MM-DKWN-x
kbwn

         o n l i n e :       
www.

kbwn.de

Uveitis

AugeUv- tn_Becker_jpg

An der wenig bekannten Uveitis leiden in Deutschland 500.000 Menschen. Diese Krankheit kann viele Ursachen haben. Im Innern des Auges führt Uveitis oft schleichend und ohne Schmerzen zu einer Sehverschlechterung.  Foto: Oberarzt Matthias Becker zum Thma “Pille im Auge”.

   Rote, entzündete Augen können auf eine Uveitis hinweisen, eine Entzündung des Augeninnern. Warum die Therapie in vielen Fällen recht anspruchsvoll sein kann, erklärt Matthias Becker, Oberarzt im interdisziplinären Uveitis-Zentrum des Universitätsklinikum Heidelberg.  NZellmerHAZ031104

Was genau ist eigentlich Uveitis?
   Der Begriff “Uveitis” ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt, obwohl derzeit in Deutschland 500.000 Uveitis- Kranke leben. Von der Definition her ist Uveitis ein Überbegriff für eine große Zahl von Erkrankungen. Übersetzen würde ich das mit einer Entzündung des Augeninnern, die unterschiedlichste Ursachen und Ausprägungen haben kann. Charakteristisch ist die Anwesenheit von Entzündungszellen in der vorderen Augenkammer oder im Glas- körper. Dieser Bereich sollte normalerweise ganz zellfrei sein.
Wie stellt man eine Uveitis fest?
   Das kann jeder Augenarzt in seiner Praxis tun, wenn die Pupille des Patienten erweitert ist. Die Entzündungs- zellen sehen dann aus wie Staubkörnchen, wenn man mit einem Lichtstrahl in einen dunklen Raum leuchtet. Interessant ist dabei, wo die Entzündung angesiedelt ist. Entzündungen, die den hinteren Augenabschnitt betreffen, bemerken die Patienten oft gar nicht, weil sie in der Frühform wenig oder gar keine Beschwerden machen. Je weiter vorne die Entzündung im Auge angesiedelt ist, desto mehr Probleme bekommen die Patienten: rote, entzündete Augen, Schmerz und Lichtscheu.
Wie entwickelt sich eine unbehandelte Uveitis?
   Die Uveitis ist ein sehr vielseitiges Krankheitsbild, daher gibt es auch ganz verschieden Verlaufsformen. Bei uns ist die häufigste Form die vordere Uveitis (Regenbogenhautentzündung). Diese hat oft einen schubförmigen Verlauf. Die Patienten wachen typischerweise morgens mit einem roten, lichtscheuen Auge auf. Dieses wird behandelt, die Beschwerden werden weniger und klingen nach wenigen Wochen komplett wieder ab. Sie können aber wiederkommen und auch das andere Auge betreffen.
Welche Ursachen hat die Uveitis?
  Hinter der vorderen Uveitis steckt als häufigste Grunderkrankung ein Morbus Bechterew, also eine rheumatische Erkrankung der Wirbelsäule. Die häufigste Erkrankung des hinteren Augenbereiches ist in unseren Breiten die Toxoplasmose. Sie äußert sich durch Schleier- und Punktesehen, verursacht aber keine Schmerzen.
Wie lässt sich die Krankheit behandeln?
  Die Therapie ist unterschiedlich. Je weiter vorne die Entzündung liegt, desto eher erreicht man sie mit Tropfen, etwa bei der Bechterew-Uveitis. Bei einer Toxoplasmose geben die Ärzte Antibiotika gegen die Erreger und Kortison in Tablettenform gegen die Entzündung. Wichtig ist, dass Augenärzte und Rheumatologen bei der Behandlung zusammenarbeiten. Man braucht ein gutes interdisziplinäres Team, um die Diagnosefindung zu vereinfachen und die Therapie möglichst effizient und am Augenbefund orientiert zu gestalten. Es passiert nicht selten, dass ein Patient mit einer Uveitis zu uns kommt und sich dann herausstellt, dass er an einer Krankheit außerhalb der Augen leidet, wie etwa der Sarkoidose. Dann können wir auch dafür eine Therapie veranlassen.
Gibt es eine Uveitis ohne Grunderkrankung?
  Sicher. Viele niedergelassene Augenärzte vermitteln ihren Patienten allerdings die Einstellung, dass jede Uveitis eine Ursache haben muss. Die Patienten meinen dann auch selbst, wenn man die Ursache wüsste und entsprechend behandeln könnte, sei die Uveitis weg. Aber tatsächlich ist das ein gefährlicher Trugschluss. Denn zu etwa 40 Prozent erkranken die Patienten an einer Uveitisform, für die es einfach keinen expliziten Grund gibt, wie das auch für viele Patienten mit Bluthochdruck oder Zuckerkrankheit gilt. Diese Patienten werden therapiert, um Folgeerkrankungen zu vermeiden. Genauso sollte auch eine Uveitis behandelt werden.

Lexikon: Uveítis

   Die Uveitis ist ein Sammelbegriff für mehrere entzündliche Erkrankungen im Augeninnern, die ihren Beginn in der so genannten Uvea (Gefäßhaut) haben. Die Uvea besteht aus der Regenbogenhaut (Iris), dem Ziliarkörper und der Aderhaut. Die Regenbogenhaut bildet das Sehloch (Pupille), die den Lichteinfall reguliert und für die Tiefen- schärfe verantwortlich ist. Im Ziliarkörper entsteht das Kammerwasser und dort sitzt auch die Muskulatur, die für die Naheinstellung des Auges sorgt. Bei der Uveitis entzünden sich meist Teile der Gefäßhaut, so dass sich diese lokal einteilen lassen. Bei der vorderen Uveitis ist der vordere Teil des Auges betroffen, also die Regenbogenhaut, die Ziliarkörper oder die Aderhaut des Auges. Als mittlere Uveitis werden entzündliche Erkrankungen bezeichnet, die vor der Netzhaut liegen, als hintere Uveitis jene Entzündungen, die vom Bereich der Netzhaut ausgehen oder den hinteren Augenabschnitt betreffen.   HA020125

“Pille im Auge” bekämpft die Entzündung: Schleier und Flocken als erste Warnzeichen.
Zentren in Europa testen eine neue Therapie gegen die berüchtigte Krankheit Uveitis

