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Dialog-Initiative des Papstes an Atheisten

Foto: Kardinal Gianfranco Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur, im Akropolis Museum
Vatikan: Gespräche mit Atheisten Der deutsche Papst pflegt ausschließlich den Dialog mit Traditionalisten, heißt es mancherorts, seit Benedikt XVI. die Gespräche mit den Schismatikern der Piusbruderschaft wieder aufgenommen hat. Weit weniger von sich reden macht die Dialog-Initiative des Papstes an Atheisten. „Vorhof der Völker“ heißt die Einrichtung, die Kardinal Gianfranco Ravasi, Präsident des päpstlichen Kulturrates, auf direkte Anregung des Papstes ins Leben gerufen hat. Am 24. März 2011, ist der „Vorhof der Völker“ in Paris gestartet. „Ich denke, eine Art „Vorhof der Völker“ müsste die Kirche auch heute auftun, wo Menschen irgendwie sich an Gott anhängen können, ohne ihn zu kennen und ehe sie den Zugang zum Geheimnis gefunden haben, dem das innere Leben der Kirche dient. Zum Dialog der Religionen muss heute vor allem auch das Gespräch mit denen hinzutreten, denen die Religionen fremd sind, denen Gott unbekannt ist und die doch nicht einfach ohne Gott bleiben, ihn wenigstens als Unbekannten dennoch anrühren möchten.“ Das sagte Papst Benedikt am 21. Dezember 2009 in seiner Weihnachtsansprache vor den Kardinälen und der Kurie. Der „Vorhof der Völker“, das war jener große Platz vor dem Jerusalemer Tempel, den alle betreten durften, Juden wie Nichtjuden Foto unten.
Der Tempel war das Haus Gottes, aber er diente nicht dem Gottesdienst. Wenn gesagt wird, jemand sei „in den Tempel" gegangen, so sind damit die Vorhöfe gemeint. Deshalb auch legte Herodes der Große (73–4 v. Chr.) beim Neubau des Tempels vor allem auf die Vorhöfe Gewicht. Am Tempelhaus selbst vergrößerte er nur die Vorhalle. Hingegen wurde der Brandopferaltar nun von zwei Vorhöfen für die jüdischen Männer und die jüdischen Frauen umgeben, vor allem aber von einem gewaltigen „Vorhof der Völker", der Nichtjuden, der ein unregelmäßiges Viereck von ungefähr 475-300 Metern bildete. Er war auf allen vier Seiten von Säulenhallen umgeben.
Ein Steingitter erhob sich in der Mitte des Hofes und trennte den äußeren vom inneren Bereich ab. Zum inneren Tempelbezirk hatten ausschließlich Juden Zutritt. Steintafeln, die bei archäologischen Grabungen gefunden wurden, wiesen die Heiden auf diesen Sachverhalt hin und drohten ihnen den Tod an, sowie sie sich in den heiligen Bezirk des Jerusalemer Tempelhofes vorwagten. Christus machte Schluss mit der Todesstrafe für Heiden, die Gott suchten. Er riss, wie Paulus schrieb, „durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder“. Gläubige und Nichtgläubige heute „stehen auf verschiedenen Arealen, aber sie sollen sich nicht auf sakralen oder laizistischen Inseln einschließen, sich wechselseitig ignorieren oder, schlimmer noch, einander Fratzen schneiden und Beschuldigungen austau- schen, wie es Fundamentalisten beider Lager gerne hätten“, erklärt Kardinal Gianfranco Ravasi in einem Artikel für die Vatikanzeitung „L´Osservatore Romano“. „Sicher, man soll die Differenzen nicht einfach einebnen und über die verschiedenen Auffassungen nicht einfach hinwegsehen. Die Füße stehen in verschiedenen Vorhöfen, aber die Gedanken und Wörter, die Werke und die Entscheidungen können gegeneinander antreten und sich sogar kreuzen.“ In einem Wortspiel regt Ravasi statt eines „Duells“ zwischen Christen und Nichtglaubenden ein „Duett“ an, in dem etwa Bass und Sopran harmonisch zusammenklingen, ohne deshalb ihre Identität aufzugeben, also „in einem vagen ideo- logischen Synkretismus zu verblassen“. Dem Austausch zwischen den „Vorhöfen“ müsse auf beiden Seiten eine Entscheidung zur Reinigung der Grundkonzepte vorangehen, schreibt Ravasi weiter. Die Nichtglaubenden sollten edle Ideale wiederfinden und sich nicht in politisch-ideologischen Systemen einkapseln, noch in eine „Vergötzung der Dinge“ oder einen „verächtlichen, sarkastischen und kindisch ketzerhaften Atheismus“ verfallen. Der Glaube hingegen müsse „seine Größe wiederfinden, die sich in Jahrhunderten hohen Denkens“ äußerte, er müsse den „schnellen Weg der Frömmigkeit oder des Fundamentalismus“ meiden und klarlegen, dass die Theologie ihr eigenes, strenges, methodisches Regelwerk habe, parallel zu jenem der Naturwissenschaft. Gemeinsame Themen zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden gebe es genug, schreibt Ravasi: Ethik, Anthropologie, Spiritualität, die „letzten Fragen“ über Leben und Tod, Gut und Böse, Liebe und Schmerz, Wahrheit und Lüge, Friede und Natur, Transzendenz und Immanenz. „Ohne Konversionen zu erwarten“ und ohne ein Abgleiten in die Banalität und ins Stereotyp könnten „Nichtglaubende und Christen, deren „Vorhöfe“ in der modernen Stadt Seite an Seite liegen – Übereinstimmungen und Harmonien auch in ihrer Ungleichheit finden; sie können ihre selbstbezogene und polemische Sprache ablegen und den Blick einer Menschheit, die sich zu oft nur über das Unmittelbare beugt, das Oberflächliche, das Unbedeutende, auf Höheres richten, auf das Sein in seiner Fülle.“ Der "Vorhof der Völker" ist eine Einrichtung, die am päpstlichen Kulturrat in Rom angesiedelt ist. Am 24. März, hat sie ihre Arbeit mit einem zweitägigen Festakt in Paris aufgenommen, am Sitz der UNO-Kulturorganisation Unesco Fotos unten.

In der „Unesco” in Paris Fotos oben ist am 24. März 2011 die Vatikan-Stiftung „Vorhof der Völker” feierlich eröffnet. Der Päpstliche Kulturrat erweckt mit dieser Initiative in gewisser Weise das frühere Vatikan-Sekre- tariat für die Nichtglaubenden zum Leben, das in den neunziger Jahren im Kulturrat „aufgegangen“ war. Dass das Gespräch mit den Nichtglaubenden in der Pariser Unesco begonnen wird, macht klar: Der Vatikan zielt von Anfang an hoch. Er will das Herz der zeitgenössischen Kultur erreichen, für das die Kultur- und Wissenschaftsorganisation der Vereinten Nationen steht. Auch die weiteren Stationen des Gesprächs, nämlich Sorbonne-Universität und „Académie francaise“, zeigen, dass der Heilige Stuhl sich mit der Gottesfrage direkt an die intellektuelle Szene von Paris wendet, die noch von altem Ruhm aus den Zeiten Sartres zehrt. Inner- kirchlich wirkt es schlau, dass das „Centre des Bernardins“, an dem auch schon der Papst zu Besuch war, von Anfang an mit eingebunden ist: Diese Einrichtung versucht nämlich im Herzen von Paris täglich den Brücken- schlag des Katholischen hinüber in die akademische und intellektuelle Stadt, sie könnte das Anliegen des „Vorhofs der Völker“ hier verstetigen. RV110324sk

Kardinal Ravasi erklärt die Einzelheiten: „Es ist ein komplexes Ereignis mit vier Hauptmomenten. Erstens: An der Sorbonne-Universität Foto findet ein Gespräch zwischen Intellektuellen statt. Zweitens, an der Unesco wird die sozio-politisch-kulturelle Dimension des Dialogs von Glaubenden und Nichtglaubenden verhandelt.

An der Französischen Akademie Foto oben debattieren, drittens, die Angehörigen dieser hochexklusiven Einrichtung. Und da wir den „Vorhof der Völker“ wirklich auch räumlich auffassen wollten, laden wir - viertens auf dem großen Platz vor der Basilika Notre Dame die Jugendlichen zum Mitfeiern ein Foto unten.
Benedikt XVI. vor Notre Dame 2008 
Wer will, kann dann vielleicht auch diesen Vorhof durchschreiten und in den Tempel selbst eintreten. Dort bereitet die Gemeinschaft von Taizé ein Gebet vor, um auch den Nichtglaubenden zu zeigen, wie Gläubige ihren Gott anrufen.“ Die Feier für die Jugendlichen steht unter dem Motto "im Hof des Unbekannten" und bietet Musik, Kunst, Theater und Lichtshows, wird also einen ausgesprochenen Partycharakter haben. Auch der Papst mischt sich unter die Menge, zumindest indirekt: Benedikt XVI. wird sich per Videobotschaft an die Jugendlichen wenden, kündigte Kardinal Ravasi an. Beobachter bescheinigen dem norditalienischen Kirchenmann viel Energie beim Beschreiten neuer, im Vatikan noch nie gegangener Wege. Im Gespräch mit uns freut sich Ravasi darüber, dass sich der „Vorhof der Völker“ in noch gar nicht absehbare Richtungen entwickelt. „Das Interesse, das dieses Vorhaben erweckt, war überraschend auch für mich selbst, der ich am Anfang sogar gezögert habe und das Ganze zwar in Paris als städtischem Sinnbild der Laizität ansiedeln wollte, aber in einem katholischen Ambiente wie dem College des Bernardins. Dann aber habe ich gesehen, wie sich das Vorhaben verzweigt und ausweitet, und dieser Prozess setzt sich weiter fort. Unsere Aufgabe ist es jetzt, dem nachzugehen, aber vor allem zuzulassen, dass auch andere das tun.“ Der „Vorhof der Völker“ wird auf diese Art vermutlich das erste Vatikan-Büro, das tatsächlich den Vatikan verlässt und dort seiner Aufgabe nachgeht, wo die anvisierten Gesprächspartner – die Nicht- glaubenden – zu Hause sind. „Wir denken an Tirana, wir denken an Stockholm, wo eine ähnliche Initiative nächsten November stattfinden könnte. Das wird besonders, denn die Schutzherrschaft hat ja nun der Päpstliche Kulturrat, aber es werden lutherische Theologen und Gläubige präsent sein. In den USA haben Chicago und Washington Interesse signalisiert. Und man könnte auch in Länder gehen, wo der Katholizismus nicht sehr präsent ist, aber statt dessen eine andere Form von Religiosität: wir denken an Asien.“ Papst Benedikt hat vor wenigen Monaten auch einen Rat für die Neuevangelisierung ins Leben gerufen. Dieser möchte das Gespräch mit Fernstehenden in längst missionierten, inzwischen säkularisierten Gebieten wieder anknüpfen. Für den Dialog mit den Nichtglaubenden ist hingegen seit 1993 der päpstliche Kulturrat zuständig. Davor gab es ein eigenes damit befasstes Büro, den Päpstlichen Rat für die Nichtglaubenden. Johannes Paul II. legte die beiden Räte zusammen. Sein Vorgänger Paul VI. hatte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 das Sekretariat – den späteren Rat - für die Nichtglaubenden eingerichtet. Einer der Leiter dieser Kurienbehörde war der Wiener Kardinal Franz König. RV110224gs
Vatikan: „Aggressive Atheisten” (noch) unerwünscht im „Vorhof der Völker”
