-Beihilfe
28. Deutsche Bischofskonferenz Herbst 2014: Stärker zwischen Sterbehilfe und Suizid unterscheiden

cdd-RainerMariaWoelki-xx Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, Köln

Nicht in Verzweiflung sterben, sondern in Geborgenheit

   Es geht um Selbstbestimmung, und das ist gut so. Die Menschen wol­len sich, wenn es um ihren Tod geht, von Ärzten nichts vorschreiben las­sen und auch nicht von anderen Autori­täten. Tatsächlich ist der Tod ein hochpersönliches, existenzielles Ereignis, und das Sterben ist eine außerordent­lich wichtige Phase des Lebens. Man kann also gut verstehen, dass die Menschen sich gegen eine Enteignung ihres Todes durch einen Medizinbetrieb wehren, der immer perfekter funktioniert, der immer mehr kann, aber auch undurchschaubarer wird und am Ende den Tod nicht verhindert. Viele Menschen haben Angst davor, dass ihnen ausgerechnet in höchster Not alle Entscheidungen über sich selbst aus der Hand ge­nommen werden, sie wollen selber entscheiden.
   Deswegen ist die moderne Hospizbewegung entstanden. Während im Kran­kenhaus trotz allen Mühens um eine gute Sterbekultur der Tod doch letztlich ein Fremdkörper bleibt, Dokument des Scheiterns aller professionellen Anstrengungen, lästiger Schatten der glanzvollen Erfolge moderner Medizin, ist das Sterben im Hospiz die Hauptsache, und nicht der Arzt bestimmt, sondern der Sterbende. Dass der Arzt dem Patienten zu dienen hat, das ist in einem modernen Hospiz sofort klar. Und dass es auch nach unserer christlichen Auffassung nicht darum gehen kann, das Leben und damit das Sterben um jeden Preis zu verlängern, das ist hier selbstverständlich. Man darf, man soll einen sterbenden Menschen sterben lassen, wenn der das so will. Im Hospiz kämpft man nicht gegen das Sterben, weil man nicht gegen das Leben kämpft, und deswegen tötet man auch nicht.
   Die Menschen haben oft Angst, mit Schmerzen und einsam zu sterben. Dagegen sorgt die Hospizbewegung dafür, dass die ausgefeiltesten Methoden der Schmerzbehandlung zum Einsatz kommen und dass man zu Hause oder im Hospiz an der Hand eines Menschen sterben kann. Damit der sterbende Mensch sich da aber wirklich geborgen fühlen kann, muss eines sicher sein: Nirgendwo darf er in den Augen der Mitmenschen, die ihn begleiten, die unausgesprochene Frage sehen: Soll ich dich töten oder beim Töten helfen? Bist du nicht dir selbst und uns eine Last? Bist du es noch wert zu leben? Der Artikel 1 unseres Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar" setzt voraus, dass man über keinen Menschen sagen darf: Es ist nicht gut, dass du lebst. Und wenn ein Mensch das in höchster Not von sich selber sagt, dann hat er in einer humanen Gesellschaft den Anspruch, dass er Mitmenschen begegnet, die ihm widersprechen und ihm sagen: Es ist gut, dass es dich gibt. Das ist die Grundlage unserer Werteordnung. Wenn Jürgen Habermas zur Fundierung des Menschenwürdebegriffs „rettende Übersetzungen" des jüdisch-christlichen Begriffs von der Gottebenbildlichkeit des Menschen anmahnt, dann ist der Todeswunsch eines Menschen für uns Chris­ten der Ernstfall in der Praxis, und wir müssen einem solchen Menschen spürbar machen, dass wir ihn mehr lieben als er sich gerade selbst. Deswegen waren es Ordensleute, die in Deutschland die ersten modernen Hospize gründeten, und deswegen muss ein Staat, der sich auf die Menschenwürde verpflichtet hat, noch mehr tun, um die Hospizbewegung zu fördern für Ungläubige und Gläubige, für Einsame und Leidende, für jeden von uns, wie wir alle sterblich sind.
   Dagegen wird es eiskalt in einer Gesellschaft, in der ein Gefangener um the­rapeutische Hilfe fleht und statt dessen höchstrichterlich die Giftspritze gereicht bekommt oder in der Tötungshelferorganisationen zynische Geschäfte damit machen wollen, den Selbsttö­tungskomfort zu erhöhen.
   In einem Hospiz kann ein Mensch selbstbestimmt sterben. Wer sich dagegen getrieben von schrecklichen Schmerzen oder aus verzweifelter Einsamkeit töten lassen will oder um Hilfe bei der Selbsttötung bittet, der stirbt nicht selbstbestimmt, sondern bestimmt von Schmerz und Verzweiflung.
   Jetzt aber droht auch noch der Selbst­bestimmung aller alten und schwachen Menschen ein schwerer Schlag. Wenn gesetzlich ausdrücklich erlaubt wird, dass jeder sich bei der Selbsttötung helfen lassen kann, dann gilt für Men­schen, die sich selbst oder anderen zeitweilig zur Last werden, das nicht mehr:„Einer trage des anderen Last", sondern sie selbst geraten in die entsetzliche Situation, sich fragen zu müssen: Kann ich mich den anderen Menschen noch zumuten, denn es gibt ja einen gesetzlich vorgezeichneten Ausweg?
   In dieser Situation dürfen wir Christen nicht lamentieren, wir müssen mit all unseren Kräften dafür sorgen, dass sterbende Menschen ohne Schmerzen und in liebevoller Geborgenheit sterben können. Viele Christen und Nichtchristen engagieren sich da bereits vorbildlich. Sie leisten damit der gesamten Gesellschaft einen unverzichtbaren Dienst, damit niemand, der in Not und Verzweiflung ausruft, er wolle sich töten, von dieser Gesellschaft nur das kalte Echo hört: Und das ist auch gut so.FAZ141006RainerMariaKardinalWoelki, Erzbischof von Köln

cdd-RainerMariaWoelki-z        Kardina Rainerl Maria Woelki, Köln:

„Wir brauchen keine gesetzlich geregelte „Erlaubnis“ zur „aktiven Sterbehilfe“

  „Wir brauchen keine gesetzlich geregelte „Erlaubnis“ zur „aktiven Sterbehilfe.“ Das sagte der Berliner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki in seiner Predigt anlässlich der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. Diese tagt seit gestern in Münster. Die Angst der Menschen vor Schmerzen sei größer als die vor dem Tod. Es stehe aber außer Frage, dass Gott allein der Herr über Leben und Tod ist, so der Kardinal.
  „Als Christen sind wir hier gerade mit Blick auf die aktuelle Debatte um Sterbehilfe zu einer klaren Position aus dem Glauben heraus aufgefordert. Es kann an dieser Stelle keine Kompromisse geben.“
   Dennoch dürfe die Kirche nicht mit moralischer Empörung daherkommen. Sie solle sich auf die Seite der „Leidenden und Geknechteten“ stellen. Sie sei nicht als Moralapostel gefragt, sondern als Lobbyist für das Leben. Der Kardinal stellte klar, dass „aktive Sterbehilfe“ nicht beinhaltet, Menschen beim Sterben zu helfen. Es ginge darum allein um die Tötung oder Beihilfe zur Tötung.
  „Für uns Christen ist deshalb nicht „aktive Sterbehilfe“ das Zauberwort, sondern „intensive Sterbebegleitung“. Und wir verstehen darunter den medizinischen, pflegerischen, sozialen und seelsorglichen Beistand, der gefordert ist, wenn die Zeit zum Sterben gekommen ist.“
   Bei schwerkranken Patienten würde der innere Druck steigen, sollte dies gesetzlich erlaubt sein. Sie würden sich dann als unnütz und als Last vorkommen, sollten sie ihrem Leben kein Ende setzten. Wer die Humanität schützen wolle, solle Schützräume öffnen, in denen „menschliche Zuwendungen, umfassende Schmerztherapie und helfende, liebende Annahme stattfinden könne“ Die Kirche blicke auf eine lange Tradition der Sorge um Kranke zurück, so Woelki. Christen hätten sich schon Jahrhunderte lang als Ärzte und Pflegende um Sterbende gekümmert.
  „Deshalb ist unsere klare Botschaft an die Politik: Wir brauchen keine gesetzlich geregelte „Erlaubnis“ zur aktiven Sterbehilfe. Was wir brauchen sind eine rechtliche und finanzielle Verbesserung der Rahmenbedingungen, damit durch menschliche, pflegerische und medizinische Zuwendung und Begleitung ein menschenwürdiges Sterben ermöglicht wird.“
   Dies gelte für Zuhause, in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und Hospizen. Denn Sterben gehöre zum Leben und sei Teil des Lebens. RVpm140311fg

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Kardinal Reinhard Marx, München: „Gebt uns die Sterbenden”
Sterbehilfe - dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz mangelt es nicht an klaren Antworten

Der Bundestag wird in Kürze über eine Neuregelung der strafrechtlichen Regelungen der Sterbehilfe beraten. Die Spannweite der Vorschläge reicht von einem Verbot organisierter oder gewerblicher Sterbehilfe bis zu der Ermächtigung der Ärzteschaft, Todeswilligen entsprechende Medikamente zu verschaffen. Welche Chancen geben Sie diesen Vorhaben?
   Ein ausdrückliches Verbot aller Formen der organisierten Beihilfe zur Selbsttötung ist überfällig. Eine gesetzliche Erlaubnis des ärztlich assistierten Suizids ist keine Alternative. Selbst engumgrenzte Regelungen liefen im Ergebnis darauf hinaus, ein angeblich „menschenwürdiges Töten" zu organisieren. Mir geht es um das menschenwürdige Sterben. Wenn diese Differenz verwischt wird, dann ist eine abschüssige Bahn betreten, auf der es kein Halten mehr gibt.
Was soll das heißen: „menschenwürdiges Sterben "?
   Es muss alles getan werden, dass Sterbende möglichst schmerzfrei und möglichst in Beziehung, also nicht alleine, diesen letzten Weg gehen. Ich habe noch vor kurzem mit meinem Hausarzt, der auf einer Palliativstation und im Hospiz mitarbeitet, über den Wunsch nach Sterbehilfe gesprochen. Er macht wie viele andere die Erfahrung, dass fast alle Patienten im Sterbeprozess den Wunsch nach Tötung durch eigene oder fremde Hand aufgeben, sobald die Schmerztherapie wirkt und sie die wohlwollende Nähe anderer Personen erfahren.
Die Mediziner und Medizinethiker, die für eine Legalisierung des ärztlich assistierten Suizids eintreten, gehen von den Fällen aus, in denen der Todeswunsch nicht verschwindet.
   Von einem Extremfall auszugehen und darauf ein ganzes Gesetz aufzubauen, halte ich für den falschen Weg. Wie viele andere treibt mich die Sorge um, dass im Fall selbst einer engumgrenzten Erlaubnis für Ärzte, beim Suizid zu assistieren, Menschen aus unterschiedlichen Gründen das Gefühl bekommen: Ich bin jetzt doch überflüssig, was soll ich noch hier? Und dass nach und nach ein gesellschaftlicher Druck entsteht, andere mit dem eigenen Ableben nicht zu behelligen. Es muss alles vermieden werden, was Arzte, Angehörige oder todkranke Personen dazu verleiten könnte, zu denken, dass es sich bei der ärztlich unterstützten Selbsttötung um eine aus einem falsch verstandenen Autonomiebegriff zu rechtfertigende Handlung handeln könnte. Unser Oberbegriff muss bleiben: menschenwürdiges Sterben, nicht Wege zum menschenwürdigen Töten.
Wer sind denn die „vielen anderen", die Ihre Ansichten teilen?
   Frank Ulrich Montgomery etwa, der Präsident der Bundesärztekammer, vertritt von dem ärztlichen Ethos herkommend ebenfalls die Position, dass es nicht Aufgabe eines Arztes ist, wie in Holland oder Belgien auf Verlangen zu töten oder todbringende Mittel bereitzustellen. Auch viele Politiker sind dieser Ansicht. Nein, keine Lizenz zum Töten. Ich will nicht ausschließen, dass es Situationen gibt, in denen die ärztliche Kunst an ihre Grenzen stößt. Aber das vorwegzunehmen und gesetzlich zu regeln geht mir in eine ganz falsche Richtung.
Wie wird sich der Bundestag entscheiden?
   Ich finde es gut, dass in Deutschland sehr sorgfältig über dieses Thema diskutiert wird, vielleicht so sorgfältig wie in keinem anderen Land. Am Ende der Debatte dürfen aber nicht neue Wege „menschenwürdigen Tötens" stehen, sondern vermehrte Anstrengungen, menschenwürdiges Sterben zu ermöglichen.
Wer soll diese Anstrengungen unternehmen? Was ist mit den Kirchen und ihrer in die Tausende gehenden Zahl von Krankenhäusern, Pflege- und anderen karitativen Einrichtungen?
   Natürlich ist das alles auch eine Aufgabe der Kirchen. Zusammen mit vielen anderen in unserer Gesellschaft müssen die Kirchen sagen: Gebt uns die Sterbenden, denn wir sind ganz besonders für die Leidenden und Sterbenden da. Wir kümmern uns. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, dafür, dass Menschen nicht allein und mit Schmerzen sterben. Das ist unsere Botschaft. Und das sollte auch unser Angebot sein.
   Nach seriösen Meinungsumfragen können sich mehr als zwei Drittel der Deutschen vorstellen, ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung in Anspruch zu nehmen. Juristen sprechen von freiverantwortlicher Tatherrschaft: Es gebe ein Recht auf Leben, aber keine Pflicht zum Leben.
   Freiverantwortliche Tatherrschaft, Autonomie - das sind alles Konstruktionen. Es ist illusorisch anzunehmen, je- mand stünde in einer existentiellen Situation nicht unter Druck, wenn nicht äußerem Druck, etwa von Angehörigen, dann unter innerem, etwa mit dem Schreckensszenario „Apparatemedizin" in seinem Kopf. Wieweit man in extremen Situationen Personen, die Beihilfe zum Suizid leisten, strafrechtlich verfolgt, ist eine andere Frage. Es ist ja im Übrigen auch nicht so, dass sich die Grenze zwischen sogenannter aktiver und sogenannter passiver Sterbehilfe genau festlegen ließe. Es ist gute katholische Tradition, zwischen Handlungen und ihren Nebenwirkungen zu unterscheiden. Mitunter wirken schmerzlindernde Therapien im Sterbeprozess lebensverkürzend. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden. FAZ140904Daniel Deckers140905

cdd-RainerMariaWoelki-2xx   Im Gespräch: Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki

Es ist eine Perversion des Arztberufs, wenn Ärzte töten

Kardinal Woelki, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, sagte vor zwei Monaten mit Blick auf die Forderung, Ärzten Beihilfe zum Suizid zu erlauben, „Gebt die Sterbenden uns". Wer ist „uns"?
   Es ist unsere vornehmste Aufgabe als Kirche, uns den schwerstkranken und sterbenden Menschen zuzuwenden und sie zu begleiten, damit sie spüren, dass sie nicht alleine sind und Gott bei ihnen ist. Lebensmüde sind Menschen aus vielen Gründen. Menschen mit einer Depression können Ärzte, Psychologen und auch Seelsorger helfen. Schwerstkranken kann heute mit einer guten palliativmedizinischen Betreuung geholfen werden, die ihnen Schmerzen nimmt.
   Viele Personen scheinen mit Blick auf ihr Lebensende nichts mehr zu fürchten als den Verlust der Selbst- bestimmung, sei es in Form unerträglicher Schmerzen, sei es durch ein Ausgeliefertsein an das Tun und Lassen von Ärzten oder Pflegekräften. Warum sollen Sterbende in Einrichtungen der Caritas oder der Diakonie besser aufgehoben sein als andernorts?
   Ich möchte gar nicht behaupten, dass sie besser aufgehoben sind als anderswo. Aber ich kann sagen, dass diejenigen, die in eine kirchliche Einrichtung gehen, wegen unseres Auftrages darauf vertrauen dürfen, dass sie auf ihrem letzten Weg begleitet werden und den Verlust ihrer Autonomie nicht fürchten müssen. Die Ängste vor unerträglichen Schmerzen, vor Verlust der Selbstbestimmung sind berechtigt. Ich habe sie auch! Begegnen kann ich ihnen, indem ich schon jetzt durch eine Patientenverfügung oder durch eine Vorsorgevollmacht regele, was zu tun ist, wenn ich nicht mehr autonom entscheiden kann. Wichtig ist auch, mit vertrauten Menschen, der Familie, Freunden, dem Seelsorger darüber zu reden, was mit mir geschehen soll, wenn ich mich ganz in die Obhut anderer begeben muss.
   Fachverbände wie der Deutsche Palliativ- und Hospizverband sehen erheblichen Verbesserungsbedarf in der medizinischen und pflegerischen Behandlung von Sterbenden. Inwieweit trifft diese Beobachtung auf kirchliche Einrichtungen zu?
   In einer älter werdenden Gesellschaft sollten eine palliative Versorgung und eine zuwendende Hospizkultur in allen Pflegeeinrichtungen und in den Krankenhäusern zum Standard gehören. Mit der im Jahr 2007 gesetzlich geregelten spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) hat man Gutes bewirkt. Es gibt spezielle Teams, die zur palliativmedizinischen Ver­sorgung gerufen und hinzugezogen werden können. Mit der spezialisierten Palliativversorgung werden jedoch nur etwa zehn Prozent aller Sterbenden erreicht, nämliche diejenigen mit komplexeren Krankheitssymptomen, welche eine spezielle Versorgung benötigen. Eine gut ausgebaute Palliativversorgung muss jedoch allen Menschen in ihrer letzten Lebensphase zur Verfügung stehen - und von den Kranken- und Pflegekassen auch finanziert werden. Es ist daher ausdrücklich zu begrüßen, wenn sich die große Koalition nun auf den Weg machen will und sich die Gewährleistung eines flächendeckenden Hospiz- und Palliativangebotes in ganz Deutschland zum Ziel setzt. Es muss nun genau analysiert werden, ob die Vorschläge in dem Eckpunktepapier dieses Ziel erreichen.
Können Sie als Vorsitzender der Cari­tas-Kommission der Deutschen Bischofs­konferenz garantieren, dass es in kirchli­chen Krankenhäusern oder Pflegeein­richtungen Mindeststandards gibt wie Palliativmediziner, spezielle Pflege, einfühlsame Seelsorger oder auch nur ein Sterbezimmer?
   Ich kann nicht garantieren, dass es in jeder kirchlichen Einrichtung bereits flächendeckend all die genannten Dienste gibt. Es gibt noch einiges zu tun. Wir haben aber vor geraumer Zeit begonnen, die palliative Versorgung in den kirchlichen Einrichtungen zu verbessern, um entsprechende Strukturen und spezifische Standards zu schaffen. Eine Umfrage in den katholischen Pflegeheimen im Erzbistum Köln, an der sich 60 Heime beteiligt haben, hat ergeben, dass in drei Viertel der Einrichtungen „palliative care" als Versorgungsansatz im Leitbild verankert ist und entsprechend ausgebildete Pflegefachkräfte arbeiten. 80 Prozent gaben an, dass die Begleitung der Angehörigen sterbender Bewohner besonders bedacht ist.
Die meisten Menschen möchten lieber zu Hause sterben als in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen. Wie realistisch ist dieser Wunsch in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen alleine leben und der Anteil der Dementen dramatisch zunehmen wird?
  
Wie realistisch dieser Wunsch ist, wird davon abhängen, inwieweit wir vor Ort Netzwerke schaffen, die ambulante Versorgung verbessern und auch entsprechend dem Hospizgedanken ehrenamtliche Helfer gewinnen. Als Erzbischof von Berlin konnte ich Initiativen zum Aufbau eines Hospizdienstes durch die Caritas und die Pfarrgemeinde auf Usedom begleiten. Angesichts der demografischen Entwicklung sind wir herausgefordert, dieses Engagement zu verstärken. Dabei ist nicht alles nur eine Frage des Geldes - wir müssen auch neue Ideen entwickeln, wie wir uns als Menschen in einer durch mehr Vereinzelung geprägten Gesellschaft besser untereinander unterstützen können - nehmen Sie etwa Mehrgenerationenwohnprojekte.
In Belgien und den Niederlanden entscheiden sich immer mehr Menschen, mit immer mehr Begründungen für einen „selbstbestimmten " Abbruch des eigenen Lebens, aber nicht von eigener Hand, sondern durch ärztliches Tun. Sagt die Kirche dort auch „Gebt die Sterbenden uns"?
  
Ganz sicher sagt sie das, denn das ist unser christlicher Auftrag überall auf der Welt. Aber sie sagt dort nicht: Gebt sie unseren Ärzten, damit sie sie töten. Es ist eine Perversion des Arztberufs, wenn Ärzte töten. Selbst wenn nur ganz wenige Menschen ärztliche Suizidbeihilfe verlangen würden, wäre doch ihre ausdrückliche gesetzliche Erlaubnis, wie sie jetzt von einigen Medizinern, Juristen und Ethikern verlangt wird, eine schwere Beschädigung jeder Arzt-Patienten-Beziehung. Plötzlich wäre der Arzt nicht mehr wie seit Jahrtausenden nur der Helfer zum Leben und gegen das Leiden, sondern möglicherweise auch derjenige, der mich töten kann.
Wo Personen die Wahl haben, entweder selbst Hand an sich zu legen oder einen Arzt dazu zu veranlassen, wählen fast alle den zweiten Weg. Wäre eine Ermöglichung dieser „Selbstbestimmung" nicht ehrlicher als alle Versuche, Menschen in ihrem Todeswunsch ohne ärztlichen Beistand zu lassen, so dass sie zu anderen, gewaltsamen Formen greifen?
  
Selbstbestimmung? Bald nach Einführung der gesetzlichen Regelungen in den Niederlanden kam heraus, dass wenigstens 140 Personen im Jahr totgespritzt wurden, obwohl sie noch bei vollem Bewusstsein waren und ohne selbst zugestimmt zu haben. Das widersprach zwar der gesetzlichen Regelung, zeigt aber: Wenn der Damm einmal gebrochen ist, gibt es kein Halten mehr. Mir scheint, das Wort Selbstbestimmung wird oft falsch verwendet. Als Christen befürchten wir, dass eine gesetzlich geregelte ärztliche Suizidbeihilfe die Selbstbestimmung einschränkt, nämlich die der Schwachen, Alten und Kranken, die spüren, dass der Druck steigt, die Gesellschaft von sich zu „entlasten". Wir Christen haben uns solchen Forderungen schon in der Antike entgegengestellt. Dabei bleibt es.
Auch in Großbritannien und in Frankreich dürfte es bald zu einer juristischen Neubewertung der ärztlichen Suizidbeihilfe kommen. Warum sollen in Deutschland die katholischen und evangelischen „Bedenkenträger" recht behalten?
  
Wir müssen sehen, dass wir in dieser Frage in Deutschland eine vergleichsweise liberale Regelung haben, die den Suizid und die Beihilfe hierzu straffrei lässt. Das soll so bleiben. Der Staat soll nicht die Antworten auf die letzten Fragen des Lebens geben. Daher treten wir lediglich für eine moderate Nachjustierung der Rechtsordnung in Bezug auf die organisierten Formen der Suizidbeihilfe ein - zum Schutze der Schwachen, Kranken und Gebrechlichen wollen wir einer Normalisierung des Suizids entgegentreten.   FAZ141113DanielDeckers

Prof. Manfred Spieker: Logik des assistierten Suizids Bu-SpiekerDerVerleugneteR-z

Wer will noch leben, wenn er spürt, dass sein Weiterleben den Angehörigen eine große Last bedeutet?
 „Wer sein eigenes Leben nicht achtet, verletzt das Leben überhaupt“ -    Die „Falle der Selbstbestimmung“ oder warum die demografische Entwicklung die generationenverträgliche Selbsttötung adeln wird

   Der Vorschlag der ehemaligen Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger im Sommer 2013, durch einen neuen §217 StGB die gewerbsmäßige Suizidbeihilfe zu verbieten, hätte fatale Folgengehabt: er hätte bei einem Verbot allein der gewerbsmäßigen Suizidbeihilfe diese Beihilfe durch Ärzte, Angehörige und gemeinnützige Vereine legalisiert, um nicht zu sagen privilegiert. Viele waren deshalb froh, dass der Vorschlag der Ministerin bald in den Akten verschwand und sich schließlich mit dem Ende der Legislaturperiode im Sommer 2013 von selbst erledigte. 
  Nun aber kommt die Debatte erneut in Gang. Bundesgesundheitsminister Gröhe will jegliche Suizidbeihilfe verbieten. Der Bundestag soll sich in diesem Herbst mit dem Problem beschäftigen und bis zum Herbst 2015 eine entsprechende Regelung beschließen. Schon jetzt wurde die Entscheidung vom Fraktionszwang befreit und dem Gewissen der Abgeordneten anheimgestellt. Die Kollegen Borasio, Jox, Wiesing und Taupitz haben die Gunst der Stunde genutzt und am 26. August einen Gesetzesvorschlag präsentiert, der den assistierten Suizid unter dem Mantel eines generellen Verbots in §217 Abs.1 in §217Abs. 2 und Abs. 3 legalisiert. In diesen beiden Absätzen werden die Personen genannt, die nicht nach Abs.1 strafbarseinsollen: Angehörige oder dem Betroffenen nahestehende Personen und Ärzte. In Abs.4 werden dann fünf Bedingungen genannt, die Ärzte beachten müssen, wenn sie Suizidbeihilfe leisten wollen: freiwilligen Suizidwunsch des Patienten, unheilbare Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung, palliativmedizinische Aufklärung, Gutachten eines zweiten Arztes und zehn Tage Wartezeit zwischen Suizidwunsch und tödlicher Beihilfe. Abs.5 soll dann den Bundesgesundheitsminister ermächtigen, die fachliche Qualifikation der beteiligten Ärzte, die Aufklärungspflicht und die Dokumentation zu regeln. Dass die fünf Bedingungen in Abs.4 der ärztlichen Suizidbeihilfe auf den ersten Blick enge Grenzen setzen, aber in der Realität ohne Bedeutung sein werden, zeigen die Erfahrungen mit den Euthanasiegesetzen in den Niederlanden und in Belgien.
   Das Verfahren zur Legalisierung der Suizidbeihilfe, das die vier Kollegen vorschlagen, erinnert an die Reform des Abtreibungsstrafrechts 1995, die in §218 zunächst Abtreibung generell verbietet, dann aber in § 218a die Bedingungen nennt, unter denen „der Tatbestand des §218 nichtverwirklicht (ist)“, Abtreibung also legalisiert wird. Erfahrungen von 20 Jahren mit dieser Regelung zeigen, dass §218 im Effekt durch §218a zur Makulatur gemacht wird. Die Schwangerschaftskonfliktberatung in §219, die der Schwangeren Perspektiven für ein Leben mit dem Kind eröffnen und dessen eigenes Recht auf Leben betonen soll, ist in der Realität ebenfalls ohne Bedeutung.
   Forderungen nach einer Legalisierung des assistierten Suizids werden in der Regel mit dem Recht auf Selbstbestimmung begründet. Dieses Recht auf Selbstbestimmung gilt als Kern der Menschenwürde. So verkleiden sich Vereinigungen, die die Legalisierung des assistierten Suizids verlangen, nicht selten mit hehren Begriffen wie Dignitas oder Gesellschaft für humanes Sterben. Auch Taupitz und Kollegen wollen mit ihrem Gesetzesvorschlag „Freiräume für ein selbstbestimmtes Sterben“ sichern und so „den Lebensschutz stärken“.
   Wer sich mit diesem Gesetzesvorschlag beschäftigt, stößt auf drei Probleme:
1.das Problem der Selbstbestimmung;
2. das Problem des Lebensschutzes und
3. das Problem der aktiven Sterbehilfe, die eine logische Konsequenz des assistierten Suizids ist.
 Wenn der Mensch in der Mitte seines Lebens und im Vollbesitz seiner Kräfte steht, neigt er dazu, auch das Sterben seinen Autonomieansprüchen zu unterwerfen. Auch Taupitz und Kollegen wollen mit ihrem Gesetzesvorschlag den betroffenen Patienten ermöglichen, „die Kontrolle über das eigene Lebensende zu wahren“. Der Mensch möchte Planungssicherheit bis zum letzten Tagseines Lebens. Aber Planungssicherheit bis zum Ende des Lebens ist eine Illusion wie auch das „Selbst“ eine Illusion ist. Der Mensch ist eingebunden in vielfältige soziale Beziehungen. Seine Freiheit verwirklicht sich nicht in einer Autarkie des eigenen Ichs ohne Bezug auf andere. Gerade die Suizidversuche zeigen diese soziale Eingebundenheit des Menschen. Sie sind in der Regel Appelle, um nicht zu sagen Hilfe schreie an die dem Verzweifelten nahestehenden Personen. Jede Selbsttötung ist deshalb auch eine Verletzung der sozialen Beziehungen.
   „Der Selbstmord – scheinbar das persönlichste, nur gegen das Ich gerichtete Vergehen – ist in Wahrheit nicht auf das Subjekt beschränkt. “Wer sein eigenes Leben nicht achtet, „verletzt das Leben überhaupt und empört sich gegen den, der alles Leben gegeben hat“ (Reinhold Schneider, Über den Selbstmord, 1947). Je mehr die Kräfte schwinden und je näher der Tod kommt, desto schärfer wird der Blick dafür, dass weniger Selbstbestimmung, als vielmehr Selbsthingabe das Wesen des Menschen ausmacht. Nicht das abgebrochene, sondern das zu Ende gelebte Sterben – ander Hand, nicht durch die Hand von Angehörigen – ist Aus- druck wahrer Selbstbestimmung. ImSterben verwandelt sich die Selbstbestimmung zur Selbsthingabe – nicht nur für den Sterbenden, sondern auch für seine Angehörigen.
   Eine in Deutschland viel beachtete Illustration dieses Perspektivenwandels ist das Schicksal von Walter Jens und das Verhalten seiner Angehörigen. Mitte der 90er Jahre plädierte Jens zusammen mit Hans Küng für die aktive Sterbehilfe. Der Sterbende soll, so Jens, im Gedächtnisseiner Angehörigen als „ein Autonomie beanspruchendes Subjekt ... und nicht als entwürdigtes, verzerrtes und entstelltes Wesen in Erinnerung bleiben. Im Alter von 80 Jahren fiel Jens 2003 in eine fortschreitende Demenz. Den Zeitpunkt, seinem Leben ein Ende zu machen, sagte seine Frau Inge Anfang April 2008, habe er verpasst. Aber sie berichtete auch, dass sein Leben bei aller Tragik Freude kenne, wenn auch nur über Spaziergänge mit einer Pflegerin, über eine Tafel Schokolade oder ein „Wurschtweggle“. Auch Tilman Jens, der Sohn der beiden, der den Verfall seines Vaters 2010 in einem Buch „Demenz. Abschied von meinem Vater“ schilderte, berichtet von dessen Wort „Aber schön ist es doch…“, weshalb die Familie von dem Mandat zu aktiver Sterbehilfe nichts mehr wissen will. Der Fall Jens bestätigt die Feststellung von Johann-Christoph Student, dass nämlich die Überlegung, ein Mensch könne in der Demenz dasselbe meinen, fühlen und wünschen wie in gesunden Zeiten „die unwahrscheinlichste aller Denkmöglichkeiten“ ist.
   Wer den assistierten Suizid legalisieren will, behauptet häufig, wie Taupitz und Kollegen, den Lebensschutz stärken, Suizide verhindern und sozialem Druck vorbeugen zu wollen. Wenn jedoch im Falle eines unerträglichen Leidens der Tod auf Rezept ermöglicht wird, wird dem sozialen Druck erst die Bahn geebnet. „Wo das Weiterleben nur eine von zwei legalen Optionen ist, wird jeder rechenschaftspflichtig, der anderen die Last seines Weiterlebens aufbürdet“ (Johannes Rau, Berliner Rede, 2001). Es entsteht ein psychischer Druck, den medizinischen, pflegerischen und finanziellen Aufwand zu vermeiden und sich dem Trend des sozial verträglichen Frühablebens anzuschließen. Wer will noch weiterleben, wenn er spürt, dass sein Weiterleben den Angehörigen eine große Last bedeutet? Eine tödliche Falle der Selbstbestimmung: sie mündet in Selbstentsorgung. Mit brutaler Deutlichkeit melden sich in der Philosophie (Dagmar Fenner) und in der Rechtswissenschaft (Manfred von Lewinski) Stimmen, die zu einer solchen Selbstentsorgung auffordern. Suizid willige Personen sollten zwar die negativen Konsequenzen ihrer Selbsttötung auf ihr soziales Umfeld in Rechnung stellen. „Noch viel mehr dürfte man dann aber von jemandem im Falle einer unheilbaren und höchst pflegeintensiven Krankheit erwarten, dass er die emotionale Belastung, zeitliche Inanspruchnahme und finanziellen Lasten seiner Existenz für die Angehörigen und Freunde wahrnimmt. Denn nicht nur für die negativen sozialen Folgen des Aus-dem-Leben-Scheidens sind wir verantwortlich, sondern selbstverständlich auch für diejenigen des Weiterlebens.“ Die Beihilfe zu einem „altruistischenSuizid“, der letztlich ja gar nicht so ganz altruistisch sei, sondern auch im Eigeninteresse der suizidwilligen Person liege, sei deshalb „ein letzter humaner solidarischer Akt“. Der Druck der demografischen Entwicklung wird den generationenverträglichen Suizid adeln.
  Werden assistierten Suizid legalisieren will, behauptet oft, die aktive Sterbehilfe abzulehnen. „Einer Entwicklung wie in Holland und Belgien, wo die Tötung auf Verlangen nachweislich auch bei entscheidungsunfähigen Menschen, psychisch Kranken, gesunden Hochbetagten sowie Minderjährigen durchgeführt wird, gilt es unbedingt vorzubeugen“, schreiben Taupitz und Kollegen in der Begründung ihres Gesetzesvorschlags. Was jedoch soll geschehen, wenn der Suizid aus welchen Gründen auch immer nicht gelingt? Dass dies vorkommt, zeigen die Erfahrungen in den Niederlanden. Sowohl in den Jahresberichten der Regionalen Kontrollkommissionen als auch in den von der Regierung in Auftraggegebenen wissenschaftlichen Untersuchungen der Euthanasiepraxis ist von Fällen die Rede, in denen bei der Beihilfe zum Suizid Probleme auftreten, die die Ärzte veranlassten, zur aktiven Sterbehilfe überzugehen. Die Kontrolle über das eigene Lebensende ist im Akt des Suizids also keineswegs gewährleistet. Die aktive Sterbehilfe liegt deshalb in der Logik des assistierten Suizids. Dies zeigt nicht nur die Realität in den Niederlanden. Auch die Veränderung der ärztlichen Tätigkeit zwingt zu diesem Schluss. Wer dem Arzt erlaubt, Assistent bei der Selbsttötung zu sein, wird sich fragen müssen, warum er den Arztnicht gleich aktive Sterbehilfe lege artis leisten lassen will, um das Risiko des Scheiterns der Selbsttötung auszuschließen. Er wird sich fragen müssen, wie er den Erfolg des Suizids überprüfen will. Durch einen Sehschlitz in der Tür des Patienten? Durch eine Kamera? Durch Kontrollgänge des Pflegepersonals in Alten- und Pflegeheimen? Wie lange darf der Todeskampf des Suizidenten dauern, bevor der Arzt ihm durch eine tödliche Injektion „hilft“, sein Ziel zu erreichen? Muss dann nicht auch die Strafbarkeit unterlassener Hilfeleistung in §323c StGB geändert werden? Wenige Schlagzeilen in der Boulevardpresse über das Leid der Patienten bei misslungener Beihilfe zum Suizid oder bei Unfähigkeit, den tödlichen Cocktail, den der Arzt zur Verfügung stellte, selbst zu trinken, werden ausreichen, um die aktive Sterbehilfe nach den Regeln ärztlicher Kunst zu fordern und als humanen Akt erscheinen zu lassen.
   In der Logik dieser Entwicklung liegen ausgebildete Sterbehelfer, die für ihre Dienstleistung eine Erfolgs- oder zumindest eine Qualitätsgarantie anbieten. Die Schweizerische Akademie für medizinische Wissenschaften hat 2003 standesrechtliche Empfehlungen zum „Suizid unter Beihilfe eines Dritten“ verabschiedet, weil die demografische Entwicklung und steigende Gesundheitskosten dazu führten, dass ältere Menschen in Krankenhäusern und Pflegeinstitutionen nicht mehr ausreichend versorgt werden könnten und bei ihnen deshalb der Wunsch entstünde, getötet zu werden. In solchen Fällen bedürfe es klarer Regeln für Ärzte, Pflegepersonal und Verwaltungen von entsprechenden Einrichtungen. Der Suizid made in Switzerland könnte so zu einem Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Suizid made in Netherlands werden. Werden Alten- und Pflegeheime in Zukunft mit der hohen oder niedrigen Zahl erfolgreicher Suizide gegeneinander konkurrieren?
   Fragen über Fragen, die Taupitz und Kollegen nicht einmal gestellt, geschweige denn beantwortet haben, die aber alle zu dem Ergebnis führen: die aktive Sterbehilfe ist die logische Konsequenz der Legalisierung des assistierten Suizids. Wer die aktive Sterbehilfe vermeiden will, muss die Beihilfe zum Suizid nicht nur durch kommerzielle oder gemeinnützige Vereine, sondern auch durch Ärzte und Angehörige verbieten.
   Wenn der Suizid in Deutschland strafrechtlich nicht verfolgt wird, bedeutet dies nicht, dass er gesetzlich erlaubt wäre, sondern lediglich, dass er sich der rechtlichen Normierung entzieht, weil niemand mehr existiert, der rechtlich belangt werden könnte. Dass deshalb auch die Beihilfe zum Suizid nicht strafbar sei, ist keine zwingende Schlussfolgerung. Die Regelung des österreichischen Strafgesetzbuches, die die Beihilfe zum Suizid mit der aktiven Sterbehilfe gleichsetzt und verbietet, zeigt dies. Sie ist juristisch die einzig logische und moralisch die einzig richtige Lösung. DT141014Prof.ManfredSpieker