   Die Schleier oder Flocken im Blickfeld sind die ersten Warnzeichen. Die Augen sind gerötet und verursachen ein starkes Druckgefühl, viele Patienten sehen nur noch verschwommen: Rund 400.000 Menschen in Deutschland leiden an der Augenentzündung Uveitis, die unbehandelt zur Erblindung führen kann. Ein neues Verfahren, das derzeit europaweit getestet wird, soll nun die Therapiemöglichkeiten deutlich verbessern und vereinfachen. Dabei pflanzen die Ärzte in den Glaskörper des Auges Cortison-Stäbchen ein, die das Medikament über Jahre hinweg kontinuierlich abgeben.
   In Deutschland erkranken jedes Jahr bis zu 15.000 Menschen neu an Uveitis. Die Uvea, die sich aus der Iris, dem Ziliarkörper und der Aderhaut zusammensetzt, ist die mittlere Schicht der drei Augenhüllen. Zur äußeren Schicht gehören die Leder- und die Hornhaut, die innere ist die Netzhaut. Eine Entzündung entsteht in der Uvea, wenn sich weiße Blutkörperchen in das Gewebe einlagern.
   Die Ursachen dafür sind ausgesprochen vielfältig: Die Krankheit kann von Herpes-Viren, dem Tuberkulose-Er- reger, dem Parasiten Toxoplasma gondii oder Pilzen übertragen werden oder eine Begleiterscheinung der Borreliose nach einem Zeckenbiss sein. Bei einem Drittel der Patienten ist die Augenentzündung aber Bestandteil einer neurologischen oder einer rheumatischen Erkrankung wie Morbus Bechterew, der Sarkoidose, der Multiplen Sklerose oder der so genannten Schmetterlingskrankheit.
   In diesen Fällen richtet sich das körpereigene Abwehrsystem nicht nur gegen die Gelenke, sondern auch gegen das Auge, wie die Experten des bundesweit ersten interdisziplinären Uveitis-Zentrums in Heidelberg berichten. Dort werden seit Oktober 2001 die Patienten gemeinsam von Augenärzten und Rheumaspezialisten untersucht, beraten und behandelt. Die Vorteile liegen auf der Hand: „Überflüssige Tests und zusätzliche Arzttermine werden vermieden”, sagt Oberarzt Matthias Becker Foto ganz oben. Die Therapie könne besser auf die vielfältigen Be- schwerden des Krankheitsbildes abgestimmt werden.
   Ziel der Behandlung ist es vor allem, so rasch wie möglich die Entzündung einzudämmen. Je mehr Entzündungs- zellen und Eiweiß nämlich ausgeschwemmt werden, um so größer ist die Gefahr von Verklebungen und Ver- wachsungen im Auge. Diese können letztlich zur Trübung der Augenlinse, bekannt als Grauer Star, des Glaskörpers oder zum Glaukom, dem Grünen Star, führen. Auch die Netzhaut kann dadurch dauerhaft geschädigt werden.
  „Die Therapie der Uveitis ist in den vergangenen Jahren immer differenzierter geworden”, berichtet Becker. Die Basis bilde nach wie vor die Behandlung mit Cortison. Hinzu gekommen sei zuletzt der Einsatz von Medikamenten, die das Immunsystem unterdrückten. Bei spezifischen Entzündungen, etwa als Folge der Multiplen Sklerose, böten sich so genannte Interferone an. Große Hoffnung im Kampf gegen die nichtinfektiöse Uveitis setzen die Mediziner aber vor allem in die Cortison-Implantate, die derzeit europaweit erprobt werden. „Die ersten Erfahrungen mit dieser,Pille im Auge’ sind sehr ermutigend”, sagt Becker, der sich mit dem Uveitis-Zentrum an der Großstudie beteiligt. Schon nach wenigen Monaten sei die Entzündung bei den meisten Patienten praktisch verschwunden. Andere Medikamente müssten nicht mehr eingenommen werden. Laut Becker kann das Implantat rund drei bis vier Jahre lang Cortison abgeben. Ob danach der Wirkstoff in einer weiteren Operation erneuert werden muss, ist bislang noch unklar. Mit einem Einsatz der neuen Methode rechnet der Oberarzt alsbald.
NOZ031004FrobenHomburger

Unterstützung bei Uveitis

  Die Augenkrankheit Uveitis beginnt mit roten, schmerzenden Augen und verschwommener Sicht. Die Ursache der Entzündung ist oft unklar, die Behandlung höchst unterschiedlich. Erfahrungen von anderen Betroffenen können deshalb hilfreich sein.
   Die Uveitis-Selbsthilfegruppe Nord bietet die Möglichkeit zum Austausch über Krankheitserlebnisse und Therapiemöglichkeiten. Ansprechpartner ist Elke Peske-Kranz in Hamburg unter Telefon 040 - 58 91 72 05.
vlokHA020226

Eine hilfreiche Gesprächsebene zum Thema “Uveitis im Kindesalter” finden Sie hier:

Geschäftstelle der DUAG (Deutsche Uveitis Arbeitsgemeinschaft)
Forsthausstrasse 6, 35792 Löhnberg, Tel: 06471 - 980 57  Fax: 06471 – 980 58,
eMail: duag-ev@web.de   Internet: http://www.duag.org
Geschäftszeiten: Montag bis Freitag in der Zeit von 11.00 - 13.00 und von 19.30 bis 20.30 Uhr

Deutsche Uveitis-Arbeitsgemeinschaft e.V.