Jetzt macht die katholische Kirche einen großen Schritt auf alle Nichtglaubenden zu: Es ist in Paris die Stiftung „Vorhof der Völker“ gegründet. Sie will das Gespräch mit allen Nichtglaubenden suchen – auf intellektueller Ebene und darüber hinaus. Einzelheiten der Initiative wurden im Vatikan von Kardinal Gianfranco Ravasi vorgestellt, dem Leiter des Päpstlichen Kulturrates. „Es gibt Nichtglaubende, die für das Thema des Unbekannten Gottes eine Leidenschaft aufbringen, welche auch uns aufrütteln sollte. Was wir mit dem „Vorhof der Völker“ planen, ist keine Evangelisierung, sondern eine Art gegenseitiger Verkündigung.“ Die Stiftung wurde zunächst am Hauptsitz der Unesco in Paris lanciert; dann folgten Gesprächsrunden an der Sorbonne und der „Académie francaise“. Ein bunter Abend auf dem Vorplatz von Notre-Dame hat das Anliegen dann am Freitagabend unter die Leute gebracht – dazu gab es auch eine vorab aufgezeichnete Papst- Ansprache. Kardinal Ravasi freute sich auf alle, die aufrichtig das Gespräch über den „Unbekannten Gott“ suchen, über Glauben und Nichtglauben. „Etwas, was wir bisher noch nicht angegangen sind, obwohl wir ständig – und zwar auch polemisch – dazu aufgefordert werden, ist: das Gespräch mit den aggressiveren Formen des heutigen Atheismus zu suchen. Dieser weite Bereich fällt natürlich numerisch gesehen sehr viel mehr ins Gewicht als der Bereich, für den wir unseren „Vorhof der Völker“ einrichten, und auch wenn er die Fragen manchmal in provokanter oder auch oberflächlicher Weise stellt, bleiben das doch Fragen, die die Christen von heute angehen. Diese Formen des Atheismus werden wir auch einmal treffen müssen, auch wenn sie hin und wieder fast auf fundamentalistische Weise auftreten. Diese spätere Phase wird für uns delikater und komplexer sein – wir sind da noch in der Nachdenk-Phase.“ RV110318sk

„Vorhof der Völker“ in Paris gegründet – „Eigentlich geht es um den Menschen“
Mit einem Festakt in Paris hat das Gespräch zwischen Katholiken und Nichtglaubenden neue Fahrt auf- genommen: Am 24. März 2011 hob der Päpstliche Kulturrat am Sitz der UNESCO die Stiftung „Vorhof der Völker“ aus der Taufe. Kirchenleute, Politiker und Intellektuelle standen dabei Pate. Der „Vorhof der Völker“ soll in den nächsten Jahren vor allem in den westlichen Gesellschaften neu die Gottesfrage aufwerfen. Stefan Kempis war in Paris dabei. „Auch wenn ich die Prüfung mehrmals wiederholen musste, bis ich sie bestand – ich habe ein Diplom in wissenschaftlichem Atheismus.“ Das erzählte der tschechische Diplomat Pavel Fischer seinen Zuhörern bei der UNESCO. Damit hatte er zwar die Lacher auf seiner Seite, aber sein Thema war eigentlich ernst: Fischer berichtete, wie er als gläubiger Mensch die Schikanen eines atheistischen Regimes erlebte, damals in der Tschechoslowakei. So war etwa sein Fortkommen in der Schule gefährdet, weil er als Einziger seiner Klasse nicht bei den Jungen Kommunisten eingeschrieben war. „In gewisser Weise haben wir damals ohne Tempel gelebt – wir waren aus dem Tempel Vertriebene. Wir wohnten im Vorhof der Völker und mussten uns mit den so genannten Heiden dort arrangieren. Wir hatten keinen Bischof an der Spitze, sondern einen Parteisekretär, der die Kirche kontrollierte – aber dieses Vakuum, dieser Verlust des Tempels, zwang uns, zusammen mit den anderen zu marschieren und sensibel zu bleiben.“ Auch die UNESCO-Generalsekretärin Irina Bukova erinnerte per Videobotschaft an ihre Vergangenheit hinter dem Eisernen Vorhang, um zu bekräftigen, wie wichtig das Gespräch zwischen Glaubenden und Nichtglauben- den auch heute sein kann. Dieser Dialog antworte auf die starke „anthropologische Krise“ der Menschheit in Zeiten der Globalisierung, formulierte der Schriftsteller und Philosoph Fabrice Hadjadj, ein zum Christentum übergetretener Jude, prägnant wie kein anderer. „Es geht um nicht weniger als die Definition des Menschen – und damit auch um seine Zukunft. Der Mensch als Mängelwesen sucht von Natur aus nach einem Sinn, der jenseits von ihm liegt, aber wie kann er ihn er- reichen? Durch die Kultur und die Offenheit zur Transzendenz, oder aber durch Technik und Genmanipulation? Durch das Mysterium des Wortes, oder durch den Willen zur Macht? Durch den Versuch, Probleme zu lösen, oder durch die Erkenntnis, vor einem Mysterium zu stehen? Liegt die Größe des Menschen in der technischen Vereinfachung des Lebens, ist er eine Art Super-Tier, das man technisch noch etwas verbessern muss … oder liegt seine Größe nicht doch in seiner Zerrissenheit, in dieser Offenheit eines Schreis zum Himmel hinauf?“ Auch die Politik braucht das Gespräch zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden, die ständige Selbst- vergewisserung über Werte – das betonte der frühere italienische Ministerpräsident Giuliano Amato. Er erinnerte an das berühmte Diktum des früheren deutschen Bundesverfassungsrichters Ernst Böckenförde, dass die Demokratie von Voraussetzungen lebt, die sie nicht selber schaffen kann: „Die Demokratie funktioniert nicht mehr, die Freiheit ist nicht mehr sie selbst, und wer von außen auf unsere Gesellschaften blickt, hat Recht, wenn er uns für krank einstuft! Wir müssen erst wieder neu lernen, dass Gut und Böse zwei verschiedene Dinge sind. Wir müssen erst wieder lernen – erlauben Sie mir diese Bemerkung – dass der Unterschied zwischen Freiheit und Prostitution ein sichtbarer, spürbarer sein muss! Oder dass es ein gigantischer Unterschied ist, ob junge Leute sich durch ihre Kompetenz eine Zukunft aufbauen können oder aber dies durch ihren Körper tun müssen. Wer aus Anatolien zu uns kommt, hat keinen Grund, eine Gesell- schaft zu achten, in der dieser Unterschied nicht wirklich klar ist!“ Natürlich gab es beim Auftakt des „Vorhofs der Völker“ auch einige Momente, in denen die größte Gefahr des anvisierten Dialogs aufschien, nämlich die Beliebigkeit, die Folgenlosigkeit. So war noch keine Stunde vergan- gen, da hatte eine Rednerin schon mehr Rechte für Frauen gefordert. Doch eigentlich gewann das Gespräch zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden überraschend schnell an Kontur. „Fratello ateo, Bruder Atheist“, zitierte Kardinal Gianfranco Ravasi vom Päpstlichen Kulturrat einen italienischen Dichter: „Du bist auf der Suche nach einem Gott, den ich Dir nicht geben kann. Gehen wir zusammen!“ „Sprechen wir über das Geheimnis des Seins – über das Geheimnis all dessen, was uns umgibt und was auch in uns ist! Wittgenstein schreibt in einem seiner Traktate den Satz: Ich untersuchte die Umrisse einer Insel – und entdeckte die Grenzen des Ozeans. Das heißt: Wenn jemand am Strand entlanggeht und nur zu einer Seite schaut, sieht er nur Endliches, Begrenztes – die Insel. Aber an diesen Strand schlagen die Wellen des Ozeans! Und auch dahin muss ich schauen…“ An diesem 25. März 2011 lief das Gespräch von Glaubenden und Nichtglaubenden u.a. an der Pariser Sorbonne-Universität an: „Der Vatikan lädt sich selbst in die Sorbonne ein“, titelte dazu boshaft der „Figaro“. Schon jetzt sei die Initiative „ein deutlicher Erfolg“, schätzt die katholische Tageszeitung „La Croix“; die Kirche habe gezeigt, dass sie zahlreiche Intellektuelle auch von außerhalb des heiligen Bezirks zu mobilisieren wisse. „Aber“, so die Zeitung weiter, „auf der immensen Esplanade des Tempels gibt es noch viele schattige Ecken, wo sich all die aufhalten, die sich gar nicht trauen, die Gottesfrage aufzuwerfen.“ Und „La Croix“ verweist auf eine Umfrage, nach der 55 Prozent der Franzosen erklären, es sei eigentlich zu schwierig, von Gott zu sprechen. Dieselbe Umfrage zeigt, dass die Franzosen ziemlich genau in der Mitte geteilt sind in der Frage, ob die Dialog-Initiative des Vatikans eine gute Sache ist: 48 Prozent sagen ja, 49 Prozent sagen nein. Interessant: Von den praktizierenden Christen sprechen 92 Prozent von einer guten Initiative; bei den Nichtglaubenden sind es hingegen nur 32 Prozent, die dieses Gespräch für nützlich halten. RV110324sk

Vatikan/Frankreich: Gespräche mit Atheisten
Papst Benedikt XVI. hat Christen und Agnostiker zu respektvollem Umgang und zu einem Dialog über die großen Fragen der Menschheit aufgerufen. Gemeinsam könnten glaubende und nichtglaubende Menschen für eine Welt der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eintreten. Sie sollten Berührungsängste und gegenseitige Vorbehalte überwinden, forderte er in einer Videobotschaft. Die Ansprache wurde am Freitagabend bei einem Jugendtreffen in Paris veröffentlicht. Mit der Feier vor der Kathedrale Notre Dame ging die Auftaktveranstaltung einer neuen Vatikan-Initiative zum Dialog zwischen Christen und Atheisten zu Ende. Vor dem Fest von Notre Dame standen die ersten akademischen Debatten des „Vorhofs der Völker“: Die neue Dialogstiftung des Heiligen Stuhls gastierte an den beiden glänzendsten Adressen des intellektuellen Paris, nämlich an der „Académie Francaise“ und im Großen Auditorium der Sorbonne-Universität. Rv110326 Papst mahnt Christen und Agnostiker zum Dialog Papst Benedikt XVI. hat Christen und Agnostiker zu respektvollem Umgang und zu einem Dialog über die großen Fragen der Menschheit aufgerufen. Gemeinsam könnten glaubende und nichtglaubende Menschen für eine Welt der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eintreten. Sie sollten Berührungsängste und gegenseitige Vorbehalte überwinden, forderte er in einer Videobotschaft. Die Ansprache wurde bei einem Jugendtreffen in Paris veröffentlicht. Mit der Feier vor der Kathedrale Notre Dame ging die Auftaktveranstaltung einer neuen Vatikan-Initiative zum Dialog zwischen Christen und Atheisten zu Ende. Paris: Der Vorhof von Notre-Dame Mit einem Fest vor Notre Dame von Paris hat die neue Vatikanstiftung „Vorhof der Völker“ den ersten Praxistest „in freier Wildbahn“ bestanden. In Zelten vor der Kathedrale diskutierten Pariser aller Alters- gruppen angeregt über Glauben und Nichtglauben heute. Es war eine Atmosphäre wie auf einem Welt- jugendtag: Paddy Kelly heizte ein, Freiwillige verteilten Wasserflaschen und Brötchen, Ordensleute strichen gesprächsbereit über den Vorplatz von Notre Dame. Rv110326

Foto: Benedikt XVI. mit Kardinal André Vingt-Trois in Notre-Dame, bei einer Ansprache an die Jugend Die Botschaft des Papstes in autorisierter Übersetzung:
Liebe Jugendliche, liebe Freunde! Auf Einladung von Kardinal André Vingt-Trois, dem Erzbischof von Paris, und von Kardinal Gianfranco Ravasi, Foto ganz oben auf dieser Seite, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Kultur, habt ihr euch so zahlreich auf dem Vorplatz von Notre-Dame de Paris versammelt. Ich grüße euch alle, auch die Brüder und Freunde der Gemeinschaft von Taizé. Ich bin dem Päpstlichen Rat dankbar, dass er meinen Vorschlag, in der Kirche „Vorhöfe der Völker“ zu öffnen, aufgegriffen und weiterentwickelt hat. Der Vorhof steht als Symbol für den offenen Raum auf dem ausgedehnten Platz beim Tempel in Jerusalem, der es all jenen erlaubte, die nicht dem jüdischen Glauben angehörten, sich dem Tempel zu nähern und über Religion zu sprechen. An diesem Ort konnten sie den Schriftgelehrten begegnen, über den Glauben reden und auch zum unbekannten Gott beten. Damals war der Vorhof jedoch zugleich ein Ort des Ausschlusses, weil die „Heiden“ nicht das Recht hatten, den heiligen Raum zu betreten. Jesus Christus ist aber gekommen, um „durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft“ zwischen Juden und Heiden niederzureißen. „Er hob das Gesetz samt seinen Geboten und Forderungen auf, um die zwei in seiner Person zu dem einen neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden …“ Eph 2,14-17, wie uns der heilige Paulus sagt. Im Herzen dieser „Stadt der Lichter“, vor Notre-Dame de Paris, diesem wunderbaren Meisterwerk der reli- giösen Kultur Frankreichs, öffnet sich ein großer Platz, um der respektvollen und freundschaftlichen Begegnung von Menschen verschiedener Überzeugungen neue Impulse zu geben. Ihr Jugendlichen, gläubig und nicht- gläubig, die ihr hier versammelt seid, wollt einander heute Abend wie auch im täglichen Leben begegnen, um über die großen Fragen der menschlichen Existenz zu sprechen. Heutzutage betrachten sich viele als keiner Religion zugehörig, aber sie wünschen sich eine neue, freiere Welt, die gerechter und solidarischer ist, friedlicher und glücklicher. Ich wende mich an euch, weil es mir wichtig ist, was ihr euch zu sagen habt: Ihr Nichtgläubigen fordert von den Gläubigen, ein Lebenszeugnis zu geben, das mit ihrem Bekenntnis über- einstimmt, und jedes Zerrbild von Religion abzulehnen, das sie unmenschlich macht. Ihr Gläubigen wollt euren Freunden sagen, dass dieser Schatz, den ihr in euch tragt, es wert ist, ihn weiterzugeben, über ihn zu sprechen und über ihn nachzudenken. Die Frage Gottes ist keine Gefahr für die Gesellschaft, sie bringt nicht das menschliche Leben in Gefahr! Die Frage Gottes darf nicht bei den großen Fragen unserer Zeit fehlen. Liebe Freunde, ihr seid aufgerufen, zwischen euch Brücken zu bauen. Ihr wisst die Gelegenheit zu nutzen, die sich euch bietet, tief in eurem Bewusstsein, in gründlichen und vernünftigen Überlegungen Möglichkeiten eines wegbereitenden und tiefen Dialogs zu finden. Ihr habt einander viel zu sagen. Verschließt euch nicht den Herausforderungen und Problemen, die vor euch liegen. Ich glaube tief und fest daran, dass die Begegnung zwischen der Wirklichkeit des Glaubens und jener der Vernunft es dem Menschen ermöglicht, sich selbst zu finden. Zu oft jedoch beugt sich die Vernunft dem Druck der Interessen und dem Vorwand der Nützlichkeit, gezwungen, letztere als ultimative Begründung anzu- erkennen. Die Suche nach der Wahrheit ist nicht einfach. Ein jeder ist aufgerufen, sich mutig für die Wahrheit zu entscheiden, denn es gibt keine Abkürzungen zur Glückseligkeit und zur Schönheit eines erfüllten Lebens. Jesus sagt es im Evangelium: „Die Wahrheit wird euch befreien“ Joh 8,32. Es liegt an euch, liebe Jugendliche, in euren Ländern und in Europa dafür zu sorgen, dass Gläubige und Nichtgläubige den Weg des Gesprächs wieder finden. Die Religionen dürfen keine Angst vor echter Laizität haben, einer offenen Laizität, die es jedem erlaubt, seinen Glauben gemäß seinem Gewissen zu leben. Wenn es darum geht, eine Welt der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu schaffen, müssen Gläubige und Nicht- gläubige sich frei fühlen, sie selbst sein zu können, gleich in ihren Rechten, um ihr persönliches und gemein- schaftliches Leben in Treue zu ihren Überzeugungen führen zu können, und sie müssen untereinander Brüder sein. Einer der Gründe für diesen „Vorhof der Völker“ besteht darin, sich für diese Brüderlichkeit über alle Überzeugungen hinaus einzusetzen, ohne dabei die Unterschiede abzustreiten. Und – um noch tiefer zu gehen – anzuerkennen, dass nur Gott in Jesus Christus uns innerlich befreit und es uns schenkt, einander in Wahrheit als Brüder zu begegnen. Die erste anzunehmende Haltung oder Tat, die ihr gemeinsam setzen könnt, besteht darin, jeden Menschen zu respektieren, ihm zu helfen und ihn zu lieben, weil er ein Geschöpf Gottes ist und in gewisser Weise der Weg, der zu Gott führt. Wenn ihr das, was ihr heute Abend erlebt, verbreitet, tragt ihr dazu bei, die Mauern der Angst vor dem anderen, vor dem Fremden, vor dem, der euch nicht ähnlich ist, zu überwinden. Diese Angst entsteht oft aus dem gegenseitigen Unwissen, aus der Skepsis oder der Gleichgültigkeit. Achtet darauf, ohne Unterschied die Bande unter allen Jugendlichen zu festigen und vor allem auch jene nicht zu vergessen, die in Armut oder Einsamkeit leben, die unter Arbeitslosigkeit oder Krankheit leiden oder sich am Rande der Gesellschaft fühlen. Liebe Jugendliche, ihr könnt nicht nur eure Lebenserfahrung miteinander teilen, sondern auch euren Zugang zum Gebet. Ihr Gläubigen und Nichtgläubigen auf diesem „Vorplatz des Unbekannten“, ihr seid eingeladen, auch in den heiligen Raum einzutreten, dieses wunderbare Portal von Notre-Dame zu durchschreiten und die Kathedrale für einen Augenblick des Gebets zu betreten. Für einige von euch wird dieses Gebet ein Gebet an einen Gott sein, den sie im Glauben kennen, aber für andere kann dies auch ein Gebet an einen unbekannten Gott sein. Liebe nichtglaubende Jugendliche, die ihr euch mit jenen vereint, die an diesem Tag der Verkün- digung des Herrn im Inneren von Notre-Dame beten, öffnet eure Herzen den Texten der Heiligen Schrift, lasst euch von der Schönheit der Gesänge berühren und, wenn ihr wirklich wollt, lasst zu, dass sich eure Gefühle zu dem unbekannten Gott erheben. Ich freue mich, dass ich mich am heutigen Abend zur Eröffnung des Vorhofs der Völker an euch wenden konnte. Ich hoffe, dass ihr auch an weiteren Treffen teilnehmen werdet, vor allem am Weltjugendtag in Madrid. Jener Gott, den die Gläubigen kennenlernen, lädt euch ein, ihn zu entdecken und immer mehr in ihm zu leben. Habt keine Angst! Auf dem Weg in eine neue Welt, den ihr zusammen geht, seid ihr Suchende des Absoluten und Suchende nach Gott – auch ihr, für die Gott ein unbekannter Gott ist. Er, der euch alle liebt, segne und beschütze euch. Er zählt auf euch, dass ihr füreinander und für die Zukunft Sorge tragt. Und ihr könnt auf Ihn zählen! 

Vorhof der Völker: Kardinal Ravasi zieht Bilanz
Brücken bauen zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen: Das war der Auftrag von Benedikt XVI. für die erste vatikanische Dialoginitiative des „Vorhofs der Völker“, die in Paris zu Ende gegangen ist. Der Präsident des Päpstlichen Rates für Kultur, Kardinal Gianfranco Ravasi, zieht nach der Premiere eine zufriedene Bilanz: „Sagen wir, dass die Stimmung in Paris vielleicht eine große Hilfe war, um die Gespräche zu beginnen. Vor allem im Hinblick auf den intellektuellen Anspruch war es ein sehr starkes und intensives Ereignis. In Paris hatten wir wirklich alle möglichen Aspekte dabei, von der Kultur, der Gesellschaft, der Wissenschaft und des Rechts, von der Kunst bis hin zur Spiritualität. Diesen derart breiten und komplexen Horizont wollen wir in ver- schiedenen Bereichen weiterentwickeln.“ Das nächste vatikanische Treffen zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen wird in Tirana, der Hauptstadt Albaniens, stattfinden. Für Ravasi ein Zeichen, handelt es sich dabei doch um das einzige Land weltweit, das den Atheismus als Staatsreligion in seiner Verfassung verankert hatte. Die aktuelle Entwicklung in Ländern Nordafrikas und des Nahen Osten sieht Ravasi hingegen voller Sorge: „Es besteht die Gefahr, dass sich ein Volk am Ende in einem Vakuum wiederfindet. Es will sich von der Theokratie befreien, welche die Laizität abgeschafft hat, indem sie sozusagen Thron und Altar vereint hat. Sollte ihnen das gelingen, droht eine innerliche Leere, ein Vakuum der generellen Ordnung, nicht nur religiöser und spiritueller Art, sondern auch ein kulturelles Vakuum. Deshalb glaube ich, dass das Thema der Laizität, der korrekten Laizität, in diesen Ländern von großer Bedeutung sein wird.“ Kardinal Ravasi hofft, dass diese Umstürze in Ländern Nordafrikas und dem Nahen Osten auch uns neu zu denken geben werden, was das Thema der Laizität, also der Trennung von Kirche und Staat, betrifft. Denn die Laizität sei auch eines der grundlegenden Themen des Dialogs zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen. Rv110328ak

Parvis von Paris: Der Vorhof von Notre-Dame
Mit einem Fest vor Notre Dame von Paris hat die neue Vatikanstiftung „Vorhof der Völker“ in der Nacht zum 27. März 2011 den ersten Praxistest „in freier Wildbahn“ bestanden. In Zelten vor der Kathedrale diskutierten Pariser aller Altersgruppen angeregt über Glauben und Nichtglauben heute. Es war eine Atmosphäre wie auf einem Weltjugendtag: Paddy Kelly heizte ein, Freiwillige verteilten Wasser- flaschen und Brötchen, Ordensleute strichen gesprächsbereit über den Vorplatz von Notre Dame. Viele Pariser und auch Touristen waren wohl aus Neugier gekommen, standen im Schutz der Dunkelheit und sahen dem Treiben zu, unter ihnen auch Jugendliche aus den Banlieues. Am Portal von Notre Dame patrouillierten einige bewaffnete Soldaten – kleine Erinnerung daran, dass Frankreich derzeit einen Krieg in Libyen führt. In vier großen weißen Party-Zelten am Rand des Platzes gab es Gesprächskreise zu Themen wie Krankheit, Liebe oder Tod. Dass die Debatten gleich in Fahrt kamen, dafür sorgten prominente Gäste, darunter ein Astro-Physiker, ein Klostergründer und eine Skandalautorin.
Dialogzelt auf dem Parvis
Foto oben: Dialogzelt auf dem Parvis vor Notre Dame mit Frigide Barjot und Thierry Bizot. Foto unten: Notre-Dame: Frère Aloïs, Prior von Taizé, Kardinal Gianfranco Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur und Kardinal André Vingt-Trois, Erzbischof von Paris.