Daniel Deckers:          Bu-DanielDeckers          Sterben in Würde

   Vor einem Jahr gaben sich die Koalitionsparteien recht einsilbig: „Zu einer humanen Gesellschaft gehört das Sterben in Würde. Wir wol­len die Hospize weiter unterstützen und die Versorgung mit Palliativmedizin ausbauen", hieß es im Koalitions­vertrag. Auf mehr als eine durchaus in­terpretationsbedürftige Formel und unverbindliche Absichtserklärungen konnten sich CDU, CSU und SPD nicht verständigen. Dann kam Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Dem bekennenden Protestanten war es peinlich, dass die schwarz­gelbe Vorgängerregierung dem Treiben von Sterbehilfeorganisationen tatenlos zugesehen hatte - die Vetomacht FDP ließ grüßen. Nun sollte ein Verbot jeder Form der gewerbsmäßigen wie der organisierten Sterbehilfe noch in diesem Jahr eine Mehrheit der Abgeordneten des Bundestages finden. Doch auch dazu wird es nicht kommen.
   Denn die Debatte über ein „Sterben in Würde" hat über den Sommer eine vielstimmige Eigendynamik entwickelt, die Gröhes Anliegen längst hin­ter sich gelassen hat: Nicht die dubiose Rolle von Sterbehilfeorganisationen, sondern die Rechte und Pflichten der Ärzte im Hinblick auf ein Sterben in Würde sind in den Fokus von Politik und Gesellschaft gerückt. Und das ist gut so.
   Nicht gut aber ist, mit welchen Annahmen eine Reihe namhafter Politiker aus den Reihen der Koalitionsparteien der Ärzteschaft ansinnen wollen, sich - selbstverständlich freiwillig - als Sterbehelfer zur Verfügung zu stellen. Es ist nicht nur grotesk, wenn Hintze, Lauterbach und Co. die aktive Mitwirkung eines Arztes an der Selbsttötung einer Person als „Therapiefreiheit" adeln. Noch grotesker ist, dass die Abgeordneten die vielfältigen Stimmen aus dem Feld der Palliativmedizin und -pflege gegen jede Form der rechtlichen Billigung des ärztlich assistierten Suizids ignorieren - also jener Ärzte und Pfleger, die Tag für Tag Menschen zwischen Leben und Tod beistehen und ihnen dadurch ein schmerzfreies Sterben in Würde ermöglichen. Vollends grotesk ist die Suggestion, dass ärztliche Assistenz bei einer Suizidhandlung dann ins Spiel kommen müsse, wenn eine „palliativmedizinische Versorgung nicht mehr angezeigt ist". Sollte dieser Fall eintreten, dann würden Ärzte zu Todesengeln, weil Kollegen versagt haben. Das als rechtssicheres „Sterben in Würde" zu verbrämen, ist empörend. FAZ141017DanielDeckers

Daniel Deckers: Heilen, lindern, trösten - töten?
   Noch vor wenigen Monaten sah es danach aus, als wolle der Deutsche Bundestag in diesen Herbstwochen allen Organisationen das Handwerk legen, die sich hierzu­lande Personen andienen, um sie vom Leben zum Tod zu befördern.
   Daraus wird einstweilen nichts. Und das nicht, weil die Fraktionen von CDU/CSU und SPD den entsprechenden Passus in ihrem Koalitionsvertrag für überholt erklärt hätten. Die Idee, gewerbsmäßige oder organisierte Sterbehilfe verbieten zu können, wurde in den vergangenen Monaten vielmehr zu einem Katalysator für die erste breite gesellschaftliche Debatte, in der es nicht nur um das Für und Wider einer Hilfestellung zum Tod geht, sondern um das Helfen im Sterben. Das ist gut so, sehr gut.
   Denn gleich was die Mitglieder des Deutschen Bundestags am Ende der Debatte beschließen werden, die jetzt  beginnt und sich wohl bis weit in den Sommer kommenden Jahres hineinziehen wird: Sollte es gar zu einer gesetzlichen Regelung des ärztlich assistierten Suizids kommen, so wird der Tod von eigener Hand immer eine Ausnahme bleiben - und das Sterben die Regel.
   Es ist daher allen Beteiligten im vorparlamentarischen und parlamentarischen Raum hoch anzurechnen, dass seit Monaten nahezu in allen Debattenbeiträgen der Fokus auf der Frage liegt, wann und wie die palliativmedizinische und palliativpflegerische Versorgungsstruktur endlich so ausgebaut wird, dass es nirgendwo an stationären und ambulanten Möglichkeiten mangelt, die Schmerzen Moribunder in ihrer letzten Lebensphase so zu lindern, dass ein Sterben in Würde möglich ist.
   Dass Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) im Verein mit den Koalitionsfraktionen von CDU/CSU und SPD auf entsprechende Forderungen reagierte, sollte freilich nicht nur das ethische Signal sein, dass palliativ- medizinische Angebote zum Standard einer solidarischen und fürsorglichen Gesellschaft gehören. Nicht zu überhören ist auch die politische Botschaft an die Befürworter einer wie auch immer gearteten bundesgesetzlichen Regelung der Suizidassistenz. Denn das ist das große Versprechen der Palliativmedizin und -pflege: Die Symptome nahezu aller Patienten, denen Schmerzen Sinn und Verstand rauben, so lindern zu können, dass sie wieder fähig werden, selbstbestimmt die letzten Schritte ihres Lebensweges zu gehen und diesen Weg weder von eigener noch von fremder Hand abkürzen möchten.
   Gleichwohl ist nicht gewiss, ob diese Botschaft die gewünschte Wirkung entfaltet. Denn unter Ärzten (die Palliativmediziner fast vollständig ausgenommen) und Medizinethikern gibt es durchaus Stimmen, die auf Rechtssicherheit und öffentliche Akzeptanz für ärztliche Hilfestellung bei der Selbsttötung dringen - Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland strafrechtlich nicht verboten. Dass diese Forderung auch im Bundestag Widerhall findet, sollte nicht verwundern. Denn die Befürworter eines bundesgesetzlichen Rechtsrahmens für ärztlichen Suizid fühlen sich nicht zuletzt als Stimme des Volkes. Sie argumentieren, das Volk wolle mit überwältigender Mehrheit Ärzte in der Lage sehen, ihren Patienten auch im Falle eines Todeswunsches beistehen zu können.
   Aber ist die Frage, die einer solchen Perspektive zugrundeliegt - „Soll ein Arzt bei tödlichen Krankheiten Sterbe- hilfe leisten dürfen?" - wirklich seriös? Jede andere Antwort als- „Ja" käme einem Verrat am ärztlichen Ethos gleich. Die Tücke liegt im Begriff „Sterbehilfe". Damit kann vieles gemeint sein - von Tötung auf Verlangen (aktive Sterbehilfe)  über Nichteinleitung lebenserhaltender Maßnahmen oder den Behandlungsabbruch (passive Sterbehilfe) bis hin zu Therapien, die Symptome lindern, aber möglicherweise die Sterbephase beschleunigen(indirekte Sterbehilfe).
   „Passive" Sterbehilfe auf der Grundlage von Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen ist gang und gäbe. „Indirekte" ebenso - bis dahin, dass sich herausgestellt hat, dass Palliativtherapien (von der terminalen Sedierung abgesehen), die Sterbephase eher verlängern als verkürzen. Konsens unter Politikern ist indes, dass an der strafrechtlichen Ächtung der Tötung auf Verlangen nicht gerüttelt werden soll - gerade im Blick auf die Euthanasiepraxis in den Nachbarstaaten Belgien und den Niederlanden. Dort umfassen die Indikationen, die eine Tötung auf Verlangen rechtfertigen, längst auch psychische Erkrankungen. Das geht so weit, dass niemand mehr sicher sein kann, auch ohne Verlangen ums Leben gebracht zu werden. Diese „schiefe Ebene" betreten möchte in Deutschland kein seriöser Politiker, Arzt oder Ethiker.
   Bleiben die ethischen Grenzsituationen, in die Ärzte im Umgang mit Sterbenden geraten können. Diese aus der Intimität der Arzt-Patienten-Beziehung herauszulösen und kasuistisch einhegen zu wollen, wäre vermessen. Es sollte dabei bleiben, was des Arztes ist: Heilen manchmal, lindern oft, trösten immer. Töten nie.
FAZ141113Danielckers

Wie wollen Sie sterben?
Welche Gedanken Helmut Schmidt und andere Prominente sich über den Tod machen

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 Helmut Schmidt, Herausgeber der „Zeit”:
   „Ich habe schon vor langer Zeit eine Patientenverfügung getroffen, sie steckt immer in meiner Brieftasche. Aber wichtiger in meinem Alter ist die Bevollmächtigung eines Dritten, in meinem Fall sind das meine Frau und meine Tochter. Sollte ich an einem Tag X nicht mehr zurechnungsfähig sein, können sie für mich sämtliche Entscheidungen treffen, eben auch jene, die sich auf ärztliche Maßnahmen erstrecken. Es sind ja Zweifel aufgetaucht, ob die Ärzte wirklich an die Patientenverfügung gebunden sind. Vor fünfzig Jahren hätte es darüber keinen Streit gegeben. Es ist ein Ausfluss der modernen Gesellschaft, die alles und jedes möglichst in juristischer Sprache regeln will. Ich wünsche mir, dass der Arzt meiner Patientenverfügung folgt und im Zweifel auf das hört, was die Person ihm sagt, die ich bevollmächtigt habe.”
Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit
  „Ich möchte sterben, umgeben von Menschen, die mir vertraut sind. Ich hoffe, dass meine Schmerzen medikamentös zu beherrschen sind und dass mir die Intensivstation erspart bleibt. Am wichtigsten ist mir, dass ich nicht allein bin, sondern dass mein Mann oder meine Kinder am Ende meines Weges Entscheidungen in meinem Sinne treffen können, die zu artikulieren mir dann die Kraft fehlt.”   Entnommen aus der „Zeit"

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 Christa Goetsch, GAL-Fraktionsvorsitzende in der Hamburgischen Bürgerschaft:
 „Seit meine beiden Eltern innerhalb eines Jahres gestorben sind, weiß ich, dass man diesem Thema nicht aus- weichen kann. Ich habe selbst keine Patientenverfügung, aber mein Mann und ich werden bestimmt irgendwann eine abschließen. Ich bin bei diesem Thema für mehr Rechtssicherheit, die einzelnen Kriterien, zum Beispiel die genaue Wirksamkeit, müssen klarer sein.”
Corny Littmann, Direktor des Schmidts Tivoli und Präsident des FC St. Pauli:
  „Ich möchte im Familien- und Freundeskreis sterben ohne Apparatemedizin. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, will ich in Ruhe und Gelassenheit, möglichst ohne Schmerzen mit der notwendigen Hilfe eines Arztes vom Leben in den Tod hinübergleiten.”
Thomas Collien, Intendant St.-Pauli-Theater:
   Als jemand, der auf dem Kiez arbeitet, werde ich voraussichtlich nicht eines natürlichen Todes sterben. Daher muss ich mir über Krankenhaus oder Ähnliches keine Gedanken machen. Aber Scherz beiseite bei einem so 'todernsten’ Thema: Da ich meine Frau und meine beiden Kinder über alles liebe, würde ich diese natürlich gern um mich haben, obwohl ich meine Kinder erst im fortgeschrittenen Alter mit solch einer Live-Situation belasten würde. Leider habe ich bereits einen Teil meiner Familie verloren und weiß somit: Für mich bitte keine lebensverlän- gernden Maßnahmen. Bis dahin: Carpe diem!”

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 Mathias Petersen, SPD Politiker und Arzt:
  „Ich habe keine Patientenverfügung, aber meine Frau, die auch Ärztin ist, und ich haben genau besprochen, was im Ernstfall zu tun ist. Ich möchte keine lebensverlängernden Maßnahmen über das normale Maß hinaus. Ich glaube, dass meine Frau genau weiß, was ich mir wünsche. Das Thema Rechtsverbindlichkeit sehe ich anders als viele andere. Ich habe lange als Notarzt gearbeitet und weiß, dass es Situationen gibt, in denen es ganz schlimm um einen Menschen zu stehen scheint und in denen man trotzdem erst mal in Ruhe klären muss, was nun eigent- lich genau vorliegt.”
Olaf Scholz, Erster Bürgermeister von Hamburg
  „Ich möchte möglichst im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte sterben. Ich habe vor wenigen Jahren eine Patienten- verfügung verfasst. Ich wollte Gewissheit haben, dass ich in bestimmten Situationen nicht das hilflose Opfer der Apparatemedizin bin. Es kann durchaus sein, dass ich meine Patientenverfügung im Laufe des Lebens noch än- dern werde. Beispielsweise wenn neue medizinische Erkenntnisse vorliegen oder sich die eigenen Wertevor- stellungen ändern. Außerdem habe ich meiner Frau eine Vorsorgevollmacht erteilt. Das war mir wichtig.”
Bert Ehm, Trainer des SC Victoria:
  „Mit meinem Tod beschäftige ich mich noch nicht. Allerdings möchte ich nicht lange künstlich am Leben gehalten werden, wenn das Ende naht. Sollte ich nicht mehr in der Lage sein, aus dem Bett zu kommen, dass ich nicht mehr gehen oder aufstehen kann, dann möchte ich würdevoll sterben. Ich möchte auf keinen Fall als Pflegefall dahin- vegetieren. Was ist das für ein Leben, wenn man nicht mehr lachen, sprechen und herumtanzen kann, wenn man nur noch anderen zur Last fällt? Dann würde ich um eine Spritze bitten dürfen, die mich schnell und schmerzlos ins nächste Leben befördert.”
Pastor Hinrich Westphal:
  „Mich beschäftigt der Gedanke schon länger. Schließlich bin ich Single und habe keine Kinder, die diese Ent- scheidung später übernehmen müssten. Die Frage, die ich mir immer stelle: Was ist die Artistik der Mediziner und was ist Gottes Wille? Vielleicht will Gott einfach, dass ich nach einem erfüllten Leben gehe. Wenn ich dann aber durch medizinische Kunstgriffe am Leben gehalten werde, ist das nicht erfüllend. Weder in meinem noch in Gottes Sinn. Ich spreche mich deutlich gegen aktive Sterbehilfe aus, aber ich werde eine Patientenverfügung unter- schreiben.”

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Jo Brauner, Ex-Tagesschau-Sprecher:
  „Noch habe ich keine Patientenverfügung unterschrieben. Aber wenn es mit mir zu Ende geht, sollen die Geräte abgeschaltet werden. In einem Krankenhausbett zu vegetieren, ist doch kein Leben mehr. Versichert mir der Arzt, dass es keine Heilungschancen gibt, dann lasst mich in Würde sterben. Wir hatten auch überlegt, bei einer schweren Krankheit eine Pille zu schlucken. Aber meistens ist man dann krankheitsbedingt nicht mehr bei Sinnen, und dann muss der Partner einem die Tablette geben. Die Schuld wollen wir uns nicht aufbürden. Deswegen haben wir Pillen ausgeschlossen.”
Annemarie Dose, Gründerin der „Hamburger Tafel”:
   „Ich habe bereits vor zwei Jahren eine Patientenverfügung gemacht und beim Notar hinterlegt. Ich möchte keine lebensverlängernden Maßnahmen, wenn ich beispielsweise an einer tödlichen Erkrankung leide oder nicht mehr bei Besinnung sein sollte. Eine Rückentwicklung zum hilflosen Fötus empfinde ich als entwürdigend. Ich bin um jeden Tag froh, an dem ich lebe. Aber wenn meine Uhr abgelaufen ist, brauche ich keinen Uhrmacher, der einen neuen Zeiger einbaut. Dann ist es Zeit, zu gehen.”
Peter Schulz, Hamburger Altbürgermeister,
  „Ich habe selbstverständlich eine Patientenverfügung und mit meinem Arzt darüber gesprochen, was im Ernstfall zu tun ist. Das Ganze ist eine Vertrauenssache zwischen Arzt und Patient und ich möchte auf keinen Fall, dass sich andere da einmischen, zum Beispiel andere Mediziner. Allerdings ist mir klar, dass nicht alle Fälle immer so ideal liegen können und dass es zum Beispiel bei Notfällen erst gar nicht möglich ist, ein Vertrauensverhältnis zu einem Arzt aufzubauen.”
Maria von Welser, Direktorin NDR-Landesfunkhaus Hamburg:
  „Natürlich wünscht man sich, beim Sterben seine Liebsten um sich zu haben, aber ich bin schon glücklich, wenn mein Mann dabei ist. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass es ein Leben nach dem Tode gibt. Rein wissenschaftlich gesehen bleibt Energie immer erhalten. Schon lange habe ich eine Patientenverfügung, die ich regelmäßig aktu- alisiere. Durch meine journalistische Arbeit weiß ich, dass es Ärzte gibt, die eine Verfügung nicht akzeptieren, wenn sie zu alt ist. Ich habe sie nicht immer bei mir, aber mein Mann hat Zugriff au diese Verfügung.”

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Luan Krasniqi, Schwergewichts-Boxprofi:
    „Ich bin kein Freund der Sterbehilfe. Gott hat das Leben geschenkt, und er wird es wieder nehmen, wenn es an der Zeit ist. Ich wünsche mir für mich selbst, in einem weichen, behaglichen Bett ruhig einzuschlafen. Eine lange Leidenszeit wäre für mich das Schlimmste.” 
Wolfgang Bosbach, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion:
   „Ich habe keine Patientenverfügung. Ich traue es mir nicht zu, in meinem jetzigen Alter meinen Willen für eine Krankheitssituation vorzuformulieren, deren Verlauf ich noch gar nicht kennen kann. Wie soll ich jetzt wissen, wie ich mich dann entscheiden würde. Ich habe die Hoffnung, dass Ärzte und Angehörige später zu meinem Wohl han- deln werden. Wenn ich aber eine Patientenverfügung machen würde, dann nur für den Fall des vollständigen Be- wusstseinsverlustes, wenn jede Hoffnung auf Besserung fehlt.” HA070330

Lebensrecht, aber keine Lebenspflicht?

   Es ist die Vorstellung, dauerhaft hilflos ans Bett gefesselt zu sein und vielleicht nicht mehr mitteilen zu können, ob man noch weiter medizinisch behandelt werden möchte oder nicht, die immer mehr Deutsche dazu veranlasst, eine Patientenverfügung zu verfassen. Sie wollen damit im Voraus bestimmen, wie sie im Krankheitsfall behandelt werden wollen - und die Entscheidung nicht anderen überlassen. In der Praxis herrscht große Rechtsunsicherheit darüber, wie diese Patientenverfügungen umgesetzt werden sollen. Und so werden immer wieder Menschen weiterbehandelt, die dies zuvor für sich ausdrücklich ausgeschlossen hatten. Ärzte hingegen stehen vor dem Dilemma, ob sie der lebenserhaltenden Fürsorge oder die Selbstbestimmung des Patienten höher bewerten. 2003 hat der Bundesgerichtshof eine gesetzliche Regelung angemahnt, die den Patientenwillen stärkt. In der Begründung hieß es sinngemäß: Es gibt ein Lebensrecht, aber keine Lebenspflicht.
  Das Thema Patientenverfügung ist ein ernstes und zudem höchst persönliches, und so war es nur konsequent, dass die Abgeordneten in Berlin über drei Stunden in einer offenen Debatte diskutieren konnten. „Die Menschen haben einen Anspruch auf Rechtssicherheit”, sagte der rechtspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Joachim Stünker. Er will das Selbstbestimmungsrecht des Patienten stärken - unabhängig von der Art der Krankheit oder deren Stadium. „Der Staat hat zu achten, was das Individuum entscheidet”, forderte er.
   Ein Gruppenantrag, den der Unionsvizefraktionschef Wolfgang Bosbach (CDU) in Kooperation mit Abgeordneten der SPD, der FDP und der Grünen formuliert hatte, will die Gültigkeit der Patientenverfügungen beschränken. Sie sollen nur dann gelten, wenn eine Krankheit einen unumkehrbaren tödlichen Verlauf nimmt oder wenn ein nicht wieder umzukehrender Bewusstseinsverlust eingetreten ist. Bosbach verteidigte diese so genannte Reichweitenbegrenzung und warnte vor erheblichen Risiken, sollte man die Wirksamkeit nicht beschränken. „Die Patientenverfügung ist eine vorweggenommene Entscheidung”, betonte er, „sie beruht nicht auf eigener, persönlicher Er- fahrung.” Bei Menschen, die sich im Fall schwerer Krankheit noch artikulieren könnten, würde man immer wieder die Erfahrung machen, dass sie von ihrer Patientenverfügung abwichen, sagte Bosbach.
  Den Zuhörern im Bundestag auf den gut gefüllten Besuchertribünen wurde eine höchst nachdenkliche Debatte geboten. „Es geht hier nicht um Sterbehilfe”, sagte der FDP-Politiker Michael Kauch. „Es geht darum, der Natur den Lauf zu lassen, wenn der Patient es wünscht.” Die moderne Medizin könne sowohl ein Geschenk wie auch eine Qual sein, sagte er. Das dürfe nicht der Bundestag entscheiden. „Zwangsbehandlung ist Körperverletzung!” Der CDU-Abgeordnete Thomas Rachel, einer der Mitunterstützer des Bosbach-Antrags, zitierte gar aus dem Buch Kohelet: „Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit.” Gut ein halbes Dutzend der 31 Redner forderte, von einer gesetzlichen Regelung ganz abzusehen. Alle forderten einen Ausbau von Hospiz- und Palliativmedizin.
Lesen Sie hierzu >  Patientenverfügung  MarinaKüchenHA070330

Antrag zu Sterbehilfe erhält mehr Zuspruch
    Hinter dem geplanten Gruppenantrag für ein Verbot organisierter Suizidbeihilfe stehen inzwischen Vertreter aus allen Fraktionen des Bundestages. Die SPD-Abgeordnete Kerstin Griese sagte, sie rechne mit einem mehrheitsfähigem Vorschlag. Zusammen mit anderen Abgeordneten tritt sie für ein Verbot einer auf Wiederholung angelegten, sogenannten geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe durch Organisationen und Einzelpersonen ein. Der Vorstoß könnte Anfang Juni 2015 vorgestellt werden. Es gibt noch andere Initiativen. HA150505

ElisabethHeister-NeumannJMx aktSterbehilfe-x

Sterbebegleitiung auf Abwegen.
Nach dem Tod zweier Deutscher in der Schweiz gerät die Sterbehilfeorganisation Dignitas immer stärker unter Druck. Ein Verbot rückt näher. Foto oben: Elisabeth Heister-Neumann, CDU, Kultusministerin a.D. in Niedersachsen