Neue Programme für die Mitglieder veröffentlichen wir hier an dieser Stelle!
Sie erreichen die DUAG Geschäftsstelle von Montag bis Freitag
von 11.00 - 13.00 Uhr und von 19.30 Uhr bis 20.30 Uhr.
Anschrift: Geschäftsstelle DUAG e.V., Forsthausstrasse 6, 35792 Löhnberg
Tel: 06471 - 98 057, Fax: 06471 -98 058, eMail: duag-ev@web.de

Ursachen der Uveitis

    “Ich hatte vor dem Rentenantrag noch ein- bis anderthalb Tage in der Woche gearbeitet. Da ging es meinem Chef auch schon auf die Nerven, wenn ich zur Kur oder ins Krankenhaus musste. Nach meiner ersten Star- Operation hat man mich dann entlassen”, berichtet eine Frau im Internet-Forum.
   Und eine andere erzählt: “Beide Augen sind fast ständig entzündet. Das rechte ist schon blind, das linke durch starke Glaskörper- und Linsentrübung behindert. Wie soll ich jemals wieder meiner Berufstätigkeit ordnungsgemäß nachgehen?  Ich kann nicht mehr,  ich  fühle mich am Ende!” Beide Frauen verbindet das gleiche Schicksal. Sie leiden an einer Uveitis, einer Augenkrankheit, die in Deutschland kaum bekannt ist, aber dennoch zu den Volks- krankheiten zählt,  weil  eine halbe Million Menschen betroffen sind und jährlich 10.000 Neuerkrankungen hinzu- kommen.
   Unter dem Begriff Uveitis fassen Augenärzte entzündliche Erkrankungen im Augeninnern zusammen, die ihren Ursprung in der Uvea, der Gefäßhaut, haben. Es klingt schon fast grotesk, wenn der Tübinger Professor Dr. Manfred Zierhut sagt: “Wenn’s wehtut, hat man Glück”.
  Der Schmerz als erstes Alarmsignal, ein stark gerötetes, lichtempfindliches, tränendes und schmerz-pulsierendes Auge führt Betroffene meist direkt zum Augenarzt. “Tückischer aber sind schleichende und schmerzfrei verlaufende Entzündungen, die zu einer langsamen Sehverschlechterung führen und deshalb meist nur selten entdeckt werden.  Schleier und Flocken vor den Augen werden verharmlost, Patienten kommen oft zu spät”, weiß er. Tragisch ist die unerkannte und in Schüben verlaufende Krankheit deshalb, weil die Lichtrezeptoren und Nerven- zellen im Auge zerstört werden können. Zudem können aus der chronischen Entzündung ein erhöhter Augendruck (Glaukom) und eine Linsentrübung (Katarakt, Grauer Star) resultieren. Dies kann zur Erblindung führen. Der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands spricht deshalb von einer “tickenden Zeitbombe im Auge”.
  Die Ursachen sind vielfältig, und manchmal tritt die Uveitis zusammen mit anderen Erkrankungen auf. Bei Kindern ist es oft eine rheumatische Gelenkerkrankung, weshalb Kinderärzte unbedingt auch an den Augenarzt verweisen sollten. Beim Erwachsenen kommen auch Rheuma, entzündliche Sarkoidose, Morbus Bechterew, Schuppenflechte mit Arthritis, durch Zeckenbisse übertragene Borreliose, oft durch Katzen übertragene Toxoplasmose-Infektionen, Tuberkulose, Herpes-Viren, HI-Viren, der Hautpilz Candida, aber auch Verletzungen, Operationen und Hornhaut- krankheiten in Frage, weshalb auch die Internisten die Zusammenarbeit mit dem Augenarzt suchen sollten.
    Die Ursachensuche kann unter Umständen sehr kompliziert sein, die Behandlung nicht minder. Lässt sich als Ursache ein bakterieller oder viraler Infekt feststellen, kann die Uveitis mit einem Antibiotikum oder mit einem Virusstatikum in Kombination mit entzündungshemmenden, lokal wirksamen Kortison behandelt werden. Doch in 80 % bleibt die Ursache unbekannt. Vermutet wird ein Autoimmunprozess, bei dem sich die entgleiste Körper- abwehr gegen Bestandteile der Netzhaut richtet.
    In diesen Fällen bleibt nur die oft nebenwirkungsreiche Behandlung mit Kortisontabletten und Medikamenten, die die Immunabwehr unterdrücken, um so die Krankheitsschübe zum Stillstand zu bringen. Denn, so der Kieler Privatdozent Dr. Karl F. Manthey: “Man stellt sich vor, dass sich die Entzündung wie in einem Regelkreis selbst unterhält.” Dieser Regelkreis muss unterbrochen und gleichzeitig die Sehschärfe erhalten werden, was nicht immer gelingt. Bessert sich eine Glaskörpertrübung unter der medikamentösen Behandlung nicht ausreichend, kann eine Glaskörperentfernung sinnvoll sein. Bisweilen muss auch die getrübte Linse entfernt werden.
   Einen neuen Ansatz verfolgt die Münchner Universitäts-Augenklinik. Dort stützen sich Dr. Stephan Thurau und die Biologin Dr. Gerhild Wildner auf die Erkenntnis, dass die T-Zellen des Immunsystems Netzhaut-Bestandteile angreifen, die Ähnlichkeit mit bestimmten, im ganzen Körper vorkommenden Eiweiß-Molekülen (HLA = Humanes Leukozyteh-Antigen) haben.  Die Annahme, dass die Abwehr beide miteinander verwechselt, haben die Münchner Spezialisten bestätigen können, indem sie durch die Gabe des HLA-Peptides die Abwehr von acht Patienten toleranter machen, sie quasi impften. “Einige Patienten haben seither keinen Entzündungsschub mehr, die Seh- leistung konnte erhalten werden, Kortison wurde reduziert und teilweise abgesetzt”, sagt Wildner.
   Die Biologin, die sich stark für Betroffene macht, hat erfahren: “Uveitis-Patienten fallen im Allgemeinen wegen des schleichenden Krankheitsverlaufes im Alltag kaum auf. Sind aber Komplikationen eingetreten, fallen sie durch alle gesetzlichen Raster.” Weil ihre Sehfähigkeit oft nur wenig über den Sehwerten liegt, die für die Anerkennung einer Blindheit maßgeblich sind, sind Uveitis-Patienten zwar stark behindert und können Beruf und Alltag nur schlecht bewältigen, sie gelten aber nicht als “blind” im gesetzlichen Sinne.
   Um die Aufklärung über die Volkskrankheit voranzutreiben, wurde die Deutsche Uveitis-Arbeitsgemeinschaft gegründet, die den Austausch über Selbsthilfegruppen fördert und jetzt erstmals einen internationalen Forschungspreis ausschreibt. Vorrangiges Problem ist die Sensibilisierung der Bevölkerung, denn: “Ein harmlos erscheinendes rotes Auge kann fatale Folgen haben”, so Prof. Zierhut. HA020125WolfgangKappler

tn_MoleküleDZ_psd tn_UveitisDZ_jpg

   Das Immunsystem läuft Amok und greift die Netzhaut an. Um die drohende Erblindung abzuwenden,
schlagen die Ärzte ein riskantes Experiment vor: Antikörper sollen den Angriff stoppen.
Foto oben links: Antikörper-Moleküle