Gebetszelt vor Notre Dame 
Fünf Millionen Menschen besuchten jedes Jahr den Vorplatz seiner Kathedrale, erzählte der Pariser Kardinal André Vingt-Trois bei einem Podiumsgespräch. Und nicht zum ersten Mal nutzen die Katholiken der Hauptstadt diesen so genannten „Parvis“ als Forum für Veranstaltungen. Auch wenn so etwas im streng laizistischen Frankreich von vielen nicht gern gesehen wird. Wolfgang Sedlmeier, der deutsche Pfarrer in Paris: „Ich erlebe es so, dass der frühere Erzbischof von Paris, Kardinal Lustiger, gesagt hat: Wir müssen in die Offensive und in die Öffentlichkeit kommen, und damit angefangen hat, salopp gesagt diesen Vorhof von Notre Dame zu „bespielen“. Das ist ein Zeichen, das sich in den letzten zwanzig oder 25 Jahren etabliert hat; die Priesterweihe beginnt draußen, der Wortgottesdienst findet draußen statt vor Notre Dame, um zu sagen: Hallo, wir feiern ein großes Fest! Und dann zieht man zum Weihegottesdienst in die Kathedrale ein.“ Der Vorhof von Notre Dame ist also ein Ort, den sich die Katholiken von Paris zur Selbstdarstellung erst einmal erobern mussten. „Ich finde, das ist anfangs ein sehr mutiges Zeichen gewesen, und jetzt ist das etwas, das zeigt: Wir als Katholiken positionieren uns in dieser Gesellschaft, wir wollen präsent sein und haben auch etwas zu sagen!“ In der Nacht wurde der Vorplatz von Notre Dame zu einem suggestiven Bild für das, was der Vatikan mit seinem „Vorhof der Völker“ will: Menschen draußen ansprechen, sich für sie interessieren, sie aber auch ein- laden, einmal die Tempelschwelle zu überschreiten. Auf Großleinwänden lief ein Film über die Entstehung des Universums und des Lebens, direkt danach erschien der Papst im Bild und hielt auf sehr sanfte Art eine Ansprache, die offenbar bei schönstem römischem Sommerwetter aufgezeichnet war – ein seltsamer Kontrast zum dunklen Parvis von Paris. Später rang auf der Leinwand ein moderner Hiob mit dem Unbekannten Gott. Wer sich der gotischen Kathedrale näherte, dem drückten junge Helfer eine Kerze und einen Gesangzettel in die Hand. Das nur spärlich erleuchtete Innere war voll von Menschen, viele saßen einfach auf dem Fußboden; vor dem Hauptaltar Dutzende von brennenden Kerzen, und dazu die leisen Gesänge der Gemeinschaft von Taizé. Nichts einfacher, als in dieser Nacht vom Vorhof der Völker aus direkt ins Heiligtum hineinzuwandern. RV110326StefanKempis

Das nächste große Symposium der Vatikanstiftung „Vorhof der Völker“ findet in Bukarest statt Kardinal Gianfranco Ravasi Foto links vom Päpstlichen Kulturrat eröffnet die zweitägigen Arbeiten am 11. Oktober mit einer öffentlichen Debatte mit dem Schriftsteller Horia-Roman Patapievici Foto rechts. Der „Vorhof der Völker“ 2012 will das Gespräch der katholischen Kirche mit Nichtglaubenden vorantreiben; er wendet sich vor allem an Intellektuelle in Europa. Gestartet war die Initiative im Frühjahr in Paris. RV111008apic

Die Vatikan-Stiftung „Vorhof der Völker“ tagt vom 14. bis 16. November in der Hauptstadt Albaniens in Tirana. An dem Treffen mit dem Titel „An was glaubt der, der nicht glaubt?“ werden zahlreiche religiöse, politische und akademische Würdenträger teilnehmen und referieren. Das Thema Arbeit soll dabei im Mittelpunkt stehen. Auch der Vorsitzende des Päpstlichen Kulturrates Gianfranco Ravasi hält verschiedene Ansprachen und Vorträge. Staatspräsident Bamir Topi und Ministerpräsident Sali Berisha werden ebenfalls anwesend sein. Die Stiftung war vom Päpstlichen Kulturrat gegründet worden. Sie soll den Dialog zwischen der katholischen Kirche und Nichtgläubigen fördern. Rv111112 Das Foto zeigt die Kathedrale Sankt Paulus in der Hauptstadt Albaniens.
Vorhof der Völker: Wenn ein Katholik Professor für Atheismus ist
Der „Vorhof der Völker“ erweitert sich immer mehr: Im Oktober tagte die Vatikan-Stiftung, die diesen Namen trägt, noch in Albanien, danach war nun Florenz dran. Kardinal Gianfranco Ravasi vom Päpstlichen Kulturrat geht es darum, das Gespräch der katholischen Kirche mit Nichtglaubenden so richtig in Fahrt zu bringen. Gestartet war der „Vorhof der Völker“ im Frühjahr in Paris. „Wenn wir eine erste Bilanz ziehen wollen, dann können wir sagen, dass aus dieser Pariser Wurzel mittler- weile ein Baum herauswächst, dessen Wachsen wir gar nicht länger kontrollieren können. Wir werden ständig von verschiedensten Einrichtungen, meistens weltlichen Einrichtungen, angefragt, und da geht es um ein sehr buntes Themen-Spektrum, von der Kunst auf der einen Seite zu Recht, Wirtschaft, Bioethik oder Medizin auf der anderen, wissenschaftlichen Seite. Wir tagen demnächst in weiteren europäischen Städten: Barcelona, Stockholm, Tirana, Palermo, Marseille... und dann wächst der Baum noch weiter, hinüber nach USA, Kanada, Lateinamerika.“ Besonders freut sich der Kardinal auf die Debatten, die es in Tirana, der albanischen Hauptstadt, geben wird: Immerhin war das mal ein von seiner Verfassung her ausdrücklich atheistischer Staat, wie er betont. Auch heute gebe es an der dortigen Uni den Lehrstuhl für Atheismus, der derzeit allerdings mit einem Katholiken besetzt sei. Die Gefahr, dass sich der „Vorhof der Völker“ zu sehr auf akademische Debatten im Elfenbeinturm beschränkt, ohne aber Breitenwirkung zu erzielen, hat Ravasi durchaus im Auge. „Zum einen müssen wir natürlich schon reagieren auf die national populäre Art von Atheismus eines Hitchens oder Dawkins, die sich gewissermaßen über das christliche Credo lustig machen. Wir sollten auch systematisch und methodologisch eine Antwort finden auf den gewissermaßen praktischen Atheismus, der aus Gleichgültig- keit, Oberflächlichkeit, Banalität und Vulgarität besteht und unsere ganze Gesellschaft unterfüttert. Das wird unsere Hauptaufgabe sein. Und dann sollten wir auch nicht vergessen, dass die großen kulturellen und sozialen Veränderungen doch immer das Werk einer Elite sind.“ RV111018sk
Nach Bologna und Paris empfängt nun auch Florenz die Vatikanstiftung „Vorhof der Völker“ Der Abend steht unter dem Thema „Humanismus und Schönheit gestern und heute“ und findet im Palazzo Vecchio in Florenz statt. Der florentinische Abend beginnt mit zwei „Duetten“, die einen Beitrag zum Thema beisteuern. Zunächst treffen der Dramaturg Moni Ovadia und der Philosoph Sergio Givone aufeinander. Im Anschluss trifft der Dichter Erri de Luca auf den Kunsthistoriker Antonio Paolucci, den Direktor der Vatika- nischen Museen. Der Name „Vorhof der Völker“ knüpft an das Bild des antiken Tempel Jerusalems an, den jeder unabhängig von Sprache, Religion und Kultur frei betreten durfte. Demnach ist der Vorhof der Völker ein Ort, an dem man sich in gegenseitiger Anerkennung trifft. RV111013asca
Ianfranco Kardinal Ravasi Die Mafia im Vorhof der Völker
Papst Benedikt, der Denker, hat ihn angeregt. Kardinal Ravasi, der „Macher“, hat ihn umgesetzt: den „Vorhof der Völker“, jene wandernde Begegnungsstätte zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden, die der päpst- liche Kulturrat seit genau einem Jahr in verschiedenen Metropolen Europas und außerhalb veranstaltet. Es sind große Debattenforen über verschiedene Themen, die das Zusammenleben zwischen weltanschaulich hetero- genen Gruppen betreffen, Foren für Intellektuelle, gewiss, die sich punktuell aber auch Jugendlichen und allen anderen Interessierten öffnen. Der nächste „Vorhof der Völker“ findet Ende März in Palermo statt, und er wird im Zeichen der Mafia stehen. Kardinal Gianfranco Ravasi erklärt im Gespräch: „Palermo ist bedeutsam und auch originell wegen der beiden Stränge, die sich im Titel unserer Begegnung verflechten: Kultur der Legalität und multireligiöse Gesellschaft. Einerseits also das soziale Profil, die Legalität, die ununterbrochen von der Welt der Laien, Zivil, Politik, dekliniert wird. Die Legalität geht aber auch die spirituelle und religiöse Welt etwas an. Denken wir an die Märtyrer der Mafia, für die Palermo geradezu ein Sinnbild ist. Andererseits war Sizilien, wie seine Baudenkmäler zeigen, immer ein Kreuzungspunkt der Kulturen. Es ist in sich ein Zeugnis der Multireligiosität, des interreligiösen Dialogs.“ Die Wahl des Ortes Palermo für den nächsten Vorhof der Völker zeigt den Willen der Kirche, ihren Einsatz gegen illegales Verhalten und „jede Degeneration des Rechts" wieder zu beleben, erklärte Ravasi. Er erinnerte daran, dass die Mafia längst eine sehr vielgestaltige Realität ist. „Wenn man von der Mafia spricht, weiß man doch, dass das heute eine Definition von Phänomenen der Kriminalität, der Verletzung von Legalität und Recht ist, die Dimensionen weit jenseits der sizilianischen Mafia hat. Denken wir an die japanische Mafia. Wir müssen aber auch sagen, dass in der Stadt Palermo eine bestimmte Betriebsamkeit, ein Ferment da ist, da können wir von Institutionen wie der Antimafia reden, aber auch von pastoralen Zeugnissen. Viele solcher Einrichtungen werden übrigens am letzten Abend, der den Jugendlichen offen steht, anwesend sein. Sie zeigen, wie grundlegend die kirchliche moralische religiöse Dimension für den Schutz des Rechtes ist. Besonders weil der Schutz des Rechtes über das Gewissen des Einzelnen läuft. Und so lang man nicht ein neues Volk gebiert, besonders über den Weg der Bildung und der Jugendarbeit, kann man nicht wirklich sagen, dass sich eine neues Zeitalter einer besseren Zivilisation als die heutige auftut.“ Der Vorhof der Völker startete im März 2011 in Paris und gastierte seither unter anderem in Bukarest, Tirana und Rom. Rv120319gs
Der „Vorhof der Völker“ hat in Palermo Station gemacht. Bei den Debatten der Vatikanstiftung, die das Gespräch mit Nichtglaubenden sucht, ging es diesmal vor allem um die Themen Mafia und multireligiöse Gesellschaft. „Zu welchem Gott beten eigentlich die Mafiosi?“, lautete eine der behandelten Fragen. Der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, Kardinal Gianfranco Ravasi, betonte, dass Evangelium und Mafia nicht miteinander zu vereinbaren seien. Bei den verschiedenen Mafias, die in Italien verbreitet seien, handle es sich um „antichristliche Subkulturen“. Der „Vorhof der Völker“, zentrales Projekt des umtriebigen Ravasi, ist im März 2011 in Paris gestartet. Er gastiert alle paar Monate in einer anderen europäischen Stadt; auch Berlin soll demnächst einmal dran sein. Die Initiative soll außerdem auch einmal nach Süd- und Nordamerika ausgreifen. RV120331rv