   Sie saßen noch hinterm Steuer, waren aber bereits viele Stunden tot. Die Bestatter, die die beiden toten Männer aus ihren Autos ziehen mussten, berichteten, es sei „pietätlos” gewesen. Der Freitod von zwei Deutschen auf einem Waldparkplatz in der Nähe von Zürich hat die Debatte um die Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas neu entfacht. Denn wieder einmal war es Dignitas, die die Sterbewilligen in den Tod beförderte. Seit sieben Jahren lotst die Organisation von ihrer deutschen Zentrale in Hannover aus Schwerkranke und Behinderte mit Suizid- plänen zum Sterben in die Schweiz. Auch die Männer, die ihrem Leben jetzt ein Ende auf dem Parkplatz bereiteten, wurden über Hannover in die Schweiz vermittelt. Die Dignitas-Niederlassung in der Landeshauptstadt entwickelt sich immer mehr zur bundesweiten Anlaufstelle für Todeskandidaten.
  Und vieles spricht dafür, dass diesmal Dignitas-Chef Ludwig Minelli persönlich den Männern aus Bayern und Baden-Württemberg den Giftcocktail mit dem überdosierten Schlafmittel verabreichte. Denn der 75-Jährige lebt ganz in der Nähe des Kiesparkplatzes in der 9.000-Seelen-Gemeinde Baur. Und Minelli räumt freimütig ein, dass er schon einmal einer todesbereiten Deutschen im Auto vor seinem Haus beim Sterben geholfen hat.
   Politiker und Kirchenvertreter in Deutschland und der Schweiz zeigten sich entsetzt. Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe warf Dignitas „Geschäftemacherei unter dem Deckmantel der Nächstenliebe” vor. Der zuständige Schweizer Staatsanwalt indessen zuckt bedauernd die Achseln. Gesetzlich sei der öffentliche Freitod auf dem Parkplatz nicht zu beanstanden, sagt Jürg Vollenweider. „Wer in der Natur oder etwa in seinem geliebten Auto sterben möchte, kann das natürlich tun.” Auch mit Hilfe anderer. Dass Dignitas dazu übergegangen ist, seine „Kunden” auf Park- plätzen in den Tod zu begleiten, ergibt sich nach den Worten des Gründers aus einer Notlage. Immer mehr Gemeinden im Raum Zürich nämlich haben sich in den vergangenen Wochen geweigert, die Genehmigung für sogenannte Sterbezimmer in Mietwohnungen zu erteilen - weder in Wohn- noch in Gewerbegebieten.
  Jahrelang bot Dignitas seine „Sterbebegleitung” in der Züricher Gertrudenstraße an. Die karge Einrichtung be- stand nur aus einem Krankenbett, einem kleinen Tisch, Stühlen und einer Einbauküche. Fast täglich erschienen hier die Lebensmüden, und ebenso oft fuhr der Leichenbestatter vor, um nach dem organisierten Suizid die sterblichen Überreste abzuholen. Doch je mehr Leichen das Haus verließen, desto größer wurde der Zorn der Anwohner. Das „Todeshaus”, beklagten sie, ruiniere den Ruf des ganzen Viertels. Schließlich erhielt Minelli die Kündigung und musste die Wohnung im September räumen. Seither bestellt Dignitas die Sterbewilligen zumeist in Hotels. In der Sterbehilfe auf dem öffentlichen Parkplatz sehen manche daher auch eine bewusste Provokation Minellis.„Wir haben keine andere Wahl”, sagt der frühere Journalist, der Dignitas 1998 gründete. „Wir respektieren es, wenn die Leute lieber in ihrem Auto als einem Hotel sterben möchten, und die Sterbewilligen befinden sich in einer Situation, in der sie nicht warten können.”
   Im Internet preist Dignitas seine „Dienstleistung” unter dem Motto „Menschenwürdig leben, menschenwürdig sterben” als uneigennützigen Akt der Barmherzigkeit, in Wirklichkeit ist die Organisation jedoch ein Wirtschafts- unternehmen. Für die „Sterbebegleitung” schließlich wird immerhin ein Betrag von rund 3.700 Euro berechnet - und die Kosten der Einäscherung kommen noch dazu. Darüber hinaus gibt es Berichte, wonach Dignitas-Kunden der Sterbehilfeorganisation auch noch einen Teil ihres Vermögens vererben.
   Das Geschäft mit der Sterbehilfe boomt. Minelli spricht von „erheblichen Wachstumsraten”. Allein 2006 hat Dignitas 196 Menschen zum Sterben verholfen - 50 Prozent mehr als im Vorjahr. 120 davon stammen aus Deutsch- land. Vielen Schweizer Parlamentariern ist dieser „Todestourismus” seit Langem ein Dorn im Auge. „Die Deutschen kommen nicht mehr der Berge wegen, sondern um zu sterben”, heißt es, und mehrere Gesetzesinitiativen verfolgen bereits das Ziel, Dignitas die gesetzliche Grundlage zu entziehen. Doch bisher waren die Befürworter des „selbstbestimmten Sterbens” immer noch knapp in der Mehrheit.
   Da die meisten „Mitglieder" aus Deutschland kommen, bemüht sich Minelli schon seit zwei Jahren, seine „Freitod- begleitung” auch in Deutschland anbieten zu können. Dies aber scheitert derzeit schon daran, dass die Substanz Natriumpentobarbital, die die Sterbewilligen in der Schweiz in einen tödlichen Schlaf versetzt, in Deutschland verboten ist. Darüber hinaus muss Menschen, die das Bewusstsein verloren haben, hierzulande ärztliche Hilfe zuteil werden - auch wenn sie zuvor ihren Sterbewunsch bekundet haben. Dignitas will nun in Deutschland die rechtliche Zulässigkeit des „begleiteten Suizids” mit Musterprozessen durchsetzen. „Wir müssen jemanden finden, der bereit ist, das Risiko der Strafverfolgung einzugehen”, sagt Minelli. Die finanziellen Lasten des Prozesses werde Dignitas übernehmen.
  Die Nachfrage ist offenkundig enorm. Die Zahl der Mitglieder der deutschen Sterbehilfefiliale Dignitate in Han- nover hat sich seit Ende vergangenen Jahres nach eigenen Angaben von 886 auf 1.700 erhöht. Mehr als 100 Schwerkranke wurden bereits über die Anlauf stelle in Hannover zum Sterben in die Schweiz geschickt.
  Ginge es nach Niedersachsens Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) hätte die hannoversche Zen- trale längst ihre Arbeit einstellen müssen. Die niedersächsische FDP bremste jedoch die geplante Bundesrats- initiative. Die Liberalen verteidigen die Sterbehilfe als Teil des Rechts, selbstbestimmt über das Ende des eigenen Lebens bestimmen zu können und teilen die Bedenken gegen Dignitas nicht. Diese Position wird jedoch nicht von allen FDP-Landesverbänden geteilt. Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll (FDP) zum Beispiel erhob keine Einwände, als sich seine Amtskollegen  bei einer Justizministerkonferenz in Wolfsburg für ein Dignitas-Verbot aussprachen. Der Abstimmung blieb der FDP-Politiker dann am Ende aber doch lieber fern.HAZHeinrichThies071109

Interview der HAZ mit Niedersachsens Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann

„Das ist ungeheuer”
Die beiden Deutschen, die mit Hilfe von Dignitas auf einem Parkplatz bei Zürich aus dem Leben schieden, sind über die Dignitas-Niederlassung in Hannover zum Sterben in die Schweiz vermittelt worden. Gibt Ihnen das nicht zu denken?
  Da läuft es einem kalt den Rücken runter. Das ist ungeheuerlich. Ich weiß wirklich nicht, was das mit würdevollem Sterben zu tun hat.
Hannover entwickelt sich immer mehr zur bundesweiten Anlaufstelle für Selbstmordkandidaten. Was wollen Sie dagegen tun?
  Wir haben gerade auf der Justizministerkonferenz der CDU/CSU-geführten Landesjustizministerien beschlossen, die Anstrengungen zu verschärfen, um das Geschäft mit dem Tod zu unterbinden. Insofern bin ich überzeugt, dass die Bundesratsinitiative von Hessen, Thüringen und dem Saarland zum Erfolg geführt werden kann.
Aber die niedersächsische Landesregierung selbst ist ja schon mal bei dem Versuch gescheitert, Dignitas den rechtlichen Boden zu entziehen. Die FDP hat seinerzeit darauf gedrängt, die Initiative zu stoppen.
  Das ist richtig, und das müssen wir auch akzeptieren. Ich äußere mich hier als Privatperson, nicht als Mitglied der Landesregierung.
Wird es jetzt neuen Streit mit der FDP geben?
  Wir streiten uns nicht. Wir sind Koalitionspartner und müssen die Einschätzung der FDP-Fraktion akzeptieren. Nach diesem eindeutigen Votum der Justizministerkonferenz bin ich allerdings sehr zuversichtlich, dass ein Verbot solcher Praktiken bald im Gesetz stehen wird.
Welche rechtliche Handhabe sehen Sie eigentlich, Dignitas beizukommen?
  Es geht darum, die geschäftsmäßige Vermittlung von Sterbehilfe unter Strafe zu stellen.
Dignitas beteuert aber, rein nichtkommerzielle Sterbebegleitung zu betreiben.
   Daran muss man doch sehr zweifeln. Ich finde es schon fraglich, ob die Mitgliedsbeiträge gerechtfertigt sind - ganz zu schweigen von den stolzen Preisen der Sterbehilfe. HAZHeinrichThies071109

po-SabineLeutheusserSchnFDP  Verbot der kommerziellen Sterbehilfe

Die katholische Kirche ist nicht einverstanden mit dem Gesetzentwurf zum Verbot der kommerziellen Sterbe- hilfe. Der Entwurf greife zu kurz und beziehe sich lediglich auf die gewerbsmäßige, also auf Gewinnerzielung ausgerichtete Beihilfe zum Suizid beziehe, sagte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, dem Nachrichtenmagazin „Focus“. Die Neufassung des Paragrafen 217 des Strafgesetzbuches sieht vor, die „gewerbsmäßige Förderung der Selbsttötung“ mit bis zu drei Jahren Freiheitsentzug zu bestrafen. Ein solches Ge- setz riskiere, die Handlungen von bereits operierenden Sterbehilfeorganisationen wie „SterbeHilfe Deutschland“, „Dignitas“ oder „Exit“ zu legitimieren, sagte Kopp. Der Gesetzesentwurf von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) Foto soll noch vor der Sommerpause dem Kabinett vorgelegt werden.
RV120604kna

„Die Herausforderung des Sterbens annehmen”. Gemeinsames Hirtenschreiben der Bischöfe von Freiburg,
Basel und Strasbourg Foto von links nach rechts mit einem einleitenden Kommentar der FAZ.

epZollitsch,Koch,Doré

   In immer mehr europäischen Ländern wird aktive Sterbehilfe praktiziert. In den Niederlanden und in Belgien ist der Tod auf Verlangen seit einigen Jahren unter bestimmten Bedingungen legal, die Schweiz, in der uneigen- nützige Hilfe bei Freitod schon seit 1918 erlaubt ist und Sterbehilfe-Organisationen hier und da schon in Alten- und Pflegeheimen tätig werden dürfen, sieht sich mittlerweile mit einem „Sterbe-Tourismus” konfrontiert.
   Untersuchungen aus Großbritannien, Frankreich und anderen Ländern lassen auf eine hohe Dunkelziffer bei der Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen in Krankenhäusern ohne Einwilligung der Patienten oder ihrer Ange- hörigen schließen. Und auch in Deutschland wird die Forderung nach Straffreiheit in bestimmten Fällen aktiver Sterbehilfe so massiv erhoben, dass sich der Deutsche Juristentag damit beschäftigt.
  Am Oberrhein lässt sich die Dynamik biopolitischer Themen seit Jahren wie unter einem Brennglas verfolgen. In Karlsruhe befinden das Bundesverfassungsgericht und das Bundesverwaltungsgericht über Abtreibung und Pati- entenverfügung, die Parlamentarische Versammlung des Europarats in Straßburg und das Europäische Parlament, das gleichfalls regelmäßig im Elsass tagt, waren in den vergangenen Jahren mehrfach Ort heftiger Kontroversen über Sterbehilfe, Embryonen-Forschung und vorgeburtliche Diagnostik, und im schweizerischen Grenzgebiet sind nicht nur die Sterbehilfe-Organisationen „Exit” und „Dignitas” aktiv. Auch große Pharma- und Gentechnik-Konzerne haben hier ihren Sitz. Kein Wunder, dass die drei katholischen Bischöfe am Oberrhein vor diesen „Zeichen der Zeit” nicht die Augen verschließen wollen.
  Seit mehr als 25 Jahren treffen sich die oberrheinischen Bischöfe zweimal im Jahr zum grenzüberschreitenden Erfahrungsaustausch zu einem „alemannisches Bischofstreffen”. 1982 äußerten sich die Bischöfe erstmals gemein- sam. Auf dem Höhepunkt des Streits über die zivile Nutzung der Atomenergie, der in der Deutschschweiz und in Baden nicht weniger heftig ausgetragen wurde wie in Brokdorf und Wackersdorf, brachen sie unter dem Titel „Christliches Verhalten im Streit über der Kernenergie” eine Lanze für den „Vorrang der Sittlichkeit vor der Technik an einem Wendepunkt der Menschheit”. Jetzt traten Kardinal Kurt Koch Foto oben Mitte, der Straßburger Erz- bischof Joseph Doré Foto oben rechts und der damalige Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch erneut an die Öffentlichkeit. Ihr Anliegen: „Die Herausforderung des Sterbens annehmen.”
  Schon 2002 hatten sie in einem „gemeinsamen Hirtenwort” zu ethischen Fragen an den Grenzen des mensch- lichen Lebens geäußert und die Entwicklung beklagt, dass sich in der Frage der Abtreibung die Überzeugung immer mehr durchgesetzt habe, dass der Beginn des menschlichen Lebens in der Hand des Menschen liege. Vielen erscheine es daher als konsequent, „dass auch das Ende des Menschseins immer mehr in die Hand des Menschen selbst gelegt wird”. Die Zeit hat ihnen Recht gegeben. Die alten Vorhalte der katholischen Kirche gegen jede Ver- fügung von Menschen über Menschen sind daher aktueller denn je. „Ein Signal, das in die falsche Richtung weist”, nennen die Bischöfe die gesetzliche Zulassung der Tötung auf Verlangen oder der ärztlichen Beihilfe zum Selbst- mord. Man sehe in dem Schwerkranken nicht mehr den leidenden Menschen, dem bis zuletzt vorbehaltlos An- nahme, Liebe und Hilfe geschuldet ist. Der Kranke werde reduziert auf einen „medizinischen Zustand, der aus- sichtslos geworden ist und deshalb durch äußeres Eingreifen beendet werden soll”. Starke theologische Argu- mente kommen an dieser Stelle nicht ins Spiel. Es ist der Umgang des Menschen mit sich selbst, der die Bischöfe erschreckt: Wo Unabhängigkeit, Leistungsfähigkeit und Gesundheit  zum Maß des Menschseins werden, da kann die Gegenwart kranker, leidender und sterbender Menschen nur eine Belastung sein - und Schwerkranke unter Rechtfertigungsdruck geraten, wie Erzbischof Zollitsch zu bedenken gab, wenn sie nicht in ihren vorzeitigen Tod einwilligten.
   Einen Ausdruck von Autonomie, Selbstbestimmung oder Freiheit können die Bischöfe in der Verfügung über das eigene Leben oder das sterbender Menschen nicht erkennen. Hinter dem Verlangen, nach eigenem Willen aus dem Leben zu scheiden oder als Sterbender anderen nicht mehr „zur Last fallen” zu wollen, sehen sie das falsche Ideal eines „selbstgenügsamen Lebens” am Werk, das an einem gesunden, leistungsbewussten und keiner Hilfe bedürftigen Menschen abgelesen ist und von dort auf die Situation des Sterbens übertragen wird.
   Ihr mit Blick auf Frankreich, die Schweiz und Deutschland verfasster Hirtenbrief ist dagegen ein Plädoyer für „Solidarität”. Sie besteht nicht darin, Kranken einen Weg zu weisen, wie sie sich beizeiten aus dem Leben verabschieden können,  bevor sie anderen zur Last werden. „Wirkliche Hilfe, die der Herausforderung des Sterbens nicht ausweicht, erfordert vielmehr die Bereitschaft zum Dabeibleiben, zum geduldigen Ausharren und zum gemeinsamen Warten auf den Tod”, heißt es in dem für deutsche Verhältnisse äußerst knappen Text.
   Radikal sind daher in den Augen der Bischöfe nicht jene, die sich Forderungen nach assistierter Sterbehilfe zu eigen machen oder selbst als Ärzte oder vermeintliche Helfer anderen die Hand zum Tod reichen. Nicht Hilfe zum Sterben, sondern Hilfe im Sterben sei menschenwürdig, befand Erzbischof Zollitsch. Ob Hospize, palliativmedizi- nische Zentren, ehrenamtliche Besuchs- und Pflegedienste in den Kirchengemeinden oder Orte wie der franzö- sische Wallfahrtsort Lourdes. Es gebe viele Wege, wie die Christen ein „öffentliches Gegenzeugnis” (Bischof Koch) ablegen und eine Gesellschaft den unheilbar Kranken in ihrer Mitte „Räume des Sterbens” eröffnen könne. Ein- helliges Lob fand auch die gesetzliche Regelung in Frankreich, die es Angehörigen in Frankreich, zur Pflege von Familienangehörigen unbezahlten Sonderurlaub zu nehmen.
   Mutlos klangen die drei Bischöfe nicht. Wir hoffen, so schreiben sie, „dass dieses Hirtenwort ähnlich wie vor vier Jahren dazu beiträgt, die einzelnen Menschen in ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit den Fragen um Leben und Tod  im Licht des Evangeliums zu begleiten”. Auch der innerkirchlichen wie der öffentlichen Debatte in den drei Ländern wollen sie einen Impuls geben. Im Elsaß wie im Erzbistum Freiburg und in der Schweiz soll auf der Basis des Gesprächs mit Politikern und Repräsentanten anderer Glaubensrichtungen und Religionen gesucht werden. Auch in den kirchlichen Einrichtungen von den Alten- und Pflegeheimen bis zu den Krankenhäusern gibt es offen- bar noch erheblichen Bedarf für Gespräche über einen angemessenen Umgang mit unheilbar Kranken und Sterbenden.
   Ungehört verhallen werde ihr Hirtenwort nicht, äußerten die drei Bischöfe einmütig, Bischof Koch sprach von einer gesellschaftlich anerkannten „diakonischen und eschatologischen Kompetenz” der Kirche, Erzbischof Doré berichtete, dass die Äußerungen der katholischen Kirche in Frankreich auch in laizistischen Politikerkreisen hohe Aufmerksamkeit fänden, und Erzbischof Zollitsch machte den Ernst der Lage mit dem Hinweis klar, dass immer mehr Niederländer ihren Lebensabend in Alten- und Pflegeheimen in Deutschland verbringen wollten.
DanielDeckersFA/060704dpa

Hier folgt das Hirtenwort der alemannischen Bischöfe:

Inhalt
Vorwort
     1. Schwerkranke und Sterbende brauchen Zuwendung, Fürsorge und Liebe
     2. Menschenwürdig Sterben: Leben bis zuletzt
     3. Räume des Sterbens.
     4. Das Recht, Sterben zu dürfen.
     5. Töten und Sterben lassen
     6. Der „Ausweg“ der Selbsttötung: Eine Niederlage für die Menschlichkeit
     7. Die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens
     8. Hoffnung, Geduld und Liebe: Gottes Licht im Dunkel des Todes
Vorwort
   Vor vier Jahren haben wir Bischöfe von Freiburg, Strasbourg und Basel in einem gemeinsamen Hirtenwort zu den gegenwärtigen biomedizinischen und gentechnischen Herausforderungen Stellung genommen. Dabei gingen wir aus von den Problemen an den Grenzen des menschlichen Lebens.  Wir sind dankbar, dass unsere damaligen Überlegungen von vielen Menschen, vor allem auch den Fachleuten, positiv aufgenommen wurden und die ent- sprechenden Diskussionen durch unseren Beitrag inspiriert wurden.
   In der jetzigen Situation müssen wir feststellen, dass die Debatte weiter gegangen ist und durch die Aus- einandersetzung um aktive Sterbehilfe eine neue Dimension erreicht hat. Diese Entwicklung beobachten wir mit großer Sorge.
   Der Tod steht uns allen bevor. Die Frage nach einem Sterben in Würde beschäftigt viele Menschen über die Län- dergrenzen hinweg. So scheint es uns angebracht, uns erneut gemeinsam zu Wort zu melden im Interesse der Würde des Menschen und eines menschenwürdigen Umgangs mit Sterben und Tod.
   Wir hoffen, dass dieses Hirtenwort ähnlich wie vor vier Jahren dazu beiträgt, die einzelnen Menschen in ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit den Fragen um Leben und Tod im Licht des Evangeliums zu begleiten und zugleich der öffentlichen Debatte einen Impuls zu geben, der die unbedingte Achtung der Menschenwürde auch vor dem Hintergrund unserer gesellschaftlichen Verantwortung in den Mittelpunkt rückt.
„Die Herausforderung des Sterbens annehmen”.
   Der Gedanke an den eigenen Tod ist für uns Menschen eine große Herausforderung, der wir uns nur ungern stellen. Wir wissen zwar, dass wir sterben müssen, aber niemand kennt die Zeit, wann sein irdisches Leben zu Ende gehen wird. Ebenso bleiben die Umstände ungewiss, unter denen der Tod einmal eintreten wird. Doch haben die meisten von uns eine Vorstellung davon, in welcher Haltung sie den Tod zu erwarten wünschen. Auf die Frage „Wie wollen Sie sterben?” antworten viele: „Bei klarem Verstand, ohne Schmerzen” oder „ohne anderen zur Last zu fallen”. Viele wünschen sich, in ihrer persönlichen Umgebung und im Beisein ihrer Angehörigen sterben zu dürfen.
   Weil die Vorboten des Todes in Form von Krankheit, Schmerz und Leid im Leben erfahren werden, ängstigt der Tod viele Menschen - Gläubige nicht anders als Ungläubige. Am meisten fürchten sie sich davor, eine lange Lei- denszeit vor ihrem Tod erdulden zu müssen. Besondere Ängste rufen die Möglichkeiten der modernen Intensiv- medizin hervor, menschliches Leben zu verlängern.
   Obwohl viele Patienten dem Einsatz lebenserhaltender Maßnahmen in einer kritischen Krankheitsphase ihr Leben verdanken und später ihre Gesundheit wieder erlangten, wird die moderne Hochleistungsmedizin oft einseitig als Bedrohung wahrgenommen. Vor allem erweckt die Vorstellung Schrecken, gegen den eigenen Willen durch künstliche lebenserhaltende Maßnahmen am Sterben gehindert zu werden. Außerdem führt die gestiegene Lebenserwartung dazu, dass die Zahl der chronisch Kranken steigt, die über lange Jahre hinweg pflegebedürftig sind. Nicht nur aus der Perspektive junger Menschen erscheint die Aussicht, das eigene Leben später unter derar- tigen Einschränkungen und Belastungen führen zu müssen, als erschreckend.
   Aufgrund solcher Ängste und Befürchtungen fordern nicht Wenige das Recht, Art, Zeitpunkt und Umstände des eigenen Todes selbst zu bestimmen und sich dazu der Mithilfe der Ärzte oder des medizinischen Pflegepersonals unserer Krankenhäuser zu bedienen.
1. Schwerkranke und Sterbende brauchen Zuwendung, Fürsorge und Liebe
   Die Ängste der Menschen und die Befürchtungen, die mit der anonymen und technischen Kehrseite der moder- nen Medizin zusammenhängen, müssen zweifellos ernst genommen werden. Doch dürfen wir uns die Antwort darauf nicht zu leicht machen. Die rechtliche Zulassung der Tötung auf Verlangen oder der ärztlichen Suizidbeihilfe wären ein Signal, das in die falsche Richtung weist. Sie verwandeln den Tod in ein künstlich herbeigeführtes Ereignis, das kranken Menschen, die keine Aussicht auf Heilung mehr haben, einen geräuschlosen Abschied aus der Mitte der Lebenden ermöglichen soll. Dahinter steht ein Menschenbild, das einseitig an den Idealen von Unab- hängigkeit, Leistungsfähigkeit und Gesundheit orientiert ist. Die Gegenwart der kranken, leidenden und sterben- den Menschen wird in dieser Perspektive ausschließlich als eine Belastung wahrgenommen, der man sich ent- ziehen möchte. Man sieht in dem Schwerkranken nicht mehr den leidenden Menschen, dem wir bis zuletzt vorbehaltlos Annahme, Liebe und Hilfe schulden, sondern nur einen medizinischen Zustand, der aussichtslos geworden ist und deshalb durch äußeres Eingreifen beendet werden soll.
   Eine einseitige Betrachtung des Lebens, die seinen dunklen Seiten aus dem Weg geht, setzt Schwerkranke und Sterbende dem Zwang zur Rechtfertigung ihres Daseins aus. Dies jedoch verstößt gegen das Grundprinzip einer wahrhaft menschlichen (und demokratischen) Gesellschaft, die durch ihre Rechtsordnung allen Mitgliedern - auch den Schwachen, Kranken und der Hilfe Bedürftigen - die Gewissheit vermitteln muss, vorbehaltlos angenommen zu sein. Der Grundsatz der Unverfügbarkeit des Lebens schützt das Leben in jeder Phase und in jeder Form; wer am Lebensanfang oder Lebensende bestimmte Zustände davon ausnimmt, maßt sich ein Urteil an, das in einer demo- kratischen Gesellschaft niemandem zusteht.
   Der Gedanke wechselseitiger Anerkennung, der einer demokratischen Rechtskultur zugrunde liegt, fordert vielmehr, dass wir jedem Menschen in einer Haltung der Annahme und des Respekts begegnen, dem Gesunden ebenso wie dem Kranken, dem Genesenden ebenso wie dem Sterbenden.
   Das Sterben ist nicht einfach das Ende, sondern selbst ein Teil des Lebens. Im Tod geht es um die irdische Vollendung des Lebens, die von jedem Menschen, soweit es die Umstände seines Sterbens erlauben, bewusst angenommen werden soll. Dazu bedürfen Sterbende der Hilfe und Unterstützung in vielfacher Form. Ein humaner Sterbebeistand, der diesen Namen verdient, verfolgt das Ziel, einem sterbenden Mitmenschen Raum für die Annahme seines eigenen Todes zu gewähren. Sie belässt ihm das Recht auf das eigene Sterben - nicht nach der Art der manipulierten Selbsttötung, sondern im Sinn einer bewussten Annahme des Todes.
 „Infolge der Fortschritte auf medizinischem Gebiet und in einem kulturellen Umfeld, das sich der Transzendenz zu- meist verschließt, weist die Erfahrung des Sterbens heute einige neue Wesensmerkmale auf. Denn wenn die Nei- gung vorherrscht, das Leben nur in dem Maße zu schätzen, wie es Vergnügen und Wohlbefinden mit sich bringt, erscheint das Leiden als eine unerträgliche Niederlage, von der man sich um jeden Preis befreien muss. Der Tod, der als ‚absurd’ angesehen wird, wenn er ein Leben plötzlich unterbricht, das noch für eine an möglichen inter- essanten Erfahrungen reiche Zukunft offen ist, wird dagegen dann zu einer ‚beanspruchten Befreiung’, wenn das Dasein bereits für sinnlos gehalten wird, weil es in Schmerz getaucht und unerbittlich für weiteres noch heftigeres Leiden bestimmt ist.” Vgl. Papst Johannes Paul II., Enzyklika „Evangelium vitae”, 1995, 64.
   Ein wichtiges Dokument der internationalen Staatengemeinschaft, die Charta des Europarates zum „Schutz der Menschenrechte und der Würde unheilbar Kranker und Sterbender” aus dem Jahre 1999 proklamiert deshalb ausdrücklich, dass sich die unverletzbare Würde des Menschen über alle Phasen des Lebens erstreckt und daher auch den Anspruch auf ausreichenden Schutz und wirksame Unterstützung und Hilfe beim Sterben umfasst. In ihrer letzten Bestimmung fordert die Charta ausdrücklich, dass der Respekt vor der Würde Sterbender absichtliche Tötungshandlungen niemals legitimieren kann; auch die Äußerung eines Sterbewunsches stellt keinen ausreichen- den Rechtfertigungsgrund für willentliche Handlungen dar, die den Tod herbeiführen sollen. Aufgabe einer verantwortlichen Hilfe im Sterben kann es daher immer nur sein, dem Sterbenden die letzte Wegstrecke seines Lebens zu erleichtern. Dies ist der eigentliche Sinn von Mitleid und Erbarmen, in deren Namen das Töten durch den Arzt aber nie gerechtfertigt werden kann. Wahres Mitleid meint nicht nur ein Gefühl der Gesunden, wie es der verräterische Satz „Ich kann das nicht mehr mit ansehen” nahe legt. In ihrem biblischen Sinn erfordern Mitleid und Erbarmen vielmehr tatkräftige Hilfe,  die der Person des leidenden Menschen gilt. Mitleid, Erbarmen und Liebe be- stimmen eine Beziehung zwischen Menschen, in der man auf den Nächsten hin lebt, sein Selbstgefühl stärkt, und ihn zu tragen und sein Leiden zu lindern bereit ist. Solches Mitleid erniedrigt den anderen nicht, sondern stärkt ihn in seinem Personsein. Eine menschenfreundliche Ethik verbietet es, das Leiden als solches zu verklären oder das Ausmaß extremer Belastungen zu verharmlosen, die mit dem Sterben verbunden sein können. Doch sind Mitleid und Nächstenliebe Formen kreatürlicher Ehrfurcht, durch die wir uns der Person des leidenden Menschen in beson- derer Weise nahe wissen. Sie dürfen jedoch niemals zum Argument für die Tötung durch den Arzt werden.
2. Menschenwürdig Sterben: Leben bis zuletzt
   Eine Argumentation zugunsten der Tötung auf Verlangen, die ihren Ausgangspunkt allein beim Gedanken der Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen nimmt, entzieht Sterbenden in Wirklichkeit auf subtile Weise die notwendige Unterstützung. Sie verwechselt Autonomie und Selbstbestimmung mit dem Ideal eines selbstgenüg- samen Lebens, das an einem gesunden, leistungsbewussten und keiner Hilfe bedürftigen Menschen abgelesen ist und von dort auf die Situation des Sterbens übertragen wird.
   Tatsächlich verbirgt sich hinter dieser Vorstellung von Selbstbestimmung und Freiheit ein fragwürdiges, zutiefst unmenschliches Ideal, dem das Leben nur im Vollbesitz der eigenen Kräfte lebenswert erscheint. Auf fremde Hilfe angewiesen zu sein und eine schwere Krankheit ertragen zu müssen, gilt in dieser Auffassung als menschen- unwürdige Belastung, der autonome Menschen in der verantwortlichen Ausübung ihrer Selbst- bestimmung aus dem Weg zu gehen wissen.
   Hinter der abstrakten Hochschätzung von Autonomie und Selbstbestimmung vollzieht sich so eine Entsolida- risierung mit den Sterbenden, die ihnen notwendige und wirksame Hilfe vorenthält. Gerade in der letzten Phase des Sterbens ist die Erfahrung eines eigenen Lebenssinnes nur möglich, wenn sie von der Solidarität und Nähe anderer Menschen mitgetragen wird. Daher erfordert ein menschenwürdiges Sterben mehr als den bloßen Respekt vor einer angeblich unbeeinflussten Selbstbestimmung des Sterbenden.
   Menschenwürdiges Sterben ist überhaupt nur unter der Bedingung möglich, dass personale Beziehungen und das Angebot menschlicher Nähe aufrechterhalten werden.  Solidarität mit Sterbenden besteht nicht darin, ihnen einen Weg zu weisen, wie sie sich beizeiten aus dem Leben verabschieden können, bevor sie anderen zur Last werden. Wirkliche Hilfe, die der Herausforderung des Sterbens nicht ausweicht, erfordert vielmehr die Bereitschaft zum Dabeibleiben, zum geduldigen Ausharren und zum gemeinsamen Warten auf den Tod. Im Ertragen dieser Ohnmacht zeigen sich eine tiefere menschliche Solidarität und eine entschiedenere Achtung vor der Würde des sterbenden Menschen als in dem Ausweg einer willentlichen Herbeiführung des Todes durch andere oder den Sterbenden selbst.
3. Räume des Sterbens
   Ein gesellschaftliches Umdenken, das die Augen vor der oft bitteren Wirklichkeit des Sterbens nicht verschließt, muss radikaler ansetzen, als es die Forderung nach einer Freigabe von Euthanasie und ärztlicher Suizidbeihilfe empfiehlt. Die zahlreichen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich ehrenamtlich in der Hospizbewegung engagie- ren, zeigen, welche Art von Hilfe Sterbende vor allem benötigen. Wenn sie dank guter medizinischer Versorgung und mitmenschlicher Begleitung ihr Leben bis zuletzt in einer persönlichen Umgebung führen können, äußern sie nicht mehr den Wunsch, vorzeitig aus dem Leben zu scheiden oder getötet zu werden. Der Ausbau palliativ- medizinischer Zentren und außerklinischer Pflegehospize, die den Wechsel zwischen häuslicher Umgebung und stationärer Pflege erleichtern, stellt daher den richtigen Weg dar, wie eine humane Gesellschaft mit den Sterbenden in ihrer Mitte umgehen sollte. Die Bereitschaft, die Würde unheilbar kranker und sterbender Menschen zu achten, zeigt sich gerade in dem Bemühen, ihnen eine angemessene räumliche und menschliche Umgebung zu schaffen, die ein würdevolles Abschiednehmen vom Leben ermöglicht. In die gleiche Richtung weist eine gesetz- liche Neuregelung, die seit einigen Jahren in Frankreich und Österreich gilt. Dort können Angehörige unbezahlten Sonderurlaub nehmen, um die eigenen Eltern oder andere Familienangehörige zu Hause zu pflegen.
   Auch wenn dies angesichts der Wohnverhältnisse moderner Kleinfamilien nicht überall verwirklicht werden kann, ermöglicht es die Idee des Pflegeurlaubs doch vielen, nahen Familienangehörigen auf der letzten Wegstrecke des Lebens Dankbarkeit, Zuneigung und Liebe zu erweisen.
4. Das Recht, Sterben zu dürfen
   Auch von Ärzten ist ein Umdenken erfordert, das noch nicht überall mit der notwendigen Konsequenz vollzogen ist. Die medizinische Kunst dient nicht der Lebensverlängerung um jeden Preis, sondern dem Wohl eines kon- kreten Menschen, der auch in der letzten Phase des Sterbeprozesses der ärztlichen Fürsorge bedarf. Die Aufgabe der Ärzte und des Pflegepersonals ist daher noch nicht zu Ende, wenn im Kampf mit einer tödlichen Krankheit keine Aussicht auf Heilung mehr besteht. Die moderne schmerzlindernde Medizin verfügt heute über wirksame Methoden der Schmerzbekämpfung. Wenn sie fachgerecht eingesetzt werden, können sie einem Sterbenden von unerträglichen Schmerzen befreien, Unruhe- und Angstzustände lindern und ihm die Annahme des eigenen Todes erleichtern.
   Der Wandel des Behandlungszieles von der kurativen (= heilenden) zur palliativen (= lindernden) Sorge um den kranken Menschen ist fast immer mit einer Entscheidung zum Verzicht auf weitere lebensverlängernde Maßnahmen oder zum Abbruch einer bestehenden Therapie verbunden. Der Arzt respektiert dann den Wunsch des Patienten, in Ruhe sterben zu dürfen. Ein solcher Therapieverzicht kann nicht nur erlaubt, sondern unter Umständen sogar geboten sein. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die zu erwartende Lebensverlängerung in keinem angemessenen Verhältnis zu den körperlichen und seelischen Belastungen mehr steht, die eine Weiterführung der Behandlung mit sich bringen würde.
   Nach Auffassung der christlichen Ethik gibt es keine Verpflichtung des Menschen zur Lebensverlängerung um jeden Preis und auch kein ethisches Gebot, die therapeutischen Möglichkeiten der Medizin auf ihrem jeweils neuesten Stand bis zum Letzten auszuschöpfen. Zur Endlichkeit des Lebens gehört auch, dass man das Heran- nahen des Todes zulässt, wenn seine Zeit gekommen ist. Der verstorbene Papst Johannes Paul II., dessen Sterben unzählige Menschen mit tiefer Anteilnahme verfolgten, sagte am Ende seiner langen Krankheit: „Mein Leben steht in Gottes Hand.” Er tröstete die Gläubigen, die auf dem Petersplatz für ihn beteten mit den Worten: „Ich bin froh, seid ihr es auch!”
   Manchen Ärzten fällt es schwer, eine solche Haltung zu respektieren und die eigene Ohnmacht angesichts des Todes anzuerkennen. Nicht selten drängen sie aufgrund einer irrtümlichen Auslegung der Pflicht zur Lebenserhal- tung ihren Patienten Therapien auf, die aus medizinischer Sicht nicht mehr sinnvoll sind.
5. Töten und Sterbenlassen
   Die Unterscheidung zwischen Töten und Sterbenlassen hilft dem Arzt, die Reichweite und Grenze seines Auf- trages zu erkennen. Das Ziel einer palliativen Behandlung und des Verzichtes auf weitere lebensverlängernde Maßnahmen ist die Freiheit des Sterbenden von Angst und Schmerzzuständen; der Arzt verzichtet darauf, den Eintritt des Todes noch weiter hinauszuzögern, weil dies nur unnötige Leiden verursachen würde. Er lässt es zu, dass die Krankheit ihren Verlauf nimmt und in absehbarer Zeit zum Tode führt. Dabei ist die Arzt-Patient- Beziehung auch im Angesicht des Todes von gegenseitigem Respekt und von einer Hochschätzung des Lebens bestimmt. Der Arzt achtet den ihm anvertrauten Patienten in der Hilfsbedürftigkeit seiner letzten Lebensphase, indem er sein Sterben zu erleichtern sucht. Dabei respektiert er jedoch die letzte Grenze des Todes, die allen Beteiligten - dem Sterbenden, seiner Umgebung und auch dem Arzt selbst - gezogen ist.
   Das Tötungsverbot schützt auf diese Weise das Recht des Sterbenden, seinen eigenen Tod sterben zu dürfen, wenn dieser nicht mehr abzuwenden ist. Dagegen ist es mit dem ärztlichen Auftrag unvereinbar, den Tod selbst herbeizuführen.
6. Der „Ausweg“ der Selbsttötung: Eine Niederlage für die Menschlichkeit
   Ebenso widerspricht es dem ärztlichen Ethos, Sterbenden bei der Durchführung eines selbst bestimmten Suizid- wunsches behilflich zu sein. Es mag schwerste Krankheitsverläufe und Leidenszustände geben, angesichts derer ein Arzt nach sorgfältiger Gewissensprüfung zu dem Urteil kommt, dass er einem Suizidversuch seines Patienten nicht im Wege stehen soll. Die öffentliche Propagierung und aktive Beteiligung an der Durchführung der Selbst- tötung eines Patienten widerspricht jedoch dem ärztlichen Auftrag, im Zweifel an der Seite des Lebens zu stehen. Ein vollzogener Suizid ist, auch wenn man die Motive des Betreffenden von außen nicht mit Sicherheit bewerten kann, immer eine Niederlage. Hinter der endgültigen Absage an jede weitere Hoffnung, die aufgrund der Irreversi- bilität einer solchen Tat mit der Selbsttötung verbunden ist,  verbirgt sich eine Niederlage für das Leben, eine Niederlage für die Menschlichkeit, eine Niederlage für alle, die dem Suizid-Opfer als Angehörige und Freunde oder aufgrund ihrer beruflichen Stellung als Arzt oder Pflegekraft nahe standen. Auftrag des Arztes ist es, dem Sterben- den die Annahme seines Todes zu erleichtern, nicht aber, an der Herbeiführung des Todes mitzuwirken. Sie ist Hilfe beim Sterben und nicht Hilfe zum Sterben. Ein vom Arzt inszeniertes Handlungsarrangement, das die Letzt- verantwortung für die Auslösung der Selbsttötung dem Patienten belässt, unterläuft zudem die Mitwirkung des Arztes für die Willensbildung des Patienten und das ärztliche Ethos der solidarischen Nähe zum Leidenden. Die durchschnittliche Verweildauer des Sterbenden in einer Züricher Sterbeklinik schwankt zwischen mehreren Stunden  und wenigen Tagen. Schon diese kurzen Zeiträume widerlegen den Anspruch, den Suizidwunsch des Patienten erst nach einer langen persönlichen Auseinandersetzung und wenn die Suche nach Alternativen der Sterbe- begleitung erfolglos verlief, zu respektieren.
7. Die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens
   Liebe Schwestern und Brüder, als Bischöfe am Oberrhein haben wir uns zu diesem gemeinsamen Hirtenwort entschlossen, weil wir als Kirche Jesu Christi eine Mitverantwortung für die demokratischen Gesellschaften unserer Länder tragen. Die Entwicklung der modernen Medizin, die Finanzierung des öffentlichen Gesundheitswesens und die gerechte Verteilung seiner Leistungen stellen unsere Gesellschaften vor große Herausforderungen, die ein Um- denken von uns allen erfordern. Dieses Umdenken kann jedoch nicht darin bestehen, dass wir die Rechte Sterben- der dort einschränken, wo sie den gesellschaftlichen Leitbildern von Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und unge- minderter Leistungsfähigkeit nicht mehr entsprechen. Die kranken, pflegebedürftigen und sterbenden Menschen gehören in gleicher Weise zur menschlichen Gesellschaft, wie alle anderen. Ihre Gegenwart stellt den Gesunden und Starken ihre eigene Zukunft vor Augen und bewahrt sie vor der Illusion eines oberflächlichen Lebens, die allen Zumutungen und Einschränkungen aus dem Weg gehen möchte. Wo kranke und sterbende Menschen nicht aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt werden, erinnern sie an eine einfache Wahrheit unseres Menschseins, die für alle gilt: dass wir als endliche Wesen existieren und dass unsere Würde eben darin besteht, in unseren Gren- zen leben und sterben zu dürfen.
   Der Grundsatz von der Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens und die Forderung, die Rechte schwerkranker und sterbender Menschen zu achten, verpflichten alle Menschen.
   Den Schutz der Rechtsordnung fordern wir Bischöfe also nicht für besondere Moralauffassungen, die nur von gläubigen Christen anerkannt werden müssten. Die Fähigkeit eines demokratischen Rechtsstaates, moralische Konflikte unter seinen Bürgerinnen und Bürgern auf eine allen zumutbare Weise zu lösen, setzt vielmehr die An- erkennung fundamentaler Rechte, Werte und Pflichten voraus, die einen Kernbereich menschlichen Zusammen- lebens schützen. Die Anerkennung der Würde jeder menschlichen Person, die Achtung ihrer unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte sowie der Schutz des menschlichen Lebens, dem schlechthin fundamentalen Gut jeder menschlichen Gesellschaft, dürfen deshalb nicht dem scheinbar humanitären Belieben Einzelner anheim gestellt werden. Sie verkörpern vielmehr jene Rechte und Werte, mit deren Schutz Recht und Wert der Demokratie selbst auf dem Spiel stehen.
8. Hoffnung, Geduld und Liebe: Gottes Licht im Dunkel des Todes
   Eine gerechte und menschenfreundliche Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenebens kann nicht mehr als die äußeren Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die einzelnen Menschen die Herausforderungen ihres Daseins annehmen können. Das gilt nicht nur für die kleinen Aufgaben des alltäglichen Lebens, sondern erst recht für die großen Existenzfragen, denen niemand ausweichen kann. Wie wir das eigene Sterben bestehen werden, ob voller Hoffnung oder in tiefer Verzweiflung, kann keiner von uns vorhersehen.
   Für viele Menschen, die den Tod vor Augen haben, bleiben am Ende bohrende Fragen, auf die sie keine Antwort erhalten:  Warum gerade ich? Warum diese schreckliche Krankheit? „Der Wert der Demokratie steht und fällt mit den Werten, die sie verkörpert und fördert: Im Hinblick auf die Zukunft der Gesellschaft und die Entwicklung einer gesunden Demokratie ist es daher dringend notwendig, das Vorhandensein wesentlicher, angestammter mensch- licher und sittlicher Werte wieder zu entdecken, die der Wahrheit des menschlichen Seins selbst entspringen und die Würde der Person zum Ausdruck bringen und schützen: Werte also, die kein Individuum, keine Mehrheit und kein Staat je werden hervorbringen, verändern oder zerstören können, sondern die sie nur anerkennen, achten und fördern werden müssen.”  Vgl. Papst Johannes Paul II., Enzyklika „Evangelium vitae“, Nr. 71.
  Warum trifft sie mich schon in dieser frühen Lebensphase? Weder die Medizin, noch irgendeine Weltanschauung und auch nicht unser christlicher Glaube geben auf diese Fragen  eine abschließende Antwort. Wir müssen es viel- mehr lernen, angesichts des Todes mit offenen Fragen zu leben. Vor der dunklen Wirklichkeit des Todes endet vielmehr jedes nur theoretische Bescheidwissen-Wollen. Eine Brücke, die durch das Sterben hindurch führt, ist uns nur in der Hoffnung auf ewiges Leben und in einer Geduld gegeben, die sich Gottes Geheimnis anvertraut und sich von ihm im Dunkeln führen lässt. Nicht in der Absage an die Hoffnung, sondern nur auf dem Weg der Liebe, die „allem standhält” 1 Kor 13,7,  werden wir der Not des Sterbens gerecht. „Sie ist das Licht - letzthin das einzige -, das eine dunkle Welt immer wieder erhellt und uns den Mut zum Leben und zum Handeln gibt.”  Mit diesem Wort aus der Antrittsenzyklika von Papst Benedikt XVI. und der Bitte um Gottes Segen grüßen wir Sie herzlich.
Im Juni 2006
+ Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg/Breisgau
+ Joseph Doré, Erzbischof von Strasbourg
+ Kurt Koch, Bischof von Basel