  Die Maus muss weg. Ihre Silhouette flimmerte am Morgenhimmel auf der Fahrt von Hamburg in Richtung Südwesten. Sie verdeckte die Buchseite. Nun funkelt sie vor der Fassade des Bettenhauses der Kölner Uniklinik. Bei jedem Blick ist sie zu sehen, sie hat ein großes Ohr, sie ist bösartig. Als dunkler Schatten hat sich der Nager auf die Netzhaut gebrannt. Wieder entzündet. Ein weiterer blinder Fleck, diesmal ganz nah an der Makula, der Sehgrube. Das ist die Stelle auf der Netzhaut, die liest, die fernsieht, Gesichter erkennt, die Nagelschere führt. Die blinde Maus soll verschwinden. Zumindest darf sie nicht wachsen. „Wir können Ihnen vielleicht die Infliximab- Infusion anbieten”, hatte der Oberarzt Andreas Perniok am Telefon versprochen. „Wenn Sie am laufenden Meter Rückfälle haben, machen wir das als individuellen Heilversuch. Seien Sie Montag hier, richten Sie sich auf drei Tage ein, sicherheitshalber.”
   Okay. Jetzt bekomme ich meinen Willen. Gegen die Maus im Auge werde ich Infliximab bekommen, einen künstlichen Antikörper. Ein Präparat, das für meine Krankheit weder entwickelt wurde noch für ihre Behandlung zugelassen ist. Ich wollte dies eine Medikament schon vor einem Jahr. Aber kein Arzt wollte für einen solchen Schuss  ins Blaue den Kopf hinhalten. „Zu wenige Erfahrungswerte”, „experimentell, ja spekulativ”, hatten die Augenärzte gewarnt, besser gesagt, den Versuch schlicht verweigert. In Wahrheit ging es mir damals einfach noch zu gut.
  Individueller Heilversuch bedeutet: eine häufig mutige, oftmals letzte, meist aber verzweifelte Intervention. Ohne Vorhersage, erst recht ohne Gewissheit, etwas zum Lernen für die Ärzte, wie auch immer es ausgeht. „Wir geben Ihnen zunächst vier Infusionen”, hatte Perniok, der Kölner Rheumatologe, gesagt, „je eine in Woche null, Woche zwei und sechs, dann eine in Woche 14, danach sehen wir weiter.” Erst aber müssen die Kollegen in der be- nachbarten Uni-Augenklinik feststellen, ob die Behandlung wirklich angezeigt ist. Oberarzt Brunner wartet schon.
   Nachdem der erste blinde Fleck auf dem rechten Auge aufgetaucht war, nach unzähligen Untersuchungen in Unikliniken, in Hamburg, Zürich, Heidelberg, Boston, mochte erst Manfred Zierhut, der Netzhautexperte von der Tübinger Augenklinik, eine einigermaßen klare Diagnose stellen: Pic-Syndrom (punctate inner choroidopathy), eine Form der Uveitis, eine chronische Netzhautentzündung. Bekannte Pic-Fälle weltweit: etwa fünfzig. „Die Ursache”, fragte ich (der Augenprofessor guckt sparsam), „ich meine: Wie kriegt man so was?” - „Ahm, primär idiopathisch. Bedeutet: Wir haben andauernd keine Ahnung. Erfahrungen bei Verlauf und Therapie dementsprechend: mager bis nicht vorhanden.
  Uveitis ist eine Regenschirmdiagnose, darunter verbergen sich mindestens ein Dutzend unterschiedliche Krankheiten. Von manchen, wie Pic, kennt die Medizin eigentlich nur den Namen. Alle Varianten können zur Erblindung führen, und sie entstehen, wenn das Auge unter eine Art friendly fire der Immunabwehr gerät. Jede Entzündung der Netzhaut durch so eine fehlgeleitete Attacke hinterlässt einen Schaden - einmal abgestorbene Sehzellen kann das menschliche Auge nicht ersetzen. Es bleibt eine Narbe aus Bindegewebe, und die ist blind, für immer.
   Etwa 27.000 Uveitis-Kranke gibt es in Deutschland, und manchmal findet sich eine Infektion, die das Leiden auslöst. Doch bei 75 Prozent von ihnen ist die eigentliche Ursache komplett rätselhaft - sie gelten, wie ich auch, als Autoimmun-Kranke, mangels besserer Erklärung, und weil man mit Pillen zur Dämpfung des Immunsystems die akuten Entzündungsschübe im Auge meistens brechen kann. 
   „Autoimmun” sind viele schlimme Leiden, wie Multiple Sklerose, oder chronische Gelenkentzündung. Stets ist die wahre Ursache ein Mysterium. Hinter dem Begriff des Autoimmunleidens steht im Wesentlichen eine bestechende, aber weithin unbewiesene Theorie. Die beste Bezeichnung für Autoimmunkrankheit ist Terra incognita - nur durchkreuzt von ein paar medizinischen Trampelpfaden. Die einzigen Medikamente gegen Netzhautentzündungen stammen aus der Transplantationsmedizin und der Rheumatherapie. Hochwirksame und hochdosierte Immun- blocker wie Prednison (ein Kortisonpräparat), Cyclosporin A, CellCept oder das Zellgift Methotrexat. Heilen können die Präparate nicht, aber oft lässt sich der Krankheitsverlauf mit ihnen einigermaßen unter Kontrolle halten.
   Zuerst klappte das auch bei mir. Später ging gar nichts mehr. Vor der ersten Reise nach Köln standen auf meiner  Pillenliste: 150 Milligramm Kortison plus 3.000 Milligramm CellCept täglich, dazu 25 Milligramm Methotrexat pro Woche - damit könnte man das Immunsystem zweier Elefantenbullen in die Knie zwingen. Gegen mein marodierendes Immunsystem reichte es nicht.
   Und selbst wenn: Für kurze Zeit sind Kortisonpräparate wunderbare Medikamente, sie wirken schnell und effek- tiv. Bei Daueranwendung in hoher Dosis sind sie des Teufels. Man sieht aus wie eine schwangere Kaulquappe, das Gesicht, der ganze Oberkörper schwillt an. Fett sammelt sich kiloweise um die Hüften. Knochen und Muskeln werden schwach. Der Kreislauf spielt verrückt. Ab 100 Milligramm täglich bricht das Kurzzeitgedächtnis ein.
   In der Augenklinik spricht der Oberarzt Richard Brunner, nach der Untersuchung meiner Sehleistung (Sehschärfe links 10, rechts 60 Prozent - böse!), nach dem Studium der Akte und einem besorgten Blickwechsel mit seiner Kollegin Helen Ayertey, das Urteil: „Therapie - refraktär.” Das ist die schlechte Nachricht, aber die kannte ich eigentlich schon. Die gute steht auf seinem Konsiliarbericht: „Infliximab-Infusion ist indiziert.”