Vorhof der Völker in Palermo: „Erziehung zum Frieden“ Die Frage nach Gott ist auch die Frage nach einer gerechten und gewaltlosen Gesellschaft. Das hat sich bei der jüngsten Station des „Vorhofs der Völker“ auf Sizilien deutlich gezeigt. Fragen wie: „Zu welchem Gott beten Mafiosi?“ und „Wie kann eine Erziehung zum Frieden aussehen?“ bestimmten die Debatten der Vatikan- stiftung, die in der vergangenen Woche in Palermo gastierte. Mit der mobilen Gesprächsplattform des Päpst- lichen Kulturrates, die seit März 2011 durch verschiedene europäische Städte tourt, sucht der Vatikan das Gespräch mit Nichtglaubenden. Neues Element der Initiative in Sizilien war die Teilnahme von Kindern, erzählt Kardinal Gianfranco Ravasi, Initiator des „Vorhofs der Völker“ und Präsident des Päpstlichen Kulturrates, im Interview mit Radio Vatikan: „Der Vorhof der Völker in Palermo könnte ein Modell auch für andere Städte werden, was die Dosierung der Teilnehmergruppen betrifft. Dass hier Kinder mit dabei waren, ist ein absolut originales und kreatives Element! Ebenso hat die Anwesenheit von Stimmen eines Volkes, das durch die Kriminalität niedergedrückt wurde, den Vorhof der Völker in Palermo geprägt, es waren Stimmen des Martyriums. Und weiter hatten wir mit den Begegnungen in der Universität natürlich einen Austausch auf hohem Niveau, bei dem es auch um Ent- scheidungen ging, die die Erziehung betreffen.“ Erziehung zu Zivilcourage und Gerechtigkeit – das ist ein Ansatz, um dem organisierten Verbrechen nicht nur in Sizilien nach und nach „den Saft abzudrehen“. Die Ordensfrau und Journalistin Fernanda Di Monte hat den „Vorhof der Kinder“, der Bestandteil der Vatikaninitiative in Palermo war, mit organisiert. In den Kursen und Workshops zum Thema Mafia, die sie in Palermo mit Schülern das ganze Jahr über durchführt, verbindet sich Aufklärungsarbeit mit neuen Ansätzen der Jugendpastoral. Keine großen Durchbrüche, sondern kleine Schritte zeichneten den Kampf gegen die Mafia im Erziehungsbereich aus, erklärt die Schwester im Interview mit Radio Vatikan: „Mein aktueller Kurs für Schüler der Mittelstufe hat das Motto ,die Mafia – erzählt, erlebt und besiegt‘. Es wird gelacht, wenn es heißt ,besiegt‘, doch für uns ist jeder Fortschritt der Jugendlichen im Denken ein Sieg. Zum Beispiel, wenn die jungen Leute beginnen, Fragen zu stellen. ,Ich lebe in einem Mafia-Umfeld und bin der einzige, der lernt und studiert‘, sagte mir zum Beispiel neulich ein Junge. Solche Ansätze fördern wir. Wir versuchen, davon zu überzeugen, dass der Weg der des Lernens ist und der, etwas Neues zu versuchen.“ RV120402pr
Rom führt weitere Gespräche mit Atheisten Der Vatikan will neue Gesprächsinitiativen mit Nichtglaubenden und Suchenden auch im deutschsprachigen Raum durchführen und plant dazu je eine Veranstaltung in Berlin sowie in Österreich. Das hat der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, Kardinal Gianfranco Ravasi, gegenüber österreichischen Journalisten in Rom an- gekündigt. Die jüngste Gesprächsrunde dieser Art, die im Rahmen der Stiftung „Vorhof der Völker" durch- geführt wird, hat Ende März in Palermo zur Mafiaproblematik und über den Wert der Rechtsstaatlichkeit stattgefunden. Für eine der nächsten Veranstaltungen in Berlin sei der Kulturrat bereits im Gespräch mit der Erzdiözese Berlin und der Stadt Berlin. In Österreich gebe es erste interessierte Gesprächspartner. Ort, Thema und Mitveranstalter seien aber noch offen. Sehr zufrieden zeigte sich Ravasi über die „positive Dynamik" dieser neuen Form des Gesprächs mit Agnostikern und Suchenden. Die nächsten Veranstaltungen seien für Barce- lona, Prag und dem portugiesischen Braga bereits in Vorbereitung. DT120419kap
Der Vatikan lädt fünf nicht-gläubige Intellektuelle nach Assisi ein.
Kardinal Gianfranco Ravasi, der den Päpstlichen Kulturrat leitet, will Persönlichkeiten „aus dem Bereich der Kultur, der Wissenschaft und der Philosophie einladen, die zu keiner verfassten Religion gehören und die stell- vertretend für all jene stehen, die kein Credo bekennen, aber dennoch eine ethisch-humanistische Sicht des Seins und der Existenz haben“. Das schreibt er in einem Artikel für den Osservatore Romano. Man dürfe zwar die „Diskordanz“ zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden nicht unterschätzen, doch bei dem Thema Gerechtigkeit und Frieden sei das Gespräch möglich. rv110709

Papst blickt voraus auf Assisi: Gebetsaufruf für den Frieden Mit einem Gebetsaufruf für den Frieden hat der Papst auf das Internationale Friedenstreffen von Assisi vorausgeblickt. Statt der Generalaudienz feierte er einen Wortgottesdienst mit Pilgern in der Audienzhalle. Zuvor grüßte Benedikt XVI. einen Teil der rund 25.000 Gläubigen im Petersdom, denn nicht alle Pilger fanden in der Audienzhalle Platz. Die eintägige interreligiöse Begegnung in Assisi, zu der 300 Religionsvertreter aus der ganzen Welt in die Stadt des heiligen Franziskus kommen, sei Zeichen des erneuerten gemeinsamen Ein- satzes der Religionen für den Weltfrieden. So brachte der Papst in seiner Predigt die Absicht des Treffens auf den Punkt, das von seinem Vorgänger Papst Johannes Paul II. initiiert worden war. „Ich habe diesem Tag den Titel „Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens“ gegeben: Das bedeutet, dass wir dort feierlich unseren Einsatz zur Förderung des wahren Wohls der Menschheit und des Aufbaus des Friedens erneuern – zusammen mit Vertretern verschiedener Religionen und auch mit nicht-glaubenden Menschen, die aber ehrlich nach der Wahrheit suchen.“ Eine Besonderheit des diesjährigen Treffens im Vergleich zu den vorhergehenden ist in der Tat die große Teil- nehmerzahl muslimischer Glaubensvertreter und die Einladung von Nicht-Glaubenden. Der Weg zu Gott be- deute notwendig zugleich Verbreitung des Friedens, so der Papst in seiner Predigt weiter, und das Gebet sei der „kostbarste Beitrag“ der Christen für dieses Ziel. Der Glaube an Gott schaffe eine Einheit jenseits der Grenzen zwischen Völkern, Sprachen und Kulturen, so der Papst. Dieses Zeugnis sei heute in den christlichen Gemeinschaften weltweit lebendig, sie bildeten in der Welt „Inseln des Friedens“, so der Papst. Er hoffe, dass das Treffen in Assisi zum Dialog der Religionen und somit zum Frieden beitragen könne, sagte der Papst einen Tag vor der internationalen Begegnung: „Liebe Brüder und Schwestern, als Christen wollen wir Gott um das Geschenk des Friedens bitten, bitten wir ihn darum, dass er uns zu Instrumenten seines Friedens macht in einer Welt, die immer noch zerrissen ist von Hass, Spaltungen, Egoismen, Kriegen. Bitten wir Ihn, dass das Treffen von Assisi den Dialog zwischen Per- sonen verschiedener religiöser Zugehörigkeiten fördert und dazu beiträgt, Geist und Herz aller Menschen zu erleuchten – damit der Groll der Vergebung, die Trennung der Versöhnung, der Hass der Liebe, die Gewalt der Güte weicht und in der Welt Frieden herrsche. Amen.“ rv 111026pr Kardinal Tauran Foto oben: Suche nach Wahrheit ist nicht nur Sache der Christen „Assisi drei“ ist im Anliegen gleich wie „Assisi eins“ vor 25 Jahren. Das betont der päpstliche Verantwortliche für den interreligiösen Dialog, Kardinal Jean Louis Tauran. Am Tag vor der großen Pilgerfahrt der Religionen nach Assisi erinnert der französische Kardinal an die Worte, die Papst Benedikt wählte, um das Treffen näher zu kennzeichnen: „Wer unterwegs zu Gott ist, kann nicht umhin, den Frieden zu vermitteln, wer den Frieden aufbaut, kann nicht umhin, sich Gott zu nähern“, sagte Benedikt XVI. Der Papst will mit Assisi drei Dinge erreichen, so Tauran im Gespräch mit Radio Vatikan: „Er will zeigen, dass es andere Wege als den bewaffneten Kampf gibt, um seine Rechte einzufordern. Das Gebet, das - jenseits der Verschiedenheit der Religionen - eine Beziehung mit einer höheren Macht ausdrückt, die unsere menschlichen Fähigkeiten übersteigt.“ Zweitens: „Indem der Papst das praktiziert, was allen spirituellen Familien gemeinsam ist, das Gebet, das Fasten und das Pilgern, zeigt er, dass die Religionen Faktoren des Friedens sind, dass der Frieden die Wahrheit voraussetzt, dass die Gläubigen und die Wahrheitssucher alle auf dem Weg zur Erleuchtung sind und dass die Suche nach Wahrheit nicht ausschließlich die Sache der Christen ist.“ Drittens werde Assisi in der Ausführung leicht andere Akzente setzen: „Was die Methode anlangt, wird man diesmal mehr Zeit fürs Nachdenken haben. Die Stille wird zum Gebet. Und die, die wir Agnostiker nennen, werden erstmals teilnehmen. Das ist das Neue an „Assisi drei“. rv 111026gs
Pilger des Friedens: Benedikt XVI. in Assisi
Der Papst reiste mit einem Sonderzug vom Bahnhof der Vatikanstadt nach Umbrien. An Bord des italienischen Schnellzugs vom Typ „Frecciargento“, übersetzt Silberpfeil, verließen das katholische Oberhaupt und die übri- gen Teilnehmer um 8.00 Uhr den Vatikan. Weil das kurze vatikanische Schienennetz keine Oberleitung hat, wurde der Zug von einer Diesellok zum benachbarten römischen Bahnhof San Pietro gezogen. Mit dem Papst reisten 300 Delegierte aus 31 christlichen Kirchen und von zwölf Weltreligionen. Schon eine Stunde vor Abfahrt belebten orthodoxe und islamische Würdenträger, buddhistische Mönche sowie römisch-katholische Bischöfe und Kardinäle den einzigen Bahnsteig des Vatikans. Als Letzter bestieg Benedikt XVI. den Zug, nachdem er zuvor den italienischen Verkehrsminister Altero Matteoli und zwei Bahnfunktionäre begrüßt hatte. Religionen rufen in Assisi zu religiöser Toleranz auf Der erste Weg des Pilgerreise für den Frieden führte die Delegationen in die Kirche Santa Maria degli Angeli in der Unterstadt von Assisi, dort, wo vor 800 Jahren der Franziskanerorden um eine kleine Kirche herum entstand. „Wir wollen Zeugnis ablegen für die Kraft der Religionen, ihren Beitrag für den Frieden zu leisten.“ So begann Kardinal Peter Turkson den Reigen der Wortmeldungen. Und er gab den Ton vor, dem die übrigen Sprecher folgten. Bartholomaios I., ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, sprach vom Keim der Ver- wandlung, den jede Religion in sich trage. Olav Fykse Tveit – Generalsekretär des Weltkirchenrates – richtete seinen Blick auf die nachfolgenden Generationen: Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit seinen Gefahren für den Frieden, man dürfe mit der Zukunft der Jugend nicht spielen. Philosophin Kristeva: „Wir bauen Brücken“ Das Friedenstreffen von Assisi ist nicht einfach nur eine Weiterführung einer Idee, es ist eine Weiterent- wicklung. Durch die Einladung an Nicht-Glaubende hat Benedikt XVI. dem Treffen eine eigene Prägung ge- geben. Neben zahlreichen Religionsvertretern, die in Assisi sprachen, äußerte sich als Vertreterin dieser Gruppe die in Paris lebende Philosophin, Psychoanalytikerin und Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva. Das Treffen von Assisi sei „eine Einladung“ und „ein Symbol“, sagte die gebürtige Bulgarin Julia Kristeva einen Tag vor der Begegnung in Assisi im Interview mit Radio Vatikan. Wörtlich sagte sie: „Wir werden uns nicht alle umarmen und sagen, wir sind Brüder und Schwestern und alle einer Meinung – es lebe der Frieden. Aber wir werden Besonderheiten aufzeigen und wir werden sagen: Wir versuchen, eine Brücke zu finden.“ Rv111027
Allain de Botton
Der gebürtige Schweizer Philosoph und Atheist Alain de Botton will im Londoner Finanzdistrikt einen Tempel für nichtgläubige Menschen errichten lassen. Das berichtet die Zeitung „The Guardian“. Zwar seien Atheisten in Kirchen oder Synagogen willkommen, aber diese Gebäude seien immer noch Orte des Glaubens und damit nicht der richtige Platz für Menschen, die nicht an Gott glaubten, so Alain de Botton. Atheisten hätten aber unter Umständen die gleichen Gefühle und Bedürfnisse wie religiöse Menschen. Deshalb sei es wichtig, dass sie einen Ort hätten, wohin sie gehen könnten. Laut der Zeitung soll der Tempel umgerechnet rund eine Million Euro kosten. Der Betrag würde zur Hälfte von anonymen Spendern kommen. RV120128kipa Dem widerspricht Richard Dawkins vehement: “Atheisten brauchen keine Tempel. Dieses Geld kann man für sinnvoller Dinge ausgeben. Wer in den Atheismus investieren will, kann die säkulare Bildung fördern und Schulen unterstützen, die rationales und skeptisches, kritisches Denken lehren.”