 Interview    medi-ProfJörg-DietrichHopp     „Beihilfe zum Selbstmord ist keine ärztliche Aufgabe“

Foto: Prof. Jörg-Dietrich Hoppe ist seit 1999 Präsident der Bundesärztekammer
Die Mehrheit der Deutschen ist für ärztliche Sterbehilfe, viele Mediziner können sich vorstellen, aktiv beim Suizid zu helfen. Sollte man Sterbehilfe auf Verlangen legalisieren?
   Wir warnen vor einer solchen Entwicklung. Töten auf Verlangen ist und bleibt eine Straftat. Beihilfe zum Selbst- mord ist keine ärztliche Aufgabe. Eine Umfrage zeigt im Übrigen, dass zwar viele Ärzte Suizidwünsche von Schwerstkranken nachvollziehen können. Die Bereitschaft aber, da wirklich mitzuwirken, ist nicht sehr ausgeprägt. Ein Arzt muss schließlich sehr sorgfältig überlegen, was er tut. So muss er beispielsweise genau untersuchen, ob eine Depression vorliegt. Denn in 95 Prozent der Fälle, in denen Ärzte um Suizidbeistand gebeten werden, ist der Patient depressiv. Und fast alle Patienten, deren Depression behandelt wird, halten den Suizidwunsch nicht mehr aufrecht.
In Holland entscheidet eine Euthanasiekommission, ob einem Todkranken der assistierte Selbstmord ermög- licht wird.
   In Holland ist der Damm gebrochen. Da geht man oft über das hinaus, was eigentlich im Gesetz bebsichtigt ist. Mittlerweile gibt es dort nicht wenige ältere Menschen, die Angst haben, durch den gesellschaftlichen und auch verwandtschaftlichen Druck aktive Sterbehilfe an sich vornehmen lassen zu müssen. Diese Ethik geht vom Nützlichkeitsprinzip aus. Das können wir nicht gutheißen. Alles das, was auf einen gezielten Tod hinausläuft, muss verboten bleiben. Auf keinen Fall darf man den Arzt verpflichten, bei einer Tötung auf Verlangen zu assistieren.
Kann ein Arzt Todkranken den Wunsch erfüllen, in Würde zu sterben, ohne bestraft zu werden?
   In fast allen Fällen ist Sterben in Würde und ohne Schmerzen möglich. Die Palliativmedizin kann Menschen Angst und Schmerzen soweit nehmen, dass sie diese Phase vielleicht sogar positiv erleben können. Das Gesetz erlaubt es aber Ärzten mit der ihnen zufallenden Fürsorgepflicht auch, Menschen zu beraten, wenn sie aus dem Leben scheiden wollen. Dafür werden sie nicht bestraft. Aber sie dürfen sich nicht aktiv am Sterbeprozess beteiligen.
Auch wenn Menschen zu Hause sterben möchten?
   Bei der ambulanten Palliativmedizin gibt es zweifellos Nachholbedarf, darüber werden wie auf dem Deutschen Ärztetages diskutieren. Denn nicht Sterbehilfe soll zum Normalfall werden, sondern der Zugang zu einer modernen palliativmedizinischen Behandlung, die todkranken Menschen ein möglichst schmerz- und beschwerdefreies Leben ermöglicht. Ärztliche Aufgabe ist und bleibt es, Sterbenden beizustehen. Wenn sie das nicht wollen, dann muss man das allerdings auch respektieren. Das Thema Sterbebegleitung spielt im Medizinstudium mittlerweile eine große Rolle, beispielsweise in Ethikvorlesungen. Da hat sich viel getan.
Sie haben in der eigenen Familie Erfahrung mit dem Thema. Wie haben Sie persönlich die Situation empfun- den?
   Meine Schwiegermutter ging auf Mitte 80 zu und verlor nach und nach ihr Gedächtnis. Sie hat sich dann entschieden, ohne Einbeziehung anderer, nicht mehr weiterleben zu wollen. Sie hat das Essen eingestellt und duldete nur noch, dass sie zu trinken bekam und Infusionen erhielt, damit sie nicht verdurstet. Wir haben ihre Entscheidung respektiert und fanden das aber alle sehr traurig. Sie hat niemanden gebeten, sich aktiv daran zu beteiligen, das Leben zu beenden. Wir konnten sie nur noch trösten und ihr bis zum Lebensende liebevoll bei- stehen. HAZ101029Gesund

ep-Heinz-JosefAlgermiossenF Bischof Heinz Josef Algermissen: Gegen eine Kultur des Todes

   Der Begriff „Selbsttötungsverein” ist an und für sich schon ein Symptom eines pathologischen Bewusstseins. Was der Hamburger Ex-Senator Roger Kusch da als menschenfreundlich kapriziert, ist tatsächlich skandalös. Es bedarf einer deutlichen Reaktion von Seiten des Gesetzgebers!
   In einer so grundsätzlichen Frage wie dem menschenwürdigen Sterben gilt es zunächst festzuhalten, dass jeder Mensch Anspruch hat auf ein Sterben, das seine letzte große Lebensaufgabe ist. Diese Aufgabe kann ihm niemand abnehmen, auch nicht der liebste und naheste Mensch. Wohl aber kann und muss ihm dabei geholfen werden. Das bedeutet in erster Linie, dass die Leiden des Kranken, gegebenenfalls auch unter Anwendung von schmerz- stillenden Mitteln, so gelindert werden, dass er seine letzte Lebensphase menschlich zu bewältigen vermag. Das bedeutet weiterhin,  dass dem Kranken die bestmögliche Pflege zuteil werden soll. Dabei geht es nicht nur um die medizinische Versorgung, sondern vor allem auch um die menschlichen Aspekte dieser Pflege.
  Zur Sterbehilfe nach christlichem Glauben gehört, dass der Schwerkranke in seiner seelischen Not nicht allein- gelassen wird. Gerade im Sterben werden die Fragen nach dem Woher und Wohin des Lebens bewusst. Es sind im Letzten religiöse Fragen. Sie dürfen weder ausgeklammert noch verdrängt werden. Dabei ist der Glaube eine wirksame Hilfe, die Angst vor dem Tod durchzustehen, ja zu überwinden. Er schenkt dem Sterbenden auch im Angesicht des Todes eine feste Hoffnung. Der Glaube gibt dem Leiden, das uns unverständlich erscheint, seinen Sinn: Denn es ist Teilnahme am Leiden Jesu Christi selbst vgl. Kol 1,24.
   Aktive Sterbehilfe ist und bleibt ein tragischer Irrtum, weil es eine Alternative gibt. Statt das Töten zur Therapie zu erheben - die umfassende Zuwendung als Antwort auf den Schrei nach Hilfe bei der letzten Etappe des Lebens.
   Die Haltung der katholischen Kirche ist unaufgebbar eindeutig: „Willentliche Euthanasie, gleich in welcher Form und aus welchen Beweggründen, ist Mord. Sie ist ein schwerer Verstoß gegen die Würde des Menschen und gegen die Ehrfurcht vor dem lebendigen Gott, seinem Schöpfer” Katechismus der katholischen Kirche Nr. 2324. Diese Grundhaltung wird uns immer dazu bringen, gegen die Kultur des Todes, die sich in unserer Gesellschaft breit macht, zu kämpfen. Der Autor ist Bischof von Fulda.

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner   cdJoachimMeisner-xx

Nur eine ganz kleine Änderung
   Die Bundesärztekammer hat eine ganz kleine Änderung vollzogen. Galt bisher: „Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung widerspricht dem ärztlichen Ethos", so heißt es jetzt bloß noch ohne Wertung: „Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe." Soll man sich über eine solche Kleinigkeit aufregen? Immerhin hat sich die deutsche Ärzteschaft in ethischen Debatten sehr lange sehr verantwortungsvoll gezeigt. Doch der Zusammenbruch der Ethik des Grundgesetzes, die sich der jüdisch-christlichen Auffassung vom gott- ebenbildlichen Menschen verdankt, vollzieht sich nicht mit einem großen Knall. Ganz im Gegenteil, anfangs wirkt alles völlig harmlos, dann etwas bedenklich, und schließlich scheint alles Weitere bloß noch unvermeidlich.
   Schon seit Jahren befinden wir uns auf einer schiefen Ebene. Bevor wir ganz langsam ins Rutschen kamen, galt noch der Satz von der gleichen Würde jedes Menschen, und es war klar, dass sich Staat und Gesellschaft vor allem um die Schwachen kümmern sollten. Und dann beginnt es immer scheinbar ganz harmlos. Erst entsteht eine für die Grenzüberschreitung aufgeschlossene Atmosphäre: Man spricht vom Leid von Eltern, die keine Kinder bekommen können. Warum soll man diesen Eltern nicht helfen? So erfindet man die künstliche Befruchtung. Be- denklich wird es auch für die Öffentlichkeit erst dann, wenn man zum Beispiel hört, dass nicht verwendete Embryo- nen tiefgekühlt oder zerstört werden. Eine unangenehme Nebenwirkung, so beruhigt man sich. Und dann gibt es die Möglichkeit, über Präimplantationsdiagnostik (PID) schwer, mittelschwer oder gar nicht schwer behinderte Embryonen zu vernichten und nur die Fittesten überleben zu lassen. Das ist Selektion von Menschen. Doch die Frage erscheint unvermeidlich: Warum soll man einen Menschen, den man durch eine künstliche Befruchtung „pro- duziert" hat, nicht frühzeitig auf seine Produktqualität testen?
   Auch beim Thema Abtreibung begann es scheinbar ganz harmlos. Erst empört man sich zu Recht darüber, dass für Abtreibungen immer bloß die womöglich in verzweifelter Notlage befindlichen ungewollt schwangeren Frauen büßen sollen und nicht die mindestens genauso schuldigen Männer. Abtreibung in den ersten Monaten wurde straffrei gestellt. Bedenklich wurde es dann für viele erst, als klar wurde, dass Abtreibung inzwischen wie ein Verhütungsmittel eingesetzt wird und Behinderte sich durch die eugenische Indikation diskriminiert fühlten. Bei der Gesetzesnovellierung verzichtete man daher auf eine eigene Regelung für Behinderte. Dafür gilt nun in Deutsch- land eine Hasenscharte als ausreichender Grund, ein Kind mit medizinischer Indikation noch im Geburtskanal mit einer Kaliumspritze ins Herz zu töten. Dieser Eingriff ist Kassenleistung. Wohl niemand hat solche Spätabtreibun- gen erlauben wollen, aber die Entwicklung dahin schien unvermeidlich.
   Auch das Reden und Schreiben über die „Last", die minderbegabte Behinderte für die Gesellschaft darstellten, klang schon im vergangenen Jahrhundert für viele erst scheinbar ganz harmlos. Mit schrecklichen Konsequenzen, wie wir wissen.
   Und schließlich begann auch das Reden über „Sterbehilfe" erst ganz harmlos. Wer hat schon etwas gegen Hilfe? Anfangs wurden einige Extremfälle von Menschen geschildert, die nicht mehr leben wollten. Dann gab es den Ruf nach dem Recht auf Euthanasie, wenn ein Mensch das will. Bedenklich wurde es für viele erst, als klar wurde, dass es in den Niederlanden, die ein entsprechendes Gesetz verabschiedeten, inzwischen nicht mehr genügend gute Schmerztherapien gibt und etwa 900 Menschen im Jahr mit Kommissionsbeschluss totgespritzt werden, ohne zugestimmt zu haben, was auch dort eigentlich gesetzwidrig ist.
   Vielen scheint es unvermeidlich, dass eine solche Entwicklung auch uns ergreift. Es gibt allerdings Fortschritte, die in Wahrheit Rückschritte sind. Das Christentum hat bekanntlich das Mitleid erfunden. Die Heiden hatten für die Schwachen nur Verachtung und Gleichgültigkeit übrig. Je mehr nun das Heidentum in moderner Gestalt zurück- kehrt, desto mehr scheint das humanitäre Niveau wieder zu sinken. Doch das ist eben keineswegs unvermeidlich. Angesichts der menschenunwürdigen Selektion durch PID, angesichts der grausamen Spätabtreibungen und angesichts des schweigenden Drucks auf Alte und Kranke, die Gesellschaft von sich zu entlasten, sollten sich auch Ärzte der Einsicht öffnen, dass manchmal ein Schritt zurück von der schiefen Ebene ein Fortschritt sein kann. FAZ110415

Lux-aepFernandFranck-xx     Erzbischof Fernand Franck, Luxemburg

Luxemburg: Erzbischof für Bedenkzeit bei Euthanasiegesetz

   Der Luxemburger Erzbischof Fernand Franck fordert die Politiker seines Landes auf, das kürzlich verabschiedete Gesetz zur Sterbehilfe neu zu überdenken. Mit einer knappen Mehrheit stimmte das Parlament in Luxemburg am 19. Februar für eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe. In den kommenden Wochen vor der zweiten Lesung der beiden Gesetze zur Palliativmedizin und zur Sterbehilfe sei die Zeit gekommen, die Gegenstimmen zur Euthanasie zu hören. Eine Diskussion um den Euthanasie-Vorstoß stehe noch aus, sagt Bischof Franck gegenüber Radio Vatikan.
  „Ich glaube, dass wir grundsätzlich erklären müssen, was genau palliative Pflege und Euthanasie sind. Auch müssen wir erläutern, dass die Kirche nicht für einen so genannten Dolorismus (Verherrlichung von Leid) eintritt. Die Kirche setzt sich dafür ein, dass Menschen geholfen werden muss und sie nicht leiden müssen. Von medizini- scher Seite stehen bereits mehrere Möglichkeiten zur Verfügung.” 
   Der Erzbischof von Luxemburg hat seine Stellungnahme einen Monat nach der Parlamentsabstimmung bekannt geben - und bewusst wenige Tage vor Ostern. „Deswegen habe ich mein Schreiben nicht sofort nach der Ab- stimmung herausgegeben. Wir wollten auch nicht Emotionen schüren. Doch jetzt vor Ostern passt dieses Schreiben gut. Es ist nämlich wichtig zu betonen, dass die Würde des Menschen einzigartig ist. Wir müssen den Gläubigen klar machen, dass es bei der Menschenwürde darum geht, gemeinsam dafür einzustehen.” rv080320mg

B-Wien-Hofbg-xx

Papst Benedikt XVI. in der Wiener Hofburg: Menschenrecht - Leben - Sterben

   In Europa ist zuerst der Begriff der Menschenrechte formuliert worden. Das grundlegende Menschenrecht, die Voraussetzung für alle anderen Rechte, ist das Recht auf das Leben selbst. Das gilt für das Leben von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende. Abtreibung kann demgemäß kein Menschenrecht sein – sie ist das Gegenteil davon. Sie ist eine „tiefe soziale Wunde”, wie unser verstorbener Mitbruder Kardinal Franz König zu betonen nicht müde wurde.
  Mit alledem sprechen wir nicht von einem speziell kirchlichen Interesse. Vielmehr machen wir uns zum Anwalt eines zutiefst menschlichen Anliegens und zum Sprecher der Ungeborenen, die keine Stimme haben. Ich ver- schließe nicht die Augen vor den Problemen und Konflikten vieler Frauen und bin mir dessen bewusst, dass die Glaubwürdigkeit unserer Rede auch davon abhängt, was die Kirche selbst zur Hilfe für betroffene Frauen tut.
   Ich appelliere deshalb an die politisch Verantwortlichen, nicht zuzulassen, dass Kinder zu einem Krankheitsfall gemacht werden und dass die in Ihrer Rechtsordnung festgelegte Qualifizierung der Abtreibung als ein Unrecht faktisch aufgehoben wird. Ich sage das aus Sorge um die Humanität. Aber das ist nur die eine Seite dessen, was uns Sorgen macht. Die andere ist, alles dafür zu tun, dass die europäischen Länder wieder kinderfreundlicher werden. Ermutigen Sie die jungen Menschen, die mit der Heirat eine neue Familie gründen, Mütter und Väter zu werden. Damit tun Sie ihnen selbst, aber auch der ganzen Gesellschaft etwas Gutes. Wir bestärken Sie auch nachdrücklich in Ihren politischen Bemühungen, Umstände zu fördern, die es jungen Paaren ermöglichen, Kinder aufzuziehen. Das alles wird aber nichts nützen, wenn es uns nicht ge- lingt, in unseren Ländern wieder ein Klima der Freude und der Lebenszuversicht zu schaffen, in welchem Kinder nicht als Last, sondern als Geschenk für alle erlebt werden.
   Mit großer Sorge erfüllt mich auch die Debatte über eine aktive Sterbehilfe. Es ist zu befürchten, dass eines Tages ein unterschwelliger oder auch erklärter Druck auf schwerkranke und alte Menschen ausgeübt werden könnte, um den Tod zu bitten oder ihn sich selbst zu geben. Die richtige Antwort auf das Leid am Ende des Lebens ist Zuwendung, Sterbebegleitung – besonders auch mit Hilfe der Palliati medizin – und nicht „aktive Sterbehilfe”. Um eine humane Sterbebegleitung durchzusetzen, bedürfte es freilich baldigst struktureller Reformen in allen Bereichen des Medizin- und Sozialsystems und des Aufbaus palliativer Versorgungssysteme. Es bedarf aber auch konkreter Schritte: in der psychischen und seelsorglichen Begleitung schwer Kranker und Sterbender, der Familienangehörigen, der Ärzte und des Pflegepersonals. Die Hospizbewegung leistet hier Großartiges. Jedoch kann nicht das ganze Bündel solcher Aufgaben an sie delegiert werden. Viele andere Menschen müssen bereit sein bzw. in ihrer Bereitschaft ermutigt werden, sich die Zuwendung zu schwer Kranken und Sterbenden Zeit und auch Geld kosten zu lassen. 

be-296ZZManfredSpieker

Prof. Manfred Spieker auf dem Foto mit Ehefrau in Rom: Die Sprache der Kultur des Todes  

1. Die Kultur des Todes
   Die Sprache der «Kultur des Todes» ist voller Ambivalenzen. Sie sendet durch ihre Schlüsselbegriffe Signale aus, die positive, lebensbejahende Assoziationen auslösen und gleichzeitig ihre lebensfeindlichen Intentionen ver- schleiern. Aber bevor die Sprache der «Kultur des Todes» untersucht wird, ist der Begriff «Kultur des Todes» selbst näher in den Blick zu rücken. Er spielte im Pontifikat Johannes Pauls II. und insbesondere in seiner Enzyklika über den Wert und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens «Evangelium Vitae» eine Schlüsselrolle. Er ist selbst eine Art Zwitter. Er vereint scheinbar Unvereinbares. Wer ihn benutzt, muss mit dem Einwand rechnen, ob es nicht besser hieße «Unkultur des Todes». Der Begriff Kultur, vom lateinischen «colere» (bebauen, pflegen) stammend, meint das von Menschen Gestaltete im Gegensatz zur unbearbeiteten, dem Menschen oft feindlich gegenüber- stehenden Natur. Aber der Begriff reicht weit über die Urbarmachung des Landes hinaus. Er meint auch die Huma- nisierung der Gesellschaft, die Verfeinerung der sozialen Beziehungen. In der katholischen Soziallehre schließt er alles menschliche Handeln in Wirtschaft und Politik, in Wissenschaft und Kunst mit ein. Durch die Förderung der Kultur entwickelt der Mensch, so das II. Vatikanische Konzil in Gaudium et Spes, das Werk des Schöpfers weiter und vervollkommnet nicht nur die Dinge und die Gesellschaft, sondern auch sich selbst. Der Tod dagegen ist für den, der ihn nicht im Glauben als Tor zum Leben annimmt, das Gegenteil aller Kultur. Er ist der Teil der Natur, der sich nicht durch menschliches Gestalten überwinden lässt. «Kultur des Todes» ist deshalb ein sperriger Begriff. Er verbindet Unvereinbares — Kultur, das menschliche Gestalten und den Tod, das Ende alles Gestaltens. Der Begriff hat nichts zu tun mit der ars moriendi, jener Kunst des Sterbens eines reifen Menschen, der dem Tod ebenso bewusst wie gelassen entgegengeht, ja ihn, wie Franz von Assisi, als Bruder begrüßt. Er hat auch nichts zu tun mit Mord und Totschlag, die es unter Menschen gibt, seit Kain Abel erschlug, auf denen aber immer der Fluch des Verbrechens lag. «Kultur des Todes» meint vielmehr ein Verhalten einerseits und gesellschaftliche sowie rechtliche Strukturen andererseits, die bestrebt sind, das Töten gesellschaftsfähig zu machen, indem es als medizinische Dienstleistung oder als Sozialhilfe getarnt oder mit verheißungsvoller Forschung gerechtfertigt wird. Die Kultur des Todes will das Töten vom Fluch des Verbrechens befreien. Sie breitet sich in den westlichen Gesellschaften seit rund 40 Jahren aus. Sie umfasst sowohl bioethische Problemfelder, die es gibt, seit Menschen existieren, wie Abtreibung und Euthanasie, als auch Problemfelder, die erst mit der künstlichen Befruchtung in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden sind, wie die embryonale Stammzellforschung, das Klonen, die Prä- implantationsdiagnostik und die assistierte Reproduktion selbst. Sie bedient sich einer zweideutigen Sprache, die auf die Gesellschaft eine sedierende Wirkung hat.
   Die Beispiele, anhand derer die Ambivalenzen dieser Sprache illustriert werden, kommen aus der deutschen Sprache. Aber ich bin mir gewiss, dass die «Kultur des Todes» in den anderen Sprachen genauso agiert. Sie be- nutzt Begriffe, die auf den ersten Blick bzw. beim ersten Hören positive Assoziationen auslösen, zum Beispiel die Begriffe Recht, Menschenrecht, Würde, Freiheit, Wahl, Hilfe, Solidarität, Gesundheit, Therapie und Selbstbestim- mung. Die positiven Assoziationen, die diese Begriffe auslösen, sollen das Töten akzeptabel machen. Erst beim zweiten Blick wird deutlich, dass diese Begriffe Tarnkappen sind, hinter denen sich meist das Gegenteil verbirgt: die Missachtung des Lebensrechts und der Würde derjenigen, die keine Stimme haben, die Durchsetzung des Willens der Starken gegen die Schwachen, die unblutige Entsorgung der Ungeborenen und Sterbenden, die der Gesellschaft zur Last fallen. Dieser Tarnkappen bedienen sich nicht nur die gesellschaftlichen Interessensgruppen der Abtreibungslobby, sondern auch die Gesetzgeber und die Gerichte.