   Was am nächsten Tag, nach der Augenuntersuchung, nach einer Batterie von Blut- und Gentests, in meine Vene sickern wird, kostet fast dreitausend Euro, ist, rein technologisch betrachtet, ziemlich veraltet und trotzdem im Moment eines der heißesten Medikamente gegen verschiedene chronische Entzündungskrankheiten.  Der Stoff kann vielleicht auch die Schattenmaus töten und meine Netzhäute retten. Vielleicht. Bei Nichtstun werden sie verschmoren unter immer neuen Attacken meiner eigenen Immunzellen.
   Infliximab (Remicade) ist ein biotechnisch produzierter Antikörper, ein künstlich geschneidertes Mischmolekül aus Maus und Mensch. Das künstliche Immuneiweiß soll nun einen Botenstoff in meinem Blut aus dem Verkehr ziehen: Tnfalfa (Tumor-Nekrose-Faktor). Der Stoff wird vom Körper selbst produziert - und er gilt als top dog in einer komplizierten Kaskade von biochemischen Faktoren,  die Entzündungen im Körper starten. Wenn man Patienten mit chronischer Gelenk-(rheumatoider Arthritis) oder Darmentzündung (Morbus Crohn) Infliximab infundiert, klammert sich das künstliche Immuneiweiß an das Tnf, fischt es aus dem Blut, und die Symptome verschwinden oder bessern sich selbst bei Schwerstkranken.
  Immerhin, bekundet Oberarzt Perniok, gebe es nun „gute Hinweise, dass Tnfalfa auch bei Netzhautentzün- dungen eine entscheidende Rolle spielt”. Na dann.
   Es ist vier Uhr nachmittags, da schiebt die Stationsärztin Christina Schumann den Galgen mit der Infusionslösung ins Zimmer, sticht den Zugang in die linke Armvene. Draußen, hinter dem riesigen Fenster im 10. Stock, geht die Sonne unter, und mir ist mulmig. Immerhin weiß ich, Biologe, wenigstens theoretisch, was jetzt passieren wird in meinem Blut, im Auge, mit meinen Immunzellen. Andererseits sind höchstens hundert Uveitis-Kranke auf der ganzen Welt versuchsweise so behandelt worden. Auch ich bin jetzt ein Experiment. Zwei Stunden lang rinnt mir die Kochsalzlösung mit dem biotechnischen Immunmolekül ins Blut.
   Solche therapeutischen Antikörper sind inzwischen große Hoffnungsträger in der Pharmabranche und in der Medizin. Aber das war nicht immer so. Noch vor fünfzehn Jahren wurden sie überall als Komplettversager ein- gestuft. Dabei hatte es zuvor wirklich so ausgesehen, als stünde eine echte Revolution in der Medizin unmittelbar bevor: Der deutsche Immunologe Georges Köhler hatte 1975 ein Verfahren zur Massenherstellung von Maus- Antikörpern entdeckt. Ebenso wie die menschliche Immunverteidigung bilden auch die Nager Antikörper als Angriffswaffen gegen Viren, Bakterien, Krebszellen oder Pilze.
   Mit Köhlers Entdeckung hatten die Therapeuten gleichsam über Nacht ein Mittel in die Hand bekommen, mit dem sie identische Maus-Antikörper gegen einen bestimmten Krankheitserreger in großen Mengen produzieren konn- ten.  Sogar zur industriellen Herstellung von solchen Immun-Geschossen gegen alle Arten von Krebszellen schien das Verfahren geeignet - die Ärzte formierten sich schon zum Parademarsch.
   Aber in der Medizin gibt es keine Kantersiege. Köhler und seine Kollegen Cesar Milstein und Niels Jerne wurden 1984 mit dem Medizinnobelpreis belohnt - doch all die Hoffnungen auf einen schnellen Triumph in den Brandherden der Medizin zerschellten da gerade. Simon Moroney, Boss der Münchner Bio-Tech-Firma Morpho-Sys, hat Höhenflug und Crash der Antikörper als junger Forscher selbst erlebt. „Es gab damals zwei große klinische Versuche, beide spektakuläre Fehlschläge.  Dann war das Feld tot”, sagt er. „Niemand in der Pharmaindustrie hat sich mehr für Antikörper interessiert.”
   Fast niemand. Einige Wissenschaftler, manche Firmen ließen nicht locker. Und nach zehn, fünfzehn Jahren geduldiger, hartnäckiger Forschung begann die Renaissance der Immuneiweiße. Spätestens als Genentech, Pionierfirma der Bio-Tech-Industrie, ein wirksames Antikörper-Medikament gegen fortgeschrittenen Brustkrebs vorstellte, wurde auch den letzten Kritikern klar, dass der Wind sich gedreht hatte. „Herceptin war der Wende- punkt”, sagt Simon Moroney. Das Präparat enthält einen künstlichen Antikörper, der an ein Oberflächenmolekül ankoppelt, das bei vielen Frauen in großer Zahl auf den Krebszellen vorkommt. Heilen kann auch Herceptin nicht, aber es kann das Leben verlängern.
   Viele Schwerkranke setzen nun ihre ganze Hoffnung in die einst gestrandeten Wirkstoffe. Mäuse und ihre Immunmoleküle lassen die Pharmazeuten jetzt indessen möglichst beiseite - mit neuen gentechnischen Verfahren wird das Elixir aus den Arsenalen der menschlichen Immunverteidigung destilliert. Und es zeigt sich, dass Anti- körper zwar beileibe keine Wunderwaffen sind, aber die Sache funktioniert. Inzwischen sind in Europa und den Vereinigten Staaten schon 17 solcher Präparate im Einsatz. Und mehr als 200 neue Antikörper-Medikamente befinden sich in den Pipelines der Pharmaunternehmen.
   Der Reanimierung der Antikörper verdankt Markus Enzelberger seinen Job. Und er hat offenbar große Freude an seiner Aufgabe. Zwei, drei Schritte nur in sein Labor, und man läuft gegen die Wand. Daran ist ein mannshohes Fließdiagramm gepinnt. Darüber, als Überschrift, eine bedenkenswerte Frage: ,What are we doing here, anyway?’ (Was machen wir hier eigentlich?) Immerhin hat der Biochemiker Enzelberger die Antwort parat. „Cherry-picking” (Kirschenpflücken), ruft er mir durch das Surren der Labormaschinen entgegen. Er grinst zufrieden und fingert weiter auf seiner Tastatur, um die Programme der Roboter auf Kurs zu halten.