Eine Stiftung im Hunsrück vermarktet den Unglauben
Michael Schmidt-Salomon Die Agenda des Neuen Atheismus
Deutschland soll feiern, dass es vom Affen abstammt. Ein „Evolutionsfeiertag" solle Christi Himmelfahrt er- setzen, fordert die Giordano-Bruno-Stiftung anlässlich des Darwin-Jahres 2009. Der Staat, fordert die Stiftung, müsse die Konfessionslosen, deren Zahl die der Katholiken oder Protestanten in Deutschland übersteige, bei den Feiertagen gleichberechtigt berücksichtigen. Christi Himmelfahrt per Gesetz durch den Evolutionsfeiertag zu ersetzen sei ein - wohlgemerkt: erster - Schritt in diese Richtung. Die organisierte Konfessionslosigkeit zieht es in den öffentlichen Raum. Zunächst konnte man noch den Ein- druck gewinnen, beim „Neuen Atheismus" handele sich um ein publizistisches Phänomen, angestoßen durch seinen prominentesten Autor, den Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Der hatte 2005 den Bestseller „Gottes- wahn" geschrieben, der in 31 Sprachen übersetzt worden ist und dem Verfasser ein Vermögen einbrachte. Parallel zum publizistischen Erfolg etabliert sich indes seit etwa fünf Jahren vor allem in Deutschland ein organisierter Atheismus neuen Zuschnitts: Er besteht aus einem Geflecht voneinander abhängiger Organisa- tionen und tritt mit dem Anspruch auf mindestens 25 Millionen Deutsche zu vertreten. Im Zentrum der Akti- vitäten steht die Giordano-Bruno-Stiftung mit Sitz in Mastershausen im Hunsrück, deren Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon ist. Schmidt-Salomon, der sich gerne als Philosoph bezeichnet, hat lange genug auch Medienwissenschaften studiert, um zu verinnerlichen, dass der Markt der Weltanschauungen kein Ober- seminar ist. Das Feld beherrscht, wer die Begriffe bestimmt - und auf die legt Schmidt-Salomon großen Wert: „Neuer Atheismus" etwa hört er nicht gern, er selbst spricht von der Bewegung des „Neuen Humanismus". Man vertrete auch nicht Konfessionslose, sondern „Konfessionsfreie". Möglichst viele Menschen sollen einge- meindet werden in die naturalistische Weltanschauung, und frei in seiner Konfession, wird suggeriert, sei vorrangig derjenige, der keine hat. 2009 ist es allem voran die Evolution, die es den Neu-Atheisten angetan hat. Charles Darwin ist am 12. Februar 1809 geboren - und ihn zählt man wie selbstverständlich zur eigenen Bewegung. Darwin durfte - ein naturalistisches Wunder - auch selbst an seinem 200. Geburtstag teilnehmen, den die Giordano-Bruno-Stiftung für ihn ausrichtete. Dass er beim Geburtstags-Event in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt nicht aus der mannshohen Plastik-Torte auf der Bühne hervorsprang, blieb die eigentliche Überraschung der Veran- staltung. Man beließ es dabei, einen Schauspieler in der Rolle des bärtigen Darwin eine Rede halten zu lassen. Zum äußerlichen gesellt sich der inhaltliche Darwin-Klamauk: Vor der Einspielung des Musikvideos zum Darwin- Song „Children of the Evolution" wird der „Darwin-Code" vorgestellt. Die Autoren des Buches deklinieren die Evolutionstheorie bis in die Grundfragen der Lebensführung herab: Was dürfen wir nicht mehr glauben? Was sollen wir essen? Wie können wir es treiben? - es soll eine fröhliche Wissenschaft sein. Der Evolutionstheorie einen Zug ins Frivole zu geben ist Teil des Programms. Denn die diesseitige Verheißung des Neuheidentums lautet: schrankenloses Glück durch Hedonismus. Den Augen der Zuschauer soll sich das erschließen, indem die Autoren des „Darwin-Codes" wiederholt Bilder an die Wand werfen, die erst Gorillas und unmittelbar danach Bilder von unbekleideten Afrikanern zeigen, die, zum Teil mit Speeren bewaffnet, um die Gunst barbusiger Afrikanerinnen wetteifern. Der ikonographische Rassismus erhärtet den Verdacht, dass es sich beim „Evolutio- nären Humanismus" doch um einen Widerspruch in sich handeln könnte. Die neuen Atheisten kennen diesen Einwand. Mit geradezu exegetischer Akribie versuchen sie deshalb den Beweis zu führen, dass Darwin von den Sozialdarwinisten, die das Motiv des Überlebenskampfs auf das menschliche Zusammenleben übertrugen, missverstanden worden sei. Das böse Wort vom „Kampf" in der Evolution solle durch Wettbewerb ersetzt werden, fordert einer der Redner. Ein Blick in den ausverkauften Saal der Nationalbibliothek nährt die Vermutung, dass die Kombination von Humanismusrhetorik und lebensweltlicher Orientierung, in die der Neue Atheismus verpackt ist, hier vor allem die neue Verpackung für den „alten" Atheismus ist. Die Gratulanten Darwins kommen in ihrer Mehrzahl aus dem Milieu des organisierten westdeutschen Atheismus: altlinke Freidenker, Geistesfreie, Anhänger der Huma- nistischen Union (HU). Die ehemalige HU-Funktionärin, SPD-Politikerin und KfW-Vorsitzende Ingrid Matthäus- Maier zum Beispiel trägt ein Teil der Kosten des Abends. Die Interessen dieser „alten" Atheisten werden quer durch den Abend bedient: Kein Vortrag, kein Einspieler über die Evolutionstheorie, der nicht auch eine anti- klerikale Pointe fände. Vor dem Saal werden „Evolutionalien" feilgeboten: ein T-Shirt mit Marx, eines mit Darwin oder ein Foto, das Hitler und den Papst zeigt. Die Verehrung der Evolution durch organisierte Atheisten verwundert, denn im 20. Jahrhundert zeigte diese gegenüber dem organisierten Atheismus wenig Erbarmen: Die Zahl der Konfessionslosen in Deutschland mag - vor allem durch die Religionspolitik der SED in Ostdeutschland und die allgemeine Organisationssprödigkeit der Bürger - zugenommen haben, aber keine Weltanschauungsgemeinschaft hat so große Verluste wie der organisierte Atheismus zu verzeichnen. Um 1900 zählten etwa die Deutschen Freidenker mehrere hundert- tausend Mitglieder, ein Jahrhundert später sind es kaum mehr 3.000. Fragt man Schmidt-Salomon, wie viele or- ganisierte „Humanisten" es denn insgesamt, alle Organisationen zusammengenommen, in Deutschland gebe, sagt er: 100.000. Später heißt es, es seien etwa 50.000 Personen. Weil bekannt ist, dass viele organisierte Bekenntnislose Mehrfachmitgliedschaften unterhalten, unterbietet Schmidt-Salomon zuletzt auch diese An- gabe: „Vielleicht sind es auch nur 20.000", sagt er dann. Was also ist neu am „Neuen Atheismus"? Vor allem: das Geld, das aus Mastershausen im Hunsrück fließt. Dort wohnt ein bodenständiger Mann, den der Zorn ergreift, sobald das Gespräch auf das Thema Religion kommt: Herbert Steffen sieht sich geschädigt durch den vorkonziliaren Provinz-Katholizismus der Nachkriegszeit. Kaum ein Übel in dieser Welt, das der 72 Jahre alte Mann nicht der Religion im Allgemeinen und der katholischen Kirche im Besonderen anlasten wollte. Von deren unheilstiftendem Charakter ist Steffen derart überzeugt, dass er mit dem Geld, das er mit dem Verkauf seiner Firma „Steffen-Möbel" erlöste, eine religionskritische Stiftung einrichtete und auf seinem Anwesen über den Niederungen des Hunsrücks Räume für eine Stiftungs-„Akademie" einrichten ließ. Das Kapital der Stiftung, dessen Höhe „top secret" sei, hat Herbert Steffen - die Ideen, wie man das Geld ausgibt, kommen von Michael Schmidt-Salomon. Halblanges Haar, Zwölftagebart und Ohrring zeugen von bewegter Vergangenheit in der linken Szene. Als er Steffen im Jahr 2003 kennenlernte, überzeugte Schmidt- Salomon ihn zunächst, als Namenspatron für die zu gründende Stiftung Giordano Bruno zu wählen. Der als Ketzer verbrannte Renaissance-Philosoph ist zwar weltanschaulich ebenso schwer einzuordnen wie der bun- desdeutsche Otto Normalagnostiker - passt damit aber genau zur Eingemeindungsstrategie des Neuen Atheismus. Ohne Schmidt-Salomon darbte Steffens Stiftung heute wohl unter dem Namen „Karl-Heinz-Deschner- Stiftung" vor sich hin und würde den altbackenen Feindbildern des von Steffen verehrten und finanzierten Kirchenkritikers anhängen, der mittlerweile im zehnten Band seiner „Kriminalgeschichte des Christentums" über die Geschichte zu Gericht sitzt. Ohne den Unternehmer Steffen wiederum hielte sich Schmidt-Salomon bis heute von Lehrauftrag zu Lehrauftrag „über Wasser", wie er selbst sagt. Erst mit Steffens Unterstützung konnte er seinen Unglauben zum Beruf machen und Spindoktor des Neuen Atheismus werden. Über seine Erfolge in dieser Funktion redet Schmidt-Salomon gern und ausführlich. Am liebsten über die- jenigen Mitglieder des Stiftungsbeirats, die im Fernsehen auftreten, in Feuilletons schreiben und der Bruno- Stiftung über den Hintereingang den Zugang in die Feuilletons ermöglichen. Der Hirnforscher Wolf Singer gehört zu ihnen, der Anthropologe Volker Sommer sowie die Evolutionsbiologen Frank Wuketits und Ulrich Kutschera - die Liste ließe sich fortsetzen. Im Unterschied zu den organisierten Konfessionslosen anderer Verbände hat der Neue Atheismus der Bruno- Stiftung gelernt, seine Inhalte so zu konfigurieren, dass deren weltanschauliche Absicht nicht unmittelbar ein- sichtig ist. Mit dieser Strategie konnte die Bruno-Stiftung über ihre Beiratsmitglieder zuletzt auf prägende Debatten über das menschliche Selbstverständnis Einfluss nehmen: Das gilt für den Streit über Willensfreiheit und Strafrecht, für die Debatte, ob Altruismus nicht „bloß" verkappter Egoismus sei, und für die Diskussion über die weltanschaulichen Konsequenzen der Evolutionstheorie in diesem Jahr. Gewandtheit im Erwecken öffentlicher Aufmerksamkeit, beweist die Giordano-Bruno-Stiftung auch bei Kampagnen, die eher politischer als akademischer Natur sind. Dabei macht sich die Stiftung zunutze, dass das religiöse Feld trotz der These von der Privatisierung der Religion symbolisch vermintes Gebiet ist. Wer sich ungeschickt anstellt, kann, wie jüngste Vorgänge belegen, PR-Desaster ungeahnten Ausmaßes erleben - oder anders gewendet: Mit vergleichsweise geringem materiellen Aufwand lässt sich große Aufmerksamkeit er- zielen. Den neuen Atheisten kommt dabei zugute, dass ihnen - den Kämpfern gegen gewaltschürende und repressive Religion - aggressives und kulturkämpferisches Verhalten zugestanden wird, das religiösen Akteuren als Fundamentalismus ausgelegt würde. Vor zwei Jahren etwa - auf dem Höhepunkt des Interesses an den Abgründen