2. Abtreibung
   Die Legalisierung der Abtreibung, die, sieht man von den kommunistischen Diktaturen ab, im freien Teil Europas wenige Jahre nach der Einführung der empfängnisverhütenden Hormonpräparate (1960) im Jahr 1967 in Großbri- tannien begann, wurde im deutschen Bundestag in allen vier großen Reformen des Abtreibungsstrafrechts (1974, 1976, 1992 und 1995) mit dem Ziel einer Verbesserung des Lebensschutzes und der Eindämmung der Zahl der Abtreibungen begründet. Die Gesetze, mit denen die beiden letzten Reformen beschlossen wurden, hießen «Schwangeren- und Familienhilfegesetz» (1992) und «Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz» (1995). Die beiden Gesetze boten weder den Schwangeren noch den Familien noch den ungeborenen Kindern Hilfen an. Sie dienten allein dem Zweck, den Vorrang des Abtreibungswillens der Schwangeren vor dem Lebensrecht des Kindes zu legalisieren. Die Titel der Gesetze waren Tarnkappen. Dass alle Reformen das Ziel verfehlten, den Lebensschutz zu verbessern und die Zahl der Abtreibungen zu vermindern, zeigt die 1972 in der DDR und 1976 in der Bundesrepublik eingeführte Abtreibungsstatistik und die zunehmende gesellschaftliche und richterliche Akzeptanz der Abtreibung seit der ersten Reform vor 40 Jahren.
   In der deutschen Gesellschaft sammelt sich die Abtreibungslobby in einer Organisation, die sich «Pro Familia» nennt und die Teil der weltweiten Abtreibungsorganisation «Planned Parenthood» ist. Die Namen sind ebenfalls Tarnkappen. Ziel dieser Organisationen ist nicht Hilfe für die Familien oder für geplante und verantwortliche Eltern- schaft, sondern die Legalisierung der Abtreibung. So verbreitet «Pro Familia» Aufklärungsbroschüren, in denen der medizinische Ablauf einer Abtreibung in einer Sprache beschrieben wird, die jeden Hinweis auf das Kind bzw. den Embryo und seine Tötung vermeidet. Der Vorgang der Abtreibung wird als «Absaugen des Schwangerschafts- gewebes», als «Entfernung des Inhalts der Gebärmutter» oder, bei der medikamentösen Abtreibung, als «Aus- stoßen der Schwangerschaft» beschrieben. Verdummung im Gewände der Aufklärung.
   Eine Besonderheit der «Kultur des Todes» ist das deutsche Abtreibungsstrafrecht. Es verbietet die Abtreibung in § 218 als eine Straftat, regelt dann aber in § 218a die strafbefreienden Ausnahmen. Die Ausnahmeregelungen verdrängen den Normalfall. Wer eine Abtreibung will, hat keine Schwierigkeit, einen abtreibungswilligen Arzt zu finden und die Finanzierung aus Steuermitteln zu erhalten. Im Zentrum dieser Ausnahmeregelungen steht die Schwangerschaftskonfliktberatung. Die Schwangere bleibt im Falle einer Abtreibung in den ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis straffrei, wenn sie dem abtreibenden Arzt durch eine Bescheinigung nachgewiesen hat, dass sie sich mindestens drei Tage vor der Abtreibung hat beraten lassen. Die dialektische Raffinesse dieser Beratungs- regelung besteht darin, dass der Beratungsschein eine Beratung zugunsten des Lebensschutzes des unge- borenen Kindes dokumentieren soll, aber gleichzeitig die notwendige Voraussetzung für dessen straffreie Ab- treibung ist. Dass die Schwangere auch ohne Beratung ein Recht auf den Beratungsschein hat, hat das Bundes- verfassungsgericht in einem Urteil vom 27. Oktober 1998 festgestellt. Der Beratungsschein verwandelt die Straftat der Tötung eines unschuldigen Menschen in eine medizinische Dienstleistung. Er ist die Grundlage eines zivil- rechtlichen Vertrages zwischen dem Arzt und der Schwangeren zwecks Tötung ihres Kindes. Für den Arzt ist er damit eine Tötungslizenz. Er garantiert den Vorrang des Selbstbestimmungsrechts der Schwangeren vor dem Lebensrecht ihres ungeborenen Kindes. Aus dem Abtreibungsstrafrecht wurde in der gesellschaftlichen Wahr- nehmung somit ein Abtreibungsrecht. Die Abtreibungsstatistik, ebenfalls eine Besonderheit des deutschen Straf rechts, dient eher zur Verschleierung als zur Aufklärung. Einmal im Quartal und jeweils im März für das voran- gehende Jahr wird meist mit beruhigendem Unterton gemeldet, dass die Abtreibungen wieder zurückgegangen seien. Die «Kultur des Todes» versteht es, einerseits die Frage nach den demographischen Ursachen des Rück- ganges und nach den statistisch nicht erfassten Abtreibungen und andererseits die Addition der Gesamtzahl der Abtreibungen seit Einführung der Statistik zu vermeiden (5.561.544 bis 30. September 2013).
 Diese dialektische Regelung der Schwangerschaftskonfliktberatung stürzte auch die katholische Kirche in Deutsch- land in tiefe Konflikte. Die Mehrheit der deutschen Bischöfe und der katholischen Laien verteidigte diese Regelung gegen Papst Johannes Paul II. und den Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Kardinal Ratzinger mit dem Argument, sie biete eine Chance, abtreibungswillige Schwangere noch für ihr Kind zu gewinnen. Die Kritiker der Beratungsregelung hielten dem entgegen, die Kirche werde durch ihre Teilnahme an diesem Beratungssystem in die «Kultur des Todes» hineingezogen. Sie dürfe ihr Beratungsangebot nicht auf gesetzlichen Zwang gründen. Nach vierjährigem Ringen mit den deutschen Bischöfen ordnete Papst Johannes Paul II. im September 1999 an, dass die kirchlichen Beratungsstellen den Schein nicht mehr ausstellen dürften. Der Konflikt und die Fortsetzung der nachweispflichtigen Schwangerenberatung durch den Verein katholischer Laien «Donum Vitae» lähmt jedoch die katholische Kirche in Deutschland verglichen mit den Kirchen in vielen anderen Ländern, zum Beispiel in Polen, Irland, Spanien, Italien und den USA, in ihrem Einsatz für den Lebensschutz bis heute. Es gibt weder Pro-Life- Sekretariate noch eine Zusammenarbeit mit der Lebensrechtsbewegung noch Unterstützung für den jährlichen Marsch für das Leben in Berlin. Die einmal im Jahr zusammen mit der Evangelischen Kirche in Deutschland began- gene Woche für das Leben ist zu einem «Seid nett zueinander»-Appell verkommen. Eine öffentliche Unterstützung der europaweiten Unterschriftenaktion «One of us» zur Verbesserung des rechtlichen Schutzes des Embryos, wie sie Papst Benedikt XVI. am 5. Februar 2013 und Papst Franziskus am 12. Mai 2013 vorgenommen haben, ist für die Deutsche Bischofskonferenz kein Thema.
  Auf internationaler Ebene wird die Legalisierung der Abtreibung durch verschiedene Unterorganisationen der Ver- einten Nationen propagiert. Die Tarnkappe, derer sich die «Kultur des Todes» hier bedient, ist das Recht auf re- produktive Gesundheit. Erstmals wurde dieser Begriff im Aktionsprogramm der Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo benutzt. Auch die Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking griff ihn auf. Allerdings hielten beide Konferenzen noch an der Aussage fest, dass Abtreibung keine Methode der Familienplanung sei. Die Aktionsprogramme dieser Konferenzen haben im Übrigen auch nicht den Charakter von völkerrechtlichen Verträgen, sondern von Empfeh- lungen. Im Kampf um die völkerrechtliche Anerkennung eines Rechts auf reproduktive Gesundheit einschließlich eines Rechts auf Abtreibung sind aber verschiedene Unterorganisationen der UNO und NGOs aktiv, so der Men- schenrechtsrat in Genf (HRC), der Weltbevölkerungsfonds (UNFPA), die Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Ausschuss zur Beseitigung der Diskriminierung der Frau (CEDAW), der eine zentrale Rolle im Kampf um die Legalisierung der Abtreibung spielt, und neuerdings UN-Women, die am 2. Juli 2010 gegründete «Entity for Gender Equality and the Empowerment of Women». Wie ein Motor steht hinter diesen Organisationen die Inter- national Planned Parenthood Federation, deren Aktionsprogramm diesem Kampf absolute Priorität zuschreibt. Die Argumentationen dieser Organisationen bedienen sich einer weiteren Tarnkappe. Sie heißt Müttersterblichkeit. Sie behaupten, die Müttersterblichkeit sei besonders groß, wenn Abtreibung «unsicher» sei. Unsichere Abtreibungen seien illegale Abtreibungen, weshalb die Senkung der Müttersterblichkeit die Legalisierung der Abtreibung erfor- dere. Auf der UN-Vollversammlung am 24. Oktober 2011 wurden diese Forderungen kontrovers diskutiert und nicht zuletzt vom Vertreter des Hl. Stuhles, Erzbischof Francis Assisi Chullikatt zurückgewiesen.

3. Euthanasie
   Bei der Euthanasie hat es die «Kultur des Todes» in Deutschland etwas schwerer als in manchen Nachbarlän- dern wie den Benelux-Staaten — zumindest was den Gesetzgeber betrifft. Euthanasie war während der national- sozialistischen Diktatur in großem Maße betrieben worden. Sie zielte auf die Beseitigung von Behinderten, un- heilbar Kranken und Schwachen, deren Leben als lebensunwert und die Volksgemeinschaft belastend galt und deren Tötung als Tat der Liebe und des Mitleids oder, wie von Hitler selbst in einem Erlass 1939, als Gnadentod deklariert wurde. Die deutsche Gesellschaft hat jedoch weniger Schwierigkeiten mit der Euthanasie, wenn sie denn nur nicht Euthanasie, sondern «aktive Sterbehilfe» genannt wird. In demoskopischen Untersuchungen wird sie regelmäßig von rund zwei Dritteln befürwortet. Anfang 2013 diskutierte der Deutsche Bundestag erstmals Gesetzesentwürfe zum assistierten Suizid. Die liberale Justizministerin wollte nur die kommerzielle Beihilfe zum Suizid verbieten. Ein solches partielles Verbot hätte eo ipso jede nichtkommerzielle Beihilfe zum Suizid legalisiert — eine typische Strategie der «Kultur des Todes»: im Gewände eines Tötungsverbotes etabliert sich die Legalisierung der Tötung, ganz abgesehen davon, dass sich die Organisationen kommerzieller Suizidhilfe flugs in gemeinnützige Vereine umbenannt hatten.
   Das Hauptargument, dessen sich die «Kultur des Todes» bei der Euthanasie bedient, ist das Recht auf Selbst- bestimmung. Jeder Mensch habe das Recht, seinen Tod selbst zu bestimmen. Hans Küng und Walter Jens nennen das «menschenwürdig sterben». Niemand habe, so der liberale Schweizer Abgeordnete Dick Marty 2003 im Euro- parat, «das Recht, einem todkranken oder sterbenden Menschen die Pflicht aufzuerlegen, sein Leben unter un- erträglichen Leiden oder Qualen fortzusetzen, wenn er selbst beharrlich den Wunsch geäußert hat, es zu be- enden». Deshalb müsse aktive Sterbehilfe legalisiert werden. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates ist dem bisher nicht gefolgt. Die «Kultur des Todes» suggeriert, die Euthanasie diene der Beendigung des Leidens und der Realisierung des Rechts auf Selbstbestimmung. Sie beseitigt das Leiden, indem sie den Leidenden beseitigt. Sie ignoriert das Tötungsverbot Unschuldiger, mithin die Legitimitätsbedingung des demokratischen Rechtsstaates. Um die Euthanasie als Resultat der Selbstbestimmung, ja sogar als Dienst am Gemeinwohl zu präsentieren, bedient sich die «Kultur des Todes» aber noch einiger Hilfsargumente. Ein erstes Hilfsargument ist anthropologischer Natur: die Kommunikationsfähigkeit wird zum konstituierenden Merkmal menschlicher Existenz erklärt. Ist die Kommunikationsfähigkeit erloschen oder auf den ersten Blick nicht mehr wahrnehmbar, wie im Falle des Wachkomas oder bei bestimmten Formen der Demenz, gilt der betroffene Mensch konsequenterweise nicht mehr als Mensch und seine Tötung nicht mehr als Tötung eines Menschen. Jeder Erwachsene soll deshalb, so ein Soziologe, für den Fall des totalen oder partiellen Kommunikationsverlustes eine Euthanasieverfugung hinterlegen, an die die verantwortlichen Personen gebunden seien.12 Ein weiteres anthropologisches Hilfsargument ist die Definition von kommunikationsunfähigen Patienten als «human Non-Persons» oder «sentient property», in etwa als empfindsame Sache oder fühlender Besitz zu übersetzen. Mit solchen «Nicht-Personen» kann dann verfahren werden wie mit Sachen.
   Schließlich bedient sich die «Kultur des Todes» bei der Euthanasie und beim assistierten Suizid auch noch demo- graphischer und finanzieller Argumente. Mit geradezu brutaler Offenheit fordert sie zum «altruistischen Suizid» auf und deklariert ihn zu einem «letzten humanen solidarischen Akt». Ein suizidwilliger Mensch sollte zwar die nega- tiven Konsequenzen seiner Selbsttötung auf sein soziales Umfeld in Rechnung stellen. Noch viel mehr dürfte man dann aber von ihm «im Falle einer unheilbaren und höchst pflegeintensiven Krankheit erwarten, dass er die emo- tionale Belastung, zeitliche Inanspruchnahme und finanziellen Lasten seiner Existenz für die Angehörigen und Freunde wahrnimmt. Denn nicht nur für die negativen sozialen Folgen des Aus-dem-Leben-Scheidens sind wir ver- antwortlich, sondern selbstverständlich auch für die des Weiterlebens». Derartige Aufforderungen zum sozialver- träglichen Suizid zerstören die Beziehungen zwischen Arzt und Patient. Der Patient wird vom leidenden Subjekt, dem Mitleid und Solidarität der Gesellschaft zuteilwerden, zum Objekt, das der Gesellschaft zur Last fällt. Nicht der Patient kann das Mitleid der Gesellschaft erwarten, sondern die Gesellschaft erwartet das Mitleid des Patienten. «Wer möchte unter solchen Umständen weiterleben? Aus dem Recht auf Selbsttötung wird so unvermeidlich eine Pflicht».
   Die Praxis der Euthanasie in den Niederlanden und in Belgien zeigt, dass die Vorstellung, Euthanasie werde nur bei Vorliegen eines freiwilligen, informierten und beharrlichen Wunsches des Patienten vorgenommen, ebenso eine Illusion ist wie die Vorstellung, die Arzte würden der gesetzlichen Pflicht, die Euthanasiefälle den Regionalen Kontrollkommissionen zu melden, nachkommen. Auch wenn der Anteil der ohne ihre Zustimmung getöteten Patien- ten, 2001 noch rund 20 %, nach der jüngsten Untersuchung 2010 auf etwa die Hälfte zurückgegangen zu sein scheint, so ist er nach wie vor ein großes Problem. Dass die Euthanasie auch ohne Zustimmung der Patienten vorgenommen wird, zeigt darüber hinaus das Groningen-Protokoll, das seit 2004 die Tötung schwer behinderter Neugeborener und schwer kranker Kinder im ersten Lebensjahr erlaubt. Hier bedient sich die «Kultur des Todes» des Begriffs: «Abtreibung nach der Geburt». Dies zeigt zweierlei: zum einen soll der Begriff die Illusion aufrecht er- halten, dass die Tötung Neugeborener keine Euthanasie ist, da Euthanasie auf Grund der gesetzlichen Regelung die Zustimmung voraussetzt, die Neugeborene eo ipso nicht erteilen können, und zum anderen zeigt er die Ak- zeptanz der Abtreibung. Alberto Giubilini und Francesca Minerva haben 2012 dafür plädiert, die «Abtreibung nach der Geburt» auf gesunde Neugeborene auszudehnen, weil sie noch nicht den moralischen Status einer Person hätten. «Merely potential people cannot be harmed by not being brought into existence [...] since non-persons have no moral rights to life, there are no reasons for banning after-birth abortions». Die niederländischen Erfahrungen zeigen, dass Euthanasie das Selbstverständnis der Gesundheitsberufe verändert und das Vertrauen des Patienten zum Arzt zerstört. Ärzte und Krankenpfleger, die zu Tötungstechnikern werden, für die die Schwei- zerische Akademie für medizinische Wissenschaften zwecks Qualitätssicherung eine eigene Ausbildung empfiehlt, stoßen auf das Misstrauen der Patienten. Die niederländischen Bischöfe haben bereits bei der Einbringung des Euthanasiegesetzes in das niederländische Parlament 2001 vor dieser Entwicklung gewarnt. Die «Credo-Card» und die verstärkte Nachfrage von Niederländern nach Plätzen in Alten- und Pflegeheimen jenseits der niederlän- dischen Grenze in Deutschland dokumentieren dieses Misstrauen. Statt den Radius der Selbstbestimmung zu erweitern vergrößert die Legalisierung der Euthanasie die Furcht vor Fremdbestimmung.

4. Embryonale Stammzellforschung, PID und PND
   Eine breite Bioethikdebatte um jene Probleme der Biomedizin, die die künstliche Befruchtung voraussetzen, setzte im Jahr 2000 ein, nachdem es James Thomson 1998 an der Universität von Wisconsin-Madison erstmals ge- lungen war, embryonale Stammzellen zu isolieren. Ziel der Forschung ist es, aus embryonalen Stammzellen, die in der Lage sind, sich in einem geeigneten Medium beliebig zu vermehren, Gewebe und Organe zu entwickeln, die Therapien für bisher unheilbare Krankheiten versprechen. Am Anfang der Gewinnung einer Stammzelllinie steht jedoch die Zerstörung des Embryos. Die Stammzellforschung bedient sich dabei der bei der assistierten Repro- duktion anfallenden sogenannten überzähligen oder verwaisten Embryonen. Der Einwand der Bioethik und des Verfassungsrechts, dass keine Therapie, und sei sie noch so verheißungsvoll, es rechtfertigen kann, einen Embryo, und sei er noch so chancenlos im Hinblick auf einen Transfer in eine Gebärmutter, zu töten, stößt auf Widerstand. Die «Kultur des Todes» bedient sich nicht nur der Verheißung, Therapien für bisher unheilbare Krankheiten zu ent- wickeln, sondern auch einer Reihe von sprachlichen Unterscheidungen, die den Eindruck vermitteln sollen, die überzähligen Embryonen seien nicht Personen und damit Rechtssubjekte, die von der Menschenwürdegarantie und dem Lebensrecht der Verfassung geschützt werden, sondern Objekte, die der Gesellschaft und der Forschung als Ressource zu dienen haben. Der Embryo in vitro, also ohne einen Uterus, sei zwar «menschliches Leben», aber noch kein Mensch, ja nicht einmal ein «werdender Mensch». Er sei kein Embryo, sondern ein «Präembryo». Er habe zwar eine «abstrakte», aber keine «konkrete» Möglichkeit der Menschwerdung. Alle Unterscheidungen dienen dem Zweck, Embryonen im jeweils minderen Status des Personseins Würdeschutz und Lebensrecht absprechen und Eigentumsansprüche der Gesellschaft für Forschungs- und Therapieprojekte begründen zu können. Wie in der Euthanasiedebatte bedient sich die «Kultur des Todes» auch hier anthropologischer Hilfsargumente: Kommunikations- und Empfindungsfähigkeit oder Interessen werden zum konstituierenden Merkmal menschlicher Existenz erklärt. Der Embryo in vitro lebe noch nicht in kommunikativen Verhältnissen, sei noch «kein Diskurs- partner», besitze noch keine Interessen, und habe noch keine Empfindungen. Also sei er noch keine Person und habe keine Rechte. Fazit: Er darf als Ressource verbraucht und das heißt getötet werden. Dieser «Kultur des To- des» setzte der Europäische Gerichtshof am 18. Oktober 2011 mit seinem Urteil Brüstle gegen Greenpeace eine wegweisende Entscheidung entgegen. Er verneinte die Möglichkeit einer Patentierung embryonaler Stammzellen für die wissenschaftliche Forschung, weil jede menschliche Eizelle vom Stadium ihrer Befruchtung an ein mensch- licher Embryo sei. Ein Verfahren, das die Zerstörung des Embryos voraussetze, sei deshalb nicht patentierbar.
   Zur Präimplantationsdiagnostik (PID): Sie ermöglicht es, im Labor er-zeugte Embryonen auf bestimmte Krankheitsdispositionen oder Behinderungen zu untersuchen und im Falle eines positiven Befundes von der Übertragung in eine Gebärmutter auszuschließen. Die PID öffnet somit das Tor zur tödlichen Selektion nicht erwünschter Embryonen. Sie ist inzwischen in zahlreichen Ländern erlaubt. Bei ihrer Legalisierung in Deutsch-land am 7. Juli 2011 bediente sich die «Kultur des Todes» besonders vieler Tarnkappen, um das Ziel der tödlichen Selektion zu verbergen, in erster Linie der Tarnkappe der «Ethik des Helfens».26 Schon die Definition der PID, die die Befürworter der Legalisierung benutzten, verschleiert deren Kern: die tödliche Selektion. Die PID sei «ein Instrument im Rahmen der künstlichen Befruchtung, das Wissen über Erkrankungen der befruchteten Eizelle vermittelt, bevor sie in die Gebärmutter eingepflanzt wird».27 Sie sei eine moderne medizinische Diagnostik zur Verminderung gravierender Gesundheitsrisiken. Sie ermögliche genetisch vorbelasteten Eltern, «ein gesundes Kind zur Welt zu bringen». Der Gesetzgeber habe deshalb nicht das Recht, den betroffenen Paaren die PID zu versagen, wo wir doch auch «anderes Leid nicht einfach (ertragen), sondern behandeln und therapie-ren». Die Ethik des Helfens oder des Heilens ignoriert den Preis, den diese «Diagnostik» kostet: die tödliche Selektion der Embryonen. Sie ignoriert den verfassungsrechtlichen Schutz, den die Menschenwürdegarantie, das Lebensrecht und das Diskriminierungsverbot Behinderter jedem Embryo nach der Empfängnis gewähren.
   Auch die Pränataldiagnostik (PND) hat seit 1970 eine Entwicklung durchgemacht, die reich an sprachlichen Tarn- kappen ist und das Schwangerschaftserleben der Mütter verändert. Etwa zwei Drittel der Schwangeren lassen sich nach einer Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf eine PND ein, weil sie davon ausgehen, die PND trage dazu bei, ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen. So wollen sie ihr Kind erst akzep- tieren, wenn die PND ihnen bescheinigt hat, dass ihr Kind medizinisch unauffällig ist. Sie verdrängen ihre natürliche Neigung, sich über das Kind zu freuen und es zu beschützen. Sie manövrieren sich in eine schwer erträgliche Distanz zur Schwangerschaft und zum eigenen Kind. «Ein Leben im Wahn der Optimierung. Von Anfang an. Um jeden Preis. Eltern bekommen diesen Druck besonders zu spüren. Vollkommene Eltern von vollkommenen Kindern sollen sie sein». Die PND soll Gefahren für Leben und Gesundheit von Mutter und Kind abwehren. Sie steht nicht selten im «Dienst einer Eugenik-Mentalität». Die einzige Möglichkeit, Gefahren für die Gesundheit des Kindes abzuwehren, ist häufig die Abtreibung. Dies wird in der Regel hinter Begriffen wie Prävention, prophylaktische Maßnahmen, Verhinderung genetischer Anomalien oder eingeleitete Geburt verschleiert. Von Abtreibung darf nicht gesprochen werden. Eine Abtreibung nach einer PND wegen der schweren Behinderung des Embryos in der 23. Schwangerschaftswoche muss deshalb Entbindung genannt werden, so das Bundesarbeitsgericht in einem Urteil vom 15. Dezember 2005. Das Gericht gab einer Mutter recht, die gegen eine Kündigung durch ihren Arbeitgeber geklagt hatte mit der Begründung, es habe sich nach der Einleitung der vorzeitigen Geburt um eine «Entbindung» gehandelt. Deshalb stehe ihr der Mutterschutz und damit der Kündigungsschutz zu. Der Arbeitgeber berief sich darauf, dass eine Abtreibung keine Entbindung und die Kündigung deshalb rechtens sei. Das Gericht zwang ihn, die Kündigung zurückzunehmen.

5. Die Kultur des Lebens
   «Lebt als Kinder des Lichts!», um eine kulturelle Wende herbeizufuhren. Diese Aufforderung steht über dem Schlussabschnitt der Enzyklika Evangelium Vitae, der der Erneuerung der Kultur des Lebens gewidmet ist. Am An- fang dieser Erneuerung steht gewiss die Entlarvung der Tarnkappen der «Kultur des Todes». Aber dann müssen weitere Schritte folgen. Der Kampf zwischen einer «Kultur des Todes» und der Kultur des Lebens müsse einen «starken kritischen Geist zum Reifen bringen». Es sei «eine Illusion zu meinen, man könne eine echte Kultur des menschlichen Lebens aufbauen, wenn man den jungen Menschen nicht hilft, die Sexualität, die Liebe und das ganze Sein in ihrer wahren Bedeutung und in ihrer tiefen Wechselbeziehung zu begreifen und zu leben». Wenn die Banalisierung der Sexualität, vor der schon Paul VI. in Humanae Vitae warnte, am Anfang der Verachtung des ungeborenen Lebens und der «Kultur des Todes» steht, dann steht das Zeugnis von der Schönheit und dem Reichtum der Geschlechtlichkeit als gegenseitiger Ganzhingabe, die Beachtung der in die Person eingeschriebenen biologischen Gesetze, die Vermittlung der natürlichen Methoden der Empfängnisregelung und die Entdeckung des Zusammenhangs von Liebe und Wahrheit am Anfang der Kultur des Lebens. Die Selbsthingabe, nicht die Selbst- bestimmung ist der Schlüssel zu einem gelingenden Leben. Das gilt nicht nur für Eheleute. Christus hat es vor 2000 Jahren vorgelebt. In der Eucharistie wird es täglich neue Gegenwart. Das Konzil hat es in Gaudium et Spes 24 unterstrichen. Für Johannes Paul II. und Benedikt XVI. war diese Wahrheit der Leitfaden ihrer Pontifikate. Für Papst Franziskus ist es der Leitfaden seines noch jungen Pontifikats. «Habt keine Angst!», dies zu verkünden. Diese Aufforderung, mit der Johannes Paul II. am Anfang seines Pontifikats die Christen ermutigte, die Tore für Christus aufzureißen, gilt immer noch.
Manfred Spieker, geb. 1943, em. Prof für Christliche Sozialwissenschaften am Institut für Katholische Theo- logie der Universität Osnabrück. IKaZ 43 (2014) 71-82

Ki-pManfredSpieker-Zx     Prof. Dr. Manfred Spieker:

 Beihilfe zum Selbstmord? Ärztliche Sterbehilfe und Selbstbestimmung des Patienten

 1. Begriffliche Klärungen   
Zu Beginn ein paar Klarstellungen: In der Debatte um Sterbehilfe werden in der Regel vier Formen der Sterbehilfe unterschieden:
            * die aktive, * die passive,  * die indirekte Sterbehilfe   * und die Beihilfe zum Suizid.