   Der 34-jährige Forscher ist allein zwischen lauter Automaten. Gemeinsam suchen Mensch und Maschinen in einer Unzahl von gentechnisch konstruierten Immuneiweißen nach den mächtigsten Varianten. Enzelberger weiß nicht, dass ein ähnliches Eiweiß, millionenfach vermehrt, seit ein paar Tagen durch meinen Körper wandert - hoffentlich auf der Jagd nach den kleinen Übeltätern, die sich darangemacht haben, mir das Augenlicht zu nehmen.
   Bis zu Enzelbergers  „Kirschernte” hat es lange gedauert: bis Wissenschaftler herausgefunden hatten, wieso die ersten Versuche der Heilbehandlung mit Antikörpern so kläglich scheitern mussten, und erkundet hatten, wie dem abzuhelfen wäre. Und bis der biotechnische Fortschritt es überhaupt möglich machte, einen Stoff wie Infliximab herzustellen. Auch in Enzelbergers Roboterlabor bei MorphoSys gilt ein Projekt der Bekämpfung chronischer Entzündungen: MorphoSys will neue Antikörper-Medikamente gegen Schuppenflechte und rheumatoide Arthritis entwickeln. Doch selbst mit den modernsten Verfahren ist die Suche nach wirkungsvollen - und neben- wirkungsarmen - Antikörper-Molekülen aus der Retorte ein mühsames Geschäft. “Low hanging fruits”, sagt Simon Moroney, gebe es nun mal nicht im Antikörper-Geschäft.
   Auch danach braucht ein neues Medikament noch viel Zeit - von der Entwicklung im Labor bis zur Anwendung bei Patienten können zehn Jahre vergehen. Deshalb ist meines alter Käse. Infliximab ist ein Mischlingsmolekül aus Maus und Mensch. Der Menschenteil erfüllt vor allem einen Zweck: Er soll den Antikörper maskieren gegenüber dem Immunsystem. Die fehlende Tarnung war nämlich der Grund für das Desaster bei den ersten Behandlungsversuchen mit reinen Maus-Antikörpern. Diese waren zwar durchaus wirksam, wurden aber vom Immunsystem der Patienten sofort als das erkannt, was sie eben auch waren: Maus-Eiweiße. Die Immun- verteidigung der Testpersonen machte Front gegen die Eindringlinge und zog sie aus dem Verkehr.
   Meine Abwehr gibt nach drei Wochen - und der zweiten Infliximab-Infusion - endlich Ruhe. Zum ersten Mal seit einem Jahr spüre ich meine Augen nicht. Die Maus auf der Netzhaut schrumpft etwas zusammen. Und sie hat ihr riesiges Ohr verloren. Den Immunblocker Cell-Cept hatte ich schon vor der ersten Infusion absetzen müssen. „Die Kombination mit Infliximab ist nicht erprobt”, hatte Perniok mir erklärt, „das wäre mir zu gefährlich.” Außerdem ist meine Kortisondosis halbiert worden.
   Noch mal zwanzig Tage. Dann der einundzwanzigste, der Tag der Wahrheitsfindung. Wieder fahre ich nach Köln. Erst Infusion Nummer drei beim Rheumatologen Perniok: „Na, Herr Bahnsen, alles gut gegangen? Sie sind infektfrei? Ihre Akte - Schwester Olga! Die Akte von Dr. Bahnsen ...” „... liegt auf dem Schreibtisch!”  Der leicht untersetzte Doc rotiert durch sein Arztzimmer, die Akte ist weg. „Machen Sie mal den Oberkörper frei, abhören muss ich Sie schon noch.”
   Während die Schwester die 400 Milligramm Infiiximab-Pulver in steriler Kochsalzlösung auflöst, gibt der Chef sein Okay (die Akte kam unter einem Stapel Lancet- und Rheumatology-Heften zum Vorschein). Zwei Stunden später kann ich gehen, ein Haus weiter in die Augenklinik zur Sehprüfung.
   Will ich es eigentlich wirklich wissen? Die Augen sagen: Du siehst besser. Der Verstand sagt: Du bist noch immer enttäuscht worden. Mein Bauch: rumort. Angst.
   Visus-Check, Gesichtsfeldprüfung, Netzhautbefund. Die Doktorin Helen Ayertey scharrt innerlich mit den Füßen, als ihr Chef Brunner ins Untersuchungszimmer tritt, springt auf, hält ihm die Werte unter die Nase: „Das ist der Hammer.”
   Das kann man so oder so verstehen. Aber dann ist es so: Keine Anzeichen für Entzündung. Gesichtsfeld besser, Visus links von 10 auf 25, rechts von 60 auf 100 Prozent Sehschärfe. Oh Mann! Alle Ärzte sind Engel, die Pharmaindustrie im Allgemeinen und die Firma Centocor (die macht Infliximab) im Besonderen sind von guten Menschen bevölkert.
   In Wahrheit hat der Elan der Pharmazeuten natürlich andere Gründe als meine seltene Augenkrankheit: Es sind vor allem verbreitete chronische Leiden - und die stellen einen riesigen Markt dar -, die künftig mit Hilfe des gewaltigen Repertoires menschlicher Immuneiweiße therapiert werden sollen. Etwa hundert Milliarden unter- schiedliche Antikörper erzeugt jeder Mensch im Lauf seines Lebens und schickt sie auf Patrouille durch die Blut- bahn. Jedes der Immuneiweiße erkennt eine andere Molekülstruktur - für die Pharmaforscher eine unerschöpfliche Quelle für Wirkstoffe, die dringend gebraucht werden: Medikamente gegen Krebs, Infektionen, chronische Ent- zündungskrankheiten, auch Asthma oder Lungenemphysem. Neuerdings gibt es sogar Hoffnung, mit solchen Medikamenten Alzheimer und Altersblindheit bekämpfen zu können.
   Diese neueste Generation therapeutischer Antikörper, so genannte humanisierte oder vollhumane Antikörper,  ist vollkommen artifiziell, stammt aus keinem Körper, ist nie mit einem Tropfen Blut in Berührung gekommen. Ihre Form wird am Großcomputern   errechnet, gentechnisch  zurechtgeschneidert, und sie werden in Massen  in Zell- kulturen produziert. Ihre Struktur aber ist praktisch vollkommen identisch mit natürlichen humanen Antikörpern - das Immunsystem der Patienten erkennt sie daher nicht als Fremdlinge.
   Köln Hauptbahnhof, erst mal Wasser kaufen. „Sie müssen viel trinken”, hatte Oberarzt Brunner gemahnt, „mit Flüssigkeit können Sie die Blutzirkulation im Auge verbessern, das kann in den Rändern der vernarbten Stellen noch viel bringen.”