der Integration - stellte sich der „Zentralrat der Ex-Muslime" vor und wurde sogleich durch Deutschlands Zeitungen, Radiosender und Talk- shows gezogen. „Zentralrat", „kritische Islamkonferenz", „Anti-Islamisierungs-Kongress" - begrifflich lehnte man sich derart eng an das offiziöse Integrationsdeutsch an, dass man meinen konnte, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hätte die Ex-Muslime an den Tisch gebeten. Als der „Zentralrat" an die Öffentlichkeit ging, verfügte er schon über eine professionelle Homepage, ein eigenes Logo und ein plakatives Motiv, das unter der Überschrift „Wir haben abgeschworen" an das einstige Titelbild der Zeitschrift „Stern" „Wir haben abge- trieben“ aus dem Jahr 1971 erinnern sollte. Zu den wenigen Veranstaltungen der Ex-Muslime lud man alt- bekannte, sogenannte kritische Intellektuelle wie Ralph Giordano und Günter Wallraff ein. Dass man die beiden ebenso gut auch als Intellektuelle auf der Suche nach einem Thema bezeichnen kann, fiel bei der Berichterstattung ebenso unter den Tisch wie der Umstand, dass es sich bei den „Ex-Muslimen" um durchweg unbekannte Personen handelte und der „Zentralrat" organisatorisch zu keinem Zeitpunkt auf eigenen Beinen stand. Weitgehend unerkannt blieb auch, dass sowohl das Geld als auch die Ideen für die Ex-Muslime aus Mastershausen im Hunsrück kamen. Den Einfall, Werbeflächen auf Bussen des öffentlichen Nahverkehrs für religionskritische Slogans zu mieten, übernimmt man aus London. Auch in anderen Städten, darunter Barcelona, Genua und Washington, ist dieses Vorhaben in der Planungsphase oder schon umgesetzt. In Deutschland wirbt jetzt eine Internetseite um Spenden für eine ähnliche Kampagne in Berlin, Köln und München. Nach Angaben eines Organisators wird das Vorhaben ausschließlich über kleine Einzelspenden finanziert. Verantwortlich für die Homepage ist Carsten Frerk, einer der Kuratoren der Bruno-Stiftung, und auch die angegebene Bankverbindung verweist auf die Bruno-Stiftung. Für die traditionellen Verbände der Konfessionslosen-Szene, also Freidenker, Bund für Geistesfreiheit, Humanistische Union und den Humanistischen Verband, ist der Erfolg der Giordano-Bruno-Stiftung Segen und Fluch zugleich: Sie profitieren zwar von der Aufmerksamkeit, die die Giordano-Bruno-Stiftung der Religionskritik verschafft. Dass sich knapp ein Dutzend Verbände Ende 2008 zum „Koordinierungsrat säkularer Organi- sationen" (Korso) zusammengeschlossen haben, ist aber auch Ausdruck des Versuches, die Giordano-Bruno- Stiftung um ihren quirligen Vorstandsprecher Schmidt-Salomon einzuhegen und die öffentliche Aufmerksamkeit zu gleichen Teilen unter allen Verbänden aufzuteilen. Abzuwarten bleibt, ob es dem „Koordinierungsrat" gelingt, gemeinsam die immer wieder angekündigte „positive Alternative" zur Religion auch einmal auszuformulieren. Die Auffassungen der einst SED-gestützten Freidenker etwa, die schon die Freilassung Slobodan Milosevics forderten und Egon Krenz in einem Telegramm zur Haftentlassung gratulierten, teilt kaum jemand im Koordinierungsrat. An einen Tisch setzt man sich den- noch ohne Bedenken. Auch gegenüber der Bruno-Stiftung gibt es Vorbehalte: Horst Groschopp, der Bundes- vorsitzende des Humanistischen Verbandes hält das Projekt eines „evolutionären Humanismus" für welt- anschaulich verbrannt. Groschopp verweist auf den Einfluss des „deutschen Darwin", Ernst Haeckel. Der war Ikone des nach 1900 einflussreichen Monistenbundes und zugleich einer der wichtigen Wegbereiter der Rassenhygiene und des Gedankens vom „lebensunwerten Leben". FAZReinhardBingener090323
Die Aktivitäten der Giordano-Bruno-Stiftung - Die Bruno-Stiftung zeichnet verantwortlich für die „Religionsfreie Zone", die als Gegenveranstaltung zum Weltjugendtag 2005 mit der Aussage auftrat, Jesus habe ein „jenseitiges Auschwitz mit Engeln als Selektio- nären an der himmlischen Rampe" versprochen. - Der Vorstandssprecher der Bruno-Stiftung, Schmidt-Salomon, veröffentlichte ein illustriertes Kinderbuch, welches das Bundesfamilienministerium auch wegen angeblichen Antisemitismus ohne Erfolg auf die Liste jugendgefährdender Medien setzen lassen wollte. - Die Bruno-Stiftung finanziert die sogenannte Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (Fowid), deren Daten den Vertretungsanspruch der Stiftung untermauern sollen. - Die Stiftung finanziert maßgeblich den Humanistischen Pressedienst (hpd). - Dem Beirat der Stiftung gehört Kinderbuchzeichner Janosch an. Dessen Karikatur in der Zeitschrift „Spiegel", auf der ein Priester einem Kind ein Kreuz in den Bauch rammt und gegen die der damalige bayerische Ministerpräsident Stoiber protestierte, ist laut Aussage ihres Vorstandssprechers durch die Stiftung an den „Spiegel" vermittelt worden. - Die Stiftung unterstützt die Internetinitiative Buskampagne.de, deren Ziel es ist, Werbeflächen auf Bussen für atheistische Botschaften zu mieten. - Die Stiftung finanzierte maßgeblich das Denkmal Giordano Brunos am Potsdamer Platz in Berlin. - Wolfram Kastner, Beirat der Stiftung, zog 2006 als Papst verkleidet gemeinsam mit einem Hitler- Darsteller vor dem Papst-Besuch durch die Münchener Innenstadt. - Dem Beirat der Stiftung gehören unter anderen auch die Bundesvorsitzende von pro familia, Gisela Notz, und der Hirnforscher Wolf Singer an. FAZ090323bin
Der emeritierte Rechts- und Sozialphilosoph Norbert Hoerster
tritt aus dem Beirat der antireligiösen Giordano-Bruno-Stiftung aus. In einem Aufsatz für die „Frankfurter Allgemeine“ begründet der 74-Jährige seinen Schritt mit dem aus seiner Sicht seltsamen Aufklärungsbegriff der Stiftung. Auch der von der Stiftung unterstützte Neue Atheismus des Biologen Richard Dawkins überzeuge ihn nicht: „Ich sehe nicht, wieso ausgerechnet die Evolutionstheorie den Gottesglauben widerlegen, ja ersetzen kann“, so Hoerster wörtlich. Er kritisiert auch Äußerungen der Stiftung gegen Papst Benedikt. Die Behauptung, dass der Papst „Abermillionen von Menschen weltweit zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit Todesfolge anstiftet“, sei „geradezu abwegig“. RV111126FAZ
Mit den Affen gegen den Papst. Die Produkte dieser Denkfabrik sind schlechte Reklame: Warum ich aus der Giordano-Bruno- Stiftung austrete. Von Norbert Hoerster - in der FAZ111126
Die Giordano-Bruno-Stiftung, die sich einem „evolutionären Humanismus" verpflichtet fühlt und sich als „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung" bezeichnet, weist gern darauf hin, neben einer Reihe von Künstlern (wie dem Comiczeichner Ralf König) auch eine Reihe von Philosophen (wie den Popperianer Hans Albert) in ihrem Beirat zu haben. Gleichwohl bin ich als pensionierter Philosophieprofessor aus der Stiftung und ihrem Beirat ausgetreten; denn mit einem Verständnis von „Aufklärung", wie es der Vorstand der Stiftung und insbesondere sein Sprecher Michael Schmidt-Salomon zunehmend zu erkennen gibt, kann ich mich nicht identifizieren. Da sind zum ersten die „Kampagnen, die für Aufsehen sorgen", um neue Mitglieder zu werben. Ich denke etwa an die, so die Stiftung, „große Demonstration gegen die menschenfeindliche Politik des Papstes" kürzlich in Berlin. Man braucht kein Verehrer des Papstes zu sein, um es kritikwürdig zu finden, wenn Schmidt-Salomon als Stiftungssprecher den Menschen zuruft, dieser Papst gehöre „vor ein Internationales Gericht" und habe einen „verheerenden Einfluss auf die Weltpolitik". Auch die Behauptung, der Vatikan sei einer der „Schurken- staaten", wäre wohl begründungsbedürftig. Und die Darstellung der Kirche durch eine als Puppe auftretende, prügelnde Nonne entspricht jedenfalls nicht meinem ästhetischen Empfinden. Dies gilt im übrigen auch für Titel und Inhalt des von der Stiftung propagierten Buches „Heilige Scheiße". Als geradezu abwegig aber muss es erscheinen, wenn die Stiftung den folgenden Satz ins Internet stellt: Der Papst sei „ein Mann, der Abermillionen von Menschen weltweit zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit Todesfolge anstiftet“. Gibt es dafür einen Beleg? Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es bekanntlich: „Der Geschlechtsakt darf ausschließlich in der Ehe stattfinden"; und dies ist auch die Position des Papstes. Ich wüsste nicht, zu welchen Abermillionen Todesfolgen der eheliche Geschlechtsverkehr ohne Verhütungsmittel bislang geführt hat. Zum zweiten finde ich den „Neuen Atheismus", den die Stiftung in Anlehnung an den von ihr mit einem Preis geehrten Biologen Richard Dawkins vertritt, wenig überzeugend. Wieso widerlegt die Darwinsche Evolutions- theorie, ihre Richtigkeit vorausgesetzt, den Gottesglauben? Was diese Theorie widerlegt, ist doch lediglich der biblische Schöpfungsbericht - sofern wörtlich verstanden. Ich sehe nicht, wieso ausgerechnet die Evolutions- theorie den Gottesglauben widerlegen, ja ersetzen kann. Gibt es etwa eine Letzterklärung für die Existenz des Universums? Worauf gehen die Evolutionsgesetze denn ihrerseits zurück? Könnten sie ihrerseits nicht an ein intelligentes Ordnungsprinzip der Welt gebunden oder gar das Ergebnis eines bewussten Schöpfungs- aktes sein? Wieso ist die Welt denn so programmiert, dass das Leben ausgerechnet den Evolutionsgesetzen folgt? Ist es nicht sehr vordergründig, überhaupt von einer Einzelwissenschaft eine Letzterklärung allen Lebens zu erwarten? Ich halte etwa David Humes kritische Analyse der Argumente für die Existenz Gottes (in den „Dialogen über natürliche Religion") auch nach mehr als zweihundert Jahren noch für ungleich tiefgehender und aufgeklärter als den gesamten „Neuen Atheismus". Zum einen zeigt Hume mit großer Klarheit die kaum lösbaren Heraus- forderungen auf, denen der Theist durch das Problem des Übels, das sogenannte Theodizeeproblem, aus- gesetzt ist. Dawkins widmet dem Problem in seinem mehr als 550 Seiten langen Buch „Der Gotteswahn" dagegen weniger als eine halbe Seite. Für ihn erübrigt sich jede Frage nach der moralischen Vollkommenheit oder Allgüte Gottes, da die Annahme jedes göttlichen Wesens für ihn von vornherein als widerlegt gilt. Zum anderen aber hält