   Die aktive Sterbehilfe ist die bewusste und gezielte Tötung eines Patienten durch ein tödliches Gift. Sie ist eine Tat, die sittlich verwerflich ist und die in den Rechtsordnungen der meisten Staaten als Straftat sanktioniert wird, in Deutschland in § 216 StGB. Für den Christen ist die aktive Sterbehilfe als vorsätzliche Tötung einer menschlichen Person eine „schwere Verletzung des göttlichen Gesetzes“ und deshalb „sittlich nicht zu akzeptieren“. Sie ist Symptom einer Kultur des Todes.
   Die passive Sterbehilfe ist die Beendigung oder Unterlassung jener lebenserhaltenden Maßnahmen, die in einem Sterbeprozess den Tod hinausschieben, aber nicht mehr aufhalten können.
   Unter indirekter Sterbehilfe ist die Verabreichung palliativmedizinischer Medikamente bei Sterbenden mit das Leben verkürzenden Nebenwirkungen zu verstehen.
   Der assistierte Suizid schließlich ist die Bereitstellung eines tödlichen Giftes, das der Patient, der aus dem Leben scheiden will, dann selbst einnimmt in der Hoffnung, daran zu sterben.

   Die passive und die indirekte Sterbehilfe sind in der Regel weder strafbar noch sittlich verwerflich. Aber die Grenzen zwischen den verschiedenen Formen der Sterbehilfe sind fließend, weshalb die Unterscheidung zwischen diesen vier Formen auch immer wieder kritisiert wird. Bei der sittlichen Bewertung der einzelnen Formen der Sterbehilfe kommt es entscheidend auf die Intention des Arztes an. Auch wenn er sich nicht der Methode der aktiven Sterbehilfe bedient, kann er sich schuldig machen. Er kann die passive und die indirekte Sterbehilfe mit der Absicht anwenden, den Patienten zu töten. Passive und indirekte Sterbehilfe mutieren dann zur aktiven Sterbehilfe. Auch noch ein Wort zum Begriff „Selbstmord“. Manche verwerfen diesen Begriff und bevorzugen den „Suizid“. Suizid aber kommt vom Lateinischen sui und caedere (fällen, töten, vernichten), sagt also dasselbe.
   Am 13. November 2014 begann der Bundestag eine Debatte über die Beihilfe zum Suizid. Anfang Juli 2015 will er die Debatte mit einer ersten Lesung von Gesetzentwürfen zum assistierten Suizid fortsetzen und im Herbst dieses Jahres will er eine gesetzliche Regelung beschließen. Zuvor will er jedoch den Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung regeln. Dazu hat die Bundesregierung am 29. April 2015 einen Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministers Gröhe gebilligt. Es kann sein, dass die Abgeordneten, wenn sie den Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung beschlossen haben, von der Absicht, die Suizidbeihilfe gesetzlich zu regeln, wieder abkommen. Die Vertreter der Ärzte haben sich nach einer klaren Festlegung auf dem 114. Deutschen Ärztetag 2011 in Kiel am 12. Dezember 2014 noch einmal klar positioniert und die Behauptung zurückgewiesen, die Suizidbeihilfe sei in den standesrechtlichen Muster-Berufsordnungen (MBO) der Landesärztekammern unterschiedlich geregelt. Der Präsident der Bundesärztekammer Montgomery erklärte im Namen und im Beisein der Präsidenten aller Landesärztekammern, für alle Ärzte gelte „die Verpflichtung, Sterbenden beizustehen. Diese Grundaussage wird durch zum Teil länderspezifische Formulierungen des § 16 MBOnicht in Frage gestellt. Für alle Ärztinnen und Ärzte in Deutschland gilt: Sie sollen Hilfe beim Sterben leisten, aber nicht Hilfe zum Sterben“. Eine ähnliche Erklärung veröffentlichte die Österreichische Ärztekammer im Dezember 2014. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken setzte in einer Stellungnahme vom 17. Oktober 2014 die ärztliche Suizidbeihilfe mit der aktiven Sterbehilfe gleich und forderte, an ihrem standesrechtlichen Verbot „unbedingt festzuhalten, weil nur so das hohe Vertrauensgut der Arzt-Patient-Beziehung geschützt werden kann“. Meines Erachtens reicht das standesrechtliche Verbot aber nicht. Es bedarf vielmehr eines gesetzlichen Verbots.

2. Selbstbestimmung
   Wenn der Mensch in der Mitte seines Lebens und im Vollbesitz seiner Kräfte steht, neigt er dazu, auch das Sterben seinen Autonomieansprüchen zu unterwerfen. Forderungen nach einer Legalisierung des assistierten Suizids werden in der Regel mit dem Recht auf Selbstbestimmung begründet. Dieses Recht gilt als Kern der Menschenwürde. Der Mensch möchte Planungssicherheit bis zum letzten Tag seines Lebens. Aber Planungssicherheit bis zum Ende des Lebens ist eine Illusion. Selbstbestimmung spiegelt eine Autarkie vor, die nicht der conditio humana entspricht. Der Mensch ist eingebunden in vielfältige soziale Beziehungen. Er ist von Geburt an angewiesen auf andere. Diese Angewiesenheit dauert bis zu seinem Tod. Die Freiheit des Menschen verwirklicht sich nicht in einer Autarkie des eigenen Ichs ohne Bezug auf Mitmenschen. Grundrechte schützen nicht die Autarkie des eigenen Ich, sondern die Person in ihren sozialen Beziehungen. Gerade die Suizidversuche zeigen diese soziale Eingebundenheit des Menschen. Sie sind in der Regel Appelle, um nicht zu sagen Hilfeschreie an die dem Verzweifelten nahestehenden Personen. Jede Selbsttötung, nicht nur eine solche, die sich grausamer, schmerzhafter oder sogenannter harter Methoden, also einer Kugel, eines Stricks, eines Giftbechers oder einer Eisenbahnbrücke bedient, ist, wie erwähnt, eine Verletzung der sozialen Beziehungen. Sie erzeugt immer Leid bei den Angehörigen. „Wer sich aus Krankheit, Lebensüberdruss und Angst das Leben nimmt, engt sich ein auf die Verzweiflung, die er spürt. Und wer ihm hilft sich umzubringen, folgt dessen verzweifelter Selbstwahrnehmung, statt ihm eine Öffnung der verengten Perspektive zu ermöglichen. Es kränkt die Menschenwürde zu tiefst, wenn auf eine tödliche Verzweiflung mit der Tötung des Verzweifelten reagiert wird. Das gilt auch für die Selbsttötung, ob assistiert oder ohne fremde Hilfe vollzogen“. Deshalb kann es bei der gesetzlichen Regelung der Suizidbeihilfe nicht nur darum gehen, den Suizid zu kultivieren und der Selbstbestimmung zu einem Scheinsieg zu verhelfen, bei dem das Subjekt der Selbstbestimmung ausgelöscht wird. Je mehr die Kräfte schwinden und je näher der Tod kommt, desto schärfer wird der Blick dafür, dass weniger Selbstbestimmung, als vielmehr Selbsthingabe das Wesen des Menschen ausmacht. Nicht das abgebrochene, sondern das zu Ende gelebte Sterben – an der Hand, nicht durch die Hand von Angehörigen – ist Ausdruck wahrer Selbstbestimmung. Im Sterben verwandelt sich die Selbstbestimmung zur Selbsthingabe – nicht nur für den Sterbenden, sondern auch für seine Angehörigen. 
   Eine in Deutschland viel beachtete Illustration dieses Perspektivenwandels ist das Schicksal von Walter Jens und das Verhalten seiner Angehörigen. Mitte der 90er Jahre plädierte Jens zusammen mit Hans Küng für die aktive Sterbehilfe. Der Sterbende soll, so Jens, im Gedächtnis seiner Angehörigen als „ein Autonomie beanspruchendes Subjekt...und nicht als entwürdigtes, verzerrtes und entstelltes Wesen“ in Erinnerung bleiben. Im Alter von 80 Jahren fiel Jens 2003 in eine fortschreitende Demenz. Den Zeitpunkt, seinem Leben ein Ende zu machen, sagte seine Frau Inge am 2. April 2008 in einem Interview mit dem „Stern“, habe er verpasst. Aber sie berichtete auch, dass sein Leben bei aller Tragik Freude kenne, wenn auch nur über Spaziergänge mit einer Pflegerin, über eine Tafel Schokolade oder ein „Wurschtweggle“. Auch ihr Sohn Tilman Jens, der den Verfall seines Vaters 2010 in einem Buch „Demenz. Abschied von meinem Vater“ schilderte, berichtet von dessen Wort „Aber schön ist es doch…“, weshalb die Familie von dem Mandat zu aktiver Sterbehilfe nichts mehr wissen will. Nur Hans Küng forderte, erschüttert vom geistigen Verfall seines Freundes und seine Hilflosigkeit öffentlich bekennend, „Sterbehilfegesetze“. Er appellierte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an Juristen, Ärzte, Politiker, Theologen und Journalisten, sich für mehr Patientenautonomie am Lebensende einzusetzen und die gesetzliche Sterbehilfe zu ermöglichen. In nicht wenigen Leserbriefen wurde ihm vorgehalten, die Menschenwürde an intellektuelle Kompetenz zu binden und das Wichtigste in einer solchen Situation zu übersehen: „täglich für den Freund da zu sein und ihm jeweils auf dessen eigener Ebene zu begegnen“. Der Fall Jens bestätigt die Feststellung von Johann-Christoph Student, dass nämlich die Überlegung, ein Mensch könne in der Demenz dasselbe meinen, fühlen und wünschen wie in gesunden Zeiten, „die unwahrscheinlichste aller Denkmöglichkeiten“ ist.

3. Auswirkungen auf den Lebensschutz
   Wer den assistierten Suizid legalisieren will, behauptet häufig, den Lebensschutz stärken, Suizide verhindern und sozialem Druck vorbeugen zu wollen. Die Legalisierung der „Lebensbeendigung“ beeinflusst jedoch „die Beziehungen zwischen den Menschen, die trotz schwerer Leiden weiterleben, und deren Betreuern“. Selbsttötung ist ansteckend, schon deshalb ist Vorsicht geboten. Der Suizid bekannter Persönlichkeiten führt in der Regel zu einem rapiden Anstieg von in der Zielgruppe und in der Methode vergleichbaren Selbsttötungen, so auch im Fall des Nationaltorwarts von Hannover 96 Robert Enke, nach dessen Suizid im November 2009 die Zahl vergleichbarer Selbsttötungen um das Vierfache gestiegen sein soll. Die Suizidforschung spricht vom Werther-Effekt.
   Organisierte Beihilfe suggeriert soziale Akzeptanz. Wenn im Falle eines unerträglichen Leidens der Tod auf Rezept ermöglicht wird, wird dem sozialen Druck erst die Bahn geebnet. Johannes Rau wies als Bundespräsident in seiner Berliner Rede zur Bioethik am 18. Mai 2001 auf dieses Problem hin: „Wo das Weiterleben nur eine von zwei legalen Optionen ist, wird jeder rechenschaftspflichtig, der anderen die Last seines Weiterlebens aufbürdet“. Es entsteht ein psychischer Druck, den medizinischen, pflegerischen und finanziellen Aufwand zu vermeiden und sich dem Trend eines sozial- oder generationenverträglichen Frühablebens anzuschließen. Wer will noch weiterleben, wenn er spürt, dass sein Weiterleben den Angehörigen eine große Last bedeutet? Eine tödliche Falle der Selbstbestimmung: sie mündet in Selbstentsorgung. Sowohl in der Philosophie als auch in der Rechtswissenschaft gibt es Plädoyers, die zu einer solchen Selbstentsorgung auffordern. Suizidwillige Personen sollten zwar die negativen Konsequenzen ihrer Selbsttötung auf ihr soziales Umfeld in Rechnung stellen. „Noch viel mehr dürfte man dann aber von jemandem im Falle einer unheilbaren und höchst pflegeintensiven Krankheit erwarten, dass er die emotionale Belastung, zeitliche Inanspruchnahme und finanziellen Lasten seiner Existenz für die Angehörigen und Freunde wahrnimmt. Denn nicht nur für die negativen sozialen Folgen des Aus-dem-Leben-Scheidens sind wir verantwortlich, sondern selbstverständlich auch für diejenigen des Weiterlebens“. Der Druck der demographischen Entwicklung und die steigenden Gesundheits- und Pflegekosten werden den generationenverträglichen Suizid adeln. Die Legalisierung des assistierten Suizids wird den Lebensschutz weiter schwächen.

4. Die Logik des assistierten Suizids
   Wer den assistierten Suizid legalisieren will, behauptet oft, die aktive Sterbehilfe abzulehnen. Was jedoch soll geschehen, wenn der Suizid aus welchen Gründen auch immer nicht gelingt? Dass dies vorkommt, zeigen die Erfahrungen in den Niederlanden. Sowohl in den Jahresberichten der Regionalen Kontrollkommissionen als auch in den von der Regierung in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Untersuchungen der Euthanasiepraxis ist von Fällen die Rede, in denen bei der Beihilfe zum Suizid Probleme auftreten, die die Ärzte veranlassten, zur aktiven Sterbehilfe überzugehen. Die Kontrolle über das eigene Lebensende ist im Akt des Suizids also keineswegs gewährleistet. Die aktive Sterbehilfe liegt deshalb in der Logik des assistierten Suizids. Aber auch die Veränderung der ärztlichen Tätigkeit zwingt zu diesem Schluss. Wer dem Arzt erlaubt, Assistent bei der Selbsttötung zu sein, wird sich fragen müssen, ob der Patient wirklich möchte, dass der Arzt wieder weggeht, wenn er den tödlichen Cocktail an sein Bett gestellt hat. Wer also dem Arzt erlauben will, Assistent bei der Selbsttötung zu sein, wird sich fragen müssen, warum er ihn nicht gleich aktive Sterbehilfe lege artis leisten lassen will, um das Risiko des Scheiterns der Selbsttötung auszuschließen. Er wird sich fragen müssen, wie er den Erfolg des Suizids überprüfen will. Durch einen Sehschlitz in der Tür des Patienten? Durch eine Kamera? Durch Kontrollgänge des Pflegepersonals in Alten- und Pflegeheimen? Wie lange darf der Todeskampf des Suizidenten dauern, bevor der Arzt ihm durch eine tödliche Injektion „hilft“, sein Ziel zu erreichen? Wenige Schlagzeilen in seriösen oder weniger seriösen Medien über das Leid eines Patienten bei misslungener Beihilfe zum Suizid oder bei Unfähigkeit, den tödlichen Cocktail, den der Arzt oder Angehörige zur Verfügung stellten, selbst zu trinken, werden ausreichen, um die aktive Sterbehilfe nach den Regeln ärztlicher Kunst zu fordern und als humanen Akt erscheinen zu lassen. Nicht mehr die Verhinderung, sondern die Kultivierung des Suizids wird im Mittelpunkt stehen. Dieser Trend zum kultivierten Suizid ist kein Triumph über den Tod, sondern ein Triumph des Todes. In der Logik dieser Entwicklung liegen ausgebildete Sterbehelfer, die für ihre Dienstleistung eine Erfolgs- oder zumindest eine Qualitätsgarantie anbieten und für die es in der ärztlichen Gebührenordnung eigene Gebührenziffern geben wird.
   Welche Schlussfolgerungen drängen sich auf, wenn die Argumente, mit denen für die Legalisierung des assistierten Suizids plädiert wird, mit den Erfahrungen konfrontiert werden, die Länder gemacht haben, in denen die Legalisierung bereits erfolgt ist? Eine erste Schlussfolgerung betrifft die Beziehungen zwischen Arzt und Patient. Für die Niederlande gibt es zahlreiche Indizien, die zu der Schlussfolgerung führen, dass das Euthanasiegesetz das Vertrauen in die Ärzte beschädigt hat. Das Gesetz und auch die Kontrollpraxis geben den Ärzten die Macht, zu definieren, was lebenswert, aussichtsreich oder erträglich ist. Sie ermöglichen nicht nur die Tötung auf Verlangen, sondern auch die Tötung ohne Verlangen, die einen erheblichen Anteil der niederländischen Euthanasiefälle ausmacht. Die Verbreitung der Credo-Card oder einer „Lebensverfügung“ mit dem Aufdruck „Maak mij niet dood, dokter“ dokumentieren dieses Misstrauen ebenso wie Berichte, dass Eltern, die für ihre frühgeborenen Kinder eine möglichst große Chance auf Behandlung haben möchten, in deutsche Krankenhäuser ausweichen, oder dass betagte Niederländer in Grenznähe einem Platz in deutschen Altenheimen den Vorzug vor niederländischen Heimen geben.
   Die zweite Schlussfolgerung, die sich aufdrängt: Die Legalisierung der Suizidbeihilfe macht die Duldung unerwünschter Handlungen wie der Tötung auf Verlangen wahrscheinlicher. Die Abgrenzung der Suizidbeihilfe zur Tötung auf Verlangen ist „sehr, sehr unscharf und diese Grenze wird mit der Zeit notwendigerweise verschwinden“. Die aktive Sterbehilfe ist deshalb die logische Konsequenz der Legalisierung des assistierten Suizids. Die aktive Sterbehilfe auf Verlangen des Patienten aber führt, wie die niederländischen Erfahrungen zeigen, zur Sterbehilfe ohne Verlangen. Wer dem Arzt die Macht einräumt, die Erträglichkeit des Leidens, die Perspektiven des Weiterlebens und den Lebenswert zu definieren, öffnet den Weg zur Sterbehilfe ohne Verlangen. Der Staat ist aufgrund seiner Schutzpflicht für das menschliche Leben deshalb gehalten, auch die „Anstiftung und Beihilfe zur Selbsttötung als rechtswidrig zu qualifizieren und zu verbieten“. Das Standesrecht reicht nicht aus, um die verfassungsrechtliche Gewährleistung des Lebensrechts zu sichern. Die Regelung des österreichischen Strafgesetzbuches, die die Beihilfe zum Suizid mit der aktiven Sterbehilfe gleichsetzt und verbietet, ist juristisch die einzig logische und moralisch die einzig richtige Lösung.

7. Die christliche Alternative
   Was sind Alternativen zur aktiven Sterbehilfe? Eine Wiederbelebung der Ars moriendi. Sterben ist Teil des Lebens. Wer den eigenen Tod nicht verdrängt, sondern als Teil seines Lebens bejaht, lebt bewusster, gelassener und glücklicher. Ars moriendi heißt, die soziale Dimension des Sterbens wiederzugewinnen, heißt zu lernen, im Angesicht des Todes von den Familienangehörigen Abschied zu nehmen und das Zeitliche zu segnen. Sterben heißt Loslassenkönnen. Nicht nur das Begräbnis, das Sterben ist dann ein soziales Ereignis. Die stationären Hospize, aber auch die ambulanten Hospizdienste sind ein Schritt in diese Richtung. In einer Ansprache an deutsche Bischöfe würdigte Papst Johannes Paul II. schon 1992 die Notwendigkeit der Hospizbewegung. Sie sei eine Herausforderung, die auf die Christen in ganz Europa zukomme und die die Würde des Menschen berühre: „Wir erleben, dass immer mehr Menschen mit dem Tod nichts anzufangen wissen, ja ihr Leben so gestalten, dass die letzte Frage verdrängt wird. Unsere modernen säkularisierten Gesellschaften laufen Gefahr, Leiden, Sterben und Tod aus dem persönlichen Lebensbereich regelrecht auszublenden. Da aber im Leben nichts sicherer ist als der Tod vgl. Sir 8,7;14,12; Röm 5,12, beobachten wir als Folge dieses Verdrängungsprozesses viel Hilflosigkeit und Verzweiflung angesichts des Todes… Einige wenige Katholiken haben in eurem Land erkannt, dass hier eine wichtige und wertvolle Aufgabe auf die Christen zukommt, nämlich eine Sterbebegleitung, die dem Menschen auch in der letzten Lebensphase seine Würde gewährleistet. … Wichtiger als der Bau eines weiteren Krankenhauses in katholischer Trägerschaft und wichtiger als etwa die erneute Renovierung eines Tagungshauses wird künftig die Förderung von Institutionen sein, die sich für die katholische Sterbebegleitung einsetzen. Hier sind Christen als Hoffnungsträger gefragt…. Mehr als in manch anderem Bereich können wir hier zeigen, worauf es letztlich ankommt: Leben lernen für den Tod und sterben lernen für das Leben. Wenn es euch gelingt, in Deutschland rechtzeitig weitere Hospize als Inseln der Humanität einzurichten, werdet ihr verhindern, dass sich jene durchsetzen, die nur vorgeben, sterbenden Menschen zu helfen, in Wahrheit aber vor dieser Herausforderung kapitulieren, indem sie mit Todespillen Hilfe beim Sterben in Hilfe zum Sterben pervertieren. Der sterbende Mensch will keine Tablette, um dann alleingelassen zu werden, sondern echte Hoffnung, menschliche Nähe und eine haltende Hand.“ Mit dem Gesetzentwurf zum Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung vom 29. April  2015 ist ein großer Schritt in diese Richtung, die Papst Johannes Paul II. schon 1992 gewiesen hat, gemacht worden.
   Wirksame Schmerzlinderung, vertraute Umgebung, pflegerische, ärztliche und seelsorgerliche Begleitung gehören zur Sterbebegleitung in einem Hospiz und die Gewissheit, dass der Sterbeprozess nicht gegen den Willen des Sterbenden hinausgezögert wird. Ein menschenwürdiges Sterben erfordert von den Angehörigen nicht nur Respekt vor der Selbstbestimmung des Sterbenden, der im Angesicht seines Todes weitere medizinische Maßnahmen ablehnt, sondern auch in belastenden Situationen, bei kaum überwindbarer Sprachlosigkeit und in Todesangst die Bereitschaft zum Dableiben, zum geduldigen Ausharren und zuletzt: zum gemeinsamen Warten auf den Tod. Wie ein  neugeborenes Kind nach der Geburt  in den Arm der Mutter gelegt wird, um den Schock des Eintretens in eine neue Welt zu mildern, so ist auch beim Verlassen dieser Welt die Nähe eines vertrauten Menschen eine Erleichterung, für die Sterbende dankbar sind. Ein menschenwürdiges Sterben erfordert von den Ärzten, dass sie sich selbst mit dem Tod auseinandersetzen, dass sie ihn, wenn schon  nicht wie Franz von Assisi als Schwester, so doch wenigstens nicht als Feind betrachten, dass sie ihn nicht als Niederlage für ihre medizinische Kompetenz empfinden, der sie sich mit neuen Operationen und anderen Eingriffen, die Aktivität vortäuschen, aber nur den Sterbeprozess verlängern, zu entziehen versuchen. Ein menschenwürdiges Sterben erfordert von den medizinischen Fakultäten, die Palliativmedizin und das schwierige Gespräch über das Sterben in die ärztliche Ausbildung zu integrieren, und von den Krankenkassen, sie entsprechend zu honorieren.
   Für den Christen ist menschenwürdiges Sterben das Ende des irdischen Pilgerstandes, ein „Tor zum Leben“. „Es ist vollbracht“, dieses Wort Jesu am Kreuz ist das Leitwort christlichen Sterbens. Jesus sprach dieses letzte Wort vor seinem Tod nicht in einer Stunde der Verklärung, sondern in einer Stunde des Leidens, ja des Martyriums, als er „von dem Essig genommen hatte“, den die Soldaten bei seiner Kreuzigung mit einem Schwamm auf einer Stange an seinen Mund hielten. Die Passion Christi zeigt, wie Mel Gibson in seinem Film 2004 eindringlich dargestellt hat, dass Christus Todesangst und die Bitterkeit des Todes nicht fremd sind. Auf seinem Kreuzweg nach Golgota war auch Christus dankbar für Menschen, die ihn begleiteten: seine Mutter Maria, Simon von Cyrene, Veronika und der Apostel Johannes. Die Vorbereitung auf einen guten Tod und das Gebet um ihn sind Teil eines gelingenden Lebens. Der Ernst des Todes, diese Stunde der Entscheidung, in der jeder nur einmal steht, verdrängt im christlichen Sterben nicht die Zuversicht, geborgen zu sein, eine Zuversicht, die Dietrich Bonhoeffer und andere Märtyrer des NS-Regimes im Angesicht ihrer Hinrichtung zum Ausdruck brachten. Bonhoeffers Verse sind heute ein in allen Kirchen gesungenes Kirchenlied „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr. … Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“. Die gleiche christliche Zuversicht spricht aus dem letzten Brief, den der 2011 selig gesprochene Lübecker Kaplan Johannes Prassek am 10. November 1943, dem Tag seiner Hinrichtung, aus einem Hamburger Gefängnis an seine Familie schrieb: „Worum ich Euch um alles in der Welt bitte, ist dieses: Seid nicht traurig! Was mich erwartet, ist Freude und Glück, gegen das alles Glück hier auf der Erde nichts gilt. Darum dürft auch Ihr Euch freuen“.
   In jedem „Gegrüßt seist du Maria“, einem nicht nur katholischen Gebet, bittet der Beter um die Fürbitte der Gottesmutter „jetzt und in der Stunde unseres Todes“. Dem Sterbenden beizustehen, den Kranken, auch den Todkranken zu besuchen, ist Teil der Nächstenliebe, nach der jeder beim Jüngsten Gericht gefragt wird Mt 25, 36 und 43. Wie schwer es selbst den engsten Jüngern Jesu fiel, ihm in der Todesangst beizustehen, auch darüber geben die Passionsberichte Auskunft: Die Jünger schliefen im Garten Gethsemane wiederholt ein und unter dem Kreuz waren sie alle bis auf Johannes weg. Für den Christen ist Sterben eine Gnade, ein „Lebensabschlussgottesdienst“, für den die katholische Kirche nicht nur eine eigene Liturgie, sondern auch das Sakrament der Krankensalbung, der „letzten Ölung“ anbietet. Das eigene Leben buchstäblich und wirklich zu verlieren, um es zu gewinnen, ist dem Menschen zum ersten und einzigen Mal im Angesicht des Todes abverlangt. Jesu Tod am Kreuz ist der Maßstab, weshalb der Mensch, der sich selbst erkennen will, so das II. Vatikanische Konzil in Gaudium et Spes, auf Christus schauen soll. Er „erschließt ihm seine höchste Berufung“. Das sich hingebende, nicht das sich selbst behauptende Ich ist das wahrhaft menschliche Ich. Nur durch die „aufrichtige Hingabe seiner selbst“ kann der Mensch sich selbst vollkommen finden. Dies deutlich zu machen war ein Leitfaden des gesamten Pontifikats des heiligen Johannes Pauls II. „Ich bin froh, seid ihr es auch!“ Diese letzten Worte auf seinem Sterbebett Anfang April 2005 sind ein großes Vermächtnis für die Wiederbelebung der ars moriendi, für eine Kultur des Lebens, die dem Leiden und Sterben nicht ausweicht. Die vier Millionen vor allem junger Menschen, die anlässlich seines Todes und seiner Beisetzung 2005 nach Rom pilgerten, haben dieses Vermächtnis eindrucksvoll besiegelt.    Vortrag in St. Peter und Paul, Georgsmarienhütte am 6. Mai 2015

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Spes Viva barrierefrei im Internet

   Die neue Internetseite macht es möglich: Ab sofort sind alle Aktivitäten, Projekte und Köpfe von Spes Viva auch im Internet einzusehen. Das teilt die Organisation mit.
   Unter www.spes-viva.de hat jeder die Möglichkeit, sich über das vielfältige Betätigungsfeld der christlich-humanen Sterbebegleitung zu informieren. Die Internetseite ist barrierefrei - und somit auch für sehbehinderte Besu- cher„erlebbar".
   Konzipiert hat den Auftritt das Team um Andreas Ströker von der Werbeagentur „Die Werberei". „Wir haben von Anfang an alles so geplant, dass auch körperlich eingeschränkte Personen die Inhalte ohne Probleme nutzen können." So ist es beispielsweise für Besitzer eines speziellen Programms möglich, sich die Texte vorlesen zu lassen. Ein Service, der vor allem solchen Besuchern gefallen wird, die Probleme ha-ben, kleinere Schrifttypen zu lesen. Weiterer Vorteil: Die Seite wirkt aufgeräumt und übersichtlich, eine thematische Farbgebung der unter- schiedlichen Bereiche erleichtert den Nutzern die Orientierung.
   „Ein Klick lohnt sich", betont Reinhold Kassing, Vorstandsvorsitzender des Spes-Viva-Fördervereins. Eingebunden in die Seite ist die Web-Präsenz des Spes-Viva-Trauerlands, die auch direkt unter:
www.trauerland-os.de erreicht werden kann. NOZ101215pm

ErnstWolfgangBöckenförde    Ernst-Wolfgang Böckenförde, Bundesverfassungsrichter a.D.