   Im IC nach Hamburg-Dammtor; bei Münster wird es dunkel draußen, ich sehe ganz wenig. Das liegt an den Tropfen zum Öffnen der Pupillen, trotzdem kriecht wieder Angst hoch: ob dies nun endlich helfen wird, wie das alles weitergeht. Die richtigen Abstände zwischen den Infusionen müssen für jeden Patienten individuell heraus- gefunden werden.  Bei mir und allen anderen Uveitis-Patienten, die Perniok mit Infliximab behandelt, geht das so: nach der ersten Infusion werden die folgenden in ansteigenden Abständen gegeben. So kann man feststellen, wie lange die Wirkung des Medikaments anhält.  Jetzt hatte ich Ladung drei, die nächste kriege ich erst in acht Wochen. Irgend etwas sagt mir, es werden zwei lange Monate.
   Inzwischen hat wieder Genentech den neuesten Erfolg mit Antikörpern gelandet. Avastin soll Leuten helfen, denen es noch schlechter geht als mir. Es kann schwerstkranken Darmkrebs-Patienten etwas mehr Leben schenken, weil es den Krebsherden die Blutversorgung kappt.  Und auch für mein Medikament, lese ich, gibt es nun einen vielleicht besseren Ersatz. Humira ist auch ein Antikörper gegen das fatale Tnf  in meinem Blut, aber es ist ein vollhumanes Molekül. Das ist gut. Noch immer besteht die Gefahr, dass mein Immunsystem sich irgendwann doch gegen das Mensch-Maus-Medikament zur Wehr setzt.
   Nach sechseinhalb Wochen stellt sich heraus, dass acht Wochen Abstand zwischen den Infusionen keine so gute Idee waren. Ich sehe nur Sandsturm, die Welt vor meinen Augen flimmert, jedes Licht ist viel zu hell. Morgens knipse ich nicht die Nachttischlampe an, sondern taste nach Streichhölzern und einer Kerze. „Okay. Ziehen wir die Infusion vor”, schreibt Perniok auf meine Alarm-Mail zurück. “Wann können Sie da sein?” In Köln, am nächsten Morgen um zehn, ist es dann nicht ganz so schlimm, aber „einen Teil der Verbesserung aus den letzten Wochen haben wir wieder verloren”, sagt Helen Ayertey. „Das ist doch wirklich ärgerlich.” - „Immerhin”, tröstet Oberarzt Brunner, nachdem er meine Augen minutenlang ausgeleuchtet hat - wenig angenehm, wenn man sich schon von einer Leuchtdiode geblendet fühlt, „immerhin sehen Sie immer noch deutlich besser als vor Beginn der Behand- lung.” Abmarsch in die Poliklinik, Tropf, und dann nur nach Hause.
   Es wird nicht besser. Schließlich stimmt Perniok zu, die Keule rauszuholen, noch eine Ladung Infliximab einzuleiten. Geheuer ist ihm die Sache nicht. Das merkt man sogar am Telefon. Infliximab kann Nebenwirkungen haben, auch gefährliche. „Ein blinder ist besser als ein toter Patient”, sagt er. Davon kann meinerseits keine Rede sein, ich sehe das vorläufig exakt anders herum. Um halb sechs sitze ich in der S-Bahn zum Hamburger Haupt- bahnhof, dann im ersten Zug nach Köln. Untersuchung, Urinprobe, Blutabnahme, Schwester Olga hängt den Tropf auf: “Welchen Arm sollen wir heute nehmen?”
   Eine Stunde ungefähr wird die Infusion in meine Adern laufen. Tropfen für Tropfen. Es wird langweilig, ich spüre nichts. Alle fünfzehn Minuten kommt Schwester Olga („Sind Sie okay?”), misst Blutdruck und Puls. „Haben Sie was gegessen? - Das geht aber nicht.” Nach zehn Minuten bringt sie Kaffee und Schokolade.  Oberarzt Perniok schießt plötzlich herein, wedelt mit einem Rezept. “Wir sehen uns in vier Wochen”, sagt er, „holen  Sie vorher das Medikament aus der Apotheke.”  Er dreht schon ab, aber dann setzt er sich doch. „Fühlen Sie sich gut? Okay, denken Sie an alles, was ich Ihnen gesagt habe. Ihre Infektabwehr ist jetzt stark herabgesetzt.  Achten Sie vor allem auf Bronchialinfekte.  Sofort zum Arzt, klar?” Das waren ahnungsvolle Worte.
   Schon am nächsten Tag sehe ich wieder besser. Noch besser am übernächsten, einem Mittwoch. Am Donnerstag bekomme ich Schnupfen, nichts Schlimmes, Abgeschlagenheit, Kopfweh, was man da so hat. Was man da normalerweise nicht hat, beginnt am folgenden Montag: Fieber, 39,6. Ein paar Tage später Diarrhöe, schwere Kopfschmerzen, das Fieber ist auf 40,4 Grad gestiegen, und ich bin im Krankenhaus. „Nehmen Sie außer Antibiotika Medikamente? - Infliximab? Oh!”  Die junge Ärztin in der Notaufnahme kriegt Sehschlitze. „Okay, wir bringen sie jetzt nach oben.”
  Zwei Tage später, als der Oberarzt der Intensivstation zur Visite kommt, bin ich vollverkabelt, in jeder verfügbaren Vene steckt ein Schlauch. Aber ich weiß immerhin wieder, wie ich heiße. „Ihr Thorax- Computertomogramm hat uns überhaupt nicht gefallen. Sie haben eine atypische Lungenentzündung, aber ich glaube, wir haben Glück.” Nach fünf Tagen Intensivstation und insgesamt 15 Gramm Antibiotika kann ich das erste Mal die vier Schritte zum Waschbecken ohne Sauerstoffschlauch vor der Nase zurücklegen. Mich schwindelt von der Anstrengung und weil der Oberarzt den Satz sagt, den ich gefürchtet habe: „Ich frage mich, ob man Ihnen Infliximab weiter geben darf.”
  Leider stellt sich auch Perniok diese Frage. „Ich muss mir das überlegen”, sagt er, als ich mich aus der Klinik zurückmelde. „Vielleicht ist das Risiko einfach zu groß.” Was ich nicht weiß, ist, dass zu dieser Zeit ein anderer Inflixirnab-Patient in seiner Kölner Klinik seit fast drei Wochen mit einer Lungenentzündung zwischen Leben und Tod schwebt. Eine Woche später hat sich Perniok entschieden. Ich darf weiter kommen. „Aber Sie werden erst richtig gesund, wir warten noch ein paar Wochen ab bis zur nächsten Infusion.”
   Vier Wochen und 400 Milligramm Infliximab später ist meine Augendoktorin „sehr zufrieden” mit mir. Und auch ihr Chef Brunner hat Hoffnung: „Den Krieg haben wir noch nicht gewonnen, aber das ist ein Etappensieg.” Die Frontlinie in meiner Krankenakte verläuft jetzt bei Fernsicht: stabil, Nahsicht: verbessert, Gesichtsfeld: weiter verbessert. Kortison: nur noch 40 Milligramm täglich.
   Es ist Morgen, 6.12 Uhr, Hamburg Hauptbahnhof. Auf Gleis 13 geht wieder der Metropolitan nach Köln. Ein prima Zug, Frühstück und Tageszeitungen sind inbegriffen. Immerhin kann ich sie wieder lesen.
Dr.UlrichBahnsenDieZeit0405 