Hume die Existenz eines fundamentalen geistigen und somit göttlichen Ordnungs- prinzips der Welt (das allerdings moralisch indifferent ist) durchaus nicht für ausgeschlossen. Der Hume- Verehrer Albert Einstein sagte einmal, er glaube zwar an einen Gott, der „sich in d er planmäßigen Harmonie dessen, was ist, offenbart", nicht aber an einen Gott, der „sich um die Schicksale und Handlungen der Menschen kümmert". Die Evolutionstheorie mag für den Gottesglauben zwar nicht ohne jede Relevanz sein. Ein sich als Philosoph ausgebender Denker wie Schmidt-Salomon, von der Presse als „Deutschland-Chef- Atheist" bezeichnet, sollte jedoch im Sinne der Aufklärung die Religionsphilosophie etwas gründlicher in Angriff nehmen. Entsprechendes gilt für die Ethik. Ich kann nicht nachvollziehen, wenn Schmidt-Salomon und einige dem Stiftungsbeirat angehörende Evolutionswissenschaftler ihre Ausführungen zur Ethik auf nichts anderes stützen als auf seitenlange Berichte über das Verhalten der verschiedenen Tierarten. Ich sehe zum Beispiel nicht, wieso Forschungen über das Phänomen der Homosexualität im Tierreich die geringste Relevanz für die Frage haben, ob der Staat ein solches Verhalten unter Menschen verbieten darf. Und ich glaube nicht, dass ein nur halbwegs vernünftiger Mensch etwa seine Einstellung zum Ehebruch in irgendeiner Weise davon abhängig machen wird, wie häufig das entsprechende Verhalten unter den verschiedenen Affenarten vorkommt. Apropos Affen: Ich finde es abwegig, sich vehement dafür einzusetzen, dass den sogenannten Menschen- affen die typischen Menschen- oder Grundrechte vom Staat zugesprochen werden. Die Affen benötigen nicht nur kein Recht etwa auf Religionsfreiheit. Sie benötigen auch nicht das den Menschen zustehende, spezielle Lebensrecht. Das heißt nicht, dass es vertretbar wäre, Affen nach Belieben zu töten. Schon unser Tierschutzgesetz ver- bietet es unter Strafe, ein Wirbeltier zu töten „ohne vernünftigen Grund". Aber Affen und andere Wirbeltiere haben nun einmal nicht das typisch menschliche, in die Zukunft gerichtete Überlebensinteresse. Für Schmidt-Salomon und Co. ist der Mensch jedoch nichts anderes als „der nächste Verwandte der Schimpansen". Ja, Schimpanse und Mensch stehen einander, wie ausdrücklich gesagt wird, sogar näher als Schimpanse und Gorilla! Was ist es dann aber, das den Menschen gleichwohl „im Vergleich mit allen anderen Tieren", also auch mit den Affen, „biologisch besonders auszeichnet"? Die Antwort ist einfach: „Der Mensch", so Schmidt-Salomon, „ist der Affe, der am allerbesten nachäffen kann! Das ist unsere große Stärke." Ja, unsere Fähigkeit zum „Nachäffen" ist die „Grundvoraussetzung aller menschlichen Kulturleistungen". Ich muss sagen: Wenn ich etwa in Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft" lese oder - die Musik des zweiten Aktes von Richard Wagners „Tristan und Isolde" höre, kann ich dies schwer verstehen. Es gibt natürlich viele Konzepte von „Aufklärung" und „Philosophie". Mit dem Konzept der Giordano-Bruno- Stiftung und ihres Vordenkers kann ich mich jedenfalls nicht identifizieren. Norbert Hoerster ist pensionierter Professor für Rechts- und Sozialphilosophie der Universität Mainz.

Renate Künast, Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hält in diesem Jahr die Fest- rede bei der ,Jugendfeier" des Humanistischen Verbands Deutschlands (HVD). Wie der HVD in Berlin mitteilte, haben sich diesmal rund 2.000 Jugendliche zu der Veranstaltung im Friedrichstadtpalast angemeldet. Nach HVD-Angaben haben in den vergangenen 20 Jahren, in denen der Verband seine „Jugendfeier" in der Tradition der Jugendweihe" der DDR im Friedrichstadtpalast begeht, 50.000 Jugendliche dieses Angebot genutzt, um „den Übergang ins Erwachsenenleben bewusst zu gestalten". DT110430

Gelungene Provokation: Matthias Matussek greift den Atheismus an und erläutert sein „katholisches Abenteuer“
„Ich bin kein Vorzeige-Katholik, aber dennoch bin ich seit Neuestem so leidenschaftlich katholisch, wie ich vor vierzig Jahren Marxist war. Warum? Weil mein Verein angegriffen wird." Der „Spiegel"-Autor Matthias Matussek hat ein persönliches Bekenntnis vorgelegt, eines, das verstört, aufrüttelt, abstößt, aufweckt. Matussek nimmt den antikatholischen Affekt aufs Korn, der sich nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kirche eingenistet hat. Da Angriff häufig als beste Verteidigung gilt, so findet man auch in diesem Buch Angriffe, heftige Angriffe: gegen Atheisten, Feuilletonisten, Karrieristen, Islamisten. Nicht selten dienen diese „Glaubensschlachten" dazu, die anderen zu diskreditieren, den Spieß lediglich umzudrehen. Aber das ist nicht die Hauptstrategie, die Matussek mit seinem Buch verfolgt. Matussek provoziert, indem er sich gerade nicht damit begnügt, gegen die Angriffe mit einem Gegenangriff zu antworten. Seine Apologie verfährt eher nach dem Motto „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!". Und warum das so ist, davon erzählt er in diesem Buch. Das Buch gibt nicht nur Einblicke in das Leben eines Katholiken. Es gibt auch Aufschluss über das, was „katholisch" heißt. Matussek erzählt von seiner religiösen Sozialisation, beginnend im westfälischen Münster. Er beschreibt, mit welcher Selbstverständlichkeit er katholisch wurde, wie das Katholische bis in das Spiel der Kinder hineinwirkte. Gerade in der vorkonziliaren Messe erfuhr der Ministrant die Aura des Geheimnisvollen. Als junger Erwachsener wurde er der Kirche immer mehr entfremdet. Erst später knüpfte er hier wieder an und fand schließlich das wieder, was er doch nie verloren hatte. Wer nun meint, in diesem Bekenntnis zur katholischen Kirche gehe es nur um biografische Erinnerungen des Autors, der wird eines Besseren belehrt. Katholischsein heißt nie nur von sich, sondern immer auch von den anderen, von Gott und der Welt zu er- zählen. Einfühlsam berichtet er von einem Geistlichen, „Reverend Youngblood", der, durch seinen Glauben angetrieben, in East New York, „dem Stadtteil mit der höchsten Mordrate", einen Kampf für die Jugendlichen gegen die Drogenmafia führt. Immer wieder auch mit Scheitern konfrontiert, zeigt dieser Reverend, dass der Glaube es nicht erlaubt aufzugeben. Diese Gefühle, die der Glaube freizusetzen vermag, beschreibt Matussek auch anhand einer Marien- prozession in den Anden. Der Glaube unterdrückt nicht den Seufzer der bedrohten Kreatur, er hilft, die Span- nung auszuhalten zwischen Trauer .und Freude, Verzweiflung und Jubel. Matussek: „Eines habe ich immer gespürt: wie wesentlich der Katholizismus für die Entrechteten war." Matussek weiß, wovon er redet. Die Geschichten, die er erzählt, hat er während seiner Zeit als Auslandskorrespondent aufgezeichnet: „... ich habe mir die Geschichten angehört, von katholischen Priestern, die mehr Mut zeigten als all die hirnlosen Wohl- standsatheisten in unseren Breiten, die ständig die Legende nachplappern, dass die Kirche grundsätzlich aufseiten der Unterdrücker zu suchen sei." Gegen die Atheisten in unserer Gesellschaft schreibt Matussek immer wieder an. Diese gerieren sich in der Öffentlichkeit gerne als Kritiker, dabei gehören sie zum Bollwerk des Establishments. Wer heute kritisch sein will, der ruft nicht mehr „Gott ist tot". Im Gegenteil! Der kritische Ausruf lautet heute: „Gott ist nicht tot." Darüber findet sich in dem Buch ein sehr inspirierendes Gespräch mit dem Philosophen Rüdiger Safranski, der sagt: „Heute ist der Atheismus eng geworden, dogmatisch, phantasielos." In der Mitte des Buches erläutert Matussek, wie er sich die Kirche wünscht. Kirche muss anders, sie muss fremd sein. Das Wort Gottes darf nicht ins Geschmäcklerische verformt, seiner Kraft beraubt werden, die gerade in dieser Fremdheit liegt. Es gelingt Matussek, das sonntägliche Ergriffensein in einer Sprache wiederzugeben, die auch dem religiös Unmusikalischen eine Ahnung zuteilwerden lässt, was es bedeutet, die Messe zu feiern. Gerade diese Passagen gehören zu den besten des Buches. Die Ehrlichkeit, mit der der Autor hier erzählt, wird kein Kritiker in Abrede stellen können. Etwa, wenn er das „Agnus Dei" beschreibt und mit der Hoffnung endet: „Ich glaube daran, dass das selbst für meine wundgescheuerte und unruhige Seele gilt, nur ein Wort, und dann heil, was für ein Versprechen, was für eine Hoffnung für einen verwehten, nervösen, oft schwermütigen Großstadtneurotiker wie mich." Nicht immer fair ist sein Umgang mit den Modernisierern in der katholischen Kirche. Dass der Autor für deren Anliegen gar kein Verständnis aufbringt, liegt vielleicht darin begründet, dass er lange Zeit nicht mehr aktiv katholisch war und für die Sorgen und Ängste der Katholiken, die sich diese Auszeit nicht gegönnt haben, nun keinerlei Verständnis mehr aufbringt. Matussek fehlen die Jahre der produktiven Aneignung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als vor das Konzil zurückzukehren, zu seinem Kindheitsglauben. Mit einer solchen Halbierung kann sich aber die katholische Kirche nicht zufriedengeben. Gelingt es Matussek an anderer Stelle, die Polyphonie des Glaubens darzustellen, so engt er hier die Weite des Katholischen ein. Vieles in diesem Buch ist spaltend, auch unnötig. Aber Matussek will unbedingt provozieren. Um sicher- zugehen, dass das auch funktioniert, bemüht er sogar Thilo Sarrazins Invektiven gegen den Islam. Einiges in dem Buch ist auch falsch: seine Aussagen zur Allversöhnung, zum religiösen Terror und nicht zuletzt seine Ausgangsperspektive. Das katholische Abenteuer beginnt für ihn mit der Sündenmoral der katholischen Kirche. Diese besitzt in der Tat viel Befreiendes und Orientierendes. Dennoch: Der erste Blick Jesu galt nicht den Sündern, sondern den Leidenden. Das Buch ist ein mutiges, streckenweise anrührendes Bekenntnis. HAZ1106JürgenManemann Matthias Matussek: „Das katholische Abenteuer. Eine Provokation". Deutsche Verlagsanstalt/Spiegel Buchverlag. 368 Seiten, 19,90 Euro. Unser Autor Jürgen Manemann ist Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover.
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