   Die Zulassung der aktiven Sterbehilfe in Deutschland wäre nach Ansicht des früheren Bundesverfassungs- richters Ernst-Wolfgang Böckenförde ein „Dammbruch” beim Lebensschutz. Niemand dürfe Verfügungsgewalt über das Leben anderer haben, sagte Böckenförde in Freiburg. Das würde gegen das Grundrecht der Menschenwürde verstoßen.
   Zur passiven Sterbehilfe erklärte der Jurist, der Respekt vor dem Nichtbehandlungswillen eines Patienten sei nicht Sterbehilfe. Jeder habe das Recht, ärztliche Hilfe zu verweigern. Entschieden setzte sich Böckenförde für das Recht auf Leben des Embryos ein. Mit der Befruchtung beginne eigenes Leben und die Entfaltung „als Mensch, nicht zum Menschen”. Der Jurist lehnte jegliche Instrumentalisierung des Embryos ab. Aus der Forschung eventuell resultierende Heilungschancen für Krankheiten rechtfertigten nicht die Tötung von Embryonen. DT071201

PalliativProfBorasio-x     Prof. Gian Domenico Borasio

Wann dürfen Menschen sterben?
Gesopräch der FAZ mit dem Palliativmediziner Prof.Gian Domenico Borasio über den Zwang zum Leben

   Eine Kerze vor der Tür, das bedeutet am Zentrum für Palliativmedizin der Münchner Ludwig-Maximilians- Universität, dass in dem Krankenzimmer ein Mensch stirbt. Kleine Symbole wie dieses gehören für Gian Domenico Borasio zum Versuch, in der Medizin einen neuen, sensibleren Umgang mit dem Tod zu praktizieren und wegzukommen von einer rein künstlichen Leidensverlängerung. Seine Expertise in der Palliativmedizin macht den Neurologen zum wichtigen Ansprechpartner von Politikern, Medizinern, Juristen und Ethikern in der Kontroverse um Sterbehilfe und Patienten- verfügungen. Borasio hat den Stiftungslehrstuhl für Palliativmedizin am Klinikum Großhadern inne.   Die Fragen stellten Christian Schwägerl und Heinrich Wefing. FAZ070120

Herr Professor Borasio, viele Menschen fürchten sich davor, am Ende ihres Lebens von einer hochtechni- sierten Medizin am Sterben gehindert zu werden. Ist diese Angst berechtigt?
   Die Angst vor dem Tod gehört zum Leben dazu. Die Palliativmedizin ist ein Weg, die Leiden lebensbedrohlich Erkrankter zu lindern, ihre Lebensqualität und die ihrer Angehörigen zu verbessern. Doch sie ist in Deutschland noch nicht integraler Bestandteil der Medizin. Das führt leider nicht selten zu Problemen im Umgang mit Schwer- kranken, Sterbenden und ihren Angehörigen. Es fehlt zum Beispiel manchmal die Kompetenz zu erkennen, ab wann ein alter Mensch im Sterben liegt. Und wenn es erkannt wird, wird dennoch häufig versucht, es zu ver- hindern. Statt Lebensverlängerung wird Sterbeverlängerung betrieben.
Was kann die Palliativmedizin dem Patienten bieten?
   Das lässt sich nur individuell bestimmen. Mal sind Medikamente wichtig, zum Beispiel gegen Schmerzen und Atemnot, mal kommen high-tech-Verfahren zum Einsatz, mal sind die Gespräche mit Verwandten entscheidend. Deswegen gehören zu unserem Team selbstverständlich Psychologen, Sozialarbeiter und Seelsorger. Wenn alles klappt, werden wir hier am Zentrum demnächst die erste Stiftungsprofessur für „Spirituelle Begleitung” einrichten können, in enger Zusammenarbeit mit beiden theologischen Fakultäten. Entscheidend ist bei all dem eines: Kom- munikation. Denn je weniger die Menschen an den Tod denken, desto schlechter leben sie. Deshalb ist für uns hier am Zentrum die tägliche Begegnung mit Sterbenden auch ein riesiges Geschenk.
Die ständige Konfrontation mit dem Tod ist nicht deprimierend?
   Nein, im Gegenteil. Schon mit Sterbenden reden zu können, an ihren Einsichten teilhaben zu dürfen ist ein un- glaublicher Gewinn. Und ständig daran erinnert zu werden, dass man sterblich ist, verschiebt die Perspektiven völlig. Auch das ist ein zentrales Anliegen: den Diskurs über den Tod in der Gesellschaft zu verbessern.
   Noch aber sind wir längst nicht so weit. Nach Ihren Erhebungen begegnen selbst viele Chefärzte dem Lebens- ende ihrer Patienten mit Unsicherheit.
   In einer Umfrage unter neurologischen Chefärzten gab tatsächlich fast die Hälfte an, ihre eigene Ausbildung für die Begleitung in der Sterbephase sei „mäßig bis schlecht”. Sechzig Prozent räumten Angst vor Rechtsfolgen beim Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen ein. Ähnliches ergaben Umfragen unter Hausärzten und Onkologen - übrigens auch bei Vormundschaftsrichtern.
Rechtssicherheit kann nur der Gesetzgeber schaffen. Derzeit wird in Berlin vor allem über eine gesetzliche Regelung der Patientenverfügung diskutiert.
   Eine solche Regelung würde ich sehr begrüßen. Aber man muss sich eines klarmachen: Häufig kommt es auf eine Patientenverfügung gar nicht an, sondern darauf, dass das Therapieziel klar definiert wird. In etwa der Hälfte der Fälle, die wir untersucht haben, lag gar keine medizinische Indikation für eine Weiterbehandlung mehr vor. Wo aber eine Weiterbehandlung gar nicht medizinisch indiziert ist, stellt sich auch die Frage nicht, ob der Patient mit einem Abbruch der Behandlung einverstanden wäre. Lebensverlängerung ist sicher ein medizinisches Ziel, Sterbe- verlängerung nicht.
Gleichwohl wird von vielen Ärzten weiter lebensverlängernd therapiert.
   Ja. Das ist psychologisch auch verständlich. Die auf Lebensverlängerung gerichtete Therapie war ja meist am Anfang der Behandlung richtig. Ab einem bestimmten Punkt ist sie es aber nicht mehr. Diesen Punkt zu bestimmen ist sehr schwierig. Hinzu kommt: Juristisch mag es keinen Unterschied machen, ob man durch aktives Tun oder Unterlassen handelt, menschlich jedoch ist es für einen Arzt viel belastender, eine Behand-lung abzubrechen. Nicht selten läuft dann einfach weiter, was einmal begonnen wurde.
Politisch wird fast ausschließlich über die Patientenverfügung gestritten.
  Richtig, die Forderungen des Deutschen Juristentages nach einer umfassenden Regelung der Sterbebegleitung sind an der Politik offenbar abgeprallt. Trotzdem wäre eine gesetzliche Klarstellung zur Patientenverfügung ein wichtiger Schritt, denn sie würde auch die Ärzte stärker dafür sensibilisieren, dass der Wille des Patienten unbe- dingt zu befolgen ist.
Wie soll eine solche Regelung aussehen?
 Zunächst einmal ist jede Patientenverfügung wirksam, schon heute. Wenn ein Arzt weiß, was sein Patient in einer bestimmten Situation will, dann darf er das nicht ignorieren. Den Willen schriftlich niederzulegen ist nur aus Be- weisgründen wichtig; eine Videoaufzeichnung würde den gleichen Zweck erfüllen. Nachdrücklich werbe ich für ein Beratungsgespräch mit einem Arzt vor Abfassung der Patientenverfügung. Schauen Sie, der Gesetzgeber schreibt für jeden Häuslekauf eine Beratung durch den Notar vor -  und da geht es nur ums Geld, nicht ums Leben.  Nach meiner Vorstellung sollte eine Patientenverfügung, der ein dokumentiertes Beratungsgespräch mit einem Arzt vor- ausgegangen ist, eine erhöhte Verbindlichkeit haben.
Die Enquete-Kommission des Bundestages „Ethik und Recht der modernen Medizin” hat vorgeschlagen, dass Patientenverfügungen nur gelten sollen, wenn eine Krankheit „unumkehrbar tödlich” verläuft; die Überle- gungen des CDU-Politikers Bosbach gehen in eine ähnliche Richtung.
   Das ist absurd. Ein Patient, der bei Bewusstsein ist, kann doch selbstverständlich jede ärztliche Behandlung zu jedem beliebigen Zeitpunkt ablehnen. Dieses Recht einem Patienten abzusprechen, der vorab eine wirksame Patientenverfügung angefertigt habe, wäre eine krasse Ungleichbehandlung. Eine solche Regelung würde vor dem Bundesverfassungsgericht scheitern. Auch medizinisch ist eine solche Einschränkung Unsinn, denn unumkehrbar tödlich verläuft ja das Leben selbst. Die Reichweitenbeschränkung erweist sich somit als Ersatz des alten medizi- nischen Paternalismus durch einen neuen - und schlimmeren - ethischen Paternalis- mus. Das zentrale Prinzip des Lebensschutzes wird zum Dogma des Lebenszwangs umgedeutet und damit entwertet. Das hat in meinen Augen etwas Fundamentalistisches.
Warum?
  Hier werden Prinzipien über Menschen gestellt. Die Autonomie wird außer Kraft gesetzt, man bemächtigt sich des biologischen Lebens von Menschen  und entzieht ihnen die Verfügung über sich selbst. So werden die Leute erst auf den Gedanken gebracht, maximal kontrollieren zu wollen, wer sie wann tötet. Man treibt damit die Menschen in die Arme der Euthanasiebefürworter. Und welche Probleme die Euthanasie in der Praxis schafft, sehen wir gerade in den Niederlanden. Hinter der Verteufelung der Patientenverfügung steht die nie ausgesprochene An- nahme, dass die Patientenverfügung eigentlich eine Suizidverfügung ist. Man sollte aber klar zwischen dem Wunsch nach einem Suizid und dem nach einem natürlichen Sterben unterscheiden. Dieser Wunsch ist der nor- malste auf der Welt. Auf der anderen Seite ist es wichtig, das Prinzip der Fürsorge nicht zu vergessen, was Juristen gelegentlich tun. Fürsorge gelingt nach unserer Erfahrung am besten durch Dialog, Beratung und Aufklärung.
Wie stellen Sie sich den Ausbau der palliativmedizinischen Versorgung vor?
   Sie sollte selbstverständlicher Teil jeder Medizin werden. Das verhindert, dass Sterbegettos entstehen. Deshalb sollte Palliativmedizin Pflichtfach an allen Universitäten werden. Zweitens sollte die palliativmedizinische Fort- bildung stark ausgebaut werden. Dass elementare Grundsätze der Palliativmedizin den meisten Ärzten unbekannt sind, erschwert die Entscheidungsprozesse am Lebensende erheblich. So wissen viele Ärzte etwa nicht, dass Menschen in der Sterbephase in der Regel keinen Hunger verspüren. Deshalb ist die Rede davon, man dürfe Sterbende nicht „verhungern” lassen, reine Polemik. Viele Ärzte wissen auch nicht, dass Flüssigkeitszufuhr am Lebensende eine große Belastung für die Sterbenden darstellen kann. Und viele wissen nicht, dass das Legen einer Ernährungssonde bei Patienten mit weit fortgeschrittener Demenz medizinisch nicht indiziert ist, weil sie weder zu einer Lebensverlängerung noch zu einer Verbesserung der Lebensqualität führt. Trotzdem werden in Deutschland jedes Jahr über 100.000 Magensonden gelegt, meist, um die Pflege zu erleichtern. Vor einer Weile habe ich einen Anruf bekommen von einem Sohn, der vor der Frage stand, ob seine Mutter eine Magensonde bekommen sollte. Die Dame sei seit vielen Jahre dement, bettlägerig und kommunikationsunfähig, der behan- delnde Arzt hatte dennoch zur Magensonde geraten. Als ich fragte, wie alt die Mutter sei, kam die Antwort: 102 Jahre. Da frage ich mich schon: Wann dürfen Menschen eigentlich noch sterben?

Die Angst vor den Schmerzen nehmen   Dr.MajaFalckenbergHH    Dr. Maja Falckenberg, Hamburg

   Würden alle Mittel der Medizin genutzt, ginge auch der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe zurück. Davon sind die Fachleute überzeugt. Deutschland ist dabei, die Schmerzbehandlung für Schwerstkranke auszubauen. Aber es gibt noch viele Schwachstellen.

   Von Heilung ist in diesem Medizinfach nicht die Rede. Denn die Palliativ-Spezialisten kümmern sich um Schwerstkranke, denen sie das Leiden erleichtern wollen. Das Ziel beschreibt Dr. Maja Falckenberg von der Schmerzambu lanz Alten Eichen: „Die Patienten in einen beschwerdearmen Tod hineinzubegleiten.”
   Die Hamburger Fachärztin für Anästhesiologie ist Präsidentin des 6. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, der auf dem Campus der Hamburger Universität stattfand. 1.200 Experten trafen sich hier aus dem In- und Ausland. Die beiden Schwerpunktthemen: Teamarbeit und Kommunikation.
   Was sich so selbstverständlich anhört, gilt in der Kombination als Schlüssel zum Gelingen. Denn um Patienten mit fortschreitenden Leiden menschenwürdig zu versorgen, bedarf es vieler Disziplinen. Dazu gehören neben der Medizin, so Falckenberg, die Pflege, die psychosoziale Betreuung, die Spiritualität und das Ehrenamt.
  Diese Mischung lässt sich nicht per Rezept verordnen und im reglementierten Kassensystem auch nicht leistungsgerecht abrechnen.  So stoßen Palliativ-Mediziner ständig an Grenzen: mit geringen Tagesfestpreisen von 5,90 Euro für Opiate oder bei der Verschreibung von Schmerzpflastern für Patienten, die nicht schlucken können.
   All diese Hemmnisse sind jedoch nichts - gemessen an der Angst der meist Tumorerkrankten, „unter Qualen sterben zu müssen, was uns häufig begegnet”, so Falckenberg. Diese Angst treibt manche auch in die Bitte um aktive Sterbehilfe. Dabei könne den weitaus meisten der Schmerz genommen werden - und damit auch der Wunsch nach Tötung. Der sei nach ihrer Erfahrung mit Schwerstkranken meist ein „Aufschrei, sieh, wie ich leide”, berichtet Pflegedienstleiterin Martina Kern vom Palliativ-Zentrum  des Malteser-Krankenhauses Bonn. „Das Gefühl, ‚Sie können nichts mehr für mich tun’” täusche, sagt die Pflegespezialistin, „wir können immer noch etwas tun” und sei es die so genannte Palliative Sedierung, bei der man den Patienten in einen schlafähnlichen Zustand versetze.
   Die Angst, an Schläuchen zu sterben, könne den Betroffenen oft genommen werden. Als Orientierung ihrer Arbeit sieht sie die „radikale Patientenorientierung”.
   Tröstlich ist immerhin, dass sich entsprechende Angebote in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich verbessert hätten, sagt Prof. Dr. Christof Müller-Busch vom Krankenhaus Havelhöhe in Berlin. Zwar gebe es bisher erst an fünf der 36 Medizin-Hochschulen auch Lehrstühle für Palliativmedizin (in Bonn, Aachen, Köln, München, Göttingen), doch schreite der Ausbau weiter voran, auch dank der finanziellen Unterstützung der Deutschen Krebshilfe.
  Auch die Forschung auf diesem Gebiet sei in Deutschland im internationalen Vergleich unterentwickelt, doch sei es um so erfreulicher, „dass gerade auf dem Kongress in Hamburg eine große Zahl hochwertiger Forschungsprojekte vorgestellt wurde”.
   Alle Symptome, die bei Palliativpatienten auftreten (Atemnot, Magen-Darm-Probleme, Verwirrtheit, Delir, Angst), müssten hinsichtlich Ursache und Therapie wissenschaftlich untersucht werden. Den „bei großem Respekt vor den Niederlanden” dort eingeschlagenen Weg aktiver Sterbehilfe halte er für falsch, sagt Prof. Müller-Busch.
  Wenn erst die Lebensqualität verbessert würde, schwinde auch der Wunsch, sterben zu wollen, „nicht bei allen, aber in sehr vielen Fällen”, ergänzt Dr. Claudia Bausewein, die stellvertretende Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, die am Interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin München tätig ist.
   Erfreulich sei die Entwicklung der letzten 15 Jahre, in denen 250 stationäre Einrichtungen (inklusive 130 Hospize) in Deutschland entstanden seien. Dennoch sei der geschätzte Bedarf von 50 Hospiz- und Palliativbetten auf eine Million Einwohner erst zur Hälfte gedeckt. Gerade in der ambulanten Versorgung sei die Finanzierung mangelhaft. Die Kompetenz anderer Berufsgruppen wie Physiotherapeuten, Psychologen, Seelsorger und Sozial-Arbeiter werde nicht ausreichend mit einbezogen. Bis zu 100.000 Menschen benötigten jährlich in Deutschland die Betreuung solcher Teams. Für eine umfassende Versorgung müssten 600 Millionen Euro im Jahr ausgegeben werden, erläuterte Bausewein.
  Wenn Palliativmedizin an mehr Orten angeboten würde, so die Hamburger Ärztin Falckenberg, „könnte man flächendeckend den Menschen die Angst vor dem Sterben und vor möglichen Qualen nehmen”. Chr.RindHA060922

„Politik muss Klarheit schaffen”. Juristentag in Stuttgart diskutierten Sterbehilfe.  Referenten fordern liberale Linie

  Darf ein Arzt dem Todeswunsch schwer Kranker nachkommen? Nach den Buchstaben des Strafgesetzbuches nicht. In der Praxis mitunter schon. Gerichte haben über Jahrzehnte eine - verwirrende - Vielfalt von Ausnahmen entwickelt. Der Deutsche Juristentag hat Vorschläge erarbeitet, wie sich die Grauzone ausleuchten lässt.
   Mehr als 2.500 Juristen diskutierten in Stuttgart unter anderem das Thema „Patientenautonomie und Strafrecht bei der Sterbebegleitung”. Renommierte Strafrechtler wie der Bonner Professor Torsten Verrel und der ehemalige Richter am Bundesgerichtshof, Klaus Kutzer, stellen dabei ihre Thesen vor.
   Kutzer wird sich auf die Ergebnisse einer von ihm geleiteten Expertenkommission stützen können. Das Gremium hat im Auftrag von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries Vorschläge erarbeitet, wie der Gesetzgeber schwer Kranken gerecht werden kann, die auf Hilfe der modernen Apparatemedizin verzichten wollen. Kutzer vertritt einen liberalen Ansatz, dem sich die Experten des Nationalen Ethikrats im Juli weitgehend angeschlossen haben. Auch eine Gruppe von 20 Strafrechtsprofessoren plädiert in einem Gutachten dafür, die Selbstbestimmung des Patienten stärker zu gewichten. Die Eckpunkte wird Mitautor Verrel in Stuttgart vortragen. Im Einzelnen:
Patientenverfügung regeln:
  Solange der Erkrankte seine Meinung sagen kann, ist die Rechtslage klar: Gegen seinen ausdrücklichen Wunsch - und sei er noch so unvernünftig - darf der Arzt ihn nicht (weiter-)behandeln. Wenn der Patient sich aber nicht mehr mitteilen kann, wird es unübersichtlich.
   Selbst eine vorsorglich hinterlegte Verfügung hilft ihm nicht immer, seinen Willen durchzusetzen. Hintergrund: Gerichte beurteilten die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen von Fall zu Fall anders. „Die Politik muss hier endlich Klarheit schaffen”, fordert Kutzer.
   Ihm schwebt eine Vorschrift vor, die Form, Geltungsdauer und Reichweite von Verfügungen regelt. Für Kutzer ist klar: „Der Patient muss sein Schicksal für jede Art und jedes Stadium von Krankheit selbst regeln dürfen.” Während Zypries das ähnlich sieht, vertritt die 2005 aufgelöste Enquete-Kommission des Bundestages eine striktere Linie. Danach sollen Verfügungen nur für Fälle unumkehrbar tödlicher Krankheiten im Endstadium greifen. Bei Wachkoma- Patienten oder schwer Dementen etwa ginge ein vorab verfügter Wille damit ins Leere, weil sie nicht tödlich erkrankt sind, sondern noch Jahre weiterleben könnten.
   Die Experten ringen daneben um die Frage, wann ein Arzt ohne schriftlich niedergelegten Patientenwillen die Versorgung abbrechen dürfen soll. „Wenn sich der ernsthafte Wunsch zum Abbruch durch frühere Aussagen des Erkrankten eindeutig ermitteln lässt, habe ich keine Bedenken”, sagt Kutzer. Andere Fachleute fordern, dass stets ein Gericht die Interpretation des Patientenwillens kontrollieren soll.
Strafrecht präzisieren:
 Auch im Strafrecht sieht Kutzer den Gesetzgeber gefordert. „Ein Wildwuchs gerichtlicher Konstruktionen erschwert Ärzten und Angehörigen das Handeln.” Aus Furcht vor Strafe werde im Zweifel nicht gehandelt, sagt Kutzer. Das hätten Umfragen unter Ärzten bestätigt. „Es bedarf eindeutiger Tatbestände, die die Grenze des Erlaubten festlegen.”
   Kutzer schlägt vor, in § 216 des Strafgesetzbuches einen Katalog von Ausnahmen zum Tötungsverbot festzulegen, der im Wesentlichen die gerichtlich anerkannten Fallgruppen abbildet. So soll das Unterlassen oder Beenden lebenserhaltender Maßnahmen straflos bleiben, wenn es dem - ausdrücklichen oder mutmaßlichen - Willen des Patienten entspricht. Gleiches soll für eine medizinisch angezeigte Schmerztherapie gelten, auch wenn sie den Tod als Nebeneffekt beschleunigen könnte. Um Missbrauch zu vermeiden, fordert Kutzer eine genaue Dokumentation kritischer Entschlüsse, deren Fehlen ein Bußgeld nach sich zöge.
   Schließlich will Kutzer die Beihilfe zur Selbsttötung auch für Ärzte und Angehörige von Strafe freistellen, sofern der Todeswunsch des Kranken wohl überlegt ist, also nicht auf krankhaften Motiven wie etwa Depressionen beruht. Ärzte und Verwandte können heute wegen ihrer Fürsorgepflicht für den Kranken unter Umständen bestraft werden. Für Ärzte gilt zudem ein berufsrechtliches BeihilfeVerbot, an dem Kutzer nicht rütteln will.
Keine aktive Sterbehilfe:
   Wenn ein Arzt oder Angehöriger als Helfer ein Gift bereitstellen darf, soll er den tödlichen Cocktail auf das Flehen eines Hilflosen auch einflößen dürfen? „Nein”; sagt Kutzer entschieden und liegt damit auf einer Linie mit der Mehrheit in der Fachwelt.
   „Es mag extreme Ausnahmefälle geben, in denen der Einzelne nach seinem Gewissen entscheidet und dann vor Gericht Milde findet”, erläutert Kutzer, der Extremfall lasse sich indes nicht durch ein Gesetz regeln. „In der Praxis drohen abstrakte Vorschriften exzessiv angewendet, also im Klartext missbraucht zu werden.“ Das habe sich etwa in den Niederlanden gezeigt.
Vorschläge durchsetzbar?
   „Ich glaube schon, dass die liberale Linie der Referenten in Stuttgart eine Mehrheit findet”, sagt Kutzer. Den Weg ins Gesetzblatt hält er für schwieriger. Beschlüsse des Juristentages hätten für den Gesetzgeber zwar erhebliches Gewicht. „Klar ist aber auch, dass die Politik erweiterte Strafvorschriften verhalten sieht.” Das sei wohl kein Projekt für diese Legislaturperiode. Beim Thema Patientenverfügung könnte es schneller gehen. Wie weit die Vorschrift geht, ist freilich längst nicht ausgemacht Denn in den Koalitionsfraktionen regt sich Widerstand gegen die von Kutzer und Zypries favorisierte unbeschränkte Reichweite von Verfügungen.

Die fünf zentralen Begriffe

Patientenverfügung:
   Das im Grundgesetz verankerte Selbstbestimmungsrecht gibt jedem Patienten das Recht, selbst zu ent- scheiden, welche ärztliche Behandlung er wünscht oder ablehnt. Schon im voraus kann der (spätere) Patient verfügen, ob und wie er versorgt werden möchte. Der Wille sollte schriftlich niedergelegt werden, um den Nachweis später zu erleichtern.
   Wird die Erklärung jährlich durch den Zusatz „das ist immer noch mein Wille” erneuert, vermeidet das Zweifel an der Aktualität. Religiöse Ansichten und Wertvorstellungen sollten ebenso erklärt werden, um die Nachvollziehbarkeit des Entschlusses für den Arzt zu erleichtern. Ungültig sind Klauseln, die gegen das Gesetz verstoßen (etwa der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe). Die Patientenverfügung ist bis heute nicht gesetzlich geregelt.
Aktive Sterbehilfe
    ist in Deutschland verboten. Das Töten eines Menschen auf dessen Verlangen - etwa durch eine Überdosis Schmerz- oder Beruhigungsmittel - kann nach § 216 des Strafgesetzbuches bis zu fünf Jahre Gefängnis nach sich ziehen.
Passive Sterbehilfe
   fällt nicht unter § 216. Auf den Wunsch eines schwer kranken Patienten darf der Arzt auf eine lebens- verlängernde Behandlung verzichten. Das kann der Abbruch des Ernährens über eine Sonde öder das Einstellen des künstlichen Beatmens sein.
Indirekte Sterbehilfe
   ist ebenfalls zulässig. Der Begriff bezeichnet eine schmerzlindernde Therapie für einen schwer kranken Men- schen, bei der als (unerwünschte) Nebenfolge auch eine Lebensverkürzung möglich ist.
Beihilfe zur Selbsttötung:
  Stellt ein Arzt oder Angehöriger dem Patienten ein tödlich wirkendes Medikament bereit, das er später selbst nimmt, ist das nicht strafbar. Stirbt der Patient aber nicht sofort, kann eine dann unterlassene Rettung doch eine Strafbarkeit begründen. Der Arzt verstößt zudem in jedem Fall gegen Standesrecht. SvenRebehnNOZ060919

Der Gesunde weiß nichts vom Sterben

   Unsere Gesellschaft wird im Verhältnis zu Sterben und Tod übermächtig von zwei Vorstellungen bestimmt: dem Verdrängen der Tatsache, dass Krankheit und Sterben Teil des menschlichen Lebens sind. Der Tod wird nur noch als Ende und nicht mehr als Abschied und Vollendung und schon gar nicht als Weg zu Gott gesehen. Die zweite Vorstellung ist das Schreckensbild eines Sterbenden, den die Gerätemedizin nicht in Ruhe und in Würde sterben lässt. Obwohl dies durchaus widersprüchliche Vorstellungen sind, hängen beide mit den großen Erfolgen der naturwissenschaftlichen Forschung zusammen.
   Die Selbstbestimmung des Menschen hat in unserer Gesellschaft einen hohen Rang. Nicht selten ist diese aber mit einer Auffassung von der Würde des Menschen verbunden, die mit der Wirklichkeit nur noch wenig zu tun hat. Menschenwürde wird ausschließlich gesehen als Grundlage für den Anspruch auf individuelle Autonomie. Dabei gerät der notwendige Zusammenhang, in dem sich die wechselseitige Achtung der Menschenwürde als Gemeinsamkeit mitmenschlicher Existenz vollzieht, völlig aus dem Blick. Da wird die Menschenwürde zu einem Abstraktum, das nichts mehr davon weiß, wie sehr wir in unserem Wollen abhängen von den Erfahrungen unserer kreatürlichen Existenz, insbesondere in der Konfrontation mit Leiden und Todesangst. Statt dessen meint der sich gesund fühlende Mensch, über eine Lebenslage sicher urteilen zu können, von der er aus eigenem Erleben nichts weiß.
   Unter diesem Vorzeichen müssen Wert und Grenzen der Patientenverfügung gesehen werden. Einerseits ist sie ein wichtiger Hinweis darauf, was ein Mensch angesichts einer schweren und möglicherweise tödlichen Krankheit zu wollen meint. Andererseits bekundet sie einen Willen, der weit vor der eigenen Erfahrung entstanden ist. Die Verfügung könnte auch eine Willensbekundung sein, die auf der gesellschaftlich vorherrschenden Verdrängung von Leid oder auf den Erwartungen des persönlichen Umfeldes fußt. Der Verfügung steht die vielfach belegte Erfahrung entgegen, dass Menschen bereit und fähig sind, mit schweren Krankheiten zu leben und diese auch zu überleben. Ob dies bei einem bestimmten durch seine Erkrankung entscheidungsunfähigen Menschen zutrifft, weiß möglicherweise ein mit ihm vertrauter Verwandter oder Bekannter verlässlicher als eine unter ganz anderen Umständen unterschriebene Patientenverfügung. Nicht zuletzt kann ein erfahrener Arzt beurteilen, ob begründete Aussicht auf Besserung und Überleben besteht. Wer mit dem Verweis auf die individuelle Autonomie von einer absoluten Geltung von Patientenverfügungen ausgeht und damit die Lebenswirklichkeit ausblendet, könnte - entgegen guten Absichten - einer Versuchung zur „Entsorgung” alter und kranker Menschen Vorschub leisten, die in unserer Gesellschaft aus wirtschaftlichen und demographischen Gründen zu erwachsen droht.
   Der Achtung der Menschenwürde entspräche vielmehr eine gemeinsam von einem Bevollmächtigten oder Betreuer des nicht entscheidungsfähigen Patienten und einem ärztlichen Konsilium getroffene Entscheidung, auf die sich - unter gebührender Beachtung einer vorhandenen Patientenverfügung - die Beteiligten in einem im Betreuungsrecht geregelten Verfahren darüber verständigt haben, was der Wille des Patienten in dieser Lage wäre.
    Die Rechtlichkeit des Verfahrens, nicht aber die endgültige Entscheidung sollte dann gegebenenfalls der gerichtlichen Nachprüfung unterliegen. Stehen dagegen die Ärzte, wie offenbar derzeit, unter dem Eindruck, dass diese Entscheidung auch inhaltlich gerichtlich überprüft werden könnte und gegebenenfalls strafrechtliche Konsequenzen für sie hätte, wird der Ruf nach einer absolut wirkenden Patientenverfügung zunehmen. Zugleich wird sich die Neigung erhöhen, wie beim 66. Deutschen Juristentag, für Klassen von Krankheiten und Behinderungen, wie zum Beispiel Demenz oder Wachkoma, pauschal von der Berechtigung zur Beendigung lebenserhaltener Maßnahmen auszugehen. Auch dies entspräche nicht der medizinisch erkannten Wirklichkeit und widerspräche der unbedingten Achtung vor der menschlichen Würde, die Sterben und Tod als Teil des menschlichen Lebens begreift.      Der Verfasser war Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und sächsischer Minister für Wissenschaft und Kunst. Hans Joachim Meyer. FAZ061123

Tödliche Fallen der Selbstbestimmung  ManfredSpieker1x   Professor Dr. Manfred Spieker