Uveitis_Kinder-xx    Uveitiskinder

„Ich denke nicht an meine Krankheit” Reiten als Therapie für „Uveitis-Kinder”

   Von einem Tag auf den anderen konnte die damals siebenjährige Linda an der Tafel nichts mehr erkennen. Ihr Augenarzt diagnostizierte: „Uveitis”. Ein Oberbegriff für Formen von Entzündungen des Augeninneren. Das war vor drei Jahren. Mittlerweile hat sie mit Brille noch eine Sehkraft von 30 Prozent. Über das Selbsthilfeprojekt „Uveitis-Kinder” traf sie sich am Wochenende auf der Farm „Ello” in Wersche zum therapeutischen Reiten mit anderen Betroffenen.
   „Wir wollen alle Sinne der Kindern schulen. Es ist ja wichtig - falls sie eines Tages wirklich blind werden sollten -, dass dann die anderen Sinne dann besonders gut funktionieren”, sagte Bettina Hinternesch aus Osnabrück. Ihre Tochter Eva erkrankte vor zweieinhalb Jahren an Uveitis. Ihr Leben änderte sich dadurch erheblich. „Bei den Kindern leiden die Eltern natürlich sehr mit. Und wie bei allen chronischen Krankheiten richtet man sein Leben danach ein”, erzählte Bettina Hinternesch. Der Austausch von Erfahrungen mit anderen sei deshalb sehr wichtig. Während also die Kinder mit den Pferden auf „Ello” spielten, nahmen sich die Erwachsenen die Zeit, um sich in Ruhe zu unterhalten. Die 14-jährige Tanja genoss unterdessen ihr Wochenende in vollen Zügen. Zusammen mit Eva flocht sie dem Pferd Janosch Zöpfchen in die Mähne und in den Schwanz. „Ich reite sonst auch. Es ist einfach toll. Ich denke hier gar nicht an meine Krankheit, sondern nur an die Pferde”, sagte sie. Tanja leidet seit zehn Jahren an Uveitis, mittlerweile hat sie zusätzlich starkes Rheuma. Die beiden Krankheiten gehen oft miteinander einher. Inzwischen ist Tanja auf einem Auge blind, mit dem anderen erreicht sie dank guter Medikamenten- einstellung und Operationen die volle Sehkraft.
   Die Kinder nehmen starke Medikamente gegen Uveitis. Bei schwerem Verlauf wird die Krankheit mit Kortison oder Immunsuppressiva behandelt. „Die Medikamente haben Nebenwirkungen. Die Abwehr der Kinder dagegen ist enorm groß. Bei Tanja dürfen wir die Spritze, die sie wöchentlich bekommt, nicht erwähnen”, erzählt Tanjas Mutter Marion Mehrfort. Doch an diesem Wochenende gerieten die Hänseleien der Mitschüler, die Nebenwirkungen der Medikamente und die Angst vor weiteren Krank- heitsschüben zumindest bei den Kindern kurzzeitig in Vergessen- heit .„Die Kinder sollen Spass haben”, sagte Bettina Hinternesch. kahNOZFotoElviraParton050621

  kbwn:Uveitis

[kbwn] [Blindenwerk] [Reisen Fahrten] [Hörbücher] [Heilung] ["Lasik"] [Makula] [Retina] [Experten-Rat] [Uveitis] [Test] [Hornhaut] [Glaukom] [Grauer Star] [Forschung] [Diabetes] [Diabetes & Auge] [Altersdiabetes] [Diabetes-Test] [Augenärzte] [nachtblind] [HiTech] [Kirche] [Vatikan] [Glaube & Leben] [weltweite Kirche] [Himmel & Erde] [Dialog der Religionen] [Recht] [Alterssicherung]