   Etwa zwei Drittel der Deutschen befürworten eine aktive Sterbehilfe. Doch die Praxis in den Niederlanden zeigt, dass eine  Legalisierung der Euthanasie ein neues Verhältnis zwischen Arzt und Patient schafft. Der Schwerkranke kann leicht vom leidenden Subjekt, das Mitgefühl verdient, zum Objekt werden, das nur der Gesellschaft zur Last fällt. Aus dem Recht auf Selbsttötung wird dann fast schon eine Pflicht. Humaner ist es, das Sterben zu lernen.
   In der Debatte über Sterbehilfe werden in der Regel vier Formen der Sterbehilfe unterschieden: die aktive, die passive, die indirekte Sterbehilfe und die Beihilfe zur Selbsttötung. Die aktive Sterbehilfe ist die gezielte Tötung eines Patienten durch ein tödliches Gift; sittlich verwerflich ist sie eine Straftat, die das Strafgesetzbuch in Paragraph 216 verbietet. Die passive Sterbehilfe ist die Beendigung oder Unterlassung jener lebenserhaltenden Maßnahmen, die in einem Sterbeprozess den Tod hinauszögern, aber nicht mehr aufhalten können. Von indirekter Sterbehilfe wird gesprochen, wenn bei der Verabreichung palliativmedizinischer Medikamente lebensverkürzende Nebenwirkungen in Kauf genommen werden. Der assistierte Suizid schließlich ist die Bereitstellung eines tödlichen Giftes, das der Selbstmörder selbst einnimmt in der Hoffnung, daran zu sterben.
   Die passive und die indirekte Sterbehilfe sind in der Regel weder strafbar noch sittlich verwerflich. Aber die Grenzen zwischen den verschiedenen Formen der Sterbehilfe sind fließend. Bei ihrer sittlichen Bewertung kommt es entscheidend auf die Absicht des Arztes an. Auch wenn er sich nicht der Methode der aktiven Sterbehilfe bedient, kann er sich schuldig machen. Er kann die passive und die indirekte Sterbehilfe mit der Absicht anwenden, den Patienten zu töten. Untersuchungen in den Niederlanden zeigen, dass gerade die indirekte Sterbehilfe nicht selten mit der Absicht angewandt wurde, den Tod des Patienten zu beschleunigen.
   Jahrzehntelang war die aktive Sterbehilfe in Deutschland tabu, weil sie während der Herrschaft der Nationalsozialisten in großem Stil betrieben worden war. Sie war Teil der nationalsozialistischen Rassenideologie und dien- te der Eliminierung von Behinderten, unheilbar Kranken und Schwachen, deren Leben als „lebensunwert" und die „Volksgemeinschaft" belastend galt. Ihre Tötung wurde als Tat der Liebe und des Mitleids oder - wie von Hitler selbst im Oktober 1939 - als Gnadentod deklariert. Dass die Tötungen deshalb in der Gesellschaft auf größere Akzeptanz stoßen würden, nahmen aber selbst die Nationalsozialisten trotz jahrelanger Indoktrination nicht an. Sie unterlagen höchster Geheimhaltung, die Kardinal Galen mit seinen Predigten im Juli und August 1941 in Münster durchbrach. Der nationalsozialistischen Euthanasie fielen in Europa insgesamt 200.000 bis 300.000 Personen zum Opfer, darunter 20.000 KZ-Häftlinge und 5.000 Kinder.
  Die Euthanasie war freilich nicht wie ein Gewitter aus heiterem Himmel über das Land gefallen. Sie war auch nicht nur eine nationalsozialistische Untat. Sie war vielmehr seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vorbereitet worden  durch eine Ideologie, in der sich Kassenhygiene, Sozialdarwinismus und Medizin mischten. In Büchern wie „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" (1920) wurde das Programm der Nationalsozialisten lange vor deren Aufstieg vorweggenommen. Mehr als zwanzig Jahre später, 1941, präsentierte der Goebbelssche Propagandafilm „Ich klage an" die Tötung einer unheilbar erkrankten, schwer leidenden Pianistin als Tat der Nächstenliebe ihres Gatten.
   Mit der Legalisierung der aktiven Sterbehilfe in den Niederlanden ist die ein halbes Jahrhundert währende Tabuisierung der Euthanasie in Europa mittlerweile beendet. Das holländische Parlament verabschiedete am 10. April 2001 das Gesetz zur „Überprüfung bei Lebensbeendigung auf Verlangen und bei der Hilfe zur Selbsttötung", das am 1. April 2002 in Kraft trat. Es legalisierte eine Praxis der Euthanasie, die es auf dem Umweg über das Bestattungsgesetz und durch Richtlinien der Niederländischen Ärztegesellschaft schon seit 1994 gab. Mit der Einführung eines Rechtfertigungsgrundes für die Tötung eines Patienten stellte es die Euthanasie aber auf eine völlig neue rechtliche Grundlage. Galt der Arzt, der einen Patienten tötete, bis Anfang der neunziger Jahre noch als Mörder und dann bis zur Verabschiedung des Euthanasiegesetzes als geduldeter Delinquent, so soll er fortan ein Wohl- täter sein, der die Realisierung einer finalen Selbstbestimmung und einen schmerzfreien Tod ermöglicht.
   In Deutschland haben sich zwar Angehörige aller im Bundestag vertretenen Parteien, der Deutsche Ärztetag und die Kirchen wiederholt und einmütig gegen die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe ausgesprochen, aber auch hierzulande steht das Tabu nun zur Disposition. Gerichte und der Bundestag beschäftigen sich mit der Sterbehilfe. Auch Philosophen, Theologen, Juristen und Schriftsteller reden einem selbstbestimmten Tod das Wort. Nicht zuletzt haben preisgekrönte Spielfilme wie „Das Meer in mir" von Alejandro Amenäbar und Clint Eastwoods „Million Dollar Baby" die Zulassung der Euthanasie propagiert.
  Tabus dienen dem Schutz des Menschen vor sich selbst. Ihr Nutzen wird erst spürbar, wenn sie zerbrechen. Orientiert man sich an den Ergebnissen demoskopischer Untersuchungen, dann ist das Tabu der Euthanasie längst gebrochen. Die Mehrheiten, die sich für die moralische und gesetzliche Zulassung der Euthanasie aus- sprechen, sind erdrückend. In einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung lehnten im Dezember 2002 76 Prozent der Befragten die Aussage ab: „Aktive Sterbehilfe darf auch bei Todkranken nicht angewendet werden." Nur 18 Prozent stimmten dieser Aussage zu. Andere Untersuchungen bestätigen, dass etwa zwei Drittel der Deutschen die Euthanasie bejahen.
   In der Regel bedienen sich die Befürworter einer Legalisierung der Euthanasie zweier Argumente. Sie behaupten erstens, Euthanasie werde überall und täglich praktiziert. Der Gesetzgeber sei deshalb verpflichtet, sie aus der Grauzone der Illegalität herauszuholen und die Kluft zwischen dem Recht und der alltäglichen Praxis zu schließen. Nur so könne die Achtung vor der Rechtsstaatlichkeit Bestand haben. Sie behaupten zweitens, niemand habe das Recht, einem todkranken, oder sterbenden Menschen die Pflicht aufzuerlegen, dann sein Leben unter unerträglichen Leiden oder Qualen fortzusetzen, wenn er selbst beharrlich den Wunsch geäußert hat, es zu beenden.
   Gegen das erste Argument ist einzuwenden: Die Kluft zwischen dem Recht und der Praxis lässt sich zwar theoretisch dadurch schließen, dass das Recht abgeschafft wird, nicht aber praktisch. Das Recht auf Leben ist das grundlegende Menschenrecht. Es schließt das Verbot der Tötung Unschuldiger ein. Die Aufhebung dieses Verbotes lässt sich nicht gesetzlich regeln. Die Aufrechterhaltung und Durchsetzung dieses Verbots ist die Legitimitätsbedingung des Rechtsstaates. Die Kluft zwischen Recht und Alltag lässt sich deshalb nur dadurch schließen, dass dem Recht auf Leben und dem Verbot der Tötung Unschuldiger konsequent Geltung verschafft wird. Gegen das zweite Argument ist einzuwenden:  Es geht weder in der Euthanasie- noch in der Abtreibungsdebatte um ein Recht, anderen eine Pflicht aufzuerlegen. Es geht allein um das Verbot, Unschuldige zu töten; positiv ausgedrückt, um die Verpflichtung, das Leben zu respektieren, das des Ungeborenen wie das des Sterbenden, eine Verpflich- tung, deren Einhaltung Auskunft gibt über die Humanität einer Gesellschaft.
   Ein weiterer Versuch, die Euthanasie zu begründen, bedient sich eines anthropologischen Arguments. Die Kommunikationsfähigkeit wird zum konstituierenden Merkmal der menschlichen Existenz erklärt. Ist sie erloschen, sei der Mensch konsequenterweise kein Mensch mehr. Seine Tötung werde legitim. Wie verhängnisvoll das Argument der Kommunikationsfähigkeit werden kann, zeigen die Fälle der Wachkomapatienten. Sie genügen „normalen" Kommunikationsansprüchen nicht, auch wenn sie für manche Angehörige und Pflegekräfte durchaus auf ihre Weise kommunikationsfähig sind. In den vergangenen Jahren hat dafür nicht zuletzt die Hirnforschung neue Erkenntnisse erbracht. Messen sorgeberechtigte Angehörige die Kommunikationsfähigkeit jedoch an „normalen" Maßstäben, hätte der Wachkomapatient kaum noch eine Überlebenschance, wenn die Rechtsordnung die Sterbehilfe aufgrund mündlicher Willensbekundungen ermöglichen sollte. Der mit einer Vorsorgevollmacht ausgestattete Angehörige, dem das Leben des Wachkomapatienten nicht mehr lebenswert erscheint, könnte verlangen, die Behandlung abzubrechen, die Patientenverfügung würde zur Euthanasiefalle.
   Befürworter der aktiven Sterbehilfe sagen, es gehe nur um Sterbehilfe für jene, die beharrlich, freiwillig und wohlüberlegt den Wunsch geäußert hätten, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ihnen müsse das Recht auf Euthanasie zustehen. Der Forderung, Euthanasie nur im Falle eines entsprechend qualifizierten Wunsches des Patienten zu legalisieren, liegt die Vorstellung zugrunde, die Selbstbestimmung sei der Kern menschlicher Identität und ihr Verlust sei gleichbedeutend mit dem Verlust der Menschenwürde.
   Diese Vorstellung entspricht nicht der Conditio humana. Schon der Eintritt ins Leben unterliegt nicht der Selbstbestimmung. Auch das Ende des irdischen Lebens hat - soll es menschenwürdig sein - mit Selbstbestimmung nichts zu tun. Der Mensch will nicht durch die Hand, sondern an der Hand eines anderen sterben. Unter alten und pflegebedürftigen Menschen nimmt denn auch die Befürwortung der Euthanasie deutlich ab. Je mehr die Kräfte schwinden und je näher der Tod kommt, desto schärfer wird der Blick dafür, dass weniger Selbstbestimmung als vielmehr Selbsthingabe das Wesen des Menschen ausmacht. Nicht das abgebrochene, sondern das zu Ende gelebte Sterben ist Ausdruck wahrer Selbstbestimmung.
  Die Praxis in den Niederlanden zeigt, dass die Vorstellung eine Illusion ist, Euthanasie werde nur beim Vorliegen eines beharrlichen, freiwilligen und wohlüberlegten Wunsches des Patienten vorgenommen. Untersuchungen im Auftrag der Regierung ergaben, dass in den Niederlanden zum Beispiel 2001 3,3 Prozent der etwa 140.000 Todesfälle (4.632) auf aktive Euthanasie zurückzuführen waren. In mehr als 20 Prozent dieser Fälle (982) erfolgte die Euthanasie ohne Einwilligung des Patienten. In einem Viertel der Fälle unterblieb die vorgeschriebene Konsultation eines zweiten unabhängigen Arztes. In etwa der Hälfte der Fälle unterblieb auch die seit 1. November 1998 obligatorische Meldung der Euthanasie an die zuständige Regionale Kontrollkommission. Diese Meldung an die aus einem Juristen, einem Mediziner und einem Ethiker bestehende Kommission sollte dem Arzt die Angst vor der Staatsanwaltschaft nehmen und seine Meldebereitschaft erhöhen.
   Die niederländischen Strafverfolgungsbehörden sind zwar nicht an das Votum der Regionalen Kontrollkommission gebunden, wenn sie den Verdacht auf eine Straftat hegen und Ermittlungen aufnehmen. Aber in der Praxis gilt jeder Euthanasiefall als „erledigt", wenn die Kommission zu dem Ergebnis kommt, der Arzt habe die im Gesetz genannten Sorgfaltskriterien eingehalten. Der gemeinsame Jahresbericht 2002 der fünf Regionalen Kontrollkommissionen, der erste nach der Inkraftsetzung des Euthanasiegesetzes, zeigte, dass nur in fünf Fällen das Urteil „nicht sorgfältig" ausgesprochen wurde. Im Jahr 2008 waren es zehn Fälle. Die von der Regierung in Auftrag gegebene Untersuchung unter den Ärzten zeigt zwar, dass die Meldebereitschaft von 41 Prozent im Jahr 1995 auf 54 im Jahr 2001 gestiegen ist. Das heißt aber auch, dass fast die Hälfte der Euthanasiefälle nicht gemeldet wird. Dies wiederum setzt eine wahrheitswidrige Angabe der Todesursache, mithin eine Fälschung des Totenscheines voraus.
   Die Legalisierung der Euthanasie reißt also nicht nur neue Klüfte zwischen Recht und Alltag auf, sie verändert auch die sozialen Beziehungen, in erster Linie die zwischen Arzt und Patient. Der schwerkranke Patient wird vom leidenden Subjekt, dem Mitleid und Solidarität der Gesellschaft zuteil werden, zum Objekt, das der Gesellschaft zur Last fällt. Nicht der Patient kann das Mitleid der Gesellschaft erwaren, sondern die Gesellschaft erwartet das Mitleid des Patienten. Der sterbende Pflegebedürftige, Alte oder Kranke hat nämlich alle Mühen, Kosten und Entbehrungen zu verantworten, die seine Angehörigen, Pfleger, Ärzte und Steuern zahlenden Mitbürger für ihn aufbringen müssen und von denen er sie schnell befreien könnte, wenn er das Verlangen nach Euthanasie äußert. Er lässt andere dafür zahlen, dass er zu egoistisch und zu feige ist, den Platz zu räumen. Wer möchte unter solchen Umständen weiterleben?
   Aus dem Recht zur Selbsttötung wird so unvermeidlich eine Pflicht. Aus der Euthanasie auf Verlangen wird eine Euthanasie ohne Verlangen. Sie wird nicht nur bei alten, pflegebedürftigen Patienten, sondern auch bei Neugeborenen und Kindern im ersten Lebensjahr praktiziert. So starben nach einer Untersuchung der Niederländischen Ärztegesellschaft 1995 von 1.041 Kindern 8 Prozent, also mehr als 80, durch aktive Euthanasie. Wie sehr die Euthanasie das Vertrauen in die Ärzte belastet, zeigt die Ausbreitung der „Credo-Card" in den Niederlanden, eines Ausweises mit dem Aufdruck „Maak mij niet dood, Dokter" und dem Namen des Trägers. Sie signalisiert dem Arzt, dass der Inhaber auf keinen Fall euthanasiert werden will.
   Die Schweizerische Akademie für medizinische Wissenschaften scheute sich im Juni 2003 nicht, ihre standesrechtliche Empfehlung „Suizid unter Beihilfe eines Dritten" mit der demographischen Entwicklung und den steigenden Gesundheitskosten zu begründen. Beides führe dazu, dass ältere Menschen in Krankenhäusern und Pflegeinstitutionen nicht mehr bestmöglich versorgt werden können. Das lasse den Wunsch entstehen, getötet zu werden. In solchen Fällen bedürfe es klarer Regeln für Ärzte, Pflegepersonal und Verwaltungen der entsprechenden Einrichtungen.
   Die Legalisierung der Euthanasie verändert somit auch das Selbstverständnis der Gesundheitsberufe. Ärzte, Schwestern und Pfleger werden von Helfern des Kranken, die seine Genesung fördern, ihn im Sterben begleiten und im Angesicht des Todes ihre eigene Ohnmacht akzeptieren, zu Herrschern, die nicht nur die Therapie einer Krankheit wie Manager regeln, sondern auch das Sterben ihrem technischen Zugriff unterwerfen wollen. Der Sterbende wird zum Objekt, das ärztliche Handeln mutiert zur Tötungstechnik. In der Logik der Empfehlung der Schweizerischen Akademie für medizinische Wissenschaften liegen ausgebildete, diplomierte Sterbehelfer, die für ihre Dienstleistung eine Erfolgs- oder zumindest eine Qualitätsgarantie anbieten. Der Tod „made in Switzerland" könnte so ein Gütesiegel und einen Wettbewerbsvorteil auf dem Euthanasiemarkt gegenüber dem Tod „made in the Netherlands" erhalten.
  In der Debatte über Patientenverfügungen wird zumindest in Deutschland hervorgehoben, dass solche Verfügungen mit aktiver Sterbehilfe nichts zu tun hätten. Sie sollten nur die Patientenautonomie gewährleisten, also das Recht gewähren, Festlegungen zum Schutz vor Übertherapie zu treffen, die gegebenenfalls zu einem Behandlungsabbruch führen. Aber auch die Debatte über Patientenverfügungen wird von der Illusion getragen, den eigenen Sterbeprozess steuern zu können. Dahinter steht einerseits die Angst vor dem Sterben oder einer das Sterben nur hinausschiebenden, belastenden Übertherapie, andererseits der Mangel an Vertrauen in eine humane ärztliche und pflegerische Fürsorge in den letzten Lebenstagen.
   Je weiter solche Patientenverfügungen verbreitet sind, desto größer ist unter alten und kranken Menschen die Gefahr einer negativen Selbstbewertung. Es entsteht ein sozialer Druck, den medizinischen, pflegerischen und finanziellen Aufwand zu vermeiden und sich dem Trend des sozialverträglichen Frühablebens anzuschließen. Eine weitere tödliche Falle der Selbstbestimmung: Sie mündet in Selbstentsorgung. Die dunkle Ahnung einer solchen Falle scheint weit verbreitet zu sein. Der Anteil derer, die eine Verbindliche Patientenverfügung ihr Eigen nennen, steigt trotz vieler Werbekampagnen weder in Deutschland  noch in den Vereinigten Staaten. Auch wenn 80 Prozent der Bevölkerung sagten, sie bejahten eine Patientenverfügung, so hatten 2003 doch nur zehn Prozent eine solche ausgestellt.
   Es wird immer schwierig sein, schlüssig nachzuweisen, dass die Situation, in der eine Patientenverfügung zur Anwendung kommen soll, genau der Situation entspricht, die der Patient bei ihrer Abfassung oder in einer entsprechenden mündlichen Willensäußerung im Auge hatte. Über die Grenze zwischen Therapie und Übertherapie können auch Ärzte geteilter Meinung sein. Konflikte zwischen dem verfügten Willen und dem Wohl des Patienten, dem der Arzt nach seinem eigenen Berufsethos immer den Vorrang zu geben hat, sind damit unvermeidbar. Was ist die Alternative zur aktiven Sterbehilfe? Eine Wiederbelebung der Ars moriendi. Sterben ist Teil des Lebens. „Death education", wenn man dem Begriff eine positive Dimension abgewinnen will, wäre dann mehr als die schriftlich verfügte Übergabe des eigenen Leibes an die Euthanasietechniker. Es hieße, die soziale Dimension des Sterbens wiederzugewinnen, zu lernen, von den Familienangehörigen Abschied zu nehmen und das Zeitliche zu segnen. Stationäre Hospize, aber auch die ambulanten Hospizdienste sind ein Schritt in diese Richtung. Ein menschenwürdiges Sterben erfordert von den Angehörigen nicht nur Respekt vor einer angeblich unbeeinflussten Selbstbestimmung des Sterbenden, sondern auch in belastenden Situationen die Bereitschaft zum Dabeibleiben, zum geduldigen Ausharren und zuletzt: zum gemeinsamen Warten auf den Tod.
Der Verfasser lehrt Christliche Sozialwissenschaften an der Uni Osnabrück.

Bu-SpiekerDerVerleugneteR-z Bu-SpiekerDerVerleugneteR-

   Prof. Manfred Spieker gab Papst Benedikt XVI. im Vatikan sein Buch „Der verleugnete Rechtsstaat”. Anmerkungen zur Kultur des Todes in Europa" persönlich überreicht. Der Sozialethiker befasst sich darin mit Fragen des Lebensschutzes. Spieker analysiert die Gefährdung der Menschenwürde und des Lebensrechts am Anfang und am Ende des Lebens.
  Der Professor erforschte von 1983 bis 2008 die Christlichen Sozialwissenschaften, beschäftigte sich mit der politischen Ethik und der Wirschaftsethik. NOZ110405pm neu bei Schöningh

Schweiz: Kirchliches Nein zu Sterbehilfe bekräftigt

   Den Kongress des Weltverbandes der Suizidhilfe-Organisationen in Zürich nimmt die Diözese Chur zum Anlass, die Standpunkte der katholischen Kirche zur Euthanasie in Erinnerung zu rufen. Eine Info-Mail des Bistums Chur betont das klare Nein der Kirche zu aktiver Sterbehilfe. Sie weist auch auf den sozialen Druck in der Frage des Suizids hin: „Die Akzeptanz des verfügbaren, technischen Suizids erzeugt Druck auf Menschen, die nicht so sterben wollen. Es ist, als würden sie unnötig lange zur Last fallen und Kosten verursachen. Zugleich nimmt die Fähigkeit der Gesellschaft ab, Ohnmacht und Leiden als Lebensrealitäten zu akzeptieren und gemeinsam zu tragen.“ Wenn es um das Leid der Betroffenen gehe, so brauche eine Stärkung der Palliativmedizin, heißt es weiter: „Es zeigt sich, dass die meisten Menschen nicht sterben wollen, wenn der Schmerz erträglich ist. Die meisten wollen aber sterben, wenn man sie allein lässt.“ Es brauche deshalb „mehr Solidarität mit den Kranken“ sowie „ein neues Verhältnis zum Leiden, als Ort der Lebensbewältigung und des Mitgefühls“.
   Der alle zwei Jahre stattfindende Weltkongress der „World Federation of Right-to-Die Societies“ geht vom 12. bis 18. Juni in Zürich über die Bühne. Dem Weltverband gehören 55 Suizidhilfe-Organisationen an, die rund 100 Delegierte zu dem Kongress nach Zürich schicken. Sie kommen auf Einladung der Schweizer Suizidhilfe-Vereinigung „Exit“, die ihr 30-jähriges Bestehen begeht. In der Schweiz bestehen äußerst liberale Regelungen, was die begleitete Selbsttötung betrifft. 305 Personen hat Exit 2011 nach eigenen Angaben bei der Selbsttötung begleitet. „Exit“ wird immer wieder auch von Bürgern aus den Nachbarländern Österreich und Deutschland in Anspruch genommen, wo Formen aktiver Euthanasie verboten sind. RVsk120611kipa

Streit in der Koalition über Sterbehilfe
Ausweitung der Straffreiheit geplant - Montgomery empört: Stück aus dem Tollhaus

   Ärzte und Union lehnen einen neuen Gesetzentwurf zum Verbot der gewerblichen Sterbehilfe von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) ab. Das vorliegende Papier sieht eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bei gewerbsmäßiger Hilfe zum Suizid vor, die bislang nicht rechtlich geahndet wird. Er stellt andererseits die Beteiligung von „nicht gewerbsmäßig handelnden Teilnehmern" von Strafe frei.
   Zu diesem Personenkreis sollen nicht nur Lebensgefährten, langjährige Hausgenossen oder nahe Freunde zählen, sondern „auch Ärzte oder Pflegekräfte, wenn eine über das rein berufliche Verhältnis hinausgehende, länger andauernde persönliche Beziehung entstanden ist". Das könne der Hausarzt oder eine Pflegekraft sein.
  Dieser Punkt, der erstmals eine straffreie Beteiligung von Ärzten und Pflegern an der Sterbehilfe ermöglicht, hat nun zu heftiger Kritik geführt. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, sprach von einem „Stück aus dem Tollhaus". Erst solle die gewerbsmäßige Sterbehilfe verboten werden, dann schaffe das Ministerium die Rechtsgrundlage für Ärzte als Sterbehelfer. „Unsere Position ist klar, als Sterbehelfer stehen wir Ärzte nicht zur Verfügung." Das Berufsrecht verbiete es Ärzten, Patienten auf deren Verlangen zu töten, sie dürften auch keine Hilfe zur Selbsttötung geben. Leutheusser-Schnarrenberger stelle medizin-ethische Werte in Frage.
   Ähnlich argumentierte der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Jens Spahn. „Das ist inakzeptabel, denn es öffnet dem Missbrauch Tür und Tor", sagte er dieser Zeitung. Menschen, die berufsbedingt in einer engen Beziehung zum Patienten stehen, sollten nicht Sterbehilfe leisten dürfen. „Wer will da die Grenze ziehen?", fragte Spahn.
  Freiverantwortliche Selbsttötung ist nicht strafbar, auch nicht Beihilfe zum Suizid, außer durch Ärzte. Die Beihilfe darf nicht darin bestehen, selbst Hand anzulegen, wenn jemand sein Leben beenden möchte. Ein tödliches Medikament muss selbst eingenommen werden. Nach neuem Recht blieben Leute straffrei, die einen Angehörigen zu einem verbotenen gewerbsmäßigen Suizid begleiten würden. FAZ120801ami

Angela Merke-Sabine Leutheusser-Schnarrenberger   po-MerkelLeutheusserSchnarr   Suizid-Beihilfe

   Die Sterbehilfe soll in Deutschland erstmals gesetzlich geregelt werden. Dazu hat das Bundeskabinett am 29. August 2012 einen entsprechenden Gesetzesentwurf beschlossen. Kritik kommt sowohl von Lebensschützern, Ärzten und Kirchen als auch von Sterbehilfe-Organisationen. Die einen befürchten u.a. die Zulassung von tödlichen Medikamenten. Die anderen sind gegen das Verbot von kommerzieller Sterbehilfe. Künftig soll nämlich die kommerzielle Hilfe bei der Selbsttötung mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden. Bislang war jede Form von Beihilfe zum Selbstmord straffrei.
   Aktuell ist die Rechtslage unklar: Während die Selbsttötung und die Beihilfe dazu nicht verboten sind, steht die Tötung auf Verlangen unter Strafe. Doch die Abgrenzung ist oft schwierig. Gerichte haben in Einzelfällen unterschiedlich geurteilt. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger machte nochmals deutlich, dass der Gesetzentwurf aus ihrem Haus nichts erlaube, was derzeit unter Strafe stehe. Von einer Ausweitung der Suizidhilfe könne keine Rede sein. Eine Ausnahme von der Strafbarkeit sehe der Entwurf indes für Angehörige und andere dem Sterbewilligen nahestehende Personen vor.  Ehe- und Lebenspartner sollten nicht kriminalisiert werden, argumentiert die FDP-Politikerin. Angehörige oder enge Freunde, die einen Sterbewilligen begleiten - auch dann, wenn er kommerzielle Hilfe in Anspruch nimmt - verdienten Respekt und keine Strafandrohung.
   Für die katholische Kirche ist der Gesetzentwurf nicht akzeptabel. Ethikrat-Mitglied Weihbischof Anton Losinger betonte, auch die Beihilfe zu einem Suizid durch nahestehende Verwandte sei „mit dem Begriff von Zuwendung, Nähe, Hilfe und Liebe, die wir einem sterbenden Menschen zu kommen lassen wollen, vollständig unvereinbar“.
   Der Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, äußerte heftige Kritik an dem Entwurf. Damit würden gefährliche Freiräume geschaffen, sagte Brysch der Katholischen Nachrichten-Agentur. Er stärke die Befürworter des assistierten Suizids. Gerade weil die geschäftsmäßige, auf Wiederholung ausgerichtete Beihilfe zum Suizid nicht unter Strafe gestellt werde, würden sich organisierte Suizidhelfer in ihrem Tun bestätigt fühlen.  RVmg120830domradio

cdK.Lehmann-x

Herbstvollversammlung 2014 der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda
Erzbischof Karl Kardinal Lehmann: „Genauer zwischen Sterbehilfe und Suizid unterscheiden“

   Die deutschen katholischen Bischöfe haben bei ihrer Herbst-Vollversammlung in Fulda erneut ihre Haltung zur Sterbehilfe bekräftigt. Der Vorsitzende der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz ist Kardinal Karl Lehmann. Er sagte, die Linie der Bischöfe sei immer schon das Verbot jeder Form organisierter Beihilfe zu Selbsttötung gewesen. Die Diskussion in der deutschen Gesellschaft sei aber schwieriger geworden. „Es scheint mir ein eigentümliches Paradox zu sein, dass wir in einer Zeit, wo wir in dieser Hinsicht helfen können wie noch nie zuvor, uns zugleich so sehr Gedanken darüber machen, wie wir uns am besten um die Ecke bringen. Da ist ein Widerspruch da, den man aufarbeiten muss“, so Lehmann.
Wie weit geht Selbstbestimmung?
   Die Deutsche Bischofskonferenz habe immer betont, dass sich das auch im Christentum dem Menschen zukommende Recht auf Selbstbestimmung nicht auf das eigene Leben beziehen könne, so Lehmann. Die Verfügung über die Existenz als solche sei dem Menschen entzogen.
   Nach Auffassung der Deutschen Bischofskonferenz bedürfen Sterbende der besonderen Fürsorge und Zuwendung ihrer Mitmenschen. „Wer alt, krank oder hilflos ist, möchte nicht alleingelassen werden. Vielerorts werden Sterbende umsichtig und mitfühlend betreut, etwa in Familien und Hospizen“, so Kardinal Lehmann. „Aus Sorge um den Menschen setzen sich Christen dafür ein, dass das Leben eines jeden Menschen – gerade auch in der Nähe des Todes – bis zuletzt geschützt wird. Sie glauben daran, dass wir alles, was ist, Gott verdanken. Gott hat den Menschen als sein Abbild geschaffen und ihm eine unantastbare Würde verliehen. Diese Würde gründet nicht in seiner Leistung oder in dem Nutzen, den er für andere hat. Die Würde des Menschen folgt daraus, dass Gott ihn bejaht. Aus dem Wissen um Gottes Zuwendung und Liebe heraus darf und kann der Mensch auch im Leiden und im Sterben sein Leben bejahen und seinen Tod aus Gottes Hand annehmen.“
   Zur aktuellen Diskussion um die Sterbehilfe stellte Kardinal Lehmann einen Flyer der Deutschen Bischofskonferenz vor, der in verständlicher Sprache die Position der Bischofskonferenz zusammenfasst, Begriffserklärungen enthält und mit einer umfänglichen Linkliste für das Internet auf weiterführende Informations- und Hilfsangebote verweist.
> www.DBK-de
Sterbehilfe und Suizid besser unterscheiden
   Kardinal Lehmann erinnerte daran, dass derzeit Fachleute um klare rechtliche Regelungen ringen, die den Umgang mit dem Lebensende, insbesondere die Frage nach der Hilfe bei der Selbsttötung betreffen: „Die katholische Kirche spricht sich nachdrücklich gegen alle Formen der aktiven Sterbehilfe und der Beihilfe zur Selbsttötung aus. Hilfe beim Sterben durch die sogenannte passive Sterbehilfe - einschließlich der Therapie- Zieländerung - hingegen sind ethisch vertretbar.“ Mit Blick auf die aktuelle Debatte erinnerte Kardinal Lehmann, dass diese von der weiten Idee einer Selbstbestimmung zehre, welche die Option, sich unter definierten Voraussetzungen töten zu lassen, mit umfasse: 
„Sterbehilfe und Suizid müssen gewiss genauer unterschieden werden.
    Die Sterbehilfe gleicht dem Suizid als eine Art ‚eigener‘ Tod von fremder Hand. Tötung wird neu legitimiert. Sie ist eine Dienstleistung, die gewissermaßen im Auftrag des Betroffenen geschieht. Im Grunde erlaubt aber der Staat eine Fremdtötung. Damit sind auch oft gesellschaftliche Bedingungen impliziert, die erfüllt sein müssen und immer auch ein Sozialnutzenkalkül enthalten. ‚Autonomie‘ und gesellschaftliches Werturteil über Leben gehen untrennbar ineinander über.“
   Daher sei eine Neubesinnung auf das Thema notwendig: „Die Diskussionen über ‚aktive Sterbehilfe‘ bzw. ‚assistierten Suizid‘ gehen von der radikalisierten Forderung nach Selbstbestimmung aus, die als fundamentale Bestimmung des Menschseins gesehen wird. Wie in anderen Bereichen der Bioethik ist dies eine ganz grundlegende Frage, ob der Mensch wirklich nach dem Muster einer absoluten Autonomie verstanden werden kann. Man weist auf diese Grundfigur auch darum hin, weil unsere pluralistische Gesellschaft eine solche Fülle ethischer, weltanschaulicher und religiöser Entwürfe biete, dass keine gemeinsame Wertgrundlage brauchbar sei. Am ehesten sei dies eben noch die genannte Selbstbestimmung.“
Ansätze zu einer menschenwürdigen Kultur des Sterbens
   Demgegenüber ermutigte Kardinal Lehmann, die im christlichen Glauben vorhandenen, aber oft verschütteten Zugänge zu einer notwendigerweise neuen Kultur des Sterbens zu nutzen: „Das Christentum hat eine große Kultur des Sterbens über Jahrhunderte entwickelt. Sie passt nicht mehr unmittelbar in die moderne Lebenswelt, aber ihre fundamentalen Kräfte sind auch nicht einfach erledigt. Es liegt auf dieser Linie, wenn wir heute in Auseinandersetzung mit der Sterbehilfe zwei zentrale Akzente setzen, nämlich die Palliativmedizin und das Hospizwesen. Beides muss freilich in einem weiteren Rahmen gesehen werden.”
   Mit Blick auf die politische Debatte zum Thema, die aufgrund von Gesetzesvorlagen im Bundestag zu erwarten sei, hätten die Bischöfe die Sterbehilfe auf die Tagesordnung der Vollversammlung gesetzt. Das sagte im Anschluss an die Pressekonferenz der Sekretär der Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer. Eine Kirche, der es um den Menschen gehe, könne an so einer Debatte nicht vorbei. Man wolle dabei aber nicht nur Bekanntes wie die übereinstimmende Haltung der christlichen Kirchen zur Sterbehilfe einfach wiederholen, man wolle werben: „Das ist eine Mitwirkung an einer gesellschaftlichen Meinungsbildung, in die wir mit Positionen hinein gehen“, so Langendörfer gegenüber dem Kölner Domradio.  RV140925domradio 

Wenn Sie für sich vorsorgen wollen, lesen Sie weiter unter: Patientenverfügung 

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